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Ungelesener BeitragVerfasst: 13. Juli 2006 16:19 
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Kapitel 17: Fieber

Als ich aufwache, ist es dämmrig im Zimmer, und ich weiß nicht einmal, wo ich genau … Ach, nein, Hogwarts ist es leider nicht, denn der Bücherstapel auf dem Nachttisch fehlt.
Mir tut jeder Knochen im Leib weh, und ich habe heftigen Durst. Ich taste nach dem Zauberstab, finde ihn und beschwöre etwas zu Trinken …
Nein, ich beschwöre gar nichts. Aus dem Zauberstab, der auch nicht meiner ist, sprühen nicht mal Funken.
Auf dem Tisch steht eine dampfende Kanne mit Tee und daneben ein Becher mit einem Trinkhalm darin, wie ich endlich verschwommen erkenne. Ein Schwebezauber vielleicht? Nein. Der Zauberstab muss kaputt sein.
Ich denke, ich sollte nach der Elfe rufen – wobei sich das nächste Problem auftut: Ich kann nur noch heiser flüstern. Insgesamt scheinen mir dies die Symptome einer besonders schweren Grippe zu sein, obwohl ich mir nicht sicher bin, ich war nämlich noch nie im Leben richtig krank. Verflixt, wie kriege ich jetzt was zu trinken!
Ich schiebe die Füße unter der Bettdecke hervor und runzle die Stirn: Ich bin mir recht sicher, dass ich noch angekleidet war, als ich mich hinlegte. Warum also habe ich nichts an außer einem Nachthemd, und … wer hat mich umgezogen?!
Mit einem Ruck setze ich mich auf, das Zimmer beginnt auf der Stelle um mich herum zu rotieren …

Diesmal ist es sehr hell, die Sonne scheint herein. Hogwarts? Nein, das hatten wir schon. Ich habe noch immer Durst, und jemand schiebt einen Strohhalm zwischen meine Lippen. Ich trinke gierig, bis nichts mehr da ist, und falle wieder in tiefen, tiefen Schlaf.

Beim … - ich habe das Zählen vergessen – Mal scheint mein Kopf ein wenig klarer als sonst. Eine Gestalt sitzt auf einem Schemel neben meinem Bett, hat die Arme auf meiner Bettdecke verschränkt und schläft mit dem Kopf darauf. Es ist eine Elfe.
Ich fahre erschrocken zusammen, und die Elfe wacht auf.
„Was tust du hier?“, krächze ich mit rauem Hals. „Ich habe dich nicht gerufen! Mach, dass du hier raus kommst!“ Das fehlte noch, dass ich ein Haustier in meinem Bett schlafen lasse.
Die Elfe ist anscheinend taub, jedenfalls ignoriert sie meinen Befehl. Anstatt zu verschwinden reicht sie mir wortlos einen weiteren Becher. Ich funkle sie wütend an, aber sie hat recht: Ich bin heiß und ausgedörrt wie die Wüste Gobi. Wieso trage ich eigentlich dieses Nachthemd –es war doch bereits aussortiert! Hatte ich nicht normale Kleidung an, als …

Vor dem Fenster rauscht das Laub der Bäume, und ein golden gefärbtes Blatt segelt anmutig herein. Eine Elfe läuft durchs Zimmer, sammelt es auf und steckt es unter das fürchterliche Küchenhandtuch, das diese Geschöpfe um den Bauch zu tragen pflegen. Ich bin schlapp und dämmrig, und obwohl ich glaube, dass ich mir um irgend etwas sorgen machen müsste, kann ich nicht genug Kraft aufbringen, mich zu erinnern. He, was für ein seltsamer Zauberstab! Und wo ist meiner? Ich habe ihn immer in Griffweite, also …

Ich fahre hoch aus einem meiner Alpträume, und jemand außerhalb meines Gesichtsfeldes legt mir die Hand zwischen die Schulterblätter, um mich zu beruhigen.
Mutter? Nein, ich bin ja kein Kind mehr.
Albus Dumbledore ist einer wenigen Menschen, denen es gelungen ist, mein Distanzbedürfnis zu überwinden, ohne aufdringlich zu sein. Manchmal, wenn er bemerkt, dass es mir schlecht geht, stellt er sich einfach neben mich ans Fenster, und wir beide betrachteten eine Weile schweigend die Wolken oder den Sternenhimmel. Irgendwann legt er ganz kurz und wie beiläufig seine Hand zwischen meine Schulterblätter, und mir ist, als ströme neue Kraft und Zuversicht durch mich hindurch und stärke mir den Rücken. Albus? Ich …
Albus ist tot, und die Hand stammt von meiner Hauselfe. Ich falle von neuem zurück in den Alptraum.

Draußen vor dem Fenster funkeln Sterne, und die Elfe sitzt im Schein einer Kerze schon wieder oder noch immer an meinem Bett. Sie hat dunkle Ringe unter den Augen und greift sofort nach einem Becher, als ich blinzle. Nein, diesmal bin ich nicht durstig, und auch die Hitze und der Schüttelfrost sind verschwunden.
Als ich an mir herabblicke bemerke ich entsetzt, dass ich tatsächlich rosa Rüschen an den Ärmeln und am Halsausschnitt des Nachthemds trage!
Der Elfe ist meine Reaktion nicht verborgen geblieben.
„Tut mir leid, Sir, aber ihr habt die Nachtwäsche schneller durchgeschwitzt als wir Hauselfen sie waschen und bügeln konnten. Ihr tragt gerade ein Nachthemd von …“
„Sprich jetzt bloß nicht weiter!“, knurre ich, und die Elfe zuckt zurück und wirft beinahe die Kerze um.
Weiterhin hängt mir etwas um den Hals, das ich nicht kenne. Eine Kette mit einem Amulett: ein feiner Ring aus weißer Schafwolle.
„Was ist das?“, frage ich, und meine Stimme knirscht noch, ist aber nicht mehr so heiser wie zuvor. Wie lange dauert eigentlich eine Grippe?
Die Elfe nimmt mir das Amulett aus der Hand und stopft es unter mein Nachthemd..
„Sie müssen es immer tragen.“, erklärt sie unverschämt bestimmend. „Elfenzauber!“
„Hokuspokus!“, versetze ich kühl. „Hilf mir, es abzunehmen!“
Sie schüttelt beharrlich den kahlen Kopf. „Nein, Sir, das kann ich nicht.“
„Du bist eine Elfe – du musst meinem Befehl gehorchen!“, protestiere ich aufgebracht und taste nach dem Anhänger.
„Ich muss meinem Herrn gehorchen – das ist der Dunkle Lord, nicht ihr. Er hat gesagt, ich werde mit euch zusammen begraben, falls ihr sterben solltet, Sir. Und ihr werdet sicher wieder krank, sobald ihr das Amulett abnehmt!“
Ihre Augen weiten sich vor offenkundiger Angst, als ich versuche, das Band um meinen Hals zu zerreißen. Ich möchte der Hauselfe dann doch nicht noch mehr Schrecken einjagen als unser aller Herr es bereits getan hat, und so finde ich mich mit dem Aberglauben vorerst ab, bis ich den Tinnef stillschweigend entsorgen kann.
Die Elfe hält mir eine Schüssel mit Rinderbrühe und einen Löffel unter die Nase.
„Sie essen das bitte, solange sie sich wach halten können!“, befiehlt sie, und als sie meinen wütenden Gesichtsausdruck bemerkt, setzt sie noch ein wenig devotes „Sir!“ hinterher.
Da ich tatsächlich unglaublich hungrig bin, gehorche ich ausnahmsweise.
„Ein Hausmittel gegen Halsschmerzen und Heiserkeit?“, frage ich zwischen zwei Bissen. Die Elfe kann übrigens hervorragend kochen!
„Es ist keine Wolle, sondern ein Ring von Haar.“
Mein Löffel schwebt in der Luft. „Schön. Wozu soll das gut sein?“
Die Elfe stupst mich ungeduldig an, und ich esse weiter.
„Gegen böse Träume.“
„Aha.“ Nun, davon hatte ich allerdings genug.
„Wessen Haar, und wie wirkt es?“, frage ich interessiert, denn anscheinend ist an dem Aberglauben mehr dran als gedacht.
Die Elfe murmelt einen wortwörtlich an den Haaren herbeigezogenen Unsinn, der sich so ähnlich wie „Vom Haupte des Propheten …“ anhört.
„Sprich lauter und hör auf zu nuscheln, Elfe!“
„Ich erhielt es von einem Cousin der Schwester des Schwippschwagers meiner Großtante, deren angeheirateter Onkel damals mit der Schwiegermutter meiner Oma …“, beginnt sie gehorsam in ohrenbetäubender Lautstärke.
Ich winke genervt ab und esse des Rest der köstlichen Brühe.
„Gibt es von der Suppe irgendwo noch mehr?“, wage ich vorsichtig zu fragen, und das graue Gesicht der Elfe beginnt zu leuchten.
„Natürlich! Sofort, Sir!“ Sie huscht so eilig von dannen, dass sie beinahe über ihren Kleiderlumpen fällt.
Die Elfe hat offensichtlich auf dem Schemel neben meinem Bett nicht nur gewacht und geschlafen, sondern gewohnt. Ein Beutel mit Waschzeug, einer mit einem Strickstrumpf sowie ein Mülleimer voller abgenagter Apfelgriebschen zeugen davon, dass sie mir eine recht lange Zeit nicht von der Seite wich.
„Vielen Dank!“, sage ich darum, als sie mir einen neuen Teller reicht, und erschrecke sie damit so sehr, dass sie mir fast Löffel und Teller aus der Hand schlägt und ein wenig Suppe auf mein Nachthemd spritzt.
Ich warte, bis sie sich ein wenig beruhigt hat, und frage: „Wie lange hatte ich eigentlich diese Grippe?“
„Ihr seid jetzt schon fast drei Monate lang krank.“, antwortet sie.
Ich verschlucke mich, huste und ersticke fast daran.
„Drei Monate!“ – Wie geht es Draco? Was machen meine Freunde Crabbe und Goyle? Wo zum knallrümpfigen Kröter ist mein Zauberstab?!
Hektisch stelle ich den Suppenteller ab und will aufspringen, doch die Elfe schiebt mich mit einer Kraft zurück, der ich nichts entgegenzusetzen habe. Ich scheine diese mickrigen Dinger entweder unterschätzt zu haben, oder es geht mir mieser, als ich dachte.
„Wo ist mein Zauberstab?“, begehre ich wütend zu wissen, „Das Ding hier ist unbrauchbar!“ Kleine blaue Funken sprühen wie Wunderkerzen heraus, aber selbst auf ein laut ausgesprochenes „Accio Schuhe!“ passiert nicht viel mehr.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als barfuß aufzustehen und wieder einmal auf die Elfe gestützt zum Bad zu wanken. Mir ist so, als hätten wir dies bereits unzählige Male vorher gemacht, denn wir stolpern trotz des enormen Größenunterschiedes nicht einmal. Aber da glühte ich wohl noch vor Fieber und nicht vor Scham über meine erzwungene Hilflosigkeit. Zum ersten Mal in meinem Leben beschleicht mich ein Vorgefühl dessen, was wohl sein wird, wenn ich einmal alt und klapprig sein werde, nicht mehr aufstehen kann und jemand mir im Altenheim für pensionierte Todesser – wird es dann wohl so etwas geben? – die Bettpfanne reichen muss.
Ich hoffe, ich sterbe vorher, und ich hoffe, es geht schnell.
„Gib mir endlich meinen eigenen Zauberstab, Hauselfe!“, fordere ich zornig, „Oder hast du ihn etwa verloren?“
Die Hauselfe wringt hektisch ihr Küchentuch. „Das da ist der Zauberstab, den ihr mitgebracht habt, Herr. Ich hörte aus Gesprächen, er habe vorher einem Werwolf gehört.“
In einer rasenden Kaskade fällt mir alles, was ich bis hierher noch erfolgreich verdrängen konnte, wieder ein.
Die Elfe fängt mich auf, bevor der Schwindel mich umwirft und ich wieder auf dem Boden lande, und hilft mir zurück zum Bett, wo ich mich auf der Kante mit wackeligen Beinen wie ein Zweijähriger erleichtert niederlasse. Drei Monate sind lang, und es wird viel passiert sein. Zuviel, und ich war nicht in der Lage, irgend etwas davon zu beeinflussen.
Ich beobachte die Elfe, während sie meine Laken glättet. Sie macht es natürlich nicht so, wie es meiner Meinung nach sein sollte, aber sie ist natürlich deutlich geschickter als Pettigrew seinerzeit.
„Der Dunkle Lord – ist er als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste angenommen worden und unterrichtet er jetzt in Hogwarts?“, frage ich gespannt.
Die Elfe nickt und antwortet ohne Begeisterung: „Ja, Sir.“
„Weißt du zufällig, wie es Draco Malfoy geht?“
Die Elfe nickt ein weiteres Mal.
„Meine ehemalige Herrin, Mistress Bellatrix Lestrange, sprach kürzlich über ihn. Er ist ebenfalls in Hogwarts, und es scheint ihm gut zu gehen. Draco fragt wohl seine Mutter bei jeder sicheren Gelegenheit nach ihrem Wohlergehen, Sir!“
„Narcissa soll ihm ausrichten, es gehe mir gut.“
Das ist weit übertrieben, aber das Fieber scheint besiegt. So langsam geht mir auf, wie sich Dumbledore gefühlt haben muss, als es ihm im Verlauf des letzten Schuljahres immer schlechter ging – und er war weitaus kränker und schwächer, als irgend ein Außenstehender wissen konnte. Er hatte Angst vor der Zeit, in der er uns alle und ganz besonders die ihm anvertrauten Kinder nicht mehr durch seine Macht schützen konnte. Seine Furcht bestand aus gutem Grund. Als ich seine verdorrte Hand behandelte, bemerkte er, ich solle nicht den selben Fehler begehen wie er und zu sehr auf mich selbst und meine Kräfte vertrauen, denn auch ich werde irgendwann einmal meine Grenzen zu spüren bekommen. Ich hob nur amüsiert und spöttisch die Augenbrauen, denn dieser Tag war noch sehr, sehr fern.
Mir gefällt dieser Gedanke nicht besonders, darum wende ich mich wieder an die Elfe.
„Wie geht es Lucius Malfoy?“
„Er sitzt noch immer in Askaban.“
Der Dunkle Lord lässt sich gerne Zeit mit dem Vergeben von Sünden. Ich glaube, ein Brief von mir sollte den Prozess ein wenig beschleunigen.
„Was hatte ich eigentlich für eine Krankheit?“
Die Elfe legt den Finger an die Nasenspitze und den haarlosen Kopf schräg.
„Das weiß keiner. Der Dunkle Lord hat alle Heiler, deren er habhaft werden konnte, zu euch geschickt, aber niemand konnte die Ursache für euer Fieber finden. Einer hielt es für eine Erbkrankheit der männlichen Mitglieder von Reinblüterfamilien, die Drachenpocken. Ein anderer Heiler bestand auf dem hitzigen Frieselfieber, das mit Schröpfköpfen zu behandeln sei, während ein weiterer Skrofungulose …“ Die Elfe ergeht sich in der Aufzählung von schwer zu kurierenden Krankheiten.
„Mach es kurz. Sag mir einfach, was sie dagegen unternommen haben.“
„Nichts, Sir. Es gab kein Mittel, das gegen euer Fieber wirken wollte. Allgemein herrschte die Meinung, sie hätten sich wohl überanstrengt, Sir.“
Ich lache und gerate sofort ins Husten. „Ich? Ich war noch nie auch nur einen Tag krank in meinem Leben! Ich habe eine Konstitution wie ein Mammut.“
„Das Mammut ist ausgestorben.“, bemerkt die Elfe und tritt beiläufig zwei Schritte von meinem Bett zurück, um sich vor einem eventuellen Wutanfall in Sicherheit zu bringen. Cleveres Ding!
„Der Dunkle Lord hatte meine Wunden doch geheilt …“, murmle ich nachdenklich und erinnere mich, das im Laufe der letzten Tage vor meinem Blackout tatsächlich das eine oder andere Warnzeichen aufleuchtete – die ich allesamt überrannt habe.
„Der Dunkle Lord kann nicht heilen!“, stellt die Elfe fest und schüttelt ein Kissen auf, ohne mich anzusehen.
Das macht mich allerdings ein wenig neugierig. Hauselfen sind zwar dumm und abergläubisch, stehen jedoch andererseits auch in dem Ruf, sich mit einfacher Heilkunde auszukennen.
„Wie meinst du das?“
„Der Dunkle Lord hat die Haut über euren Verletzungen oberflächlich zusammengefügt und eure Schmerzen betäubt, so dass ihr ihm weiter zu Diensten sein konntet. Aber Heilung – das ist etwas völlig anderes!“
Ich schnaube verächtlich. „Wenn du es sagst, Hauself!“
Die Elfe fletscht die Zähne zu einem – ja, ich würde sagen, selbstbewussten - Grinsen.
„Ich stamme aus dem Hause der Familie Black und stand in Mistress Bellatrix Diensten, bevor sie mich dem Dunklen Lord zum Geschenk machte. Die Blacks sind niemals sorgsam mit uns Hauselfen umgegangen, wie ihr natürlich wisst, und darum mussten wir über die Jahrhunderte hinweg großes Wissen ansammeln, um uns selbst helfen und heilen zu können!“
Nun, das leuchtet ein, und ich betrachte skeptisch das seltsame Amulett um meinen Hals. Vielleicht werfe ich es doch nicht bei der ersten Gelegenheit weg. Immerhin leeren die Hauselfen die Papierkörbe, und es würde meinen Diener sicher kränken, das Amulett im Müll zu finden.
„Hilf mir, mich anzukleiden!“
Schweigend folgt die Hauselfe meiner Anweisung und sieht mich dabei sehr beiläufig und gekonnt nicht an.
Eine Elfe mit Taktgefühl? Ich denke, ich sollte meine Einstellung zu diesen Wesen vielleicht doch noch mal überdenken …
„Wie heißt du eigentlich?“, frage ich sie, als sie mir in die Ärmel meines Hemdes hilft.
„Ihr könnt mich wie bisher „Heyda!“ rufen.“, antwortet sie spröde.
Kann es sein, dass mich da soeben eine Elfe verspottet hat? Ich glaube, wir haben einander irgendwie verdient …
„Nein, ich möchte deinen Namen wissen.“, bemerke ich sanft.
Die Elfe blickt mich unsicher von der Seite an.
„Bitte.“, füge ich darum leise hinzu und schenke meine Aufmerksamkeit den Hemdknöpfen, um sie nicht weiter in Verlegenheit zu stürzen.
„Ich heiße Tricky.“, antwortet die Elfe.
„Sehr schön.“ Ich seufze, als mein Blick aus dem Fenster fällt. Es ist wohl schon weit im September, und ich habe eine Menge verpasst.
„Tricky, du wirst dich jetzt ausruhen, während ich einen Brief an den Dunklen Lord schreibe! Du kommst erst wieder, wenn du dich ausgeschlafen hast. Ich kann keine Elfe gebrauchen, die mir vor Müdigkeit die Suppe über das Hemd schüttet.“
Ich mache eine wedelnde Handbewegung, und Tricky verschwindet, nicht ohne sich mindestens dreimal umzusehen, ob ich es denn tatsächlich alleine bis zum Tisch schaffe.
Ich brauche einen neuen Plan. Dumbledore hatte recht: Ich habe zu sehr auf meine eigenen Kräfte vertraut, und derzeit habe ich weder körperlich noch zaubertechnisch irgend einen Wert. Obwohl ich die Studien im „St. Mungos Magical Review“, das ich in Hogwarts regelmäßig abonniert habe, bisher immer für blanken Unsinn hielt, scheinen in manchen Fällen Zauberkräfte und körperliches bzw. geistiges Wohlbefinden doch mehr miteinander verbunden zu sein, als ich dachte. Ich muss besonders die magischen Fähigkeiten schnell wiedererlangen, bevor der Dunkle Lord zu dem Schluss kommt, ich sei möglicherweise kurzfristig ersetzbar.
Außerdem brauche ich dringend loyale und fähige Verbündete unter den Todessern – was ironischerweise genau dem entspricht, was auch mein Herr und Meister benötigt. Um diese Unterstützung zu gewinnen, ist die Wiederherstellung auch meiner Körperkräfte unabdingbar.
Leider sitzt die Hälfte aller Freunde, die ich jemals hatte, ja noch immer im Zauberergefängnis.
Ich muss fit sein bei Ankunft des Winters, und bis dahin ist noch viel zu vorzubereiten. Dauerhafte Temperaturen unter dem Gefrierpunkt bieten nämlich einem Halbblut wie mir eine Möglichkeit, die einem reinblütigen Zauberer nie in den Sinn käme: Der Weg, Lucius Malfoy aus Askaban zu befreien.
Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 14. Juli 2006 20:55 
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Kapitel 18.: Alte Meister

Leider schreitet meine Genesung bei weitem nicht so schnell voran, wie ich mir das vorstelle. Ich fürchte, ich bin ein recht unleidlicher Patient.
Die Hauselfe hingegen scheint mit einer besonderen Behinderung geschlagen: Temporärer Taubheit. Sobald ich von ihr verlange, sie möge mir endlich ein paar anständige Sachen zum Anziehen besorgen, damit ich mich in der großen Halle blicken lassen, über den aktuellen Stand der Dinge informieren und ein paar Dinge regeln kann, verliert sie urplötzlich das Gehör – und ich kann schließlich dort nicht im Nachthemd erscheinen (heute hoffentlich zum letzten Mal ein fremdes, und zwar eines mit aufgestickten Rosen. Bekomme ich nicht bald meine eigenen Nachthemden zurück, erwäge ich ernsthaft einen unverzeihlichen Fluch!). Seltsamerweise scheint meine gesamte Alltagskleidung derzeit auf einer Wäscheleine zu faulenzen, oder sie muss geplättet oder repariert werden, oder eine Elfe hat das Bügeleisen auf dem Umhang stehen lassen … Nicht nur meine Wäsche ist aus dem Schrank verschwunden, auch meine Schuhe spielen Bäumchen-wechsel-dich mit mir: entweder finde ich nur linke oder ausschließlich rechte Exemplare. Meine Versuche, mir zwei verschiedene rechte Stiefel mit Lupins Zauberstab passend zu hexen, enden in einer Kindersandale und einem roten Damenpumps Größe 5 1/2 , so dass ich entnervt aufgebe und meine Hauselfe anblaffe, die nur die Schultern zuckt und höflich anbietet, sie wolle sich bei den anderen Hauselfen mal umhören, ich könne ja so lange weiter Hausschuhe tragen.
Tatsächlich erweist sich Tricky auch in anderer Hinsicht als doppelgesichtiges Monstrum: Ihr unterwürfiges Gehabe hat sie inzwischen, solange wir beide unter uns sind, zu meiner Erleichterung völlig abgelegt, so dass man sich mit ihr wie mit einem denkenden Wesen vernünftig unterhalten kann. Das devote Getue von früher kehrt sich jedoch nunmehr ins Gegenteil, sobald es um die sportlichen Übungen geht, die mich bis zum Winter wieder auf die Beine bringen sollen: Wenn ich erschöpft aufgeben will, feuert sie mich mit einem Eifer an, als gälte es für mich die Quiddichweltmeisterschaft zu gewinnen, und als ich einmal wütend entgegne, diese Gymnastik sei verflucht anstrengend und die Elfe möge ihre eigene Medizin doch selbst einmal kosten, entgegnet mir dieses freche Geschöpf dreist, ich solle mich gefälligst nicht so hängen lassen und aufhören mich zu bedauern wie ein jammergeistiger Susenheuler! Zornsprühend quäle ich mich also durch zehn weitere Klimmzüge …
Neben den Klimmzügen bin ich bei den Vorbereitungen zu Lucius Malfoys Befreiung aus Askaban bereits einige wichtige Schritte vorangekommen: Der Dunkle Lord hat mir die Erlaubnis erteilt, meinen Freund endlich aus dem Zauberergefängnis holen zu dürfen! Anscheinend ist während meiner Krankheit und ohne die planende und lenkende Hand unseres Herrn und Vordenkers so einiges schief gegangen: Bei einem gescheiterten Überfall auf Gringotts beispielsweise wurden drei Todesserkameraden verhaftet, einer konnte nur knapp entkommen. Er hat dem Dunkle Lord aus sicherer Entfernung und per Eulenpost über das Scheitern des Überfalls berichtet – was ich wiederum für ein Zeichen von Intelligenz bei dem Kameraden halte, denn selbst die Eule hatte den Brief nicht wie sonst ans Bein gebunden, sondern durfte das Pergament im Vorüberfliegen auf dem Schreibtisch des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste in Hogwarts abwerfen.
Ansonsten schien der geplante Banküberfall nicht nur dilettantisch geplant und konfus ausgeführt, sondern auch noch völlig sinnlos zu sein: Der vermeintliche Koboldkassierer, den die Todesser bedrohten, war ein Kontoauszugschreiber …
Nach Erhalt der Zustimmung des Dunklen Lords zu der von mir geplanten Befreiungsaktion hat Tricky bereits die lange Liste des Muggelwerkzeugs beschafft, das ich für die Aktion benötige.
Die Sicherheitsvorkehrungen im Zauberergefängnis wurden seit der Fahnenflucht der Dementoren völlig verändert: Askaban, das bisher relativ einfach zu erreichen war und völlig auf den Schutz der Dementoren vertraute, liegt inzwischen in einer abgelegenen Berglandschaft hoch oben in den schottischen Highlands in einem Gebiet, dass den Muggeln als Naturreservat bekannt ist und höchstens von Freunden der alpinen Fauna und Flora oder einsamen Bergwanderern hin und wieder durchstreift wird - und selbst die werden von der Schroffheit des Gebirges rasch zur Umkehr gezwungen.
Askaban selbst thront unsichtbar auf dem Gipfel einer unglaublich steil und hoch aufragenden Felszacke, die auf den Landkarten mit Devils Thump bezeichnet wird. Zu Füßen der Steilwand entspringt als natürlicher Schutz gegen Bergsteiger zudem ein tosender Wasserfall, der jeden Muggel aus der Wand reißt, der den Aufstieg trotz der schwierigen Felskletterei im oberen Abschnitt wagen wollte. Natürlich ist Apparieren in Askaban völlig ausgeschlossen, und als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme melden Magiedetektoren alle unautorisierten magischen Gegenstände, die sich dem Gefängnis im Umkreis von zehn Meilen nähern, und lösen Alarm und die umgehende Entsendung von Suchmannschaften aus.
Nun, wir werden sehen, ob ich diese Probleme lösen kann.

Meine Zauberkräfte kehren analog zur körperlichen Entwicklung mit beeindruckender Geschwindigkeit zurück, und ich frage mich, ob dies tatsächlich an dem kindischen Amulett der Elfe liegen könnte. Ich habe jedenfalls entschieden, das Ding weiterhin unter dem Hemd zu tragen; schaden kann es offensichtlich nicht, auch wenn ich weder Funktionsweise noch Zusammensetzung bisher begriffen habe.
Endlich scheinen die Hauselfen das hauswirtschaftliche Problem der Reinigung meiner Kleidung behoben zu haben, und am Morgen liegt ein wie immer blütenweißes Hemd zusammen mit meinen anderen Sachen ordentlich gefaltet auf dem Stuhl. Auch bei den Schuhen und Stiefeln haben sich alle Paare wieder traulich nebeneinander vereint. Geheimnisvoller Weise trägt keiner meiner Umhänge, die quasi über Nacht ebenfalls wieder im Schrank aufgetaucht sind, die Spuren eines zu heißen Bügeleisens …
Ich begebe mich unverzüglich in die große Halle, bringe die Aufregung der Begrüßung hinter mich, lausche dem neuesten Stand der Dinge und kann mich endlich an Rabastan wenden, um ihm meine Bitte nach einem neuen Zauberstab vorzutragen.
Rabastan wird soeben von einer Frau angeschmachtet, die ihn mit ihren Blicken verschlingt und ganz offensichtlich bestrebt ist, dies auch mit ihren Lippen und der Zunge zu vollbringen. Diese Entwicklung ist ganz erstaunlich, weil dem Gerücht zufolge die selbe Dame noch vor kurzem Rabastan Lestrange nicht einmal „mit der Kohlenzange angefasst“ hätte, wie die interessierte Öffentlichkeit ihren lautstarken Bekundungen beim kollektiven Schminken auf der Damentoilette entnehmen durfte.
Rabastan ist an sich kein übler Kerl, aber er stand natürlich immer im Schatten seines jüngeren Bruders Rodolphus, der schon als Baby ungemein niedlich gewesen sein soll und dem Älteren die Schau stahl. Da Rabastan niemals außergewöhnliche Talente erkennen ließ und von seinem kleinen Bruder in jeder Hinsicht mühelos überrundet wurde - und das trotz des Altersunterschiedes von beinahe drei Jahren - kann ich schon nachvollziehen, dass sich bei Rabastan so einiges angesammelt haben mag. Leider spannte ihm Rodolphus dann auch noch die Mädchen aus – unter anderem Bellatrix – so dass Rabastan mittlerweile Zuflucht zu Liebestränken genommen haben soll. Ich hielt das immer für dummes Gerede, denn er bestand in „Zaubertränke“ nicht einmal den ZAG, wie sein Vater zu beklagen nicht müde wurde. Anscheinend hat der Dunkle Lord diesem Mangel an Meisterschaft abgeholfen, denn in der großen Halle erwischte ich Rabastan Lestrange in einem – wie er glaubte – unbeobachteten Moment, wie er ein Allerweltsfläschchen aus dem Umhang zog und ein paar Tropfen daraus in das Butterbier seines weiblichen Gegenübers fallen ließ. Die junge Frau wies rein äußerlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem liebestollen Weibsbild auf, das sich jetzt wie eine Krake um ihn wickelt und das Objekt ihrer Begierde beinahe zu verschlingen droht.
Rabastan und ich verabredeten uns für den Abend zu einem Treffen am Eingang zum Kerkerbereich.

Inzwischen habe ich natürlich auch an Draco geschrieben. Da ich natürlich keine mit „Severus Snape, Todesser“ unterzeichnete Eulenpost losschicken konnte, entwarf ich zuerst ein fingiertes Schreiben von Gringotts, in dem sich die Kobolde für die letzte profitable Investition des Hauses Malfoy mit dem beiliegenden Terminkalender bedankten. Es handelte sich um ein typisches Werbegeschenk, das Gringotts im letzten Jahr zu Tausenden an seine Kunden verteilte. Die Aufmachung ist wie üblich mehr Schein als Sein: Imitierter Ledereinband mit einem Prägedruck von fallenden Goldmünzen, die der jungen Hexe auf dem Titelbild scheinbar pausenlos aus dem Sternenhimmel heraus in die geöffnete Hemdschürze fallen. Die penetrante Hintergrundmusik dazu – das Geräusch herabprasselnder Goldstücke und schlecht geschauspielerte Jubelrufe der Hexe - kann wohl dauerhaft nur ertragen, wer entweder Kobold oder stocktaub ist. Um die Werbewirkung zu vervollständigen, verkündet jede Seite des Kalenders beim Aufschlagen schmeichlerisch die Erwerbsregel des Tages: „Wer den Sickel nicht ehrt ist die Galleone nicht wert!“, „Geiz ist geil!“ oder „Reden ist Silber, Schweigen ist Gringotts!“ – und tausend ähnlich plakative kaufmännische Tugenden. Zum Glück lässt sich der Krach jedoch leicht abstellen.
Als Lesezeichen klemmte ich auf der Seite für „Notizen“ Dracos Stichwortzettel hinein, den er seinerzeit bei der Untersuchung des Zauberspiegels auf verborgene Flüche hin angefertigt hat. Ich bin sicher, der Junge versteht den Wink, untersucht die harmlos leere Seite wie seinerzeit den Spiegel und findet den versteckten Fluch. Was immer er an dieser Stelle in seinen Terminkalender schreiben wird, ich werde es in meinem gegengleichen Exemplar – Goyle war so nett und hat mir seinen Kalender zur Verfügung gestellt – lesen können, sobald ich das Eulensymbol in der linken oberen Ecke mit dem Zauberstab berühre. Natürlich funktioniert das System auch andersherum, so dass ich in mein Buch einen Brief an ihn verfassen konnte:

Lieber Draco,

ich hoffe, es geht Dir gut, und Deinen Slytherin-Freunden ebenfalls! Ich war einige Zeit krank und konnte dir zu meinem größten Bedauern nicht schreiben – sehr unerfreulich. Jedenfalls bin ich jetzt fast schon wieder auf dem Damm.
Der, dessen Namen ich hier lieber nicht nennen möchte, hat mir die Erlaubnis erteilt, mich um Deinen Vater zu bemühen. Bitte beruhige also Deine liebe Mutter und richte ihr meine besten Grüße aus!
Solltest Du in der Zwischenzeit und natürlich auch darüber hinaus einen Rat suchen, so darfst Du Dich jederzeit über diesen Terminkalender an mich wenden. Deine Lehrer jedoch, insbesondere Deinen Hauslehrer sowie den, den wir beide nur zu gut zu kennen glauben, solltest Du nicht behelligen: der eine sollte nicht mit Problemen belästigt werden - du weißt ja, warum - der andere hingegen ist nicht vertrauenswürdig.
Ich möchte Dich bitten, in diesem Jahr besonders fleißig zu lernen, denn ich werde nach Deinem Schulabschluss jede Unterstützung brauchen, die Du mir geben kannst! Bitte halte auch Deine Freunde Vincent Crabbe, Gregory Goyle und Patsy Parkinson im Auge. Ich fürchte, sie lassen manchmal den nötigen Fleiß und die Ernsthaftigkeit beim Lernen vermissen, und die Herren Crabbe und Goyle Junior sollten am Schuljahresende unbedingt noch einige ZAGs bestehen. Ich weiß, dass beide von Nachhilfeunterricht nicht besonders begeistert sein werden, trotzdem möchte ich Dich bitten, die Freunde nötigenfalls auch dazu zu überreden!
Ich würde mich natürlich sehr freuen, von Deinem Leben in Hogwarts und den neuesten Entwicklungen dort zu hören. Falls Du jedoch wirklich wichtige und vertrauliche Dinge zu berichten hast, solltest Du dies nicht hier notieren, sondern mir einen Termin vorschlagen, zu dem ich dich beispielsweise in Hogsmeade treffen kann. Bedenke immer, lieber Draco: Unsere Feinde sind in der Überzahl und durchaus nicht dümmer als wir, also lass nichts an Orten herumliegen, wo arrogante Potters, neugierige Weasleys oder neunmalkluge Grangers es finden und entschlüsseln können!

Herzlichst,

ein Freund deines Vaters …

PS: … der sehr stolz auf dich sein darf!

Ich hoffe, die Eule beeilt sich mit der Zustellung der Sendung und ich erhalte bald Nachricht von meinem ehemaligen Schüler.

Am Abend finde ich mich wie verabredet bei Rabastan Lestrange ein, und ich begleite ihn hinab zu den tiefer im Bauch der Festung gelegenen Bereichen der Gefängnisse.
Rabastan trägt einen auffälligen Knutschfleck am Hals, den er nicht zu verbergen sucht als handele es sich um einen Orden.
Mir ist sowas immer peinlich gewesen, und wenn ein Mädchen tatsächlich einmal verräterische Spuren hinterließ, hab ich sie immer unter hohen Kragen oder Halstüchern verschwinden lassen – meine Klassenkameraden hatten ohnehin schon Anlass genug, mich zu verspotten, und welch bessere Zielscheibe böte sich den Gryffindors als der Beweis für eine heimliche Knutscherei hinter den Gewächshäusern oder auf dem Astronomieturm? Nein, danke!
„Ich wusste gar nicht, dass unter den Todessern jemand ist, der Zauberstäbe machen kann.“, bemerke ich, um Rabastans pubertäres Geschwärme von einem Pin-up-Girl auf der Titelseite von „Sexy Hexy“ abzuwürgen, von der ein Exemplar aus der Tasche seines Umhangs hervorschaut. „Stammt der Zauberstabmeister aus dem Ausland?“
Rabastan stutzt und platzt dann lauthals heraus.
„Nein natürlich nicht. Wir mussten ihn entführen. Nur die Besten dürfen für den Dunklen Lord arbeiten.“
„Aber wir Todesser haben doch bereits alle gute Zauberstäbe.“, gebe ich zu bedenken. „Oder sind noch mehr Leute so ungeschickt wie ich?“
Rabastan grinst schief.
„Eigentlich soll ich ja nicht darüber reden, denn ich habe den einzigen Schlüssel zu den Kerkern und der Dunkle Lord hat mir verboten, darüber zu sprechen. Aber ich denke, bei dir kann ich eine Ausnahme machen, schließlich bist du der Primus vom Dunklen Lord und hast Dumbledore umgebracht.“
Ich bin inzwischen an derartige Beiläufigkeiten gewöhnt und zucke äußerlich nicht einmal mehr zusammen, so dass Rabastan ohne etwas zu bemerken mit stolzgeschwellter Stimme unbeirrt fortfährt: „Der Dunkle Lord und ich, wir haben ein richtig dickes Ding gelandet und gemeinsam ein ganz großes und profitables Unternehmen aufgezogen! Die Leute können einen niegelnagelneuen Zauberstab für nur drei Galleonen auf Pump kaufen und dabei ihre alten in Zahlung geben. Oder sie schicken für kleines Geld ihre Zauberstäbe zur jährlichen Generalinspektion ein und erhalten dafür Bonuspunkte bei „Miles and more“, ein Freiabonnement für „Bild der Besen“ oder ein Veelawochenende auf einer Schönheitsfarm. Vielleicht hast du die Anzeigen im Tagespropheten oder im Klitterer gelesen?“
Ich schüttle den Kopf, doch Rabastan ist so in seinem Element, dass meine Ignoranz seinen Enthusiasmus nicht bremsen kann.
„Natürlich ist die Sache der Renner!“, erklärt er stolz, als sei es seine Idee, was ganz bestimmt nicht der Fall war. Rabastan hatte in seinem ganzen Leben noch nicht einen einzigen originellen Einfall.
„Schön, Geld können wir schließlich immer brauchen. Aber darüber hinaus: Was bringt uns das?“
Rabastan wirft sich im Bewusstsein seiner Wichtigkeit in die magere Brust. „Wir tauschen gute Zauberstäbe gegen einen minderwertigen Schrott aus, der zwar bei Alltagszauberei noch ganz gut funktioniert, aber im Ernstfall versagt. Der Dunkle Lord hat sogar herausgefunden, das der Zusatz von Naginis abgestreifter Haut zum eigentlichen Zaubermittel verhindert, dass ein Fluch gegen eine Person gerichtet werden kann, die das Dunkle Mal auf dem Arm trägt!“
Unser Herr und Meister hat geniale Momente, das muss man ihm einfach lassen.
„Aber Zauberstäbe zu fälschen ist doch beinahe so schwierig wie neue zu bauen.“, zweifle ich.
„Natürlich. Darum haben wir ja auch … nun sagen wir, der Dunkle Lord hat ihn überredet. Entweder er arbeitet für uns, oder er und alle anderen Gefangenen müssen sterben. So einfach – und so überzeugend.“ Rabastan lacht und klirrt leise mit dem Schlüsselbund, dass er aus der Tasche zieht, um die Tür zu einem vergitterten Kerker aufzuschließen.
An den Wänden des Gefängnisses stapeln sich Kisten und Schachteln, es riecht nach Holz, die rostigen Ketten an den Wänden sind mit Phönixfedern, Einhornschweifen, Drachenherzfasern und ähnlichem Zauberstabzubehör behangen. Verhuschte und niedergedrückte Jammergestalten in dreckigen Lumpen schleichen im Hintergrund mit Posteulenkisten beladen emsig hin und her, verlieren jedoch deutlich an Elan und schlurfen nur noch müde, sobald sie Rabastans Gesichtsfeld entkommen sind. Ein Mann, der mir seltsam bekannt erscheinen will, steht völlig in seine Arbeit versunken nahe der Tür an einer Werkbank und dreht prüfend einen eleganten Zauberstab aus Ahorn in den schlanken Fingern, während er uns den Rücken zuwendet.
Mir wird soeben einiges klar. „Die Person, die von jedem Zauberer und jeder Hexe in Großbritannien genau sagen kann, wie der ursprüngliche Zauberstab beschaffen war, ist …“
Als er den Schlüssel im Schloss knirschen hört, wendet sich der Mann an der Werkbank erschrocken um.
Non semper fama erat.
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Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 16. Juli 2006 14:50 
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Hier schreibe ich ein paar Worte zu diesen Kapiteln, die mir besonders ans Herz gewachsen sind. weil ich Tricky sehr mag.

Zunächst aber Severus' Seiltanz über dem Abgrund: Wie sage ich’s LV, warum ich alle am Leben ließ?

Heikel, heikel!

Natürlich ist solche Herangehensweise typisch für Severus, unabhängig von seinen Loyalitäten, denn er würde es feige finden, wehrlose Gegner hinzurichten. (Erwähnt jetzt bitte nicht Dumbledore! Der war auch entwaffnet alles andere als wehrlos!) Natürlich kann er DIES nicht einfach Voldemort ins Gesicht sagen, denn er ist diesbezüglich wesentlich weniger zimperlich...

Jedenfalls war ich erleichtert, dass er ausnahmsweise (aber auch: schon wieder!) von der Folter verschont blieb. Umso klarerer dann der Zusammenhang zwischen seiner übermäßigen Herausgabe bei ungenügend behandelten schweren Verletzungen (Voldemort als Heiler war für mich schon etwas seltsam. Aber Formel-1-schnellreparatur, damit das Rennen weiter geht: Ja dies kaufe ich auch LV ab!

Und dann noch Tricky und ihre Strategie, Severus uns somit sich selber am Leben zu halten: Einfach köstlich! Wenn ich alles, was mir an ihrem Gehabe gefällt hier zitieren wollte, müsste ich beide Kapitel hier reinkopieren!

Danke, Polaris, für dieses wunderbare Geschöpf!

Mist, ich kann sie immer noch nicht anstellen!


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Ungelesener BeitragVerfasst: 16. Juli 2006 16:42 
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Liebe Kathrina,

Tricky mag ich auch :wink: besonders gerne (neben Crabbe und Goyle). Schade, dass die Hauselfen sich wohl inzwischen der Kölner Heinzelmännchengewerkschaft (oder dem Marburger Bund?) angeschlossen haben und in unbefristeten Streik getreten sind, so dass wir weiterhin unserern Pröddel allein erledigen müssen!

Zitat:
Natürlich ist solche Herangehensweise typisch für Severus, unabhängig von seinen Loyalitäten, denn er würde es feige finden, wehrlose Gegner hinzurichten.


Eine von Severus Schwächen: Er kann Gleiches problemlos mit Gleichem vergelten und scheut sich bei einem stärkeren bzw. mindestens gleichwertigen Gegner nicht, in der Wahl seiner Waffen übers Ziel hinauszuschießen. Aber auf einem Schwächeren herumzutrampeln verbietet sich für ihn (darum sind Crabbe und Goyle ja auch so begeistert von Severus). Noble Sportsman - very british! [img]images/smiles/065.gif[/img]

Lieben Dank für Dein Review [img]images/smiles/dankeschoen.gif[/img] ,

Polaris.

Dann geht's auch schon weiter:




Kapitel 19: Alte Meister

„Mister Ollivander!“
„Severus Snape.“, stellt Ollivander mit einer Art trauriger Freude fest und tritt zur Begrüßung mit ausgestreckter Hand auf mich zu.
Ich ergreife seine Hand und schüttle sie.
„Tut mir leid, sie hier antreffen zu müssen, Mr.Ollivander.“, sage ich sehr leise.
„Mir auch.“, antwortet Ollivander ebenso gedämpft und mit unterschwelliger Bitterkeit. „Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als sie in Begleitung ihrer Mutter Eileen und ihres Vaters bei mir ihren ersten Zauberstab kauften!“
Ich erinnere mich ebenfalls und bekomme rote Ohren. Darum ersuche ich Rabastan, uns jetzt allein zu lassen und, während ich mir einen neuen Zauberstab aussuche, ein wenig in seiner Zeitschrift zu blättern, die noch immer aus seinem Umhang lugt und ungeniert ein spezifisch weibliches Detail des Oberkörpers einer unbekleideten blonden Hexe anpreist.
Als Rabastan die Gefängnistür hinter uns abgeschlossen hat, lasse ich mich zusammen mit dem unbestrittenen Meister in der Herstellung von Zauberstäben auf zwei leeren Verpackungskisten nieder.
Ollivander ist alt geworden, und um seine Augen zieht sich ein Netz aus feinen Linien. Er ist auch viel dünner und erschöpfter als damals, als ich ihm zum ersten Mal in der Winkelgasse begegnete.
Es scheint, als habe Ollivander meine Gedanken gelesen.
„Ihre Beine waren dürr wie Zaunstecken und der Umhang mindestens drei Nummern zu groß. Sie waren der zerzausteste Jungvogel, der jemals in meinen Laden gestakst kam - und dabei genauso aufgeplustert wie ein aus dem Nest gefallener Rabe!“, bemerkt er und seine sanften Mondaugen verlieren sich gleichzeitig mit den meinen in Erinnerungen.
Mutter pflegte meine Kleidung, sofern ich nicht die abgelegten Sachen entfernter Verwandter auftragen musste, im Second-Hand-Laden und auf Zuwachs zu erstehen, und ich trug sie, bis sie auseinander fielen oder viel zu kurz wurden. Die meiste Zeit hatten meine Hosen also Hochwasser oder ich versank in Pullovern, die den Anschein erweckten, ich sei handamputiert. Sogar die Weasleys, die finanziell nicht eben gesegnet sind, kaufen Ihren Kindern heute bessere Kleidung als ich sie damals trug - was sicher nicht unerheblich an Mollys Geschick in der Herstellung handgestrickter Pullover liegt. Ronald Weasleys Umhang beim Ball anlässlich des Trimagischen Turniers sah meinem alten kastanienbraunen Festumhang in der Tat verblüffend ähnlich. An Weasleys Umhang fehlten allerdings die Rüschen an Kragen und Ärmeln, dafür waren die Säume schrecklich ausgefranst. Ich kam beim Ball nicht umhin, dem armen Jungen insgeheim mitzufühlen, wenn ich auch außer Percival keines der Weasleykinder besonders schätze.
Mein Umhang jedenfalls landete, kaum waren die Schulentlassungsfeierlichkeiten vorbei, umgehend wieder bei dem Secondhandausstatter, wo meine Mutter ihn erstanden hatte. Die Verkäuferin hielt das Ding für nunmehr unverkäuflich und nahm es nur in Zahlung, weil Mutter eine Stammkundin war. Kaum hatte sie das Ungetüm jedoch mit spitzen Fingern auf einen Stapel Putzlumpen fallen lassen, holte es eine penetrant nach Mottenkugeln riechende ältere Dame wieder hervor. Ich wünschte der Alten von Herzen alles Gute mit dem schauderhaften Fetzen, aus dem sich sicherlich eine wundervolle Tischdecke nähen ließ, oder was alte Damen sonst so treiben, und erhielt später fünf Sickel als meinen Anteil am Kaufpreis.
Das Snapesche Budget für die Schulsachen war ohnehin schon äußerst knapp bemessen, obwohl ich Mutters alte Schulbücher benutzen konnte. Meine Mutter sparte, wie ich wusste, seit Monaten eisern auf meinen Schulbesuch in Hogwarts, seit wir gemeinsam entschieden hatten, dass das Schulgeld für eine Privatschule der Muggel unerschwinglich war und ich ein Medizinstudium abschreiben musste, wenn ich nicht sicher sein konnte, ein Stipendium zu ergattern – und das war für ein Arbeiterkind seinerzeit utopisch. In Hogwarts hingegen war das Schulgeld dem Einkommen der Eltern angepasst und forderte von meinen Eltern nicht mehr, als diese aufbringen konnten.
Ich wollte immer entweder Arzt oder Heiler, am besten jedoch beides zusammen werden. Wenn Vater nicht gerade mal wieder arbeitslos war und Mutter mich nicht zu Hause allein lassen wollte, nahm sie mich mit zu ihrer Arbeit als Pflegerin in St. Mungos und setzte mich im Schwesternzimmer in eine Ecke. Ich machte dort niemals Ärger, sondern unterhielt mich stundenlang mit den geduldigen Bildern der berühmten Heilerinnen und Heiler – von denen ich Dilys Derwent mit den silbernen Ringellöckchen am meisten verehrte - schaute den Medihexen von meinem Platz unter irgend einem Tisch bei der Arbeit zu oder ließ mir von der schlanken blonden Hexe an der Rezeption, die unerklärlicherweise an mir einen Narren gefressen hatte, heimlich Süßigkeiten zustecken. Für mich stand immer fest, dass dies mein Traumberuf war; ich würde mich auf heilende Zaubertränke spezialisieren, berühmt werden und so, wie Alexander Flemming zahllose Muggel durch die Entdeckung des Penizillins rettete, die magische Gemeinschaft von Drachenpocken oder Himbeerscharlach erlösen. Wenn dann irgendwann einmal ein Portrait von mir an den Wänden hing, könnte ich mich sogar mit mir selbst unterhalten …
Meine Eltern waren von meinem Berufswunsch und meiner offensichtlichen Zielstrebigkeit erfreut; in der Muggelschule brachte ich Spitzennoten mit nach Hause. Vater bestärkte mich dadurch, dass er bemerkte, nur Bildung könne ein Kind der Arbeiterschicht jemals aus dem Kreislauf von Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Jobs herausholen, und er habe es immer bedauert, mit vierzehn die Schule abgebrochen zu haben, um Hilfsarbeiter zu werden und seine Familie zu unterstützen. Er jedenfalls sei bereit, alles zu tun, damit sich dieser Fehler nicht wiederhole.
So kam denn der Brief aus Hogwarts, und meine Eltern diskutierten mit mir über meinen weiteren Lebensweg. Ich verstand die finanziellen Erwägungen meiner Eltern sehr gut, die einen Besuch in Hogwarts nahe legten, auch wenn Vater insgeheim enttäuscht zu sein schien, dass die Muggelwelt mir keine ähnliche Chance bieten konnte wie die weitaus Gerechtere der Zauberer und Hexen.
Ich hingegen stimmte der Zaubererschule zu in der Überlegung, dass ich dann wohl nie wieder zwei Pausenbrote in zwei separaten Tüten von meiner erstaunten Mutter erbitten musste, die sich fragte, wie so viel Essen in einem derart dürren Sprössling versickern konnte. Aber in vier von fünf Fällen blieb Donovan Dursley Sieger unserer täglichen Rangelei in der Pause, und ich musste mein Frühstück herausrücken – natürlich nur eine Tüte, denn den Inhalt der anderen aß ich später heimlich auf dem Klo. Auch gingen mir langsam die Ausreden aus, warum ich schon wieder mit zerrissenen Hosen oder einem blauen Auge heimkam, aber so viele Möglichkeiten, der trüben Tasse Tommy Tinker, dem Stinker, und seiner Bande auf dem Heimweg von der Schule auszuweichen, gab es nicht. Aber ich dachte gar nicht daran, ihn in Mathe abschreiben zu lassen, um endlich meine Ruhe zu haben, und in Hogwarts würde sich dieses Thema ein für alle Mal erledigen!
Mutter freute sich sehr darüber, dass ich ihre alte Schule besuchen wollte und dachte praktisch: Sie schnitt uns fortan allen selbst die Haare (seitdem trage ich sie lang), kochte abwechselnd Haggis (grauenhaft), Shepherds Pie oder Nudeln mit Tomatensoße (lecker) und nahm zwei weitere Nachtschichten als Krankenpflegerin in St. Mungos an. Vater hingegen schob Überstunden in der Fabrik, machte sich auf den Kindergeburtstagen reicher Muggel erfolgreich als Clown und Hobbyzauberer zum Narren und verkaufte seine geliebte Taschenuhr, das einzige ihm verbliebene Erbstück von meinem Großvater. Sein knapper Kommentar gegenüber meiner entsetzten Mutter lautete: „Ich habe beschlossen, die Erinnerung zukünftig im Herzen und nicht an der Uhrkette zu tragen.“ Bisher hatte Vater nämlich bei allen häuslichen Krächen, die sich bei uns zu Hause beinahe ausschließlich ums Geld drehten und manchmal apokalyptische Ausmaße annahmen, immer abgelehnt, das Erbstück ins Pfandhaus zu tragen, selbst als wir durch Vaters stures Beharren, Strom sei wichtiger als Miete, beinahe aus der Wohnung in Spinners End herausgeflogen und im Obdachlosenasyl gelandet wären.
Trotz aller Sparmaßnahmen meiner Mutter und dem großherzigen Uhrenverkauf meines Vaters würde es für mich bei Mr. Ollivander nur für ein günstiges Exemplar von Zauberstab reichen.
Im Nachhinein und als Erwachsener erst habe ich erfahren, dass Dumbledore meine Eltern bei meiner Anmeldung in Hogwarts sehr feinfühlig auf einen Fonds aufmerksam machte, der bedürftige Kinder unterstützt, damit diese sich die nötige Schulausrüstung leisten könnten. Meine Eltern waren jedoch irritiert ob dieses Winkes mit dem Zaunpfahl, denn wir hielten uns weder für arm, geschweige denn für bedürftig. Am Ende kratzten meine Eltern ja immer das nötige Geld für Miete, Essen, Kleidung und so weiter zusammen – und schließlich war dieser Fonds für nur Leute, die es wirklich brauchten!
Ich hebe den Blick, und Ollivander taxiert mich von seiner Verpackungskiste abschätzend mit seinen blassen Augen.
„Ich ließ mich bei unserer ersten Begegnung im Beisein ihrer Eltern damals durch den filigranen Knochenbau und die magere Erscheinung des Knaben Severus dazu verleiten, ihm als erstes einen Zauberstab aus Balsaholz mit Trollschuppen darin in die Hand zu geben.“, sagt er und lächelt amüsiert in sich hinein.
Meine Ohren müssen inzwischen tiefrot sein, denn ich habe ebenfalls nicht vergessen, dass dieser Zauberstab, kaum dass ich ihn berührte, zu Sägemehl explodierte. Ich war absolut entsetzt und meine Mutter umklammerte ängstlich ihre Geldbörse. Vater wurde noch blasser als sonst.
Ollivander tut so, als bemerke er auch heute meine Verlegenheit nicht, und fährt fort: „Viele Zauberschüler richten beim Aussuchen ihres Zauberstabes ein wenig Unordnung an, das ist völlig normal. Aber ebenso wie vor ihnen bei Albus Dumbledore oder Tom Riddle war das Chaos, das sie beim Ausprobieren des Zauberstabes verursachten, außergewöhnlich. Ich habe es ihren Eltern hoch angerechnet, dass sie für meinen Fehler bei der Anpassung die Verantwortung übernehmen wollten – viele Eltern kommen gar nicht auf diese Idee!“
Zu meinem Glück bestand Mr. Ollivander darauf, dass die Zerstörung des Zauberstabes auf seinem Irrtum beruhe und mich keine Schuld daran treffe, und er lehnte das Angebot meiner Mutter, das Sägemehl zu bezahlen, kategorisch ab.
Unglücklicherweise zersprengte ich Pappelholz mit Elfentränen ebenfalls unabsichtlich und richtete im Laden zudem weiteres Chaos an. Allerdings war die Körnungsgröße der Zauberstab-Splitter bereits ein Fortschritt: Die Überreste hatten statt Sägemehl- wenigstens schon Zahnstocherformat – und auch diesen Irrtum nahm Ollivander auf seine Kappe. Ich war sehr erleichtert, denn sonst wäre ganz sicher kein Geld mehr für irgendeinen Zauberstab übrig geblieben.
Ollivander räuspert sich. „Nach den ersten unglücklichen Fehlschlägen entschied ich mich, sie einen Zauberstab aus geradlinigem Holz von Buche bis hin zu Steineiche ausprobieren zu lassen, und wir gingen so ziemlich mein gesamtes Sortiment durch. Aber keiner schien mit diesem merkwürdigen Kind kompatibel zu sein …“, erinnert sich Ollivander soeben. “Ich dachte schließlich an einen Zauberstab aus Steinobst wie Kirsche, Zwetschge oder Pfirsich, aber auch diese Zauberstäbe waren nicht das Richtige. Am Schluss wusste ich mir keinen Rat mehr, und ich fasste den Entschluss, mich von ihrer zerrupften Gestalt nicht weiter irreleiten zu lassen: Ich gab ihnen zwei Zauberstäbe zur Auswahl: Stechapfel, elf Zoll, mit Veelahaar, sehr flexibel und biegsam, aber schwer zu kontrollieren und mit größter Vorsicht zu behandeln – oder Rosskastanie mit Einhornschweif, elfeinhalb Zoll: Einer der schwierigsten und unberechenbarsten, aber zugleich mächtigsten Zauberstäbe, die ich je hergestellt habe!“
Ich probierte zuerst den Stechapfel-Zauberstab aus, und zu meiner Erleichterung lag er so gerade eben im Rahmen dessen, was wir uns leisten konnten, wie ich dem mit Bleistift auf der Innenseite der Schachtel geschriebenen Preis entnehmen konnte. Der Zauberstab knisterte leise in meiner Hand und spuckte sofort grüne Funken!
Der andere jedoch … mich überläuft heute noch ein Rieseln das Rückgrat hinab, wenn ich daran denke: Meine Fingerspitzen berührten das rötliche, fein gemaserte Holz der Rosskastanie, und ein wunderbarer Duft nach Herbst entströmte der Schachtel. Ich bin noch immer sicher, das der Zauberstab geschnurrt hat wie eine Katze, als ich ihn sehr vorsichtig aus dem Seidenpapier wickelte, ihn in einem mühelosen Bogen schwang als gehöre er zu mir wie die natürliche Fortsetzung meines Armes - und ein dichter Schauer goldener Funken regnete sanft auf die Köpfe meiner Eltern und Ollivander nieder.
Ich schielte nach dem Preis, und mir stockte der Atem. Mein Zauberstab war – genau vier Galleonen zu teuer.
Vier Galleonen hört sich nach keinem großen Preisunterschied an – wenn man sie hat. Wir hatten sie nicht, und sie lagen genauso fern wie vierhundert davon.
Ollivander jedoch schaute erst mich und dann mein Eltern erwartungsvoll an: „Nun, wofür möchten sie sich entscheiden – junger Mann, meine Herrschaften?“
Mutter und Vater hatten die Preise unter dem Seidenpapier entdeckt. Alles in mir schrie danach, meinen, den einen und einzigen Zauberstab auszuwählen – doch das war unmöglich. Aber wenn ich in den Ferien Zeitungen austragen und bei der Getränkehandlung die Kisten ausliefern würde und, sobald ich mit vierzehn Jahren endlich richtige Arbeit annehmen durfte, bei Vater in der Fabrik arbeitete? Ob jemand auf dem Trödelmarkt wohl Geld für die Sammlung rund geschliffener Kieselsteine unter meinem Bett ausgeben würde oder für meine zerlesenen Exemplare von „Die größten Heiler der der Weltgeschichte“, „Allgemeine Anatomie“ und „Gifte gegen Griselkrätze“?
Mutter vielleicht noch eine weitere … Nein. Unmöglich, das von meinen Eltern auch noch zu verlangen.
Ich zeigte auf den Stechapfelzauberstab. „Den da, bitte!“
Alle Erwachsenen machten ein überraschtes Gesicht.
„Severus, du weißt, du sollst den nehmen, der dir am besten gefällt.“, meinte meine Mutter und verbannte beinahe erfolgreich ihre Geldsorgen aus der Stimme. „Du kannst auch den anderen haben, wenn du willst. Wir können bei Gringotts einen Kredit aufnehmen, weißt du?“
Nein, konnten sie nicht. Die Kobolde hatten das Darlehen für Mutters neuen Besen – den alten hatte ein Patient versehentlich in eine Taube verwandelt, die sich sofort aus dem Fester davon machte und in Richtung Trafalgar Square verschwand - auch nur mit saurem Gesicht herausgerückt, und weitere Raten konnten meine Eltern sich auch nicht leisten.
„Ich kann die Busfahrkarte einsparen und in Zukunft mit dem Rad zur Arbeit fahren.“, erklärte Vater eine Spur zu unbeschwert, und mir brannte das Gesicht vor Scham und gleichzeitiger Liebe zu meinen Eltern.
Mit gesenktem Kopf deutete ich auf das Billigfabrikat. „Nein. Den da bitte.“ Meine Stimme klang neutral, und ich war zufrieden mit meiner schauspielerischen Leistung.
„Oh!“, rief Ollivander aus, „Also diesen hier, nun ja, der geht natürlich. Ich dachte allerdings, dass heißt, vielleicht …“ Er brach ab, und ich hob überrascht den Blick.
„Was?“
„Ach, nichts, Junge. Dieser Zauberstab aus Rosskastanie ist leider ein ziemlicher Ladenhüter, darum ist er heruntergesetzt und im Sonderangebot. Wie ich sehe, ist das auf dem Preisschild noch nicht geändert.“, er nahm die Schachtel und tippte mit der Zauberstabspitze auf den Preis. „ Aber ihre Eltern haben ja bereits bestätigt, dass sie sich denjenigen aussuchen sollen, der ihnen zusagt!“
„Heißt das, der hier …“, ich konnte mich nicht länger beherrschen und streichelte noch einmal über das Rosskastanienholz mit dem Einhornhaar darin, „… ist billiger als der andere?“
„Preiswerter – nicht billiger!“, korrigierte Ollivander steif. „Also, was ist nun?“
Ich schielte voller Hoffnung auf den geänderten Preis meines Zauberstab-Traumes – und tatsächlich! Er lag deutlich unter unserem Limit, und von dem eingesparten Geld könnten wir für mich sogar noch ein oder zwei neue Schulbücher kaufen - oder die Gasrechnung bezahlen.
Prüfend musterte ich Ollivanders Gesicht. Manche Erwachsene trieben recht grausame Späße mit Kindern …
Ollivanders Gesicht schien völlig ausdruckslos. Er blinzelte nicht einmal, als er meinen misstrauischen Blick auf sich ruhen fühlte.
Ich wandte mich an Mutter. „Ich möchte dann doch lieber den anderen nehmen – den hier!“ Ich zeigte auf meinen Schatz. „Darf ich? Bitte!“ Ich hörte selbst, dass meine Stimme bedrohlich kippte.
„Natürlich, mein Liebling.“, antwortete Mutter erleichtert, und Vaters kräftige Hand drückte zustimmend meine Schulter.
„Also gut – soll ich ihn einpacken?“, fragte Ollivander.
„Nein!“, rief ich – und nahm endlich ganz behutsam und vorsichtig den, der für mich und nur für mich gemacht war, aus der Schachtel, um ihn sicher unter meinem Umhang zu bergen, während Mutter noch bezahlte und Vater mir mit einem seltsamen Ausdruck in den schwarzen Augen kurz mit seiner rauen Hand über die Wange strich.
Zwischen meinen Eltern, deren Hände ich vor Freude trotz meines gesetzten Alters von elf Jahren noch einmal wie ein Vorschulkind ergriffen hatte, schwebte ich förmlich aus "Ollivander - Gute Zauberstäbe seit 382 v. Chr." heraus in den strahlenden Sonnenschein dieses späten Augusttages. Die Zukunft stand weit, weit offen.
Natürlich ist mir viel später aufgegangen, wie geschickt und liebenswürdig Ollivander mich und meine Eltern austrickste und mir dieses Geschenk machte, ohne dass meine Eltern ihren Stolz aufgeben mussten. Mein Zauberstab ist und war der beste, und ich glaube nicht, dass ich heute unter all den Meisterwerken Ollivanders einen wirklichen Ersatz finden werde.
„Dieser Zauberstab war etwas besonderes, dass wusste ich schon, als ich ihn vollendet hatte - und er war für diesen kleinen Jungen, der heute als erwachsener Mann vor mir steht, bestimmt. Geld spielt niemals eine Rolle, nur Magie.“, bemerkt Ollivander leise und ohne mich anzusehen, während er mit steifen Knien aufsteht und beginnt, in seinen Schachteln zu kramen.
Ich schweige betreten. Ich kann meine Schuld noch immer nicht zurückzahlen, im Gegenteil, ich muss eine weitere hinzufügen.
„Ich kann nicht …“, beginne ich leise, doch Ollivander unterbricht mich kühl.
„Ich fertige niemals zweimal denselben Zauberstab an. Wir müssen also nach einem neuen Zauberstab unter meinen Werken suchen. Welcher könnte denn unter den nunmehr gegebenen Umständen …“
Ex ungue leonem.
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Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 16. Juli 2006 20:03 
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Traurig! Snief!

Ich mag deinen Ollivander genau so wie deinen Severus! Der Trick mit dem herabgesetzten Zauberstab war soo rührend!

Und Severus hört wieder sein Gewissen... Und kann trotzdem nichts tun, um es zu beruhigen!

Zitat:
Ich schweige betreten. Ich kann meine Schuld noch immer nicht zurückzahlen, im Gegenteil, ich muss eine weitere hinzufügen.
„Ich kann nicht …“, beginne ich leise, doch Ollivander unterbricht mich kühl.

mit diesem traurigen Kapitel gehe ich jetzt i die Ferien. Kleiner Trost: Ich habe deine wunderschöne Geschichte als Ferienlektüre dabei....

Schreib fleißig weiter, in zwei Wochen möchte ich am liebsten eine schlaflose Nacht haben!

Tschüüs und danke!


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Ungelesener BeitragVerfasst: 17. Juli 2006 20:49 
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Plz/Ort: ursus minor
[img]images/smiles/039.gif[/img] Schöne Ferien, Kathrina!

Zitat:
Ich habe deine wunderschöne Geschichte als Ferienlektüre dabei....


[img]images/smiles/book2.gif[/img] viel Spaß beim Lesen!

Zitat:
Schreib fleißig weiter, in zwei Wochen möchte ich am liebsten eine schlaflose Nacht haben!


Ich arbeite daran ... [img]images/smiles/024.gif[/img]

Ach ja, ehe ichs vergesse: Ollivander ist kein harmloser alter Zausel und hat's faustdick hinter den Ohren ...

So, jetzt geht es schon weiter:

Kapitel 20: To be or not to be

Wir gehen gemeinsam einige Zauberstäbe durch, doch zehn Zoll Trauerbirke mit Hippogreifklaue erweisen sich als zu nachgiebig, während der handliche Zwölfzöller aus Schwarzerle mit Phönixfeder zwar ausdauernd und biegsam ist, aber letztendlich einen Sprung bekommt – möglicherweise sind aufgrund der erst kürzlich überwundenen Krankheit meine magischen Kräfte noch immer schwer einzuschätzen.
So geduldig wie viele Jahre zuvor lässt sich Ollivander durch die Misserfolge nicht entmutigen, bis ich schließlich den Kerkerraum wieder einmal ins Chaos gestürzt habe und die zerlumpten Mitgefangenen, die uns anfangs nur zaghaft und aus den Augenwinkeln heraus Blicke zuwarfen, uns ganz offen interessiert, wenn auch aus sicherer Entfernung beobachten.
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht …“, murmelt Ollivander und reibt sich nachdenklich das Kinn, „Könnte vielleicht ein Zauberstab aus …?“ Der Zauberstabmeister lässt mich stehen und eilt zu einer Kiste, die anscheinend seit der Gründung von Ollivanders Geschäft im Jahr 382 v. Chr. verschlossen blieb, und öffnet den von einer fingerdicken Staubschicht und Spinnweben überzogenen Deckel. Zuoberst auf dem Seidenpapier liegt ein vertrockneter Zweig mit mumifizierten Beeren.
Ich nehme das vertrocknete Ding in meine Hand und betrachte es zweifelnd. „Dieses hässliche stechende Gestrüpp …?“
„… mit den giftigen Samen, ja. Man benutzte im Mittelalter dieses Holz, um Langbögen daraus zu bauen, die am meisten gefürchtete Waffe …“
„…bis zur Erfindung der Armbrust.“, vollende ich ironisch. Sogar ein Troll kann mit einer Armbrust schießen. Ich werfe den Zweig zurück in die Schachtel.
Ollivander wickelt derweil den Zauberstab aus dem Seidenpapier und legt ihn mir beinahe ehrfürchtig in die Hand.
Sofort durchläuft mich ein ganz unbeschreibliches Gefühl: unbesiegbar wie auf der Spitze eines nach langem Kampf bezwungenen Berggipfels, während mir die Welt zu Füßen liegt.
„Ja!“, flüstert Ollivander, „Das hatte ich …“
Er bricht ab und mustert mich schweigend aus diesen unergründlich blassen Augen.
Mein Mund ist ganz trocken und ich muss schlucken. Hat Meister Ollivander nun geahnt oder gefürchtet, dass mich dieser Zauberstab wählen wird?
Ich entscheide mich, keine Fragen zu stellen, deren Antwort ich nicht hören möchte.
Ich räuspere mich und schlage mit dem Zauberstab einen Bogen. Ein glitzernder Wasserfall sprüht hervor, der in dem düsteren Gefängnis ganz unvermittelt ein optimistisches Licht verbreitet. Unsere unfreiwilligen Zuschauer verharren inzwischen da, wo sie ihre Zwangsarbeit gerade beschäftigte, und betrachten mit schimmernden Augen das ungewöhnliche Schauspiel.
„Was ist das für ein Zauberstab?“, frage ich kühl.
Die Jammergestalten wenden sich ab und schlurfen mit den Postpaketen und ihren Sorgen beladen weiter.
Ollivander faltet akribisch das Seidenpapier aus der Schachtel zusammen und lässt es in eine Schublade gleiten.
„13 ¼ Zoll Taxus braccata mit Drachenherzfaser. Verursachte schon nichts als Ärger, als ich ihn gemacht habe – der ist mir tatsächlich ins Gesicht gesprungen, als ich ihn in die Drechselmaschine einspannen wollte!“ Er zeigt auf eine winzige Narbe unter seinem linken Auge.
„Tut mir leid.“, entgegne ich unsicher, obwohl ich wohl kaum etwas dafür kann, wenn mein Zauberstab sich störrisch benommen haben sollte – schließlich war ich, dem Staub auf der Kiste nach zu urteilen, bei seiner Herstellung noch nicht einmal geboren!
Um meine Verlegenheit zu überspielen, nehme ich auf gut Glück ein Stück von Naginis Schlangenhaut aus einer Dose, die ich beim Ausprobieren der inkompatiblen Zauberstäbe heruntergeworfen habe, und zupfe nervös an diesem Zusatz zum echten Zaubermittel herum, das uns Todesser vor Attacken der minderwertigen Zauberstäbe schützen soll.
„Jedem tut irgend etwas leid. Uns hier unten hilft das aber nicht.“ Ollivander nimmt mir die Dose mit Naginis Schlangenhaut aus der Hand und stellt sie zurück an einen leeren Platz im Regal, während sein Rücken eindeutig Missbilligung ausdrückt.
„Wenn ich irgendetwas für sie tun kann, Mr. Ollivander, zum Beispiel bessere Verpflegung oder …“ Ja, was eigentlich? Ich breche hilflos ab und versinke in der Betrachtung von Naginis abgestreifter Hülle.
Ich frage mich, welcher Schlangenart das Maskottchen des Dunklen Lords wohl angehört und zerkrümle interessiert die Schlangenhaut zwischen den Händen. Die Farbe löst sich ab und färbt meine Finger braun, und was unter der Deckschicht zum Vorschein kommt, sind baumschlangengrüne Schuppen. - Merkwürdig.
Ich lasse die Überreste der Schlangenhaut zu Boden rieseln und wische mir die Hände am Umhang sauber, bevor ich die Augen hebe und dem Blick des Zauberstabmeisters begegne, der mich mit einem angespannten Gesichtsausdruck mustert.
Ich gebe mir einen Ruck. „Also, wie kann ich ihnen und ihren Leidensgenossen ihr Schicksal erleichtern, Sir?“
Ollivander beugt sich vor und ergreift flehend meine Hand. „Retten sie uns, Severus! Rabastan Lestrange nimmt offensichtlich von ihnen Befehle entgegen …“, flüstert er verzweifelt. „Man wird uns alle umbringen, wenn man uns für die Zauberstabproduktion nicht mehr braucht! Helfen sie uns – oder wenigstens den Frauen! Bitte!“
Ich streife Ollivanders Hand von meiner. „Das ist leider unmöglich, Mr. Ollivander.“, entgegne ich ruhig. „Ich bin ein Todesser.“
Ollivanders sensibler Mund wird schmal.
„Wisst ihr, Severus Snape, was der, dem ihr dient, mit Florean Fortescue gemacht hat? Der hat sich nämlich geweigert, sein Eis mit Imperius-Zaubertrank zu versetzen! Die Söhne und Töchter von Leuten, die sich gegen den Dunklen Lord gestellt haben, sollten Floreans wundervolles Eis essen - und ihre eigenen Eltern angreifen!“
Ich schweige erschrocken, denn ich las von genau so einem Vorfall im letzten Jahr im Tagespropheten!
Ollivander lächelt bitterer.
„Ja, genau – eine Abscheulichkeit ohne Beispiel! Als Fortescue sich weigerte, dabei mitzuwirken, hat der, dessen Name ich vor Ekel nicht in den Mund nehmen mag, ihn in einen Minotaurus verwandelt, der jeden Menschen zerreist, der aus einer altmodischen Teetasse trinkt! Dein Herr hat uns gleich vorgeführt, was das bedeutet: ein Muggel musste aus der Tasse trinken, und der arme, sanftmütige und kinderliebe Florean hat in seiner fürchterlichen Monstergestalt diesen bedauernswerten Mann und alle, die mit ihnen zusammen in einer Zelle eingesperrt waren …“
Ollivanders Stimme bricht, und Tränen steigen in seine blassen Augen, als er sich abwendet und geräuschvoll in sein Taschentuch schnäuzt.
„Nein!“, flüstere ich, während der alte Mann sich das Gesicht mit dem Ärmel abwischt und tapfer um die Rückgewinnung seiner Fassung ringt.
„Oh doch!“, erklärt Ollivander mühsam beherrscht. „Also sagen sie mir nicht, was möglich oder unmöglich ist! Entweder sie helfen uns, oder sie sind keinen Deut besser als Rabastan Lestrange. Bitte, Severus!“
Ich erhebe mich steif.
„Tut mir leid, Ollivander. Sie verschwenden meine Zeit.“
Brüsk drehe ich mich auf dem Absatz um und rufe nach Lestrange, der mir die Gefängnistür öffnet, während sich die Blicke Ollivanders und seiner Mitgefangenen in meinen Rücken bohren.
„Meister Ollivander findet für jeden Zauberer den richtigen Zauberstab.“, bemerkt Rabastan unbekümmert und wedelt mir mit seiner Zeitschrift unter der Nase herum. „Guck dir die scharfe Braut hier an, Severus, mit der würde ich gerne …!“ Ungeschickt sperrt er hinter mir zu und klemmt meinen Umhang in das Türschloss, weil er gleichzeitig der anregenden Lektüre von „Sexy Hexy“ und seinen Pflichten als Wächter gerecht werden will.
Ich reiße meinen Umhang aus dem Türspalt und schlage Rabastan wütend die Zeitschrift aus der Hand.
„Konzentrier dich auf deine Aufgaben und schmeiß diesen Schund weg, Idiot!“
Rabastan schweigt erschrocken, denn er ist sich natürlich keiner Schuld bewusst. Er folgt mir verwirrt und in sicherem Abstand, nachdem ich ihn grob zur Seite gestoßen habe, um mit langen Schritten davonzueilen.
„Severus! Wie würde Dumbledore wohl handeln? - Sie sind unsere letzte und einzige Hoffnung!“, ruft Ollivander mir in tiefster Verzweiflung nach.
Rabastan dreht sich um und lacht.
„Severus Snape hat Dumbledore getötet – hat dir das noch keiner gesagt, Ollivander?“

Ollivander liegt mir wie Blei im Magen, und mir ist heiß als bekäme ich doch wieder Fieber. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, besuche ich einen alten Bekannten.
Crabbe mag zwar nicht der Allerhellste sein, aber er hat eine wundervolle Eigenschaft: Man kann ihn anschweigen, ohne das die Stille unangenehm ist, denn Victor Crabbe war noch nie ein großer Redner. Zudem befindet sich in seiner Nähe immer etwas Essbares, meist selbst gezauberte Süßigkeiten. Das ist übrigens das einzige Talent, das er jemals unter Beweis gestellt hat: Crabbe könnte mühelos seine Quietschkuchen, Lakritzschnorchel oder Traumcreme-Ecclairs verkaufen. Tatsächlich hat er einige Zeit als Aushilfe im Honigtopf gearbeitet – seine Kreationen waren bei der Kundschaft sehr erfolgreich, und man hatte meinem Freund bereits angeboten, ihn dauerhaft anzustellen - als er mir und Lucius zu den Todessern folgte. Ich wünschte, ich hätte ihn überredet, doch lieber bei seinen geliebten Süßigkeiten zu bleiben …
Crabbe ist bei den Todessern neben seiner Aufgabe als Stiefelknecht des Dunklen Lords – eine Arbeit, die selbst einen schlichten Menschen wie Victor nicht wirklich auszufüllen vermag - auch für den Nachschub der Lebensmittel- und Getränkebestände verantwortlich. Da Kopfrechnen nie zu Crabbes Stärken zählte, habe ich mir angewöhnt, hin und wieder in sein Büro hereinzuschneien und die Buchhaltung zu überprüfen. So konnte ich bereits Katastrophen wie die Bestellung von zwanzig Tonnen thailändischem Tafelsenf – nach Crabbes Aussage ein absolutes Schnäppchen – rückgängig machen und auch die Rechnung für die zehn Kilo Belugakaviar für Rabastans Geburtstagsparty frisieren, bevor der Dunkle Lord sie in die Hände bekam und meinen Freund einen Kopf kürzer machte.
Ich schaue in Crabbes Büro. Victor hat angestrengt die Stirn gerunzelt, die Zunge in den Mundwinkel geklemmt und addiert unter größter geistiger Anspannung eine Zahlenkolonne auf dem Zettel vor sich. An den Streichungen erkenne ich, dass er bereits dreimal vorher zu einem jeweils anderen Ergebnis gekommen ist.
Victor sieht auf und nickt mir mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu, als er mich erkennt.
„Schön, dass du wieder gesund bist, Sev! Hat dir die Elfe meine Grüße ausgerichtet?“
Ich schwinge mich auf den Besucherhocker, nehme ihm Rechnung und Schreibfeder aus der Hand und beginne, seine Arbeit nachzuprüfen. Mathematik ist im Gegensatz zu Moral so herrlich logisch und unkompliziert.
„Danke, Victor, deine Pralinen waren wie immer wunderbar. Ich weiß nicht, warum die Leute Kranken Blumen mitbringen – von deinen Süßigkeiten werden sie sicher viel schneller wieder gesund!“
Victor wird rot vor Freude, schiebt mir einen Teller mit Zimtzebras, Kokoskrokodilen und Nugatnashörnern hin und brüht Tee auf. Genau das, was ich jetzt brauche!
Schweigend rechne ich mich durch den Stapel an Papier und korrigiere hin und wieder mit dem neuen Zauberstab seine Fehler, während ich den heißen Tee, die Kekse und Crabbes stillschweigende Zuneigung aufsauge wie ein Schwamm. Es ist beinahe – aber leider eben nur beinahe – so, wie mit Dumbledore Tee zu trinken …
Victor Crabbe, Geoffrey Goyle und ich waren im selben Jahrgang und teilten uns zusammen mit Bartholomew Bottkins einen Schlafraum in Slytherin. Crabbe und Goyle schlossen sich schnell einander an, aber so geht es häufig mit den Schlusslichtern einer Klasse. Sie ließen mich völlig in Frieden, obwohl ich anfangs so meine Befürchtungen hegte und einen großen Bogen um sie machte. Beide waren nämlich schon als Erstklässler ungemein kräftig, und wenn sie eben solche Mistkerle gewesen wären wie Black und Potter, hätte ich wohl nichts zu lachen gehabt.
Eines späten Abends war ich auf dem Gang mit James Potter und Peter Pettigrew wegen des nächsten Quiddichspieles in Streit geraten, und Potter verhexte mich mit einem Flederwichtfluch. Ich revanchierte mich mit „Densaugeo“. Pettigrew, der hinter seinem Kumpel abgetaucht war, feuerte seine Flüche aus dieser sicheren Deckung heraus ab und hatte bereits einen unbekannten Fluch auf meinem linken Arm gelandet. Als Potter sich duckte, traf mein Gegenfluch Wurmschwanz mitten ins Gesicht, und sofort wuchsen dem hinterhältigen Dreckskerl passende Nagezähne.
Leider näherten sich in diesem Moment Schritte, die sich verdächtig nach McGonagall anhörten, so dass ich auf dem Absatz kehrt machte, um mich zu verdrücken. Ich war noch nicht weit gekommen, als mich ihre Stimme barsch aufforderte, unverzüglich zurückzukehren und den Aufruhr zu erläutern. Ich drehte mich in gespielter Ahnungslosigkeit um und sah zähneknirschend zu, wie Peter erst theatralisch in Tränen ausbrach und sich dann McGonagall an den Rockzipfel schmiss.
James Potter schien auf mysteriöse Weise vom Erdboden verschluckt.
Ich verzichtete wie üblich auf nutzlose Erklärungen zum Tathergang, wurde folgerichtig zum Nachsitzen verdonnert - natürlich am Samstag, natürlich während des Quiddichmatches gegen Gryffindor – und sollte für Argus Filch die Schulpokale polieren. Mit Muskelschmalz statt Magie, versteht sich.
Seufzend machte ich mich auf den Weg in meinen Schlafsaal, als ich bemerkte, dass der Arm, an dem mich Pettigrews Fluch getroffen hatte, irgendwie merkwürdig aussah. Etwas fehlte.
Da ich „Allgemeine Anatomie“ auswendig kannte, fand ich schnell die Ursache. Der menschliche Unterarm besteht aus zwei Knochen: Elle und Speiche. Der linke Snapesche Unterarm bestand nur noch aus Elle, die Speiche war verschwunden.
Ich glaube nicht, dass Pettigrew den Knochen mit Absicht weggezaubert hat, denn seine Schulleistungen waren kaum mittelmäßig - seiner Stecknadel im Verwandlungsunterricht fehlte die Spitze.
Ich wusste, dass Madame Pomfrey im Krankenflügel Skele-Wachs aufbewahrte. Darum schlich ich mich heimlich dort hin und nahm aus der Flasche einen kräftigen Schluck, der mir Mund und Rachen in Flammen setzte. Dann ging ich zu Bett.
Leider hatte ich versäumt, mich über Risiken und Nebenwirkungen des Knochenwachs-Trankes zu informieren, denn mein Arm fühlte sich an, als sei er mit Nägeln oder Glassplittern angefüllt. Ich drückte mein Gesicht in die Kissen und versuchte, nicht zu stöhnen, um meine Stubenkameraden nicht zu wecken und mir ihren Ärger zuzuziehen, bis ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter fühlte.
Ich erstarrte, drehte mich erschrocken um – und blickte in Victor Crabbes und Geoffrey Goyles harmlose Mondgesichter.
„Kannst du nicht schlafen, Severus?“, fragte Victor und wackelte unbehaglich mit den nackten Zehen.
„Wir nämlich auch nicht. Bottkins schnarcht mal wieder.“, ergänzte sein Kumpel Geoffrey Goyle und rollte verlegen den Saum seines Schlafanzuges auf.
Bottkins schnarchte immer. Sogar im Unterricht. Ich setzte mich auf und wischte mir schnell mit dem Ärmel des Pyjamas das nasse Gesicht ab - ich wollte nicht, dass die beiden mich für ein Mädchen hielten.
„Bottkins ist sicher ein Halbriese, so wie der sägt.“, entgegnete ich betont munter.
Victor Crabbe strahlte und hielt mir eine Schachtel mit Pralinen unter die Nase.
„Willste eine?“
Ich nickte und suchte mir eine in Kirschenform aus. Geoffrey Goyle bekam eine Mokkabohne. Meine Praline schmeckte nach Sommer und Ferien und reifen Herzkirschen – einfach himmlisch!
Crabbe grinste wie ein Mondkalb. „Schmeckt sie dir? Hab ich selbst gehext!“
Mir blieb die Schokolade irgendwo zwischen Kehlkopf und Speiseröhre hängen. Ich würgte sie trotzdem herunter, denn Ausspucken wäre wohl eine arge Beleidigung gewesen.
„Du?“, fragte ich so entsetzt wie ungläubig. „Glaube ich nicht!“
Victor schien daran gewöhnt, dass man an seinen Süßwarenzaubern zweifelte – zwar war sein Streichholz in „Verwandlung“ genauso wie das seines Freundes silbern überhaucht, aber trotzdem noch immer eindeutig keine Nadel – während wir anderen schon längst mit fortgeschrittenen Zaubern beschäftigt waren.
Als Antwort wedelte Crabbe elegant – ja, elegant! – mit dem Zauberstab, und ein in schillerndes lila Papier eingewickeltes Bonbon erschien aus dem Nichts, um mir in den Schoß zu fallen.
„Magst du Plopper? Hab ich grade erfunden!“, erklärte er stolz und gönnte seinem Kumpel ein pinkfarbenes Exemplar, das nach Himbeeren duftete.
Plopper hieß die Süßigkeit, weil sie auf der Zunge hüpfte, sprang und ploppte wie eine Horde Gummibälle und dabei so erfrischend prickelte wie ein Sprung in kühles Wasser.
„Du bist ein Genie!“, hauchte ich ehrfürchtig.
Victor Crabbe, das zu groß geratene Riesenbaby, lief tiefrot an.
„Das ist aber lieb, dass du das sagst. Geoffrey und ich hören sonst immer nur, wie blöd wir doch sind.“
Da hatte er Recht – Erfolgserlebnisse waren für die beiden äußerst dünn gesät.
„Stimmt doch gar nicht.“, log ich beschämt und dachte daran, dass ich Crabbe und Goyle insgeheim für die dümmsten Squibs seit Argus Filch hielt. Vielleicht war Crabbe ja das zauberische Pendant zu einem Idiot Savant?
Victor senkte den Kopf.
„Iss` schon wahr - aber Geoffrey und ich würden halt auch mal gerne was können …“
„Kannst du doch – Süßigkeiten herbeizaubern ist toll, und ihr müsst nicht einmal einen älteren Schüler bitten, euch welche aus Hogsmeade mitzubringen! - Kriege ich noch eine Praline? Die mit der Walnuss drauf?“
Ich bekam sie, und gemeinsam flohen wir vor Bottkins Sägemühlenschnarchen in den Gemeinschaftsraum, um die Nacht mit „Zauberschnippschnapp“ und „McGonagall explodiert“ totzuschlagen. Die Schmerzen im Arm konnte ich darüber beinahe vergessen …
Die nächsten Hausaufgaben für Zaubertränke, Verwandlung und Zauberkunst ließ ich die beiden abschreiben – natürlich in einer abgespeckten Version, schließlich konnten sie nicht über Nacht zu Superhirnen mutieren. Darüber hinaus brachte ich ihnen ein paar Muggel-Zaubertricks meines Vaters bei, der ein begeisterter Hobbyzauberer war und manchmal auf Kindergeburtstagen oder Betriebsfesten auftrat, um die Haushaltskasse aufzufüllen. Vaters Spezialität waren Tauschtricks, mit denen er Geldstücke hinter Ohren entdeckte, bunte Tücher von einer Manteltasche in die andere wandern ließ oder Kaninchen aus Zylinderhüten hervorzog – genau das, was meine beiden neuen Freunde brauchten, um nicht als Totalversager dazustehen! Auf diese Weise schlugen sich Victor Crabbe und Geoffrey Goyle bis zum Schulabschluss durch, und wenn sie mir bei meinem Gryffindor-Idioten-Problem hätten helfen können, wäre meine Schulzeit sicher erfreulicher verlaufen. Kostenlose Süßigkeiten und gemeinsamer Jubel über den Triumph der Slytherins beim Quiddichpokal waren aber auch nicht schlecht!
„Noch eine Tasse Tee?“, fragt der erwachsene Victor Crabbe freundlich, und ich schrecke aus Zahlen und Erinnerungen hoch. Die Abrechnungen sind jetzt tadellos in Ordnung; der Dunkle Lord wird mit seinem Verwalter zufrieden sein.
„Nein, danke. Bestelle doch bitte neues Butterbier und lasse mich durch eine Hauselfe rufen, sobald es geliefert wird. Beim letzten Mal haben sie dir saures Bier angedreht, es wäre schön, wenn sich das nicht wiederholen würde.“
Crabbe senkt beschämt den Kopf.
„Tut mir leid – aber du warst ja krank, und da konnte ich nicht …“
Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Schon gut. Ruf mich einfach, wenn die neuen Fässer kommen! Und wie immer machst du keine todsicheren Geschäfte mit windigen Vertretern, ohne mich vorher zu fragen - haben wir uns verstanden?“
Er nickt wie üblich enthusiastisch, wird meine Mahnungen aber beim nächsten glattzüngigen Gebrauchtbesenhändler wieder vergessen haben.
Crabbe führt mir noch seinen neuesten Kartentrick vor – er ist seit langen Jahren heimlich Mitglied im „Copperfield Club“, einem Hobbyzaubererverein der Muggel. Ich revanchiere mich damit, dass ich Victor seine Geldbörse zurückgebe, die ich ihm während unseres Gespräches aus dem Umhang gefingert hatte: Wenn ich mal auf der Straße landen sollte, kann ich mich immer noch als Taschendieb durchschlagen.
Ich verlasse Victor Crabbes Büro mit einer Überdosis Kekse und Tee im Bauch und fühle mich beinahe wieder wie ein Mensch.
Fortiter in re, suaviter in modo!
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun

Zuletzt bearbeitet von polaris am 12 Aug 2006 21:42, insgesamt einmal bearbeitet


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Ungelesener BeitragVerfasst: 21. Juli 2006 18:04 
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Kapitel 21: Briefe

Tricky, die Hauselfe aus dem Hause Black, erweist sich als gelehrige Schülerin ihrer ehemaligen Herrschaft: Sie ist unerbittlich in der Einhaltung meiner Übungen, so dass ich mich schnell erhole und meine Konstitution inzwischen so gut ist wie seit beinahe zwanzig Jahren nicht mehr. Ich werde bald darauf vertrauen müssen wie ein gewöhnlicher Muggel, denn in Askaban hilft keine Hexerei.
Es stellt kein Problem dar, auf andere als die von mir geplante Weise in das Zauberergefängnis hinein zu gelangen, indem ich mich beispielsweise einfach verhaften ließe. Allerdings hatte mein Gastspiel bei Rufus Scrimgeour und Dolores Umbridge die Folge, dass beide mein Abschiedsgeschenk recht persönlich nehmen: Rufus Scrimgeour hat es sich unter dem noch immer andauernden Einfluss des Veritaserums inzwischen mit dem Großteil aller Ministeriumsangestellten verscherzt, in dem er beispielsweise Arthur Weasley ein versponnenes Weichei nannte, dem es an der nötigen Härte gegenüber den Todessern ermangele, während Kingsley Shacklebold sich als Einfaltspinsel beschimpfen lassen musste, den scheinbar gar nichts aus der Elefantenruhe brächte.
Kingsley blieb gelassen wie immer, stellte jedoch heimlich den Lautsprecher des Ministers auf „Durchsage an alle Abteilungen“, so dass sich Scrimgeours rüder Rundumschlag über fast jeden Mitarbeiter des Zaubereiministeriums in Windeseile von einer vertraulichen Besprechung zu einem öffentlichen Ärgernis entwickelte. Letzten Informationen zufolge befinden sich seitdem die betroffenen Angestellten, sobald Scrimgeour nach ihnen verlangt, in permanenter Frühstückspause.
Dolores Umbridge scheint in St. Mungos keine Heilung für ihr Hautproblem, die Alte-Unken-Akne, gefunden zu haben, so dass sie nach der erfolglosen Konsultation von Avalon-Beraterinnen auf einen Sonnenbräunungszauber verfallen ist. Dieser bot leider auch nicht den gewünschten Effekt; Dolores Beine unter den Kleinmädchenröcken erinnerten anschließend stark an gegrillte Froschschenkel. Inzwischen ist die gute Dolores wohl zu einer obskuren Sekte übergetreten und erscheint neuerdings ganzkörperverschleiert zur Arbeit.
Summa summarum ist die Angelegenheit also nicht frei von Emotionen, und darum möchte ich doch lieber darauf verzichten, dem Zaubereiministerium noch mal in die Hände zu geraten. Dann doch lieber Trickys Sklaventreiberei …
Tricky ist heute in äußerst trübseliger und niedergeschlagener Stimmung, was ich daran erkenne, dass sie hin und wieder reflexartig in ihre Pose des kriecherischen Untergebenen zurückfällt. Ich nehme an, dass meine Hauselfe überarbeitet ist, aber sie lehnt das Angebot eines freien Wochenendes empört ab und erklärt, dass ginge gegen die Vorschriften. Als ich mich erstaunt zeige, dass es für Elfen überhaupt Regeln gibt, rollt sie ob dieser Ignoranz genervt mit den Augen und nimmt kommentarlos auf meinen Schultern Platz, während ich meine Liegestütze absolviere. Damit bleibt mir nicht mal genug Puste für die wüsten Beschimpfungen, die ich der undankbaren Hauselfe jetzt gerne an den Kopf werfen würde. Als sie mich dann endlich schadenfreudig mit „Ohne Schweiß für den Greis auch kein Preis!“ und „Was nicht tötet härtet ab!“ anfeuert, bin ich insgeheim froh, dass Tricky wieder die alte ist und nicht weiter Trübsinn bläst.
Der Hauselfe verdanke ich also, dass ich abends immer todmüde ins Bett falle und mich kaum aufraffen kann, meinen eigentlichen Aufgaben für den Dunklen Lord nachzukommen – beispielsweise der Vermögensverwaltung. Um meiner Bitte, Lucius Malfoy endlich aus Askaban herauszuholen, den nötigen Nachdruck zu verleihen, habe ich als sein Stellvertreter die Finanzen des Dunklen Lords ein wenig umgeschichtet.
Geld bringt keine Zinsen, wenn sich Goldberge nur nutzlos in Schatzkammern auftürmen. Die meisten der zusammengerafften Schätze hat Lucius Malfoy sehr klug und gewinnbringend investiert – natürlich nicht bei Gringotts, sondern in verschiedenen Wirtschaftsunternehmungen.
Ich versuchte mich auf ausdrücklichen Befehl des Dunklen Lords hin also in Anlagestrategie, bis Lucius Malfoy wieder aus Askaban befreit sein würde, und ließ mich dabei von meinem Freund Victor Crabbe beraten, der mir als todsicheren Tipp eine Zuchtfarm für Krokodilledertaschen empfahl. Sobald die Handtaschen, Portmonees und Koffer ausgewachsen waren, wurden sie verkauft, um mit ihrem Verschluss aus messerscharfen Krokodilzähnen sehr effektiv die Habseligkeiten ihrer neuen Besitzer zu bewachen – leider so effektiv, dass die Käufer nicht mehr an ihr Geld herankamen, ohne Gefahr zu laufen, ein paar Finger oder gar den ganzen Arm einzubüßen.
Die Beschwerden häufen sich in letzter Zeit, und das Geschäft erweist sich als ein echter Schlag ins Wasser (in welches sich viele der kleinen Krokodilledergeldbörsen samt Inhalt in einem unbewachten Augenblick via Toilettenspülung oder Abflussrohr auf Nimmerwiedersehen verabschieden konnten).
Meine Entscheidung, Humphrey Belcher eine zweite Chance zu geben, erwies sich ebenfalls als glücklos. Belcher ist trotz mehrerer Fehlschläge unverrückbar der Meinung, die Welt sei nunmehr endlich reif für Kessel aus Käse - doch ich fürchte, Dumbledore behält letztendlich Recht mit seiner Ansicht zu diesem Thema: „Es irrt der Mensch, so lange er strebt!“
Leider haben die Todesser auch noch nicht einen von Belchers Käsekesseln verkauft – aber Crabbe muss wenigstens für die nächsten siebenundneunzig Komma fünf Jahre keinen Aufschnitt mehr bestellen. Die rapide wachsende Fraktion der Käsehasser unter den Todessern droht allerdings mit Meuterei, falls nicht bald wieder „was Gescheites“ auf den Tisch kommen sollte.
Nebenher habe ich noch ein paar Überfälle auf Kunstgalerien, Museen und Schatzkammern organisiert, die unter meiner Regie, wenn auch ohne persönliche Mitwirkung vor Ort, in der Tat wie am Schnürchen und ohne jegliche Verluste abliefen. Die Beute wasche ich, in dem ich das Schwarzgeld in eine Firma stecke, die „I Scream: healthy and political correct company“, die an ihrer neuen Niederlassung in der Winkelgasse gesundes Eis verkaufen möchte: Rosenkohl- und Spinateis, Heringsorbet mit Erdbeersoße, Schokoladeneisbombe mit Zwiebelringfüllung, Lachsvanille usw.
Ein Schelm, der Arges dabei denkt - oder sich Florean Fortescue zurückwünscht …

Ein Lichtblick in meiner täglichen Mühsal ist Dracos Brief, den er mir in Gringotts Terminkalender hinterlassen hat. Er lautet wie folgt:

Sir,

es ist schön, endlich jemanden zu haben, dem ich mich anvertrauen kann. Vater ist ja immer noch in Askaban, und seine Post wird kontrolliert. Wer will da schon von persönlichen Dingen berichten? Mutter ist natürlich auch noch da, aber sie ist halt … nun ja, meine Mutter. Ich bin sicher, Sie verstehen das.

Ich verstehe durchaus.

Zuerst muss ich Ihnen aus der Schule berichten. Ich bin jetzt doch sehr froh, wieder hier bei meinen Freunden sein zu dürfen, denn ich fühle mich in Hogwarts zu Hause. Mehr sogar als in Malfoy Manor, obwohl ich das weder Mum noch Dad sagen würde. Vielen Dank, Sir, dass ich noch dieses letzte Jahr hier verbringen kann!
Crabbe und Goyle geben sich wirklich richtig Mühe, und Prof. Flitwick meinte, es könne vielleicht endlich klappen mit der Wiederholung der Wiederholung des ZAG! Goyle hat Professor Sprout mit einem echt tollen Schmetterlingszauber für die Blütenbestäubung der kratzigen Seegurke überrascht, also auch da ist Hoffnung! Jedenfalls nehmen meine Freunde in Kräuterkunde jetzt Nachhilfe – ausgerechnet bei Neville Longbottom, stellen Sie sich das vor!

In der Tat eine Überraschung! Bei mir jedenfalls hat Longbottom in fünf Jahren nicht einen einzigen anständigen Zaubertrank abgeliefert. Ich habe doch weiß Merlin alles Menschenmögliche versucht, damit sich dieser Trampel endlich mal zusammenreißt und sich auf den Unterricht konzentriert. Es ist mir offen gestanden ein Rätsel, wie Pomona dieses Wunder gelingen konnte!

Pantsy Parkinson und ich sind nicht mehr zusammen. Sie geht jetzt mit Blaise Zabini aus, weil sein achter Stiefvater (der siebte ist seit dem letzten Sommer im Bermudadreieck verschollen) nicht in Askaban sitzt, sondern in der Modebranche arbeitet. Blaise hat Pantsy versprochen, sie im nächsten Sommer auf das Cover von „Magic Woman“ zu bringen.
Naja, ich bin jetzt drüber weg, und so hübsch ist Pantsy auch wieder nicht!
Eigentlich finde ich Lavender Brown ganz nett, besonders, seit sie Ronald Weasley endlich in den Wind geschossen hat und sich für richtige Männer interessiert. Lavy und ich haben vorgestern den ganzen Nachmittag am See verbracht und über den Karottenschädel und seine Blutsverrätermischpoke abgelästert. Schade, dass Lavender in Gryffindor ist … Irrt sich der sprechende Hut vielleicht manchmal? Oder meinen sie, Sir, dass man sich auch in ein Mädchen verlieben darf, das im falschen Haus ist?

Ich denke zurück an Lily Evans mit den meergrünen Augen, in die ich seit dem dritten Jahr in Hogwarts heimlich verschossen war. Leider habe ich sie kurz nach den ZAG-Prüfungen ganz unverzeihlich vor allen anderen als Schlammblut bezeichnet, was sie mir zu Recht übel genommen hat. Als ich endlich genug Mut zusammengekratzt hatte, um mich zu entschuldigen, war sie ständig von einem Pulk kichernder Mädchen umgeben, und später ging sie dann ausgerechnet mit James Potter. Und noch später … nein, das gehört sicher nicht hierher!

Sir, jetzt aber endlich zu den Neuigkeiten, die IHN betreffen! ER ist natürlich der neue Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, obwohl die neue Direktorin, Professor McGonagall, anfänglich dieses Fach in Hogwarts gar nicht mehr unterrichten lassen wollte. Ron Weasley, die Feuerwanze, tönte zu Schuljahresbeginn überall herum, sein Vater habe auf der Hochzeit seines Bruders etwas von einer Warnung erzählt, die ein Mitglied des Phönixordens erhalten habe. Natürlich habe ich in SEINEM Auftrag McGonagall ausgefragt und ganz ahnungslos getan, aber die Direktorin wollte nicht recht mit der Sprache herausrücken. Die Sache hat wohl auch irgendwie mit einem ominösen Päckchen per Eulenpost an ihre Adresse zu tun. Ich habe leider nicht richtig verstanden, was sie meinte, aber mich auch nicht getraut, weiter nachzubohren; McGonagall hat mich nämlich schon so komisch von der Seite angesehen. ER wollte natürlich auch wissen, warum das Lehrerkollegium so misstrauisch ist. Natürlich hat ER es inzwischen geschafft, dass ihm alle aus der Hand fressen – außer Hagrid, Flitwick und McGonagall vielleicht, die immer noch zurückhaltend IHM gegenüber sind. ER und Slughorn (der hat nicht halb so viel Ahnung von Zaubertränken wie sie, Sir) sind inzwischen so richtig dicke miteinander.
Leider habe ich im Unterricht gar nichts davon, für IHN zu arbeiten. ER – er nennt sich jetzt übrigens Mr. Dorian Hide – bevorzugt Harry Potter ganz offen vor allen anderen Schülern und lobt ihn für jede Kleinigkeit! Ich habe mich natürlich darüber beschwert, aber ER meint, ich solle mich nicht so kindisch anstellen und den Mund halten. Wenn ich in SEINE Pläne hereinfunke, würde etwas Schreckliches passieren … Ich habe Angst bekommen und sage jetzt kaum noch etwas im Unterricht, auch wenn ER sich dauernd mit Potter über mich lustig macht. Sir, sie haben mir in der Höhle doch versprochen, dass meinen Eltern nichts passieren wird - bitte, sie müssen ihr Versprechen halten!

Keine Angst, Draco, das werde ich!

Mich tröstet nur, dass Potter sich inzwischen mit seinen Freunden völlig verkracht hat. Auch als Kapitän der Quiddichmannschaft von Gryffindor spielt er sich mächtig auf und macht sich unbeliebt mit seinem Ehrgeiz. Seinen Kumpel den Feuermelder hat er schon aus der Mannschaft geworfen, und der hängt jetzt immer mit Schlammblut-Granger herum. Weasleys Blutsverräter-Schwester, Brandy oder Ginny heißt sie, ist auch nicht mehr mit Potter zusammen. Darum sitzt Potter jetzt oft in SEINEM Büro herum, und die beiden tuscheln und lachen miteinander. ER hat Potter auch einen neuen Besen – einen Prototyp, echt toll! Wie der auf dem Spielfeld abgeht, dass müssten Sie sich mal ansehen! - und solche Sachen geschenkt. Aber ich bin doch ein Todesser und habe IHM immer treu gedient – warum schenkt ER mir nie sowas? Wenn Sie nicht wären, Sir, würde ER meinen Vater in Askaban versauern lassen!

Will ER Potter denn wirklich umbringen, und warum ist er dann jetzt so nett zu Potter? Ich kann diesen Schleimbeutel von einem Gryffindor nicht ausstehen, aber ich möchte auch nicht … Was ist denn an Potter nur so besonderes? Ich verstehe das alles nicht! Kann ich bitte mit Ihnen darüber sprechen, Sir? Im Dezember, an unserem Hogsmeade-Wochenende?

Ich finde das alles sehr verwirrend, und das letzte Jahr, in dem ich mit niemandem darüber reden konnte, dass ich Dumbledore ermorden sollte - es war schrecklich! Ich bin ja so froh, endlich jemandem von meinen Sorgen erzählen zu können. Crabbe und Goyle sind ja wirklich treue Freunde, aber kompliziertere Dinge als Schnürsenkelbinden kann man mit ihnen nicht diskutieren.

Mit den besten Wünschen für Ihre vollständige Genesung verbleibt

Draco Malfoy

Ich beieile mich mit einer Antwort auf Dracos Brief und lege eben die Feder aus der Hand, als mir der Gesichtsausdruck meiner Elfe auffällt. Sie ist nun schon seit Tagen schweigsam und manchmal regelrecht geistesabwesend, obwohl sie ihre Arbeit wie immer ohne Fehl und Tadel erledigt. Jetzt starrt sie, mit den Händen fest ihr grässliches Küchenhandtuch umklammernd, in die dicken grauen Wolken am Horizont vor meinem Fenster, die einen Wintersturm ankündigen. Anschließend nimmt sie wieder ihren Lappen zur Hand und poliert mit so wütender Intensität die Fensterscheibe, dass deren Glas inzwischen schon ganz dünn geworden sein muss.
Wenn ich jetzt mal von mir auf Tricky schließe – vor wenigen Wochen noch hätte ich jeden für verrückt erklärt, der Hauselfen auch nur eine Spur von Verstand zugebilligt hätte – so würde ich sagen, dass meine treue Elfe von Sorgen niedergedrückt wird.
Ich frage, ob Tricky mir nicht anstatt des sinnlosen Herumgefuchtels etwas über Amulettismus und andere Elfenzauber beibringen kann, aber ich merke schnell, dass sie nicht bei der Sache ist, denn über Haar vom Haupte und vom Barte des Propheten und seinen mächtigen Schutz vor Einsamkeit, Selbstzweifel und der Angst zu Versagen hat sie mir schon berichtet. Ich höre höflich und mit einem Ohr weiter zu und hoffe, dass sie das Gespräch wenigstens von ihren Sorgen ablenkt, bis sie von selbst mit der Sprache herausrücken will.
Aber worüber müssen sich Hauselfen überhaupt Gedanken machen? Über das korrekte Zusammenfalten von Oberhemden? Über die Zubereitung von hart oder weich gekochten Eiern? Hauselfen bekommen doch alles von ihrer Herrschaft gestellt, was sie zum Leben brauchen, müssen nie den harten Kampf ums täglich Brot ausfechten – alles in allem doch ein recht sorgloses, verantwortungsarmes und behütetes Dasein, auch wenn es zugegeben arbeitsreich ist. Aber was ist gegen Arbeit einzuwenden? Ich persönlich kann in einem solch wohlgeordneten Leben nichts Besorgnis erregendes entdecken.
Trotzdem ist es wohl notwendig, der Sache auf den Grund zu gehen – heut Nacht wird es wieder beinhart frieren, und da muss ich nicht bei kaputtem Fenster schlafen.
„Tricky, hör mit der Wischerei auf und hilf mir mit dem Einräumen der Zaubertrankzutaten!“
Gehorsam lässt Tricky den Lappen in den Putzeimer fallen wie eine heiße Kartoffel und eilt herbei, um die Zutaten aus der Kiste zu nehmen und die Regale nachzufüllen.
Nachdem wir eine Weile schweigend Seite an Seite gearbeitet haben, hebe ich prüfend ein Glas mit Salamanderaugen gegen das Licht, fixiere die tausend Augäpfel forschend und frage: „Was ist los, Tricky?“
Die Hauselfe fährt zusammen, als habe ich sie geschlagen.
„Ich weiß nicht, was der Herr meint!“, stammelt sie hektisch und verbeugt sich zitternd bis zum Boden.
Ich seufze.
„Können wir dieses Ritual nicht einfach überspringen, Tricky? Erzähl mir, was dich bedrückt, und ich werde sehen, was ich tun kann.“ Kann ja nicht so schwierig sein, hier ein paar häusliche Probleme aus dem Weg zu räumen, und ein Erfolgserlebnis wäre auch für mich mal eine Abwechslung.
Tricky schluckt heftig und würgt ihr Küchenhandtuch so heftig in den Händen, dass ich befürchte, sie zerreißt es bald.
„Es ist wegen meiner Großmutter.“, flüstert sie. „Übermorgen holt ihr neuer Arbeitgeber sie ab.“ Tricky nimmt ein Glas mit mumifizierten Kakerlaken aus dem Paket, um es ins Regal einzuräumen, und betrachtet den Inhalt mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck.
„Oh!“ Ich erinnere mich, dass derartige Transaktionen durchaus üblich sein sollen, und bis Sonntag bleibt Tricky und seinen Verwandten nicht viel Zeit zum Abschied.
„Wenn deine Großmutter hier bleiben möchte, warum hat sie sich denn überhaupt auf eine andere Arbeitsstelle beworben?“
Tricky zerquetscht das neue Glas mit den getrockneten Kakerlaken in ihrer Hand und achtet nicht einmal darauf, dass sie sich böse an den Scherben schneidet.
„Sie wurde an die Rackharrows verkauft! Die sind beinahe so schlimm wie die Blacks: Sie stopfen ihre alte Elfen aus und verwenden sie als Kleiderständer oder Hutablage!“
Ich erinnere mich finster an ein Portrait in St. Mungos, das Urquhart Rackharrow (1612-1697), den Erfinder des Eingeweide-Ausweide-Fluches zeigte. Der Mistkerl hat mich immer bei meiner Mutter verpetzt, wenn mir die nette Hexe am Auskunftsschalter mal wieder heimlich einen Schokofrosch zugesteckt hatte. Rackharrow bestand natürlich jedes Mal darauf, meine Mutter müsse augenblicklich seinen Fluch anwenden, um die illegal genossene Süßigkeit wieder aus mir herauszuholen. Zum Glück gab niemand etwas auf Rackharrows Gezeter … Ich fürchte, für Trickys Großmutter sieht die Zukunft nicht gut aus.
Ich nehme meiner wie versteinert dastehenden und dumpf ins Leere starrenden Hauselfe vorsichtig die Scherben aus der Hand und heile die Schnitte mit der Melodie von „Asectum Sempra“. Mein neuer Zauberstab ist übrigens unerwartet noch besser als mein früherer für diese Art von Arbeit geeignet.
„Vielleicht kann ich deine Großmutter ja freikaufen?“, frage ich hilflos. „Wie teuer ist denn eine Hauselfe?“
Tatsächlich habe ich auf diesem Gebiet so gut wie keine Ahnung. Abgesehen davon, dass sich meine Eltern nie eine Haushaltshilfe leisten konnten, hätten sie auch nicht im Traum daran gedacht, eine einzustellen. Wozu auch, wenn man gelernt hat, sich um sich selbst zu kümmern? Mir jedenfalls war schon Pettigrew äußerst zuwider, als ich meine Wohnung in Spinners End mit ihm teilen musste und er dauernd um mich herumscharwenzelte. Mir war irgendwie, als hätte ich Läuse … Brrr!
Als ich das Blut von der Elfenhand verschwinden lasse, um die Wundheilung zu prüfen, reißt Tricky sich zusammen, und ihr Blick gewinnt wieder an Schärfe. Während sie nach dem Handbesen greift, um die verschütteten Kakerlaken und die restlichen Glasscherben aufzufegen, nennt sie einen Kaufpreis für ihre Großmutter, der zwar durch meine Ersparnisse bei Gringotts abgedeckt wäre – aber an die komme ich ja nicht heran. Ich hätte vorher daran denken müssen, aber Geld erschien mir immer als das Geringste meiner Probleme - ein trauriger Witz.
„So viele Galeonen stehen mir nicht zur Verfügung, Tricky. Gibt es denn keine andere Möglichkeit - ich meine, wird deine Großmutter denn nicht gefragt?“
Meine Hauselfe mustert mich mit einer Mischung aus Herablassung, hilfloser Wut und Mitleid und kippt die aufgekehrten Ãœberreste der Zaubertrankzutaten mit einer heftigen Handbewegung in den hungrig aufgesperrten Rachen des Schluckschweins.
„Was wisst ihr eigentlich über Hauselfen, Sir?“, fragt sie bitter.
Ich lasse mir diese Frage lange und gründlich durch den Kopf gehen – und muss zu meiner Schande feststellen, dass ich an das Wohl und Wehe von Hauselfen bisher kaum jemals einen Gedanken verschwendet habe. Ich konnte noch nicht einmal eine von der anderen unterscheiden und sah auch keine Notwendigkeit darin; sie sahen in meinen Augen sowieso alle gleich aus. Hauselfen fanden in meinem Leben einfach nicht statt.
„Nichts.“, antworte ich schlicht in die zähe Stille hinein und wende mich wieder konzentriert dem Einräumen und Ordnen von Stumpfgalle, Speierling und getrocknetem grünen Knollenblätterpilz zu. Manchmal hilft es, die äußere Ordnung wiederherzustellen, um auch die innere wiederzufinden.
„Ich wünsche, dass du jetzt verschwindest, Tricky. Ich brauche Ruhe zum Einräumen, und du hast schon genug Schaden angerichtet. Ich will dich vor Montagmorgen nicht wieder irgendwo bei der Arbeit sehen.“, bemerke ich mürrisch und begutachte kritisch den traurigen Rest an Schaben, mit dem ich bis zur Nachlieferung jetzt auskommen muss.
Tricky hängt den Besen auf den Haken und schreitet mit steifem Rücken und völlig ausdruckslosem Elfengesicht zur Tür.
„Deine Großmutter und alle eure Verwandten sollen dir helfen, bis sie abgeholt wird – falls jemand fragt: das ist ein Befehl!“, rufe ich ihr nach.
Entgegen meiner Erwartung zieht Tricky die Tür sehr sanft ins Schloss.

Wie zu erwarten musste die Geduld des Dunklen Lords einmal zu Ende gehen – und genau das ist heute zusammen mit Rackharrow, der seine Ware abholen will, eingetroffen.
Das Schreiben des Dunklen Lords bestellt mich für das erste Wochenende im Dezember – dem Tag, an dem ich ein wenig früher Draco in Hogsmeade treffen werde – zum Rapport in die Große Halle ein, damit ich meinem Herrn „einige Informationen über den gegenwärtigen Stand der Dinge“ liefern kann.
Zwischen den Zeilen gelesen und in Klartext übersetzt bedeutet dies, dass mein Dumbledore-Bezwinger-Bonus jetzt endgültig aufgezehrt ist und der Dunkle Lord mir für meine angesammelten Eigenwilligkeiten, Fehlentscheidungen und mauen Ausreden die Rechnung präsentieren wird, und das vor versammelter Mannschaft. Wie hoch die Abrechnung ausfallen wird, und ob ich in der Lage sein werde, es ihm zurückzuzahlen – ich weiß es nicht.
Ich werde einen Zettel in die Schublade legen, damit Draco meine Bücher bekommt.
Bis Dezember sind es aber noch gute zwei Wochen – der Dunkle Lord genießt es zu sehr, seine Fische angstvoll am Haken zappeln zu lassen.
Ich starre hinaus in die vom Raureif überkrusteten Berge und tiefen Täler des schottischen Hochlands, die ein eisiger Nordpolarwind in den letzten Tagen mit Kahlfrost geschlagen und mit feinen Eisnadeln gespickt hat. Die wenigen Bäume ringen ihre gichtknotigen Äste gen Himmel, und auch am Tag wird es nicht mehr hell, geschweige, dass wir einen Sonnenstrahl zu sehen bekommen.
Mich bedrückt das Gefühl, ich schleppte den voll gepackten Rucksack, der in der Ecke bereits auf seinen Einsatz wartet, beständig mit mir herum, und immer wieder legt jemand noch ein weiteres Gewicht obenauf. Das letzte Stück des Weges zieht steil bergan.
Ich wende mich um und wickele den Umhang fester um mich. Nochmals ein Aufschub; nochmals geborgte Zeit wie seit beinahe sechzehn Jahren.
Bevor ich jetzt endgültig in Selbstmitleid ersaufe: Es hat ja auch Vorteile, eine Eintagsfliege zu sein. Ich streife die Drachenhauthandschuhe über und krame die Zigarillos Marke „Tod Händle“ aus der Kiste mit den lebenden Bandwürmern, wo ich sie vor Trickys Gesundheitsfimmel verstecke, denn selbst Hauselfen vermeiden es tunlichst, in dem glitschigen Gewürm herumzuwühlen. Während meiner Zeit als Lehrer in Hogwarts hatte ich die Zigarillos aufgegeben, denn nach der gegenwärtig herrschenden Meinung dürfen ja nur die bad guys rauchen. Nachdem seit letztem Sommer feststeht, dass ich wohl kaum wie mein Vater an Lungenkrebs krepieren werde, habe ich wieder damit angefangen.
Ich gieße ein Glas des allerbesten Elfenweines ein, zünde einen der tiefschwarzen Zigarillos an, mache es mir vor meinem Kamin gemütlich und ziele mit Rauchkringeln auf Fliegen, die beim Auftreffen bereitwillig von den Wänden fallen, während ich die Füße hochlege und mit dem Pergament des Dunklen Lords das Feuer in meinem Kamin nähre.
Als sich die Flammen fauchend durch das Pergament fressen, stelle ich mir genüsslich vor, wie der Schreiber der Zeilen …

For life is quite absurd and that's the final word
you must always face the curtain with a bow,
Forget about your sin give your audience a grin,
enjoy it it's your last chance of the hour
Always look on the bright side of death, <whistle>
and just before you draw your terminal breath <whistle>
Life's a piece of shit when you look at it,
Life's a laugh and that's the joke it's true
you'll see it's all a show keep 'em laughing as you go,
just remember that the last laugh is on you!

by Eric Idle, Monty Python comedian, “Live of Brianâ€


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2006 13:05 
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Kapitel 22: Der Einstieg

Am nächsten Morgen lässt Crabbe mich rufen, denn das frische Butterbier wurde geliefert. Auf dem Weg zu ihm renne ich Rabastan Lestrange auf dem Gang über den Haufen. Während ich ihm helfe, den Staub vom Umhang zu klopfen, erkundige ich mich höflich nach seiner neuesten Flamme, um das Gespräch unauffällig auf Ollivander umzuleiten und Rabastan zu überreden, den Zwangsarbeitern bessere Verpflegung zukommen zu lassen. Lestrange lässt sich breitschlagen und erlaubt mir, einige von den Käsekesseln für die Gefangenen abzuzweigen, aber das täte er nur für mich und wenn der Dunkle Lord dahinter käme, müsse ich den Ärger auf meine eigene Kappe nehmen.
Da es darauf ohnehin nicht mehr ankommt, nicke ich zustimmend, greife mir ein paar Käsekessel von der Frühstückstafel, eile hinab zu den Verliesen, dupliziere mein Geschenk mit einem Zauberstab und schiebe alles zusammen durch die Klappe, durch die Rabastan die Gefangenen mit Essen versorgt.
Als ich aufblicke, sehe ich Ollivander direkt ins Gesicht, der mich mit seinen blassen Augen regungslos mustert.
„Ich irre mich zuweilen. Aber noch niemals habe ich mich dermaßen geirrt wie in ihnen, Severus Snape.“, meint er kalt, spuckt vor mir aus und wendet sich ohne Dank ab, um mit den anderen mein äußerst mickriges Almosen zu teilen.
Nun, donnernden Applaus konnte ich wohl nicht erwarten.
Als Entschuldigung für seinen staubigen Mantel und zum Dank für das Entgegenkommen nehme ich Rabastan mit in Crabbes Büro und verspreche Lestrange ein Fass mit Butterbier für eine Spontanparty mit seinen besten Kumpels, während ich schnell den Lieferschein überprüfe und die Anzahl der gelieferten Fässer um eins nach unten korrigiere.
Nachdem Crabbe, Goyle, Rabastan und ich gemeinsam das Butterbier probiert haben – diesmal ist nur ein Fass von zweifelhafter Qualität dabei, dass ich natürlich an Rabastan loswerden will, der den Unterschied in seinem Bierkrug ohnehin nicht bemerkt hat – hilft mir Goyle, das Fass hinunter in Rabastans Zimmer zu bringen, wo die Party später „mit jeder Menge scharfen Hexen“ steigen soll.
Während Rabastan, Crabbe und Goyle sich über Körbchengrößen und Flirttipps austauschen, verbessere ich den Geschmack des Butterbier ein wenig, bevor ich weitere Kostproben ablehne mit dem Hinweis, dass wir gegen Mittag nach Askaban aufbrechen werden. Das enthebt mich sowie meine Freunde Crabbe und Goyle des weiteren Besäufnisses, denn sie haben zugesagt mir zu helfen und wollen abwechselnd den schweren Rucksack bis zum Fuß des Felsmassives schleppen, damit ich nicht schon völlig erledigt bin, bevor es überhaupt los geht.
Ich klopfe zum Abschied Rabastan kräftig auf die Schulter, wünsche ihm viel Spaß bei der Party und verabschiede mich bis zum nächsten Tag – wenn ich hoffentlich mit Lucius Malfoy zurückkehren werde.
Crabbe guckt verwirrt, als ich ihm den Bierkrug aus der Hand winde.
„Schluss jetzt! Wir haben zu tun.“
„Severus, was hast du Rabastan eben …?“
Ich würge seinen Protest ab schiebe ihn zusammen mit Goyle zur Tür hinaus– große Kinder eben, die lieber Spaß als Arbeit haben.
Nachdem ich nochmals die Packliste durchgegangen bin, um zu überprüfen, ob Tricky wirklich nichts vergessen hat – hat sie natürlich nicht – schultert Goyle den Rucksack, und wir machen uns auf den Weg, den Freund zu befreien, der in unserem Quartett und ganz besonders mir fehlt. Ich kann Draco gut verstehen: Die Crabbes und die Goyles dieser Welt sind treue und hilfsbereite Freunde – aber manchmal braucht man mehr als das.
Victor guckt mich ein wenig komisch von der Seite an, sagt aber nichts, während ich ihm und Geoffrey auf dem Weg durch das schottische Hochland erkläre, dass die beiden sich besser von der Party fernhalten, denn Rabastans Orgien sind legendär, zünftige Keilereien inbegriffen. Ich möchte nicht, dass meine Freunde in irgendwelchen Ärger hineinschlittern, wenn ich nicht da bin. Darum bitte ich sie, im Zelt am Fuße des Felsmassives auf Lucius und mich zu warten – die Rückkehrmethode wird Lucius gar nicht schmecken, denn sie ist sehr muggel, und Muggel kann mein Freund nicht ausstehen.
Ich grinse bei dem Gedanken daran, wie Lucius die Nachricht aufnehmen wird - doch ich bin zuversichtlich, der ehemalige Sucher der Slytherins wird es überleben.
Obwohl ein eisiger Wind uns beständig Schneekristalle ins Gesicht sticht hat Goyle vor Anstrengung einen hochroten Kopf, als wir kurz vor Sonnenuntergang am Fuße des Wasserfalles eintreffen. Erleichtert setzt er den Rucksack ab, und gemeinsam starren wir den zu bizarren Eissäulen erstarrten Wasserfall hinauf.
Normalerweise tosen hier Wassermassen und spülen in Sekundenbruchteilen jeden aus dem Felsen, der den Aufstieg waren wollte. Oberhalb des gefrorenen Wasserfalles ragen spitze Felszacken aus dem Neuschnee, die es zu überwinden gilt, sofern mich nicht ein Schneebrett löst oder eine Lawine mich hinab ins Tal reißt. Aber erst auf der Spitze des Felsens folgt der schwierigste Teil der Kletterei: – das Zauberergefängnis Askaban mit seinen glatten Mauern, schmalen Fugen und den wie schreiende Münder klaffenden Zellenfenstern. Dieser Teil ist wie das ganze Jahr über als Schutz vor neugierigen Augen in dichten grauen Nebel gehüllt, der die Gefangenen tagaus tagein aus ihren unvergitterten Fensterlöchern auf eine bleiern graue, triste Wand blicken lässt. Aber die Gefangenen sollen ja auch nicht das Ambiente des schottischen Hochlandes genießen, sondern ihre mannigfaltigen Sünden abbüßen.
Während meine Freunde mir in die Steigeisen helfen, denke ich mit einem Knoten in den Eingeweiden an jenen schrecklichen Tag zurück, an dem ich dachte, ich würde in Askaban den Rest meiner Tage unter der Knute der Dementoren verbringen müssen. Mir war klar, was mich erwartete: In der geschlossenen Abteilung von St. Mungos gab es ein paar bedauernswerte Seelen, die während der Gefangenschaft in Askaban den Verstand verloren und nach ihrer Entlassung nicht den Weg zurück ins Leben fanden, sondern wie Gemüse dahinvegetierten. Doch im Gegensatz zu den stummen Mündern waren ihre Augen beredt. Mir grauste vor Dementoren mehr als vor allen anderen Wesen der Zauberwelt.
„Du zitterst ja.“, bemerkt Goyle, als er mir hilft, den Handschuh durch die Schlinge des Eispickels zu schieben. „Hast du Angst?“ Er legt mir seine bärentatzengroße Hand auf die Schulter und schaut mir forschend ins Gesicht.
„Nein. Mir ist kalt.“
„Du lügst.“, stellt Crabbe ruhig fest und hilft mir, den Rucksack aufzuziehen. „Das musst du nicht, Severus. Wir verstehen, was Angst ist.“
Ich seufze. In intellektuellen Dingen kann man ihnen jederzeit das Blaue vom Himmel lügen, was Gefühle angeht sind sie jedoch so sensibel wie Fährtenhunde.
„Ja, ich habe Angst. Na und?“, fauche ich weit heftiger als beabsichtigt.
Meine Freunde tauschen einen Blick, den ausnahmsweise ich einmal nicht verstehe.
„Du hast immerzu Angst, Severus. Warum?“, fragt Geoffrey.
Ich fummle an dem Knoten herum, der mein Klettergeschirr mit dem Karabiner am Seil sichern wird. „Das ist kompliziert.“
Crabbe macht ein enttäuschtes Gesicht. „Ach so. Wir sind zu dumm.“ Er klingt nicht im Mindesten vorwurfsvoll dabei, und das macht mir die Sache doppelt schwer.
„Nein. Darum geht es nicht … Ich bin hier der Idiot, und ich versuche gerade, alles wieder hinzubiegen. Versteht ihr, was ich meine?“
Beide starren mich ratlos an, bis Crabbe sich räuspert und mir ein paar Hitzedrops mit Chiligeschmack in die Jackentasche steckt.
„Nein, wir verstehen nie etwas. Aber das macht nichts, wir haben ja dich! Wir vertrauen dir.“
Goyle zieht einen flachen Umschlag aus seiner Tasche, nimmt etwas kleines, schillerndes heraus und stopft dann den Umschlag zu den Eis- und Felshaken, den Seilen und dem anderen Kram in den Rucksack.
„Da sind Eisschmetterlinge drin. Lass sie frei, wenn ihr im Tal angekommen seid. Victor und ich holen euch ab und begleiten euch nach Hause.“ Er öffnet die Hand, und in der riesigen Pfote sitzt ein filigranes Wesen mit hauchzarten Flügeln wie Eisblumen. Der Eisschmetterling wackelt ein paar Mal mit den Flügeln, bevor er sich wie ein Windhauch in die Lüfte erhebt und davongaukelt.
Ich frage mich zum tausendsten Mal, warum ein grober Klotz wie Goyle ausgerechnet für so filigrane und poetische Dinge wie Schmetterlinge, Seifenblasen und Blüten ein Händchen hat - und sonst für gar nichts.
„Danke.“, murmle ich heiser. „Ihr seid …“
„Dick und doof.“, antwortet Victor, und Geoffrey haut mir auf den Rücken, dass ich in den Knien einknicke. „Hol Malfoy raus aus Askaban! Wir warten im Tal!“
Ich schaue ihnen nach, bis sie um die Wegbiegung verschwunden sind, und gebe mich an den ersten Teil des Aufstieges durch die gefrorenen Wassersäulen hinauf zu meinem Freund Lucius.

Klettern ist wider allgemeinem Irrtums keine brutale Kraftmeierei, sondern eine Sache der Balance. Zwischen Himmel und Erde, Erfolg und Niederlage, Leben und Tod liegt immer nur ein schmaler Sims, ein winziger Griff, dein Mut, dein Können. Gleichgewichtssinn, Geschicklichkeit und Kreativität sind gefragt. Meine Familie konnte sich teure Urlaubsreisen nie leisten, aber wir sind jedes Jahr in den Sommerferien zum Zelten nach Schottland gefahren, wo wir in den Seen schwammen oder durch die Berge wanderten. Mein Vater, ein begeisterter Kletterer, nahm mich mit acht Jahren das erste Mal mit auf einen richtigen Berg, und ab da war es um mich geschehen: Zuerst gingen wir gemeinsam; später, als Vater zu krank war, um mich zu begleiten, tat ich mich mit anderen Muggeln zusammen, sofern ich nicht allein klettern wollte. Alle Ferien, die ich nicht als Aufsicht in Hogwarts benötigt wurde, verbrachte ich auf Touren durch die Alpen, die Rocky Mountains, in den Anden oder sonst wo.
Natürlich wusste niemand davon – nur Albus Dumbledore, dem ich meinen Aufenthaltsort für eventuelle Notfälle natürlich mitteilen musste. Erstaunlicherweise hat mich außer Pomona Pomfrey noch nie jemand gefragt, warum ich immer so blass bin – dass kommt von dem Sombrasol-Zauber, den ich selbst erfunden habe und der als einziges Mittel wirklich gegen Gletschersonnenbrand hilft. Der verursacht nämlich nicht nur heftige Schmerzen und sich abschälende Haut, sondern veranlasst die Leute auch zu lästigen Fragen - und Klettern ist sehr muggel. Selbst Dumbledore hat nie verstanden, warum ich auf einen Gipfel nicht einfach appariere und anfangs sogar von mir verlangt, ich solle den Zauberstab mitnehmen!
Das mache ich nie. Ich lasse den Zauberstab zu Hause in Hogwarts, weil ich sonst nachlässig werde gegenüber den Gefahren des Bergsteigens. Außerdem können unter Stress magische Menschen auch ohne Zauberstab zaubern: Ein Kamerad, der auf einem Schneebrett ins Rutschen geriet und über den Gletscherrand in die gähnende Tiefe zu stürzen drohte, blieb urplötzlich einen Meter vom Rand entfernt mit dem Rucksack hängen … Glück gehabt!
So vertraue ich mein Leben und Lucius Freiheit also den anderthalb Zentimetern Stahl an, mit denen sich die Zacken meiner Steigeisen und die Spitze des Eispickels ins Eis bohren, und gerate über die Bewegung bald in jenen meditativen Zustand, in dem die Gedanken sich wie von selbst ordnen und all die Dinge, die uns sonst unten am Boden niederdrücken, so unwichtig erscheinen. Wenn man unachtsam ist, kann jeder Schritt der letzte sein, aber du befreist dich von der Angst und schwebst darüber wie ein Adler über dem Abgrund – und daran, dass ich hier ganz untypisch ins Metaphysische verfalle erkennt man, wie sehr ich es vermisst habe, denn die Todesser verachten ganz offen alles, was muggel ist. Allerdings werden meine Muggeleigenschaften Lucius jetzt schon zum zweiten Mal retten.
Während ich mich über einen Serac - eine instabile Säule aus gefrorenem Wasser - nach oben kämpfe und auf die feinen Risse und Lufteinschlüsse Acht gebe, die Instabilität und Gefahr verheißen, denke ich daran, wie ich Lucius Malfoy kennen gelernt habe. Am Anfang sah es nämlich gar nicht nach lebenslanger Freundschaft aus …
Nach dem Schulabschluss bewarb ich mich in St. Mungos auf eine Ausbildungsstelle als Heiler. Weil ich in fast allen Fächern einen UTZ mit „Ohnegleichen“ aufweisen konnte, wurde ich angenommen. Leider war der Lohn für die endlosen Stunden Bereitschaftsdienst am Stück recht mickrig, aber die Wochenendschichten versprachen eine Zulage. So konnte ich es mir auch nach Vaters Tod leisten, meine Mutter weiter in St. Mungos auf einer Privatstation pflegen zu lassen. Sie hatte sich an einer verseuchten Patientengeldbörse mit Verschwinditis infiziert. Die Berufsgenossenschaft knauseriger Kobolde verzögerte jedoch bereits seit zwei Jahren die Anerkennung als Berufskrankheit, und Heiltränke für Verschwinditis sind sehr teuer. Aber St. Mungos kam mir entgegen, und ich schob im Gegenzug Überstunden, so weit es die Lernerei zuließ.
Im ersten Halbjahr als Heiler im Praktikum teilte ich mir mein Zimmer mit Hippocrates Smethwyck, der seine Abschlussprüfung wiederholen musste, weil er im Fach „magische Bissverletzungen“ durchgefallen war. Wir verstanden uns prima und lieferten einander packende Schachduelle, bei denen ich stets die schwarzen und Hippo die weißen Figuren zog. Ich blieb fast immer Sieger, weil mein älterer Kommilitone sich jedes Mal vor Unbehagen wand, wenn die Figuren mit ihren winzigen Waffen aufeinander eindroschen. Er war darum sehr auf Konfrontationsvermeidung bedacht und vernachlässigte den Angriff. Ich hatte solche Bedenken nicht und gewann folglich mit höherer Wahrscheinlichkeit.
Nachdem Hippocrates seine Prüfung dann doch bestanden hatte, bekam ich einen neuen Mitbewohner. Er war hoch gewachsen, gut aussehend, umwerfend elegant gekleidet und warf sogleich lässig seinen Umhang und den von einer silbernen Schlange gekrönten Gehstock, das Standeszeichen der Zauberadvokaten, auf das freie Bett.
„Ich habe grade meinen Magister an der Akademie für internationales Handelsrecht auf den Cayman Islands bestanden und bin jetzt Assessor bei der Oberfinanzdirektion hier ganz in der Nähe.“, stellte er sich vor. „Nur noch die Prüfungen in magischem Mauscheln und Zinswucher und ich trete in die Anwaltskanzlei meines Vaters ein. Sie kennen vielleicht die Malfoy, Greedy, Guilty & Scrooge Incorporated in der Threadneedle Street? Ich bin Lucius Malfoy.“ Er reichte mir zur Begrüßung die Hand.
„Severus Snape.“, sagte ich und erwiderte den Händedruck.
Malfoy hielt meine Hand fest und fragte: „Einer von den Snapes aus Brockham Palace oder aus dem Northumberland-Zweig der Familie?“
Malfoy ist ein Reinblütername, und da ist jeder irgendwie mit jedem verwandt.
„Von den Snapes aus Spinners End.“, gab ich kühl zurück. „Ich habe nur entfernte Cousins in Sheffield und Liverpool.“
Malfoy ließ meine Hand los, als sei sie eine heiße Kartoffel.
„Ich hoffe, man hat mutet mir nicht zu, das Zimmer zu teilen mit einem ...!“
Ich grinste zynisch und verzichtete auf eine Rechtfertigung. Sollte der Angeber doch denken was er wollte.
Mit leisem Bedauern dachte ich daran, dass die freundschaftlichen Schachspiele und das gegenseitige Ausleihen von Fachbüchern jetzt wohl passé seien und verzog mich in meine Zimmerhälfte. Den gemeinsamen Schreibtisch räumte ich so um, dass Malfoy genau die Hälfte an Platz blieb. Das Schachspiel, dass Hippocrates mir zum Abschied geschenkt hatte, würde ich später wegräumen. Wehmütig machte ich den Eröffnungszug, den ich als nächstes ausprobiert hätte, wenn …
Als ich am nächsten Abend völlig abgenervt vom Dienst auf der Station für ansteckende und erbliche magische Krankheiten heimkehrte, hatte sich mysteriöser Weise ein gegnerischer weißer Bauer ebenfalls bewegt. Ich beschloss, einfach mal weiterzuspielen – mal sehen, ob sich was ergeben würde …
Malfoy erwies sich zum Glück nicht als Chaot wie Hippocrates, der ständig und überall Kaffeetassen herumstehen ließ und niemals eine Zahnpastatube zuschrauben konnte, sondern er hielt seine Zimmerhälfte ebenso penibel sauber und aufgeräumt wie ich. Der Junganwalt und angehende Finanzmanager widmete sich anscheinend sehr erfolgreich seinen Geschäften, denn an Geld schien es ihm nicht zu mangeln, wie seine exzellente Kleidung und die ausgesuchten Designermöbel verrieten, die bald Smethwycks zusammengeklaubtes Sammelsurium ersetzten.
Malfoy und ich ignorierten einander konsequent, was beiden bei unserem Arbeitspensum nicht schwer fiel. Nur einmal gerieten wir aneinander, als ich Malfoy verdächtigte, in meinen Büchern herumgestöbert zu haben, die ich mir für die nächste Vorlesung in „ansteckende und erbliche magische Krankheiten“ am nächsten Morgen zurechtgelegt hatte. Ich war mir jedoch sicher, Linda Wurms „Drachenpocken & Schweißsocken – moderne Stigmata“ lag auf Anastasia Zarewitschs Werk „Erbkrankheiten der europäischen Fürstenhäuser“ - und nicht darunter. Lucius Malfoy stritt natürlich alles ab, doch ich war überzeugt, dass er heimlich in meinen Sachen herumstöberte. Was er da zu finden suchte, das er nicht selbst schon besaß, blieb mir allerdings ein Rätsel.
Unsere stillschweigende Schachpartie, bei der wir den jeweils nächsten Zug in Abwesenheit des anderen ausführten, nahm bald die Ausmaße einer Schlacht an: Wir waren gleich stark, gleich rücksichtslos, gleich vorausschauend. Allerdings sah Malfoy nicht ein, dass man auch die eigene Königin opfern muss, um den König zu schützen, und so gewann ich die erste Partie von vielen, die noch folgen sollten.
Malfoy kippte seinen König und räumte kommentarlos mit seiner Freundin Narcissa das Feld, als ich am Tag nach seiner Niederlage todmüde von einer Doppelschicht heimkehrte und in ihr Tete-a-tete platzte.
Das nächste Duell entschied Malfoy für sich, und ich schlief auf einer Parkbank, während in unserem Zimmer die Eulenpost abging. Bis zum Winter musste meine Spielstrategie unbedingt verbessert werden.
Mein Studium lief hervorragend. Ich lieferte mir mit Bozo Brute ein hartes Rennen um den Platz des besten Heilers im Praktikum, denn dem Jahrgangsbesten war nach Abschluss der Prüfungen eine Stelle garantiert. Brute war ein Muggel und der Sohn des Direktors von St. Brutus, der Anstalt für unheilbar kriminelle Jungen. Bozo Brute aus Gryffindor verdankte seinen Studienplatz zwei Eigenschaften: Zum ersten war da seine Fähigkeit zur wortwörtlichen Reproduktion von angelesenem Wissen, das sich bis heute in Umfang und Qualität nur mit dem Können von Miss Oberschlau Hermine Granger messen kann. Die zweite lag im Reichtum seines Muggelvaters, der ihm die Türen zu den angesehensten Bibliotheken der Zauberwelt verschaffte und Bücher zugänglich machte, von denen andere Praktikanten nur träumen durften. Darüber hinaus finanzierte Brute Senior die Neugestaltung des Zugangsbereiches von St. Mungos über die neue Schaufensterdekoration der Reinig & Tunkunter GmbH, um die kreativen Defizite seines Sohnes in der Aufnahmeprüfung auszugleichen.
Bozo lieferte immer hervorragende Studienarbeiten ab und nutzte clever das Geld seines Vaters, um sich um unangenehme und schmutzige Aufgaben zu drücken und am Ende den Ruhm der Arbeit anderer zu ernten, während sein Team sich mit den Brosamen zufrieden geben musste. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten die Heiler im Praktikum, Brute ließe Semesterarbeiten, die sich nicht auf passive Wissensreproduktion beschränkten und eigene Ideen erforderten, von etablierten Heilern gegen Honorar schreiben. Ich zog daraus den Schluss, lieber nicht in Bozos Arbeitsgruppe eingeteilt zu werden, sein hilfsbereit vorgetragenes Angebot, meine Arbeit zu korrigieren, da ich mich seiner Ansicht nach in einigen Punkten irren müsse, höflich aber bestimmt abzulehnen und meine Ausarbeitungen konsequent vor seinen neugierigen Blicken zu schützen. Die Resultate gaben mir Recht: Ich erhielt immer die Höchstnote „Besser gehts nimmer“ vor Bozos „Ganz hübsch“. Kreativität schlägt eben pures auswendig lernen um Längen.
So plätscherte denn mein Leben unspektakulär vor sich hin, bis wir unsere die Aufgabe für die Abschlussprüfung erhielten: eine umfassende Studie über Drachenpocken.
Ich stürzte mich in den ersten Teil der Arbeit und recherchierte, wie der aktuelle Stand der Magie bei dieser Krankheit aussah: Drachenpocken traten ausschließlich bei männlichen Reinblütern auf. Man kann sich die Krankheit entweder durch Übertragung vom infizierten Vater auf den ungeborenen Sohn oder durch - nun, nennen wir es unübliche – Sexualpraktiken zuziehen. Aus diesem Grunde haftete der Krankheit ein Stigma an, das Geständnis, man leide an Drachenpocken war ein absoluter Gesellschaftskiller und von ähnlichen Auswirkungen begleitet wie früher die Lepra. Natürlich versuchten die Betroffenen alles, um das Geheimnis so lange wie möglich verborgen zu halten, war der Drache aber erst einmal aus der Höhle gekrochen, weil sich die verräterischen Krankheitszeichen der fortschreitenden Verschuppung nicht mehr verbergen ließen, schuhuten es bald die Eulen von den Dächern. Der Ausbruch der Drachenpocken konnte nach jahrzehntelanger Karenzzeit erfolgen, ohne das die Infektion offenbar wurde, so dass Väter munter kranke Söhne in die Welt setzten und deren Leben ruinierten, bevor es begonnen hatte.
Der zweite Teil der Abschlussufgabe war schon ein wenig anspruchsvoller: Wir sollten eine alternative Heilmethode vorschlagen, den bisher gab es keine Möglichkeit, die Krankheit wirksam zu bekämpfen.
Die bisherigen Therapien waren allesamt denkwürdig. Ein Dr. Eisenbarth aus Deutschland empfahl zu Beispiel folgende Vorgehensweise:

„Zu Ulm kuriert' ich einen Mann,
dass ihm das Blut vom Beine rann;
er wollte gern entdrachpockt sein,
ich impft's ihm mit dem Bratspieß ein.“

Andere empfahlen, täglich zwei Stunden in Aalaugen zu baden, reichlich Knoblauch zu essen und beim Ausgehen immer eine geblümte Badekappe und Ringelsocken zu tragen; eine Therapie, die wahrscheinlich die ohnehin spärlichen sozialen Kontakte des Kranken auf Null reduzieren dürfte.
Ich grübelte lange Zeit darüber nach und kam schließlich zu dem Schluss, dass eben die Reinbluteigenschaft die Krankheit begünstigte. Falls es gelänge, kurzzeitig das reine Zaubererblut gegen das eines muggelstämmigen Zauberers auszutauschen bzw. es mit Muggelblut zu mischen, könnte dies eine Heilung bedeuten. Ich rechnete alles mehrfach durch und kam zu dem Schluss, dass ich tatsächlich eine Heilung für die Geißel der reinblüter gefunden haben könnte.
Natürlich würde den Betroffenen, die sich durchweg einiges auf ihre reinblütige Herkunft einbildeten – der arrogante Lucius Malfoy war geradezu ein Paradebeispiel dafür - diese Behandlungsmethode nicht schmecken, aber Medizin, die hilft, schmeckt immer bitter. Natürlich musste die Wirksamkeit meiner Methode erst in langwierigen Tests und Versuchen überprüft werden, aber in vier oder fünf Jahren … Ich grinste vergnügt bei dem Gedanken, mein Portrait könne vielleicht irgendwann mal neben dem von Urquard Rackharrow im St. Mungos aufgehängt werden. Sogar meine durch die Konzentration auf das Studium bedingte verheerende Niederlage im Schach gegen meinen Zimmergenossen nahm ich mit Gelassenheit hin: Bald konnte ich jederzeit sagen: Parkbank und Armut ade – ich würde beide nicht vermissen!
Bozo Brute hatte nichts dergleichen aufzubieten. Der erste Teil der Aufgabe, die Recherche des bereits Bekannten, war unzweifelhaft wie immer lückenlos und brillant – allein, der zündende Funke für einen Heiltrank oder einen Gegenfluch wollte Brute nicht aufleuchten. Bereits mehrfach hatte er mich auf die eine oder andere Weise auszuhorchen versucht und mir schließlich sogar „ein hübsches Sümmchen“ für meine Ideen angeboten, aber ich lehnte ab. Ich wollte als bester Heiler im Praktikum abschließen, die versprochene Stelle bekommen – Geld, Ruhm und Karriere würden folgen, da war ich absolut zuversichtlich. Als ich Bozo endlich dabei erwischte, wie er Malfoys und meinen Türschließzauber zu knacken versuchte, platze mir der Kragen, und ich hexte ihm Dermatounka auf den Hals – nur auf den Hals begrenzt, versteht sich. Da er bis auf den heutigen Tag ausschließlich Rollkragenpullis trägt, weiß ich übrigens, dass ein Gegenmittel für Lurchakne recht schwierig zu finden ist.
Ich arbeitete härter als je zuvor und verbrachte viele Stunden mit der Überlegung, wie man nun Muggel- und reines Zaubererblut am besten miteinander vermischt, um die Heilungschancen zu optimieren. Die Muggelwerke, die ich in meiner Kindheit gerne gelesen hatte, erwiesen sich dabei als recht hilfreich. Über all die Arbeit im Hospital und meinen Studien sickerte es nur langsam in mein Bewusstsein, dass sich mein Zimmergenosse Lucius Malfoy zunehmend merkwürdig benahm.
Zuerst blockierte er Stunden über Stunden das Badezimmer. Ich schimpfte über seine Eitelkeit und machte ihm die Hölle heiß, wenn ich zur Arbeit musste und er offensichtlich nicht müde wurde, sein gülden Haar vor dem offenen Spiegel zu bewundern wie ein Mädchen, doch Malfoy ließ sich nicht beirren und schloss sich stundenlang ein, so dass unser fragiler Friede massiv gestört wurde.
Dann machte er mit Narcissa Schluss – oder sie mit ihm – und der von allen bewunderte, smarte Junganwalt welkte vor lauter Liebeskummer dahin wie eine Primel, die man zu gießen versäumt hat. Er schwänzte die Arbeit, vernachlässigte seine Kleidung, beleidigte seine Freunde und brütete stundenlang über obskuren Wälzern, deren Einbände er unkenntlich gemacht hatte, damit niemand erkennen konnte, was er las. Ich schloss daraus, dass es sich um schwarzmagische Werke handeln müsse, aber die haben in der weißen Heilkunst keine Bedeutung. Ich interessierte ich mich nicht weiter für Malfoys Lektüre und Lebensführung, bis …
Eines Tages hatte ich zu Hause einen Zaubertrank vergessen, den ich am Abend zuvor für eine Patientin mit pfefferminzösem Spunk zubereitet hatte. Ganz im Gedanken an die alte Dame öffnete ich leise die Tür, ging hinüber zum Schreibtisch und steckte das Fläschchen in den Umhang. Als ich den Kopf hob, fiel mein Blick durch die geöffnete Tür des Badezimmers auf Lucius Malfoy.
Er hatte den Oberkörper entblößt, um sich mit einer Paste eincremen zu können, die er in den Händen hielt, und verrenkte sich darum vor dem Spiegel, denn sich selbst den Rücken einzucremen ist schwierig. Aber mir war sofort klar, warum er dabei weder die Hilfe Narcissa Blacks noch sonst irgend eines Menschen in Anspruch nehmen wollte – vom Haaransatz in seinem schlanken Nacken bis weit hinunter zwischen die Schulterblätter hatten sich die harten, schlammfarbenen Schuppen der Drachenpocken ausgebreitet, die schließlich den ganzen Körper bedecken und in wenigen Wochen durch die Blockierung der Hautatmung zu einem qualvollen Tod durch Ersticken führen würden.
Lucius Blick und meiner begegneten sich im Spiegel, und einen ungeschützten Moment lang offenbarte sich mir die Qual seiner Seele: Lucius Malfoy, allein im Angesicht seiner tödlichen und schmerzhaften Krankheit, die zudem schreckliche Schande über ihn bringen würde, falls jemand davon erfuhr. Heilung, selbst Linderung, war nirgends zu finden, und die Lebenszeit rann ihm durch die Finger wie Sand.
Einen grotesken Moment verharrten wir gebannt und erschrocken, bis Lucius nach seinem Zauberstab auf dem Waschbecken langte und mir einen Fluch entgegenschleuderte. Ich duckte mich instinktiv, und der Putz krachte hinter mir von der Wand.
Langsam richtete ich mich wieder auf.
„Hast du …?“, begann ich mit ruhiger Stimme, aber Malfoy fiel mir ins Wort.
„Nein, ich habe niemals! Und wenn du auch nur andeuten willst, ich könnte …“, seine Stimme kippte vor Abscheu, „…solche Praktiken gutheißen, dann bringe ich dich um!“
„… dich schon im St. Mungos vorgestellt? Es gibt hervorragende Heiler in unserer Abteilung für ansteckende und erbliche Krankheiten, weißt du? Heiler Theophrastus zum Beispiel …“
Er winkte ab und ließ sich schwer auf dem Rand der Badewanne nieder.
„Ich habe jeden Heiler aufgesucht, den ich auftreiben konnte und alles ausprobiert, was sie mir empfohlen haben. Mir kann nichts mehr helfen. Ich bin ein toter Mann.“
Sein Zauberstab polterte zu Boden, und er schlug die Hände vors Gesicht.
Ich fühlte mich furchtbar. Da lebt man so nahe mit jemandem zusammen und weiß doch über die Sorgen und Nöte des anderen rein gar nichts. Und ich Idiot hatte Malfoy noch gestern glühend beneidet, weil er es sich leisten konnte, die Leckerbissen, die ihm täglich von „Feinkost Schleckmecker“ sowie dem Weinkontor „Saus&Braus“ pünktlich zum Mittagessen geliefert wurden, unberührt verderben zu lassen. Der Monat lag in den letzten Zügen, und ich hielt bis zum nächsten Gehaltsscheck notgedrungen die „Toast-mit-Ketchup“-Diät mit Leitungswasser, denn die Berufsgenossenschaft der knauserigen Kobolde wollte und wollte für Mutters Behandlungskosten einfach nicht zahlen und hielt mich immer wieder aufs Neue mit einer anderen bürokratischen Hürde hin.
Ich straffte die Schultern.
„Ich würde mich zwar freuen, wenn ich in Zukunft nicht mehr im Park schlafen müsste, weil du mich im Schach niedergemacht hast und in unserem Zimmer dekadente Partys feierst, Malfoy …“, sagte ich kühl und legte ihm beiläufig sein Hemd über die zuckenden Schultern, „… andererseits bin ich möglicherweise in der Lage, dir zu helfen.“
Lucius hob den Kopf.
„Du? Du bist doch noch nicht einmal mit deiner Ausbildung fertig!“
„Nein, bin ich nicht. Aber – wie dir sicher nicht entgangen ist, ist das Thema meiner Abschlussarbeit die Bekämpfung der Drachenpocken. Und da ich ebenso genial wie arrogant bin, habe ich es tatsächlich geschafft, eine mögliche Therapie dagegen zu entwickeln.“ Ich hob abwehrend die Hand, als er mich mit aufkeimender Hoffnung im Gesicht unterbrechen wollte. „Was ich dir anbieten kann, ist bisher nur eine Idee. Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird oder im Desaster endet – aber meinetwegen können wir es wagen.“
„Wie genau sieht deine Heilmethode aus? Ist sie gefährlich?“ Lucius verwandelte sich vor meinen Augen aus einem mutlosen, verzweifelten Etwas zurück in den smarten, mit allen Wassern gewaschenen Handelsadvokaten.
„Natürlich ist es gefährlich, Pfeffersack! Und glaub ja nicht, du könntest mich verklagen, wenn es schief geht…“
Ein schiefes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.
„… weil du nämlich dann krepiert bist.“, fuhr ich ungerührt fort. „Tote gewinnen bekanntlich keine Prozesse.“
Lucius betrachtete angewidert die Paste, mit der er dem schuppigen Ausschlag auf seinem Rücken beikommen wollte, und warf sie in den Rachen des Schluckschweins.
„Wie funktioniert deine Idee?“
Ich grinste süffisant.
„Wir tauschen unser Blut. Dein edler Reinblüterwein gegen meinen billigen Halbblutfusel. Die Muggel machen so was jeden Tag.“
Malfoy ging hoch wie Filibusters Feuerwerk. „Ich soll mein Blut mit dem eines …“, er suchte mit hochrotem Kopf nach dem passenden Ausdruck „… Muggelbastards wie dir mischen? Nie im Leben.“
Ich zuckte die Schultern.
„Schön. Ich schick dir ein paar Tulpen zur Beerdigung.“ Ich wandte mich um zum Gehen und hatte es fast bis zur Tür geschafft, als er mich zurückrief.
„Du verfluchter Mistkerl! Ja, ich mach`s – auch wenn mein Vater mich erschlägt, wenn er jemals etwas davon erfährt!“
Ich grinste ihn schamlos an.
„Deinen Papi brauchen wir nicht, Malfoy. Ich komme auch ohne meinen alten Herrn klar.“
Obwohl ich mir das „Im Gegensatz zu dir“ geschenkt hatte, wurde Lucius rot.
„Seit achtzehn Generationen sind meine Vorfahren Handelsanwälte.“, erklärte er mit steifer Würde. „Die Malfoys haben eine Jahrhunderte alte Tradition ….“
„Wirklich rührend.“, unterbrach ich. „Du bist dir wirklich sicher, dass du es mit meiner Methode versuchen willst? Ich kann dir nichts versprechen! Ich will, dass dir das glasklar ist!“
„Wie stehen meine Chancen?“, fragte er sachlich.
„In achtzig Prozent überleben wir beide. In weiteren fünfzehn Prozent überlebst du.“, erläuterte ich meine Berechnungen.
Malfoy kniff misstrauisch die Augen zusammen und legte die schlanken Finger aneinander. „Und die fehlenden fünf Prozent?“
Nun, wer mit einem Kaufmann verhandelt …
„Da muss das Halbblut dran glauben – in unserem Fall wohl meine Wenigkeit.“ Ich verbeugte mich spöttisch.
Er wurde noch misstrauischer.
„Wo liegt dein Vorteil? Ich sehe nur Risiko für dich, Snape!“
Ich lächelte mein zahnigstes Lächeln.
„Natürlich setzt du vorher ein Testament auf, in dem du mich zu deinem legitimen Erben machst …“ Als ich sein erschrockenes, abwehrendes Gesicht sah, wäre ich beinahe herausgeplatzt, beherrschte mich aber im letzten Moment.
„Nein, du bist ja nicht lebensmüde.“ Ich wurde ernst. „Neben dem Vergnügen, dich feinen Pinkel möglicherweise endgültig loszuwerden, möchte ich wissen, ob ich Recht habe. Es dauert sonst noch mindestens vier Jahre zäher Formalitäten und Bergen von Papier, bevor die erforderlichen Tests am Menschen durchgeführt werden dürfen. Ich möchte aber gerne jetzt schon wissen, ob ich Recht habe!“
Lucius Malfoy ließ sich das durch den Kopf gehen, während er unruhig auf seiner unbequemen Sitzgelegenheit dem Wannenrand herumrutschte.
„Was machen wir, wenn einer von uns tatsächlich stirbt?“
Gute Frage. Ich hatte sie schon bedacht.
„Mit deiner Leiche werde ich keine Probleme haben. Ob du an den Drachenpocken oder an unserem Blutaustausch stirbst, wird niemand feststellen können. Dafür ist deine Krankheit schon zu weit fortgeschritten.“
Er nickte mit ausdruckslosem Gesicht.
„Falls ich draufgehe, werden wir alles so vorbereitet haben, dass ich mich bei einem Selbstversuch geirrt habe – liegt ja nicht so weit von der Wahrheit entfernt, oder?“ Es gab unter Heilern wie Ärzten dutzende von Beispielen für erfolgreiche und tödlich verlaufende Selbstversuche.
Malfoy schwieg und starrte auf seine gefalteten Hände.
„Also?“, fragte ich endlich. „Vertraust du mir - und wir beide wagen es?“
Als er aufblickte, waren seine Augen einen Moment lang die eines uralten Mannes.
„Habe ich eine Wahl?“, fragte er müde.
Ich hob eine Augenbraue.
Malfoy fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Als er endlich den Blick hob, lag auf seinen Lippen sein gewohntes Haifischlächeln.
„Wir probieren deine Idee aus – aber nur, damit ich in Zukunft mein Zimmer nicht mehr mit einem Schlammblutbastard teilen muss!“
Ich schubste Malfoy, der noch immer auf dem Wannenrand balancierte, nach hinten, so dass er hinterrücks in die Badewanne plumpste und nur noch seine strampelnden Beine zu sehen waren.
„Hättest du wohl gerne, Blutsbruder - willkommen im Club der Halbblutprinzen!“
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Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2006 13:23 
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Hey Polaris,

ich wollte dich nur darauf hinweisen, dass "Geständnis" und "Arithmantik für Fortgeschrittene" beide die Nr. 16 haben? Ich glaube, da hast du dich igendwie vertan, oder? :?:


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2006 14:02 
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Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 27. Juli 2006 06:44 
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Kapitel 23. Experimente

Am nächsten Tag nahm ich mir eine Woche Urlaub und begann mit den Vorbereitungen: Ich besorgte das Muggelequipment für Bluttrasfusionen und mischte vorsorglich Zaubertränke gegen Fieber und Schmerzen. Malfoy bestellte Essen und Trinken, so dass wir ein paar Tage lang abgeschottet von der Außenwelt unseren Versuch durchführen konnten.
Manchmal beschlichen mich leise Bedenken: Obwohl ich sein Leiden aufrichtig bedauerte, konnte ich Lucius Malfoy nach wie vor nicht ausstehen. Wenn ich ehrlich war neidete ich ihm all seine unverdienten und ausschließlich auf seiner Geburt beruhenden Eigenschaften: seine Zugehörigkeit zu einer alteingesessenen Reinblüterfamilie, das Vermögen, dass ihm nach dem Tod seines Vaters in den Schoß fallen würde, der garantierte berufliche Erfolg, sein gutes Aussehen - alles Qualitäten, die ihm immerfort und überall mühelos jene Türen öffneten, die mir so hartnäckig verschlossen blieben und deren zögerliche Öffnung ich mir Inch für Inch hartnäckig erkämpfen musste. Wenn Lucius Malfoy wenigstens dumm oder ein Weichling gewesen wäre – aber nein, ich fand auch da keinen Grund, auf ihn herabblicken zu können. Ich befand mich in allen Bereichen des Lebens ihm gegenüber in der Defensive– war sein schwacher Punkt, die Drachenpocken, nicht meine Möglichkeit zum Ausspielen einer Machtposition, nach der ich so lange vergeblich Ausschau gehalten hatte? Die bösen Worte „Versuchskaninchen“ und „Ausnutzen einer Notlage“ erhoben ihre hässlichen Häupter …
Ich schob diese Gedanken schnell beiseite, denn mir stand das große Ziel vor Augen, die Heilung der Drachenpocken durch mich, den Sohn eines Muggel-Hilfsarbeiters und einer einfachen Krankenpflegerin. Meine Eltern wären sehr stolz auf mich, und ich freute mich schon darauf, Mutter in einem ihrer besseren Momente davon erzählen zu können. Mit einer festen Stelle am St. Mungos konnte ich mir dann sogar eine eigene Wohnung in einem Stadtteil leisten, der von Spinners End so weit wie möglich entfernt lag, und zwar in jeder Hinsicht. - Und schließlich riskierte auch ich bei dem Experiment etwas, wenn mein Risiko auch deutlich geringer war als das des Patienten – und wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
Am Freitagabend war es endlich so weit. Ich untersuchte Malfoy gründlich – abgesehen von den Drachenpocken war er kerngesund – und erläuterte ihm noch einmal ausführlich, was ich plante.
Am Ende meiner Ausführungen runzelte Lucius nachdenklich die Stirn. „Sollten wir nicht doch lieber noch jemanden aus dem St. Mungos hinzuziehen? Ich meine, falls etwas schief läuft?“
Das wollte ich nun auf gar keinen Fall – wenn beispielsweise Bozo Brute dahinter kam was ich hier vorhatte und bevor mir das Ergebnis des Versuches Recht geben würde, bekäme ich Riesenärger. Wahrscheinlich würde ich wegen unautorisierter Menschenversuche bei St. Mungos hochkant rausfliegen, an keinem Krankenhaus der Zauberwelt jemals wieder Heiler werden dürfen und darüber hinaus drohten mir noch ein paar Monate in Askaban. Der Erfolg der Heilmethode würde jedoch diese Konsequenzen ins Gegenteil verkehren und im Nachhinein die Methode rechtfertigen – ich war nicht der erste, bei dem die alte Weisheit von „Der Zweck heiligt die Mittel“ zum Tragen kommen würde. Urquhard Rackharrow beispielsweise bediente sich seinerzeit ähnlicher Methoden bei der Erfindung des Eingeweide-Ausweide-Fluches, und dessen Portrait hing in St. Mungos und nicht in der Eingangshalle von Askaban.
„Nein. Kommt nicht in Frage!“, beschied ich Malfoy kühl. „Wir alleine oder gar nicht!“ Gespannt wartete ich auf seine Antwort.
„Aber die Technik ist sehr muggel. Ich habe kein gutes Gefühl dabei!“, wandte er ein.
Ich wischte seine Bedenken beiseite.
„Muggelärzte machen das jeden Tag. Vertrau mir einfach.“
Das war nicht so leicht, wie ich den widerstreitenden Gefühlen auf seinem Gesicht entnehmen konnte. Lucius überlegte lange, gab sich aber endlich geschlagen: „Ich habe ja keine andere Wahl.“, bemerkte er resigniert. „Also gut, fang an!“
Er krempelte den Ärmel hoch und hielt mir die Armbeuge hin, damit ich die Nadel in seine Vene stechen konnte.

An dieser Stelle wird die Kletterei durch den Wasserfall gefährlich. Das Eis des Wasserfalls ist von winzigen Luftbläschen durchsetzt wie ein Schwamm, wenn ich Pech habe, kracht der Serac unter meinem Gewicht zusammen wie ein Kartenhaus. Mir bricht trotz der Kälte der Schweiß aus, und meine Hände zittern. Ich schaue nach oben, wo sich das glitzernde Sternenzelt über mir ausgebreitet hat und eine bleiche Mondsichel meine Bemühungen erhellt.
Ein paar lange Atemzüge später habe ich meine Furcht wieder im Griff. Ich beschließe, ein Paar Fuß weit zurück zu steigen und eine andere Wassersäule auszuprobieren – Rückschläge sind normal und für den kompletten Abbruch des Unternehmens ist es noch viel zu früh. Ich war noch nie jemand, der schnell aufgegeben hat.
Etwas weiter rechts habe ich schließlich Glück, das Eis ist glashart und schimmert bläulich im Mondlicht. Während sich mein Puls wieder normalisiert, arbeite ich mich beharrlich weiter und weiter hinauf zu Lucius Malfoy.

Am Anfang des Versuches verlief alles wie am Schnürchen. Mir wurde zwar für einige Stunden speiübel, aber ich erholte mich schnell und konnte mich nun ganz auf meinen Patienten konzentrieren.
Lucius Malfoy vertrug mein Muggelblut nicht so gut, wie ich es mir erhofft hatte. Er entwickelte schnell hohes Fieber, dem ich mit den vorbereiteten Zaubertränken entgegenwirkte. Trotzdem verfiel er in der Nacht von Samstag auf Sonntag in wilde Fieberträume, in denen er Narcissa gestand, er habe sie mit der Behauptung nur angelogen, sie mit ihrer Schwester betrogen zu haben, Bellatrix sei in ihrer aggressiven Art mehr Furcht einflößend denn begehrenswert - und er liebe nur Narcissa! Aber Lucius fand den Gedanken unerträglich, sie als seine Verlobte könne nach seinem Tode vor aller Welt mit dem Makel der Drachenpocken besudelt werden. Sie müsse ihm glauben, er habe wirklich nie, nie …
Mir war klar, dass meine Ohren da etwas absolut Privates gehört hatten. Ich beschloss, Lucius gegenüber niemals zu erwähnen, dass ich wusste, wie er für Narcissa empfand. Ich hoffte nur, die beiden würden nach Lucius Heilung noch einmal zueinander finden.
Am nächsten Abend wurde es für Lucius kritisch. Zum Fieber gesellten sich schreckliche Krämpfe und Schmerzen hinzu, die ich auch mit den stärksten Heiltränken kaum in den Griff bekam. Ich fühlte Panik in mir aufsteigen, denn ein Scheitern meiner Methode und der Tod Lucius Malfoys waren für mich bisher zwar eine gedankliche Hypothese, aber keine tatsächlich eintretende Konsequenz gewesen – und dieser gefühlsmäßige Irrtum schlug jetzt mit ganzer Härte zurück. Ich gestand mir als letzte Frist noch zwei Stunden Wartezeit zu – dann würde ich St. Mungos alarmieren, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.
So trieb ich an der Grenze zwischen Verzweiflung und Panik dahin, während ich Malfoys Stirn und Waden mit Umschlägen kühlte und ihm ab und zu einen Schluck Zaubertrank einflößte. Der sterbende Lucius hielt meine Hand umklammert wie das letzte Band zum Leben und ich verwünschte ausgiebig meine intellektuelle Unfähigkeit, die Behandlungsmethode nicht noch sicherer und effektiver ausgetüftelt zu haben.
Dann geschah das Wunder: Lucius Fieber sank, erst langsam, dann immer schneller. Das unerträgliche Stöhnen und die Muskelkrämpfe ließen nach, der Ausschlag auf seinem Rücken verschwand, und als am Montag die Sonne aufging, schlug auch Lucius Malfoy die Augen auf. Sie hatten den glänzenden Schleier verloren und sein Blick war wieder klar und bewusst.
„Ist es vorbei?“, krächzte er heiser.
Ich nickte stumm. Die Erleichterung schnürte mir den Hals zu. Wir waren beide Tod und Verderben um Haaresbreite von der Schippe gesprungen.
„Ich erinnere mich an gar nichts seitdem du mir diese verfluchte Muggelnadel in den Arm gerammt hast.“, fuhr er fort. „Verflixt – kann ich einen Schluck Wasser haben, bitte?“
Ich gab ihm Wasser zu trinken und konnte mein doppeltes Glück kaum fassen.

Unser Verhältnis zueinander wandelte sich grundlegend: Lucius Malfoy zeigte sich beinahe rührend dankbar, und ich hatte ein mächtig schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil ihm die Erinnerung an die kritischen Phasen seiner Heilung völlig abging.
Lucius hingegen lud mich ein zu sich nach Hause nach Malfoy Manor.
Ich lehnte ab mit dem Hinweis, ich könne mich dort wohl kaum mit meinen schäbigen Umhängen sehen lassen, doch Malfoy bestand darauf. Anscheinend wurde ihm als geselligem Menschen bei diesem Gespräch zum ersten Mal bewusst, dass ich mein Zimmer aus purer finanzieller Not mit jemandem teilte und nicht, weil ich gerne Menschen um mich hatte wie er. Darum bestand er darauf, mich in die Grundkenntnisse der Finanzwelt einzuweihen, die mich bis dato nicht sonderlich interessiert hatten – ich schätzte am Heilerberuf vor allem die intellektuelle Herausforderung und Vielfältigkeit; Geld und Ruhm waren im Vergleich dazu angenehme Dreingaben, die ich dann auch nicht verachtete.
Einmal damit konfrontiert fand ich die Spielregeln der internationalen Finanzmagie simpel und leicht zu beherrschen. Bei meiner nächsten Schachniederlage forderte Lucius Malfoy von mir als meinen Tribut an den Sieger die Annahme einer kleinen Summe, mit der ich erste Spekulationen an der Londoner Zauberterminbörse durchführen sollte. Zähneknirschen nahm ich das Geld an, investierte in eine Firma, die einen neuen Schlank-ohne-Diät-Zaubertrank auf den Markt werfen wollte - und verdiente an einem Tag so viel wie sonst in einem ganzen Jahr. Ich zahlte das Darlehen sofort an den widerstrebenden Lucius zurück (mein Sieg im Schach!) und meine finanzielle Situation entspannte sich merklich, so dass ich nicht nur Mutter ein paar Zusatzbehandlungen gegen Verschwinditis, sondern auch mir einige bescheidene Luxusanschaffungen wie neue Bücher oder anständige Kleidung gönnen konnte.
Darum hatte ich bei der nächsten Einladung nach Malfoy Manor auch keine Ausrede mehr, und ich sagte zu, die erste Juniwoche des Jahres 1979 dort zu verbringen. Ich war ziemlich aufgeregt, denn ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in so ungewohnter Gesellschaft zu benehmen hatte. Malfoy lachte über meine Bedenken und erklärte, ich solle einfach so sein wie immer: kühl, zurückhaltend und arrogant, das käme hervorragend an bei den Malfoys. Es wäre übrigens kein Problem, das ich ein Halbblut sei – allerdings sollte ich diese Eigenschaft seinem Vater Abraxas wenn möglich nicht aufs Tapet bringen. Abraxas sei sehr stolz auf das reine Blut der Familie und würde seinem Sohn Lucius sofort enterben und ohne einen Knut in der Tasche aus dem Haus jagen, wenn er wüsste, auf welches Experiment er sich mit mir eingelassen hatte. Die anderen Familienmitglieder und Gäste würden mir mein Halbblut schon nicht nachtragen, wenn Lucius sich für mich einsetzte, und allgemein könne ich mich meiner Haut Lucius Erfahrung nach äußerst spitzzüngig erwehren und sei frei, dies auch zu tun. Darüber hinaus solle ich mich durch seine verrückte Verwandtschaft bloß nicht einschüchtern oder gar beleidigen lassen – insbesondere nicht durch Bellatrix Black, die mit ihren Schwestern Narcissa und der etwas später zum Sommerfest am Wochenende erwarteten Andromeda ebenfalls Malfoy Manor besuchen würde. Lucius zeigte mir ein Foto, das die drei Schwestern zeigte: Links blinzelte die scheue, elfengleiche Narcissa in die Kamera, die so zerbrechlich schien wie aus Spinnwebseide und Porzellan gemacht. Doch Narcissa setzte auf erstaunliche Weise immer genau das durch, was sie wollte. Dabei opponierte sie niemals offen gegen etwas – nein, am Ende war Lucius genau wie alle anderen fest davon überzeugt, er habe ursprünglich die Idee gehabt und müsse seinerseits Narcissa überreden! Ich schmunzelte über Narcissas Verhandlungsgeschick und freute mich, dass die beiden sich versöhnt hatten und im Herbst heiraten wollten.
Das zweite Mädchen auf dem Bild ganz rechts unterschied sich diametral von Narcissa: Bellatrix Black räkelte sich dort so üppig und verführerisch, dass mich ihre Vorzüge beinah aus dem Rahmen heraus ansprangen. Ihre stolze Haltung, das hochgereckte Kinn, ihr herausfordernd offenherziges und dabei sündhaft teures Kleid sowie der arrogante Blick von oben herab war geradezu eine Einladung an den Jagdtrieb der Männer, sie zu erobern. Ich gebe zu, sie sprach mich auf eine beinahe schmerzhafte, kaum zu erklärende Weise an.
Das dritte Mädchen – im Alter wie im Bild genau zwischen Narcissa und Bellatrix - hieß Andromeda. Während sowohl die Ältere als auch die jüngere Schwester Männerherzen schneller schlagen ließen, war Andromeda zwar hübsch, aber absolut unscheinbar: Mausblondes Haar, allerweltsblaue Augen, schlanke Figur. An ihr war nichts Aufregendes und geheimnisvoll Verruchtes wie an Bellatrix, nichts lockte den Beschützerinstinkt hervor wie die zarte Narcissa. Andromeda war einfach nur sterbenslangweilig.
So ließ ich dann Anfang Juni die Arbeit am St. Mungos sowie die Ausarbeitung meiner Abschlussarbeit stehen und liegen, packte meinen Koffer und folgte Lucius Malfoy in die Welt der Schönen, Reichen und Reinblüter, die mir bis dato nur aus den Klatschspalten der Hexenwoche, die ich meiner Mutter regelmäßig ans Krankenbett mitbrachte, ein Begriff war.
Malfoy Manor war ein überwältigender Anblick: Von einem weitläufigen, gepflegten und von künstlichen Seen und Flüssen durchzogenen Park umgeben lag es weithin sichtbar auf einer Anhöhe, die sich Malfoy Tops nannte. Alle Wälder, Felder und auch die Siedlungen rundum gehörten zum Landgut der Familie. Das Anwesen selbst war ein stilvoller klassizistischer Bau in typischem Understatement, bei dem nicht protziges Gold oder verspielte Türmchen vom Reichtum seiner Besitzer zeugten, sondern die elegante Schlichtheit der Architektur, eine erlesene Auswahl von auf den ersten Blick „einfachen“ Materialien sowie die Konzentration auf klare Linienführung und kühle Blütenfarben im rieseigen Parkgelände, in dem bereits die in strahlendem Weiß leuchtenden Zelte für das kommende Sommerfest aufgebaut waren.
Mein Auftakt bei den Malfoys war etwas holprig. Beim Abendessen erwähnte Bellatrix Black süffisant den Schlammblüter, den ihre Schwester Andromeda zum Sommerfest anzuschleppen gedenke. Bella merkte an, dass schlechter Geschmack in Modefragen wie in der Auswahl männlicher Begleiter wohl nicht erblich sein könne, da man sonst vermuten müsse, Andromeda sei selbst ein Schlammblutbastard.
Meine Mine fror für einen Moment lang ein und mein Rückrat versteifte sich unwillkürlich, doch der alte Abraxas Malfoy, der dem Kopf der Tafel und damit der gesamten Tischgesellschaft wie ein Gutsherr vorsaß, hatte mich in exakt diesem Moment beobachtet und prompt erwischt.
„Sie sympathisieren doch nicht etwa mit diesem Abschaum, Mr. Snape?“, bemerkte er mit schneidender Höflichkeit, hinter der ich den stahlharten Patriarchen erkannte. Alle Gespräche am Tisch verstummten schlagartig, und die Gesichter wandten sich ausnahmslos mir zu.
„Nein. Ich bin einer von diesem Abschaum.“, entgegnete ich ihm ebenso eisig, während ich die Serviette sorgsam zusammenfaltete und niederlegte. „Mein Vater war ein Muggel, und er gab mir niemals Anlass, mich seiner zu schämen!“
Der alte Malfoy wandte sich an seinen Sohn.
„Wie kannst du es wagen, mir sowas …“ – das Wort klang in seinem Munde nach einer Mischung aus Bandwurm und Blutegel – „…ins Haus zu schleppen? Antworte mir, Lucius!“
Ich erhob mich steif und schob den Stuhl zurück.
„Es tut mir leid. Ich wollte ihnen meine Gesellschaft nicht aufdrängen …“
Lucius packte meine Hand und hielt mich fest, als ich mich zum Gehen wenden wollte. Er stand ebenfalls auf.
„Severus ist ein Freund, Vater. Wenn er geht, dann gehe auch ich.“, erklärte er fest. „Außerdem hat er bei seiner ersten Investition einen tausendprozentigen Reingewinn erwirtschaftet – ich glaube, damit kann es selbst Großonkel Ebenezer nicht aufnehmen, oder?“
Der Abscheu in der Miene des Alten wurde durch Ãœberraschung ersetzt.
„Ein Kaufmann? Ich dachte, er sei am St. Mungos …?“
Lucius verzog die Lippen zu jenem arroganten Lächeln, dass Narcissa so an ihm liebte.
„Ja, ein Heiler. Aber im Herzen ein ebenso eiskalter Rechner wie wir, Vater – Severus hat seine wahre Berufung nur noch nicht erkannt!“
„Worin hat er investiert?“, gab der Alte zurück.
„Die Diät-Sache, von der du nichts wissen wolltest und deren Ertrag dann in den Himmel geschossen ist wie Zauberbohnen!“
„Oh! Ja. Also …“, geriet der Patriarch ins Stottern und fügte nach einem Moment der Verwirrung und des Gedankenordnens hinzu: „Wenn das so ist – dann herzlich Willkommen im Hause Malfoy, Mr. Snape! Ich entschuldige mich für mein ungebührliches Verhalten - Ich habe nicht gewusst, welch unglaubliche Qualitäten in ihnen schlummern!“
Ich nickte knapp.
„Schon vergessen.“
Abraxas Malfoy beugte sein Haupt knapp und entschuldigend vor seinem Sohn, und wir beide nahmen wieder Platz. Die Gespräche um uns herum wurden wieder aufgenommen, und die Atmosphäre entspannte sich unmittelbar.
„Das wäre geschafft! Das der Alte aber auch jedem Freund, den ich mal nach Hause mitbringe, sofort auf den Zahn fühlen muss!“, flüsterte mir Lucius ins Ohr, während er einer Hauselfe bedeutete, mir Wein nachzuschenken.
„Du wusstest, dass er so reagieren würde?“ Ich war ziemlich sauer auf ihn, weil er mich nicht vorgewarnt hatte.
„Na klar! Aber zum Glück bist du ja wirklich ein verkappter Pfeffersack wie wir, und sogar Großonkel Ebenezer, unser größtes Finanzgenie, müsste sich vor dir fürchten.“ Er klang plötzlich besorgt. „Ich hoffe doch, du willst nicht irgendwann einmal bei der Konkurrenz einsteigen, oder?“
Ich grinste. „Kein Interesse. Ich bleibe bei den Heilern, versprochen!“
Wir stießen mit dem hervorragenden Elfenwein – ich hatte noch niemals einen so überragenden Tropfen genossen – an, und die Woche versprach, doch noch ein Gewinn für mich zu werden.
Nach und nach machte Lucius mich mit den übrigen Gästen vertraut, und da mein Halbblutproblem vom Familienoberhaupt zu meinen Gunsten entschieden war, betrachteten mich alle als Ihresgleichen und nutzten die Gelegenheit, einen Heiler auszuquetschen. Ich hätte im Anschluss an das Essen mit Erpressung eine Menge Geld verdienen können, denn viele der Anwesenden schienen zu glauben, ich könne mal eben ihre Zipperlein beheben und sie vertrauten mir so ungebeten wie offenherzig ihre diversen Probleme an. Ich beantwortete ihre Fragen, so gut es eben ging, und als schließlich das Gespräch auf andere Themen – natürlich Handelangelegenheiten - umschwenkte, fragte man mich ebenso selbstverständlich nach meiner Meinung wie zuvor.
Der Abend und die weitere Woche gestalteten sich insgesamt unterhaltsamer als ich erwartet hatte, denn die Mitglieder der Familie Malfoy und ihre Gäste erwiesen sich als intelligente und scharfsinnige Gesprächspartner in jeder Hinsicht. Außerdem boten die weitläufigen Räumlichkeiten und der wunderbare Park ausgiebige Rückzugsmöglichkeiten, wenn mir die Gesellschaft der vielen Leute in Malfoy Manor auf die Nerven zu gehen drohte.

Am vierten Morgen meines Aufenthaltes erwachte ich früh und beschloss, vor dem Frühstück ein wenig die Stille des Parks bei einem Spaziergang zu genießen. Ich besichtigte den Musikpavillon, besichtigte die künstliche Ruine, durchschritt die mit Rosen der Sorte „Raubritter“ bedeckte Gartenlaube und umrundete den Seerosenteich mit den zarten, porzellanartigen Nymphaea alba, die ein zauberhaftes, beinahe verwunschenes Bild im Morgenlicht abgaben. An den Pferdeställen entdeckte ich, dass deren Haupttor sperrangelweit offen stand. Ich ging hinüber, es zu schließen, damit die kostbaren Pferde nicht die Gunst der Stunde nutzen und sich über die zarten Triebe im Kräuter- und Blumengarten hermachen konnten.
„Lass das Tor offen, du Dummkopf! Oder glaubst du, ich steige für dich von meinem Roß?“, vernahm ich plötzlich hinter mir eine Stimme.
Ich drehte mich um und verrenkte mir den Hals, um zur ältesten Tochter des Hauses Black hinaufschauen zu können, die auf einem prächtigen Rappen thronte und abschätzig aus dem Damensattel auf mich Erdenwurm herabblickte wie die Königin von Saba persönlich. Die Hufspuren im gepflegten, taunassen Gras zeigten, warum ich den geschmeidigen Tritt des Hengstes nicht vernommen hatte.
„Entschuldigung. Ich habe dich nicht gehört, Bellatrix.“
Sie lachte, und mir stellten sich die Nackenhaare hoch.
„Komm her und beuge dein Knie. Dann verschränk die Hände, damit ich absteigen kann. Los, mach schon!“, kommandierte sie. Ich gehorchte verblüfft.
Völlig selbstverständlich nutzte sie meine Hilfe wie die einer gewöhnlichen Stallelfe, wobei sie mir zuerst mit völliger Absicht ihr tief ausgeschnittenes Dekolleté unverschämt dicht vor die Nase hielt, um dann auch noch scheinbar zu straucheln, damit sie sich wie zufällig einen langen Moment an mich pressen konnte, als ich sie auffing.
Ich atmete tief durch und rang darum, meine Gelassenheit beizubehalten. Bellatrix Black war eine Meisterin des Frontalangriffs, und ich noch nicht besonders erfahren in diesen Dingen.
Mit aufreizender Miene drückte Bellatrix mir die Zügel in die Hand.
„Na los, beweg dich, Sohn eines Muggels! Bring das Pferd in den Stall!“ Sie strich mir über die Wange, um mir gleich darauf auffordernd einen Stoß gegen die Schulter zu versetzen.
Ich ergriff grob ihren Arm, wickelte blitzschnell die Zügel darum und sagte kalt: „Mach deine Arbeit doch selbst, Hexe!“
Sie starrte mich ungläubig an, warf dann ihren Kopf in den Nacken und lachte verrückt wie eine Veela. Mir wurde siedend heiß.
Ohne ein weiteres Wort packte sie das Pferd beim Halfter und mich beim Kragen und zog uns beide hinein in das Dunkel des Stalles.
Dort ließ sie den Rappen fahren, packte mich beim Schopf, warf mich gegen die Seite einer leer stehenden Box und bog mir den Kopf in den Nacken.
„Küss mich, Schlammblut!“, fauchte sie wild.
Ich riss mich los, fing sie zwischen meinen Armen ein – und küsste Bellatrix mitten auf ihre roten roten Lippen.
Es war als küsse man einen Vulkan, ich kann es nicht anders beschreiben. Ich ertrank in dieser Hitze wie in Magma, und alles um mich herum zischte und brodelte und kochte …
Ohne Vorwarnung stieß Bellatrix mich zurück, wobei sie mir gleichzeitig die Reitpeitsche durchs Gesicht zog und mir ihr Knie an jene Stelle rammte, an der Männer am empfindlichsten getroffen werden können.
Ich ging augenblicklich zu Boden.
„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, ich würde mich mit einem Schlammblutbastard wie dir einlassen, oder?“, lachte die Reinblüterin mich aus, während ich mich sprachlos vor Schmerz vor ihr im Staube wand.
Leichtherzig streifte sie ihre Handschuhe ab, ließ sie zusammen mit der Gerte vor mir zu Boden fallen und schritt hinaus in das Morgenlicht, als habe sie nichts Wichtigeres zertreten als einen Regenwurm.

Nachdem ich meinen Stolz und mich vom Boden aufgesammelt hatte und wieder aufrecht gehen konnte, machte ich mich auf dem Weg zurück ins Haus. Ich dachte gar nicht daran, Bellatrix ihren Triumph zu gönnen und beim Frühstück zu fehlen. Zum Glück blieb mir genug Zeit, mich zu waschen und umzuziehen.
Als ich an der Frühstückstafel neben ihm Platz nahm, musterte Lucius mich mit hochgezogenen Augenbrauen und meinte unschuldig: „Was ist denn mit dir …?“
„Frag lieber nicht!“, knurrte ich ungehalten, und Lucius war klug genug, nicht weiterzubohren.
Nach einer Tasse Tee hatte ich mich dann soweit im Griff, Bellatrix schadenfrohe, die Konversation der ganzen Gesellschaft übertönende Frage, wie ich es denn geschafft habe, mich beim Rasieren ausgerechnet an der Augenbraue zu schneiden, so beiläufig wie kühl zu beantworten.
„Mich hat eine rossige Stute getreten. Kommt nicht wieder vor.“
Ich ignorierte Lucius erst fragenden, dann verstehenden Blick und widmete mich schweigend dem Frühstück. War ja nicht so, dass mein Freund mich nicht vor seiner zukünftigen Schwägerin gewarnt hätte.
Quod licet jovi, non licet bovi.
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Ungelesener BeitragVerfasst: 28. Juli 2006 14:37 
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Kapitel 24: Pegasus

An diesem Punkt meiner Erinnerungen angekommen habe ich den ersten Teil der Kletterei hinauf nach Askaban, den gefrorenen Wasserfall, überwunden. Als ich das Felsband erreiche und die Schnallen der Steigeisen mit klammen Fingern löse, blicke ich hinunter ins Tal. Unten ist alles in eine bleierne Schwärze gegossen, und schemenhaft erkenne ich die Windungen des Trampelpfades, auf dem mich Crabbe und Goyle das erste Stück des Weges begleitet haben.
Ich lasse Eispickel, Eishaken und Steigeisen zurück und begebe mich mit leichterem Rucksack an den Durchstieg eines Kamins, der mir den Weg durch den Felsen erleichtert.
Anfänger kleben vor Angst gerne am Felsen wie eine platt geschlagene Mücke an der Scheibe. Das ist ein Fehler, denn so verliert man die Übersicht und kann die Griffe und Vorsprünge nicht erkennen, die einem das Fortkommen und die Balance erleichtern. Im Kamin ist der Abstand zum vermeintlich sicheren Felsen am größten, man klettert sozusagen frei schwebend über dem Abgrund, Arme und Beine rechts und links abstützend wie an den beiden Seiten eines Türdurchganges. Viele Muggeltricks sehen spektakulär aus, sind bei genauem Hinsehen aber recht einfach. Ich bin schon gespannt auf Lucius Gesicht, wenn ich ihm eröffne, wie wir beide Askaban verlassen werden. Die Methode ist ultramuggel und wird ihm gar nicht schmecken...
Lucius fehlt mir sehr. Er war der erste wirkliche Freund, den ich jemals hatte - damit meine ich nicht, dass ich Crabbe und Goyle nicht auch als meine Freunde betrachte. Aber bei Malfoy war es zum ersten Mal so, dass mir jemand ebenbürtig war und ich ihm nicht, wie so vielen anderen, etwas vormachen konnte – am Ende durchschaute Lucius mich doch. Wir stritten uns häufig und leidenschaftlich, und ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn sich jemand meinen Plänen widersetzt. Aber bei Lucius beschlich mich manchmal das Gefühl, er könne Recht haben und nicht ich... für mich damals eine völlig neue Erfahrung, an die ich mich erst gewöhnen musste.
Eine Sternschnuppe durchquert den Himmel über mir und erstirbt durch Verglühen. Ich schlucke heftig und meine Gedanken kehren zurück zu den Sternen...

Abgesehen von dem Zwischenfall mit Bellatrix Black vergingen die Tage angenehm und wie im Flug, und der Samstag kam schneller heran als erwartet. Am Abend sollte das alljährliche Sommerfest stattfinden, mit Ball und Feuerwerk und einem Kammerorchester, wie es sich für standesbewußte und reiche Herren wie die Malfoys gehört. Ich hatte meinen scheußlichen Festumhang noch in lebhafter Erinnerung und ließ mich von Lucius beraten, der meine Neuerwerbung angemessen fand, das Hemd dazu aber viel zu konventionell. Er meinte, ich solle ruhig mal was wagen und nötigte mich schließlich, eines seiner Hemden anzuprobieren.
„Wow! Du siehst ja richtig gut aus, Severus!“, meinte er verblüfft.
Ich war ebenfalls erstaunt. Das Hemd kratzte zwar wegen des gestärkten Kragens, aber ich sah nicht so mager und blass darin aus wie üblich.
Er wollte mir das sündhaft teure Hemd sofort schenken, ich es natürlich auf keinen Fall annehmen, und so einigten wir uns als Kompromiss darauf, dass ich mir das Kleidungsstück für den Abend ausleihen konnte.
Als ich gerade halb in die Ärmel meiner eigenen Kleidung geschlüpft war, krachte die Tür auf, und ein Wirbelwind schoss herein, um sich Lucius um den Hals zu werfen.
„Lucius, alter Verführer! Wann willst du und Narcissa mich endlich zur Tante machen?“
Lucius grinste, küsste die junge Frau sanft auf die Wange und meinte: „Das darfst du schon uns überlassen, Süße, denn erst einmal wird geheiratet, ganz wie es sich gehört! Wo wir gerade beim Thema sind: wie steht es denn mit deinem Liebesleben, Andromeda? Diesmal ist es ein Muggel, wie ich hörte! - Dein Vater wird dich enterben und deine Mutter dich aus allen Portraits und Fotoalben heraushexen!“
Andromeda Black warf den Kopf in den Nacken und lachte – und ihr Lachen war ähnlich und doch so anders wie das ihrer älteren Schwester. Bei Andromeda klang es melodisch und glücklich und eigenwillig und … ich verliebte mich auf der Stelle und wider schmerzhaft erworbener Erfahrung in das Lachen eines Mädchens, dass ich für das Mauerblümchen unter den Töchtern der Blacks gehalten hatte!
„Ach, Lucius, was Bellatrix und Narcissa immer gleich denken!“, fuhr sie unbekümmert fort, ohne das Erdbeben zu bemerken, das sie in mir ausgelöst hatte. „Ted Tonks ist nur ein guter Freund, sonst nichts! Ich habe einfach die Nase voll davon, ohne eine gescheite Aufgabe zu Hause herum zu hängen und die Zeit totzuschlagen. Ted studiert übrigens Astrophysik – das wäre was für mich … “ Sie senkte die Stimme. „Du weißt genau, was meine Eltern dazu sagen werden! Also verplappere dich nicht, Lucius!“
Der schlaksige Muggel Ted Tonks stand linkisch und ebenso verlegen in der Tür wie ich neben Lucius, wir beide beobachteten als Außenseiter die ungezwungene Vertrautheit zwischen Lucius Malfoy und seiner zukünftigen Schwägerin Andromeda Black. Teds Blick, mit dem er meinen Freund bedachte, erkannte ich sofort: Er betrachtete sich keineswegs als Kumpel – Ted Tonks war bis über beide Ohren in Andromeda verschossen.
Ich schlüpfte hastig in mein Hemd und schloss die Knöpfe, als Lucius sich meiner bewusst wurde und mich Andromeda vorstelle: „Das ist Severus Snape, mit dem ich mir in London das Zimmer teile.“
Sie runzelte die Stirn.
„Das unerträglich arrogante Schachgenie? Wegen dem du und Narcissa im Hyde Park beinahe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet worden wärt?“
Lucius grinste entschuldigend.
„Eben der! Ich habe meine Meinung geändert. Severus ist der arroganteste und halsstarrigste Dickschädel, den ich kenne, aber ich habe ihm einiges zu verdanken!“ Er knuffte mich freundschaftlich in die Seite.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen - wie konnte ein Mädchen, das auf einem Foto so langweilig, so blass und unscheinbar gewirkt hatte, dermaßen vor Leben und Temperament sprühen? Andromeda war offensichtlich ein Fotomorphmagus - außerdem sah sie, wenn sie lachte, sogar noch deutlich jünger aus als ihre Schwester Narcissa!
Andromeda reichte mir ihre schlanke Hand. Ich verneigte mich, als ich sie ergriff, und sagte so beherrscht ich konnte: „Ich freue mich, sie kennen zu lernen, Miss Black.“
„Ganz meinerseits. Es gibt übrigens auf der ganzen Welt niemanden, der auch nur annähernd so arrogant wäre wie mein lieber Schwager – Lucius braucht übrigens dringend eine Brille, sie ähneln nämlich nicht im Mindesten einem Thestral.“
Lucius bekam einen Hustenanfall und wandte sich ab.
Andromeda fuhr ungerührt fort: „He, das hast du über ihn gesagt, Lucius, nicht ich! Und außerdem war es gelogen, dein Freund sieht nämlich absolut toll aus! Nennen sie mich Andromeda - Miss Black klingt so förmlich.“ Sie küsste mich herzlich auf die Wange.
„Severus.“ Mehr brachte ich beim besten Willen nicht heraus.
Lucius rettete mich elegant.
„Ich habe meinen Freund für heute Abend als deinen Tischherrn eingeteilt. Ich hoffe, du bist einverstanden?“
Andromeda lächelte mich strahlend an.
„Prima! Endlich mal ein aufgeweckter, gutaussehender Tischherr für den Ball und kein Angeber wie Rodolphus oder ein Langweiler wie Rabastan, der dauernd unter dem Tisch mein Knie betatschen will!“
Sie hakte sich kameradschaftlich bei Ted Tonks ein, der sich vergeblich an einem Pokerface versuchte.
„Ted ist wirklich ein richtiger knuddeliger Teddybär, ihr werdet schon sehen – fast wie der Bruder, den ich nie hatte! Er soll mir helfen, meinen Vater zu überreden, mich bei den Muggeln studieren zu lassen.“ Sie blinzelte mir verschwörerisch zu. „Ich freue mich übrigens schon sehr auf den Ball heute Abend, Severus!“
Damit zog sie den vor Verlegenheit und Eifersucht sprachlosen Ted Tonks mit sich hinaus in den Flur. - Teds Blick jedoch, den er mir über die Schulter hinweg zukommen ließ, hätte Sodom und Gomorrha in Schutt und Asche gelegt.
„Na, wenn sie sich da mal nicht irrt …“, murmelte Lucius und warf mir einen vielsagenden Blick zu.

Der Ball war wundervoll. Andromeda sprühte nur so vor Charme und verrückten Ideen, und ich klebte wie durch Amortentia verhext an ihren Lippen. Noch nie hatte ich eine Frau getroffen, mit der man sich einerseits vernünftig unterhalten konnte und die andererseits so bezaubernd war… Obwohl ich bisher Bälle mehr geduldig denn begeistert als Pflichtveranstaltungen abgehakt hatte, ließ ich an diesem Abend keinen einzigen Tanz mit Andromeda aus und überließ sie nur ungern und wenn es die Höflichkeit unumgänglich machte anderen Kavalieren, an denen es ihr nicht mangelte. Aber da Andromeda anscheinend ebenfalls Gefallen an meiner Gesellschaft fand, kehrte sie bald zu mir zurück, und wir vergnügten uns schier unermüdlich auf dem Parkett.
Ted Tonks saß derweil mit zitronensaurer Miene am Tisch, stocherte lustlos im Essen, lehnte Andromedas freundliches Angebot, auch mit ihm zu tanzen, mürrisch, ja beinahe grob ab und antwortete äußerst einsilbig auf alle Konversationsversuche.
„Was Ted wohl heute Abend hat? Hoffentlich wird er nicht krank!“, bemerkte Andromeda besorgt.
„Der Fisch wird ihm nicht bekommen sein.“, log ich scheinheilig, denn Ted hatte vom ganzen zwölfgängigen Menü kaum einen Bissen angerührt. Ich auch nicht, aber unsere Gründe hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Gegen Mitternacht stand Tonks plötzlich abrupt auf, wünschte Andromeda mit belegter Stimme eine gute Nacht und verschwand mit hängenden Schultern in Richtung der Schlafzimmer im Obergeschoss. Andromeda sah ihm ratlos nach.
„Was ist nur los?“, fragte sie leise. „Ted ist so anders als sonst!“ Sie fasste meine Hand. „Ich muss ihm hinterher gehen, Severus – du verstehst das doch? Er ist hier der einzige Muggel, und all die Zauberer und ihre Bemerkungen über die Vorzüge von Reinblütern … bestimmt hat jemand den guten alten Teddy gekränkt ...“
Mit schwerem Herzen nickte ich – irgendwann musste ich mich ohnehin von Andromeda verabschieden. Die Reinblüter hier mochten mich zwar auf gesellschaftlicher und geschäftlicher Ebene dulden – aber akzeptieren, dass ich mich in eine ihrer Töchter verguckte? Niemals!
Andromeda hauchte mir einen Kuss auf die Wange und verschwand die Treppe hinauf, um Ted Tonks zu trösten.

Aufgewühlt verließ ich die lärmende Gesellschaft und ging hinunter zum See von Malfoy Manor, der schwarzsilbern glänzend im Mondlicht ruhte. Am Ufer angekommen warf ich den Umhang ins Gras, löste den unbequem steifen Kragen und die kratzigen Manschetten, streifte das Hemd über den Kopf, schlüpfte aus den übrigen Kleidern und glitt in das kühle, erfrischende Wasser, das meine im Aufstand befindlichen Sinne endlich abkühlen sollte.
Langsam aber stetig durchbrach ich mit meinen Schwimmstößen die spiegelglatte Oberfläche des kleinen Sees und schob winzige Wellen vor mir her. Die Seerosen rings um mich herum dufteten, das einem die Sinne schwanden, und schimmerten in einem beinahe unwirklichen, durchscheinenden Weiß. Ich musste Acht geben, mich nicht in ihnen zu verfangen.
In der Mitte des Sees angekommen drehte ich mich auf den Rücken und ließ mich treiben, um meinen Gedanken nachzuhängen und hinauf in den Sternenhimmel zu starren, über den die Draconiden hin und wieder einzelne Sternschnuppen säten.
Die Seherin Cassandra Trelawney vertrat seinerzeit die Ansicht, man könne sich etwas wünschen, wenn man eine Sternschnuppe sieht – und falls dieser Wunsch stark genug sei, ginge er auch in Erfüllung. Aber natürlich glaube ich nicht an solchen Unsinn.
Trotzdem schloss ich bei der nächsten Sternschnuppe die Augen und wünschte mir, Andromeda Black zu küssen …
„Schön, nicht war?“, fragte eine Stimme unvermittelt.
Ich schrak hoch.
„Oh, Andromeda, ich habe dich nicht… ich meine, was ist denn mit Ted?“, stammelte ich ertappt.
„Ach, dem geht es gut. Hat sich eingebildet, er sei in mich verliebt! Bis morgen früh wird er drüber hinweggekommen sein.“
Wohl kaum - ich schluckte Wasser und tauchte erst einmal ab, um mich zu sortieren.
Als ich nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche kam, warf Andromeda den Kopf in den Nacken und lachte dieses unglaubliche Lachen, dass mir den Verstand aus dem Kopf sog.
Andromeda schien sich an meiner Verwirrung nicht zu stören, sondern breitete ihren Umhang im Gras aus, um sich darauf niederzulassen. Anschließend griff sie nach ihrer strengen Aufsteckfrisur und zog die Spange heraus. Ihr langes Haar rauschte seidig wie Schmetterlingsflügel den Rücken herab.
Mir stockte der Atem.
„Das ist nicht fair!“, protestierte ich.
„Was?“, fragte sie kess, stützte sich entspannt auf ihre Hand und betrachtete mich mit so unverhohlenem Interesse, dass ich mir vorkam wie ein Panther im Zoo.
Mir schoss trotz der Wasserkälte, die mir stetig in die Glieder zu kriechen begann, das Blut ins Gesicht.
„Das hier!“
Sie stützte das Kinn in die Hände und hob spöttisch die Augenbrauen.
„Warum denn?“
„Weil …“, erklärte ich so würdevoll ich konnte, „…die Sache genau anders herum laufen muss: Du badest im See und ich sehe dir dabei zu!“
Andromeda lachte wieder, und ihre Stimme prickelte perlend und klar wie Quellwasser. Ob sie sich wohl umdrehen und meinen Stolz retten würde, wenn mir in Kürze vor Kälte die Zähne aufeinander schlugen?
Ich machte mir wohl falsche Hoffnungen.
„Davon träumen Männer wohl!“, gab sie mitleidlos zurück, pflückte einen Grashalm und zupfte mit ihren langen schlanken Fingern daran herum. „Komm ruhig heraus, Severus. Ich weiß, dass dir kalt ist!“
Ich blieb, wo ich war. Mir war Bellatrix demütigende Zurückweisung noch lebhaft im Gedächtnis.
Andromeda ließ mich mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen zappeln, und ich begann zu zittern – einerseits, weil mir inzwischen richtig kalt war, andererseits …
Endlich erbarmte sie sich und drehte sich auf den Bauch, so dass sie in Richtung des Hauses und seiner festlich erleuchteten Fenster blickte. „Wie du willst, Severus - du darfst jetzt rauskommen!“
Ich kletterte geschwind aus dem Wasser, schlüpfte in meine Hose und trocknete mich mit Lucius Festhemd ab, wobei ich sie dabei erwischte, unter ihrem Arm hindurch zu blinzeln.
Ich ließ mich neben Andromeda im Gras nieder. Als sie sich umdrehte, streifte ihr Unterarm mein Gesicht. Ihre Haut roch wie ein Garten am Morgen nach einem Mairegen.
Ich holte die weiße Seerosenblüte, die ich draußen auf dem See für sie gepflückt hatte, hinter meinem Rücken hervor und steckte sie ihr hinters Ohr. Sie sah damit so bezaubernd aus wie die Wassernymphen, die den Seerosen ihren Namen gaben.
Ihre Hand tastete nach der Blume und zog sie aus dem Haar, um sie zu betrachten. Trotz der Dunkelheit wusste ich, dass ihre Wangen jetzt einen rosigen Schimmer bekamen.
„Oh, Severus … Die ist aber schön!“
„Nicht halb so schön wie du, Andromeda.“, sagte ich leise und wahrheitsgemäß, und ihre Augen lächelten zurück, als ich ihr die Blüte sanft wieder hinters Ohr schob.
Andromeda rollte sich neben mir auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und betrachtete versonnen die funkelnden fernen Sonnen über uns. „Ich liebe sternklare Nächte. Astronomie war immer mein liebstes Fach.“
Ich rollte mich neben ihr auf die Seite, stützte meinen Kopf in die Hand und blickte hinunter auf ihr nachdenkliches Gesicht. Wenn sie nur noch einmal für mich lachen würde …
„Tatsächlich? Warum denn ausgerechnet Sternkunde?“, fragte ich, um die Unterhaltung nicht einschlafen zu lassen. Astronomie fand ich öde und ähnlich überflüssig wie Wahrsagen. Meinetwegen konnte Andromeda auch aus dem Verzeichnis der Flohnetzwerkkamine von Liverpool vorlesen: ich wollte nur ihrer Stimme lauschen.
„Weil dort oben so viele Dinge geschehen, von denen wir hier unten nichts mitbekommen.“
Ich pflückte einen Grashalm und kitzelte Andromeda an der Nasenspitze.
„Wirklich? Davon habe ich nie etwas bemerkt.“
„Weil du nicht richtig hingeschaut hast!“ Andromeda fing meine Hand ein, um mir den Halm abzunehmen, und eine Strähne meines nassen Haares sprengte dicke Tropfen kalten Wassers auf ihre schlanken Finger. Ich wollte sie wegwischen, damit sie nicht fror.
Andromeda schüttelte sanft den Kopf und hielt mich fest.
„Lass nur - das Wasser stört mich nicht.“ Sie fuhr mit den Fingerspitzen vom Handgelenk an sanft meinen Arm entlang bis hinauf zum Bizeps.
Ich hielt ein weiteres Mal den Atem an.
„Ganz schön kräftig.“, stellte sie anerkennend fest und kniff mich sacht. „Nicht auf die Art wie Sirius, natürlich!“
Natürlich! – Wann würde mich Black, dieser Mistkerl, eigentlich nicht mehr verfolgen?
Ich wollte meinen Arm wegziehen, doch sie hielt mich zurück.
„Du magst meinen Cousin nicht, habe ich Recht?“
Ich räusperte mich. „Nein.“
„Schade. Sirius kann eine echte Nervensäge sein, aber eigentlich ist er ein prima Kerl!“
Nun, das hatte er wohl all die Jahre hervorragend vor mir verheimlicht!
Andromeda legte sich zurück auf ihren Umhang, und unsere Hände berührten sich nur noch gerade so eben. Mir lief ein Kribbeln von dieser Stelle aus den ganzen Arm hinauf.
„Siehst du den Stern dort genau in der Mitte zwischen den beiden Sternbildern dort oben?“, fragte sie leise und blinzelte hinauf in den diamantübersäten Himmel.
„Ja, sehe ich.“ Das war gelogen. Ich schielte vorsichtig in ihren Ausschnitt.
„Weißt du, dass die Muggel viel mehr über die Sterne wissen als wir?“
Ich verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. „Was gibt es da schon zu wissen? Ein Stern geht auf, wandert je nach Jahreszeit über den Himmel und geht wieder unter. Das ist alles.“
Andromeda zog ihre Hand weg und stützte sich auf den Ellenbogen, so dass ich meine voreiligen Worte sofort bereute. „Was du für einen einzigen Stern hältst, sind in Wirklichkeit zwei: Alpheratz ist nämlich ein Doppelstern. Die beiden Sterne stehen einander zwar räumlich nahe, sind aufgrund ihrer hohen Relativgeschwindigkeiten jedoch nicht aneinander gebunden und beschreiben eine gemeinsame Bahn um ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Ursprünglich wurde dieser Doppelstern dem anderen Sternbild, nämlich dem Pegasus zugerechnet und trug den arabischen Namen surrat al-faras – das bedeutet „der Nabel des Rosses“!“
Ich war überrascht, denn all das wusste ich tatsächlich nicht. Dabei war ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich es mochte, wenn eine Frau klüger war als ich …
„Das sind doch nur Muggelgerüchte! Was soll uns solches Wissen nützen?“
„Bist du denn gar nicht neugierig, Severus? Wolltest du nie wissen, wie es auf anderen Welten aussehen könnte? Wo kommen die Sterne, wo kommen wir alle her? Wo gehen wir hin? Was war, bevor etwas war?“
Ich runzelte die Stirn.
„So viele Fragen, Andromeda! Doch - finde ich schon interessant.“, gestand ich widerwillig zu. „Aber wieso sollen uns ausgerechnet die Muggel und ihre unwissenschaftlichen Methoden bei der Lösung dieser Probleme weiterhelfen können? Hört sich für mich doch sehr nach Teeblattgeschwätz und Glaskugelgewaber an!“
Andromeda warf den Kopf zurück und lachte ein weiteres Mal hinauf zu den Sternen.
„Du bist nicht unbedingt ein Fan von Wahrsagen und Prophezeiung, nicht war, Severus?“
Ich grinste, denn Andromeda hatte mich durchschaut. „Ich bin nur nicht so richtig überzeugt, ob der Glaube daran jemanden weiterbringt, oder ob es nicht besser wäre ...“
Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln, das mich schwindlig werden ließ: „Ich finde, die Muggel stellen sich klüger an bei der Lösung meiner Fragen. Sie sind bereits zum Mond geflogen, stell dir das vor!“
„Und er besteht aus einem Haufen Staub und Steine - wie romantisch!“, ergänzte ich ironisch.
Andromeda schnippste verärgert ein imaginäres Staubkorn von ihrem Umhang.
„Die Muggel versuchen wenigstens, mehr über andere Welten zu erfahren! Wir Zauberer und Hexen interessieren uns nur für uns selbst!“
„Mag sein.“, stimmte ich ihr zu und fragte mich, wie ich ihr Haar jemals für mausfarben halten konnte – es glänzte wie poliertes Eichenholz.
Andromeda rückte ein wenig näher an mich heran. Ich genoss die Hitze ihrer Haut, die auf mich abstrahlte und mein wasserkaltes Ich zu erwärmen vermochte wie eine Sonne.
„Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass das Licht, das wir gerade sehen, schon Millionen Jahre alt sein kann? Aber auch Sterne leben nicht ewig. Viele der Sonnen, die wir heute Nacht sehen, sind vielleicht schon längst verloschen.“
Ich dachte darüber nach, obwohl etwas, dass mich stark ablenkte, einfach nicht erlöschen wollte sondern im Gegenteil stetig unbeherrschbarer zu werden drohte.
„Wer will schon ewig leben?“, murmelte ich und dachte insgeheim, dass ich die Unsterblichkeit von Herzen gerne gegen einen einzigen Kuss von Andromeda eintauschen würde.
Sie schnaubte verächtlich. „Ich jedenfalls nicht! Nicht ohne meine Freunde, meine Familie …“
Meine Seifenblase im Hirn platzte mit einem lauten Plopp. Der Schlammblutbastard und Habenichts Severus Snape verguckt sich in eine Black-Tochter? Bellatrix hatte mir doch mehr als deutlich gemacht, dass Blasphemie im Hause Black nicht geduldet wird.
Andromeda steckte den Arm aus und strich mit den Fingerspitzen flüchtig über meinen unbekleideten Bauch, so dass es mir den Rücken hinunterrieselte und sich die feinen Haare auf den Armen aufstellten.
„Die weiten Umhänge stehen dir nicht! Du solltest besser Muggelkleidung tragen.“
„Ich trage niemals Muggelsachen.“, antwortete ich kühl.
Sie lächelte. „Da habe ich wohl einen Nerv getroffen! Lucius hat mir verraten, dass dein Vater ein Muggel war.“
Ich seufzte tief. Die Black-Schwestern spielten anscheinend gerne mit Muggeln, auf die eine oder andere Weise – aber mehr als ein Spielzeug zu sein durfte ich nicht hoffen
„Lucius ist ein echter Freund.“, bemerkte ich bitter.
Andromeda rückte näher, legte ihre sonnenwarme Hand auf meinen Solarplexus, und auf einmal schlug mein Herz so schnell und heftig, dass ich sicher war, es müsse aus mir heraus und in ihre Hand hinein springen. Ich brachte kein weiteres Wort heraus.
„Lucius weiß, dass ich nichts gegen Muggel einzuwenden habe!“ Vorsichtig berührte sie die verschorfte Wunde an meiner Augenbraue, die Bellatrix Reitgerte geschlagen hatte.
„Was war meine Schwester, nicht war?“
Mir schoss das Blut ins Gesicht, und ich wandte den Blick ab.
„Du musst dich nicht schämen. Ich bin nicht wie Bellatrix.“, flüsterte sie. „Schau nur, mein Sternbild!“
Sanft fasste sie mein Kinn und bog meinen Kopf ganz nah an ihr Gesicht, so dass unsere Wangen sich berührten und ich entlang ihres ausgestreckten Armes, mit dem sie in den Himmel deutete, die untrennbar miteinander verbundenen Sternbilder der Andromeda und des geflügelten Pegasus bewundern konnte. Ihr offenes Haar kitzelte auf meiner bloßen Haut und duftete betörend nach der weißen Seerose hinter ihrem Ohr.
Sie wandte mir ihr Gesicht zu, und Andromedas Augen blieben grau und rätselhaft wie die Wogen der stürmischen Nordsee.
„Erkennst du uns beide dort oben, Severus? Andromeda und Pegasus fliegen für alle Zeiten gemeinsam über den Himmel …“
Ich warf den Verstand und alle Bedenken über Bord, vergrub meine Hände in ihrem Haar und küsste Andromeda, Tochter des gar alten und fürnehmen Hauses Black.
Das Universum implodierte lautlos, und eine Sekunde war tausend Jahre.
Als sie mich endlich sanft zurückschob und mich auf den Rücken rollte, wusste ich, dass der Moment der Wahrheit gekommen war. Wenn Andromeda mich jetzt verletzte wie Bellatrix es getan hatte, wäre nicht nur mein Stolz hinüber –etwas, von dem ich noch nicht genau wusste, was es eigentlich war, würde ich für immer und alle Zeiten verlieren. Dennoch es gab kein Entrinnen: Andromeda war schön und schrecklich zugleich wie die fernen Sonnen am Himmel, und die Mauern Jerichos würden fallen, sobald sie ihre Stimme erhob. Es gab keine Verteidigung, keinen Schutz, denn ich war ohnmächtig und besiegt und bar aller Waffen.
Ich zitterte und versuchte zu sprechen, doch sie hob Einhalt gebietend ihre Hand. Die Erinnerung an Bellatrix Schlag durchzuckte mich, aber ich konnte meinen Blick nicht von Andromedas grauen Augen wenden.
Sie beugte sich herab zu mir, bis unsere Nasenspitzen sich beinahe berührten, und ich starb einen kleinen Tod.
„Es ist keine Schande, verwundbar zu sein, Severus. Ich werde dir niemals in den Rücken fallen, das schwöre ich!“
Sie legte ihre Hand auf mein Herz und küsste mich - und ich wusste, dass sie die Wahrheit sprach.

Der Stein, dem ich - durch die offenkundige Gefahrlosigkeit der Kletterroute und die glückliche Erinnerung verleitet - leichtsinnig mein ganzes Gewicht anvertraut habe, bricht unvermutet aus dem Fels. Ich schnappe im Reflex nach dem nächsten Griff, erwische ihn mit den Fingerspitzen - und rutsche im letzten Moment wieder ab. In blinder Angst schlage ich auf der Suche nach einem Halt um mich, während ich rücklings in die eisige Schwärze falle.

Wol mir der stunde, daz ich sie erkande,
diu mir den lîp und den muot hât betwungen,
sît deich die sinne sô gar an sie wande,
der si mich hât mit ir güete verdrungen,
daz ich gescheiden von ir niht enkan,
daz hât ir schoene und ir güete gemachet,
und ir rôter munt, der sô lieplîchen lachet!
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 9. August 2006 21:57 
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Meine Review geht weiter:

Kapitel 21:

Severus bereitete sich lange darauf vor, Lucius ohne Magie aus Azkaban herauszuholen. Schindete sich wie blöde dafür, aber am Schluss scheint er sein Ziel völlig aus den Augen zu verlieren, wenn er merkt, dass es ihm selber an den Kragen geht.

Dracos Brief hat mir gar nicht gut gefallen. Es widerspiegelt nicht einen Jungen, der ein Jahr zuvor in einem übelsten Dilemma stand: Entweder ermorde ich den mächtigsten Zauberer aller Zeiten oder ich werde mit meiner gesamten Familie ermordet. Es tönt eher wie ein Brief eines verwöhnten Kindes, das sich vom idealisierten Lehrer vernachlässigt fühlt. Dabei ist die Strategie, die Voldemort verfolgt, ganz durchsichtig: divide et impere!

Und hier bekomme ich Probleme.

Harry ist niemals der Typ, der seine Freunde beiseite legt und vertrauensselig sich beim neuen DADA-Lehrer anschmiegt, weil er ihm einen neuen Rennbesen kauft und ihn bauchpinselt. Nach der Erfahrung mit Moody und Severus wird er wohl einem neuen Lehrer kaum vertrauen. Abgesehen davon, wird es im nächsten Band kein Quiddich geben, das soll man beim Schreiben berücksichtigen. Harry wird alle Horkruxe suchen und falls er zur Schule geht, wird er mit Ron und Hermione wohl ausgedehnte Ausflüge zwecks Horkruxjagd unternehmen. FF soll sich sehr stark an die Vorlage orientieren und die (vielen) Freiräume ausnützen, die durchaus da sind.

Aus Severus werde ich auch nicht ganz schlau. Zuerst verwendet er seinen gesamten Verstand darauf, sich bei Voldemort das Überleben zu sichern, und dann startet er einen Kamikazelauf indem er mit kindischen Transaktionen sein ganzes Vermögen verpulvert. Das geht doch auch intelligenter, oder? Snape benimmt sich so ziemlich dämlich, niemand würde ihm die Dummheit abkaufen, Ratschläge von Crabby und Goyle beherzigt zu haben. Es ist überhaupt nicht sein übliches raffiniertes Niveau, so dass sein Verhalten ein Selbstmord auf Raten ist.

Dann bekommt er sein (benahe?) Todesurteil und raucht seine letzte Zigarette wie in einem uralten Western (Hey, er wollte mit Muskelkraft Lucius aus Azkaban holen! Geht wohl schlecht mit verrauchter Lunge)

Und bei Tricky hat er wohl auch nicht brilliert. Er macht sich Sorgen um ihre Großmutter, um gleich daraufhin mangels Geld aufzugeben (Hey, er hat zugriff auf Voldemorts Vermögen! So rasch eine Dienerin dazukaufen wäre wohl irgendwie zu vertreten!). Außerdem war Sirius auch auf der Flucht, und trotzdem konnte er aus seinem Verließ in Gringotts Geld abheben um den Feuerblitz zu bezahlen. Hier ist also ein Logikfehler drin.

Kapitel 22:

Interessante Rückblende

Dein Severus ist mir leider zu edel und zu selbstlos. Außerdem vermisse ich seine frühe Todesserkarriere - knappes Timing, oder?

Die Idee mit der Bluttransfusion als Heilmittel gegen Drachenpocken ist absolut simpel und genial zugleich - es gibt tatsächlich übelste Krankheiten, die mit einer simplen Übertragung vom frisch gefrorenen Blutplasma (ein Blutaustausch wäre zwar risikoreicher, es würde aber in etwa dasselbe Effekt zeigen) geheilt werden. Severus tut es natürlich völlig uneigennützig... :P

Jetzt klettert er also hin und holt wieder Lucius raus - ich freue mich schon auf deinen Lucius-nach-Azkaban!

Kapitel 23:

Na ja, Snape als experimentierfreudiger ruchloser Heiler, der alle Gesetze zu brechen bereit ist, um seine Hypothese zu bestätigen, gefällt mir schon besser als in der letzten Folge. Bei den Muggeln würde er letztlich dafür auch seine Approbation verlieren, wenn es raus käme. Seine Transfusionsgeschichte ist mitnichten edel und selbstlos. Für mich ist Severus hier ruchlos, erfolgsgierig und jede ethische grenze verletzend. Nur sein eigener Anteil an Risiko mildert etwas die Bewertung seiner Schuld, jedoch nicht zu sehr, wie man in seiner "Aufklärung" bemerken kann. Er nützt die verzweifelte Lage und die Hoffnung eines Todkranken aus, um verfrühte Experimente zu machen und seine Hypothese zu bestätigen. Letztlich will er damit Ruhm und Geld. Dass er sich dabei einen steinreichen Schnösel zum Freund gemacht hat, stört ihn auch nicht wirklich.

Seine Fähigkeiten als Financier sind irgendwie weniger glaubwürdig, seinen Erfolg würde ich eher als Anfängerglück mit Spezialwissen bezeichnen (na ja, Ärzte wissen, wovon Frauen träumen...). Bei der Rückblende habe ich nur etwas mehr Hauptstory vermisst, auch wenn es nur einzelne Zeilen im Text verstreut gewesen wären.

Aber alles in allem: Nicht schlecht (das ist mein Euphemismus für eher gut bis sehr gut).

Mach nur weiter! die Spannung bleibt!

ps: Dein Severus passt irgendwie gar nicht schlecht zum Snape von Spinners End, ich lese das sechste Buch schon wieder.

Kapitel 24:

Aach, wunderschöne Folge!

Zuerst war es ganz lustig:

Zitat:
„Das ist Severus Snape, mit dem ich mir in London das Zimmer teile.“
Sie runzelte die Stirn.
„Das unerträglich arrogante Schachgenie? Wegen dem du und Narcissa im Hyde Park beinahe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet worden wärt?“

Moment, es geht noch peinlicher:

Zitat:
„Lucius weiß, dass ich nichts gegen Muggel einzuwenden habe!“ Vorsichtig berührte sie die verschorfte Wunde an meiner Augenbraue, die Bellatrix Reitgerte geschlagen hatte.
„Das war meine Schwester, nicht war?“
Mir schoss das Blut ins Gesicht, und ich wandte den Blick ab.

Und dann...

Ich sehe dir den Mangel an Sklaventreue freudig nach, denn sogar für mich alte Romantikverächterin war die Geschichte dieser kurzen und wohl zum Scheitern verurteilten Liebe nur noch schön!

Zitat:
Das Universum implodierte lautlos, und eine Sekunde war tausend Jahre.
Als sie mich endlich sanft zurückschob und mich auf den Rücken rollte, wusste ich, dass der Moment der Wahrheit gekommen war. Wenn Andromeda mich jetzt verletzte wie Bellatrix es getan hatte, wäre nicht nur mein Stolz hinüber –etwas, von dem ich noch nicht genau wusste, was es eigentlich war, würde ich für immer und alle Zeiten verlieren.

Und das Finale spannt uns in schöner alter Polaris - Manier auf die Folter:

Zitat:
Der Stein, dem ich - durch die offenkundige Gefahrlosigkeit der Kletterroute und die glückliche Erinnerung verleitet - leichtsinnig mein ganzes Gewicht anvertraut habe, bricht unvermutet aus dem Fels.

Auf diesen Fehler habe ich gewartet. Bei so vielen alten Erinnerungen gepaart mit der "dezenten" Ankündigung von Voldemort fehlt dem guten alten Severus langsam die nötige Konzentration. Und in Azkaban nützt kein Zauberstab und erst recht keine Spontanmagie. oder?

Hat Severus wenigstens ein Sicherungsseil benützt? ?(

Zitter, bibber... Wo ist die Fortsetzung? 8)

Na ja, liest hier wohl wirklich niemand diese Geschichte? Ich würde lautstark protestieren, mit einem solchen Cliffhänger lange Zeit stehen gelassen zu werden!

Wann geht es weiter? [img]images/smiles/haekeln.gif[/img]
_________________
Nitwit! Blubber! Oddment! Tweak!

Meine FF-Ãœbersetzungen:
Duell
Dumbledore's Men

Zuletzt bearbeitet von Kathrina am 26 Aug 2006 19:25, insgesamt einmal bearbeitet


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Ungelesener BeitragVerfasst: 13. August 2006 18:15 
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Hallo, Kathrina,

wie immer danke für's Review! :)

Zitat:
Severus bereitete sich lange darauf vor, Lucius ohne Magie aus Azkaban herauszuholen. Schindete sich wie blöde dafür, aber am Schluss scheint er sein Ziel völlig aus den Augen zu verlieren, wenn er merkt, dass es ihm selber an den Kragen geht.


Zitat:
Dann bekommt er sein (benahe?) Todesurteil und raucht seine letzte Zigarette wie in einem uralten Western (Hey, er wollte mit Muskelkraft Lucius aus Azkaban holen! Geht wohl schlecht mit verrauchter Lunge)


Ach wo - Severus hatte nur einen kurzen Anfall von Panik, und Angst bekämpft man meiner Meinung nach am besten, in dem man sich mal was Gutes gönnt, auch wenn`s unvernünftig sein mag.

Zitat:
Dabei ist die Strategie, die Voldemort verfolgt, ganz durchsichtig: divide et impere!


Wenn mich alle so durchschauen, brauche ich ja nicht weiterschreiben ... Aber im Ernst: Genau das erwarte ich von JKR für Band 7, denn eigentlich hat der größtenteils dilletantische Todesser-Trupp keine Chance gegen eine vereinte Macht der Zauberer.

Zitat:
Aus Severus werde ich auch nicht ganz schlau. Zuerst verwendet er seinen gesamten Verstand darauf, sich bei Voldemort das Überleben zu sichern, und dann startet er einen Kamikazelauf indem er mit kindischen Transaktionen sein ganzes Vermögen verpulvert. Das geht doch auch intelligenter, oder? Snape benimmt sich so ziemlich dämlich, niemand würde ihm die Dummheit abkaufen, Ratschläge von Crabby und Goyle beherzigt zu haben. Es ist überhaupt nicht sein übliches raffiniertes Niveau, so dass sein Verhalten ein Selbstmord auf Raten ist.


Also, bei Geldanlagen habe ich schon von Leuten gehört, die auf absolut absurde Versprechungen hereingefallen sind - Gier beeinträchtigt offensichtlich die Logikfunktion im menschlichen Gehirn. Ein Beispiel: Handys für 0 Euro - das ist natürlich ein nebenkostenschweres Märchen, und trotzdem scheint diese plumpe Masche offensichtlich hervorragend zu funktionieren ...

Zitat:
Und bei Tricky hat er wohl auch nicht brilliert. Er macht sich Sorgen um ihre Großmutter, um gleich daraufhin mangels Geld aufzugeben (Hey, er hat zugriff auf Voldemorts Vermögen! So rasch eine Dienerin dazukaufen wäre wohl irgendwie zu vertreten!). Außerdem war Sirius auch auf der Flucht, und trotzdem konnte er aus seinem Verließ in Gringotts Geld abheben um den Feuerblitz zu bezahlen. Hier ist also ein Logikfehler drin.


Ich weiß nicht, ob es magisch gültig ist, bei Voldemort eine Unterschlagung zu begehen, um ihm (mit dessen eigenem Geld) etwas abzukaufen - bei Muggeln wäre dieser Vertrag wohl zumindest anfechtbar, wenn nicht von vorneherein nichtig. Und woher Sirius das geld hatte, um den feuerblitz zu kaufen, wissen wir nicht. Villeicht hatte er das Geld, das er von seinem Onkel geerbt hat, im Sparstrumpf unterm Bett oder in einer magischen Schatzkiste irgendwo vergraben ... OK, alles ein wenig wacklig, aber Severus hat da schon eine Idee, um nicht nur Tricky, sondern auch seiner Großmutter zu helfen - und dazu braucht es einen Kaufmann wie Lucius Malfoy mit dem entsprechenden Wissen um magisches Handelsrecht, magische Kaufverträge usw. :wink:

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Kapitel 25: Absturz

Wer jemals geträumt hat, er fiele irgendwo herunter, kennt das Gefühl des bodenlosen, taumelnden Sturzes in die Unendlichkeit, in dem die Angst jeden Muskel zu Granit verkrampft und das Zeitgefühl völlig außer Kraft gesetzt ist. So falle ich rasend schnell und quälend langsam zugleich die fünfzehn Fuß bis zum letzten Sicherungshaken und weitere fünfzehn Fuß Seillänge darüber hinaus, bis ein Ruck, der einen norwegischen Bergtroll von den Füßen gefegt hätte, mich abrupt abbremst. Meine Rippen und die Beckenknochen ächzen gequält unter der plötzlichen Einschnürung durch den Sicherungsgurt, während die Pendelbewegung des Sturzes mich erst mit dem Rucksack, dann mit der Schulter und schließlich mit dem Kopf gegen den Felsen schlägt.
Halb bewusstlos hänge ich im Seil, während sich die restliche Fallenergie abbaut und ich sanft hin und her schwinge. Mein Puls und meine Hände flattern wie Kolibris. Zögernd durchdringen die ersten zusammenhängenden Gedankenfetzen die überwältigende Eruption des Adrenalins, das durch meinen Körper brodelt.
Ich lebe noch, stelle ich atemlos fest, als ich vorsichtig den Kopf hebe und nach oben blinzle. Der Felshaken hat gehalten, ebenso das Seil und die Gurte. Den Kletterhelm hat es in zwei Hälften zerschlagen – genau dasselbe wäre mit meinem Schädel passiert, hätte ich diesen Schutz nicht getragen. In meiner Jugend lehnte ich sowohl Kopfschutz als auch Seilsicherung beim Klettern ab – doch das Alter macht weiser, vorsichtiger und weniger eitel. Manchmal ist es von großem Vorteil, seinen Stolz zu besiegen – eine der bittersten Lektionen überhaupt für den, der sie erlernen muss.

***

In den nächsten beiden Wochen nach unserer Rückkehr nach London traf ich mich so oft es irgend ging heimlich mit Andromeda, die - obwohl längst volljährig - nach einem Streit mit ihren Eltern Ausgehverbot hatte, aber im Traum nicht daran dachte, sich daran zu halten. Über das Zusammensein mit Andromeda vernachlässigte ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Pflichten sowohl meiner Mutter als auch meiner Ausbildung gegenüber. Um mehr Zeit zu haben, brachte ich meine Ausführungen über die Drachenpocken zu einem etwas abrupten Ende, stopfte die Berge von Notizen, Skizzen und Merkzetteln unsortiert in einen Karton unter mein Bett und übergab schon drei Wochen vor Fristablauf den Umschlag an eine Posteule – obwohl ich sonst immer bis zur letzten Sekunde an jedem Satz herumzufeilen pflegte. Insgesamt fühlte ich mich wie permanent betrunken oder unter dem Einfluss von Felix Felicis.
Das es Lucius hingegen gar nicht gut ging, bemerkte ich erst recht spät, nämlich als er begann, mehrmals pro Nacht schreiend und in Schweiß gebadet aus einem unruhigen Schlaf zu schrecken. Bei jedem Terror Noctis Anfall war er bleich wie der Tod, zitterte am ganzen Leib und es gelang ihm nur mit Mühe, zurück in die Realität zu finden.
Um meine Nachtruhe, die durch die gestohlenen Stunden mit Andromeda und meine Nachtdienste im St. Mungos ohnehin knapp bemessen war, wiederherzustellen, mischte ich für Lucius Schlaf- und Beruhigungstränke, die jedoch wider Erwarten nicht wirkten, außer, dass mein neuer Freund am Tag noch übernächtigter, abgeschlagener und verzweifelter wirkte.
Als ich weit nach Mitternacht von der Schicht im St. Mungos heimkam und todmüde zu Bett gehen wollte, schrie Lucius im Schlafe wie ein in die Enge getriebenes wildes Tier und schlug dabei in Panik um sich, als sei er von Dementoren umzingelt.
Ich rüttelte Lucius an der Schulter und weckte ihn aus den furchtbaren Visionen, die von ihm Besitz ergriffen hatten. Besorgt betrachtete ich die blauvioletten Ringe unter seinen Augen, das strohig gewordene Blondhaar, das ihm im kalten Schweiß am Schädel klebte, seine vor Schlafmangel und Angst grünliche Gesichtsfarbe - und entschloss mich zu einem verzweifelten Schritt. Ganz offensichtlich waren Lucius krankhafte Alpträume mögliche Spätfolgen meiner Behandlung gegen die Drachenpocken. Wollte ich meinen neuen Freund nicht in diesem Zustand belassen, seine Gesundheit ruinieren oder gar sein Leben riskieren, musste ich der Ursache des Schreckens wohl oder übel auf den Grund gehen.
Malfoy schlüpfte aus dem verschwitzten Nachthemd und in seine normale Straßenkleidung, denn an Schlaf war für ihn in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Anschließend ließ er sich entkräftet von der Anstrengung auf die Kante seines Bettes fallen. Derwei goss ich heißes Wasser über die Kräutermischung aus Baldrian, Fenchel und Nachtkerze im Teekessel.
„Was ist los, Lucius?“, fragte ich, während ich mir einen Stuhl heranholte, und schob ihm einen Becher dampfend heißen Tee in seine eiskalten Hände. „Womit träumst du dich nur Nacht für Nacht um den Verstand?“
Lucius umklammerte den Becher, als könne die Wärme des Trankes seine Lebensgeister neu beleben, und nahm einen vorsichtigen Schluck.
„Die Träume sind eigentlich immer verschieden, nur das Ende ist gleich – ich sterbe! Mal saugen mich die Dementoren aus, mal grillt mich ein Drache mit seinem Feuerstrahl. Ein anderes Mal wieder zapple ich hilflos im Netz einer Acromantula oder ich werde vom Schnabel und den Krallen eines Hippogreifs in Fetzen gerissen. Es gibt beinahe kein magisches Wesen mehr, das es noch nicht auf mich abgesehen hätte – im Traum gerade eben wurde mein Herz von einem Einhorn durchbohrt, stell dir das vor!“ Er stellte den Becher zur Seite und verbarg das Gesicht in den Händen.
Mir wurde eiskalt. Anscheinend hatte Lucius doch nicht alle Erinnerung an die langen Stunden verloren, während derer er auf dem Grenzfluss zwischen Leben und Tod dahin trieb.
Lucius Malfoy nahm die Hände vom Gesicht und sah mich aus seinen fiebrig glänzenden Augen verzweifelt an.
„Ich muss dir was erzählen, Severus! Ich werde …“
„Nein, Lucius! Ich bin es, der dir was erklären muss!“, unterbrach ich ihn scharf.
Seine Augen verengten sich. „Nein, wirklich, Severus, ich muss das endlich loswerden, sonst werde ich noch verrückt! Ich werde von jemandem …“
„Du bist beinahe gestorben, als ich dich mit meiner neuen Methode gegen die Drachenpocken behandelt habe.“, schnitt ich ihm ins Wort. „Du schwebtest lange Zeit zwischen Leben und Tod – und daher kommen diese grauenvollen Träume!“
Lucius starrte mich an. „Gestorben? Aber wieso denn? Ich dachte, es ging alles glatt, so wie du es vorausgesagt hast …!“
Ich seufzte tief, setzte mich neben ihn auf die Bettkante, starrte hinunter auf meine Hände und erzählte ihm die ganze Geschichte, ohne etwas zu beschönigen – weder meinen Ehrgeiz noch die Motive, die mich bewogen hatten, entgegen seinem ausdrücklichen Wunsch niemanden vom St. Mungos in unser riskantes Experiment einzuweihen - noch die schrecklichen Stunden, die Lucius im Sterben lag und ich nichts mehr für ihn tun konnte außer abzuwarten und auf ein Wunder zu hoffen.
Als ich geendet hatte, sprang Lucius mit angestrengtem Gesichtausdruck auf und begann erregt auf und ab zu laufen. Nach einer Weile intensiven Nachdenkens blieb er genau vor meinen Füßen stehen, und ich war gezwungen, den Kopf zu heben, um zu ihm aufzublicken.
„So war das also – wann genau wolltest du mir eigentlich davon erzählen?“, fragte er mit beherrschter, ruhiger Stimme.
Ich war von der mitschwingenden Bitterkeit in seinen Worten nicht wirklich überrascht – allerdings davon, dass sie mir einen Stich versetzte, der tiefer ging und stärker schmerzte, als ich es erwartet hatte.
„Niemals.“, antwortete ich leise.
„Meintest du nicht, ich hätte ein Recht zu erfahren, was mit mir passiert ist?“
Ich senkte den Blick und betrachtete meine Hände.
Malfoy betrachtete mich kühl von oben herab. „Darf ich kurz zusammenfassen, ja? Wir beide entschließen uns gemeinsam und in gegenseitigem Einverständnis zu einem Experiment, wobei du mir jedoch einige wichtige Tatsachen unterschlägst: Erstens den Umstand, dass man uns in St. Mungos nicht abweisen würde, falls wir, wie von mir vorgeschlagen, dort um Rat und fachlichen Beistand gebeten hätten – stimmt das?“
Ich schluckte mühsam.
„Ja.“
„Du hast darauf verzichtet, weil du den Ruhm unbedingt und ausschließlich für dich wolltest und hast dabei ganz bewusst in Kauf genommen, dass ich wie ein Hund krepiere – nur weil du zu stolz und zu ehrgeizig bist, um Hilfe zu bitten?“
„Ja.“ Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, doch ich konnte nichts daran ändern.
„Ich hätte in alles eingewilligt, jeden Strohhalm ergriffen, der sich mir bietet. Ich habe mich dir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert in der Hoffnung auf Heilung meiner Krankheit – und du hast nicht einmal dann St. Mungos alarmiert, als ich bereits im Sterben lag, sondern es vorgezogen, auf ein Wunder zu warten, das dann Merlin sei Dank auch eingetreten ist?“
„Ja.“, flüsterte ich heiser.
Malfoy tigerte im Zimmer auf und ab und schlug sich rhythmisch mit dem Griff seines Gehstockes in die Handfläche. Offensichtlich waren zusammen mit der Erkenntnis über die Ursache seiner Alpträume der Kampfgeist in ihn zurückgekehrt.
„Um es jetzt noch mal ganz deutlich zu machen …“, begann er und zwang mich mit Hilfe des silbernen Schlangenkopfgriffs unter meinem Kinn, ihn anzusehen, „ … du lässt lieber einen Menschen verrecken als zuzugeben, dass du einen Fehler gemacht hast?“
„Nein! Außerdem war es kein Fehler …“, begehrte ich auf.
„Oh doch! Ich will dir ja nicht mit hochfahrenden moralischen Idealen kommen – du weißt, ich bin Kaufmann. Ich kenne den Handel, schätze ein gutes Geschäft und verstehe, wenn jemand konsequent seine Ziele verfolgt - aber über die Leichen meiner Geschäftspartner gehe ich dabei nicht! Es gibt Grenzen, Severus!“
Meine Rechtfertigungen schmeckten allesamt schal im Angesicht seines Zornes. Darum blieben mir die Ausflüchte im Halse stecken, und ich schwieg.
Malfoy starrte mich ohne Blinzeln aus seinen frostigen grauen Augen an. „Ich war so dumm zu glauben, du hättest es für mich getan! Wie kannst du nur jemanden, der dir durch sein Vertrauen ausgeliefert ist, auf so rücksichtslose Weise manipulieren? Das, Severus, bringt noch nicht einmal ein eiskalter Malfoy fertig!“
Ich war so aufgebracht wie schuldbewusst und konnte meine Gefühle nicht klar sortieren. Malfoy warf mir vor, Menschen wie Werkzeuge zu behandeln – aber waren sie das nicht? Durfte man sie nicht, sofern sich dies mit ihrem Wohl rechtfertigen ließ, auch gegen ihren Willen oder mit Hilfe einer List dazu benutzen, um eigene Ziele durchzusetzen?
Die Stille zwischen uns dehnte sich, während Malfoy auf eine Entschuldigung wartete – aber so weit war ich damals noch nicht. Ich war zu jung, zu erkennen, wie viel ich noch zu lernen hatte - und zwar auf einem Gebiet, das mir damals genauso fremd war und das ich im gleichen Maße verachtete wie der Dunkle Lord, dem ich mich in nicht allzu ferner Zukunft anschließen würde.
So kamen die Worte, die notwendig gewesen wären, nicht über meine Lippen – und dieses Versäumnis brachte den ersten Stein einer Lawine ins Rollen, die viele andere und schließlich auch mich selbst in die Tiefe reißen sollte.
Malfoys marmorblasses Gesicht versteinerte sich mit jeder Sekunde mehr. Schließlich umklammerte er seinen Schlangenstock fester, so dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, verbeugte sich spöttisch und zischte: „Du hast es so gewollt, Severus Snape - sehen wir unsere Beziehung in Zukunft also rein geschäftlich! Abgerechnet wird zum Schluss, und wir werden schon noch erfahren, wer der bessere Kaufmann von uns beiden ist!“
Damit drehte er sich auf dem Absatz um und schritt aufrecht und mit bauschendem Umhang zur Tür.
Ich klaubte blind den nächstbesten Gegenstand – einen Bottich mit in Giftsumach eingelegtem Schlangenhirn - vom Tisch und schleuderte ihn Malfoy hinterher.

In den folgenden Tagen achteten Malfoy und ich peinlichst darauf, einander nicht zu begegnen – was keinem schwer fiel, da uns die Gewohnheiten des jeweils anderen inzwischen sehr vertraut waren. Malfoy hatte sogar das Schachspiel seit unserem Streit nicht mehr angerührt, obwohl er bei der aktuellen Partie in einer aussichtsreichen Position stand und ich ihm eigentlich nur noch ein verzweifeltes Rückzugsgefecht liefern konnte. Kurz vor unserer Auseinandersetzung hatte er mir noch ein gnädiges Remis angeboten – aber Aufgeben war für mich noch nie eine Option gewesen.
Andromeda bekam natürlich Wind von unserem Streit und war neugierig, was vorgefallen sei. Malfoy hatte allerdings wohl ebenfalls wenig Lust auf Erklärungen verspürt, und ich speiste Andromeda recht brüsk mit den Vorwand ab, Malfoy und ich seinen wohl beide überarbeitet und die Sache renke sich von selbst wieder ein - woran ich selbst allerdings keine Sekunde glaubte. Auch Andromeda blieb misstrauisch, gab sich jedoch vorerst zufrieden, und wir wandten uns naheliegenderen Beschäftigungen zu.

Eine Woche später wurde ich früh morgens zum Dienstbeginn ins Büro des Direktors von St. Mungos zitiert. Als ich dort erschien, waren zu meinem Erstaunen die gesamte Klinikleitung, meine direkten Vorgesetzten sowie Bozo Brute, Heiler im Praktikum und mein Hauptkonkurrent, dort versammelt. Bozo sah aus wie ein Chorknabe und trug zu meinem milden Amüsement trotz der Hitze ein hochgeschlossenes Hemd - anscheinend war ihm noch kein Gegenfluch eingefallen für meine spontane Hexerei, die ich ihm vor meiner Zimmertür aufgehalst hatte.
Der Gesichtsausdruck aller übrigen Anwesenden lag irgendwo zwischen abweisend und streng, und manch einer wich meinem Blick aus.
Mir wurde der Mund trocken. War ich durchgefallen? Ich hätte meine Ausführungen vielleicht doch nicht gar so abrupt …
„Mr. Snape!“, meldete sich der Direktor von St. Mungos, Nathanael Robbespiere, zu Wort und hielt meine Arbeit hoch, so dass ich sie betrachten konnte, „Sind dies die Ergebnisse ihrer Studien über die Drachenpocken?“
Ich nickte. „Ja.“
„Diese Arbeit haben sie selbst und eigenhändig angefertigt?“
„Natürlich.“
Die Zuschauer raunten, verstummten jedoch sofort wieder, als der Direktor fortfuhr: „Wessen Hilfe haben sie in Anspruch genommen, Mr. Snape?“
Ich war verblüfft. Hatte Malfoy, der verdammte Pfeffersack, mich aufgrund unseres Streites bei meinen Vorgesetzten angeschwärzt, um sich zu rächen? Aber damit setzte sich Malfoy doch dem Stigma der Drachenpocken aus, die seinesgleichen sonst aus verständlichen Gründen unter allen Umständen zu vermeiden suchte! Malfoy war erledigt, wenn seine Krankheit publik werden sollte, und Narcissa konnte er trotz Heilung wohl endgültig abschreiben!
„Niemand hat mir geholfen.“, log ich stur.
Alle hielten den Atem an.
„Wie kommt es dann …“, meinte Robbespiere und schob seine Brille auf der Nase zurecht, während er sich vorbeugte, um mir inquisitorisch in die Augen zu starren, „… dass Mr. Brute, der heute ebenfalls anwesend ist, eine revolutionäre Heilmethode vorschlägt, die mit der ihren absolut identisch ist?“
Da meine Befürchtungen ganz auf mein verbotenes Experiment fixiert waren, brauchte ich ein wenig länger als üblich, um zu schalten.
„Sie meinen, einer von uns habe beim anderen abgeschrieben?“
Der Direktor grunzte. „Genau. Einer von ihnen beiden hat betrogen und fliegt noch heute hochkant hier raus! Der Andere hingegen hat seine Prüfung mit Glanz und Gloria bestanden, bekommt die ausgeschriebene Heilerstelle - und den Paracelsuspreis für die beste Forschungsarbeit des Jahres obendrauf!“
Ich legte misstrauisch den Kopf schräg.
„Alles, was ich über die Heilungsmethode geschrieben habe, stammt ausschließlich und allein von mir.“, beharrte ich und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als ich die ungläubigen Mienen der Zuhörer sah.
„Mr. Brute behauptet dasselbe! Und seine Recherchearbeit im vorausgehenden Teil der Prüfung ist sogar noch einen Hauch besser als die ihre, Mr. Snape!“
„Das bezweifle ich auch nicht. In Reproduktion ist Brute besser als ich, dass gebe ich zu. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand, der so wenig kreativ ist wie Bozo, auf dieselbe Idee kommen kann wie ich …“ Hilflos brach ich ab.
Die buschigen grauen Augenbrauen Robbespieres begegneten einander wie Gewitterwolken. „Nicht eine ähnliche Idee, Mr. Snape - sie beide haben im Bezug auf den Vorschlag einer neuen Therapie wortwörtlich dieselbe Arbeit abgegeben!“
Der schweigende Bozo lächelte milde, sanft und unschuldig wie ein Rauschgoldengel auf mich herab, während er erwartungsfroh auf den Fußspitzen wippte.
In diesem Moment ging mir auf, dass – sofern der Direktor die Wahrheit sprach, woran ich nicht zweifelte - Bozo irgendwie an meine Ausführungen gelangt sein musste, um meine Idee zu stehlen und meine Gedanken Wort für Wort zu duplizieren. Die Sicherheitszauber, die ich zum Schutz vor Bozos Neugier an unserer Tür angebracht hatte, waren unüberwindbar. Zutritt zum Zimmer hatten allein Lucius Malfoy und ich …
Die Erkenntnis von Lucius Malfoys Verrat traf mich wie ein Faustschlag in den Magen, und mir wich das Blut aus dem Gesicht.
„Wie kommt es eigentlich, dass ich hier vor ihnen stehe und mich rechtfertigen muss wie ein Angeklagter, während mein Konkurrent Bozo Brute dort oben neben ihnen steht und mich anfeixt, als gäbe es gleich Weihnachtsgeschenke? Ich habe keinen Grund zu betrügen – ich kann nämlich selber denken!“, fauchte ich vor Zorn bebend.
„Weil Mr. Brute …“, antwortete Direktor Robbespiere und lehnte sich gönnerhaft zurück, „… beweisen kann, dass er der Urheber der Erfindung ist!“ Er blinzelte Bozo verschwörerisch und auffordernd zugleich zu.
Bozo drehte sich um, beugte sich hinunter und hob eine Kiste empor, leicht staubig und nicht mehr neu, in der säuberlich aufgestapelt – meine Notizen lagen, die ich in wilder Unordnung achtlos unters Bett geschoben und über Andromeda dort völlig vergessen hatte! Wortlos trat ich nach vorn und nahm das oberste Blatt der Aufzeichnungen, um es zu lesen.
Bozo hatte meine in seine Handschrift umgehext, sonst nichts. Er hatte es sogar nicht einmal für notwendig befunden, die kleinen Kritzeleien, die ich schon seit meiner Schulzeit beim Nachdenken in all meinen Büchern und Unterlagen zu hinterlassen pflege, zu entfernen: Der Zauberspruch Dermatounka, der mir beim Grübeln über das Thema des Drachenpocken-Hautausschlages eingefallen war und den ich bereits erfolgreich an Bozo ausprobiert hatte, als ich ihn vor meiner Zimmertür erwischte, stand noch in der rechten unteren Ecke hingekritzelt – allerdings jetzt in Bozos geschwungener Riesenhandschrift, nicht in meinen ordentlichen, spitzen und kleinen Buchstaben …
Ich schluckte trocken. Ich hatte verloren, das war klar.
„Zur Entlastung der Anschuldigungen gegen sie, Mr. Snape, können sie uns sicher ihre eigene Notizensammlung zur Verfügung stellen?“, fragte Robbespiere süßlich.
„Nein. Das kann ich nicht.“, flüsterte ich.
Die Honoratioren warfen einander Hab-ich-doch-gleich-gewusst-Blicke zu und musterten mich voller Verachtung.
„Wieviel hat dieser stinkreiche Muggel ihnen bezahlt, damit sie ihn mit dieser Farce durchkommen lassen?“, fragte ich leise, aber so scharf, dass meine Worte bis in die letzte Ecke des Raumes überdeutlich zu hören waren. „Bozo Brute hatte in seinem ganzen Leben noch nicht einen einzigen originellen Gedanken – das weiß jeder hier im Raum genauso so gut wie ich!“
Einige Anwesende wurden blass, andere rot im Gesicht, und dem Direktor quollen die Augen hervor wie einem Karpfen.
Bozo hingegen erwies sich als grandioser Schauspieler.
„Ich würde niemals jemanden bestechen, Severus!“, heuchelte er mit ölig-mitfühlender Stimme. „Es tut mir leid, Severus, aber du hättest eben nicht betrügen dürfen! Der Direktor und die Prüfungskommission würden niemals Geld annehmen!“
„Auch nicht für die Neugestaltung des Eingangs bei Reinig&Tunkunter, nein?“, fragte ich mühsam zwischen den Zähnen hindurch.
Robbespiere schnappte nach Luft.
„Das ist etwas völlig anderes!“, protestierte er lahm, und sein Doppelkinn bebte vor rechtschaffener Entrüstung und selbstgerechtem Zorn
„Natürlich.“, versetzte ich ironisch.
Der Direktor schnaufte wie ein Walross. „Sie sind der unverschämteste Heiler im Praktikum, der jemals begegnet ist, Mr. Snape!“
Ich ließ mich nicht einschüchtern.
„Dann befragen sie uns doch– lassen sie jeden von uns allein vor einer Kommission unsere vorgeschlagene Heilmethode erklären, anstatt mir den Betrug in die Schuhe zu schieben! Ich weiß nämlich, wie ich auf meine Idee gekommen bin, und ich kann jedem Fachheiler gerne erläutern …“
„Kommt nicht in Frage!“, fiel Robbespiere mir wütend ins Wort. „Meine Tochter ist seit kurzem mit Mr. Brute verlobt – und jemand, der mein Schwiegersohn wird, lügt nicht! Um es kurz zu machen: Eine Kommission ist nicht nötig – sie sind gefeuert, Mr. Snape!“
Ich wandte mich an Bozo.
„Ich dachte, die Karriereleiter Hochschlafen sei Frauensache?“, fragte ich mit hochgezogenen Brauen.
Bozo blickte mitleidig auf mich herab, doch er errötete bis unter die Haarspitzen.
„Du tust mir leid, Severus!“, versetzte er heuchlerisch. „Du hast verloren, sieh’s doch endlich ein!“
Ich umklammerte meinen Zauberstab fester.
„Niemals! Ich gehe mit dieser Sache vor das Zauberergamott, wenn es sein muss! So leicht lasse ich mir nicht nehmen, was mir gehört!“
Brute lächelte herablassend. „Das kannst du dir doch gar nicht leisten!“
Ich lächelte noch arroganter zurück.
„Das werden wir schon noch sehen!“
Robbespiere setzte sich aufrecht in Positur und winkte zwei Pflegezauberer herbei, die sonst bei Bedarf unten in der Eingangshalle für Ordnung und Mäßigung bei renitenten Patienten sorgten.
„Es steht ihnen natürlich frei, den Rechtsweg einzuschlagen, Mr. Snape! Vorerst muss ich sie um ihre Zugangskarte bitten.“
Einen Moment lang dachte ich darüber nach, dem fetten Walross die Karte samt meiner Faust mitten ins Gesicht zu schlagen oder nachzuprüfen, ob ich Sectumsempra noch beherrsche, oder …
Dann siegte die Vernunft, und ich übergab ihm meinen Ausweis, drehte mich ohne weiteren Kommentar um und schritt zur Tür.
„Bevor ich es vergesse, Mr. Snape …“, ließ Robbespieres Stimme mich mit der Hand auf dem Türgriff innehalten, „… ihre Mutter können wir natürlich in Zukunft hier nicht mehr fast umsonst betreuen. Sie haben drei Tage Zeit, ein Pflegeheim für sie zu finden. Die Rechnung für die Zusatzleistungen der letzten Wochen schicken wir ihnen gesondert zu!“
Obwohl ich es schaffte, die schwere Eichentür nicht zuzuknallen, hörte ich das Splittern von Fensterglas im Saal hinter mir.

Der Abschied vom St. Mungos war demütigend. Natürlich schuhuten die Eulen meinen Rauswurf schon von den Dächern. Während ich schweigend meine Sachen aus dem Spind ausräumte und Heiler wie Schwestern mir dabei peinlich berührte Seitenblicke zuwarfen, fand nur Hippokrates Smethwick den Mut, sich von mir zu verabschieden. Er legte mir die Hand auf die Schulter und versicherte so laut, dass alle es hören konnten, er glaube an meine Unschuld und die Art, wie man mit mir umspringe, sei ein Skandal. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass einige ebenso dachten, aber sie verteidigten mich nicht gegen den Hohn und Spott, den andere, die bisher immer begeistert von meinen fachlichen Ratschlägen oder der Übernahme ihrer Nachtdienste profitiert hatten, über mich ausgossen und die mich einen arroganten Bastard und Schlimmeres nannten, dem nur Recht geschehe.
Nun, Hippokrates war einer, und einer ist nicht keiner. Ich war ja Kummer gewohnt.
Ich verabschiedete mich so ruhig und beherrscht ich konnte von Hippokrates, log ihm vor, ich würde es schon irgendwie schaffen und ging durch die große Eingangshalle zum Aufzug, während sich dutzende Blicke in meinen Rücken bohrten.

Ohne Arbeitszeugnis und mit dem Rauswurf aus St. Mungos im Rücken hatte ich große Probleme, eine neue Arbeitsstelle zu finden, und ich bekam zu schmecken, wie es einem Squib in der Zauberwelt ergeht.
In der Nocturngasse ergatterte ich einen miserabel bezahlten Job in einer Spelunke und verbrachte fortan alle Nächte, die ich nicht mit Andromeda zusammen sein konnte, damit, mich von Besoffenen anpöbeln zu lassen, die Toiletten von den Hinterlassenschaften der Gäste zu säubern und Butterbierfässer in den Keller zu wuchten. Tagsüber fand ich eine Stelle in Caractacus Burkes Zaubertrankfabrik, die Doxyzid in Sprühflaschen herstellte. Diese Arbeit mochte ich noch weniger als die in der Spelunke, denn das Doxyzid benebelt nicht nur Doxys, sondern auch die mit seiner Herstellung beschäftigten Arbeiter. Außerdem waren unsere Hände abends so rot und zerschunden als seien sie von Doxybissen übersät. Wie die anderen Arbeiter verbrauchte ich Unmengen an Murtlabessenz, und zu Feierabend dröhnte mir der Schädel von den Doxyziddämpfen.
Trotzdem würde mein durch Lucius Hilfe erwirtschaftetes Geld nur für die armselige Wohnung in Spinners End und ein billiges Pflegeheim für meine Mutter ausreichen – außer ich verzichtete auf die Verhandlung vor dem Zaubergamott, um Brutes Betrug doch noch beweisen und mich rehabilitieren zu können. Bozo hatte mit seinem beißenden Spott durchaus ins Schwarze getroffen: ohne den Gewinn aus der durch Malfoy finanzierten Spekulation mit dem Dünn-ohne-Diät-Mittel hätte ich mir eine Klage vor dem Zauberergericht nie im Leben leisten können!
Ich entschloss mich, auf das Rechtssystem zu vertrauen und mich gegen meine Entlassung zur Wehr zu setzen. Ich zahlte den Gerichtskostenvorschuss ein und kündigte das Zimmer, um wieder in Spinners End zu wohnen. Ich packte gerade meinen Kram zusammen, als Lucius hereinplatzte.
„Oh!“, sagte er überrascht, „Ich dachte …“
„Schon gut. Ich bin gleich fertig.“, antwortete ich müde und versuchte, die letzten Bücher in meinen Koffer zu quetschen. Als mir dies gelungen war, schloss ich den Deckel, wuchtete die Summe meiner irdischen Besitztümer vom Bett und stellte sie neben mir auf den Boden.
„Ich muss dir meinen Anteil an der Miete für diesen Monat noch eine Weile schuldig bleiben, Malfoy.“, teilte ich ihm mit. „Ich überweise es auf dein Konto bei Gringotts, sobald ich kann.“ Ich umfasste den Griff des Koffers und hob ihn an. „Tut mir leid, Lucius.“
Als ich an ihm vorbeigehen wollte, packte er mich am Oberarm und hielt mich zurück.
Ich hob überrascht den Kopf und blickte ihm auf gleicher Höhe ins Gesicht.
„Du hast dein Schachbrett vergessen.“, bemerkte er kühl.
Ich zuckte resigniert die Achseln. „Sieh es als Anzahlung.“
Malfoy zog lässig eine Geldbörse aus dem Umhang und warf sie auf den Tisch. Sie sprang auf, einige silberne Sickel kullerten heraus und hüpften klingend zu Boden.
„Das gehört dir!“
Ich hob fragend die Brauen.
„Das Geld – ich schenke es dir! Es sind dreißig Silberlinge, du kannst sie nachzählen. Bozo Brute gab sie mir als Dreingabe im Tausch gegen deine Unterlagen!“ Mit gespanntem Gesicht erwartete er meine Reaktion.
Ich blinzelte.
„Tut mir leid, Snape, mehr war nicht drin – du bist einfach nicht genug wert!“, spottete Malfoy.
Wie magisch angezogen glitt mein Blick hinüber zu dem Schachspiel, auf dem Malfoy und ich so oft unsere Kräfte gemessen hatten. Lucius Blick folgte dem meinen.
Ich hatte kurz vor Malfoys überraschendem Eintreffen die Partie aktualisiert und den schwarzen König umgestürzt - Schachmatt.
Malfoy starrte wie gebannt auf den neuen Spielstand.
Ich nutzte die Gelegenheit und streifte seine Hand ab, die noch immer auf meinem Arm ruhte.
„Du hattest Recht, Malfoy …“, erklärte ich sachlich. „,… und zwar in allem, was du mir vorwirfst – und außerdem bist du der bessere Kaufmann. Du hast gewonnen, ich verloren.“
Malfoy schien wie im Schock erstarrt durch meine Worte und schüttelte langsam den Kopf. „Ich wollte nicht …“, stotterte er. „Ich meine, ich dachte, du kriegst nur einen Verweis - ich hätte nie erwartet, dass sie dich im St. Mungos schassen! Brute hat mich …“
Den Rest hörte ich nicht mehr, denn ich war schon im Treppenhaus.

***

Nachdem ich mich von meinem Abgang aus dem Felsen hinreichend erholt und meine flatternden Nerven wieder beruhigt habe, klettere ich sehr viel konzentrierter und vorsichtiger weiter. Es ist immer schwierig, neu anzufangen, wenn man gerade eine Sache richtig in den Sand bzw. in den Luftraum einer Felswand gesetzt hat - und das Leben hält leider weder Sicherungsseile noch Rettungsboote bereit.
Als Konsequenz meines unfreiwilligen Ausstieges aus der Wand setze ich die Sicherungshaken jetzt öfter, so dass der Fahrstuhl nur insgesamt achtzehn statt dreißig Fuß in die Tiefe rauschen kann, falls ich mich wieder verkalkuliere.
Endlich habe ich glücklich das Ende der Felsenkletterei erreicht und stehe auf dem schmalen Sims am Fuße der Mauern des gefürchteten Zauberergefängnisses. Die Fugen der hoch aufragenden Festung sind noch schmaler als ich befürchtet hatte, der Stein noch glatter, kälter und abweisender. Hoch oben erkenne ich das gähnende Maul der Felsöffnung, hinter dem mein Freund Lucius nun schon so lange eingekerkert ist.
Ich könnte auch in Askaban weiterhin Sicherungshaken in die Fugen schlagen, habe mich jedoch bereits dagegen entschieden: Zum einen könnten das Metall, dass ich zwischen die Steine treiben muss, Geräusche verursachen und unliebsame Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Zum anderen müsste ich die Haken mitschleppen, und jedes zusätzliche Gewicht kann mich aus der Balance bringen, weshalb ich auch den Rucksack ablegen werde. Ich befestige mein Sicherungsseil daran, so dass ich ihn später zu Lucius Zelle heraufziehen kann. Ich hole die dünnen Kletterschuhe aus dem Rucksack und schnalle den Beutel mit Talkumpuder – das übrigens auch von Turnern benutzt wird, damit die Hände besseren Halt am Gerät finden – am Gürtel fest.
Freiklettern ist purer Spaß, sofern man sich in Absprunghöhe bewegt und die Sonne dir auf den Rücken brennt. Bei Nacht und eisigen Temperaturen jedoch werden die Finger schnell steif und unempfindlich - und das kann ich auf diesem Stück der minimalen Tritte und Griffe gar nicht brauchen. Ich erwärme darum Körper und Hände durch den Genuss von Crabbes Hitzedrops mit Chiligeschmack, die mir erst den Rachen in Flammen setzen wie Skelewachs und dann anschließend in meinen Eingeweiden eine wahre Höllenglut entfachen, die bis in jede Zelle meines Körpers ausstrahlt und meine klammen Finger beweglich hält.
Der erste Drops schüttelt mich wie üblich kräftig durch und verursacht einen Hustenanfall, bei dem ich einen Funkenregen ausspeie, und ich fürchte, aus meinen Ohren quillt ein wenig Rauch – manchmal ist Crabbe eine Spur zu talentiert mit seinen Süßigkeiten.
Ich verknote das Seil, dessen anderes Ende am Rucksack befestigt ist, neben dem Talkumbeutel am Gürtel und mache mich immer noch Funken ausatmend an den letzten und kniffeligsten Teil des Aufstieges. Was auf den ersten Blick unmöglich erscheint, kann sich immer noch zum Guten wenden…

***

Ich schaffte es tatsächlich, meine Mutter in einem anderen Pflegeheim unterzubringen. Allerdings reichte seine Qualität nicht an das St. Mungos heran, doch mir blieb keine Wahl. Leider hatte ich auch nicht mehr die Mittel für so wirksame Behandlungsmethoden gegen die Verschwinditis wie Anti-Ausbleich-Tränke, Frischfarbenflüche oder Kontrastverschärfungsmassagen, so dass sich Mutters Zustand rapide verschlechterte und sie beinahe schon so durchsichtig wurde wie der Blutige Baron, der Hausgeist von Slytherin. In unserer täglichen Partie Koboldstein, mit der wir uns seit ihrer Erkrankung bei meinen Besuchen die Zeit zu vertreiben pflegten, schaffte sie es kaum noch, die Spielsteine selbst zu bewegen, so verblasst war sie. Mutter scherzte tapfer darüber, aber wenn sie sich unbeobachtet glaubte, lag tiefe Traurigkeit und Resignation auf ihren geisterhaften Zügen.
Einmal, als ich bei meiner Arbeit in der Nocturngasse ein Fass Butterbier die Treppe in den Keller hinab schweben ließ, glaubte ich für einen flüchtigen Moment, Lucius hoch aufgeschossene schlanke Gestalt mit dem charakteristischen Schlangenkopfstock in der Hand zu erkennen, wie er vom Eingang von Borgin & Burkes aus zu mir herüber spähte. Als ich das Fass im Keller untergebracht hatte und wieder auf die Gasse trat, um das nächste zu holen, war die Gestalt jedoch verschwunden.
Ich überwies Malfoy die Miete, die ich ihm noch schuldete, sofort am nächsten Tag – Trugbild oder nicht, ich konnte mir keinen weiteren Ärger durch einen aufgebrachten Gläubiger leisten. Toastbrot mit Ketchup ist eigentlich ganz lecker und der Alternative, auf dem Heimweg in der Nocturngasse von den Malfoyschen Geldeintreibetrollen verprügelt zu werden, eindeutig vorzuziehen.
Andromeda musste ich von meinem Rauswurf aus dem Krankenhaus natürlich erzählen, aber Lucius Verrat verschwieg ich. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung bohrte sie nicht nach, denn sie hatte selbst ziemlichen Ärger zu Hause. Ihre Eltern konnten nicht verstehen, dass ein Schlammblut wie Ted Tonks freiwillig auf seine Zauberkräfte verzichteten wollte, um bei den Muggeln einen brotlosen Unsinn wie Astrophysik zu erlernen - und noch weniger verstanden die Blacks, dass eine ihrer Töchter offensichtlich den selben abartigen Drang verspürte. Eigentlich hatte Andromeda „bis sie wieder zu Verstand gekommen sei“ im Turmzimmer Hausarrest, war aber gewitzt genug, sich mit Hilfe einer Hauselfe immer wieder davon zu stehlen und die Nacht mit mir zu verbringen.
Eigentlich lebte ich nur noch für diese wenigen Stunden. Andromedas Zuneigung war für meine Seele ebensolcher Balsam wie die Murtlabessenz, die sie mir mitbrachte, um damit meine aufgesprungenen Hände einzureiben. Ich dachte oft und mit wachsendem Respekt an meinen Muggelvater und seinen steten Kampf, unsere Familie allein mit seiner Hände Arbeit über Wasser zu halten.
Um Geld zu sparen aß ich meist bei der Suppenküche „Sorgenfresser“, die von einer anonymen Gruppe finanziert wurde, über die interessanterweise niemand richtig Bescheid wusste. War mir allerdings auch egal, denn für fünf Knuts gab es ein anständiges Essen, dass von freiwilligen Mitgliedern der „Sorgenfresser“ ausgeteilt wurde, die an ihrer schwarzen Kutte mit silbernem Schlangensymbol an den Manschetten zu erkennen waren.
Hin und wieder setzte sich einer der Mitarbeiter zu den Essenden und begann ein Gespräch, in dem er ihnen Rat und Hilfe bei persönlichen Problemen von der Ehescheidung über die Räumungsklage bis zur Kontopfändung bei Gringotts anbot und die Leute zum Besuch einer ihrer Versammlungen einlud.
Bei mir versuchten sie es auch. Ein Zauberer setzte sich ungefragt auf den Platz neben mir, schob mir eine Visitenkarte zu und erklärte überaus scharfsinnig, er habe den Eindruck, als ob Sorgen mich bedrückten. Er würde mir gerne zuhören, und falls ich Lust hätte, ihm etwas von mir zu erzählen, dann nur zu! Seinesgleichen stehe in bestem Kontakt zu gewissen Personen, die mir bei meinen Problemen …
Ich hielt mit dem Löffel in der Luft schwebend inne. „Wenn ich mich unterhalten will, dann gehe ich zu meinem Friseur!“, knurrte ich abweisend.
Der freiwillige Mitarbeiter schien verwirrt und zupfte nervös mit langen bleichen Spinnenfingern an den Manschetten herum.
„Äh, ich glaube, ich verstehe nicht ganz ...“
Ich legte den Löffel nieder.
„Trage ich etwa meine Haare kurz?“, fragte ich mit beißendem Spott.
Das schien ihn noch mehr zu verwirren.
„Nein, das nicht. Aber …“
Ich war spontan satt – also stand ich auf und ging, ohne mich umzusehen. Seine Visitenkarte ließ ich auf dem Tisch zurück.

Am Morgen der Verhandlung vor dem Zauberergamot war ich furchtbar nervös. Ich zog meine besten Sachen an und kam zehn Minuten zu früh.
Eine meiner ehemaligen Patienten, die ich von ihrer Katzenphobie geheilt hatte – Miss Arabella Figg - saß im Zuschauerraum und winkte mir aufmunternd zu. Ich lächelte verlegen zurück. Dann entdeckte ich, dass auch Lucius Malfoy - elegant, schön und kühl wie eh und je - auf den Zuschauerbänken die Verhandlung verfolgen wollte, und das Lächeln gefror mir auf den Lippen. Ich hatte seinen Sieg und den überaus cleveren Schachzug, mit dem er mir meinen Fehler heimgezahlt hatte, doch bereits anerkannt, und auch die ausstehende Miete war ausgeglichen. Nach meinem Empfinden waren wir quitt miteinander. War Malfoy derartig nachtragend, dass er sich erhoffte, bei einem für mich negativen Urteil seinen Triumph nochmals auskosten zu können?
Wurmschwanz trat gerne nach – ausschließlich dann, wenn seine Freunde Sirius und James mich fertiggemacht und den Spaß am Quälen schon wieder verloren hatten. Sobald sie Peter und mir den Rücken gekehrt hatten und zusammen mit Remus Lupin um die nächste Ecke verschwunden waren, dann ...
Falls Malfoys Motive ähnlich lagen, dann verdiente meine Menschenkenntnis zu Recht die Note „Troll“.
Bozo Brute erschien in Begleitung seines Vaters, seiner Verlobten und drei Anwälten, die beständig um sie herumschwänzelten und mir unverholen abschätzende Blicke zuwarfen. Die Abordnung der Klinikleitung von St. Mungos mit Nathanael Robbespiere und einer weiteren Kohorte von Advokaten erschien kurze Zeit später und gesellte sich zu Brutes Gruppe, wo man einander höchst freundschaftlich begrüßte.
Mir wurde flau im Magen.
Als der Vorsitzende des Zauberergamots erschien, war mir vor Aufregung so übel, dass ich mich sicherlich hätte übergeben müssen, falls es mir am Morgen gelungen wäre, zum Frühstück irgend etwas herunterzuwürgen. Leider ließ sich dieser Zustand noch steigern, denn ich kannte den Richter: es war Albus Dumbledore.
Nachdem wir dem Zauberergamot und seinem Vorsitzenden Respekt gezollt hatten und uns setzen durften, forderte Dumbledore mich auf, meine Beschwerde vorzubringen.
Ich nutzte die Gelegenheit und erläuterte meine Idee zur Heilung der Drachenpocken und die Therapie, die ich daraus entwickelt hatte. Leider seinen meine Aufzeichnungen, die ich mir während der Arbeit an meinem Projekt gemacht hatte, abhanden gekommen. Auf Dumbledores Nachfrage hin erklärte ich, auf welche Weise dies geschehen sein mochte, könne ich mir leider nicht erklären.
Malfoy, der meinen Ausführungen mit dem Gesichtsausdruck einer Merkurstatue folgte, sah ich während meiner Rede nicht ein einziges Mal an.
Nachdem ich sicher war, dass der Vorsitzende des Zauberergamots und die Anwesenden mich verstanden hatten, erklärte ich, dass Bozo Brute wohl ebenfalls in der Lage sein müsse, seine Arbeit zu erläutern. Dann erkläre sich von selbst, wer von wem abgeschrieben habe.
Auf Zeugen, die meine Behauptungen belegen konnten, verzichtete ich.
Ich hatte den Eindruck, Dumbledore hinreichend überzeugt zu haben – schließlich kannte er mich aus meiner Schulzeit in Hogwarts als begabten und fleißigen Schüler, der viel zu sehr auf seine eigenen Fähigkeiten vertraute, um den minderwertigen Gedankenmüll anderer abzuschreiben.
Bozo Brute bot eine weitere grandiose Vorstellung in der Rolle des armen Muggelgeborenen, der sich durch Fleiß und Ehrgeiz an die Spitze arbeiten wollte wie sein Vater, sein großes Vorbild. Er verwies auf seine Recherchearbeit, die unstrittig besser war als meine, und … blablabla.
Ganz ehrlich, Bozo war brillant und absolut überzeugend. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte – ich wäre auf ihn hereingefallen.
Die Zuschauer gerieten ins Schwanken, doch Dumbledore schien anscheinend, im Gegensatz zu allen anderen, noch immer meiner Seite zuzuneigen, als Bozos Anwalt einen Heiler vom St. Mungos aus der Abteilung für Fluchschäden als Zeugen aufrief, nämlich Ishariot Traitor.
Wir kannten einander flüchtig vom Sehen her – er hatte bereits vier uneheliche Kinder mit verschiedenen Frauen und stand im Ruf, zu gerne und zu oft Geld beim Wetten auf die Quiddichmeisterschaft zu setzen. Man munkelte, ein gewisser Ludo Bagman, Treiber bei den Wimborner Wespen, versorge ihn mit Insidertipps. Ich hielt das für bösartiges Gerede, denn der Trottel verlor weitaus häufiger als er gewann.
Ich war verwirrt, denn ich konnte mir nicht erklären, was mein ehemaliger Kollege zur Sache beitragen sollte.
Traitor erklärte, er habe mehrfach Arbeiten für mich angefertigt, die ich dann als die meinen ausgegeben hätte - gegen Bezahlung, versteht sich. Es sei bekannt, dass er finanziell in der Klemme stecke, und ich hätte mir seine Situation kaltblütig zu nutze gemacht, um meine eigene Unfähigkeit ... und so weiter und so fort.
Als er mit seinen Anschuldigungen fertig war, hob Dumbledore die Brauen und sah mich fragend an.
„Stimmt das, Mr. Snape?“
Ich schnaubte verächtlich.
„Selbst wenn ich Geld hätte - Ich würde es bestimmt nicht zum Fenster hinauswerfen, um Arbeiten von diesem ...“ – ich schluckte das Wort, das mir auf der Zunge brannte, gerade noch rechtzeitig herunter, „... Subjekt zu kaufen!“
Brutes Anwalt warf ein, ich sei vor kurzem zu Geld gekommen – ihm lägen Berichte vor, ich hätte mit Spekulationen an der Koboldbörse einen satten Batzen Galeonen verdient.
Widerwillig musste ich diese Tatsache bestätigen – woher stammte diese Information schon wieder? Von Malfoy wahrscheinlich! Ich bemerkte spitz, ob Geld verdienen neuerdings ein Verbrechen sei - ich könne dann nämlich größere Verbrecher als mich benennen.
Zu meiner Genugtuung kroch ein zartes Pink in Malfoys Marmorteint.
Die Anwälte der Gegenseite boten noch drei weitere Zeugen auf, die ähnliches kundtaten, nämlich dass ich entweder durch Erpressung, Bestechung oder Diebstahl an ihre Arbeiten gelangt sei und diese anschließend als meine ausgegeben habe.
Ich bestand darauf, alle Zeugen vereidigen zu lassen – und zu meinem lähmenden Entsetzen beschworen alle ihre Aussagen, wenn auch mit sehr leiser Stimme und mit dem Blick je nach Temperament hasserfüllt oder kriecherisch auf Bozo Brute, Nathanael Robbespiere und ihre Anwälte geheftet.
Dumbledore fragte freundlich, ob ich mich nicht unter der Last dieser erdrückenden Zeugenaussagen schuldig bekennen und meine Klage zurückziehen wolle.
Ich verneinte stur. Wenn das Schiff schon untergeht, dann wenigstens mit vollen Segeln.
An diesem Punkt erhob sich Lucius Malfoy, schlug elegant den Umhang über die Schulter zurück und verkündete mit klarer Stimme, er wolle eine Aussage machen, die ein völlig neues Licht auf die Angelegenheit werfen und die Sache ein für alle Mal klären würde. Er allein sei in der Lage zu beweisen, dass ich unschuldig sei!
Ich war wie erstarrt. Malfoy konnte doch nicht im Ernst vor all diesen Leuten bekennen, an den Drachenpocken gelitten zu haben - das wäre ja noch weitaus demütigender als sich in aller Öffentlichkeit nackt auszuziehen! Narcissa würde ihren Verlobten noch heute verlassen, sein Vater ihn enterben, und Lucius berufliche Zukunftsperspektive wiese eine ähnliche Qualität auf wie die meine zur Zeit - kurz gesagt: Mit einer Aussage zu meinen Gunsten wäre Lucius Malfoy ein für alle Mal und unwiderruflich erledigt!
Und das, nachdem ich Malfoy dermaßen niederträchtig behandelt hatte ...
Ich sprang ebenfalls auf.
„Er wird gar nichts aussagen!“, fauchte ich.
Alle Blicke wandten sich überrascht mir zu.
„Oh doch, das wird er!“, erklärte Lucius Malfoy so kühl wie knapp.
„Du bist verrückt, Malfoy!“, zischte ich. „Setz dich hin und halt den Mund! Du hast keine Ahnung, was du damit anrichtest!“
Malfoy verzog die Lippen zu einem ironischen Grinsen.
„Natürlich weiß ich das – ich bin ja kein Dummkopf!“ Er drehte sich fragend zum vorsitzenden Richter des Zauberergamots: „Darf ich aussagen, Sir?“
Dumbledore nickte.
Bevor Malfoy den Mund erneut öffnen konnte, fiel ich ihm schon ins Wort und wandte mich meinerseits an Dumbledore.
„Euer Ehren ...“, presste ich zwischen den Zähnen hervor, „... darf ich euch vorher noch sprechen? Unter vier Augen? Bitte, Sir!“
Dumbledore überlegte eine Weile und nickte dann.
„In mein Büro, Mr. Snape!“
In Dumbledores Büro bewachte die Statue der blinden Justitia mit Waage und Schwert in den Händen den Eingang. Dumbledore setzte sich hinter dem Schreibtisch in seinen Ledersessel, faltete die eleganten Hände und nickte mir zu, ich solle ihm gegenüber Platz nehmen.
Ich war zu aufgewühlt dazu, sondern wanderte in seinem Büro auf und ab, während ich über mein Experiment an Lucius Malfoy samt ihrer Nebenwirkungen berichtete und ihm darlegte, dass die vorgeschlagene Therapie also nachprüfbar und unstrittig ausschließlich meine eigene Erfindung und zudem auch noch wirksam sei!
Dumbledores Gesicht verfinsterte sich zusehends, und er schwieg sehr lange Zeit, nachdem ich geendet hatte.
„Mr. Snape, sie stehen jetzt vor folgender Alternative.“, erklärte er schließlich. „Entweder lassen sie Mr. Malfoy für sich aussagen, und ich muss sie freisprechen. Allerdings ruinieren sie damit die Zukunft ihres Freundes, das ist ihnen sicherlich bewusst?“
Ich nickte.
„Abgesehen davon wird Anklage wegen Verstoßes gegen die Heilerordnung gegen sie erhoben werden. Sie müssen mit einer Verurteilung rechnen und dürfen dann nicht mehr als Heiler praktizieren. Zusätzlich könnte es sein, dass das Zauberergamot ihnen befristet den Zauberstab abnimmt oder sie sogar für eine Weile nach Askaban schickt!“
Ich schluckte heftig.
„Ich will ihnen nicht verhehlen, Mr. Snape, dass mir eine solche Strafe durchaus angemessen erscheint, denn ich glaube nicht, dass sie die Tragweite ihres Gesetzesbruches tatsächlich einsehen. Ich befürchte im Gegenteil sehr, dass sie sich auch in Zukunft über die Rechte anderer hinwegsetzen werden, sofern ihnen das in den Kram passt! Ihre große Intelligenz und Begabung macht sie nicht etwa erhaben, sondern verpflichtet sie ihren Mitmenschen gegenüber, Severus!“
Ich schwieg betroffen.
„Die zweite Alternative, die ich ihnen anbieten kann ...“, fuhr Dumbledore ungerührt fort, „... ist, dass sie sich schuldig bekennen, von Mr. Brute abgeschrieben zu haben. Er wird dann die Früchte ihrer Arbeit ernten und sie werden eine sehr lange Zeit darum kämpfen müssen, wieder auf den Platz in der Gesellschaft zu gelangen, der ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Dafür bietet diese Alternative jedoch den Vorteil, dass Mr. Malfoy sein Geheimnis vor der Zauberwelt bewahren kann – ich habe den Verdacht, als sei ihnen daran gelegen, das Opfer ihres Rechtsbruches vor weiteren Folgen ihrer Verfehlung zu schützen.“
Mir blieb buchstäblich die Luft weg vor Zorn, und ich brauchte ein Sekunden, bis ich sprechen konnte.
„Das heißt also, entweder schütze ich Malfoy und beiße in den sauren Apfel - oder ich opfere meinen Freund und werde trotzdem gehängt! Als Preis dafür, dass Lucius sich nicht öffentlich zu seiner Krankheit bekennen muss, kommt dieses Schlammblut Brute für seinen Betrug und die gekauften Zeugen ungestraft davon – ja, er darf zum Dank sogar die Lorbeeren meiner Anstrengungen ernten?“
Dumbledore nickte ernst.
„Tut mir leid – aber sie haben sich die Konsequenzen ihres Handelns ausschließlich selbst zuzuschreiben! Hätten sie sich an die Vorschriften gehalten, könnte niemand ihnen die Anerkennung für ihre herausragende und außerordentliche Arbeit stehlen!“
Ich trat vor Dumbledores Schreibtisch, legte die Hände auf die Tischplatte und beugte mich zu ihm, so dass ich ihm in die Augen blicken konnte.
„So kommt also wieder der eigentliche Täter ungestraft davon, aber ich muss den bitteren Preis für meine Vergehen bezahlen – genauso wie Black damals nicht von der Schule geflogen ist und sie mir den Schwur abgepresst haben, über die Ereignisse dieser Nacht Stillschweigen zu bewahren.“
Dumbledores Augen glitzerten.
„Remus Lupin war an der Angelegenheit völlig unschuldig. Sirius Black hingegen sah keinen anderen Ausweg mehr, sie zum Schweigen zu bringen, Severus! Sie haben ihn mit der Drohung, seine Homosexualität in Hogwarts publik zu machen, erpresst. Es war Blacks ureigenste Entscheidung, sich öffentlich zu seinen Gefühlen zu bekennen oder auch nicht, und das wissen sie ganz genau!“
Tatsächlich hatte ich vorgehabt, genau diese Schwäche auszunutzen, damit Black und seine Spießgesellen mich endlich in Ruhe ließen. Jahrelang hatte ich ihnen hinterher spioniert, um endlich ein Druckmittel gegen einen von ihnen in der Hand zu haben und dem Krieg ein Ende zu setzen. Als ich dann endlich erfolgreich war ... machten Sirius Black und Albus Dumbledore mir wiederum einen Strich durch die Rechnung!
„Sie wollen mich ein weiteres Mal an ihre Günstlinge verkaufen – nur diesmal ist es kein Gryffindor, sondern ein Schlammblut!“, fauchte ich heiser. „Ich hasse sie, Dumbledore! Sie sind nichts als ein alter, aufgeblasener Heuchler! Ich hoffe nur, dass ich ihnen ihre Doppelmoral irgendwann einmal heimzahlen kann!
Der alte Mann erbleichte.
„Es tut mir leid, dass sie es so sehen, Severus.“, meint er leise.
Ich drehte mich um und schlug im Hinausgehen der Statue der Justitia den Kopf ab.

Ich bekannte mich schuldig, und Dumbledore verzichtete darauf, Lucius Malfoy zur Sache zu vernehmen, obwohl der verhinderte Zeuge vehement protestierte.
Ich hatte die Kosten des Verfahrens sowie die der Gegenseite zu tragen und durfte mich frühestens in fünf Jahren wieder in irgend einem Krankenhaus als Heiler im Praktikum bewerben.
Ich trug eine arrogante Miene zur Schau und schritt aufrecht aus dem Gerichtssaal, während sich hinter mir Bozo Brute, sein Vater, der Klinikdirektor nebst Töchterlein sowie die Anwälte gegenseitig zu ihrem Erfolg gratulierten und einzig Miss Figg ein mitfühlendes Gesicht machte.
Am Ausgang versperrte mir ein Mann in tiefschwarzer Robe den Weg und drückte mir etwas in die Hand.
„Hier werden sie niemals Gerechtigkeit finden – nur wir können sie ihnen verschaffen!“ sagte er. „Bei uns sind fähige Magier immer willkommen.“
Ich starrte auf die Visitenkarte in meiner Hand.
Sie war in dezenten Grautönen gehalten und zeigte nichts als einen Totenkopf, aus dessen Mund sich drohend eine Schlange wand – das Symbol der gefürchteten Todesser!
„Was soll das?“, fragte ich mit gerunzelter Stirn.
„Ein Tropfen ihres Blutes auf der Karte, und sie wird ihnen eine Adresse zeigen. Mein Meister erwartet sie, Mr. Snape!“
Mit diesen Worten tippe er sich an den Zauberhut und verschwand gleich einem Schatten in der Menge, die aus dem Gerichtssaal strömte.
Ich musterte die Karte und steckte sie schließlich in die Umhangtasche.

Mutter starb montags; die Trauerfeier fand am darauf folgenden Freitag statt. Andromeda hatte mir per Eule mitgeteilt, sie könne mich vorerst nicht sehen, es gäbe weiteren Ärger zu Hause, und darum standen ich und ein paar Hexen aus dem St. Mungos, die mit meiner Mutter zusammen gearbeitet hatten, allein auf dem Friedhof im strömenden Regen. Da von Eileen Snape geborene Prince nicht einmal sterbliche Überreste zurückgeblieben waren, warfen wir symbolisch eine Blume auf das Grab meines Vaters. Die Hexe von der Rezeption, die mir als Kind immer Süßigkeiten zugesteckt hatte, brachte einen Schokoladenkuchen mit. Die ehemaligen Kolleginnen vertilgten ihn beim anschließenden Leichenschmaus zusammen mit mehreren Kannen dampfendem Tee und Kaffee.
Ich war wie betäubt und würgte nur der alten Dame zuliebe ein winziges Stück Kuchen herunter.

Der nächste Brief der Berufsgenossenschaft knauseriger Kobolde erklärte, ihre Prüfung habe ergeben, meine Mutter habe sich mit Verschwinditis infiziert, als sie dem Patienten die Geldbörse stehlen wollte. Man würde von einer Anzeige absehen, falls Mutter auf ihre Forderung verzichtete ...
Ich ging persönlich zur Berufsgenossenschaft und blies den Sachbearbeiter zu einem so enormen Ballon auf, dass er nach dem Aufstechen eine Woche im St. Mungos zubringen musste, um die Falten wieder wegbügeln zu lassen, die durch die Überdehnung der Haut entstanden waren.
Ich erhielt dafür eine Vorladung vor das Zauberergamot und eine Schadensersatzklage des Sachbearbeiters, die Mutters Forderung an die knauserigen Kobolde exakt ausglich. Mein Zauberstab wurde bis zur Verhandlung eingezogen, denn ich sei bis dahin als gefährlich anzusehen.
Meine beiden Arbeitgeber - der Wirt in der Nocturngasse und Caractacus Burke als Direktor der Doxyzidfabrik - nahmen diese Nachricht nicht gut auf: Sie entließen mich ohne Umschweif.

An diesem Punkt angekommen kaufte ich mir ein paar Flaschen Feuerwhisky und verbrachte solange im Delirium, wie mein Vorrat reichte.
Anschließend sah ich nicht nur aus wie ein hohläugiges, abgewracktes Gespenst, sondern fühlte ich mich auch keinen Deut besser als zuvor – im Gegenteil.

So ging es also auch nicht weiter. Als ich meine Taschen nach ein paar Geldstücken für eine Zeitung durchsuchte, um wieder die Arbeitsangebote studieren zu können, stieß ich auf die geheimnisvolle graue Karte mit dem Symbol der Todesser … Irgendwie schien mir das Symbol des Totenkopfes und der Schlange um so anziehender, je dreckiger es mir ging.
Nachdem ich meine äußere Erscheinung wieder in Ordnung gebracht hatte und meinen Magen mit dem letzten Rest des inzwischen staubtrockenen Schokoladenkuchens gefüllt hatte, fühlte ich mich nicht mehr wie ein Inferius, und ich sah auch nicht mehr so aus. Ich zog los, um mir den Tagespropheten mit seinen Stellenanzeigen und im Anschluss daran einen neuen Job zu besorgen.
Meine Bewerbung als Sicherheitstroll bei Gringotts scheiterte leider kläglich an meiner mangelnden Körpergröße und Muskelkraft, und so fand ich mich bei diesem Versuch ebenso schnell auf der Straße wieder wie bei meinen Vorstellungsgesprächen als Busfahrer des Fahrenden Ritters (kein Führerschein) oder Bedienung bei Madame Puddifoods („Arbeiten sie an ihrem Gesichtsausdruck, junger Mann! Die Leute sollen sich in meinem Cafe verlieben, nicht zu Tode erschrecken!“).
Nachdem ich mich für den Trollberuf zwar als überqualifiziert aber unfähig betrachten durfte, wurde ich unfreiwillig Zeuge einer unangenehmen Szene: Die Sicherheitstrolle warfen einen sich so entschlossen wie erfolglos zur Wehr setzenden Kunden im hohen Bogen aus der Zaubererbank heraus, klopften sich die Hände ab und scherten sich nicht die Zauberbohne um die hilflosen Beschimpfungen und wirkungslosen Flüche, die der frustrierte verhinderte Kreditnehmer ihnen hinterher schleuderte und die an den dickfelligen Trollen abprallten wie Gummibälle.
Als der Mann sich aufrappelte, erkannte ich ihn: es war Lucius Malfoy, der sich den Staub vom Mantel klopfte und seinen Stock mit dem Schlangenkopf wieder aufhob.
Bevor ich jedoch auch nur einen Schritt auf ihn zugehen konnte, um mich für sein Eintreten für mein Recht vor dem Zauberergamot zu bedanken, löste sich schon ein Zauberer in schwarzer Kutte aus dem Schatten der Häuser, wechselte ein paar kurze Worte mit Lucius, drückte ihm etwas in die Hand und verschwand so schnell und unauffällig, wie er gekommen war.
Ich trat zu Lucius Malfoy, der mit gerunzelter Stirn auf die Visitenkarte in seiner Hand starrte, und fragte: „Eine Einladung der Todesser, stimmt’s?“
Er fuhr hoch, und sein Gesicht verriet tiefe Verlegenheit.
„Oh, Severus … du hast doch nicht etwa …?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Doch, leider schon. Du bist offensichtlich neuerdings nicht mehr kreditwürdig. Mich haben die Kobolde auch so behandelt, wie jeden, mit dem sie keine Geschäfte machen können – also mach dir nichts draus. Vor den Kobolden sind alle Armen gleich.“
Malfoy betrachtete die Karte in seiner Hand mit gerunzelter Stirn.
„Die Todesser. Man hört ja so manches …“
„Vielleicht können sie dir Geld leihen, wer weiß? Wenn du dich verspekuliert hast oder es für dich bei Malfoy, Greedy, Guilty & Scrooge schlecht läuft, könntest du dir mit ihrer Hilfe ein eigenes Handelkontor aufbauen …“
Malfoy sah mich zweifelnd an. „Die Todesser und Geschäftsleute? Kennst du nicht das Lied, dass der Todesserpöbel singt, wenn sie mit ihren Fackeln durch die Straßen ziehen und Muggel jagen? „Jemand hat den Schlammblütern erzählt, sie dürften wählen – und das dürfen sie auch: Crucio an den Hals oder Aveda Kedavra in den Bauch!“ Zauberer, die so was herumgröhlen, sind doch primitiv! Muggel ärgern, meinetwegen, aber dazu singen?!“
„Du willst ja auch nicht ihrem Männergesangverein beitreten …“, stellte ich ironisch fest. „Ich glaube, der Kopf hinter den Todessern - der, den sie den Dunklen Lord nennen - scheint gar nicht so verkehrt zu liegen mit seinen Ansichten. Ich habe auch so eine Visitenkarte bekommen, und ich bin schon fast entschlossen, mir die Sache wenigstens einmal anzusehen. Wenn sonst niemand auf meiner Seite steht – warum sollten ich mich ihnen nicht anschließen? Schließlich habe ich nichts mehr zu verlieren.“ Ich erzählte Lucius vom Tod meiner Mutter und den anderen Missgeschicken, die mich seit unserer letzten Begegnung vor Gericht ereilt hatten. Dann kratzte ich meinen restlichen Mut zusammen und fügte hinzu: „Ich wollte mich noch bei dir bedanken, dass du vor dem Zauberergamot für mich aussagen wolltest. Das war sehr tapfer und großherzig von dir! Ich stehe in deiner Schuld!“
„Nein.“, antwortete Malfoy leise. „Es verhält sich genau anders herum. Ich war nach unserem Streit so wütend auf dich, dass ich in meinem blinden Zorn völlig übers Ziel hinausgeschossen bin! Indem ich mich als Zeuge zur Verfügung stelle, wollte das, was ich dir mit meinem Verrat angetan habe, wieder gutmachen. Außerdem muss dieses verfluchte Versteckspiel vor dem Stigma der Drachenpocken endlich ein Ende finden - es hat schon zu viele Opfer gefordert!“
Ich sog scharf den Atem ein. „Du hast doch nicht etwa trotzdem …?“
Lucius senkte den Blick. „Ich habe meinem Vater von den Drachenpocken erzählt – ich wollte, dass er sich untersuchen lässt, denn ich glaube, ich habe die Krankheit von ihm. Ich habe Vater auch erklärt, wie du mich geheilt hast und dass es jetzt Hoffnung für unsereins geben kann!“
„Und?“, fragte ich mitfühlend, denn ich konnte mir den Rest der Geschichte fast denken.
„Vater hat mich enterbt und ohne einen Knut in der Tasche aus dem Haus geworfen! Ich besitze buchstäblich nur noch das, was ich auf dem Leib trage. Ich suche mir gerade eine neue Arbeit – nicht so einfach, wenn die gegenwärtige Wohnadresse „unter der Londonbridge“ lautet. Ohne Job keine Wohnung, ohne festen Wohnsitz keine Anstellung! Irgendwann einmal wird mir Malfoy Manor gehören, wenigstens dieses Teil des Erbes kann Vater mir als seinem ältesten Sohn nicht vorenthalten – aber bis dahin …“ Er zuckte resigniert die Schultern.
„Was ist mir Narcissa?“, wollte ich vorsichtig wissen. Sie bedeutete meinem Freund viel mehr, als er zugeben wollte.
„Ich habe ihr alles gestanden, und sie hält zu mir! Dafür setzen ihre Eltern sie jetzt allerdings mächtig unter Druck, die Hochzeit abzusagen und sich von mir zu trennen. Eine unserer Hausangestellten hat sicher mal wieder an der Tür gelauscht und anschließend das Gehörte brühwarm an eine Hauselfe der Blacks weitergetratscht. Ich hasse diese kriecherischen, heimtückischen, widerlichen kleinen Biester!“, fügte er hasserfüllt hinzu.
Ich versicherte Malfoy, das mir seine Probleme durchaus vertraut seien und er gerne bei mir schlafen könne – wenigstens bis der Vermieter auch mir den Stuhl vor die Türe setzen würde.
Malfoy nahm mein Friedensangebot erleichtert an.
„An dem Abend, als du mir gebeichtet hast, dass ich beinahe gestorben bin, da war ich so furchtbar wütend auf dich … Ich hasse es, wenn mich jemand austrickst! Eigentlich wollte ich dich ja um Hilfe bitten … - wenn du mich nur hättest ausreden lassen! Ich wollte dir gestehen, dass Bozo Brute mich erpresst hat! Er ist dahinter gekommen, dass ich an den Drachenpocken litt und auf wundersame Weise plötzlich von der „unheilbaren“ Krankheit genesen bin! Brute hat gedroht, meinem Vater und Narcissa und aller Welt sonst davon zu erzählen, wenn ich nicht für ihn deine Unterlagen stehle! Ich war so verzweifelt, Severus – was sollte ich denn tun?!“
Ich schwieg betroffen.
„Das ist eigentlich auch meine Schuld! Ich wusste, dass Brute hinter meiner Arbeit her ist - ich habe ihn sogar vor unserer Tür erwischt, als er den Sicherheitszauber brechen wollte! Wenn ich dich gewarnt hätte, oder, noch viel besser, mich mit der Idee offen an meine vorgesetzten Heiler gewandt hätte, wäre das alles nicht passiert!“, konstatierte ich niedergedrückt. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.
Malfoy hielt mir die Hand hin.
„Ich denke, wir sind quitt, schwarzer König– Remis also?“
Ich schlug ein. „Einverstanden!“

Endlich gelang es Andromeda, dem familiären Schlachtfeld des gar alten und fürnehmen Hauses Black zu entkommen, der gerade zwei Töchter den Familiengehorsam zu verweigern drohten, und sie besuchte mich in Spinners End. Ich hatte Glück, denn Malfoy war bei „Magic eye protection“, einem Wachdienst, untergekommen und bewachte nun während der Auslandsaufenthalte der Eigentümer deren Villen, so dass ich meine Wohnung wieder für mich allein hatte.
Bisher hatte ich es tunlichst vermieden, meiner Liebsten mein Elternhaus zu zeigen, denn ich schämte mich der heruntergekommenen Wohngegend und meines ärmlichen Zuhauses. Aber da sich mein Zauberstab


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Ungelesener BeitragVerfasst: 13. August 2006 21:09 
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Hallo Polaris. Toller Chap! Spannend zum zerplatzen.

Etwas Erbsenzählerei: Bitte passe den Zähler im Titel an, es ist schon Kapitel 25!

Bloß etwas ist mir etwas unklar: Im Kapitel "Experimente" ist dieses Dialog:

Zitat:
Am Freitagabend war es endlich so weit. Ich untersuchte Malfoy gründlich – abgesehen von den Drachenpocken war er kerngesund – und erläuterte ihm noch einmal ausführlich, was ich plante.
Am Ende meiner Ausführungen runzelte Lucius nachdenklich die Stirn. „Sollten wir nicht doch lieber noch jemanden aus dem St. Mungos hinzuziehen? Ich meine, falls etwas schief läuft?“
Das wollte ich nun auf gar keinen Fall – wenn beispielsweise Bozo Brute dahinter kam was ich hier vorhatte und bevor mir das Ergebnis des Versuches Recht geben würde, bekäme ich Riesenärger. Wahrscheinlich würde ich wegen unautorisierter Menschenversuche bei St. Mungos hochkant rausfliegen, an keinem Krankenhaus der Zauberwelt jemals wieder Heiler werden dürfen und darüber hinaus drohten mir noch ein paar Monate in Askaban.

Das habe ich so verstanden, wie es bei den Muggeln auch geht: Zuerst die Forschungsphase, danach (ein Paar Jahre später, die Lucius aber nicht hat) bewilligte Versuche.

Wenn nein - Verlust der Approbation. Schlimmstenfalls Azkaban!

Bei Malfoy klingt es viel mehr nach Ruhmessucht und Skrupellosigkeit unseres Tränkemeisters:

Zitat:
Malfoy betrachtete mich kühl von oben herab. „Darf ich kurz zusammenfassen, ja? Wir beide entschließen uns gemeinsam und in gegenseitigem Einverständnis zu einem Experiment, wobei du mir jedoch einige wichtige Tatsachen unterschlägst: Erstens den Umstand, dass man uns in St. Mungos nicht abweisen würde, falls wir, wie von mir vorgeschlagen, dort um Rat und fachlichen Beistand gebeten hätten – stimmt das?“
Ich schluckte mühsam.
„Ja.“
„Du hast darauf verzichtet, weil du den Ruhm unbedingt und ausschließlich für dich wolltest und hast dabei ganz bewusst in Kauf genommen, dass ich wie ein Hund krepiere – nur weil du zu stolz und zu ehrgeizig bist, um Hilfe zu bitten?“
„Ja.“ Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, doch ich konnte nichts daran ändern

Wohl eher weil er Angst um seine Zukunft hatte, Verlust der Stelle, die ganze Karriere, Azkaban, seine Mutter...

Außerdem stimmt's nicht ganz, um ein Haar hätte er Malfoy doch nach St Mungos gebracht:

Zitat:
Ich gestand mir als letzte Frist noch zwei Stunden Wartezeit zu – dann würde ich St. Mungos alarmieren, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Hat er dieses Detail verschwiegen, weil er den Eindruck hatte, dass es mehr wie eine Ausrede klingt? Oder weil sie wie ein erster Schritt zur Entschuldigung wäre, und das kann unser Severus bekanntlich nie - sich entschuldigen ist nicht sein Ding. Und die Leutchen ausreden lassen wohl auch nicht...

Ähmmm.. Ich glaube der Schluss von Kapitel 25 fehlt immer noch (Beschränkung?)

Ich stelle es hier rein, damit man es lesen kann. Vielleicht kann es Tröti "richtig" flicken?
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Kapitel 25, Fortsetzung:

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„Genau. Ich will Bozo Brute, Direktor Robbespiere, den Vorsitzenden des Zauberergamots und die ganze korrupte Sippschaft fertig machen! Aber allein habe ich keine Chance, ich brauche Verbündete – mächtige Verbündete!“
Andromeda wand sich aus meiner Umarmung und setzte sich ruckartig auf.
„Die Todesser sind Schwarzmagier! Sie sind völlig skrupellos, und ihr Anführer geht über Leichen!“
Ich grinste zynisch. „Meinetwegen – aber soweit muss ich ja nicht gehen. Ich bin klug genug zu bestimmen, wie weit ich mich auf ihr Spiel einlassen will!“
Auf Andromedas Stirn bildete sich eine steile Falte.
„Und wenn du dich irrst und ihr Meister dich für seine finsteren Zwecke benutzt, was dann?“
Ich lachte. „Das schafft er nicht! Ich bin viel zu clever, um nicht von Anfang an zu merken, wenn an einer Sache etwas faul ist!“
„Gut, dann lass die Finger davon!“, forderte Andromeda gereizt. „Der, den sie den Dunklen Lord nennen, ist gefährlich, und du bist ihm nicht gewachsen! Ihm ist jedes Mittel recht, seine Ziele zu erreichen!“
Ich mochte es nicht, bevormundet zu werden, und schon gar nicht von Andromeda.
„Mir ist auch jedes Mittel recht, wenn ich dadurch meine Rache bekomme!“, entgegnete ich heftiger als beabsichtigt. „Ich habe es satt, dauernd den Kürzeren zu ziehen - ich kann und will einfach nicht mehr!“
Andromeda beugte sich zu mir herunter und küsste mich sanft auf den Mund.
„Dann komm mit mir – wir brennen zusammen durch, heiraten in Gretna Green und leben in der Muggelwelt! Ich studiere Astrophysik, du Medizin ...“
Ich schnaubte verächtlich.
„Dazu braucht man Geld, Andromeda, und das haben wir nicht! Du hast keine Ahnung wie schwer es für einen Muggel ist, eine Familie zu ernähren! Ich will, dass unsere Kinder in einer sicheren, sauberen Wohngegend mit viel Grün drum herum aufwachsen, schöne Kleider tragen und die beste Ausbildung bekommen, die man mit Geld bezahlen kann!“
Andromeda fasste meine Hand.
„Wir werden das gemeinsam schon schaffen – wir lieben uns doch!“
Ich seufzte tief.
„Meine Eltern liebten einander ebenfalls sehr – und trotzdem stritten sie sich ständig! Du hast ja keine Ahnung, was für Dramen sich bei uns zu Hause abgespielt haben! Was meinst du, wie weit die Liebe reicht, wenn der Vermieter droht, uns auf die Straße zu setzen oder wenn unsere Kinder in der Schule ausgelacht und angespuckt werden, weil wir kein Geld für anständige Kleidung haben - du hast doch noch nie Not gelitten!“
„Das ist unfair, Severus.“, meinte Andromeda betroffen. „Du weißt genau, s wir all diese Schwierigkeiten gemeinsam überwinden können! Ich werde dich nicht verlassen, auch wenn das Leben hart werden wird.“
Ich umfasste ihre Hände und zog Andromeda an mich.
„Ich will aber nicht, dass du solch ein Leben führen musst! Ich möchte, dass du auf nichts verzichten musst, was dir gewohnt ist!“
„Das alles ist mir nicht wichtig – nur du bist wichtig!“, antwortete sie und warf stolz ihr langes Haar über die Schulter zurück.
„Glaub mir, an Armut und Hoffnungslosigkeit ist nichts romantisches - wir haben beide keinen Muggelschulabschluss, und ich weiß, wie mein Vater geschuftet hat, um unsere Familie durchzubringen!“
Andromeda stemmte die Hände in die Hüften. „Ich wusste gar nicht, dass du neuerdings ein Feigling bist, Severus Snape! Du klingst schon wie meine Eltern: Heirate einen Reinblüter aus gutem Hause, Andromeda, damit du versorgt bist! - Ich will aber keinen Reinblüter, ich will dich!“
Der Vorwurf der Feigheit machte mich wütend.
„Ich habe aber keine Lust auf ein Leben als Muggel! Ich will zaubern können - und ich will mein Recht, und zwar jetzt und hier! Aber ich werde meine Rache bekommen, koste es, was es wolle! Ich werde es Brute, dem Schlammblut, schon noch zeigen!“
„Du sollst Muggel nicht so nennen!“, unterbrach mich Andromeda mit funkelnden Augen, „Es gibt sehr, sehr nette Muggel – Ted Tonks zum Beispiel! Der ist höflich, klug, zuvorkommend ...“
„... und sterbenslangweilig ist er auch!“ Die Eifersucht stach mir ihren giftigen Stachel mitten durchs Herz. „Aber bitte, wenn du dich nach einem öden Muggelleben im Dreck sehnst, dann heirate doch Tonks, den Schwächling!“
Andromeda sprang wütend aus dem Bett und griff nach ihrem BH. „Wenn du deine Drohung wahr machst und zu den Todessern gehst, dann heirate ich Ted tatsächlich!“
Ich stand ebenfalls auf.
„Drohung? Meinst du, ich schwatze nur hohle Luft wie Bozo Brute oder dein ach so toller Ted? Ich gehe zu den Todessern, verlass dich drauf!“, versprach ich finster, obwohl ich mir eigentlich noch lange nicht sicher war, ob ich das wirklich wollte.
Andromedas schönes Gesicht verlor alle Farbe. „Das meinst du doch nicht wirklich, Severus! Bitte sag, dass du mich nur ärgern willst!“
„Und ob ich es ernst meine – du kannst Gift drauf nehmen!“, fauchte ich aufgebracht. Die Vorstellung von Andromeda in Ted Tonks Armen ließ eine mörderische Wut in mir aufsteigen …
Andromeda klammerte sich an ihr Hemd, das sie gerade anziehen wollte.
„Du kommst nicht mit mir und wir beginnen zusammen ein neues Leben? Du ziehst deine Rache und diese Verbrecherbande tatsächlich einem Leben mit mir zusammen vor?“ Ihre Stimme zitterte.
Sekundenlang schwankte ich zwischen Sturheit und der Liebe zu Andromeda.
„Ich will alles haben – dich, ein besseres Leben für unsere Kinder und meine Rache!“, beharrte ich.
Andromedas Augen funkelten.
„Du bist ja noch ein viel größerer Träumer als Ted! Wach endlich auf, Severus! Du wirst dich nämlich entscheiden müssen: deine Rache oder ich!“
Ich wurde blass vor Zorn - sie wagte es, mich einen Träumer nennen und mit diesem Schlammblutschwächling zu vergleichen?!
„Wenn du es so willst – dann wähle ich die Rache!“, entgegnete ich eisig.
Andromedas Zorn schien in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus.
„Ich gebe dir drei Tage Bedenkzeit, Severus – gibst du deine Pläne den Todessern beizutreten bis dahin nicht auf, dann heirate ich Ted!“, flüsterte sie. „Das schwöre ich!“
Ich lachte höhnisch. „Das wagst du nicht – du liebst ihn doch gar nicht!“
Andromeda fuhr in ihre Kleider.
„Ich werde lernen, ihn zu lieben! Besser ein lieber Schluffen wie Ted als ein rachsüchtiges, eiskaltes Todessermonster wie du!“, versetzte sie bitter.
„Dann geh doch!“ Mit ironischem Lächeln hielt ich ihr die Tür auf.

Ich war mir sicher, dass Andromeda schnell einlenken würde, denn ich liebte sie über alle Maßen und wusste, dass sie das gleiche für mich empfand. Meine übereilten Worte taten mir leid. Aber Andromeda hatte mich tief verletzt – wie kam sie nur auf die idiotische Idee, mir mit diesem Schlappschwanz drohen zu wollen! Sie würde es nie wagen, ihn zu heiraten …
Ich wartete die ganze Woche mit brennendem Herzen auf ihre Eule und schaute, sofern ich mich überhaupt aus dem Haus wagte, immer als erstes nach, ob ich schon Post bekommen hatte. Doch der Briefkasten blieb so leer wie ich stur.
Während dieser Woche wurde ich vom Zauberergamot zu einer Geldstrafe an den Sachbearbeiter der Koboldberufsgenossenschaft verurteilt und bekam meinen Zauberstab auf Bewährung zurück.
Zehn Tage nach unserem Streit schlug ich den Tagespropheten auf, und die Kimmekorns Klatschspalte verkündete marktschreierisch das Gerücht, die Schwestern Narcissa und Andromeda Black seinen von zu Hause durchgebrannt. Andromeda habe nach ihrer Flucht Knall auf Fall in Gretna Green den muggelstämmigen Ted Tonks geheiratet, der Aufenthalt von Narcissa sei hingegen unbekannt. Zum Beweis zeigte das Foto einen selig strahlenden Ted, der meine Andromeda in seinen Armen zärtlich anhimmelte, während sie trotzig und voller Zorn in die Kamera starrte und wild ihr Haar schüttelte.

Ich kramte die Visitenkarte wieder aus der Nachttischschublade hervor, ritzte mir mit dem Rasiermesser meines Vaters in die Hand und tropfte mein Blut auf das Symbol von Schlange und Totenkopf. Eine Adresse erschien, und ich machte mich unverzüglich und mit einem siedenden Gebräu aus Eifersucht, Enttäuschung und hilflosem Zorn auf den Weg zu den Todessern.

Das Haus an der angegebenen Adresse schien verfallen und verlassen, und seine Fenster starrten bedrohlich wie die leeren Augenhöhlen eines Schädels auf mich herab. Mich fröstelte, und ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich das hier wirklich wollte. Wenn ich zu Andromeda gehen und sie um Verzeihung bitten ...
„Sie kommen spät, Mr. Snape!“, sagte ein Mann und trat aus dem Schatten.

***

Die Kletterei an den Mauern von Askaban ist überstanden – eine letzte Kraftanstrengung, ein Klimmzug an den Fingerspitzen - und ich stehe Lucius Malfoy, meinem alten Freund, seit langer Zeit endlich wieder gegenüber!
Er wendet sich um, und ich erschrecke zutiefst. Sein langes, glänzendes Blondhaar ist von weißen Strähnen durchwirkt und schimmert silbern und entrückt im Sternenglanz. Die kalten eisblauen Augen lauern tief in den Höhlen, und die Schatten darunter sind beinahe schwarz. Er sieht müde aus.
„Du kommst spät, Severus!“, sagt er leise.
Morituri te salutant.

Zuletzt bearbeitet von Kathrina am 15 Aug 2006 13:10, insgesamt 4-mal bearbeitet


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Ungelesener BeitragVerfasst: 13. August 2006 22:09 
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Zitat:
Etwas Erbsenzählerei: Bitte passe den Zähler im Titel an, es ist schon Kapitel 25!


Tröti ist ja auch noch da! :mrgreen:

Aber kann es sein, dass du beim Reinkopieren nen Satzteil verschluckt hast? [img]images/smiles/108.gif[/img]

Zitat:
„Genau. Ich will Bozo Brute, Direktor Robbespiere, den Vorsitzenden des Zauberergamots und d


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Ungelesener BeitragVerfasst: 15. August 2006 12:43 
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*urgs* - schon wieder das Kopieren und Einfügen vermurkst - danke für den Hinweis und "Reparo" *knuddel*

Ich muss mir einfach abgewöhnen, tolle und extrem witzige Parodien (wie die von Eowin) mit einer Tasse Kaffee in der Hand am PC zu lesen ... das ist jetzt schon die zweite Tastatur, die ich auf diese Weise gemeuchelt habe.


@Kathrina

Zitat:
Hat er dieses Detail verschwiegen, weil er den Eindruck hatte, dass es mehr wie eine Ausrede klingt? Oder weil sie wie ein erster Schritt zur Entschuldigung wäre, und das kann unser Severus bekanntlich nie - sich entschuldigen ist nicht sein Ding. Und die Leutchen ausreden lassen wohl auch nicht...


Wer so von sich überzeugt ist wie Severus hält das, was andere zu sagen haben, sowieso für unwichtig ... böser Fehler!

Zum Dank für Eure Hilfe und Reviews das nächste Kapitel:

26. Wahre Slytherin

Ich verberge mein Erschrecken, so gut ich kann.
„Ich bin so schnell gekommen, wie es ging.“, erkläre ich und winde verlegen das Kletterseil um meine Hand.
Ach, hätte ich den Dunklen Lord doch noch heftiger bedrängt, Malfoy endlich zu befreien! Ich bin an Lucius Aufenthalt in Askaban leider nicht so unschuldig wie mein Freund glaubt, und er leidet ganz offensichtlich auch ohne die Anwesenheit der Dementoren schwer unter seiner Einzelhaft in dieser düsteren, öden Zelle mit der deprimierenden Aussicht auf nichts als eine graue Nebelwand. Da ich sehr gerne allein bin und mich bis zu meiner Rückkehr zum Dunklen Lord selten einsam fühlte, habe ich völlig vergessen, was der Mangel an menschlichen Begegnungen bei so ausgesprochenen geselligen Naturen wie Malfoy anrichten kann …
Lucius hat mein Entsetzen bemerkt, wie der bittere Zug um seinen Mund beweist.
„Hätte ich gewusst, dass du so bummelst, hätte ich mir für die Wartezeit etwas zu lesen mitgebracht.“, versetzt er kühl und tritt zu mir.
Ich merke, dass meine Finger nervös das Seilende aufdröseln, aber ich kann die Anspannung nicht anders loswerden. Lucius ist nicht dumm - ist ihm inzwischen aufgegangen, dass jemand in der Nacht seiner Verhaftung Dumbledore und den Phönixorden informiert haben muss, nachdem Potter auf die Falle des Dunklen Lords hereinfiel und sich auf den Weg in die Mysteriumsabteilung machte?
Malfoy beantwortet meine Frage – wortlos zieht er mich an sich, und wir umarmen uns freundschaftlich. Sensibel wie immer bemerkt er sofort, als es mir zuviel wird; er lässt mich los und lächelt mich mit dem vertrauten Malfoyschen Schurkengrinsen an.
Ich atme auf, denn ein Felsen so groß wie der, auf dem dieses verfluchte Gefängnis steht, ist mir vom Herzen gefallen. Dumbledore zu verlieren war hart genug und die Lücke, die er gerissen hat, ist immer noch kaum zu ertragen. In der Nähe des Dunklen Lords darf ich nicht einmal wagen, auch nur an ihn zu denken, geschweige denn um ihn zu trauern. Wenn ich jetzt auch noch Lucius verliere …
Habe ich aber nicht – und ein breites, von ganzem Herzen kommendes Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht.
„Wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange brauche, hätte ich dir vorab was zum Lesen geschickt!“, antworte ich.
Lucius grinst als Antwort, und die tiefen Lachfältchen um seine Augen lassen mich hoffen, dass sein Aufenthalt an diesem schrecklichen Ort keine bleibenden Schäden verursacht hat. Mit weit ausholender Geste verweist er auf die spartanische Möblierung seiner Zelle, die aus einer hölzernen Pritsche, einem Nachttopf und einer Kerze besteht.
„Leider sind die Wächter von Askaban Fans des Minimalismus. Sie erlauben mir keine Bücher, Spiele, Schreibutensilien oder sonst irgendetwas. Sie haben Angst, ich könne damit einen Ausbruchsversuch wagen oder mich umbringen. Wobei sie letzteres wohl kaum bedauern würden.“
Anderthalb Jahre tödliche Langeweile, jeder Tag bis zum Bersten gefüllt mit einer unendlichen Anzahl nutzloser, leerer Sekunden, die nicht vergehen wollen. Das Essen – der Höhepunkt des Tages. Es gibt auch Folter jenseits des Cruciatus und der Dementoren.
„Dann wirst du es wohl nicht bedauern, auf die weitere Gastfreundschaft des Ministeriums verzichten zu müssen.“, stelle ich ein wenig zu munter fest, um meine Erschütterung zu verbergen, und drehe mich um, um den Rucksack durch die klaffende Fensterhöhle heraufzuziehen.
Lucius will mir helfen, sieht aus dem Fenster die Mauern Askabans hinab und erschaudert: „Da bist du heraufgeklettert, Severus - auf Muggelart? Du bist doch völlig verrückt geworden! Warum beim Merlin hast du dich nicht einfach verhaften lassen? Das Ministerium dreht doch jeden Stein nach dir um!“
„Kann ich mir vorstellen. Wenn ich glauben würde, dass sich das Ministerium an seine eigenen Vorschriften und Gesetze hielte, hätte ich diesen Vorschlag sogar erwogen. Aber du weißt ja selbst am besten, wie sie mit Gefangenen umgehen …“
Malfoy schnaubt zornig.
„Wenn ich Scrimgeour oder diese grauenhafte alte Schachtel in die Finger kriege, dann …“
„Später ist noch genug Zeit für alle Arten von Rache, Lucius. Es wird bald hell – wir müssen vorher verschwunden sein.“ Ich öffne den Rucksack, und Lucius erwartungsvolle Miene nimmt einen ratlosen Ausdruck an.
„Was ist das denn? Wo sind die Besen, mit denen wir fliegen?“
Ich lache leise.
„Keine Besen, Lucius – keine Magie in Askaban, oder wir haben die ganze Truppe auf dem Hals! Nein, wir fliehen auf Muggelart.“
Lucius hält das Fluchtgerät mit spitzen Fingern hoch, als könne es beißen.
„Wir fliehen mit – einem Tischtuch? Haben die Muggel statt fliegender Teppiche und Besen schwebende Tischwäsche?“
Ich nehme ihm den Rucksack aus der Hand.
„Man nennt es Fallschirm, und was wir vorhaben, heißt „base-jumping“. Wir hüpfen einfach aus dem Fenster, der Fallschirm breitet sich aus, und wir schweben im Gleitflug ins Tal herab wie die Memos durch die Gänge des Zaubereiministeriums!“
Malfoy macht einen Satz zurück und glotzt mich entgeistert an.
„Du bist komplett übergeschnappt, Muggel-Bastard! Ich werde nie und nimmer einen solchen Schlammblutquatsch mitmachen!“
Ich wusste, dass ihm die Idee nicht gefallen würde, und grinse in mich hinein.
„Darf ich dich daran erinnern, dass mein halbes Schlammblut ebenfalls in deinen Adern kreist, Malfoy!“, versetze ich mit ausgesuchter Höflichkeit und verbeuge mich spöttisch, als sich sein Mund angewidert verzieht. „Man soll nie den Fehler machen, den Feind zu unterschätzen – man sollte sogar von ihm lernen!“
„Du verlangst also von mir, mit nichts als diesem Bettlaken um den Bauch aus dem Fenster zu hüpfen – du bist doch krank, Severus!“
„Es heißt Fallschirm, nicht Betttuch, und man wickelt ihn auch nicht um den Bauch, sondern schnallt ihn sich auf den Rücken.“, erläutere ich geduldig. Zur Demonstration der Technik lege ich meinen Fallschirmrucksack an und halte ihm den Seinen auffordernd hin.
Malfoy sieht aus, als wolle er sich entweder übergeben oder mir seine Faust auf die Nase schlagen, aber er rührt sich nicht vom Fleck.
Ich zucke die Schultern und klettere aufs Fensterbrett. Während ich die Beine nach draußen schwinge, bemerke ich über die Schulter: „Ich verschwinde schon mal – du kannst ja nachkommen oder hier darauf warten, dass ein Wunder geschieht und man dich laufen lässt. Du bist dann natürlich alt, tattrig und zahnlos, Narcissa wird dich irgendwann verlassen und einen anderen geheiratet haben, Draco wurde im Kampf gegen diesen Potter-Balg getötet …“
„Du verdammter Mistkerl!“, zischt Lucius und schwingst sich den Fallschirmrucksack auf den Rücken. „Na warte, wenn ich erst in Freiheit bin, dann …“
„Jaja - ich kann’s mir schon denken.“, entgegne ich ruhig und helfe meinem Freund, die Gurte zu sortieren und die Schnallen zu schließen.
Als er endlich neben mir in der Fensterhöhle sitzt und in den nebelverhangenen Abgrund starrt, der ab und zu für Sekunden einen schemenhaften Durchblick zu den Sternen oder in die Schwärze des Tales gewährt, zittert Malfoy am ganzen Körper wie Espenlaub. Ich weiß nicht, ob dies Ausdruck seines Zornes oder seiner Angst ist, ich hatte nämlich schon immer den Verdacht, Malfoy sei nicht schwindelfrei – was er natürlich niemals zugeben würde.
„Du springst zuerst.“, fordert er heiser. „Ich will zusehen, wenn du dir den Hals brichst!“
„Wie du willst!“, antworte ich ruhig und greife hinter seinen Rücken.
Lucius wendet sich erbost um. „Was machst du da?“
Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutze ich, um ihn vom Fenstersims herunter zu stoßen. Die Schnur in meiner Hand ruckt, der Hilfsschirm öffnet sich sofort, und Lucius Sturz wird beinahe unmittelbar vom sich entfaltenden Fallschirm abgebremst. Sanft wie eine Schneeflocke geleitet er durch den Nebel und entschwindet meinen Blicken.
Ich habe ebenfalls Angst, denn ich habe zwar schon Muggeln bei einem Fallschirmsprung von Gebäuden oder Felsen herunter zugeschaut und mir vor unserem Aufbruch zu diesem Abenteuer alles sorgfältig erklären lassen – aber selbst ausprobiert habe ich es noch nie. Bevor ich mir die Sache anders überlegen kann, stoße ich mich ab und stürze Malfoy in den Abgrund hinterher.
Wieder braust Adrenalin durch meine Adern, aber diesmal ist das Gefühl ein völlig anders als bei meinem unfreiwilligen Abgang aus der Felswand: Ich fühle mich frei wie ein Vogel und sehr, sehr lebendig, während feuchte Nebelfetzen an mir vorbeirasen. Ich genieße den Sturz ein paar Augenblicke lang und ziehe dann die Reißleine, um wenig später neben Lucius zu Boden zu schweben.
Mit einem etwas ungeschickten Hüpfer lande ich auf dem Fels, und im Gegensatz zu Malfoy hat mich der Aufprall nicht von den Füßen gerissen.
Ich klinke meinen Schirm aus dem Gurt, und reiche Malfoy die Hand.
„Es ist schön, dass du zurück bist, Lucius!“, sage ich warm. Die Freude, ihn zurückzuhaben und nicht mehr allein auf mich gestellt zu sein, schmerzt fast. „Alles in Ordnung bei dir?“
Lucius sieht aus, als wolle er mich sowohl umbringen als auch umarmen, und er lässt sich von mir auf die Füße ziehen. Er schwankt leicht, hat sich aber offensichtlich nicht ernsthaft verletzt.
„Danke.“, murmelt er heiser und beugt sich vor, um seinen Fußknöchel in den schwarzen Stiefeln zu betasten, den er sich möglicherweise beim Aufprall ein leicht verstaucht hat.
Erleichtert, dass unsere Flucht aus Askaban erfolgreich verlaufen ist, lasse ich Goyles Eisschmetterlinge frei, die sich wie eine glitzernde Wolke in die Lüfte erheben und unseren Freunden schnell den Weg zu uns weisen werden.
Während wir warten und Lucius mit gerunzelter Stirn sein Bein massiert, drehe ich ihm den Rücken zu und falte meinen Fallschirm wieder zusammen.
So schnell, dass ich nicht denken, geschweige denn reagieren kann, schlingt mir Lucius einen Arm um den Hals, reißt mich zu Boden und biegt mir den Kopf in den Nacken, während er mir einen winzigen, gefährlich aussehenden Dolch an die Stelle presst, unter der sich die Halsschlagader befindet.
„Bevor ich es vergesse - ich habe da noch ein paar Fragen an dich, mein Freund!“, flüstert Lucius in mein Ohr, und ritzt mir mit der Dolchspitze in die Haut.
„Ich habe dich gerade aus dem Gefängnis herausgeholt!“, presse ich mühsam zwischen den Zähnen hervor. „Hast du den Verstand verloren, Lucius?!“
„Du warst es ja auch, der mich erst nach Askaban hinein gebracht hat!“, stellt er mit kaltem Glitzern in seinem Blick fest. „Ich habe große Lust, mich bei dir für die schöne Zeit, die ich dort verbringen durfte, zu bedanken! - Was hältst du von dieser Idee?“
Ich schließe für einen Moment die Augen. Die Ironie der Situation ist nicht zu übersehen: Nachdem ich soviel gewagt und so viele Ängste ausgestanden habe, werde ich nicht durch die Hand des Dunklen Lords, sondern durch die meines besten Freundes sterben. Wenn das nicht alles zunichte machen würde, wofür ich so verzweifelt gekämpft habe, würde ich die Komik darin sicher wertschätzen.
Nachdem ich ihm nicht antworten will, verstärkt Lucius den Druck und zischt mir ins Ohr: „Warum hast du mir Dumbledore mitsamt dem Phönixorden auf den Hals gehetzt, obwohl du genau wusstest, dass sie mich töten oder gefangen nehmen und der Dunkle Lord sich an mir und meiner Familie für den Misserfolg rächen wird? Antworte, Severus!“
Ich schlucke heftig. „Das mit Draco tut mir leid. Ich wollte ihn nicht in Gefahr bringen!“
„Ach nein!“, höhnt Malfoy. „Du gibst also zu, ein Verräter zu sein?“
Ich schweige und zucke zusammen, als mir noch ein wenig mehr Blut in den Kragen rinnt.
„Sag mir endlich, was für ein Spiel du treibst, Severus – oder ich liefere dich dem Dunklen Lord aus!“
Meine Hände sind eiskalt und fast taub, und die Welt ist auf Malfoys eisblaue Augen zusammengeschrumpft, die sich in die meinen bohren. Nur ganz am Rande bekomme ich mit, dass Crabbe und Goyle um die Ecke biegen und verwundert inne halten, um unserem makaberen Totentanz ratlos anzustarren.
„Du musst tun, was du für richtig hältst, Lucius – aber deine Fragen kann ich dir nicht beantworten.“, flüstere ich.
„Ich hätte niemals, niemals gedacht, dass von allen Zauberern auf Erden ausgerechnet du mich verrätst!“, antwortet Malfoy gequält und drischt einige Male in ohnmächtigem Zorn mit der Faust auf den Fels direkt neben meinem Gesicht ein, ohne darauf zu achten, was er damit seinen Fingerknöcheln antut.
„Lass das, Lucius! Du jagst Severus Angst ein.“, sagt Crabbe ruhig, tritt zu uns heran und legt seine Hand auf Malfoys Arm, mit dem er mir den Silberdolch an die Kehle presst. „Aber nicht vor dir, sondern um dich!“
Lucius legt den Kopf schräg.
„Unsinn!“, zischt er. „Du kapierst mal wieder gar nichts!“
„Victor hat recht!“, kommt Goyle seinem Freund zu Hilfe. „Seit der Dunkle Lord zurück und Severus zu uns auf den Friedhof appariert ist, hat er ohnehin ständig Angst. Ich dachte zuerst, Severus fürchte sich vor dem Meister, weil er so spät kam und unser Herr es nicht mag, wenn man sich verbummelt.“
Crabbe nickt wild.
„Ja, wenn man sich verspätet, kriegt man immer mächtig Ärger! Aber Severus ist fast gestorben vor Angst auf dem Friedhof, und als der Dunkle Lord ihn nicht für sein Zuspätkommen mit Crucio bestraft hat, ist Severus Angst auch nicht verschwunden – sie hat nur ein bisschen nachgelassen.“
Ich schlucke heftig, und die Klinge des Dolches bringt sich in unangenehme Erinnerung. Wie konnte ich nur vergessen, dass die beiden zwar dumm wie Brot sind, aber in den Emotionen anderer Menschen genauso lesen können wie in einem Buch ... Crabbe und Goyle erkennen instinktiv alle Gefühle ihrer Mitmenschen – ihre Erfolgsquote erreicht nicht einmal der größte Legelimens aller Zeiten, der Dunkle Lord!
„So, Angst hat er also gehabt – der Hundesohn!“, flüstert Lucius bitter. „Dazu hatte er auch allen Anlass - er war Dumbledores Spion!“
Crabbe und Goyle lachen.
„Nee, der Severus ist kein Verräter, nie und nimmer! Er hat uns immer aus der Patsche geholfen.“
„Wir werden nämlich andauernd reingelegt, weil wir so dumm sind. Severus hat das noch niemals getan. Im Gegenteil, er hilft uns!“
„Ihr beiden Hohlköpfe haltet jetzt endlich den Mund!“, befiehlt Malfoy brüsk und überlegt einen Moment. „Warum hast du Narcissa den unbrechbaren Schwur geschworen und Dumbledore getötet, Severus? Du hast doch für ihn spioniert – wolltest du nochmals die Seiten wechseln wie die Ratte Pettigrew, als du bemerkt hast, dass es mit dem alten Schwachkopf zu Ende ging und er seine Macht verlor?“
Ich beiße mir auf die Zunge und blinzle.
„Dumbledore war Severus Freund.“, stellt Crabbe unschuldig fest. „Genauso wie du, Lucius!“
Ich schließe die Augen. Schlimmer geht’s nimmer.
„Und dann tötest du Dumbledore? – Zu was für einem Gewürm, das sich in faulem Fleische windet, bist du eigentlich geworden, Severus Snape?“, faucht Malfoy verzweifelt, packt mich am Kragen und schüttelt mich durch, dass mir die Zähne aufeinander schlagen.
Goyle schüttelt den Kopf. „Das verstehe ich auch nicht! Wenn der Dunkle Lord in der Nähe ist und irgendjemand spricht über Dumbledore, dann wird Severus immer ganz starr und kalt. Nur wenn wir mit Sev allein sind, dann ist er oft schrecklich traurig und unglücklich darüber, dass unser alter Schuldirektor jetzt tot ist.“
„Dabei hat er Dumbledore früher abgrundtief gehasst – ich meine zu der Zeit, als wir alle zusammen zu den Todessern gingen!“, ergänzt sein Kumpel.
„Wir haben uns damals selber vor Severus gefürchtet.“ Victor schaut schüchtern um Vergebung heischend zu mir herüber. „Eisig, wütend und hart wie ein Stein warst du damals.“, erklärt er. „Du hast uns auch nicht mehr besucht, wolltest kein einziges Mal mit uns zum Schwimmen gehen oder McGonagall explodiert spielen, und so gelacht wie früher in der Schule hast du überhaupt niemals wieder - nur dieses grausige Lachen, das ich gar nicht an dir mag und von dem ich immer so eine Gänsehaut auf den Armen kriege! Dabei haben dann deine Augen so rot gefunkelt wie die vom Dunklen Lord, wenn er wütend ist … Richtig gegraust hat es uns vor dir!“ Crabbe erschaudert bei der Erinnerung und zieht wie eine Schildkröte furchtsam den Kopf ein, während Geoffrey näher zu ihm rückt und ihm tröstend seinen Arm um die Schultern legt.
„Seid doch endlich still!“, flüstere ich und versuche, mein brennendes Gesicht im Ärmel meiner Winterjacke zu verbergen.
Lucius packt grob mein Handgelenk, zieht mir den Arm weg und funkelt mich wütend an: „Nun, Severus? Das ist deine letzte Chance mir zu erklären, was das alles zu bedeuten hat – und versuch ja nicht, mich mit einer deiner genialen Lügengeschichten abzuspeisen!“
„Ich kann dir nichts von alldem erklären, Malfoy.“, antworte ich endlich.
Ich habe meine Angst endlich abgestreift wie die Haut einer Schlange: Malfoy wird mich nicht dem Dunklen Lord ausliefern, da bin ich mir sicher. Wie alle Todesser wissen wir seit Regulus Blacks Tod nur zu gut, was genau Voldemort mit Verrätern anstellt - und das gönnt man seinem ärgsten Feinde nicht, nicht einmal dann, wenn man ihm eine kleine Ewigkeit in Askaban verdankt.
„Severus mag Draco. Auf die Art, wie ich meinen Sohn gern habe.“, erklärt Crabbe unvermittelt, und Goyle nickt so heftig dazu wie ein Pumpenschwengel.
„Na und?“, krächzt Malfoy und versucht genug Mut und Zorn zu sammeln für das, was er tun zu müssen glaubt. „Warum verteidigt ihr Severus eigentlich dauernd? Euch nutzt er doch nur aus, genauso wie er mich benutzt hat!“
Goyle bohrt mit der Fußspitze konzentriert ein Loch in den Boden, um Lucius nicht ansehen zu müssen. „Severus lügt den Dunklen Lord an. Zweimal hat er es getan, um mir zu helfen, als ich so einen blöden Spiegel fallen ließ und ihn nicht wieder ganz machen konnte. Ich glaube, Severus hat irgendwie sogar mich beschwindelt, damit ich glaube, ich hätte den doofen Zauberspiegel selbst repariert!“
„Den Dunklen Lord belügen? Das kann keiner!“, lacht Lucius ungläubig, lässt jedoch die Hand mit dem winzigen silbernen Dolch darin endlich sinken.
„Doch. Kann er!“, beharrt Goyle und kratzt sich verlegen am Kopf.
Lucius lacht böse. „Wie denn?“
„Wissen wir nicht.“, gibt Crabbe zu. „Wir wissen nie, wie etwas funktioniert, und schon gar nicht so komplizierte Sachen wie Legelimentik oder Okklumentik. Wir wissen nur, dass es so ist, nichts weiter!“
Mir rasen tausend Gedanken durch den Kopf, einer grässlicher und Furcht einflößender als der andere.
„Wie kommt es eigentlich, dass ihr das alles wisst - und ich lebe? Warum hat der Dunkle Lord mich noch nicht …“ Mir wird übel. Ich stemme mich auf den Ellenbogen und übergebe mich in Krämpfen in das spärliche Hochlandgras.
Goyle kniet sich neben mir auf den Fels, hält mich an den Schultern fest und zückt schließlich sein Taschentuch, das er mir in die Hand drückt, während er mir hilft, mich aufzusetzen.
„Der Meister schaut uns nie in den Kopf. An unserem ersten Tag bei den Todessern hat er es einmal getan, danach nie wieder. ‚Gemüse’ - so hat er mich genannt!“ Er kratzt sich verlegen hinter dem Ohr. „Das fand ich irgendwie gemein, wo ich doch so Grünzeugs gar nicht esse!“
Crabbe macht ein angestrengtes Gesicht, als er sich ebenfalls zu erinnern versucht. „Genau! Nachdem er uns beiden in den Kopf geguckt hat, meinte der Dunkle Lord, wenn Dummheit rollen würde, müsse man uns den Berg hinauf bremsen – wisst ihr, was er damit gemeint hat?“
Lucius und ich wechseln einen Blick.
„Er meinte, dass er eure Fähigkeiten weder versteht noch interessant findet.“, meint Lucius schließlich nachdenklich und kaut auf seiner Unterlippe.
„Ach so.“ Weder Crabbe noch Goyle sehen aus, als können sie mit dieser Erklärung viel anfangen.
Zaghaft setze ich mich auf und presse Goyles Taschentuch auf die Wunde, die Lucius Dolchspitze hinterlassen hat.
Ich deute auf die silberne Schneide, die mein Freund noch immer umklammert hält, und frage vorsichtig: „Wo beim Merlin hast du das Ding da versteckt? Ich dachte, man hätte dir in Askaban alles weggenommen!“
Lucius schnaubt verächtlich.
„Die Wächter von Askaban sind genauso unfähig wie Weasley vom Zaubereiministerium! Seit der Dunkle Lord zurück ist, trage ich immer einen Dolch in meinem Stiefel versteckt. Glaubst du, ich hätte Lust so elend zu verrecken wie Regulus, falls unseren Meister einer seiner mörderischen Wutanfälle packt?“ Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Ich konnte ja nicht wissen, dass er …“ Er spricht das Pronomen in einem nie gekannten Tonfall aus „… meinen Sohn für meine Sünden büßen lässt!“
Mein Gesicht, das vor kurzem noch vor Scham brannte, verliert alle Farbe.
„Ich konnte nicht ahnen … wenn ich gewusst hätte, dass er Draco da hineinzieht, hätte ich niemals …“, stottere ich hilflos.
Lucius lässt die Schultern hängen.
„Nein, ich auch nicht.“ Er ballt hilflos die Fäuste. „Nach all dem, was ich für den Dunklen Lord getan habe!“
Ich schlucke und lege Lucius vorsichtig die Hand auf die Schulter. Er wischt sie nicht weg und macht auch keine Anstalten, angewidert von mir abzurücken.
„Woher weißt du, dass ich Dumbledore und den Phönixorden in jener Nacht im Ministerium benachrichtigt habe?“, frage ich zögernd.
Lucius seufzt tief.
„Draco. Er war dabei, als Umbridge diesen Potter und seine Bande verhört hat. Mein Sohn hat bei dem Gespräch gut aufgepasst und konnte mir den Wortlauf fast wörtlich wiedergeben. Pech für dich, Severus, das sich außer dir kein Mitglied des Phönixordens in Hogwarts befand, dem Potter seine hässliche Geschichte auftischen konnte! Du warst die undichte Stelle, du warst es die ganze Zeit! Darum sind so viele Pläne fehlgeschlagen, darum so viele von uns ins offene Messer gerannt und in Askaban gelandet – alles Fallen, die du und dieser alte Tattergreis Dumbledore uns gestellt habt!“, erklärt er bitter und befreit sich nun doch von meiner Hand auf seiner Schulter wie von einem toten, stinkenden Fisch.
Mir stockt der Atem. „Weiß Draco von deinen Schlussfolgerungen?“ Falls ja, dann … Mir sträuben sich vor Sorge die Nackenhaare.
„Für wie blöd hältst du mich eigentlich, Severus?“, faucht Lucius mit wieder aufflammendem Zorn. „Du hast mich ein weiteres Mal hintergangen und eiskalt meine Freundschaft ausgenutzt - und dadurch mich und meine Familie in höchste Gefahr gebracht!“ Er lacht auf eine Art, die mir die Eingeweide verknotet. „Ich wollte dich vor den Dunklen Lord schleifen und höchstpersönlich dabei zusehen, wie er dir das Fell über die Ohren zieht!“
Meine Augen werden zu Schlitzen. „Und warum hast du’s dann nicht getan? Konntest du’s nicht abwarten?“
Lucius Gesicht wird so weiß wie der Schnee, der im sanften Dämmerlicht des Morgens auf uns herabrieselt.
„Ich habe gehofft, dass ich mich irre … Ich dachte, vielleicht gibt es ja einen Grund …!“ Seine Worte klingen beinahe wie ein Flehen.
Das Schweigen zwischen uns dehnt sich. Wir weit können wir einander noch vertrauen? Das Eis ist dünn, und jeder Schritt in die falsche Richtung kann unser letzter sein.
Ich seufze und wage mich vor.
„Ja, ich bin ein Verräter - und ja, es gibt einen Grund. Du hast das Recht, ihn zu erfahren. Crabbe und Goyle ebenfalls.“
Lucius richtet sich gespannt auf, und Victor und Geoffrey setzen sich neugierig neben uns auf den Felsbrocken - fast wie in alten, glücklicheren Zeiten.
Ich hole tief Atem.
„Bevor ich beginne, muss ich euch warnen – wenn ich euch erzählt habe, was ihr zu wissen begehrt, dann gibt es kein Zurück! Ihr werdet euch entscheiden müssen, und keine der Alternativen wird euch gefallen.“ Ich blicke in die Gesichter meiner Freunde, in denen sich Neugier, Vorsicht und Misstrauen streiten. „Mein Wissen, dass ihr zu teilen verlangt, ist extrem gefährlich, nicht nur für euch, sondern auch für andere! Ihr habt Familie, ihr müsst an Frau und Kinder denken. Wenn ihr …“ - ich ringe die grässlichen Bilder, die mir durch den Kopf schießen und die denen in meinem ehemaligen Klassenzimmer stark ähneln, mühsam nieder - „... meine Geschichte lieber nicht anhören wollt, dann ist das eine sehr kluge Entscheidung.“
Goyle spricht zuerst.
„Der Dunkle Lord interessiert sich nicht für das, was in meinem Kopf vorgeht: Ich will’s hören!“
Crabbe nickt zustimmend und reicht eine Tüte mit Hitzedrops herum, aus der wir uns geistesabwesend bedienen, um nicht steif zu frieren. „Mir droht da wohl auch keine Gefahr - ich bin dabei!“
Ich wende mich an Lucius.
„Du bist beinahe so gut in Okklumentik wie ich. Trifft das nach deiner Haft in Askaban immer noch zu?“
Lucius reibt sich die Schläfen, während er meine Worte abwägt.
„Der Dunkle Lord hat mein einziges Kind gezwungen, Dumbledore zu töten oder bei dem Versuch zu sterben - das werde ich ihm nie verzeihen!“ Er blickt mich geradewegs an. „Wenn ich diesen Hass vor ihm verbergen kann, dann auch alles andere! So oder so, ich muss deine Geschichte hören!“
Ich räuspere mich zittrig und beginne im einsetzenden Schneetreiben mit dem Abstieg in jene tiefen Keller, in denen man seine persönlichen Inferi begräbt – und von denen ich hoffte, ihnen niemals wieder in ihr grausiges Antlitz blicken zu müssen.
Alea iacta est.
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 15. August 2006 14:37 
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Heul! Ich habe eine Riesenreview verfasst, ganz frisch und extra für die Zauberwelt, und ein falscher Klick und sie hat sich ins Datennirwana verabschiedet!

Das darf nicht wahr sein!!!!! [img]images/smiles/wallbash.gif[/img][img]images/smiles/wallbash.gif[/img][img]images/smiles/wallbash.gif[/img]

Habe ich dir gesagt, wie sehr ich deine Crabby und Goyle mag? Die sind absolut goldig:

Zitat:
„Dumbledore war Severus Freund.“, stellt Crabbe unschuldig fest. „Genauso wie du, Lucius!“
Ich schließe die Augen. Schlimmer geht’s nimmer.

Und ich find’s wunderschön!

Zitat:
Crabbe macht ein angestrengtes Gesicht, als er sich ebenfalls zu erinnern versucht. „Genau! Nachdem er uns beiden in den Kopf geguckt hat, meinte der Dunkle Lord, wenn Dummheit rollen würde, müsse man uns den Berg hinauf bremsen – wisst ihr, was er damit gemeint hat?“
Lucius und ich wechseln einen Blick.
„Er meinte, dass er eure Fähigkeiten weder versteht noch interessant findet.“, meint Lucius schließlich nachdenklich und kaut auf seiner Unterlippe.

Da gefällt mir sogar Lucius! Und zwar gar nicht so schlecht!


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Ungelesener BeitragVerfasst: 18. August 2006 15:26 
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@Kathrina

Zitat:
! Ich habe eine Riesenreview verfasst, ganz frisch und extra für die Zauberwelt, und ein falscher Klick und sie hat sich ins Datennirwana verabschiedet!

Das darf nicht wahr sein!!!!!


Oh, wie lieb - und dann das! Ist mir auch schon passiert, und wenn PCs und Fensterscheiben nicht so teuer wären, hätte ersterer die Wohnung durch das Zweite verlassen ...

Trotzdem - danke für Deine Mühe! :P

Crabbe und Goyle kommen mir bei JKR viel zu schlecht weg - irgendwas muss doch Draco an denen finden! Und Lucius Malfoy, der so umwerfend ist wie der von Jason Isaacs, kann nicht einfach nur ein Idiot sein ... oder doch, aber das überlasse ich lieber JKR oder anderen FF-Schreibern.

Danke nochmals und bis bald,

Polaris

Kapitel 27: Das Dunkle Mal

Ich nahm mir noch einen Hitzedrops aus Crabbes Tüte und räusperte mich verlegen.
„Damit ihr versteht, warum ich zum Verräter an unserem Herrn, dem Dunklen Lord, werden konnte, müsst ihr zuerst wissen, zu welchem Menschen ich wurde, nachdem ich mich ihm anschloss.“
Die Gesichter meiner Freunde sehen mich erwartungsvoll an, obwohl Crabbe und Goyle das Wichtigste ja bereits intuitiv erfasst hatten. Lucius schiebt mit einer eleganten Geste sein silbernes Haar hinters Ohr – ein Zeichen höchster Konzentration.
Ich spucke ein paar Funken, als der Hitzedrops seine Wirkung entfaltet, und freue mich über die wohlige Wärme, die sich in meinem Körper ausbreitet - ich werde sie noch brauchen.
„Die Bibliothek, in der ich bei meiner Vorstellung auf das Erscheinen des Dunklen Lords warten sollte, war angefüllt mit schwarzmagischen Büchern und Artefakten aller Art. Da ich mich auf eine längere Wartezeit gefasst machte – bei hohen Herren lautet die Regel: je unwichtiger der Gast, desto länger lassen sie einen gewöhnlich schmoren – nahm ich eine wertvolle Erstausgabe von „Maleus Maleficorum“, des Hexenhammers, aus dem Regal und begann interessiert darin zu lesen.“
„War es bei dir auch so schrecklich heiß und stickig in dem Zimmer?“, fällt Crabbe in meine Geschichte ein. „Ich bin vor Durst fast gestorben!“
„Stimmt! Aber da war so ein Brunnen, aus dem man hätte trinken können ...“, ergänzt Goyle. „Aber da waren doch diese Wächter, diese absolut identischen Zwillinge. Einer log immer und einer sprach die Wahrheit. Beide boten mir einen Becher an …“
Crabbe nickt heftig. „Mir auch. Der vom Lügen-Zwilling enthielt Gift, der andere Wasser. Und der Ausgang war versperrt! Eigentlich wollte ich ja … Aber ich durfte doch nur eine einzige Frage an die Zwillinge stellen!“
Lucius grinst spöttisch. „Und – wie hast du bekommen, was du wolltest, Victor?“
Victor Crabbe läuft trotz der eisigen Kälte, die eben noch seine Wangen und Lippen blau färbte, tiefrot an und wechselt einen betrübten Blick mit Geoffrey Goyle.
„Ich habe gefragt, wo bitte die Toiletten sind.“
Unser aller Anspannung bricht sich in Gelächter Bahn, und wir lachen, bis uns die Tränen in den Augen schwimmen, und Lucius und ich klopfen Victor abwechselnd anerkennend auf den Rücken.
„Und?“, japst Malfoy endlich, „Was hat der Zwilling geantwortet?“
„Was ist denn daran lustig? Ich musste wirklich dringend!“, mault Victor. „Der Mistkerl hat mich natürlich angelogen, das passier mir ja immer – die Tür, auf die er zeigte, führte nur zu einer Rumpelkammer mit alten Büchern drin!“, ergänzt er tapfer. „Darum habe ich kein Wasser aus dem Wasserhahn trinken und mir auch nicht die Hände waschen können - also habe ich einfach in die Topfpflanze gepinket, die in der Ecke stand.“
Lucius und ich brechen wieder in Gelächter aus, und wir versichern Crabbe und Goyle, dass man es nicht besser hätte machen können. Tatsächlich – so dusselig sind die beiden gar nicht, und niemand bringt mich jemals so zum Lachen wie Victor und Geoffrey. Und der tausendjährige Killerkaktus des Dunklen Lords, an den ich mich als einziges pflanzliches Objekt in der Bibliothek zu erinnern vermag und der niemals gegossen werden darf, hat Crabbes Problemlösungsstrategie wohl nicht lange überlebt …
Lucius wird wieder ernst. „Das war ein Test, nicht wahr? Der Dunkle Lord hat uns beobachtet, während wir warteten!“
Ich nicke. „Er war die Schlange, die sich um die Statue des Laokoon ringelte.“
Lucius runzelt die Stirn. „Die hinter der Säule?“
„Genau.“
„Woher wusstest du das?“
„Zuerst gar nicht. Aber als ich meinen Becher austrank, blinzelte die Schlange … echte Schlangen haben keinen Lidschlag.“
Lucius hebt erstaunt die Brauen.
„Du hast tatsächlich einen Zwilling gefragt und seinen Becher ausgetrunken? Wenn du den Lügner erwischt hättest, wärst du an dem Gifttrunk gestorben!“
Ich grinse arrogant. „Es gab kein Risiko - du musstest nur die richtige Frage stellen, Lucius!“
Malfoy wirft sein Haar in den Nacken und hebt herausfordernd das Kinn. „Na, dann bin ich ja mal gespannt! Ich jedenfalls habe auf die Möglichkeit, den Schierlingsbecher zu erwischen, lieber verzichtet …“
Alle warten gespannt, wie ich das Problem wohl gelöst haben mochte. Dabei ist die Auflösung sehr einfach, aber Halbblüter wie ich haben hin und wieder einfach Vorteile. Ich grinse in mich hinein und erkläre: „Ich habe einen der Zwillinge gefragt, was mir sein Bruder wohl antworten würde, wenn ich ihn frage, wer den Wasserbecher hat.“
Meine Freunde starren mich ratlos an.
„Der wahrheitsliebende Zwilling wusste, dass sein Bruder lügt.“, erläutere ich bereitwillig. „Auf die Frage, wohin also der Lügner deuten würde, wenn ich ihn nach dem Wasser frage, würde der Lügner auf den Giftbecher weisen. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wie sie der ehrliche Zwilling verkünden muss.“
„Aber der Lügner?“, fragt Goyle und zupft angestrengt nachdenkend an seiner Unterlippe.
„Der Lügner weiß, dass sein wahrheitsliebender Zwilling das Wasser besaß. Also würde er lügen und auf sich selbst deuten.“, erkläre ich geduldig und ziehe sanft Goyles Hand von seiner Lippe, damit er sie nicht blutig zupft wie seinerzeit in Hogwarts, wenn er ein Problem nicht begreifen konnte.
„Beide Zwillinge würden also auf das Gift deuten, und du brauchtest nur den anderen Becher zu wählen und konntest trinken.“, meint Lucius nachdenklich, während sich sein Gesicht schlagartig erhellt. „Sehr klug, Severus!“
Ich verbeuge mich ironisch. „Man nennt es Logik. Eine Muggeldisziplin übrigens.“
Malfoy lacht und knufft mich in die Seite. „Ich hasse Muggelkram. Aber ich muss zugeben, dass sich die Schlammblüter ganz gut ohne Magie durchs Leben schlagen können! Vielleicht ist an deinem Rat, sogar vom Feind zu lernen, etwas dran …“
Ich nicke. Malfoy muss man nie mit der Nase auf etwas stoßen – er kommt von ganz allein darauf.
„Hat dich der Dunkle Lord auch mit dem Irrwicht zu Tode erschreckt?“, fragt Victor. „Ich hätte mir in die Hose gemacht vor Angst, wenn ich nicht vorher …“ Er wird wieder rosarot und verstummt verlegen.
Ich lege ihm tröstend den Arm um die Schulter.
„Jeder hat Angst vor Irrwichten, sogar ich. Das ist völlig normal und liegt in ihrer Natur.“
Crabbe grinst schief.
„Na, dann ist ja gut. Ich dachte schon, ich sei eine richtige Memme.“
„Bestimmt nicht!“
Zum Glück haben nur Crabbe und Goyle eine Ahnung davon, was für ein Feigling ich wirklich bin. Ich kann mich an kaum eine Zeit erinnern, in der ich mal nicht vor irgendetwas oder irgendwem Angst gehabt habe. Außer den wenigen Jahren, in denen der Dunkle Lord verschwunden war und ich hoffen konnte, ihn vielleicht nie wieder zu sehen … nein, eigentlich habe ich immer gewusst, dass er wiederkommen würde. Am Ende müssen wir alle unsere Rechnungen bezahlen, so oder so.
„Als der Irrwicht in Gestalt der ollen McGonagall erschien, habe ich mich vor Angst unter dem Tisch versteckt!“, unterbricht Geoffrey meine Gedanken. „Was habt ihr gemacht?“
„Patronus.“, antwortet Lucius knapp. „Womit sonst kann man einen verrückten Hippogreif zurückschlagen? Die Biester sind gefährlich!“
„Oh, toll! Ein gestaltlicher Patronus! Das würde ich auch gerne können!“, staut Victor und gönnt uns eine weitere Runde Aufwärmleckereien. „Wie sieht deiner aus?“
Malfoy lächelt. „Es ist ein Polarfuchs. Severus Patronus ist ein Rotfuchs; unsere Schutzzauber sind einander sehr ähnlich!“
Leider nicht mehr, aber dieses Thema möchte ich lieber nicht vertiefen, darum fahre ich mit meiner Erzählung fort: „Nachdem ich meinen Irrwicht in Gestalt eines Dementors abgewehrt hatte, tauchte der Dunkle Lord hinter der Säule auf und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die er mir bereitet habe. Ich müsse verstehen, dass er schließlich nicht Krethi und Plethi in die Reihen der Todesser aufnehmen könne und darum den Kandidaten gerne ein wenig auf den Giftzahn fühle …“
„Nachvollziehbar.“, nickt Lucius. „So hat er mir seine Spielchen, die er da heimlich mit uns getrieben hat, auch erklärt. Und dann hat er gefragt, ob ich bereit sei für ein wenig Legelimentik – der Dunkle Lord wollte wissen, was mich zu ihm führt und ob er mir vertrauen könne.“ Die Linien um Malfoys Mund werden hart, und eine steile Falte zwischen den Augen verrät, dass ihm der Gedanke, jemanden in seinem Kopf herumspazieren zu lassen, genauso wenig behagte wie mir.
„Hast du zugestimmt?“, frage ich.
„Natürlich! Sonst wäre ich wohl schneller wieder draußen gewesen wie ich blinzeln kann. Ich brauchte das Geld für einen Neuanfang, nachdem mich mein Vater ohne einen Knut aus dem Haus gejagt hat. Außerdem hattest du mich ja vorgewarnt, dass der Dunkle Lord Sicherheiten fordern würde. Alte Kaufmannsregel: Nichts ist umsonst.“
Auch ich wollte etwas vom Dunklen Lord: die Mittel für meine Rache an all denen, die mir so übel mitgespielt hatten, und diese Mittel würde Lord Voldemort mir nur gewähren, wenn ich ihm meine Gedanken und Gefühle preisgab.
An dieser Stelle wäre ich beinahe umgekehrt, denn ich kann schon unerbetene Berührungen nur schwer aushalten – und jemandem alles preisgeben zu müssen, was ich denke und was mich bewegt, war mir unerträglich … Doch ich kochte vor Zorn über die erlittenen Demütigungen und Ungerechtigkeiten, und mein Rachedurst siegte über all meine Bedenken und sogar über den Widerwillen, meine Gedanken einem Fremden ausliefern zu müssen. Der Preis war hoch, doch ich war bereit, ihn zu zahlen.
Ich erschaudere bei der Erinnerung an das Gefühl von kalten, schleimigen Finger mit spitzen Krallen, die sich bei diesem ersten Mal noch vorsichtig tastend in meine Gedanken schoben und bald hier, bald da etwas hervorzogen. Natürlich versuchte ich, so gut ich konnte, meine schlimmsten Erinnerungen zu verbergen, aber der Dunkle Lord war weitaus stärker als ich und verschlang gierig die Bilder von Donovan Dursley, der mich in der Muggelschule in der Toilette ertränken wollte, oder die Sache mit Bertha Jorkins. Bertha war eine hässliche Klatschbase und einen Kopf größer als ich, brachte einen halben Zentner mehr auf die Waage und befand sich schon in ihrem letzten Jahr in Hogwarts, während ich mich noch auf die ZAGs vorbereitete. Am Vortag hatte ich Lily Evans meinen Silberdolch geliehen, damit sie den Saft besser aus ihrer Schlafbohne pressen konnte. Evans hatte sich höflich bei mir bedankt und mich über den Kessel hinweg freundlich angelächelt – ich war so überrascht, dass ich ihr Lächeln schüchtern erwiderte und ihr unaufgefordert einen Vorschlag zur Verbesserung ihres Trankes machte.
Potter und Black hatten unsere zaghafte Annäherung offensichtlich mitbekommen. Am nächsten Morgen mischten die Rumtreiber aus Slughorns Unterricht gestohlenes Amortentia in Berthas Kürbissaft, lauerten mir dann auf dem Gang auf und sperrten mich zusammen mit der Siebtklässlerin in Filchs Besenkammer ein.
Damit mir so was nie wieder passierte, erfand ich „Muffliato“.
Nach den diversen Späßen der Gryffindorbande erfreute sich der Dunkle Lord noch an meinem Rauswurf aus St. Mungos, der Demütigung in der Gerichtsverhandlung und meinem Hass auf den vorsitzenden Richter Albus Dumbledore.
Als Lord Voldemort seine Gedankenkrallen endlich aus meinem Kopf zurückzog, schien er sehr erfreut über das, was er dort erfahren hatte, und mein neuer Herr strich mir in einer beinahe zärtlichen Geste mit den Fingerspitzen über das Gesicht von der Schläfe bis zum Kinn. „Ein Vulkan unter Eis!“, flüsterte er so leise zu sich selbst, dass ich ihm die Worte von den Lippen lesen musste. „Welch unglaubliches, völlig unerwartetes Geschenk! Es muss mir nur gelingen, ihn zu beherrschen, damit ich ihn benutzen kann …“
Nein, es war nach Ansicht des Dunklen Lords kein Problem, dass mein Vater ein Muggel war, für fähige Leute wie mich machten die Todesser selbstverständlich eine Ausnahme in ihren strengen Auswahlkriterien – das Wort Lord Voldemorts sei Gesetz!
Ich war sehr erleichtert, denn ich hatte es für richtig gehalten, sofort mit der Wahrheit über meine Abstammung herauszurücken. Das ist immer einfacher, als sich später für eine Lüge rechtfertigen zu müssen.
Der Dunkle Lord erwies sich als unendlich großzügig und liebenswürdig: er gewährte mir jedwede Mittel, die ich für meine Rache benötigen würde, gleichgültig, ob sie finanzieller, personeller oder schwarzmagischer Natur seinen. Um die Rückzahlung solle ich mir keine Sorgen machen, für einen wachen Verstand und großes Zauberpotential habe er immer Verwendung … Ob ich es mir zutrauen würde, es mit Albus Dumbledore aufzunehmen?
Ich brannte darauf!
Wir einigten uns sicherheitshalber darauf, dass ich das Dunkle Mal erst dann erhalten sollte, wenn ich mich bei Dumbledore erfolgreich als Spion eingeschlichen hätte.
Mit einem wilden Hochgefühl kommender Triumphe und dem Stolz im Herzen, einem Herren dienen zu dürfen, der meine Fähigkeiten hoch schätzte und mit dessen Unterstützung ich mich künftig vor den Übergriffen meiner Feinde besser schützen konnte, kehrte ich nach Spinners End zurück. Ich würde der Welt bald zeigen, wer Severus Snape war!
Katzenjammer blieb mir schon damals nicht erspart: Obwohl ich mich zuhause in Spinner’s End duschte, bis Warmwasser und Duschgel aufgebraucht waren und mir die Haut schrubbte, bis sie flammendrot leuchtete, fühlte ich mich auf unerklärliche Weise schmutzig. Als mir aufging, dass dieses Gefühl eher inwendige denn äußerliche Gründe hatte, gab ich auf und ging zu Bett. Das Blut, das mir während meines unruhigen Schlafes aus dem Ohr sickerte, befleckte mein weißes Kopfkissen mit purpurnen Malen.
Ich wechselte die Bettwäsche und beschloss, mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft die Kunst der Okklumentik zu studieren, und zwar so lange, bis auch der Dunkle Lord nicht mehr in meinem Kopf würde lesen können wie in einem Buch.

Als erstes knöpfte ich mir Bozo Brute vor. Ich brach nachts in St. Mungos ein und veränderte dezent die Unterlagen für die in der gesetzlich vorgeschriebenen Erprobungsphase befindlichen Studien über die Drachenpocken, so dass Bozos Versuchsergebnisse ein Desaster zur Folge hatten. Niemand, am wenigsten Bozo Brute selbst, konnte sich erklären, wie ein so viel versprechendes Projekt so kläglich scheitern konnte …
Als nächstes erbat ich Geld von meinem neuen Herrn. Zusammen mit Lucius Malfoy – der inzwischen auf meine Empfehlung hin den Todessern ebenfalls beigetreten war – entwickelte ich einen Plan, die gesamte Familie Brute systematisch in den Ruin zu treiben: Über Strohmänner und fingierte Nachrichten an der Koboldbörse bewegten wir Bozo Brutes reichen Vater zu riskanten Investitionen, indem wir ihn mit hohen Gewinnen, gefälschten Referenzen und nur auf dem Papier existierenden Sicherheiten köderten. Wie zu erwarten wurde der alte Brute bald so unvorsichtig wie gierig, und er setzte immer höhere Summen ein, bis wir schließlich zum finalen Schlag ausholten und er buchstäblich Haus und Hof verpfändete, um sein Vermögen durch das todsichere Geschäft mit uns ins Unermessliche wachsen zu lassen. Tatsächlich flog der Schwindel wie geplant auf, Malfoy fuhr einen exorbitanten Spekulationsgewinn ein und die Gläubiger gaben sich bei Brutes die Klinke in die Hand. Da sich Brute Senior im Vertrauen auf die bisherige gute Geschäftsbeziehung zu Malfoy und mir sogar bei den Kobolden hoch verschuldet hatte, dauerte es nicht lange, bis den Brutes das Dach über den Köpfen versteigert wurde und die ganze Familie sich im Obdachlosenasyl wiederfand.
Ich verkleidete mich als Muggel und warf Brute Senior ein paar kleine Münzen in den Hut, den er vor sich auf der Straße aufgestellt hatte, um von mitleidigen Seelen ein wenig Geld zu erbetteln. Er betrachtete die Münzen verwundert, als könne er es nicht fassen, so schnell die gesellschaftliche Leiter hinab gefallen und auf dem Boden meiner früheren Realität der Armut und Hoffnungslosigkeit gelandet zu sein. Ich steckte dem Alten eine Flasche Feuerwhisky in die Jacke, zwinkerte ihm verschwörerisch zu und beobachtete aus sicherer Entfernung, wie er sein Elend zu ertränken begann.
Ihm fehlte meine Erfahrung: Sorgen sind gute Schwimmer. Der alte, einstmals steinreiche Muggel versank im Suff wie später Rodolphus Lestrange.
Das Geld, dass Malfoy und ich bei diesem perfiden Spiel gewannen, interessierte mich nicht die Spur – ich trat den auf mich entfallenden Anteil an der Beute komplett an Lucius ab und freute mich nur am Rande, dass ich damit den Grundstock für Lucius späteres Vermögen legen konnte, mit dem er sich von seinem Vater Abraxas und dessen Firma unabhängig machen und seiner jungen Frau das unbeschwerte Leben bieten konnte, das Narcissa als verwöhnte Tochter des alten und gar fürnehmen Hauses Black gewohnt war.
Ich konzentrierte mich ganz auf meine Rache. Obwohl der Direktor von St. Mungos, Nathanael Robbespiere, nicht erbaut über seinen so plötzlich und unerwartet verarmten Schwiegersohn in Spe war, so bestand seine Tochter trotzdem auf der Hochzeit, denn sie liebe Bozo Brute.
Ich schickte dem glücklichen Brautpaar eine Veela auf die Hochzeitsfeier, die dem Bräutigam derartig den Verstand benebelte, dass er seine frisch angetraute Ehefrau noch in der Hochzeitsnacht betrog. Die Veela befolgte artig meine Instruktionen, so dass die versammelten Hochzeitsgäste Bozo Brute mit heruntergelassenen Hosen erwischten …
An das Leid, dass ich Bozos Mutter und seinen Geschwistern, der zutiefst gekränkten Braut oder den entlassenen Arbeitern der bankrotten Bruteschen Unternehmen zufügte, verschwendete ich nicht einen einzigen Gedanken.
Klinikdirektor Robbespiere erlegte ich durch einen neidischen Konkurrenten für den Posten des Chefs von St. Mungos. Ich half dem Rivalen bei der Fälschung von Forschungsunterlagen, und plötzlich stand der etablierte Heiler vor all seinen Berufskollegen als Betrüger da. Besondere Schadenfreude zog ich aus dem Trick, die selben gekauften Zeugen, die mir in meinem Prozess das Genick gebrochen hatten, vor der Heilerkomission gegen ihren ehemaligen Chef aussagen zu lassen …
Ich stellte fest, dass Rache zwar sehr süß ist – aber leider nicht satt macht. Der Triumph über Brute und den Klinikdirektor war wild und brauste in meinem Blut wie bester elfengemachter Champagner, doch die Befriedigung darüber hielt nicht lange vor. So hatte ich nichts dagegen, dass der Dunkle Lord mir immer neue Herausforderungen stellte, mit denen ich meinen nie enden wollenden Rachedurst stillen konnte. Ich brachte meine Opfer mit wachsender Perfektion und lässiger Elenganz zur Strecke. Nichts und niemand setzte meinem Tun Grenzen, ich allein entschied mit einem einzigen Federstrich über die Schicksale von Schlammblütern und Blutsverrätern. Wer sich mir in den Weg zu stellen wagte, den trickste ich gnadenlos aus, und Widerspruch duldete ich von niemandem, nicht einmal von Lucius oder meinen alten Freunden Crabbe und Goyle, deren Gesellschaft mir immer mehr zuwider war. Einzig das Wort des Dunklen Lords galt mir etwas, denn nur mein Herr und Gebieter war noch mächtiger als ich, und er betrachtete mein Tun in seinen Diensten mit Wohlgefallen.
Endlich fühlte ich mich stark genug, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: Um dem Dunklen Lord meine Treue und Dankbarkeit zu beweisen, erbot ich mich, seinen alten und größten Feind Albus Dumbledore auszuspionieren. Ich schlug vor, mich in Hogwarts auf den alle Jahre wieder frei werdenden Posten als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu bewerben. Der Dunkle Lord versprach mir, im Falle eines Erfolges endlich sein Dunkles Mal in meinen Arm zu brennen.
In mir wütete unbändiger Zorn auf Dumbledore und seinen zweifachen Verrat. Mir war bewusst, dass der alte Mann keine leichte Aufgabe sein würde. Doch er besaß eine Schwachstelle, die ich auszunutzen gedachte: Der alte Trottel glaubte zwanghaft an das Gute im Menschen, und ein Elender, der an seine Türe klopfte und um Hilfe bat, wurde nicht abgewiesen.
Zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch im Eberkopf kramte ich meine alten, schäbigen Kleidungsstücke aus Spinner’s End hervor und trieb mich allein und ohne Obdach auf Londons Straßen herum. Den Hunger und die Verwahrlosung, die sich naturgemäß durch dieses Leben sehr schnell einstellten, verbarg ich für das Gespräch mit Dumbledore so sorgfältig, wie ich es unter echten Umständen auch getan hätte, aber ich war mir sicher, die Anzeichen würden dem aufmerksamem Auge des alten Heuchlers nicht verborgen bleiben.
Meine Schauspielkunst und die anstrengende Vorbereitung zahlten sich aus, denn der alte Mann schien mir meine Mitleid erregende Geschichte, die ich sehr vorsichtig und dosiert auftrug, tatsächlich abzukaufen. Tatsächlich erwies sich meine und des Dunklen Lords Vorsicht hinsichtlich des Dunklen Mals als begründet: Dumbledore, der Führer des Phönixordens, erwies sich als nicht so naiv, wie manche glauben, denn er ließ sich meine Unterarme vorzeigen zum Beweis, dass ich nicht den Todessern beigetreten war …
Nachdem ich diese Probe bestanden hatte, zeigte Dumbledore sich sehr betroffen. Ich hatte sogar den Eindruck, er fühle sich in irgendeiner Weise mitschuldig an der hoffnungslosen Situation, die ich ihm so gekonnt vorgelogen hatte. Trotzdem bekam ich die begehrte Stelle nicht – Dumbledore erklärte, ich sei noch zu jung und mir fehle die Erfahrung im Umgang mit Schülern. Als ich entmutigt den Kopf hängen ließ, gab er mir eine Adresse, bei der ich bis zum nächsten Jahr um Arbeit und Obdach bitten könne, im nächsten Sommer würde man weitersehen.
Ich ließ dezent meine Enttäuschung durchschimmern, während ich mich angemessen bescheiden beim Schulleiter für sein großzügiges Angebot bedankte – doch ich war durch die Abfuhr nicht ganz so enttäuscht, wie ich es hätte sein sollen: Es war mir gelungen, den ersten Teil einer Prophezeiung zu belauschen, die der alten Spinatwachtel Sybill Trelawney unwissentlich entschlüpft war … Und das beste daran war: Dumbledore hatte offensichtlich keinen Verdacht geschöpft!
Der Dunkle Lord nahm zu meiner Überraschung die Prophezeiung überaus ernst, obwohl ich ihren Wortlaut nicht vollständig erlauschen konnte. Wir gerieten fast in Streit darüber, denn ich habe noch nie eingesehen, warum das Gebrabbel einer alten Schwätzerin und nicht ich allein über mein Schicksal entscheiden soll …
Der Dunkle Lord beharrte jedoch auf seiner Ansicht, der Gefahr müsse unbedingt begegnet werden. Aufgrund unserer Meinungsverschiedenheit betraute er mich jedoch nicht mit einer diesbezüglichen Aufgabe, und da ich Prophezeiungen ohnehin für Blödsinn halte, insistierte ich nicht weiter …
Trotz der erstmalig aufgetretenen Differenzen zwischen mir und meinem Herrn und trotz des Scheiterns meiner eigentlichen Mission, mich bei Dumbledore als Spion einzuschleichen, war der Dunkle Lord über die Maßen erfreut über meine Leistung: Er brannte mir das Dunkle Mal unwiderruflich und für alle Zeiten in meinen Unterarm, und der flammende Schmerz erfüllte mich mit wildem, wildem Stolz …

Als letztes, bisher unerfülltes Ziel blieb, mir Andromeda zurückzuholen.
Ich erschien in einer finsteren, mondlosen Nacht in Begleitung einer Gruppe von Todessern vor dem kleinen Häuschen, in dem meine Andromeda und das Schlammblut Ted Tonks seit ihrer Hochzeit hausten.
Wir erwischten die beiden tief und friedlich schlafend in ihren Betten. Avery hielt Andromeda fest, während ich Ted Tonks aus dem Bett zerrte. Das Schlammblut zitterte, und sein Pyjama schlotterte um seine schlaksige Gestalt, als ich den Zauberstab hob …
„Wenn du Ted etwas antust, dann …!“, kreischte Andromeda, und ihr hübsches Gesicht verzerrte sich zur Fratze der Angst.
„Dann tust du - was?“, spottete ich. „Dir die Haare raufen? Mich böse anstarren?“
Sie spuckte vor mir auf den Boden, und ich lachte amüsiert.
„Du hättest besser nicht auf deine Zauberkräfte verzichtet, Andromeda! Jetzt wirst du mit mir kommen und tun, was immer ich dir befehle!“
„Niemals!“, schleuderte Andromeda mir entgegen, biß Avery in die Hand und hätte sich seinem Griff beinahe entwunden.
„Natürlich wirst du mir gehorchen!“, bemerkte ich höhnisch. „Denn als Preis für deine Fügsamkeit lasse ich diesen Schlappschwanz, den du mir in deinem Wahn vorgezogen hast, vielleicht am Leben.“
Andromeda schlug die Hände vors Gesicht. „Du bist … ein Monster geworden, Severus!“, flüsterte sie tonlos.
„Ich bin geworden, wozu du mich gemacht hast.“, versetzte ich kühl, packte Ted Tonks am Kragen und hob abermals den Zauberstab.
„Ich hasse dich, Severus!“, fauchte Andromeda. „Hörst du? Ich hasse dich! Ted ist kein Zauberer, du Feigling!“
Ich ließ den Zauberstab sinken. Sie hatte Recht, die Kräfte zwischen Ted Tonks, dem Schlammblut, und Severus Snape, dem Todesser, waren zu ungleich verteilt. Ein Sieg über einen hilflosen Mann ist nichts wert.
Ich steckte meinen Zauberstab in den Umhang, warf diesen über einen Stuhl und drehte mich ruhig zu Ted Tonks um. Als das Schlammblut mich mit baumelnden Armen ängstlich und ratlos anstarrte, schlug ich dem Rivalen mit aller Härte meine Faust mitten ins Gesicht.
Der Kampf war auch jetzt ungleich, obwohl Ted ein wenig größer und schwerer war als ich. Doch er hatte niemals um sein Recht kämpfen müssen, und auch auf dem Muggelschulhof hatte er anscheinend nie gelernt, sich seiner Haut zu wehren. Er empfand Sorge um Andromeda und Angst um ihrer beider Leben, aber das ist nichts gegen die mörderische Wut, die in mir loderte und die von mir forderte, Ted für all das bezahlen zu lassen, was jemals in meinem Leben schief gelaufen war.
Ted bezahlte für Donovan Dursley, James Potter, Sirius Black, Peter Pettigrew und Albus Dumbledore. Das Schlammblut zahlte alles auf Sickel und Knut genau zurück, obwohl nichts davon auf sein Konto ging, doch ich hatte jegliche Kontrolle verloren: Alle Dämme brachen, und zum ersten Mal fiel nicht ein Gegenstand wie ein Glas in Giftsumach eingelegtes Schlangenhirn meinem Jähzorn zum Opfer, sondern ein Mensch …
Ich schlug auf Ted ein wie im Rausch, und ich fühlte keinerlei Regung, keinen Schmerz außer dem, der in mir wütete und der endlich, endlich das bekam, wonach er so lange vergeblich geschrieen hatte.
Ich hätte Ted Tonks wahrscheinlich umgebracht, wenn Andromeda sich nicht aus Averys Armen losgerissen und schützend über ihren Ehemann geworfen hätte.
„Wenn du meinen Mann umbringst, dann will auch ich sterben!“
Ich blinzelte benommen und blickte hinunter auf die beiden Liebenden zu meinen Füßen und die aufgeplatzten Knöchel meiner Hände.
Ted Tonks stöhnte leise und versuchte, sich auf den Ellenbogen hochzustemmen. Ich kannte seine Perspektive von da unten nur zu gut, und der glühende Zorn in mir verlosch so plötzlich, wie er gekommen war.
„Zieh dir was an, Blutsverräterin!“, zischte ich Andromeda zu. „Du solltest beten, dass ich nicht so schnell genug von dir bekomme und mit dem jämmerlichen Schlammblut beende, was ich begonnen habe!“
Andromeda blickte mir geradewegs in die Augen, und etwas darin überzeugte sie, dass ich es ernst meinte. Wortlos griff sie nach ihrem Bademantel und warf ihn sich über die Schultern.
„Ich liebe dich, Ted. Vergiss dass nicht!“, flüsterte sie ihrem verletzten Ehemann zu, der sich noch immer stöhnend auf dem Boden wand.
Ich packte Andromeda grob beim Handgelenk und riss sie zu mir, als … - jemand weinte. Ein sehr dünnes, sehr hohes Jammern.
Blitzschnell umrundete ich das Zimmer, riss die Tür zum Nebenraum auf …
Ein Baby lag in seiner Wiege und nörgelte leise vor sich hin. Als es mich erblickte, verstummte das Kind und musterte mich mit einem wachen, beinahe erwachsenen Ausdruck der Neugier. Nach einigen langen Sekunden begann das Haar des Babys in wildestem Pink zu leuchten; der Säugling gluckste glücklich und streckte mir seine winzigen Hände entgegen, damit ich ihn aus seinem langweiligen Bett und auf den Arm nehmen sollte, von wo aus das Kleine sich einen unterhaltsameren Ausblick versprach.
Ich trat auf die Wiege zu, als ein grässlicher Laut hinter mir mich zusammenfahren ließ.
Schlappschwanz Tonks, der während unserer Prügelei höchstens linkische, halbherzige Schläge zu seiner Verteidigung austeilen wollte, hatte sich schwankend vom Boden erhoben und stürzte mit angstverzerrtem Gesicht an mir vorbei, um das Kind in seine Arme zu reißen, während Andromedas hysterische Schreie durch Averys Hand auf ihrem Mund erstickt wurden.
„Lass meine Tochter in Ruhe, du Scheusal!“, brüllte Ted Tonks mit lodernden Augen. Alle Sanftmut, alle pazifistische Zurückhaltung war von ihm abgefallen, und er schien plötzlich von einem ganz neuen Mut beseelt, den ich ihm nie zugetraut hätte.
Ich rechnete schnell nach, ob das Balg in seinen Armen …
„Sie ist Teds Tochter, nicht deine, Severus!“, schrie Andromeda und kratzte Avery beinahe die Augen aus, als sie sich aus seinem Griff zu befreien versuchte.
Ich wandte mich zu meinem Rivalen um.
Das Schlammblut bleckte die Zähne wie ein Tiger. „Es ist mir egal, wer von uns beiden das Kind gezeugt hat, Snape. Sie wird immer allein meine Tochter sein, nur damit du’s weißt!“, erklärte Ted mit felsenfester Ruhe in der Stimme, als betrieben wir Konversation auf einer Teeparty, während er die Kleine sanft in den Armen schaukelte.
Ich lachte kalt. „Wenn dem so ist, Schlammblut - was sollte mich daran hindern, dich und das Balg zu beseitigen und mir deine Frau zu nehmen? Andromeda wird noch mehr Kinder haben – meine nämlich!“
Andromeda lachte wild. „Niemals! Eher bringe ich mich um!“
„Nur zu – aber natürlich erst, wenn ich mit dir fertig bin!“, spottete ich und gab Avery einen Wink, Andromeda endlich fortzuschaffen, damit ich der schnuckeligen kleinen Bilderbuchfamilie den Rest geben konnte. Andromeda kämpfe wild und entschlossen, während meine Todesser sie aus dem Schlafzimmer zu zerren versuchten.
„Gib mir das Balg!“, befahl ich dem Schlammblut Tonks und streckte gebieterisch den Arm aus. „Sofort!“
Ted drehte sich zur Seite, um die Tochter auf seinem Arm zu schützen.
„Nenn mein Kind nicht Balg – sie ist ein Mädchen!“, schrie Andromeda zwischen all den Todessern über die Schulter in die Stille hinein. „Und ich habe ihr den Namen Nymphadora gegeben!“
Ich erstarrte.
Nymphadora – die Wasserjungfrau vom Seerosenteich. Unsere erste Nacht, tausend Ewigkeiten und noch nicht einmal ein Jahr her. Das Baby - nicht meine Tochter, aber das Kind, dass meines sein würde, wenn ich mich für ein Leben mit Andromeda und gegen den Dunklen Lord entschieden hätte …
Mein Herz setzte ein paar Schläge lang aus, und die Welt begann in einem wilden Tanz um mich zu kreisen. Andromeda hatte nie aufgehört mich zu lieben, im Gegenteil: sie liebte mich genauso heftig und hoffnungslos wie ich sie, und obwohl sie Ted geheiratet hatte und ihre Tochter von meinem Rivalen stammte, hatte sie dem für sie Kostbarsten und Liebsten auf der Welt den Namen geschenkt, der sie für alle Zeiten an mich erinnern musste …
Ich schluckte mühsam.
In Teds verständnislosem Gesicht erkannte ich, dass ihm seine Frau niemals den Grund für den seltsamen und mehr als ungewöhnlichen Namen verraten hatte, den sie für ihre Tochter ausgesucht hatte.
Avery machte sich Andromedas Innehalten zu Nutze, um sie am Schopf zu packen und zur Tür zu schleifen.
Ich hob die Hand.
„Halt. Lass sie los, Avery!“
„Was?!“
„Lass die Frau los. Sofort! Alle Todesser verlassen auf der Stelle das Haus!“, flüsterte ich heiser.
Sie glotzten mich an, als habe ich den Verstand verloren – und so fern von der Wahrheit lagen sie wohl nicht.
Andromeda hatte mich besiegt, und zwar in dem Moment, als mir der Triumph über sie und das dreckige Schlammblut schon sicher war. Alles, was ich mit der Macht des Dunklen Lords jetzt noch erobern konnte, war die leere Hülle der Frau, die ich liebte – und das war ganz sicher nicht das, was ich mehr als alles andere auf der Welt begehrte. Ich hatte Andromedas Liebe leichtfertig aufs Spiel gesetzt und gegen einen Schlappschwanz wie Ted Tonks verloren, dessen einzige Schuld darin bestand, dieselbe Frau zu lieben wie ich.
Ich hatte es vermasselt, ich allein - und zwar so grauenhaft, endgültig und gründlich, wie nur ich eine Sache in den Sand setzen kann.
Ich würde Andromeda niemals wieder in die Augen sehen können.
Avery und die anderen Todesser standen herum wie Salzsäulen, starrten mich unsicher an und warteten darauf, dass ihnen jemand meinen plötzlichen Sinneswandel erklären möge.
Ein wütendes Funkeln in die Runde genügte, und alle Todesser verließen fluchtartig den Raum, wobei sie vor Eile beinahe übereinander stolperten. Ich blieb allein zurück mit Ted Tonks, der die Welt nicht mehr verstand, Andromeda, die plötzlich nicht mehr die Fratze der Angst um ihre Familie trug sondern das unsterblich schöne Gesicht, nach dem ich mich so verzweifelt sehnte, und zuletzt das Baby Nymphadora Tonks auf dem Arm des Vaters. Das Haar der Kleinen begann in allen Regenbogenfarben zu oszillieren, als sie am Daumen zu nuckeln begann und dabei leise schmatzte.
„Ihr werdet sicher sein. Solange ich Todesser bin, wird niemand es wagen, euch zu behelligen.“, erklärte ich so beherrscht ich konnte, doch meine Stimme knirschte sandig. „Niemand wird euch oder dem Baby etwas antun, das verspreche ich.“
Zwischen Andromeda und mir dehnten sich Abgründe so weit und unüberwindlich wie die Distanz zwischen den Gestirnen: Manche Doppelsterne sehen nur so aus, als stünden sie nahe beieinander, dabei sind sie Lichtjahre voneinander entfernt.
„Danke, Severus.“, akzeptierte Andromeda leise meine Kapitulation und nahm die zappelnde Nymphadora aus Teds Armen. „Ich vertraue auf dein Wort.“
„Der Kerl ist ein Todesser!“, protestierte Ted so verwirrt wie aufgebracht. „Du siehst doch, wie er mich zugerichtet hat! Er wollte mich umbringen! Was kann man auf das Wort einer solchen … KREATUR schon geben?“ In hilfloser Wut ballte Tonks die Fäuste.
Ich schwieg, bis Andromeda ihrem Ehemann schließlich die Antwort gab.
„Er ist nicht nur ein Todesser – er ist auch Severus Snape, der Mann, den ich vor langer Zeit einmal kannte. Er wird sein Wort halten!“
Wortlos nahm ich Umhang und Zauberstab vom Stuhl und verließ das Haus der Familie Tonks, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Auf den Stufen vor der Haustür eilte ein Todesser herbei und fragte unterwürfig: „Sind die Blutsverräterin und das Schlammblut tot? Darf ich jetzt das Dunkle Mal über dem Haus aufsteigen lassen?“
Mein Schockzauber schleuderte den Mann die vielen Stufen hinab, an deren Ende er mit dem Gesicht nach unten reglos liegen blieb. Ich stieg achtlos über ihn hinweg, während mir die übrigen Todesser angstvoll und eingeschüchtert wie eine Horde Kinder im verbotenen Wald folgten, bemüht, nur ja nicht aufzufallen. Die Todesser lebten in Angst und Schrecken vor mir wie vor unserem Meister, den wir dienten.
An diesem Abend belog ich meinen Herrn zum ersten Mal, als er in meinem Kopf nach dem Grund für meine üble Laune und abweisende Schweigsamkeit forschte. Ich gab vor, Andromeda habe sich durch das selbst gewählte Leben als Muggel stark verändert und entspräche nicht mehr meinen Erwartungen. Ich hätte von Frauen im Allgemeinen und Andromeda speziell die Nase voll, und der Mann, den ich in meinem Jähzorn so beiläufig die Treppen hinab geschleudert hatte, bekam in meiner falschen Erinnerung das Gesicht von Ted Tonks. Das Ted und Andromeda eine Tochter hatten, unterschlug ich meinem Herrn zur Gänze.
„Also von dir stammt das Gerücht, wer einen Metamorphmagus verletze, der würde bis an sein Lebensende vom Polymorphusfluch verfolgt! So hast du es geschafft, Nymphadora Tonks bis heute vor den Todessern zu schützen, obwohl sie ausgerechnet Aurorin geworden ist!“, bemerkt Lucius staunend. Winzige Schneekristalle glitzern in seinem Haar und lassen es sanfter schimmern als sonst, während der Raureif in seinen dichten Wimpern dem eisigen Blau der Augen die Härte nimmt.
Erst jetzt, als Malfoys Stimme mich aus den schwarzen Tiefen meiner Erzählung wieder in die Realität des Wintermorgens im Kreise meiner Freunde zurückholt, bemerke ich, wie unendlich kalt mir ist.
Lucius, Crabbe und Goyle sind unbewusst näher aneinander und weit von mir abgerückt, und in ihren Gesichtern stehen Entsetzen und Abscheu geschrieben.
Mir sinkt der Mut, denn ich verstehe sie. Niemand will mit einem „Gewürm, das sich in faulem Fleische windet“, wie Lucius mich so treffend beschrieben hat, etwas zu tun haben. Manches ist einfach unverzeihlich und kann niemals wieder gut gemacht werden, so sehr man sich auch bemüht - und von dieser Art von Fehlern habe ich eine ganze Menge angesammelt …
Als ich mich gerade erheben will, um der drückenden Stille zu entkommen und mich von denen zu verabschieden, die einst meine Freunde waren, legt Lucius sanft wie eine Feder seine Hand auf die meine. Die Wärme, die von ihm ausgeht, durchglüht mich wie ein Zauber.
„Darum also weigert sich Ted Tonks bis zum heutigen Tag, deinen Namen auszusprechen.“, meint Lucius leise und mehr zu sich selbst. „Aber Andromeda, die heimlich mit Narcissa per Eulenpost korrespondiert – was beide Schwestern natürlich vor mir geheim halten wollen - erkundigt sich in ihren Briefen manchmal nach dir!“
Ich beginne zu zittern, und Crabbe reicht mir zaghaft einen Riegel Chili-Fudge.
„Ist sehr scharf, Severus. Aber davon wird dir wieder wärmer!“
Ich zögere.
„Mach schon. Hat Victor extra für dich mitgeschleppt!“, ergänzt Geoffrey und haut mir auf die Schulter, dass ich husten muss.
Ich versuche mich an einem sehr vorsichtigen Lächeln in seine Richtung, und Goyle grinst zurück.
„Herje - das mit Lucius Schwägerin war echt mies von Dir! Den Besen hast du so richtig vor die Wand geflogen!“, meint er mitfühlend. „Aber du bist so klug, Severus, da sind deine Fehler sicher auch schlimmer als Victors und meine!“
Die Weisheit der Narren – Dumbledore pflegte ähnliches zu bemerken …
„Ich verstehe jetzt, warum du mir damals immer unheimlicher wurdest.“, erklärt Lucius und rückt zu mir herüber. „Ich gestehe, dass dieses rote Leuchten in deinen Augen, wie man es sonst nur beim Dunklen Lord sieht, mich zu beunruhigen begann. Aber irgendwann ist es erloschen, und du wurdest sehr ruhig und nachdenklicher als sonst. Damals war ich ja ganz mit meiner kleinen Familie beschäftigt. Narcissa hatte eine schwere Schwangerschaft, ihr war neun Monate lang übel! Und dann, einige Zeit nach Dracos Geburt, da muss etwas passiert sein…“
Neugierig blickt Lucius mich an.
Ich puste eine Schneeflocke von dem Chili-Fudge, teile ihn in vier Stücke, und während die anderen kauen, fahre ich fort in meiner Geschichte.
„Ja, etwas ist passiert: Ich fand nicht nur über mich selbst, sondern auch über Dumbledore und den Dunklen Lord etwas heraus, was ich vorher nicht wusste …“
Amor vincit omnia.
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Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 22. August 2006 17:39 
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So, Ihr Lieben, hiermit seid ihr auf dem aktuellen Stand meiner FF - neue Kapitel muss ich erst noch schreiben :) Es geht aber weiter - versprochen!

Kapitel 28: Die Macht, ihn zu besiegen

Eine einzige Frage hat die Macht, die Welt aus den Angeln zu wuchten. Ich stellte sie beiläufig, nachdem ich mit dem Dunklen Lord die Möglichkeiten erörtert hatte nach Hogwarts einzudringen und Albus Dumbledore, der dort noch immer hauste wie die Spinne in ihrem Netz, endlich auszuräuchern und die Gegenseite ihres charismatischen Anführers zu berauben.
Als ich die Grundrisspläne meiner alten Schule auf dem Tisch zusammenrollte, fragte ich meinen Herrn: „Habt ihr die Person, die euch laut der Prophezeiung gefährlich werden kann, schon gefunden?“
Der Dunkle Lord warf mir einen flüchtigen Blick zu und studierte die Aufzeichnungen von Dumbledores Sicherheitsflüchen, die Hogwarts Mauern schützten, um doch noch eine Lücke darin zu entdecken, die mein minderer Intellekt übersehen haben mochte.
„Du willst dabei sein?“ Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Daraus wird nichts, Severus. Ich habe besondere Pläne und will nicht, dass jemand mich begleitet - nicht einmal du, mein treuer Diener!“
Ich wandte mich wieder meiner Arbeit zu und versuchte erfolglos meine Neugier vor meinem Herrn zu verbergen.
Der Dunkle Lord lächelte gönnerhaft und fuhr fort: „Da ich allerdings dir allein die Kenntnis der Prophezeiung verdanke, gibt es keinen Grund, dich weiter auf die Folter zu spannen und dir mein Ziel vorzuenthalten. Um genau zu sein: es kommen wahrscheinlich zwei Menschen in Frage. Bei zumindest einem davon sind meine Spione inzwischen sicher, dass auf ihn die Prophezeiung zutrifft.“
Ich tat meinem Herrn den Gefallen und fragte: „Um wen handelt es sich also?“
Mein Meister verzog die Lippen zu einem dürren Lächeln, und seine Augen glommen bedrohlich. „Er heißt Neville Longbottom.“
Ich hob fragend die Brauen - der Name war mir unbekannt.
„Ein Verwandter von Frank Longbottom, dem Auror?“, fragte ich interessiert. Frank und seine Frau Alice hatten sich genau wie das Ehepaar Potter dem Dunklen Lord bereits dreimal erfolgreich widersetzt. Die letzte Falle für die Longbottoms stammte aus meiner Feder; ich hatte die Aktion gegen die beiden gefürchteten Auroren persönlich geleitet und musste am Ende durch einen fehlgegangenen Ganzkörperklammerfluch meiner eigenen unfähigen Todesser gelähmt zusehen, wie die Beute mir entschlüpfte – einer meiner wenigen Fehlschläge. Das nächste und vierte Mal, so schwor ich mir, würde ich das Aurorenpaar zur Strecke bringen, und auch James Potter und Sirius Black würden dem Dunklen Lord und meiner Rache nicht noch einmal entkommen.
Bei Lily Evans - inzwischen James Potters Ehefrau - war ich mir noch nicht sicher. Ich mochte es nicht, gegen eine Frau kämpfen zu müssen, es sei denn, sie erwies sich als ebenbürtige Gegnerin. Lily Evans war zu unseren Schulzeiten in Hogwarts genauso gut oder sogar noch besser als ich. Allerdings hatte ich Lily mit dem flammenden Haar und den meergrünen Augen immer gemocht, und manchmal hatte sie sogar versucht, mir gegen die Jungs aus ihrem eigenen Haus beizustehen – nicht, dass ich ihre Hilfe gebraucht hätte, aber trotzdem …
Meine generelle Unsicherheit in der Einschätzung weiblicher Kampfkraft hatte mir bereits eine hässliche Narbe von Emmeline Vance eingebracht. Mein Zögern Alice Longbottom gegenüber hatte sogar zum Entkommen der Auroren beigetragen, so dass ich einen Großteil der Schuld am Scheitern der Falle bei mir selbst zu suchen hatte. Lucius Malfoy jedenfalls hielt Zurückhaltung bei Freunden für angebracht – nicht jedoch Feinden gegenüber, bei denen jedes Mittel angewandt und jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt werden müsse. Er riet mir dringend in meinem eigenen Interesse zukünftig auf unterlegene Gegner ebenso konsequent zu reagieren wie auf ebenbürtige oder stärkere, oder ich würde über kurz oder lang den Zorn unseres Herrn zu schmecken bekommen.
Der Dunkle Lord hatte mit mildem Amüsement beobachtet, wie sich bei der Reflektion meiner Schwächen und Fehler mein Gesicht verdüsterte.
„Ja, die Prophezeiung spricht tatsächlich von einem Verwandten von Frank und Alice Longbottom – und die in der Prophezeiung heraufbeschworene Gefahr für mich wäre gar nicht erst entstanden, wenn du deinen Auftrag korrekt erfüllt hättest, anstatt zu zögern!“
Mein Gesicht brannte vor Scham über mein Versagen. Gleichzeitig wunderte ich mich darüber, auf welch unerklärliche Weise meine Unfähigkeit einen Großcousin oder Onkel von Frank Longbottom – der Nachname wies auf einen Verwandten väterlicherseits - begünstigt haben mochte, so dass ausgerechnet er zur Gefahr für den größten Zauberer aller Zeiten werden konnte …?
Der Dunkle Lord belächelte wohlgefällig meine Zerknirschung und fuhr fort: „In der Tat handelt es sich sogar um einen besonders nahen Verwandten der beiden Auroren.“ Er genoss meine Anspannung und ließ mich noch ein wenig zappeln, bis er fortzufahren geruhte. „Neville ist der Sohn der Blutsverräter Frank und Alice Longbottom. Er wurde definitiv am 30. Juli geboren, die Prophezeiung passt exakt auf ihn!“
Tatsächlich brauchte ich einige Sekunden, um diese Information einzuordnen. Darum also hatte die Aurorin um die Hüften herum so stark zugelegt und sich so ungewöhnlich langsam und schwerfällig bewegt, so dass sie nicht so schnell fliehen konnte und sich mir die Gelegenheit bot, ihr in den Rücken … Als ich mich endlich von dem Ganzkörperklammerfluch befreit hatte, brachte ich es nicht über mich, eine Frau und noch dazu von hinten anzugreifen, und so disapparierte sie - mit ihrem ungeborenen Kind, von dem ich nichts ahnte.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Peitschenhieb, und das Pergament, das ich gerade ins Regal einsortieren wollte, blieb wie festgefroren in meiner Hand.
„Mein Lord – wollt ihr mir damit sagen, dass die Prophezeiung nicht von einem Mann oder meinetwegen auch einer Frau spricht, sondern von einem Baby?!“
Mein Herr bleckte die Zähne zu einem Haifischlächeln.
„Genau, Severus! Ich werde den Sohn der Blutsverräter und auch das andere Kind – der Sohn eines Schlammbluts übrigens - höchstpersönlich töten und damit die Gefahr für meine Herrschaft ein für alle Mal beseitigen!“
„Ihr wollt also die Kinder ... – aber warum? Es gibt doch andere Wege!“ Das Pergament protestierte leise knisternd in meiner Hand, als meine Finger sich unwillkürlich zur Faust ballten.
Mein Lord nahm einen Schädel vom Tisch und strich zärtlich über den bleichen Knochen.
„Hübsch, nicht? Der Kopf von Gideon Prewitt. Der seines Bruders Fabian wird noch präpariert.“, bemerkte er beiläufig. „Natürlich müssen die Bälger sterben. Was sollte ich mit ihnen anfangen?“
Mit zitternden Händen legte ich das Pergament zurück ins Fach und wandte mich meinem Herrn zu.
„Ihr könnt die Kinder ihren Eltern wegnehmen und zu Todessern machen. Sie werden euch lieben und verehren und damit keine Gefahr für euch sein – im Gegenteil!“
Der Dunkle Lord wischte meinen Einwand lässig weg wie die Fliege, die sich in Gideons verlassener Augenhöhle niederlassen wollte. „Du hörst dich beinahe an wie der alte Trottel Dumbledore. Nein, Severus, Liebe ist was für Schwächlinge! Ich werde beide Knaben auslöschen, und damit ist die Prophezeiung erledigt.“
„Mein Lord, es sind doch nur Säuglinge! Sie haben doch noch gar nichts getan! Sie werden Zeit haben, sich zu entwickeln, zu lernen – die Jungen können eure treuen, loyalen Diener werden, das verspreche ich! Ich werde mich selbst um ihre Erziehung kümmern.“
Der Dunkle Lord stellte den Kopf mitten auf dem Tisch ab und fixierte mich darüber hinweg mit seinen kalten Augen.
„Die Entscheidung steht fest – die Kinder werden sterben! Ihre Eltern haben sich mir einmal zu oft widersetzt. Ich werde beide Familien ausradieren und ihre jämmerliche Brut im Staub zertreten.“
„Aber es ist doch eine viel vollkommenere Rache, ihnen die Kinder zu entfremden und zu euren Anhängern zu machen!“, beharrte ich.
Der Dunkle Lord hob erstaunt die Brauen.
„Dieses Thema scheint dich zu berühren, mein kühler Diener!“
Die Warnung in seiner Stimme entging mir nicht.
„Ihr könnt doch nicht ernsthaft erwägen, zwei hilflose Babys zu töten.“, presste ich durch die Zähne. „Es ist …“ Ich verstummte.
„ …unritterlich?“ Er griff mit den Knochenfingern nach meinem Kinn und zwang mich, ihn anzusehen. „Ich wusste gar nicht, dass in deiner schwarzen Seele ein solcher Romantiker wohnt, Severus … obwohl, andererseits hast du mich in gewissem Sinne ja gewarnt.“ Mein Herr lächelte anzüglich.
Die schwärende Wunde, die Andromeda mir geschlagen hatte, öffnete sich erneut – und mit ihr die Erinnerung an die Nacht am See, die zu teilen der Dunkle Lord als Preis für meine Rache und zur Überprüfung meiner Motive von mir gefordert hatte.
Der Dunkle Lord klopfte Gideon Prewitt mit den Fingerknöcheln aufs Schädeldach.
„Wie auch immer, Severus - ich empfehle dir dringend, deine Sentimentalität endlich zu überwinden und dich stattdessen auf deine Aufgaben zu konzentrieren! In letzter Zeit scheinst du an Biss verloren zu haben …“
Diesmal ließ die Spitze mich kalt. „Ich bin doch den Todessern nicht beigetreten, um zum Kindsmörder zu werden!“, beharrte ich aufgebracht und ignorierte jegliche Vorsicht. „Das kann unmöglich euer Plan sein!“
„Und falls doch - was willst du tun, Severus?“, spottete mein Herr mit trügerischer Milde und klebte Gideon Prewitt eine Kerze auf den knöchernen Scheitel. „Willst du mich verlassen und das Schicksal Regulus Blacks teilen, weil ich der Prophezeiung zuvorkommen und mich für alle Zeiten von dieser Bedrohung befreien will?“
Meinem Herrn war leider nicht verborgen geblieben, wie sehr das grauenhafte Sterben des Jungen - das mitzuerleben alle Todesser als Abschreckung für künftige Verräter gezwungen worden waren - meine Freunde und mich erschüttert und entsetzt hatte. Mir war diese Bestrafung unverhältnismäßig grausam und widerwärtig vorgekommen, selbst für das Verbrechen des Hochverrates. Regulus war noch jünger als ich, kaum volljährig und fast noch ein Knabe, und immerhin war der Tod doch schon Strafe genug … Meine Okklumentikstudien machten glücklicherweise rasche Fortschritte, so dass ich diese Gedanken so sorgfältig ich konnte vor dem Dunklen Lord zu verstecken vermochte – ich bezweifelte, dass sie ihm gefallen würden.
Ich riss mich zusammen, damit meine Stimme nicht kippte.
„Der Zweck leuchtet mir schon ein – aber die Mittel nicht! Es gibt viele Arten, diese verfluchte Prophezeiung auszulegen, und außerdem muss nichts davon eintreffen, was die alte Spinatwachtel in ihrem Wahn gebrabbelt hat!“
„Das haben wir bereits erörtert! Ich habe dir mitgeteilt, dass ich das Risiko, die Prophezeiung zu ignorieren, niemals eingehen werde! Ende der Diskussion!“
Ich schwieg verbittert. Das ausgerechnet der Dunkle Lord mit seinem zaubereruntypischen, rationalen Intellekt einer Prophezeiung derart viel Bedeutung beimaß und sie dann auch noch solchermaßen absurd auslegte, ging mir nicht nur gegen den Strich – es ging gegen alles, was mir heilig ist.
„Du wünscht dir doch nicht gerade, du hättest die Prophezeiung vor mir verheimlicht, mein getreuer Todesser?“, fragte sanft der begnadetste Legelimens, den die Welt je hervorgebracht hat, in die sich dehnende Stille hinein
„Nein.“, log ich heiser und senkte den Blick. „Natürlich nicht.“
Mein Herr bleckte die Zähne zu einem Lächeln. „Nur, weil ich dich hin und wieder um deine Meinung bitte, Severus, bedeutet das nicht, dass ich mir von dir vorschreiben lasse, was ich zu tun und zu lassen habe!“
„Das weiß ich, Herr, aber …“
„ICH DULDE KEIN ABER!“ Der Dunkle Lord sprang auf und umrundete den Tisch zwischen uns so schnell wie ein Blitz.
Im Reflex wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an das Regal mit den Pergamenten stieß, die unter der Wucht seines Zornausbruches aus ihren Fächern geschleudert wurden und auf mich herabprasselten.
Ich straffte die Schultern und setzte zu einer Antwort an –
„NICHT EIN WEITERES WORT, SEVERUS!“, donnerte der Gebieter über Leben und Tod, dem ich mich mit Leib und Seele verschrieben hatte, und seine Wut rollte über mich hinweg wie eine Woge.
Alles Blut wich mir aus dem Gesicht, mir wurde schwindelig, so dass ich taumelte und an den Regalen herabrutschte, als meine Knie nachgaben.
Der Dunkle Lord erhob turmhoch sein furchtbares Antlitz über mir, und ich begann zu zittern.
„Hast du mich verstanden, mein hitzköpfiger junger Freund?“, fragte er seidig.
Ich nickte stumm. In der Tat hatte ich endlich begriffen.
„Dann geh mir aus den Augen!“
Und ich ging.

Ich verbrachte die schlaflose Nacht damit, meine Optionen abzuwägen, und die sahen nicht gut aus.
Nachdem ich nun wusste, wie mein Herr und Meister die Prophezeiung interpretiert hatte, war es nicht mehr genug, dass bei den von mir verantworteten Aktionen der Todesser niemand zu Schaden kam – das heißt, keiner von uns natürlich, aber auch kein Unbeteiligter. Ich verschonte zwar keinen Feind, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit – für meinen gebrochenen Arm hatte der Auror Rufus Scrimgeour mit einem zerschmetterten Knie bezahlt, und nicht etwa mit seinem Leben. Jemanden nicht nur zu verletzen, sondern sogar zu töten war der nächste logische Schritt, das hatte mir die Nacht im Hause der Familie Tonks überdeutlich vor Augen geführt: Ich rutschte unmerklich aber unaufhaltsam weiter ab, und zwischen dem Tod eines verhassten Feindes und dem kaltherzigen, gedankenlosen Auslöschen Unschuldiger lag ebenfalls nur ein winziges Stück … Als ich am Morgen beim Rasieren darüber nachdachte und mir aufging, dass Ted mich mit dem Wort „Kreatur“ noch recht wohlwollend beschrieben hatte, zertrümmerte ich den Spiegel in tausend Scherben.
Jetzt aber reichte es nicht mehr aus, dass ich seit der Sache mit Ted Tonks meinen Jähzorn mehr denn je fürchtete und mich anderen Menschen gegenüber eisern im Griff behielt, wenn auch hin und wieder noch ein Gegenstand dran glauben musste. Nichts Tun bedeutete den sicheren Tod des kleinen Neville. Ich konnte nicht länger die Augen verschließen und musste mich entscheiden, wer ich sein wollte.
Mein bester Freund Lucius Malfoy war vor kurzem stolzer Vater des kleinen Draco geworden. Selbst wenn es mir gelänge, ihn auf meine Seite zu ziehen – er trug die Verantwortung für Narcissa und das Kind. Der Dunkle Lord zögerte nicht, ganze Familien auszurotten, wenn ihm dies angebracht schien - wie er mir ja soeben glaubhaft versichert hatte.
Victor Crabbe und Geoffrey Goyle würden mir folgen, wohin ich auch ginge. Aber sie konnten mir nicht helfen, selbst wenn sie wollten.
Andromeda konnte ich niemals wieder unter die Augen treten. Regulus Black war tot, genau wie meine Eltern. Weitere Verwandte oder Freunde hatte ich nicht.
Ein recht bestürzendes Resultat.
An diesem Punkt angekommen dachte ich tatsächlich darüber nach, zum Feind überzulaufen, aber auch da sahen meine Chancen schlecht aus:
Das Zaubereiministerium? Falls jemand dort einem abtrünnigen Todesser überhaupt Glauben schenken wollte – was durchaus zweifelhaft war – so besaß niemand im Ministerium die Macht, den Dunklen Lord aufzuhalten und die Kinder zu beschützen. Voldemort würde die Kinder töten, während mir in Askaban ein Dementor die Seele aussaugte oder ich mir selbige unter dem Cruciatusfluch der Auroren aus dem Leib schrie.
Die Mitglieder des Phönixordens hatten uns Todessern bereits mehrfach die Stirn geboten. Aber unter seinen Anhängern befanden sich James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew – meine alten Feinde aus Schultagen. Sie jedenfalls würden niemals glauben, dass ausgerechnet ich zur Gegenseite überlief und den Dunklen Lord verriet. Ganz ehrlich – ich an ihrer Stelle hätte genauso gedacht.
Wenn die Prophezeiung doch nur einen von ihnen betreffen würde! James Potter hätte ich nur zu gerne im Kampf auf Leben und Tod gegenübergestanden, ohne dass einer seiner Freunde ihm zur Hilfe eilen und mir in den Rücken fallen konnte. Dann würde sich endlich erweisen, ob der angeberische Quälgeist immer noch höhnische Sprüche auf den Lippen führte, wenn zur Abwechslung er einmal im Staub vor meinen Stiefeln kroch … Ich grinste bitter.
Aber nein, die Prophezeiung, die ich inzwischen aus tiefstem Herzen zu verabscheuen begann, richtete sich ausgerechnet gegen Kinder! Neville Longbottom und irgendein anderes Balg, die ekelhafte Brut meiner ärgsten Feinde, nach deren arrogantem und niederträchtigem Vorbild sie wahrscheinlich geraten würden. Ausgerechnet ich war jetzt dafür verantwortlich, sie vor dem wahnsinnigen Hass dessen, der keine Gnade und kein Mitgefühl kennt, zu beschützen – was für ein grausamer Witz! Nein, es blieb dabei: Kein Feind vom Phönixorden würde glauben, dass ich Longbottoms Kind retten wollte.
Ich wünschte mir verzweifelt, mir einreden zu können, Nevilles Schicksal und das des unbekannten Babys sei nicht meine Schuld - aber das war es.
Das Leben dieser unschuldigen Kinder zu respektieren war immens wichtig, da war ich absolut sicher, ohne allerdings zu wissen, warum. Diese Überzeugung war in den Augen des Dunklen Lords eine unverzeihliche, hochverräterische Schwäche, und mich gegen meinen Herrn und Gebieter zu stellen lief auf Selbstmord hinaus: ich hatte offensichtlich den Verstand verloren – und doch, ich konnte nicht anders.
Mir blieb nur Albus Dumbledore.
Der, den selbst mein Herr insgeheim fürchtete und der einzige, dessen Zauberkraft der des dem Dunklen Lords ebenbürtig war. Dumbledore konnte den kleinen Longbottom beschützen. Aber würde er mir Glauben schenken und mir helfen, wenn ich ihm berichtete, dass ich die Prophezeiung belauscht und an seinen Erzfeind weitergegeben hatte?
Ich dachte daran, wie er seinerzeit Sirius Black mit einer lächerlichen Strafe davonkommen ließ, als dieser mich mit Hilfe des Werwolfs umzubringen versuchte. Und an das Zauberergamot, bei dem er den Vorsitz führte, als mir mein Recht genommen und dem Schlammblut Bozo Brute zugesprochen wurde. Dumbledore war immer gut für die noble Pose von Gerechtigkeit, Toleranz und Verständnis – aber wenn es hart auf hart ging, entschied auch er sich für seine Günstlinge. Außerdem verbarg sich meinem Eindruck nach hinter der gütigen Fassade des Menschenfreundes eine stählerne Härte, die ich nicht wirklich kennen lernen mochte.
Ich verachtete Albus Dumbledore und die bigotte Heuchelei, die er in meinen Augen wie kein anderer verkörperte, genauso sehr wie an dem Tag, an dem ich mich dem Dunklen Lord verschrieb – daran jedenfalls hatte sich nichts geändert. Falls es mir also gelingen sollte, mich dem mächtigen und gefürchteten Feind zu nähern, ohne dabei getötet zu werden, und falls sein messerscharfer Verstand in meiner Geschichte keine Falle wittern sollte, so war Dumbledore ein unsicherer Verbündeter, der mich nach meiner Beichte jederzeit an den Dunklen Lord ausliefern konnte – beispielsweise als wertvoller Preis für meinen rachedurstigen Herrn im Austausch gegen eine Geisel des Phönixordens. Tatsächlich könnte ich Dumbledore ausnahmsweise ein solches Handeln nicht verdenken, denn ein solcher Tausch brächte ihm doppelten Profit und würde ihm gleichzeitig das Problem, was er mit jemandem wie mir anfangen solle, eleganter als Askaban vom Hals schaffen. Herren lieben den Verrat, nicht den Verräter.
Selbst wenn Dumbledore sich wider Erwarten entschließen sollte, meine Haut nicht zum Vorteil seiner Günstlinge zu opfern – der Führer des Phönixordens unterschätzte seine Gegner nicht. Ich an seiner Stelle würde mich von einem cleveren und in Okklumentik bewanderten Todesser wie mir niemals mit einer so dürftigen und rührseligen Reuegeschichte zufrieden geben. Das sie auf bitterer Erkenntnis beruhte, war leider allein mein Problem.
Ich seufzte, denn somit blieb nur eine einzige Option übrig: Ich musste auf mich selbst vertrauen und es allein mit dem Dunklen Lord aufnehmen …

Unter dem Vorwand, mich erneut bei Dumbledore um den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste bewerben zu wollen, verließ ich am nächsten Morgen das Hauptquartier des Dunklen Lords mit einer Flasche Vielsafttrank im Umhang. Ich lauerte Frank Longbottoms Mutter Augusta auf, setzte die alte Dame mit einem Schockzauber außer Gefecht, rührte eines ihrer Haare in den Vielsafttrank und schlich mich unter dieser Tarnung bei den Longbottoms ein. Alice und Frank schöpften schnell Verdacht, allerdings erst, als ich mit ihrem Sohn im Arm schon über alle Berge disappariert war.
Dann begannen die zermürbenden Tage des Wartens – würde der Dunkle Lord mich und den kleinen Neville trotz aller Vorsicht in der verlassenen Hütte aufspüren? Falls ja, so standen die Dinge nicht gut für den Knirps und mich.
Das Baby Neville, die Brut meiner Feinde vom Phönixorden, war eine ungewöhnliche Erfahrung für mich. Bis dato hatte ich nach dem Tod meiner Eltern niemals den Drang verspürt, mich mit etwas zu belasten, für das ich verantwortlich war, und sei es auch nur eine Topfpflanze. Ich liebte meine Freiheit und bedauerte jeden, der sie freiwillig oder unfreiwillig aufgab.
Wenn Neville wenigstens pausenlos gebrüllt hätte wie andere Babys, wäre es leichter für mich gewesen, gefühlsmäßig den nötigen Abstand beizubehalten und ihn zu behandeln wie ein besonders widerwärtiges Haustier, auf das aufzupassen sowie es zu füttern und zu tränken man sich genötigt sah. Ich war wild entschlossen, keinesfalls mehr für das Ding zu empfinden, während ich sein Leben bewachte - schließlich hat Feindesliebe sehr enge Grenzen.
Aber nein, der Kleine gluckste vergnügt, wenn ich Funken aus den Fingerknöcheln schlug um Feuer anzuzünden, lächelte mich pausenlos und glückselig an, wenn ich den Stinker wickelte und ich fand heraus, dass der zahnarme Zwerg Milchbrei und zerdrückte Bananen lieber mochte als Spinat oder pürierte Möhren. Abends schlief Neville bereitwillig in meinen Armen ein, während ich ihm dieselben Lieder vorsang, die meine Mutter vor vielen Jahren mir vorgesungen hatte. Die rückhaltlose, unschuldige Zuneigung des kleine Neville und die viele Arbeit, die man erstaunlicherweise mit so einem winzigen bisschen Mensch hat, halfen mir dabei, die Gedanken an die Zukunft zu verdrängen. Ich hasste seine Eltern noch genauso wie alle anderen Mitglieder des Phönixordens – aber ihren Sohn vor den Auswirkungen meines unbedachten Verrates der Prophezeiung zu schützen war die richtige Entscheidung.
Am Morgen des fünften Tages schreckte ich aus unruhigem Schlaf, als meine immer auf Vorsicht gestellten Ohren Schritte vernahmen. Schnell versteckte ich das Körbchen mit dem schlummernden Baby im Uhrkasten der uralten Standuhr; die Fläschchen, Kleidungsstücke und Windeln verstaute ich sicherheitshalber immer unmittelbar nachdem ich sie benutzt hatte im Geheimfach unter der Kartoffelkiste.
Ich strich meine Kleidung glatt, obwohl an der nichts mehr zu retten war, weil ich seit Tagen darin schlief, und umklammerte den Zauberstab, bevor ich vorsichtig die Türe öffnete und angstvoll in die Morgendämmerung blinzelte.
Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Der Dunkle Lord hatte uns aufgespürt.
Mir fröstelte, als er wie selbstverständlich die Hand ausstreckte. „Übergib mir das Kind, das sich in deiner Obhut befindet, Severus!“, befahl er mit ausdrucksloser Stimme.
Ich trat vor die Hütte und schloss leise die Tür hinter mir, um das schlafende Baby in seinem Versteck bloß nicht aufzuwecken. Die Hand mit dem Zauberstab hielt ich dabei unauffällig hinter meinem Rücken versteckt.
„Welches Kind, Mylord?“, fragte ich höflich, obwohl mir klar war, dass ich den Dunklen Lord damit nicht wirklich täuschen konnte.
Mein Herr schloss die Augen, bis sie nur noch schmale Schlitze waren.
„Übergib mir das Kind! SOFORT!“
Gebieterisch streckte er die Hand mit den langen Krallenfingern aus.
Ich wich einen Schritt zurück.
„Tut mir leid, aber das geht nicht.“
„Was soll das heißen? Du übergibst mir sofort Neville Longbottom: DAS IST EIN BEFEHL!“
Ich wich noch einen Schritt zurück auf den Wald zu. Wenn es zum Kampf kam … Hätte ich dem kleinen Neville einen Schlaftrunk einflößen sollen für den Fall, dass ich dem Dunklen Lord unterliegen sollte? Aber wenn mein Herr uns trotz all meiner Vorsicht hier aufspüren konnte, fand er wohl auch ein Baby im Uhrkasten …
Ich umklammerte den Zauberstab hinter meinem Rücken noch fester und schob das Kinn vor.
„Ich werde eurem Befehl nicht gehorchen.“, stellte ich so ruhig ich konnte fest.
Seine Augen weiteten sich. Ungläubig legte er den Kopf schräg und richtete dann drohend seinen Zauberstab auf meine Brust.
„Severus, zum letzten Mal: Gib mir das Kind - oder du wirst es bitter bereuen!“
Ich ließ mich zur Seite fallen und jagte ihm gleichzeitig den Avada Kedavra entgegen.
Er reagierte schnell - unglaublich schnell - und duckte sich. Gleichzeitig schoss ein roter Strahl aus der Spitze seines Zauberstabes, dem ich nur mit Mühe ausweichen konnte, in dem ich mich im Staub zur Seite wälzte und so schnell wie möglich hinter dem nächsten großen Felsbrocken Deckung suchte.
Ich antwortete seinem Fluch aus der Deckung heraus mit einem Schockzauber, den er so beiläufig abwehrte wie eine lästige Mücke.
Sein Gegenangriff hingegen zerstäubte den Stein, hinter dem ich mich verkrochen hatte, zu Pulver. Der unmittelbar darauf folgende Zauber traf mich mit solcher Wucht, dass ich viele Meter durch die Luft geschleudert wurde, mich überschlug und erst einmal ohne eine Unze Luft in den Lungen liegen blieb. Den Zauberstab jedoch hielt ich so fest umklammert wie mein und Nevilles Leben, denn von meiner Widerstandskraft hing alles ab.
Sobald ich endlich wieder krampfhaft Atem schöpfen konnte, blickte ich hoch – und Voldemort ragte vor mir auf, so schrecklich und Furcht einflößend und übermächtig wie in den Alpträumen, die mich in jeder Nacht der letzten Woche immer und immer wieder hochschrecken ließen.
„Wo ist der Junge? Liefere ihn mir aus, und ich werde Gnade vor Recht ergehen lassen!“
Ich versuchte es mit Serpentsortia ungesagt.
Das Ergebnis meines Fluches ließ der, den niemand ungestraft verlässt, von einem rotgoldenen Blitz verschlingen, welcher plötzlich aus dem Nichts aufgezuckt war. Voldemort hob nun seinerseits den Zauberstab, und wir starrten uns einige endlose Sekunden in die Augen, bevor ein goldener Strahl aus seiner Zauberstabspitze hervorbrach.
Ich riss den Arm nach oben. Mein Schildzauber vibrierte so heftig unter der Macht seines Fluches, dass ich meinen Schutz kaum aufrechterhalten konnte.
Spätestens jetzt wurde mir klar: ich konnte Lord Voldemort, den zu verlassen niemand überleben darf, einen bitteren Kampf bis aufs Blut liefern– aber siegen würde ich nicht.
Ich dachte an das schlafende Kind, biss die Zähne aufeinander und hielt stand, bis der Dunkle Lord seine Vernichtungstaktik variierte.
Schlag um Schlag musste ich einstecken, während meine Angriffe kaum einmal ihren Weg ins Ziel fanden, und immer weiter trieb Voldemort mich vor sich her. Meine Verteidigung wurde immer schwächer, meine Attacken hingegen immer verzweifelter.
Endlich hatte er mich mit dem Rücken zur Wand am Eingang der Hütte in die Enge getrieben, und mein ehemaliger Herr stieß mich grob beiseite, um die Tür zu öffnen …
Ich bekahm seinen Ärmel zu fassen und hielt ihn fest.
„Neville ist noch ein Kind! - Es ist falsch, ihn zu töten, so glaubt mir doch!“, schrie ich den Dunklen Lord an.
Bildete ich mir das nur ein, oder zuckte er für einen winzigen Moment zurück?
„Severus, zum letzten Mal: Geh mir aus dem Weg und überlasse mir …“
Ich ließ meinen Stolz fahren fiel vor meinem ehemaligen Herrn auf die Knie.
„Die Prophezeiung bedeutet gar nichts, hört ihr! Ihr begeht einen furchtbaren Fehler! Lasst den Jungen am Leben, und ich kehre zu euch zurück - ich schwöre es!“, flüsterte ich.
Voldemort starrte mich schweigend an, während sich seine Augen in die meinen brannten. Dann blinzelte er – und hob die Zauberhand.
Der Zauberstab wurde aus meiner Hand gefetzt und flog im hohen Bogen davon. Ich blieb armselig und vor Angst zitternd am Boden liegen wie ein Stück Abfall.
Er jedoch stieg ungerührt über mich hinweg, schritt gerade auf den Uhrkasten zu und zerrte das Körbchen mit dem Baby hervor, das wippend zu seinen Füßen liegen blieb.
Neville war wach. Seine klaren Augen blickten voller Vertrauen in die Welt hinauf in das grausame, mitleidlose Antlitz des Dunklen Lords. Der Kleine gluckste leise und schlug die winzigen Fäuste aneinander – ein Zeichen, dass er Hunger bekam, wie ich inzwischen wusste.
Der Dunkle Lord hingegen starrte schweigend und bar jeder menschlichen Regung hinab auf das winzige Bündel Mensch.
Mühsam stemmte ich mich auf die Ellenbogen, kroch zu Neville herüber und zog ihn unter meinen Körper.
„Severus!“ zischte der Schlangengleiche. „Du bist ungewöhnlich, wie ich zugeben muss! Wenn du jetzt endlich aufgibst - vielleicht verschone ich dich sogar …“
Ich schüttelte stumm den Kopf, vergrub das Gesicht in Nevilles seidigem, duftenden Babyhaar und wartete auf den letzten, endgültigen Schmerz zwischen den Schulterblättern.
Die Sekunden dehnten sich endlos, beinahe so wie bei meinem ersten Kuss mit Andromeda. Zusammenhanglose Bilder wirbelten wie Herbstlaub durch meinen Kopf, doch ich fühlte nichts mehr: Wut, Angst und Scham waren ausgelöscht und wurden von einem unendlichen, eisigen Nichts ersetzt.
Die Berührung war so sanft, dass ich sie zuerst gar nicht wahrnahm. Als ich aufblickte, sah ich, wie der Dunkle Lord seine Hand von meiner Schulter zurückzog, ein Fläschchen entkorkte und den Inhalt in einem Zug austrank. Er schüttelte sich und fuhr mit dem Handrücken über den Mund.
Mein Verstand hatte analog zu meinen Gefühlen völlig ausgesetzt - ich starrte Voldemort einfach nur an. Was ich sah, ergab keinen Sinn …
Langsam löste sich der Dunkle Lord vor meinen Augen auf, und seine Züge zerflossen zu – der Gestalt von Albus Dumbledore.
„Ich habe Sie genug gequält, Severus Snape - sie können den kleinen Neville jetzt loslassen!“
Ich begann unkontrolliert zu zittern, ohne dass ich das Geringste dagegen tun konnte. Neville in meinen Armen seufzte leise, rieb seine samtige Wange in meine Handfläche und kuschelte sich ein wenig fester an mich.
„Ihr seid nicht Dumbledore – ihr spielt nur mit mir wie mit Regulus Black!“, krächzte ich.
Der alte Mann lächelte.
„Doch, ich bin tatsächlich Albus Dumbledore. Als die Longbottoms mich um Hilfe bei der Suche nach ihrem entführten Baby baten, machte ich mich sofort auf den Weg, um den kleinen Neville aus den Fängen des Todessers zu befreien, der ihn seinen Eltern entrissen hat - darum kam ich hierher. Um zu vermeiden, dass der Kleine bei einem gewaltsamen Befreiungsversuch und einem Zauberduell zu Schaden kommt, war ich so frei, mich desselben Tricks zu bedienen wie Sie, Mr. Snape: Da Todesser niemals ohne Billigung ihres Herren handeln, habe ich mich mit Hilfe des Vielsafttranks in den Drahtzieher und Auftraggeber der Entführung verwandelt - in Lord Voldemort persönlich. Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als sie mir die Herausgabe des Kindes verweigerten!“
„Woher soll ich wissen, dass das kein Trick ist und es sich genau umgekehrt verhält: Der Dunkle Lord in der Gestalt Dumbledores?“, fragte ich misstrauisch und schob meine Schulter zwischen seine Hand und das Baby.
„Sie leben noch, Severus - ist das nicht genug?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ihr wollt das Kind, nicht mich.“
In diesem Moment trat Hagrid durch die Tür der Hütte und versuchte, sich nicht den Kopf an den niedrigen Dachbalken zu stoßen.
„Ist der Kleine gesund? Hat der verdammte Todesser ihm etwas angetan?“ Seine Stimme klang angespannt und wütend, und ich schloss im Reflex die Arme enger um Neville, der unruhig zu werden begann.
Der, der Dumbledore sein mochte oder auch nicht, schüttelte den Kopf.
„Neville geht es offensichtlich gut. Allerdings will der Todesser ihn nicht hergeben …“
Hagrid beugte sich mit einem Gesichtsausdruck, der mich zusammenfahren ließ, über mich und das Baby. Neville begann mit geschlossenen Augen an meinen Fingerknöcheln zu saugen.
Hagrid hielt überrascht inne.
Ich machte eine Bewegung, um Nevilles Sachen zu holen, doch Dumbledore erhob sofort drohend den Zauberstab.
„Das Kind hat Hunger.“, erklärte ich leise. „Die Zutaten für seinen Brei sind unter der Kartoffelkiste in der Ecke versteckt.“
Hagrid wandte sich sofort um und begann, die Kiste wegzurücken.
„Ich denke, ihr Dunkler Lord würde nicht in Begleitung Hagrids erscheinen, Mr. Snape.“, bemerkte Dumbledore mit mildem Spott. „Sie dürfen also sicher sein, dass ich tatsächlich Albus Dumbledore bin!“
Das überzeugte mich - Hagrid würde sich niemals dem Dunklen Lord anschließen!
Ich übergab dem Halbriesen zögernd das Baby, als Hagrid mit dem Breiteller, einem Löffel und Nevilles Lätzchen in der Hand erschien.
Dumbledore betrachtete den Kleinen einen Moment lang mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck zwischen Sorge und Erleichterung und reichte ihn dann an Hagrid weiter, der Neville gekonnt auf dem Knie balancierte und ihm einen Löffel Brei in den Mund schob. Neville drehte seinen Kopf zu mir, schmatzte glücklich und lächelte mich strahlend an: Es gab Bananenbrei, sein Lieblingsgericht.
Niemand sprach ein Wort, während der Kleine aß. Ich war wie betäubt zwischen der Erleichterung, dass sich Neville nun in jedem Fall in Sicherheit vor dem Dunklen Lord befand, und der Angst vor der Rache meines mächtigsten Feindes Albus Dumbledors - ich wusste nicht, welches der beiden Gefühle überwog.
Als Neville satt war und sich in seinem Körbchen zum Schlafen einkuschelte, senkte Dumbledore den Zauberstab, den er die ganze Zeit über auf mich gerichtet hatte.
„Hagrid – wir sollten Frank und Alice von ihren Sorgen erlösen …!“
Hagrid nickte, griff vorsichtig nach dem Körbchen mit dem schlafenden Baby darin und wollte mit ihm die Hütte verlassen.
Ich wandte mich zu Dumbledore. „Ihr müsst das Kind besser beschützen – ich habe Sybill Trelawneys Prophezeiung im Eberkopf belauscht, bevor der Wirt mich erwischt und rausgeworfen hat! Der Dunkle Lord weiß von der Prophezeiung - er wird Neville Longbottom und noch ein anderes Kind töten!“
Dumbledores Gesicht wurde weiß wie mit Kalk bestrichen, und er hob Einhalt gebietend die Hand, damit Hagrid noch nicht die Hütte verließ.
„Was haben sie gehört und an den Dunklen Lord weitergegeben, Severus?“
„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt ...“, zitierte ich hastig. „Mehr habe ich nicht mitgekriegt, weil der Wirt mich erwischte und hinauswarf.“
Der alte Mann nickte. „Also waren sie damals schon ein Todesser, Severus! Sie waren geschickt genug, das Dunkle Mal vor mir zu verbergen ...“
„Ja, ich hatte mich dem Dunklen Lord bereits angeschlossen.“, antwortete ich. „Ich erhielt das Mal als Lohn dafür, meinem Herrn diese verfluchte Prophezeiung überbracht zu haben. Ich dachte, Trelawneys Worte gelten einem Mitglied des Phönixordens oder einem Auror ...“ Müde wies ich auf Neville in seinem Körbchen an Hagrids Arm ... „Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Ich verstummte unglücklich.
Dumbledore nickte nachdenklich. „Ich persönlich gebe nichts auf Prophezeiungen – mein Fehler! Ich hätte wissen müssen, dass Voldemorts Angst vor dem Tod ihn dazu treiben würde, der Prophezeiung zuvorzukommen. Aber die Geschichte, die sie mir auftischten, Severus, klang sehr überzeugend, und schließlich ist es kein Verbrechen, sich in der Tür zu irren. Darum habe ich es versäumt, bessere Vorsorge zu tragen ... Es ist meine Schuld!“
Ich zog die Schultern hoch und betrachtete meine Hände. Es stimmte nicht – alles war einzig und allein meine Schuld. Meine Schuld auch, dass ich nun hier saß und nicht wusste, wie ich die von mir losgetretene Lawine aufhalten sollte.
„Das andere Kind, von dem ... vom dem Voldemort sprach – ihr müsst es finden und vor ihm verstecken! Niemand außer Euch besitzt die Macht, dem Dunklen Lord zu widerstehen! Bitte, Sir!“ Ich war es nicht gewohnt, jemanden um Hilfe zu bitten, und so klang meine Stimme seltsam metallisch in meinen Ohren.
„Ich werde Neville Longbottom vor Lord Voldemort beschützen – das verspreche ich!“
Ich nickte knapp und versuchte, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.
Alles war nun gesagt, ich konnte nichts mehr für den kleinen Neville oder das andere Kind tun.
Eine schwarze Welle der Angst brach über mich herein. Was würde nun mit mir geschehen? Die Auslieferung an das Zaubereiministerium, Folter - und schließlich der Hunger der Dementoren in Askaban? Oder, von mir noch gefürchteter: Legelimentik? Dumbledore war dafür bekannt, dem Dunklen Lord in dieser Kunst nicht nachzustehen ...
Ich sammelte all meine verbliebenen Kräfte und konzentrierte mich darauf, meinen Geist so fest zu verschließen wie die Schalen einer Auster, als ich Dumbledores Blick auf mir ruhen fühlte. Dumbledore musterte mich mit einem merkwürdigen, unentschlüsselbaren Ausdruck in den blauen Augen, so ähnlich wie Andromeda, als ihre Worte mich besiegt hatten.
Jeden Moment konnten lange, spitze Krallen versuchen, sich in meine Gedanken zu bohren, mir meine Geheimnisse, die Namen meiner Freunde entreißen ... Ich zitterte vor Anstrengung, die Austernschale um meinen Geist geschlossen zu halten. Wenn ich einen unvergleichlichen Legelimens wie Voldemort täuschen konnte, vermochte ich es vielleicht auch mit Dumbledore aufzunehmen, selbst wenn meine Zauberkraft der seinen unterlegen war: Freiwillig würde ich nicht das Geringste preisgeben!
Dumbledore lächelte milde.
„Nein, das werde ich nicht tun - ich werde nicht in ihre Gedanken eindringen und darin herumstöbern, denn so etwas zu tun überlasse ich den Anhängern der dunklen Seite.“
Ich blinzelte misstrauisch und hielt die Schalen geschlossen.
„Außerdem hätte es keinen Sinn, es bei ihnen zu versuchen, Severus, ich würde nur großen Schaden anrichten oder sie gar töten - aber erfahren würde ich wenig.“, fuhr er fort und legte die schlanken Hände aneinander.
Dumbledore las in meinen Gedanken wie Crabbe und Goyle, und zwar ohne alle Legelimentik. Mir ging auf, warum Lord Voldemort als einzigen Zauberer auf der Welt Albus Dumbledore fürchtete ...
Der alte Mann stand auf. „Wir werden jetzt alle zusammen aufbrechen, Hagrid! Du bringst den Longbottoms ihren Sohn zurück und kündigst ihnen meinen Besuch an, während ich zusammen mit Mr. Snape zum Zaubereiministerium appariere ...“ Er umschloss zum Seite-an-Seite-Apparieren mit festem Griff mein linkes Handgelenk.
Ich fuhr heftig zusammen, biss mir auf die Zunge und schmeckte Blut.
Dumbledore erstarrte und ließ meinen Arm los. Ehe ich ihn wegziehen konnte, hatte er mir schon vorsichtig den Ärmel hinaufgeschoben ...
Beim Anblick meines Unterarmes sog Hagrid mit einem scharfen, zischenden Geräusch Luft zwischen den Zähnen hindurch, während Dumbledore erbleichte, bis seine Haut den grünlichen Farbton der Seekrankheit angenommen hatte.
„Hat Voldemort ihnen das angetan?“, fragte er leise.
Ich wandte das Gesicht ab. „Nein. Ich war’s.“
Ich hatte versucht, das dunkle Mal von meinem Unterarm wegzufluchen, aber kein Zauberspruch ließ Schlange und Totenkopf verschwinden oder auch nur verblassen. Danach hatte ich verschiedene Zaubertränke, Absude, Tinkturen, Salben und schließlich sogar Säuren ausprobiert, die jedoch allesamt nur zusätzliche Narben in die Haut brannten. Am Ende hatte ich dann mit dem Rasiermesser meines Vaters ...
Das Dunkle Mal verheilte unglaublich schnell, im Gegensatz zum übrigen Teil der Verletzungen. Aber weitaus schlimmer als der Schmerz war die Erkenntnis, dass ich das Schandmal niemals würde tilgen können, außer durch den Tod - Voldemorts oder meines eigenen.
Dumbledore schnippte mit den Fingern, und der rotgoldene Phönix, der zu meiner Schulzeit immer im Zimmer des Direktors von Hogwarts auf einer Stange zu hocken pflegte, rauschte zum Fenster herein, um sich auf Dumbledores Schulter niederzulassen. Erst jetzt erkannte ich, dass Fawkes es war, der im Zauberduell meinen Serpentsortia-Fluch abgewehrt hatte, in dem er wie ein rotgoldener Blitz meine Schlange verschlungen hatte.
Stumm beäugte der Vogel meinen Arm und legte fragend den Kopf schräg.
Der alte Mann nickte ihm zu, und mein Herz pochte vor Angst hart gegen die Rippen. Der Phönix ist ein mächtiges Zauberwesen, er hat scharfe Krallen, einen kräftigen Schnabel …
Fawkes blinzelte Dumbledore zu und neigte dann den goldenen Kopf vor, wie um das Dunkle Mal näher in Augenschein zu nehmen. Dann rollte langsam eine glänzende Träne aus seinem Auge und über den Schnabel, um auf meinen Arm hernieder zu tropfen.
Augenblicklich heilte das von Tränken und Tinkturen zerfressene und von der Klinge meines Messers zerschnittene Fleisch. Noch mehr Phönixtränen folgten, und auf wundersame Weise schloss sich die schwärende Wunde, der Schmerz verebbte zu einem leisen Ziehen, das sich gegenüber dem vorherigen Zustand problemlos aushalten ließ. Nur das Dunkle Mal schlängelte sich scharf und unzerstörbar wie zuvor auf meiner blassen, wieder völlig hergestellten Haut.
Ich schloss die Augen und schluckte heftig. „Danke.“, murmelte ich undeutlich.
Der Phönix krächzte leise, rieb seinen Kopf an meiner Schulter, erhob sich mit rauschendem Gefieder und entschwebte so plötzlich, wie er gekommen war.
Dumbledore schwieg ebenso wie Hagrid, der erschüttert und entsetzt aussah.
Ich zog meinen Arm zurück und bedeckte das Zeichen meiner Schande mit dem Ärmel.
Ich hatte mit allem gerechnet für den Fall, dass ich einmal meinen Gegnern lebend in die Hände fiele: scharfe Verhöre unter dem Einfluss von Veritaserum, gepaart mit Kälte, Schlafentzug, Schmerzen aller Art sowie der grenzenlosen Verachtung meiner Feinde – aber Mitgefühl hatte ich nicht erwartet.
Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet und hilflos.
Während Hagrid ein enormes, weißrot gewürfeltes Taschentuch zückte und sich geräuschvoll schnäuzte, verharrte Dumbledore regungslos und offenbar tief in Gedanken versunken.
Endlich räusperte sich der alte Mann.
„Ich möchte ihnen ein Angebot machen, Mr. Snape, denn ich glaube, bei ihnen ist nicht alles verloren. Ich gelangte soeben zur Überzeugung, dass sie den Hunger der Dementoren nicht lange überleben werden ...“
Mein Herz sprang zwischen der verrückten Idee aufkeimender Hoffnung und meinem tief sitzenden Misstrauen heftig hin und her.
Ich kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Was soll das heißen?“
Dumbledore lehnte sich zurück, ordnete sein Gewand, faltete die Hände und musterte mich einige Zeit schweigend, bevor er zu sprechen anhob.
„Ich will, dass sie als mein Spion zu Voldemort zurückkehren.“
Meine Hoffnung zerfiel zu Staub.
„Sie halten mich für Abschaum, Dumbledore, und wahrscheinlich haben sie Recht.“, erwiderte ich kalt. „Doch ich ertrage lieber den Kuss der Dementoren oder das Verhör durch die Auroren des Zaubereiministeriums als meine Freunde auszuspionieren und sie an euch auszuliefern!“
Dumbledore strich sich wie abwesend über den langen grauen Bart.
„Kooperation ist trotzdem eine kluge Wahl, Severus!“ Seine Stimme klang merkwürdig bei diesen Worten.
Ich schnaubte verächtlich. „Kooperation? Für mich heißt das Wort Verrat.“
„Sie haben ihren Herrn, den Dunklen Lord, bereits verraten, Severus!“, erinnerte er mich sanft.
Ich schwieg betroffen.
„Er ist nicht mehr mein …“ hob ich an, brach jedoch sofort wieder ab. Warum sollte es ihn interessieren, wenn ich nicht auf Dumbledores Vorschlag eingehen und ihm meine Freunde ausliefern wollte?
Ich holte tief Atem und erklärte kühl: „Für einen Gryffindor ist ihr Vorschlag vielleicht akzeptabel – ein Slytherin versteht unter Freundschaft etwas anderes!“
„Kehren sie um, schließen sie sich der richtigen Seite an! Sie sind noch sehr jung für einen Todesser, Severus. Sie konnten nicht abschätzen, was ein Zauberer wie Voldemort …“
Zornig fiel ich ihm ins Wort. „Falls sie damit andeuten wollen, ich hätte nicht gewusst, worauf ich mich einließ, so erliegen sie einem Irrtum! Ich habe mich dem Dunklen Lord angeschlossen, weil ich dachte, er sei …“ Ich rang mit dem richtigen Wort.
„Ja?“ Dumbledore schaute mir forschend ins Gesicht.
„Ich dachte, er sei anders. Ich bildete mir ein, jeder bekäme seine Chance, ich bekäme endlich das, was mir zusteht! Außerdem ...“, ich schluckte heftig, „... wollte ich mich rächen. Ich wollte, das jemand blutet für das, was mir angetan wurde.“
Dumbledore nickte langsam.
„Das dachte ich mir bereits - und ich fürchte, dass ich mitschuldig bin an ihrem Zorn!“
Ich schnaubte verächtlich.
Dumbledore legte die Fingerspitzen seiner schlanken Hände aneinander wie damals in seinem Richterbüro.
„Ich möchte die Namen ihrer Freunde unter den Todessern gar nicht erfahren.“, sagte er ruhig. „Ich respektiere, dass sie nicht auf Kosten anderer ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen versuchen. Tatsächlich ehrt sie ihre Einstellung und bestärkt mich in dem Entschluss, ihnen eine zweite Chance zu gewähren.“
Ich war plötzlich sehr müde; die Angst der vergangenen Tage, der Schlafmangel und der unerbittlich harte Kampf mit Dumbledore hatten meine Reserven aufgezehrt. Ich war nahe dran aufzugeben, und das kommt nicht oft vor.
Dumbledore schien ein weiteres Mal meine Gedanken zu erraten, ohne in meinen Kopf eindringen zu müssen.
„Sie zweifeln doch schon lange an Voldemort, Severus! Gestehen sie sich ein, einen Fehler begangen zu haben, als sie sich dem Dunklen Lord und seinen Todessern anschlossen - und machen sie diesen Fehler wieder gut!“
Das war zuviel - ich verbarg das Gesicht in den Armen und sank langsam an der Wand herab, um mich schließlich an deren Ende zusammenzukauern wie ein Fuchs in der Falle.
Dumbledore hatte Recht – ich war unglaublich dumm und arrogant und hatte alle Warnungen und Hinweise auf den wahren Charakter meines Herrn blind vor Zorn und Rachedurst überrannt. Ich hatte unverzeihliche Dinge getan, Dinge, die ich niemals …
„Ich kann nicht zurück - ich habe zu vielen Menschen zu vieles angetan! Sie haben ja keine Ahnung, Dumbledore!“, flüsterte ich.
„Man kann alles wieder in Ordnung bringen! Sie haben große Schuld auf sich geladen, und es wird sehr schwierig und äußerst gefährlich werden, den angerichteten Schaden zu reparieren. Vertrauen sie mir, Mr. Snape - gemeinsam können wir den Krieg beenden!“
Ich ließ die Hände sinken und blinzelte vorsichtig zu ihm hinauf.
„Beenden? Meinen sie das ehrlich?“ Es sollte noch sehr lange Zeit vergehen, bis ich sicher sein würde, dass Albus Dumbledore immer so weit wie möglich die Wahrheit sprach - und wenn er etwas verschwieg, dann um jemanden zu schützen.
„Ja, Severus, ich meine es ehrlich: Kein Krieg, keine unschuldigen und nutzlosen Opfer mehr! Ihre Freunde müssen sie nicht preisgeben – mein einziges Ziel ist es, Voldemort aufzuhalten!“
Ich nickte langsam. „Meines auch.“
„Dann sind wir uns darin also bereits einig.“
Er bot mir seine Hand und hielt mich fest, während ich darum kämpfte, wieder auf die Beine zu kommen.
„Was kann ich für sie tun, was nicht meine Freunde ins Verderben reißt? Was wollen sie wissen?“, wagte ich mich vorsichtig einen Schritt aus der Deckung hervor.
„Zum Beispiel, welches das zweite Kind ist, auf das es Voldemort abgesehen hat! Sie kennen seinen Namen nicht?“
„Nein. Das Kind eines Schlammbluts, mehr hat er nicht gesagt.“
Dumbledore nickte. „Dann sollte es ihre erste und vordringlichste Aufgabe sein herauszufinden, wer in dieser tödlichen Gefahr schwebt.“
Ich nickte stumm.
„Sie müssen sehr, sehr vorsichtig sein, Mr. Snape! Wenn Voldemort herausfinden sollte, dass sie für mich spionieren, dann ...“
„Ich weiß.“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Ich habe miterlebt, wie es Verrätern ergeht. Doch ich bin vorsichtig und habe mich in Okklumentik geübt, seit ich den Todessern beigetreten bin. Inzwischen kann ich Voldemort Dinge verheimlichen, die er nicht wissen darf. Ich werde herausfinden, wem außer dem kleinen Neville die Prophezeiung gilt, und dann ...“ ... habe ich wenigstens die Schuld, dem Dunklen Lord von dieser verfluchten Prophezeiung berichtet zu haben, vom Hals, fügte ich nur für mich selbst hinzu und starrte durch das Fenster der Hütte hinaus in die grauen Wolken.
„Ein erster Schritt in die richtige Richtung, Severus.“, bemerkte Dumbledore und legte zum ersten Mal ganz kurz und wie beiläufig seine Hand zwischen meine Schultern. Mir wurde auf einmal viel leichter ums Herz: vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung, dass ich meine Schuld bezahlen und alles wieder in Ordnung bringen könnte ...
Die Hand verschwand so schnell sie gekommen war, und Dumbledore meinte nachdenklich: „Ich werde sie in Hogwarts als Lehrer anstellen, wie der Dunkle Lord es von ihnen gefordert hat. So können mir jederzeit Bericht erstatten und haben eine sichere Rückzugsmöglichkeit, falls sie als Doppelagent enttarnt werden sollten.“
Ich und lebenslang eingesperrt in Hogwarts? – Niemals! Aber in Anbetracht von Voldemorts unmäßigem Zorn war Dumbledores Angebot das einzige, was zwischen mir und einem grauenhaften Tod stehen mochte. Außerdem würde der Dunkle Lord es zu schätzen wissen, wenn sein Plan, mich als Spion in Hogwarts einzuschleusen, doch noch gelänge, und ich konnte das durch meine Aufsässigkeit in seiner Gunst verlorene Terrain wieder gutmachen.
„Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Zaubertränke!“, antwortete er, und fügte hinzu, als er mein enttäuschtes Gesicht sah: „Wir werden sehen, wie sie sich auf diesem Posten bewähren, Severus. Das Amt als Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste würden sie nicht länger als ein Jahr überleben, fürchte ich, zumal unter den gegebenen Umständen.“
Nun, ich war wohl kaum in der Position, Forderungen zu stellen.
„Danke.“; sagte ich.
Dumbledore hielt mir seine Hand hin.
„Habe ich ihr Wort, dass sie zukünftig auf meiner Seite arbeiten?“
Sofort wurde ich wieder misstrauisch. „Kein unbrechbarer Schwur - sie vertrauen naiv auf das Wort eines Todessers?“
„Nein.“, entgegnete Dumbledore sanft. „Nicht auf das Wort eines Todessers – ich vertraue ihrem Wort, Severus!“
Ich ergriff erst zögernd, dann fest seine Hand. „Ihr Mann, Dumbledore. Bis in den Tod.“
Dumbledore nickte schweigend.
Ein Zittern lief durch meinen Körper, als ich daran dachte, meinem einstigen Herrn wieder unter die Augen treten und seine Pläne ausspionieren zu müssen. Der Preis war hoch, das war mir von Anfang an bewusst, und ‚bis in den Tod’ lag möglicherweise in keiner allzu fernen, dafür umso schmerzhafteren Zukunft, wenn ich nicht sehr klug sein und viel, viel Glück haben würde ...
Gnädigerweise blieb mir das Wissen um die tatsächliche Höhe des Preises, den Dumbledore und Voldemort zugleich von mir fordern sollten, noch einige Jahre vorenthalten: der Preis war das Leben des Menschen, der mir von allen am meisten bedeutete - und ich war derjenige, der ihn tötet.

These wounds won't seem to heal,
this pain is just too real -
there's just too much that time cannot erase.
When I cried you'd wipe away all of my tears,
when I scream you'd fight away all of my fears
and you held my hand through all of these years.
You still have
all of me.
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Oktober 2006 15:52 
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Kapitel 29: Drunter und Drüber

Nach meinen letzten Worten breitet sich tiefes Schweigen aus und bedeckt unsere kleine Gruppe mit seiner eiskalten Last wie der lautlos aber stetig herabrieselnde Schnee.
„Heißt das, du bist schon mehr als sechzehn Jahre lang Dumbledores Spion, und meine Schwägerin hatte die ganze Zeit über Recht mit ihren Anschuldigungen?“, fragt Lucius. Sein Gesicht ist weiß und trägt jenen unentschlüsselbaren Ausdruck, den seine feinen Züge sonst nur bei äußerst schwierigen und gefährlichen geschäftlichen Verhandlungen aufweisen.
„Ja.“
Lucius schnaubt leise, und sein Atem gefriert sofort.
„Und Dumbledore hat niemals versucht, Informationen aus dir herauszupressen, dir seine schleimigen Gedankenfinger in den Kopf zu stecken oder dir eine Falle zu stellen, damit du uns verrätst?!“
Ich schüttle den Kopf. „Er hat niemals auch nur eines davon versucht!“
„Und ihr habt euch nie gestritten? Du hast dir von Dumbledore vorschreiben lassen, was du zu tun oder zu lassen hast?“ Lucius lacht klirrend und scharf. „Tut mir leid, aber das kannst du deiner Großmutter erzählen, Severus!“
„Kaum - meine Großmütter starben beide lange vor meiner Geburt.“, schnappe ich heftig zurück und erinnere mich an die vielen Diskussionen und Streitereien der folgenden Jahre – von Dumbledore immer sachlich und nach außen hin völlig ruhig, aber von meiner Seite her manchmal doch recht hitzig geführt, wie ich gestehen muss - zum Beispiel als er mir eröffnete, dass er Remus Lupin als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste nach Hogwarts holen wollte. Dumbledores ruhige und überlegte Art, mit der er zuweilen meine Argumente zerpflückte, blieb häufig Sieger, und bei Lupin hatte der alte Mann noch einen besonderen Trick auf Lager … Trotzdem war er keinesfalls ein Besserwisser oder Rechthaber – er folgte durchaus auch meinen Argumenten und Vorschlägen, sofern es mir gelang, ihn zu überzeugen.
„Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, Lucius. Eigentlich war er genau wie du: Albus Dumbledore konnte mir die Gedanken im Kopf umdrehen, so dass ich am Ende nicht mehr sicher war, wo oben und unten, was schwarz oder weiß, gut oder böse ist …“
Crabbe hört auf, Schneeflocken von seinem Umhang zu pusten, und grinst. „Och, das Gefühl kenn ich gut!“
Goyle grinst, sagt aber nichts.
Lucius mustert mich, als sähe er mich zum ersten Mal, und seine Augen nehmen einen seltsamen Ausdruck an, den ich bei ihm noch nie gesehen habe.
„Dann bist du damals auf Dumbledores Befehl hin auf den Friedhof appariert mit nichts in der Tasche als einer fadenscheinigen Geschichte – mit Löchern darin, so groß, dass ein Ungarischer Hornschwanz da durch fliegen könnte? Beim Barte Merlins, du hast Nerven, Severus! Der Dunkle Lord wollte dich umbringen – du erinnerst dich, was er Regulus angetan hat, oder?!“
„Wer könnte das je vergessen.“, murmle ich und erschaudere bei dem Gedanken an das Verhör auf dem Friedhof. „Potter hat uns von den Worten des Dunklen Lords berichtet, bevor Dumbledore mich bat, zu meinem ehemaligen Herrn zurückzukehren.“
„Dem Führer des Phönixordens und dir war doch wohl klar, dass unser Herr und Meister bei diesem Pokerspiel irgendwann deine Karten würde sehen wollen, Severus - du konntest doch nicht ernsthaft annehmen, langfristig ohne handfesten Beweis deiner Treue durchzukommen!“
„Dumbledore bestand darauf, dass ich beim ersten Anzeichen von Gefahr umgehend meine Spionagetätigkeit aufgeben und mich in Hogwarts in Sicherheit bringen müsse …“
Malfoy schweigt lange, bis sich schließlich die steile Falte finsteren Zweifels wieder zwischen seinen Augenbrauen bildet.
„Wieso hast du Narcissa den unbrechbaren Schwur geschworen? Damit hast du dir doch selbst den Kopf in die Schlinge gesteckt! Oder warst du tatsächlich des alten Mannes und seiner moralischen Erpressungen überdrüssig und wolltest dich wieder dem Dunklen Lord zuwenden?“ Er rückt unbewusst ein wenig von mir ab.
Ich seufze leise.
„Ich … ich dachte, ich müsse nur schwören, Draco zu beschützen. Doch dann habe ich einen absolut unverzeihlichen, idiotischen Fehler begangen – ich überließ Narcissa die Formulierung des Schwures! Als mir aufging, worauf sie hinaus wollte, war es bereits zu spät. Die Hand wegzuziehen hätte Bellatrix bestätigt, dass ich entweder ein Feigling oder ein Verräter bin.“
Die steile Falte zwischen Lucius Lucius Augen glättet sich.
„Draco … Ich wusste, dass du auf ihn aufpassen wirst!“
Ich fröstle unbehaglich.
„Ich war ja auch Schuld daran, dass die Sache im Ministerium schief ging und du in Askaban gelandet bist. Wenn ich gewusst hätte, dass man dich festnehmen und der Dunkle Lord - aus Rache an dir und um mich zu einer Entscheidung zu zwingen - von deinen Sohn diese schreckliche Tat fordern würde …“
„… hättest du trotzdem nicht anders handeln können.“, vollendet Lucius mit ausdrucksloser Stimme.
Ich mustere meine Schuhe: Sie sind schmutzig.
Lucius räuspert sich, und ich blicke auf. Er scheint nicht so zornig zu sein wie vorhin, als er mich deshalb noch der Willkür unseres Meisters ausliefern oder mir die Kehle aufschlitzen wollte …
„Wie auch immer – du hast Dumbledore getötet und meinen Sohn davor bewahrt, entweder getötet zu werden oder einen Mord begehen zu müssen. Hast du Dumbledore von deiner Zwickmühle erzählt oder starb der alte Mann ahnungslos?“
Ich schlucke heftig.
„Ich wollte ihm eigentlich nicht … Man konnte Dumbledore nur schwer etwas verheimlichen. Er spürte genau wie der Dunkle Lord, wenn jemand versucht, ihn anzulügen. Nur wenige Stunden nach dem Besuch deiner Frau und ihrer Schwester bekam ich mitten in der Nacht eine Blitzeule von Madam Pomfrey mit der Nachricht, ich solle mich auf der Stelle nach Hogwarts begeben! Ich folgte dieser Aufforderung natürlich umgehend, und fand Dumbledore dort schwer verletzt und mit dem Tode ringend im Krankenflügel vor.“
„Was war passiert?“, wirft Crabbe neugierig ein und knabbert aufgeregt an den Fingernägeln. Abwesend ziehe ich ihm die Hand vom Munde weg.
„Dumbledore hatte sich den Fluch eines Ringes zugezogen, den der Dunkle Lord selbst verzaubert und versteckt hatte.“, erkläre ich. Das Bild von Dumbledores Gesicht, weiß wie die Bettlaken, und mit dem mühsam beherrschten Ausdruck großen Schmerzes um den Mund und in den Falten rund um die Augen, steigt vor mir auf. Auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß, und die Hand, mit der er nach mir griff, war eiskalt. Seine andere Hand jedoch sah aus wie ein verdorrter Ast …
„Es gelang mir, Dumbledore ein Antidot einzuflößen, bevor er das Bewusstsein verlor. Ich saß die ganze Nacht und den nächsten Tag und noch eine Nacht an seinem Bett, aber es wurde immer schlimmer, und er wand sich und schrie in seinen Fieberträumen … Lucius - es war genauso fürchterlich wie damals, als wir beide dieses unerlaubte Experiment durchgeführt haben!“ Ich beherrsche mich mit größter Anstrengung, um beim Gedanken an das Leiden meiner beiden so unterschiedlichen und in mancher Hinsicht doch so ähnlichen Freunde nicht zu zittern wie ein zwippliger Bibberzip.
„Du hättest ihn sterben lassen können – dann hätte dich der unbrechbare Schwur nicht länger gebunden!“, bemerkt Lucius leise. „Aber ich nehme an, dass du das nicht konntest – nicht mal, um dein Leben zu retten.“
Ich blinzle hinauf in den Schnee. Es wird auch heute nicht richtig hell werden.
„Als es Dumbledore endlich besser ging und er sich langsam erholte, bemerkte er leider bald, dass ich ihm etwas verschwieg. Als er mir ernsthaft drohte, sein Gegenmittel nicht mehr einzunehmen – er konnte sehr stur sein, der Alte! – falls ich nicht endlich mit der Sprache herausrücken wollte, da habe ich ihm von Voldemorts Plan und dem Schwur erzählt. Und irgendwie – ich weiß selbst nicht, wie er mich dazu überredet hat - habe ich schließlich zugestimmt, ihn zu töten, falls ich Draco nicht rechtzeitig zur Aufgabe seiner Pläne überreden könne.“
Ich ziehe die Knie an und verberge mein Gesicht in den verschränkten Armen. Ich kann es heute und noch immer nicht glauben, dass ich mich tatsächlich auf Dumbledores wahnsinnigen und selbstmörderischen Plan eingelassen habe!
Eine Hand, leicht wie eine Feder und warm wie der Sommer, legt sich zwischen meine Schulterblätter. Als ich aufsehe, blicke ich in Lucius Gesicht. „Er hat also von dir verlangt, dass du ihn tötest, um dich und Draco zu retten …“ Mein Freund schluckt mühsam irgendetwas Großes und offensichtlich sehr Sperriges hinunter. „Es stimmt, was man sich über den alten Mann erzählt: Albus Dumbledore war wahrlich groß – groß und grausam!“, ergänzt er sehr leise.
Schweigend sehen wir einander an.
„Willst du dich denn jetzt an Dumbledores Stelle mit dem Dunklen Lord anlegen, Severus?“, fragt Gregory ängstlich, und sein harmloses Mondkalbgesicht ist vor Furcht ganz blass.
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ich kann Voldemort nicht besiegen. Das kann nur Harry Potter!“
Zischend zieht Malfoy die Luft zwischen den Zähnen hindurch. „DER! Ausgerechnet!“
„Ja, leider. Voldemorts, meines und unser aller Schicksal hängt vom Erfolg eines unfähigen Idioten ab, der dazu noch genauso heimtückisch und überheblich ist wie sein Vater!“
Lucius runzelt zornig die Stirn. „Ja, dieser Kerl, den sie neuerdings den „Auserwählten“ nennen, wie Zissy mir berichtete, ist genauso, wie du seinen Vater immer beschrieben hast. Er hat Draco fürchterlich zugerichtet im letzten Jahr, und wenn du nicht eingeschritten wärst … Und dieses missratene Balg soll uns vom Dunklen Lord befreien? Bist du dir da völlig sicher, Severus – jeder Irrtum ausgeschlossen?“
Ich nicke unglücklich.
„Ich bin sicher. Dumbledore kannte den Teil der Prophezeiung, den ich niemals erfahren durfte, damit ihn der Dunkle Lord ihn nicht unter der Folter aus mir herauspressen kann, falls er mich erwischen sollte.“ Müde reibe ich mir das Gesicht. Wir müssen jetzt bald aufbrechen, oder die Patrouillen von Askaban stöbern uns auf.
„Du hast also nichts als Dumbledores Wort, dass allein Harry Potter den Dunklen Lord endgültig besiegen kann? Und wenn der alte Mann dich belogen hat, um wieder einmal einen seiner Lieblinge zu schützen? – Ausgerechnet Du, Severus, verlässt dich ohne Sicherheit auf das Wort eines alten Mannes und legst dein Leben in die Hände des Sohnes von James Potter?“ Lucius starrt mich an, als habe ich mich vor seinen Augen in einen Thestral verwandelt.
„Ich vertraue Albus Dumbledore!“, entgegne ich stur und beiße die Zähne aufeinander.
„Aber …“, beginnt Lucius.
„Wir haben das jetzt erörtert, und nichts auf der Welt kann mich dazu bewegen, meine Meinung zu ändern – auch du nicht, Lucius!“, unterbreche ich so scharf, dass alle zusammenzucken.
„Also – ich vertraue Dumbledore kein bisschen!“, meint Goyle schließlich.
„Musst du auch nicht - ich ziehe das allein durch!“ Ich erhebe mich steif. „Es ist spät. Wir müssen los, bevor die Wächter von Askaban ihre Gefangenen durchzählen und dein Fehlen entdecken, Lucius!“ Abrupt wende ich mich zum Gehen, doch jemand packt mich mit festem Griff am Ellenbogen und hält mich zurück.
„Wohin du gehst, dahin gehen wir auch.“, erklärt Lucius sanft, und Crabbe und Goyle nicken heftig. „Auch wenn wir dein blindes Vertrauen in den alten Mummelgreis nicht verstehen können, so werden wir doch ganz sicher nicht zulassen, dass du dir deinen verfluchten Dickschädel einrennst bei dem Versuch, uns alle von … Voldemorts Schreckensherrschaft zu befreien!“
Ich halte überrascht inne.
„Du … hast ihn beim Namen genannt!“
Lucius grinst kühl. „Er wollte meinen einzigen Sohn töten, nur um mir eins auszuwischen - es gibt nichts, was er mir und Narcissa darüber hinaus noch antun könnte! Ich habe keine Angst mehr vor ihm! Außerdem ist Krieg schlecht fürs Geschäft – die Leute haben Angst und horten ihre Sickel für schlechte Zeiten …“
Crabbe und Goyle sehen so aus, als seien sie noch lange nicht so weit, aber sie weichen nicht zurück und machen auch sonst keine Anstalten, uns im Stich zu lassen.
„Ihr könnt es euch noch überlegen …“, meine ich leise. „Ein Gedächtniszauber, ganz kurz und schmerzlos, und ihr erinnert euch an nichts mehr, worüber wir heute gesprochen haben …“
„Nein.“, sagt Gregory feste und patscht seine mächtigen Fäuste aneinander. „Ich bin zwar dumm, aber nicht feige! Ich bleib bei meinen Freunden - komme was da wolle!“
„Ich auch.“, ergänzt Victor schlicht und tritt in unseren Kreis,
Lucius und ich sehen einander an. Wir werden einen Weg finden, die beiden unauffällig aus der Gefahrenzone um den Dunklen Lord zu entfernen und ihre unstrittig vorhandenen Talente für unsere kleine Widerstandsgruppe nutzbringend einzusetzen. Lieben Riesen nicht gutes Essen und schlichte, aber gradlinige Unterhaltung - zum Beispiel durch Muggel-Zaubertricks? Und dass Crabbe und Goyle kaum zaubern können, wird die einfältigen Raufbolde wohl am allerwenigsten stören …
Lucius versetzt Victor einen freundschaftlichen Schubs.
„Auf geht’s! Nach Hause - in die Grube der Schlange!“

Wir machen uns auf den Weg zurück zu dem als Muggelzelt getarnten Platz an den Grenzen der Sperrzone Askabans, an dem ich zusammen mit Crabbe und Goyle unsere Zauberstäbe versteckt habe. Ich fühle mich leicht wie seit den Ereignissen auf dem verfluchten Astronomieturm nicht mehr, und kann es noch immer nicht fassen: Ich, der ich im Gegensatz zu Gilderoy Lockhard nicht die geringste Chance habe, jemals „Mister charmantestes Lächeln“ der Hexenwoche zu werden, bin nicht mehr allein und habe Freunde, die zu mir halten, obwohl sie damit sich und ihre Familien in Lebensgefahr bringen könnten - unglaublich!
Der Gedanke verursacht ein ähnlich warmes Gefühl im Bauch wie Tee bei Albus Dumbledore oder Crabbes Chilifudge – wobei mir einfällt, dass ich inzwischen einen Bärenhunger habe. Aber in Babajaga gibt es sicher ein anständiges Frühstück mit Eiern und Speck, gebratenen Nieren, Toast mit Marmelade, heißen, starken Tee …
Jeder Schritt, mit dem wir dem schmalen Wanderweg folgen, führt uns weiter ins Tal und weg vom grässlichen Zauberergefängnis, bis wir endlich unser Versteck erreichen.
Ich nehme meinen Zauberstab und fasste Goyle am Handgelenk, um mit ihm Seite an Seite zu apparieren, während ich Lucius einen weiteren Zauberstab reiche, damit er dasselbe mit Crabbe machen kann. Ich freue mich schon auf ein heißes Bad, die von Tricky fürsorglich angewärmten Handtücher (was ich nie im Leben zugeben würde!) und mein Bett …
„Was ist denn das für ein Holzknüppel?“, fragt Lucius, berührt mit spitzen Fingern den fremden Zauberstab und zieht spöttisch die Augenbraue hoch. „So ein verkratztes und abgenutztes Teil ist mir ja im Leben noch nicht in die Hände gefallen – ich hoffe, du hast ihn gut desinfiziert! Gab es nichts Besseres auf dem Gebrauchtzauberstabmarkt?“
Ich zucke die Schultern.
„Hat mal Lupin gehört. Ich fand auf die Schnelle keinen anderen, darum hab ich den genommen.“
„Lupin? Dieser zerlumpte Halbmensch vom Phönixorden, der aussieht, als bezöge er seine Sachen aus der Kleiderkammer der Sorgenfresser? – Igitt!“ Er macht Anstalten, mir den Zauberstab angewidert vor die Füße zu schleudern.
„Ich habe nicht drei Arme …“, erinnere ich sanft.
Wütend setzt Lucius zu einer Antwort an, doch dann verziehen sich seine Lippen zu einem ironischen Grinsen.
„Ich bin so froh, wieder in Freiheit zu sein … ich glaube, dafür kann ich mich ausnahmsweise sogar mal mit dem Zauberstab eines Werwolfes abfinden.“
Er zieht den Ärmel über die Hand, damit seine schlanken weißen Hände nicht das zerkratzte Holz berühren müssen, und fasst Victors Handgelenk.
„Also?“
Ich nicke und konzentriere mich …

… und anstatt der schroffen Kulisse der verschneiten Highlands taucht eine weite Ebene mit von Raureif überzogenen, fahlen Grasbüscheln auf. Ich lasse Gregorys Handgelenk los, und der dreht sich sofort suchend nach der Zwingfeste unseres Herren um, als ein leises „Plopp“ die Ankunft von Lucius und Victor bestätigt.
Lucius hebt lächelnd den Kopf und öffnet den Mund, doch seine Züge erstarren in purem Entsetzen. Crabbe – ohnehin nicht mit einem allzu aufgeweckten Gesichtsausdruck gesegnet – starrt über meine Schulter hinweg, als habe McGonagall ihm in seinen Verwandlungshausaufgaben ein „Ohnegleichen“ gegeben. Gregory neben mir, der sich bereits umgedreht hat, gibt ein Geräusch von sich, welches sich anhört wie das Glucksen von Moorboden unter schwankenden Füßen.
„Beim Grindelwald!“, flüstert Lucius heiser. „Das darf doch nicht wahr sein!“
Ich wappne mich innerlich und mache mich auf alles gefasst – angefangen von einem Rudel Auroren bis hin zu einem vor Zorn nur so sprühenden Lord Voldemort, der meinen verräterischen Ansichten auf die Spur gekommen ist und mir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen will. Ich umklammere meinen Zauberstab und drehe mich langsam, ganz langsam um …
Zuerst verstehe ich nicht, was meine Kameraden so entsetzt, denn niemand außer uns steht hier in der kargen, windgepeitschten Wildnis, und vor uns stakst wie erwartet die düstere Zwingfestung Babajaga auf ihren schuppigen, krallenbewehrten Hühnerbeinen – doch nein! Ich reibe mir vorsichtig den Schnee aus den Augen, doch das Bild bleibt das gleiche: Babajaga hat sich in ein rosafarbenes und mit glitzerndem Pulverschnee überzuckertes Zuckerbäckerschloß verwandelt. Die hässlichen Hühnerfüße, auf denen die Burg sich fortbewegt, stecken in kuscheligen karierten Puschen, an denen zu allem Überfluss auch noch Häschenohren und Wackelaugen angebracht sind - grauenhafteres Schuhwerk habe ich noch nicht einmal an den Füßen von Miss Arabella Figg gesehen! Jemand mit einem ... sagen wir, gewöhnungsbedürftigen Geschmack, hat offensichtlich beschlossen, das Heim unseres Herren und Gebieters benötige eine stilistische Auffrischung.
Lucius knickt in den Knien ein und bricht neben mir zusammen, während er sich zusammenkrümmt und von lautlosem Lachen geschüttelt auf dem Boden windet. Crabbe grinst leicht dümmlich wie ein Honigkuchenpferd aus dem Honigtopf, während Gregory purpurfarben anläuft und schimpft: „Die tragen ja meine Hausschuhe – die will ich sofort zurück!“
Nachdem Lucius endlich dem Erstickungstod durch Lachen entronnen ist und wieder atmen kann, ohne in wildes Gelächter ausbrechen zu müssen, gehen wir langsam zum Tor, das sich wie gewohnt auf den Wink meines Zauberstabes hin öffnet. Dabei intoniert anstatt des Kreischens rostiger Ketten und dem Knirschen von Scharnieren eine sanfte Stimme „Ti amo! Ich sage nur: Ti aaa-mohoho!“
Staunend wie Kinder am Weihnachtsmorgen setzen wir den Fuß über die Schwelle und betreten eine neue Welt …
Die holprigen grauen Pflastersteine sind normalerweise mit trockenen Binsen und fauligem Stroh bedeckt, um den Schall unserer Tritte zu dämpfen und den Dunklen Lord nicht bei seinen Geschäften zu stören. Jemand hat sie ausgekehrt und durch frisches, duftendes Heu ersetzt. Der Geruch nach Tod und Verwesung, der sonst immer den Kerkerräumen im Keller entströmt, wird vom Duft der Rosenblätter übertüncht, die fein und leise wie Schnee von der Decke rieseln und sich in unserem Haar verfangen.
Auf dem Weg in die große Halle begegnen uns zwei Ritterrüstungen, die sich in inniger Umarmung verträumt im Wienerwalzertakt wiegen. Die zartschmelzende Melodie dazu wird von einem Rudel verzauberter Geigen gespielt, die das eiserne Paar umschweben.
In der großen Halle erwartet uns eine weitere Überraschung: Eine Gruppe von Todessern hat alle Tische zu einer improvisierten Bühne zusammen geschoben, auf der die Theatertruppe aus gestandenen Mannsbildern ein Herrenballett improvisiert. Die himbeerrosa Tütüs der Darsteller stehen dabei in hartem Kontrast zu ihren nackten behaarten Männerbeinen …
Rodolphus Lestrage liegt betrunken wie immer in der Ecke und singt wehmütig vor sich hin: „Es lebe die Liebe, der Wein und der Suff …“, während seine Ehefrau Bellatrix zusammen mit den wenigen Damen unter den Todessern ein riesiges Spruchband anfertigt.
Vorsichtig beuge ich mich über das Plakat und lese: „Rabi, ich will ein Kind von dir!“
Lucius neben mir erschaudert, hebt die Brauen und flüstert mir zu: „Das ist nicht mehr lustig – das ist unheimlich!“
Bellatrix – mit bunten Klecksen auf Gesicht und Kleidung – hebt kurz den Kopf von ihrer Pinselarbeit, lächelt Lucius mit einem irren Ausdruck auf dem Gesicht an und sagt: „Hallo, lieber Schwager! Ich freue mich, dich zu sehen. Aber du hast sicher Verständnis, dass ich dich nicht umarme – du siehst, ich habe äußerst wichtige Aufgaben zu erfüllen!“ Und leise vor sich hinsummend macht sie sich daran, der Forderung nach Nachwuchs ein dickes rotes Herz hinzuzufügen.
„Sicher, Bella, sicher!“, murmelt Lucius erschrocken und weicht ein paar Schritte zurück. Bellatrix amouröse Eigenarten sind ihm offensichtlich vertraut.
Soeben betritt eine marodierende Bande aus Todessern die große Halle und stürzt sich auf die Wände und ihre Dekoration – schwuppdiwupp verwandelt sich der kalte Granit in rosa Plüsch, niedliche Gänseblümchentapete oder eine himmelblaue Explosion aus Samt, was unter den anderen Mitgliedern der Gruppe zu lautstarken Protesten führt – man sein schließlich nicht schwul!
Der Angeschuldigte protestiert energisch – schließlich sei Rabastan ein Mann, und Männer mögen eben lieber blau als rosa …
„Was war eigentlich in dem Fläschchen, dass du Rabastan bei unserem Abschied so unauffällig in den Umhang gesteckt hast?“, fragt Crabbe plötzlich.
Soviel Scharfsinn hätte ich meinem Freund gar nicht zugetraut!
„Wie kommst du darauf, ich hätte ihm etwas zugesteckt?“, frage ich mit meinem neutralsten Gesichtsausdruck, doch Victor knufft mich freundschaftlich in die Seite.
„Wer hat Gregory und mir denn Muggelzaubertricks beigebracht? Das warst du doch!“, grinst er.
„Soso!“, meint Lucius und mustert mich von oben bis unten. „Raus mit der Sprache – was war in dem Fläschchen?“
„Himbeersaft.“, erkläre ich ernsthaft.
Lucius schnaubt ungläubig.
„Das kannst du deiner …“
„Die sind tot, sagte ich doch schon.“, falle ich ihm ins Wort. „Außerdem stimmt es, in dem Fläschchen war nur Himbeersaft, als ich zurück in Lestranges Umhang gesteckt habe.“
Malfoy schaltet sofort.
„Und vorher?“
„Rabastans Amortentia, mit dem er sich all die Frauen angelt, die er sonst nicht kriegen kann.“
„Darf ich dann fragen, was mit dem Amortentia geschehen ist?“
Ich winde mich unter Lucius Blick wie ein Wurm.
„Das habe ich … zweckentfremdet.“
So leicht entkommt man einem Malfoy natürlich nicht.
„Zweckentfremdet? – Kannst du bitte aufhören zu orakeln wie diese unsägliche Spinnerin Trelawney und Klartext mit mir reden, Severus!“
Crabbe grinst verschlagen und hüpft vor Aufregung, einmal im Leben mehr zu wissen als Lucius Malfoy, wie ein Gummiball auf und ab. „Außerdem durfte ich nichts von dem neuen Fass Butterbier trinken – Severus hat mir den Krug beinahe aus der Hand gerissen!“
„Das Bier war doch schlecht!“, protestiert Goyle.
Crabbe schüttelt den Kopf.
„Du schmeckst aber auch gar nichts! Das Butterbier war völlig in Ordnung, als wir es probiert haben. Als wir mal kurz nicht hingeschaut haben, hat Severus einfach Rabastans Amortentia in das Butterbierfass für das Fest geschüttet...“
„… und jetzt spielen alle, die davon getrunken haben, verrückt!“ Lucius grinst diabolisch.
Crabbe und Goyle schütten sich fast aus vor Lachen. „Darum hast du uns also zu der Befreiungsaktion mitgeschleppt – damit wir nicht auch hier herumirren wie liebestolle Turteltauben!“
Ich mustere Crabbes und Goyles massige Gestalten und denke dabei eher an brünstige … Lassen wir das.
„Netter Spaß, Sev. Wolltest du damit deine Kritik am Unterhaltungsprogramm des Dunklen Lords äußern, oder hat dieses Chaos einen bestimmten Sinn?“, fragt Malfoy und weicht elegant einer Herde zu Tode erschrockener Hauselfen aus, die das Frühstück auftragen: anstatt der gewohnten Spanferkel, gebratenen Ochsen am Spieß und Butterbierkrüge hat jemand Marzipantorte, Eierlikör und Kakao bestellt.
Crabbe klatscht in die Hände und bedient sich freizügig von den Platten. „Endlich mal was leckeres!“, kaut er mit vollen Backen, „Ich liebe Süßigkeiten.“
„Ja, unser lieber Victor ist wirklich ein ganz Süßer!“, meint Lucius, ohne seinen forschenden Blick von mir zu wenden. „Also, Severus, was hast du ausgefressen, bevor ihr zu meiner Rettung aufgebrochen seid?“
Ich setze mein ahnungslosestes Gesicht auf.
„Nur eine alte Rechnung bezahlt, das ist alles!“
Malfoy merkt, dass ich mich zu dem Thema nicht weiter auslassen möchte, und betrachtet angewidert das Portrait von Balthasar dem Blutigen und seiner Gattin Gudrun der Grausamen, die sich eng umschlungen hinter einem Vorhang küssen, anstatt sich gegenseitig mit goldenem Geschirr zu bewerfen, wie sie es üblicherweise tun... Die neue Stimmungslage im Lager der Todesser scheint ansteckend zu sein.
„Komm, lass uns gehen! Ich will so schnell wie möglich aus den Gefängnisklamotten raus und mir den Geruch Askabans vom Leib waschen!“, meint Lucius und zieht mich mit sich, während Crabbe und Goyle beschlossen haben, sich erst einmal am ungewohnten Frühstücksbuffet zu stärken beziehungsweise dem neuerdings sehr interessierten Publikum Gregorys grandiosen Schmetterlingszauber vorzuführen.
„Wenn das der Dunkle Lord erfährt ...“, grinst Lucius. „Ich glaube, ich schaue erst einmal ausgiebig und lange in die Konten und Bilanzen, bevor ich mich vor seiner Lordschaft blicken lasse.“ Mein Freund schubst einen feisten und als besonders grausam bekannten Todesser namens Geßler zur Seite, der sich häufig einen Spaß daraus macht, Muggelkindern einen Apfel auf den Kopf zu legen, den die Väter dann herunterschießen müssen. Heute morgen jedoch trägt der feiste Kerl kleine weiße Flügelchen auf seinen Rücken und spielt den Amor, in dem er mit Pfeil und Bogen bewaffnet am Eingang zu den Kerkern und Rabastans Wärterzimmer lauert, während er vor sich hin murmelt: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen ...!“
Irgendwo in der Burg hebt eine Stimme zu Drehleierbegleitung einen mittelalterlichen Minnesang an. „Iam amore Rabastano totus ardeo – novus, novus amor est quod pereo!“, während Horden von kreischenden und liebestollen Anhängern des Dunklen Lords - für den dies hier ein grässlicher Alptraum sein muss - wie eine Stampede von Einhörnern durch die Gänge trampeln, sobald einer von ihnen auf einen Gang oder ein Fenster deutet und kreischt: „Da ist er! Ich hab ihn gesehen! Rabastan, Geliebter, so warte doch auf uns!“ Dass Rabastan Lestrange immer und ausschließlich nur Mitglieder des weiblichen Geschlechtes mit Voldemorts Amortentia zu betören suchte, ist seinen ebenso hysterischen männlichen Fans offensichtlich entgangen ...
Allerdings ... ich muss gestehen, dass ein paar Tropfen von dem Himbeersaft - mit dem ich das leere Fläschchen wieder aufgefüllt habe, bevor ich es in Rabastans Umhang zurücksteckte - dem Butterbier-Liebestrankgemisch nicht nur wie beabsichtigt eine hervorragende Geschmacksnote verliehen zu haben scheint, sondern auch unerwartet rosafarbene und plüschige Nebenwirkungen zeigt. Nun, Golpalotts zweites Gesetz erweist sich manchmal als unberechenbar!
Als wir den Turm hinauf steigen, hält Lucius mich plötzlich am Arm fest und deutet durch die schmale Schießscharte hinaus in den Burghof. Dort flieht Rabastan Lestrange – mit den Resten eines zerfetzten Umhangs um die Schultern und ansonsten nackt bis auf die Unterhose – vor einer Rotte liebeskranker Todesser, die ihn mit irrem Gesichtsausdruck, Schaum vor dem Mund und extatisch entrücktem Blick über den Hof hinweg hysterisch kreischend verfolgen.
„Rabastan! Unser Held! Wir lieben dich!“
„Rabi! Ich tu alles für dich!“
Die ersten Todesser haben dien Fliehenden fast eingeholt und grabschen gierig nach den Fetzen seines Umhangs. Wem es gelingt, etwas davon abzureißen, drückt das Stoffstück mit verzücktem Gesichtsausdruck ans Herz und verteidigt ihn mit Zähnen und Krallen gegen alle Konkurrenz, die auch eine Trophäe des Angebeteten erhaschen wollen.
„Hilfe! Sie wollen mich fressen! Mit Haut und Haaren!“, brüllt Rabastan verzweifelt, erklimmt in höchster Not die nächste Fahnenstange und klammert sich an deren Spitze fest, während die Menge seiner Fans sich darum balgt, wer ihm jetzt hinter herklettern darf.
„Ich will nur einen Kuss, Rabi! Einen!“, brüllt eine stämmige Hexe mit Damenbart, während ein drei Zentner schwerer Todesser einen zerrupften Blumenkranz hochhält und schreit: „Den habe ich nur für dich gebunden, Rabastan. Komm runter, damit ich dein anbetungswürdiges Gesicht damit umkränze!“
Während die wild gewordene Meute dem bedauernswerten Gefangenenwächter mehr oder weniger unmoralische und unzweideutige Angebote unterbreitet und immer zügelloser um die Gunst Rabastans wetteifert, verabschiedet sich Lucius von mir, und für einen Moment weicht das schelmische Funkeln in seinen kühlen blauen Augen einem weicheren, ernsteren Ausdruck. „Danke, Severus. Für die Befreiung aus Askaban - und für alles andere auch!“ Seine blasse Aristokratenhand berührt kurz und wie zufällig die meine, dann ist er in seinem Zimmer verschwunden.
Ich denke kurz darüber nach, Rabastan aus seiner Klemme zu helfen, verwerfe angesichts der wilden Jagd jedoch die Idee wieder – Amortentia wirkt auch nicht ewig. Langsam steige die letzten Stufen zu meiner Kammer hinauf, in der mich Tricky bereits mit einer Wanne voll heißem Wasser und einem anständigen Frühstück erwartet.
Als ich die Türe gerade erreicht habe, lässt ein gellender, die gesamte Zwingfeste erschütternder Schrei der Vernunft alle und alles erstarren: „Wehe uns allen! Die Gefangenen und Meister Ollivander sind geflohen!“
Ich lächle sanft in mich hinein und schließe die Tür hinter mir.
Amicus optima vitae possessio
Kapitel 29: Drunter und Drüber

Nach meinen letzten Worten breitet sich tiefes Schweigen aus und bedeckt unsere kleine Gruppe mit seiner eiskalten Last wie der lautlos aber stetig herabrieselnde Schnee.
„Heißt das, du bist schon mehr als sechzehn Jahre lang Dumbledores Spion, und meine Schwägerin hatte die ganze Zeit über Recht mit ihren Anschuldigungen?“, fragt Lucius. Sein Gesicht ist weiß und trägt jenen unentschlüsselbaren Ausdruck, den seine feinen Züge sonst nur bei äußerst schwierigen und gefährlichen geschäftlichen Verhandlungen aufweisen.
„Ja.“
Lucius schnaubt leise, und sein Atem gefriert sofort.
„Und Dumbledore hat niemals versucht, Informationen aus dir herauszupressen, dir seine schleimigen Gedankenfinger in den Kopf zu stecken oder dir eine Falle zu stellen, damit du uns verrätst?!“
Ich schüttle den Kopf. „Er hat niemals auch nur eines davon versucht!“
„Und ihr habt euch nie gestritten? Du hast dir von Dumbledore vorschreiben lassen, was du zu tun oder zu lassen hast?“ Lucius lacht klirrend und scharf. „Tut mir leid, aber das kannst du deiner Großmutter erzählen, Severus!“
„Kaum - meine Großmütter starben beide lange vor meiner Geburt.“, schnappe ich heftig zurück und erinnere mich an die vielen Diskussionen und Streitereien der folgenden Jahre – von Dumbledore immer sachlich und nach außen hin völlig ruhig, aber von meiner Seite her manchmal doch recht hitzig geführt, wie ich gestehen muss - zum Beispiel als er mir eröffnete, dass er Remus Lupin als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste nach Hogwarts holen wollte. Dumbledores ruhige und überlegte Art, mit der er zuweilen meine Argumente zerpflückte, blieb häufig Sieger, und bei Lupin hatte der alte Mann noch einen besonderen Trick auf Lager … Trotzdem war er keinesfalls ein Besserwisser oder Rechthaber – er folgte durchaus auch meinen Argumenten und Vorschlägen, sofern es mir gelang, ihn zu überzeugen.
„Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, Lucius. Eigentlich war er genau wie du: Albus Dumbledore konnte mir die Gedanken im Kopf umdrehen, so dass ich am Ende nicht mehr sicher war, wo oben und unten, was schwarz oder weiß, gut oder böse ist …“
Crabbe hört auf, Schneeflocken von seinem Umhang zu pusten, und grinst. „Och, das Gefühl kenn ich gut!“
Goyle grinst, sagt aber nichts.
Lucius mustert mich, als sähe er mich zum ersten Mal, und seine Augen nehmen einen seltsamen Ausdruck an, den ich bei ihm noch nie gesehen habe.
„Dann bist du damals auf Dumbledores Befehl hin auf den Friedhof appariert mit nichts in der Tasche als einer fadenscheinigen Geschichte – mit Löchern darin, so groß, dass ein Ungarischer Hornschwanz da durch fliegen könnte? Beim Barte Merlins, du hast Nerven, Severus! Der Dunkle Lord wollte dich umbringen – du erinnerst dich, was er Regulus angetan hat, oder?!“
„Wer könnte das je vergessen.“, murmle ich und erschaudere bei dem Gedanken an das Verhör auf dem Friedhof. „Potter hat uns von den Worten des Dunklen Lords berichtet, bevor Dumbledore mich bat, zu meinem ehemaligen Herrn zurückzukehren.“
„Dem Führer des Phönixordens und dir war doch wohl klar, dass unser Herr und Meister bei diesem Pokerspiel irgendwann deine Karten würde sehen wollen, Severus - du konntest doch nicht ernsthaft annehmen, langfristig ohne handfesten Beweis deiner Treue durchzukommen!“
„Dumbledore bestand darauf, dass ich beim ersten Anzeichen von Gefahr umgehend meine Spionagetätigkeit aufgeben und mich in Hogwarts in Sicherheit bringen müsse …“
Malfoy schweigt lange, bis sich schließlich die steile Falte finsteren Zweifels wieder zwischen seinen Augenbrauen bildet.
„Wieso hast du Narcissa den unbrechbaren Schwur geschworen? Damit hast du dir doch selbst den Kopf in die Schlinge gesteckt! Oder warst du tatsächlich des alten Mannes und seiner moralischen Erpressungen überdrüssig und wolltest dich wieder dem Dunklen Lord zuwenden?“ Er rückt unbewusst ein wenig von mir ab.
Ich seufze leise.
„Ich … ich dachte, ich müsse nur schwören, Draco zu beschützen. Doch dann habe ich einen absolut unverzeihlichen, idiotischen Fehler begangen – ich überließ Narcissa die Formulierung des Schwures! Als mir aufging, worauf sie hinaus wollte, war es bereits zu spät. Die Hand wegzuziehen hätte Bellatrix bestätigt, dass ich entweder ein Feigling oder ein Verräter bin.“
Die steile Falte zwischen Lucius Lucius Augen glättet sich.
„Draco … Ich wusste, dass du auf ihn aufpassen wirst!“
Ich fröstle unbehaglich.
„Ich war ja auch Schuld daran, dass die Sache im Ministerium schief ging und du in Askaban gelandet bist. Wenn ich gewusst hätte, dass man dich festnehmen und der Dunkle Lord - aus Rache an dir und um mich zu einer Entscheidung zu zwingen - von deinen Sohn diese schreckliche Tat fordern würde …“
„… hättest du trotzdem nicht anders handeln können.“, vollendet Lucius mit ausdrucksloser Stimme.
Ich mustere meine Schuhe: Sie sind schmutzig.
Lucius räuspert sich, und ich blicke auf. Er scheint nicht so zornig zu sein wie vorhin, als er mich deshalb noch der Willkür unseres Meisters ausliefern oder mir die Kehle aufschlitzen wollte …
„Wie auch immer – du hast Dumbledore getötet und meinen Sohn davor bewahrt, entweder getötet zu werden oder einen Mord begehen zu müssen. Hast du Dumbledore von deiner Zwickmühle erzählt oder starb der alte Mann ahnungslos?“
Ich schlucke heftig.
„Ich wollte ihm eigentlich nicht … Man konnte Dumbledore nur schwer etwas verheimlichen. Er spürte genau wie der Dunkle Lord, wenn jemand versucht, ihn anzulügen. Nur wenige Stunden nach dem Besuch deiner Frau und ihrer Schwester bekam ich mitten in der Nacht eine Blitzeule von Madam Pomfrey mit der Nachricht, ich solle mich auf der Stelle nach Hogwarts begeben! Ich folgte dieser Aufforderung natürlich umgehend, und fand Dumbledore dort schwer verletzt und mit dem Tode ringend im Krankenflügel vor.“
„Was war passiert?“, wirft Crabbe neugierig ein und knabbert aufgeregt an den Fingernägeln. Abwesend ziehe ich ihm die Hand vom Munde weg.
„Dumbledore hatte sich den Fluch eines Ringes zugezogen, den der Dunkle Lord selbst verzaubert und versteckt hatte.“, erkläre ich. Das Bild von Dumbledores Gesicht, weiß wie die Bettlaken, und mit dem mühsam beherrschten Ausdruck großen Schmerzes um den Mund und in den Falten rund um die Augen, steigt vor mir auf. Auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß, und die Hand, mit der er nach mir griff, war eiskalt. Seine andere Hand jedoch sah aus wie ein verdorrter Ast …
„Es gelang mir, Dumbledore ein Antidot einzuflößen, bevor er das Bewusstsein verlor. Ich saß die ganze Nacht und den nächsten Tag und noch eine Nacht an seinem Bett, aber es wurde immer schlimmer, und er wand sich und schrie in seinen Fieberträumen … Lucius - es war genauso fürchterlich wie damals, als wir beide dieses unerlaubte Experiment durchgeführt haben!“ Ich beherrsche mich mit größter Anstrengung, um beim Gedanken an das Leiden meiner beiden so unterschiedlichen und in mancher Hinsicht doch so ähnlichen Freunde nicht zu zittern wie ein zwippliger Bibberzip.
„Du hättest ihn sterben lassen können – dann hätte dich der unbrechbare Schwur nicht länger gebunden!“, bemerkt Lucius leise. „Aber ich nehme an, dass du das nicht konntest – nicht mal, um dein Leben zu retten.“
Ich blinzle hinauf in den Schnee. Es wird auch heute nicht richtig hell werden.
„Als es Dumbledore endlich besser ging und er sich langsam erholte, bemerkte er leider bald, dass ich ihm etwas verschwieg. Als er mir ernsthaft drohte, sein Gegenmittel nicht mehr einzunehmen – er konnte sehr stur sein, der Alte! – falls ich nicht endlich mit der Sprache herausrücken wollte, da habe ich ihm von Voldemorts Plan und dem Schwur erzählt. Und irgendwie – ich weiß selbst nicht, wie er mich dazu überredet hat - habe ich schließlich zugestimmt, ihn zu töten, falls ich Draco nicht rechtzeitig zur Aufgabe seiner Pläne überreden könne.“
Ich ziehe die Knie an und verberge mein Gesicht in den verschränkten Armen. Ich kann es heute und noch immer nicht glauben, dass ich mich tatsächlich auf Dumbledores wahnsinnigen und selbstmörderischen Plan eingelassen habe!
Eine Hand, leicht wie eine Feder und warm wie der Sommer, legt sich zwischen meine Schulterblätter. Als ich aufsehe, blicke ich in Lucius Gesicht. „Er hat also von dir verlangt, dass du ihn tötest, um dich und Draco zu retten …“ Mein Freund schluckt mühsam irgendetwas Großes und offensichtlich sehr Sperriges hinunter. „Es stimmt, was man sich über den alten Mann erzählt: Albus Dumbledore war wahrlich groß – groß und grausam!“, ergänzt er sehr leise.
Schweigend sehen wir einander an.
„Willst du dich denn jetzt an Dumbledores Stelle mit dem Dunklen Lord anlegen, Severus?“, fragt Gregory ängstlich, und sein harmloses Mondkalbgesicht ist vor Furcht ganz blass.
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ich kann Voldemort nicht besiegen. Das kann nur Harry Potter!“
Zischend zieht Malfoy die Luft zwischen den Zähnen hindurch. „DER! Ausgerechnet!“
„Ja, leider. Voldemorts, meines und unser aller Schicksal hängt vom Erfolg eines unfähigen Idioten ab, der dazu noch genauso heimtückisch und überheblich ist wie sein Vater!“
Lucius runzelt zornig die Stirn. „Ja, dieser Kerl, den sie neuerdings den „Auserwählten“ nennen, wie Zissy mir berichtete, ist genauso, wie du seinen Vater immer beschrieben hast. Er hat Draco fürchterlich zugerichtet im letzten Jahr, und wenn du nicht eingeschritten wärst … Und dieses missratene Balg soll uns vom Dunklen Lord befreien? Bist du dir da völlig sicher, Severus – jeder Irrtum ausgeschlossen?“
Ich nicke unglücklich.
„Ich bin sicher. Dumbledore kannte den Teil der Prophezeiung, den ich niemals erfahren durfte, damit ihn der Dunkle Lord ihn nicht unter der Folter aus mir herauspressen kann, falls er mich erwischen sollte.“ Müde reibe ich mir das Gesicht. Wir müssen jetzt bald aufbrechen, oder die Patrouillen von Askaban stöbern uns auf.
„Du hast also nichts als Dumbledores Wort, dass allein Harry Potter den Dunklen Lord endgültig besiegen kann? Und wenn der alte Mann dich belogen hat, um wieder einmal einen seiner Lieblinge zu schützen? – Ausgerechnet Du, Severus, verlässt dich ohne Sicherheit auf das Wort eines alten Mannes und legst dein Leben in die Hände des Sohnes von James Potter?“ Lucius starrt mich an, als habe ich mich vor seinen Augen in einen Thestral verwandelt.
„Ich vertraue Albus Dumbledore!“, entgegne ich stur und beiße die Zähne aufeinander.
„Aber …“, beginnt Lucius.
„Wir haben das jetzt erörtert, und nichts auf der Welt kann mich dazu bewegen, meine Meinung zu ändern – auch du nicht, Lucius!“, unterbreche ich so scharf, dass alle zusammenzucken.
„Also – ich vertraue Dumbledore kein bisschen!“, meint Goyle schließlich.
„Musst du auch nicht - ich ziehe das allein durch!“ Ich erhebe mich steif. „Es ist spät. Wir müssen los, bevor die Wächter von Askaban ihre Gefangenen durchzählen und dein Fehlen entdecken, Lucius!“ Abrupt wende ich mich zum Gehen, doch jemand packt mich mit festem Griff am Ellenbogen und hält mich zurück.
„Wohin du gehst, dahin gehen wir auch.“, erklärt Lucius sanft, und Crabbe und Goyle nicken heftig. „Auch wenn wir dein blindes Vertrauen in den alten Mummelgreis nicht verstehen können, so werden wir doch ganz sicher nicht zulassen, dass du dir deinen verfluchten Dickschädel einrennst bei dem Versuch, uns alle von … Voldemorts Schreckensherrschaft zu befreien!“
Ich halte überrascht inne.
„Du … hast ihn beim Namen genannt!“
Lucius grinst kühl. „Er wollte meinen einzigen Sohn töten, nur um mir eins auszuwischen - es gibt nichts, was er mir und Narcissa darüber hinaus noch antun könnte! Ich habe keine Angst mehr vor ihm! Außerdem ist Krieg schlecht fürs Geschäft – die Leute haben Angst und horten ihre Sickel für schlechte Zeiten …“
Crabbe und Goyle sehen so aus, als seien sie noch lange nicht so weit, aber sie weichen nicht zurück und machen auch sonst keine Anstalten, uns im Stich zu lassen.
„Ihr könnt es euch noch überlegen …“, meine ich leise. „Ein Gedächtniszauber, ganz kurz und schmerzlos, und ihr erinnert euch an nichts mehr, worüber wir heute gesprochen haben …“
„Nein.“, sagt Gregory feste und patscht seine mächtigen Fäuste aneinander. „Ich bin zwar dumm, aber nicht feige! Ich bleib bei meinen Freunden - komme was da wolle!“
„Ich auch.“, ergänzt Victor schlicht und tritt in unseren Kreis,
Lucius und ich sehen einander an. Wir werden einen Weg finden, die beiden unauffällig aus der Gefahrenzone um den Dunklen Lord zu entfernen und ihre unstrittig vorhandenen Talente für unsere kleine Widerstandsgruppe nutzbringend einzusetzen. Lieben Riesen nicht gutes Essen und schlichte, aber gradlinige Unterhaltung - zum Beispiel durch Muggel-Zaubertricks? Und dass Crabbe und Goyle kaum zaubern können, wird die einfältigen Raufbolde wohl am allerwenigsten stören …
Lucius versetzt Victor einen freundschaftlichen Schubs.
„Auf geht’s! Nach Hause - in die Grube der Schlange!“

Wir machen uns auf den Weg zurück zu dem als Muggelzelt getarnten Platz an den Grenzen der Sperrzone Askabans, an dem ich zusammen mit Crabbe und Goyle unsere Zauberstäbe versteckt habe. Ich fühle mich leicht wie seit den Ereignissen auf dem verfluchten Astronomieturm nicht mehr, und kann es noch immer nicht fassen: Ich, der ich im Gegensatz zu Gilderoy Lockhard nicht die geringste Chance habe, jemals „Mister charmantestes Lächeln“ der Hexenwoche zu werden, bin nicht mehr allein und habe Freunde, die zu mir halten, obwohl sie damit sich und ihre Familien in Lebensgefahr bringen könnten - unglaublich!
Der Gedanke verursacht ein ähnlich warmes Gefühl im Bauch wie Tee bei Albus Dumbledore oder Crabbes Chilifudge – wobei mir einfällt, dass ich inzwischen einen Bärenhunger habe. Aber in Babajaga gibt es sicher ein anständiges Frühstück mit Eiern und Speck, gebratenen Nieren, Toast mit Marmelade, heißen, starken Tee …
Jeder Schritt, mit dem wir dem schmalen Wanderweg folgen, führt uns weiter ins Tal und weg vom grässlichen Zauberergefängnis, bis wir endlich unser Versteck erreichen.
Ich nehme meinen Zauberstab und fasste Goyle am Handgelenk, um mit ihm Seite an Seite zu apparieren, während ich Lucius einen weiteren Zauberstab reiche, damit er dasselbe mit Crabbe machen kann. Ich freue mich schon auf ein heißes Bad, die von Tricky fürsorglich angewärmten Handtücher (was ich nie im Leben zugeben würde!) und mein Bett …
„Was ist denn das für ein Holzknüppel?“, fragt Lucius, berührt mit spitzen Fingern den fremden Zauberstab und zieht spöttisch die Augenbraue hoch. „So ein verkratztes und abgenutztes Teil ist mir ja im Leben noch nicht in die Hände gefallen – ich hoffe, du hast ihn gut desinfiziert! Gab es nichts Besseres auf dem Gebrauchtzauberstabmarkt?“
Ich zucke die Schultern.
„Hat mal Lupin gehört. Ich fand auf die Schnelle keinen anderen, darum hab ich den genommen.“
„Lupin? Dieser zerlumpte Halbmensch vom Phönixorden, der aussieht, als bezöge er seine Sachen aus der Kleiderkammer der Sorgenfresser? – Igitt!“ Er macht Anstalten, mir den Zauberstab angewidert vor die Füße zu schleudern.
„Ich habe nicht drei Arme …“, erinnere ich sanft.
Wütend setzt Lucius zu einer Antwort an, doch dann verziehen sich seine Lippen zu einem ironischen Grinsen.
„Ich bin so froh, wieder in Freiheit zu sein … ich glaube, dafür kann ich mich ausnahmsweise sogar mal mit dem Zauberstab eines Werwolfes abfinden.“
Er zieht den Ärmel über die Hand, damit seine schlanken weißen Hände nicht das zerkratzte Holz berühren müssen, und fasst Victors Handgelenk.
„Also?“
Ich nicke und konzentriere mich …

… und anstatt der schroffen Kulisse der verschneiten Highlands taucht eine weite Ebene mit von Raureif überzogenen, fahlen Grasbüscheln auf. Ich lasse Gregorys Handgelenk los, und der dreht sich sofort suchend nach der Zwingfeste unseres Herren um, als ein leises „Plopp“ die Ankunft von Lucius und Victor bestätigt.
Lucius hebt lächelnd den Kopf und öffnet den Mund, doch seine Züge erstarren in purem Entsetzen. Crabbe – ohnehin nicht mit einem allzu aufgeweckten Gesichtsausdruck gesegnet – starrt über meine Schulter hinweg, als habe McGonagall ihm in seinen Verwandlungshausaufgaben ein „Ohnegleichen“ gegeben. Gregory neben mir, der sich bereits umgedreht hat, gibt ein Geräusch von sich, welches sich anhört wie das Glucksen von Moorboden unter schwankenden Füßen.
„Beim Grindelwald!“, flüstert Lucius heiser. „Das darf doch nicht wahr sein!“
Ich wappne mich innerlich und mache mich auf alles gefasst – angefangen von einem Rudel Auroren bis hin zu einem vor Zorn nur so sprühenden Lord Voldemort, der meinen verräterischen Ansichten auf die Spur gekommen ist und mir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen will. Ich umklammere meinen Zauberstab und drehe mich langsam, ganz langsam um …
Zuerst verstehe ich nicht, was meine Kameraden so entsetzt, denn niemand außer uns steht hier in der kargen, windgepeitschten Wildnis, und vor uns stakst wie erwartet die düstere Zwingfestung Babajaga auf ihren schuppigen, krallenbewehrten Hühnerbeinen – doch nein! Ich reibe mir vorsichtig den Schnee aus den Augen, doch das Bild bleibt das gleiche: Babajaga hat sich in ein rosafarbenes und mit glitzerndem Pulverschnee überzuckertes Zuckerbäckerschloß verwandelt. Die hässlichen Hühnerfüße, auf denen die Burg sich fortbewegt, stecken in kuscheligen karierten Puschen, an denen zu allem Überfluss auch noch Häschenohren und Wackelaugen angebracht sind - grauenhafteres Schuhwerk habe ich noch nicht einmal an den Füßen von Miss Arabella Figg gesehen! Jemand mit einem ... sagen wir, gewöhnungsbedürftigen Geschmack, hat offensichtlich beschlossen, das Heim unseres Herren und Gebieters benötige eine stilistische Auffrischung.
Lucius knickt in den Knien ein und bricht neben mir zusammen, während er sich zusammenkrümmt und von lautlosem Lachen geschüttelt auf dem Boden windet. Crabbe grinst leicht dümmlich wie ein Honigkuchenpferd aus dem Honigtopf, während Gregory purpurfarben anläuft und schimpft: „Die tragen ja meine Hausschuhe – die will ich sofort zurück!“
Nachdem Lucius endlich dem Erstickungstod durch Lachen entronnen ist und wieder atmen kann, ohne in wildes Gelächter ausbrechen zu müssen, gehen wir langsam zum Tor, das sich wie gewohnt auf den Wink meines Zauberstabes hin öffnet. Dabei intoniert anstatt des Kreischens rostiger Ketten und dem Knirschen von Scharnieren eine sanfte Stimme „Ti amo! Ich sage nur: Ti aaa-mohoho!“
Staunend wie Kinder am Weihnachtsmorgen setzen wir den Fuß über die Schwelle und betreten eine neue Welt …
Die holprigen grauen Pflastersteine sind normalerweise mit trockenen Binsen und fauligem Stroh bedeckt, um den Schall unserer Tritte zu dämpfen und den Dunklen Lord nicht bei seinen Geschäften zu stören. Jemand hat sie ausgekehrt und durch frisches, duftendes Heu ersetzt. Der Geruch nach Tod und Verwesung, der sonst immer den Kerkerräumen im Keller entströmt, wird vom Duft der Rosenblätter übertüncht, die fein und leise wie Schnee von der Decke rieseln und sich in unserem Haar verfangen.
Auf dem Weg in die große Halle begegnen uns zwei Ritterrüstungen, die sich in inniger Umarmung verträumt im Wienerwalzertakt wiegen. Die zartschmelzende Melodie dazu wird von einem Rudel verzauberter Geigen gespielt, die das eiserne Paar umschweben.
In der großen Halle erwartet uns eine weitere Überraschung: Eine Gruppe von Todessern hat alle Tische zu einer improvisierten Bühne zusammen geschoben, auf der die Theatertruppe aus gestandenen Mannsbildern ein Herrenballett improvisiert. Die himbeerrosa Tütüs der Darsteller stehen dabei in hartem Kontrast zu ihren nackten behaarten Männerbeinen …
Rodolphus Lestrage liegt betrunken wie immer in der Ecke und singt wehmütig vor sich hin: „Es lebe die Liebe, der Wein und der Suff …“, während seine Ehefrau Bellatrix zusammen mit den wenigen Damen unter den Todessern ein riesiges Spruchband anfertigt.
Vorsichtig beuge ich mich über das Plakat und lese: „Rabi, ich will ein Kind von dir!“
Lucius neben mir erschaudert, hebt die Brauen und flüstert mir zu: „Das ist nicht mehr lustig – das ist unheimlich!“
Bellatrix – mit bunten Klecksen auf Gesicht und Kleidung – hebt kurz den Kopf von ihrer Pinselarbeit, lächelt Lucius mit einem irren Ausdruck auf dem Gesicht an und sagt: „Hallo, lieber Schwager! Ich freue mich, dich zu sehen. Aber du hast sicher Verständnis, dass ich dich nicht umarme – du siehst, ich habe äußerst wichtige Aufgaben zu erfüllen!“ Und leise vor sich hinsummend macht sie sich daran, der Forderung nach Nachwuchs ein dickes rotes Herz hinzuzufügen.
„Sicher, Bella, sicher!“, murmelt Lucius erschrocken und weicht ein paar Schritte zurück. Bellatrix amouröse Eigenarten sind ihm offensichtlich vertraut.
Soeben betritt eine marodierende Bande aus Todessern die große Halle und stürzt sich auf die Wände und ihre Dekoration – schwuppdiwupp verwandelt sich der kalte Granit in rosa Plüsch, niedliche Gänseblümchentapete oder eine himmelblaue Explosion aus Samt, was unter den anderen Mitgliedern der Gruppe zu lautstarken Protesten führt – man sein schließlich nicht schwul!
Der Angeschuldigte protestiert energisch – schließlich sei Rabastan ein Mann, und Männer mögen eben lieber blau als rosa …
„Was war eigentlich in dem Fläschchen, dass du Rabastan bei unserem Abschied so unauffällig in den Umhang gesteckt hast?“, fragt Crabbe plötzlich.
Soviel Scharfsinn hätte ich meinem Freund gar nicht zugetraut!
„Wie kommst du darauf, ich hätte ihm etwas zugesteckt?“, frage ich mit meinem neutralsten Gesichtsausdruck, doch Victor knufft mich freundschaftlich in die Seite.
„Wer hat Gregory und mir denn Muggelzaubertricks beigebracht? Das warst du doch!“, grinst er.
„Soso!“, meint Lucius und mustert mich von oben bis unten. „Raus mit der Sprache – was war in dem Fläschchen?“
„Himbeersaft.“, erkläre ich ernsthaft.
Lucius schnaubt ungläubig.
„Das kannst du deiner …“
„Die sind tot, sagte ich doch schon.“, falle ich ihm ins Wort. „Außerdem stimmt es, in dem Fläschchen war nur Himbeersaft, als ich zurück in Lestranges Umhang gesteckt habe.“
Malfoy schaltet sofort.
„Und vorher?“
„Rabastans Amortentia, mit dem er sich all die Frauen angelt, die er sonst nicht kriegen kann.“
„Darf ich dann fragen, was mit dem Amortentia geschehen ist?“
Ich winde mich unter Lucius Blick wie ein Wurm.
„Das habe ich … zweckentfremdet.“
So leicht entkommt man einem Malfoy natürlich nicht.
„Zweckentfremdet? – Kannst du bitte aufhören zu orakeln wie diese unsägliche Spinnerin Trelawney und Klartext mit mir reden, Severus!“
Crabbe grinst verschlagen und hüpft vor Aufregung, einmal im Leben mehr zu wissen als Lucius Malfoy, wie ein Gummiball auf und ab. „Außerdem durfte ich nichts von dem neuen Fass Butterbier trinken – Severus hat mir den Krug beinahe aus der Hand gerissen!“
„Das Bier war doch schlecht!“, protestiert Goyle.
Crabbe schüttelt den Kopf.
„Du schmeckst aber auch gar nichts! Das Butterbier war völlig in Ordnung, als wir es probiert haben. Als wir mal kurz nicht hingeschaut haben, hat Severus einfach Rabastans Amortentia in das Butterbierfass für das Fest geschüttet...“
„… und jetzt spielen alle, die davon getrunken haben, verrückt!“ Lucius grinst diabolisch.
Crabbe und Goyle schütten sich fast aus vor Lachen. „Darum hast du uns also zu der Befreiungsaktion mitgeschleppt – damit wir nicht auch hier herumirren wie liebestolle Turteltauben!“
Ich mustere Crabbes und Goyles massige Gestalten und denke dabei eher an brünstige … Lassen wir das.
„Netter Spaß, Sev. Wolltest du damit deine Kritik am Unterhaltungsprogramm des Dunklen Lords äußern, oder hat dieses Chaos einen bestimmten Sinn?“, fragt Malfoy und weicht elegant einer Herde zu Tode erschrockener Hauselfen aus, die das Frühstück auftragen: anstatt der gewohnten Spanferkel, gebratenen Ochsen am Spieß und Butterbierkrüge hat jemand Marzipantorte, Eierlikör und Kakao bestellt.
Crabbe klatscht in die Hände und bedient sich freizügig von den Platten. „Endlich mal was leckeres!“, kaut er mit vollen Backen, „Ich liebe Süßigkeiten.“
„Ja, unser lieber Victor ist wirklich ein ganz Süßer!“, meint Lucius, ohne seinen forschenden Blick von mir zu wenden. „Also, Severus, was hast du ausgefressen, bevor ihr zu meiner Rettung aufgebrochen seid?“
Ich setze mein ahnungslosestes Gesicht auf.
„Nur eine alte Rechnung bezahlt, das ist alles!“
Malfoy merkt, dass ich mich zu dem Thema nicht weiter auslassen möchte, und betrachtet angewidert das Portrait von Balthasar dem Blutigen und seiner Gattin Gudrun der Grausamen, die sich eng umschlungen hinter einem Vorhang küssen, anstatt sich gegenseitig mit goldenem Geschirr zu bewerfen, wie sie es üblicherweise tun... Die neue Stimmungslage im Lager der Todesser scheint ansteckend zu sein.
„Komm, lass uns gehen! Ich will so schnell wie möglich aus den Gefängnisklamotten raus und mir den Geruch Askabans vom Leib waschen!“, meint Lucius und zieht mich mit sich, während Crabbe und Goyle beschlossen haben, sich erst einmal am ungewohnten Frühstücksbuffet zu stärken beziehungsweise dem neuerdings sehr interessierten Publikum Gregorys grandiosen Schmetterlingszauber vorzuführen.
„Wenn das der Dunkle Lord erfährt ...“, grinst Lucius. „Ich glaube, ich schaue erst einmal ausgiebig und lange in die Konten und Bilanzen, bevor ich mich vor seiner Lordschaft blicken lasse.“ Mein Freund schubst einen feisten und als besonders grausam bekannten Todesser namens Geßler zur Seite, der sich häufig einen Spaß daraus macht, Muggelkindern einen Apfel auf den Kopf zu legen, den die Väter dann herunterschießen müssen. Heute morgen jedoch trägt der feiste Kerl kleine weiße Flügelchen auf seinen Rücken und spielt den Amor, in dem er mit Pfeil und Bogen bewaffnet am Eingang zu den Kerkern und Rabastans Wärterzimmer lauert, während er vor sich hin murmelt: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen ...!“
Irgendwo in der Burg hebt eine Stimme zu Drehleierbegleitung einen mittelalterlichen Minnesang an. „Iam amore Rabastano totus ardeo – novus, novus amor est quod pereo!“, während Horden von kreischenden und liebestollen Anhängern des Dunklen Lords - für den dies hier ein grässlicher Alptraum sein muss - wie eine Stampede von Einhörnern durch die Gänge trampeln, sobald einer von ihnen auf einen Gang oder ein Fenster deutet und kreischt: „Da ist er! Ich hab ihn gesehen! Rabastan, Geliebter, so warte doch auf uns!“ Dass Rabastan Lestrange immer und ausschließlich nur Mitglieder des weiblichen Geschlechtes mit Voldemorts Amortentia zu betören suchte, ist seinen ebenso hysterischen männlichen Fans offensichtlich entgangen ...
Allerdings ... ich muss gestehen, dass ein paar Tropfen von dem Himbeersaft - mit dem ich das leere Fläschchen wieder aufgefüllt habe, bevor ich es in Rabastans Umhang zurücksteckte - dem Butterbier-Liebestrankgemisch nicht nur wie beabsichtigt eine hervorragende Geschmacksnote verliehen zu haben scheint, sondern auch unerwartet rosafarbene und plüschige Nebenwirkungen zeigt. Nun, Golpalotts zweites Gesetz erweist sich manchmal als unberechenbar!
Als wir den Turm hinauf steigen, hält Lucius mich plötzlich am Arm fest und deutet durch die schmale Schießscharte hinaus in den Burghof. Dort flieht Rabastan Lestrange – mit den Resten eines zerfetzten Umhangs um die Schultern und ansonsten nackt bis auf die Unterhose – vor einer Rotte liebeskranker Todesser, die ihn mit irrem Gesichtsausdruck, Schaum vor dem Mund und extatisch entrücktem Blick über den Hof hinweg hysterisch kreischend verfolgen.
„Rabastan! Unser Held! Wir lieben dich!“
„Rabi! Ich tu alles für dich!“
Die ersten Todesser haben dien Fliehenden fast eingeholt und grabschen gierig nach den Fetzen seines Umhangs. Wem es gelingt, etwas davon abzureißen, drückt das Stoffstück mit verzücktem Gesichtsausdruck ans Herz und verteidigt ihn mit Zähnen und Krallen gegen alle Konkurrenz, die auch eine Trophäe des Angebeteten erhaschen wollen.
„Hilfe! Sie wollen mich fressen! Mit Haut und Haaren!“, brüllt Rabastan verzweifelt, erklimmt in höchster Not die nächste Fahnenstange und klammert sich an deren Spitze fest, während die Menge seiner Fans sich darum balgt, wer ihm jetzt hinter herklettern darf.
„Ich will nur einen Kuss, Rabi! Einen!“, brüllt eine stämmige Hexe mit Damenbart, während ein drei Zentner schwerer Todesser einen zerrupften Blumenkranz hochhält und schreit: „Den habe ich nur für dich gebunden, Rabastan. Komm runter, damit ich dein anbetungswürdiges Gesicht damit umkränze!“
Während die wild gewordene Meute dem bedauernswerten Gefangenenwächter mehr oder weniger unmoralische und unzweideutige Angebote unterbreitet und immer zügelloser um die Gunst Rabastans wetteifert, verabschiedet sich Lucius von mir, und für einen Moment weicht das schelmische Funkeln in seinen kühlen blauen Augen einem weicheren, ernsteren Ausdruck. „Danke, Severus. Für die Befreiung aus Askaban - und für alles andere auch!“ Seine blasse Aristokratenhand berührt kurz und wie zufällig die meine, dann ist er in seinem Zimmer verschwunden.
Ich denke kurz darüber nach, Rabastan aus seiner Klemme zu helfen, verwerfe angesichts der wilden Jagd jedoch die Idee wieder – Amortentia wirkt auch nicht ewig. Langsam steige die letzten Stufen zu meiner Kammer hinauf, in der mich Tricky bereits mit einer Wanne voll heißem Wasser und einem anständigen Frühstück erwartet.
Als ich die Türe gerade erreicht habe, lässt ein gellender, die gesamte Zwingfeste erschütternder Schrei der Vernunft alle und alles erstarren: „Wehe uns allen! Die Gefangenen und Meister Ollivander sind geflohen!“
Ich lächle sanft in mich hinein und schließe die Tür hinter mir.
Amicus optima vitae possessio
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 15. Oktober 2006 17:19 
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Kapitel 30: Remember, o thou man

Lucius und ich gönnen uns einen kleinen Spaß und richten es so ein, dass wir die Ankunft des Dunklen Lords am nächsten Morgen miterleben … sein Gesicht ist unbezahlbar und entschädigt mich für manches.
Der rosafarbene Spuk ist schnell verschwunden, und Katzenjammer folgt auf dem Fuße. Zum Glück kann der, dessen Wut zügellos sein kann, nicht alle Beteiligten an dem Chaos umbringen, sonst wären meine Freunde und ich so ziemlich die einzigen verbliebenen Todesser. Trotzdem möchte niemand in Rabastans Haut stecken …
Obwohl ich nur gedeckte Farben wie grau, dunkelbraun oder schwarz mag und rosa verabscheue wie die Pest, stelle ich zu meiner Verwunderung fest, dass mir etwas fehlt, nachdem alles Rosarote und Kuschelige wieder verschwunden ist. Ich halte eine der amortentiabedingten Änderungen des Ambientes jedenfalls für würdig, beibehalten zu werden, und bitte meine Hauselfe darum, das stinkende Stroh, das wie gewohnt auf den Stufen zu meinem Turmzimmer vor sich hinfault, ab sofort täglich durch frisches Heu zu ersetzen.
Auch andere Todesser scheinen neuerdings von geheimen Sehnsüchten geplagt: Mordekai Pebbleshot hält neuerdings ein weißes Angorakaninchen in seinem Bestiarium, Penelope Hobhouse pflanzt heimlich Liebstöckel und Vergissmeinnicht neben den Giftsumach und die Teufelsschlinge in unseren Kräutergarten, und bei der nächsten Vollversammlung der Todesser trägt Mycroft Aburthnot versteckt unter dem bodenlangen Mantel zur Todesserkluft anstatt schwarzer Stiefel karierte Puschen... Man hilft ihm unauffällig und rasch mit einem Versteckzauber, bevor sie dem Dunklen Lord ins Auge stechen – spontane und uneigennützige Hilfsbereitschaft ist ebenfalls ein Novum in unseren Reihen.
Der Dunkle Lord nimmt Lucius Malfoy wieder gnädig in unsere Reihen auf und überträgt ihm die heruntergewirtschafteten Finanzen. Mein Freund punktet sogleich bei unserem Herrn mit seinem Vorschlag, die Entsorgung alter und nutzloser Hauselfen für einen Spottpreis anzubieten und die Elfen bis zu ihrem Ende noch als billige Arbeitskräfte an diejenigen Zauberer und Hexen zu vermieten, die sich eine Haushaltshilfe nicht kaufen oder ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten. So sei allen gedient: den Zaubererfamilien werden die lästigen emotionalen und organisatorischen Probleme der Beseitigung aufsässiger, in die Jahre gekommener oder kranker Hauselfen abgenommen, und die faulen Dinger machen sich noch ein wenig nützlich, bevor man ihre Köpfe auf ein Wandbrett nageln kann ... Lucius Malfoys Abneigung gegen Hauselfen im allgemeinen und ein Exemplar namens Dobby im besonderen ist dem Dunklen Lord bekannt, und der nimmt den Vorschlag meines Freundes an. Lucius kümmert sich um die zauberrechtliche und finanzielle Seite der neuen Firma „Elves Sweatshop“, dessen Stammpersonal nach dem Wunsch unseres Herrn auch das faule und unterbeschäftigte Elfenpack des Dunklen Lords und der Todesser einverleibt wird. Lucius übernimmt selbstverständlich die Geschäftsführung...
Während ich mich auf das Hogsmeade-Wochenende vorbereite, an dem ich zuerst Draco treffen werde und mir anschließend ein Rechtfertigungstermin mit dem Dunklen Lord bevorsteht, frage ich Tricky, ob sie jemals von seltsamen Elfen wie Dobby gehört hat und was sie von ihnen hält.
Tricky zeigt sich zuerst ungewohnt abweisend und kühl und rückt erst mit der Sprache heraus, nachdem ich ihr sehr widerwillig – und auch nur unter der Bedingung, dass ich die Worte spreche - einen unbrechbaren Schwur abgelegt habe, kein Wort unseres Gespräches meinem Freund Lucius Malfoy, dem Elfenhasser, weiterzugeben.
Als ich geschworen habe und mir das Handgelenk reibe, rückt Tricky damit heraus, dass es sich bei der abtrünnigen Hauselfe der Malfoys mit Namen Dobby tatsächlich um einen Cousin der Schwester des Schwippschwagers seiner Großtante handele, deren angeheirateter Onkel damals mit der Schwiegermutter seiner Oma wasauchimmer ... und Tricky und Dobby durchaus miteinander bekannt seien. Dobby genieße seine Freiheit und die Arbeit in Hogwarts, und Tricky beneide ihn manchmal heimlich darum ... Die Hauselfe knetet verlegen ihr grässliches Küchenhandtuch, weicht meinem Blick aus und schaut verlegen zu Boden.
Ich nicke geistesabwesend und erkundige mich nach Trickys Großmutter, die unter Lucius Geschäftsführung für die neue Firma des Dunklen Lords zurückgekauft wurde und jetzt für eine neue Arbeitgeberin schuften muss: die Squib Miss Arabella Figg.
Tricky wird wieder lebhafter und bemerkt, dass Miss Figg zwar einen Faible für Katzen habe, aber das treffe sich gut, den Trickys Großmutter sei ebenfalls ganz versessen auf diese Tiere, und die beiden verstünden sich prächtig.
Bevor mir das ganze zu rührselig wird bemerke ich spöttisch, dass ich auf Homestorys aus dem Alltagsleben von Squibs und Hauselfen nicht wirklich versessen sei, während ich in die Schublade des Arbeitstisches in der Bibliothek ein paar alte, ausgeleierte Socken in einem adressierten Briefumschlag zwischen die Seiten meines Testamentes lege. Tricky wendet sich daraufhin schroff ab und macht sich gekränkt wieder mit ihrer Hausarbeit zu schaffen.

Etwa eine Woche später geraten Lucius und ich bei der Verabschiedung von Crabbe und Goyle, die sich auf Befehl des Dunklen Lords zukünftig um die diplomatischen Beziehungen zu den Riesen kümmern sollen, vor versammelter Todessermannschaft heftig aneinander: Lucius beschimpft mich als arroganten Idioten, der von Geldangelegenheiten so viel verstünde wie ein Feuersalamander vom Tauchen, und dessen Unfähigkeit die Familie Malfoy und den Dunklen Lord beinahe ruiniert habe. Ich entgegne wütend, ich hätte niemals um den Posten des Finanzverwalters gebeten, und da wir gerade von Unfähigkeit sprächen: Hätte Malfoy im Ministerium nicht so kläglich versagt, wäre meine eisige nächtliche Kletterpartie nach Askaban nicht notwendig geworden, und falls ihn die Auroren nochmals erwischen sollten, könne er samt seinem aristokratischen Hochmut gerne im Zauberergefängnis verrotten ...
Der Dunkle Lord fährt dazwischen, als wir unsere Zauberstäbe zücken, und verdonnert uns zu einem Waffenstillstand. Fortan begegnen Malfoy und ich einander mit eisiger Höflichkeit und gehen uns aus dem Weg wo wir können.
Der Dunkle Lord verzieht bei unserer Auseinandersetzung nicht das Gesicht und zeigt auch sonst keinerlei Regung – trotzdem bin ich mir sicher, dass er unseren Streit genossen hat.
Das Hogsmeade-Wochenende kommt heran, und mit ihm tritt Tauwetter ein, das die Straßen in Schlammlöcher verwandelt und von den Dächern der Häuser im Zauberdorf Ladungen geschmolzenen Schnees in die Kragen unaufmerksamer Schüler ergießt, die alle so schnell als möglich vor dem Wetter in die drei Besen oder den Honigtopf entschwinden.
Ich vermumme mich vom Kopf bis zu den Füßen mit schwarzen Tüchern und bin sicher, dass ich bei diesem Wetter im Eberkopf nicht auffallen werde, wenn ich Draco treffe.
Ich treffe pünktlich ein und setze mich wortlos und unaufgefordert an den Tisch zu der Gruppe von Slytherin-Schülern, die auf Dracos Wink hin schnell und mit einem scheuen Seitenblick auf meine verhüllte Gestalt aufstehen und sich unter gemurmelten Entschuldigungen verabschieden.
„Sir, ich …“, beginnt Draco, doch ich zische leise: „Nicht hier. Hier haben die Wände gerne Ohren, und der dreckige Wirt hier hat zwar keine Lust zu putzen, aber dafür ein hervorragendes Gehör! Trink deinen Feuerwhisky aus und folge mir!“
Als Dracos Blondschopf vor der Tür erscheint, wende ich mich um und eile zur heulenden Hütte herüber, die sich wie erwartet grau, düster und unheildrohend unter dem heftigen Regen duckt, der inzwischen eingesetzt hat.
In der heulenden Hütte ist es kalt und klamm. Ich schlage Funken aus den Fingerknöcheln und entzünde damit ein paar alte Bretter, bevor ich mich aus meiner Verkleidung schäle.
Draco schließt vorsichtig die Türe hinter sich, verschließt sie mit einem Fluch und lässt sich neben mir am Feuer nieder.
„Sir … ich bin froh, dass sie gekommen sind!“
Ich nicke knapp.
„Wie geht es dir? Was macht die Schule?“
Draco zupft an seinen Handschuhen.
„Die Schule läuft ganz gut. Außer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste habe ich überall gute Noten. Und natürlich habe ich mich sehr gefreut, dass mein Vater aus Askaban entkommen ist. Aber ich hörte, es habe Streit gegeben ...?“ Draco gibt vor, sich mit dem Ausziehen der Handschuhe zu beschäftigen, und hält den Kopf gesenkt, damit ich ihm seine Gedanken zu dem Thema nicht ansehen oder mittels Legelimentik aus dem Kopf ziehen kann. Er fürchtet, ich könne ihn zwingen, zwischen seinem Vater und mir für eine Seite Partei ergreifen zu müssen.
Ich berühre kurz seinen Arm, und er schaut auf.
„Ich würde mir darüber an deiner Stelle keine Gedanken machen.“, erkläre ich sanft. „Eine Lappalie, sonst nichts. Vertrau deinem Vater in allen Dingen und befolge seinen Rat! Er ist ein guter Mann, und er liebt dich und deine Mutter über alles.“
Draco schluckt heftig und nickt.
„Ja, Sir.“
Ich klopfe ihm kurz zustimmend auf die Schulter. Draco ist seit jenen Sommertagen, in denen wir beide Obst in Scheiben geschnippelt und Okklumentik geübt haben, nochmals gewachsen und nunmehr genauso groß wie ich. Noch ein paar Monate, und er wird die Länge seines Vaters erreicht haben.
„Also, wie stehen die Dinge in Hogwarts?“, frage ich betont munter. „irgendwelche Neuigkeiten, von denen ich wissen sollte?“
Draco nickt heftig.
„Ja, die gibt es! Man hat Direktor McGonagall mitten in der Nacht bewusstlos vor dem Büro Mr. Hide – also dem des Dunklen Lords - aufgefunden und in den Krankenflügel gebracht! Luna Lovegood aus der Sechsten hat die Direktorin ganz kurz gesehen, weil sie gerade wegen ihres Schlickschupf-Schnupfens von Madam Pomfrey einen Zaubertrank bekam. Loony behauptet, der alte Hausdrachen der Gryffindors habe etwas von einem verfluchten Spiegel gemurmelt, als man sie in das Krankenbett legte. Sir …“ Draco stockt und sieht auf einmal sehr ernst und besorgt aus. „Sie wird doch nicht sterben, oder? Ich meine, ich kann sie nicht ausstehen, aber sie hat mich immerhin damals aus der Höhle bei den Zentauren herausgeholt, und ich will einfach nicht …“ Seine Stimme wird von Wort zu Wort leiser, bis er schließlich verstummt.
Ich runzle die Stirn. Das sind Neuigkeiten, die mir Sorge bereiten.
„Nein, sie hat wahrscheinlich nur einen Schock erlitten. Wird ihr Krankenzimmer bewacht?“
Draco scheint überrascht. „Nein! Wieso sollte es?“
„Nur so ein Gedanke …“, murmle ich. „Kannst du aus Slughorns Vorräten Vergissmich-Essenz stehlen?“
„Die kann ich selbst herstellen!“, meint Draco eine Spur beleidigt. „Ich hatte in den ersten fünf Jahren in Hogwarts einen recht fähigen Zaubertranklehrer, müssen sie wissen.“
Ich blinzle ins Feuer, damit er nicht merkt, wie sehr ich mich über seine Worte freue. Leider höre ich eigentlich nie von ehemaligen Schülern, dass ich ihnen was beigebracht hätte. Obwohl einige meiner Schüler ihre naturgegebene Trägheit, Einfallslosigkeit oder Dummheit überwinden konnten und in ihren späteren Berufskarrieren recht ansehnliche Tränkebrauer geworden sind, hatte ich immer den Eindruck, als weine meinem Unterricht niemand auch nur eine Träne nach.
Ich räuspere mich. „Wenn das so ist, dann könntest du vielleicht ein paar Tropfen Vergissmich-Essenz in McGonagalls Wasserglas auf dem Nachttisch schmuggeln und darüber hinaus Madame Pomfrey dazu bringen, die Direktorin nicht aus den Augen zu lassen, bis sie wieder aufwacht und berichten kann, was geschehen ist? Behaupte einfach, du hättest gesehen, wie sich jemand an ihrem Bett zu schaffen machte.“
„Aber ich war doch in der letzten Zeit gar nicht im Krankenflügel!“
„Dann sieh zu, dass du dort hin geschickt wirst! Lass dir eine blutige Nase verpassen oder sonst was – es ist wichtig, dass McGonagall sich nicht erinnert, was passiert ist, und niemand sie im Schlaf überraschen und sie zum Schweigen bringen kann! Sobald sie aufwacht und erklärt, dass sie sich an nichts erinnert, ist sie außer Gefahr!“
„Aber wer sollte das denn – glauben sie, der Dunkle Lord hat etwas damit zu tun?“
Ich verschließe meinen Geist gegen Draco – nur so zur Vorsicht, man weiß ja nie – und lüge kühl: „Warum sollte dem größten Zauberer aller Zeiten daran gelegen sein, Draco? Unser Herr bereitet eine neue Zukunft für Reinblüter vor und ist wohl kaum daran interessiert, Direktor von Hogwarts zu werden!“
„Aber der Dunkle Lord wird doch alle Schlammblüter und Blutsverräter aus Hogwarts herauswerfen, sobald wir erst einmal das Sagen im Zaubereiministerium haben! Als neuer Direktor von Hogwarts könnte er schon bald bestimmen, wer und was zukünftig an der Schule unterrichtet wird!“
Draco hat eindeutig etwas von seinem Vater geerbt – und damit meine ich nicht Malfoy Manor oder das Gold, das dem jungen Mann einst gehören wird. Ich beneide Lucius um diesen Sohn!
„Wenn es denn zu den Plänen des Dunklen Lords gehören sollte, McGonagall zu beseitigen, um ihre und Dumbledores Nachfolge anzutreten, dann solltest du dich aus der Schusslinie heraushalten, Draco! Es ist schon ein Wagnis, McGonagall die Vergissmich-Essenz unterzuschieben und Madame Pomfrey zu warnen – wenn du es nicht eingehen möchtest, finde ich einen anderen Weg …“ Minerva McGonagall hat etwas gesehen, das nicht für ihre Augen bestimmt war – und mir rennt die Zeit davon.
„Ich werde tun, was sie gesagt haben. Ich will meinen Fehler vom letzten Jahr nicht wiederholen …“, murmelt Draco unglücklich, und ich fasse ihm unters Kinn und hebe sanft seinen Kopf an, damit ich ihm in die Augen blicken kann.
„Was ist los, Junge? Du verschweigst mir doch etwas!“
Dracos Hände und sein Kinn zittern. „Ich … ist der Dunkle Lord wütend auf sie, Sir?“
Mir wird kalt.
„Wie kommst du darauf?“, frage ich und gebe meiner Stimme einen neutralen Klang.
„Weil … ich habe es nicht getan … es kann doch nicht richtig sein, ihr Vertrauen in mich auszunutzen …“ Er sieht aus, als wünsche er sich verzweifelt einen Tarnumhang herbei, unter dem er verschwinden kann.
„Was hat er dir befohlen?“, frage ich sehr sanft. „Sag es mir, oder wir bekommen wahrscheinlich beide wieder einmal Schwierigkeiten!“ In Anbetracht dessen, was meine mangelnden Überzeugungskünste und Dracos Schweigen beim letzten Mal angerichtet haben, eigentlich die Untertreibung des Jahrhunderts …
„Der Dunkle Lord hat erfahren, dass wir uns heute in Hogsmeade treffen wollen. Er hat mir befohlen, bei unserem Treffen heimlich ihren Zauberstab gegen einen anderen auszutauschen, der genauso aussieht wie ihrer und den der gefangene Meister Ollivander magisch geschwächt hat. Ich habe natürlich gefragt, warum ich das tun soll, aber der Dunkle Lord wollte es mir nicht verraten – er hat mich aus seinem Büro herausgeworfen! Ich habe nicht vor, diesen Befehl zu befolgen und sie zu hintergehen, Sir … ich werde einfach behaupten, ich hätte es vergessen!“ Auf Dracos Stirn hat sich trotz der Kälte ein dünner Film aus kaltem Schweiß gebildet.
„Das darfst du auf keinen Fall! Der Dunkle Lord wird die Lüge sofort erkennen, und dann sind wir beide…“
„Das wird er nicht!“, unterbricht mich Draco rasch. „Ich bin inzwischen sehr gut in Okklumentik, weil ich mich jeden Abend eine halbe Stunde darin übe!“ Draco hat einen Zauberstab aus seinem Winterumhang hervorgezogen, der meinem tatsächlich bis aufs Haar gleicht!
„Dass du meine Mahnungen beherzigt und dich in den Stufen der Okklumentik geübt hast, ist hervorragend und sehr nützlich – aber in diesem Fall hilft uns das nicht weiter! Selbst wenn du den Dunklen Lord hintergehen könntest – und das halte ich für viel zu gefährlich! - so kann er doch leicht überprüfen, ob der Zauberstab, den du ihm zurückbringst, einer von Ollivanders Originalen mit Zaubermacht ist oder eine von den wertlosen Fälschungen, die der Zauberstabmeister mit den anderen Gefangenen in Babajaga herstellen musste! Nein – du übergibst mir die Fälschung und zeigst dem Dunklen Lord meinen Zauberstab vor!“
„Aber – dann können sie nicht mehr richtig zaubern! Sie sind wehrlos …“
„Ich bin niemals wehrlos!“, versetze ich spöttisch. „Nicht, bis ich mausetot bin!“
„Aber …“
„Kein aber, Draco. Bitte vertraue mir – ich komme auch ohne Zauberstab zurecht. Mein Vater war ein Muggel.“
„Das weiß ich – Vater hat es mir erzählt. Aber ohne Zauberstab …“
„Du wirst einen Grund finden, meinen Zauberstab wieder an dich zu nehmen. Nachts schleichst du dich hinunter aufs Schulgelände zu Dumbledores Grabmal und versteckst ihn dort! Ich hole ihn mir zurück, sobald ich kann!“
Widerstrebend lässt er sich Ollivanders gefälschten Zauberstab aus der Hand winden und durch meinen echten austauschen.
„Nur Mut, es wird alles wieder in Ordnung kommen!“, versichere ich mit viel mehr Zuversicht, als ich selbst aufbringen kann. „Halte dich an deine Familie und deine Freunde und sei mutig, klug und aufrecht wie ein Slytherin, was auch immer geschehen mag!“
Draco lächelt zaghaft, dann sicherer. „Wie immer.“, grinst er. „Und Sie - sein sie bitte vorsichtig, Sir!“
„Ich bin immer vorsichtig und kann auf mich aufpassen.“, gebe ich zurück. „Jetzt lass uns gehen – ich habe noch viel zu tun.“
Draco steht auf und reicht mir die Hand.
„Warum habe ich das deutliche Gefühl, dass sie sich gerade für eine sehr lange Zeit von mir verabschieden wollen und es deshalb so kurz wie möglich halten?“, fragt er leise.
Ich schlucke heftig und öffne den Mund, um ihn ein weiteres Mal anzulügen, doch Dracos eisblaue Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, ganz wie die seines Vaters, wenn er sich getäuscht glaubt.
„Weil es so ist. Wir werden uns lange nicht wieder sehen – falls überhaupt.“
Draco wird blass.
„Ein Einsatz gegen die Auroren oder den Phönixorden? Oder …?“
Ich winke ab. „Es gibt noch etwas, Draco, um das ich dich bitten möchte ...“
„Sir?“
„Ich hätte gerne ein paar Haare von dir. Eine Strähne reicht aus.“
„Vielsafttrank?“, fragt er und verzieht das Gesicht. Ob er etwas ahnt? Wahrscheinlich, denn schließlich ist er ein Malfoy und seines Vaters Sohn...
„Wer weiß?“, frage ich zurück und erwidere sein Lächeln.
„Grindelwald sei mit euch!“, flüstert er heiser, als er mich zum Abschied kurz umarmt. Sein in den letzten Monaten kantiger gewordenes Gesicht hat einen weiteren Teil seiner kindlichen Unschuld verloren.
„… und er stehe dir bei!“, ergänze ich den traditionellen Wunsch der Todesser, bevor ich mich abwende, die Bestandteile meiner Verkleidung überwerfe und die Hütte verlasse.
Mit dem Zauberstabmurks kann ich apparieren, und er fällt dabei in keiner Weise unangenehm auf. Wie ich nach einigen anspruchsvolleren Testversuchen jedoch feststellen muss, taugt er darüber hinaus zu nicht sehr viel mehr als einfachen Zaubereien, die nicht einmal UTZ-Niveau entsprechen.

Auf Anweisung des Dunklen Lords erwartet mich das Tribunal der Todesserversammlung bereits in der großen Halle. Irgendwie erinnert mich das Szenenbild an den Circus Maximus in Rom: Das unterhaltungsbegierige Publikum jedenfalls hat sich mit Butterbier, Feuerwhisky und diversen Speisen versorgt und harrt nun gespannt auf die Dinge, die da kommen mögen. Alle, die sich nicht auf einer Außenmission befinden wie etwa Victor Crabbe und Geoffrey Goyle, möchten gerne Zeuge zu werden, ob ich mich dem Urteilsspruch unseres Anklägers, Schöffen und Richters in Personalunion, dem Dunklen Lord, unterwerfen werde, oder ob ich möglicherweise ...
Während mir Erinnerungen an meine Verhandlung in Sachen Verstoß gegen die Heilerordnung vor dem Zaubergamot durch den Kopf schießen, werfe ich rasch einen Blick in die Runde: Links und rechts vom erhöht aufgebauten Thronsessel des Herren und Gebieters über unser aller Schicksal sind Tische aufgebaut, an denen zwölf Todesser wie Geschworene beim Zaubergamot aufgereiht sitzen. Unter ihnen erkenne ich Hermann Geßler wieder, den verhinderten Amor und Scharfschützen, sowie eine Auswahl der hinterhältigsten, dümmsten oder rohsten Anhänger des Dunklen Lords, denen ein Menschenleben allesamt nichts gilt.
Am Kopf des Tisches sitzt auf der Bank der Anklägerin sitzt neben einem Stapel von Pergamenten Bellatrix Lestrange, deren Lippen blutrot im Fackelschein glänzen. Ihre fanatisch funkelnden Augen blitzen mir so feindselig wie eh und je entgegen, und unser Waffenstillstand um Dracos Willen ist in weite Ferne entschwunden.
Alle Augen wenden sich mir zu, als ich die Halle betrete, den langen Gang entlang schreite und meine Stiefeltritte laut von den Wänden widerhallen, und mit einem Schlag ist es still wie auf einer Trauerfeier, nachdem die Totenglocke verstummt.
Ich gehe zu dem Stehpult, das einsam und allein dem alles überragenden, mächtigen Thronsessel des Dunklen Lords trotzt und dem Angeklagten leider nicht den Luxus eines Sitzplatzes gönnt.
Lucius Malfoy sitzt unter den Zeugen auf der für diese Gruppe vorbehaltenen Bank und sieht wie immer sehr elegant und vornehm aus.
Ein gewaltiger Gong ertönt, und der Dunkle Lord rauscht herein, majestätisch, Ehrfurcht gebietend und Furcht einflößend wie immer in seinem überreich bestickten silbernen Mantel, der sich hinter ihm unheilvoll bauscht.
Während ich wie alle anderen vor dem größten schwarzen Zauberer aller Zeiten auf die Knie sinke, lässt Malfoy seinen Blick wie zufällig auf mir ruhen, legt die Hand beiläufig auf seinen Zauberstab und hebt eine Augenbraue. Ich blinzle kurz und senke sofort den Blick, als mein Herr und Gebieter geruht, meine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen.
„Severus Snape, du kannst dir sicher denken, weswegen ich die Todesserversammlung heute einberufen habe und wessen man dich beschuldigt?“
Ausnahmsweise senke ich den Blick nicht vor dem roten Glühen der Schlangenaugen..
„Du ziehst es vor zu schweigen, Severus? Nun gut, dann wollen wir ohne Umschweif zur Erörterung deiner Versäumnisse und Verfehlungen kommen, die du dir nach Ansicht des Tribunals hast zu Schulden kommen lassen.“ Der Dunkle Lord verzieht die Lippen zur Karikatur eines Lächelns. „Lucius Malfoy hat glücklicherweise den gröbsten Schaden, den du angerichtet hast, wieder ausgemerzt. Seine Idee, alte und faule Hauselfen ihren Besitzern abzukaufen und weiterzuvermieten, scheint ein voller Erfolg zu werden!“
„Das freut mich, Herr.“, knirsche ich zwischen den Zähnen.
Der Dunkle Lord hebt spöttisch die Augenbrauen.
„Ich hatte angenommen, ihr beide wäret befreundet?“
„Nicht mehr seit dieser undankbare Drecksack versucht, mir allein die Schuld an der Finanzmisere in die Schuhe zu schieben! Malfoy war der Dummkopf, der sich gefangen nehmen ließ. Ich hingegen habe mich nie darum gerissen, seine Aufgaben auch noch zu übernehmen und euer Gold zu verwalten! Warum habt ihr mir das auch noch aufgeladen, mein Lord? Meine Eltern waren arm wie Mäuse, und mir selbst liegt nichts an Geld, wie ihr sehr wohl wisst!“ Ich werfe Malfoy zwischen zusammengekniffenen Augenliedern einen funkelnden Blick zu. „Dankbarkeit einem Freund gegenüber ist kein Gut, aus dem man Profit schlagen könnte, nicht wahr, Malfoy?“
Hinter dem Rücken des Dunklen Lords grinst Malfoy hochmütig und wird sofort ernst, als sich unser Herr ihm zuwendet.
„Gerade du sprichst von Freundschaft, Snape? Du hast mich doch nur aus Askaban herausgeholt, damit du wieder mehr Zeit hast, dich um deine Bücher, Zaubertränke und die Dunklen Künste zu kümmern!“, versetzt Lucius kühl. „Menschen bedeuten dir doch nur als Werkzeuge etwas, nicht als Personen!“
Ich schnaube verächtlich.
Unser Herr legt die Stirn in Falten, und tief hinten in seinen Augen erscheint dieses rote Glühen, das mir einen kalten Schauder den Rücken hinabzujagen vermag.
„Da bin ich mir nicht so sicher, Malfoy. Severus ist vielleicht nicht ganz so kühl, wie er uns das gerne glauben machen möchte …“
Mir ist als habe mir jemand einen Boxhieb in den Magen verpasst, und ich taste nach meinem nutzlosen Zauberstab.
Malfoy wirft den Kopf in den Nacken und lacht schallend. „Oh nein, Herr, ich versichere Euch, dass ihr Euch irrt! Snape tut nie etwas ohne einen sehr guten Grund!“
„Nun, wir werden sehen …“, murmelt der Dunkle Lord. „Du darfst dich jetzt zurückziehen, Malfoy.“
Lucius verbeugt sich knapp und verlässt die Zeugenbank, um bei den Zuschauern Platz zu nehmen.
In Folge übernimmt Bellatrix die Vertretung der Anklage und führt voller Eifer, dem Dunklen Lord zu gefallen, weitere Anschuldigungen gegen mich auf: Unser Herr hege den Verdacht, ich habe gegen seinen ausdrücklichen Befehl anderen Zauberern bei der Arbeit geholfen und ihre Fehler hinter dem Rücken unseres Gebieters ausgebügelt, eigenmächtige Entscheidungen getroffen usw.
Diverse Zeugen werden benannt, sagen ihr Sprüchlein auf, und die ganze Komödie geht ihren so vorhersehbaren wie traurigen Gang.
„Jetzt ist es an dir, dich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die Bellatrix Lestrange im Namen aller Todesser und Reinblüter gegen dich erhoben hat, Severus Snape! Was hast du zu deiner Rechtfertigung vorzubringen?“, fragt endlich der Dunkle Lord zischend und beugt sich vor, die Hand auf seinen Zauberstab gelegt.
Ich warte, bis alles ganz still ist, bis ich antworte.
„Ich habe dazu nichts zu sagen.“
Alle schnappen nach Luft, und auf der Stirn des Dunklen Lords bildet sich eine steile Falte.
„Nichts? Was soll das bedeuten?“
Ich verziehe meinen Mund zu einem spöttischen Lächeln und lege die Hand auf meinen Zauberstab. Die Augen unseres Herren verengen sich zu schmalen Schlitzen, und er schlägt beiläufig den Umhang zurück, um den Zauberstab schneller hervorziehen zu können.
„Das bedeutet ...“, entgegne ich ruhig, während ich meinen Zauberstab betont langsam aus dem Umhang hervorhole und mehrere Todesser im Publikum vernehmlich nach Luft schnappen, „...dass ich ...“ - jemand kreischt schrill auf, und die Hexe mit Damenbart fällt am Rande meines Blickfeldes in Ohnmacht – „... mich eurem Urteil unterwerfe, mein Lord – wie auch immer es ausfallen mag.“
Langsam und bedächtig lege ich den nutzlosen Zauberstab –den heimlich auszutauschen Draco Malfoy vom Herr der List und der Tücke mit Bedacht anbefohlen wurde - auf den Tisch vor Bellatrix Lestrange, die mich anglotzt wie einen leibhaftigen schrumpfhörnigen Schnachkackler.
Der Dunkle Lord starrt mich einige Sekunden ungläubig an wie alle anderen, wirft dann das Schlangenhaupt nach hinten und stößt ein so grauenhaftes und von den Wänden widerhallendes Lachen aus, dass sich mir die Haare im Nacken aufstellen wie einer Katze.
„Severus – ich vergesse manchmal, wie klug du doch bist!“ Und weiter und weiter kollert das grausige Gelächter wie Donnerhall durch die große Halle, so dass sich die Portraits hinter dem Rücken unseres Herrn heimlich die Finger in die Ohren stecken. Die erschrockenen Todesser jedoch stimmen erleichtert in die Heiterkeit unseres Herrn ein.
Bellatrix springt auf und wendet sich an den Dunklen Lord. „Heißt das, dass ich Snape jetzt endlich mit dem Cruciatusfluch belegen darf, Herr? Ihr habt es mir versprochen!“ Und mit einem gierigen Seitenblick auf meine Person, der mich an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln lässt, zückt sie den Zauberstab, richtet ihn auf meine Brust, und ihre Zunge benetzt voller Vorfreude ihre vollen, blutroten Lippen.
„Nicht so schnell, meine Liebste Bella!“, fordert der Dunkle Lord streng. „Noch habe ich kein Urteil gesprochen!“
„Dann tut es, aber ein bisschen plö ... ich meine, bitte beeilt euch, oh mein Gebieter, damit dieses aufsässige und hinterhältige Subjekt für seine Frevel endlich angemessen bestraft wird!“ Sie kichert irr.
Ich verbeuge mich spöttisch und wende mich ebenfalls an den Dunklen Lord.
„Bevor ihr das Urteil sprecht – darf ich einen Vorschlag machen?“
Der Dunkle Lord entblößt sein Gebiss.
„Ich hätte nichts anderes erwartet, Severus! Nun gut - ich höre!“
„Ich bitte um so etwas wie ein Gottesurteil. Ich möchte euch beweisen, dass ich klüger und zaubermächtiger bin als jeder Todesser hier im Saal …“, ich werfe mein arrogantestes Lächeln in die Runde, bevor ich hinzufüge: „… außer Euch natürlich, Mylord!“
Der Dunkle Lord lächelt amüsiert.
„Daran zweifle ich eigentlich nicht … ich würde sage, es fehlt dir eher an der nötigen Demut mir gegenüber! Welchen Handel hast du mir anzubieten, damit ich dir deine Strafe erlasse?“
Es ist an der Zeit, mein letztes As aus dem Ärmel zu ziehen: Die Lebensversicherung, die mir Albus Dumbledore hinterlassen hat.
„Ich weiß, wo sich das Schwert des Godric Gryffindor befindet.“, sage ich schlicht.
Diese Nachricht fährt unter die Todesser wie der Feuerstrahl eines Drachen. Alle Anwesenden - einschließlich dessen, der allwissend zu sein vorgibt - glotzen mich an, als sei soeben Salazar Slytherin persönlich in ihre Mitte getreten.
„Das Schwert Gryffindors?! Wo ist es?“, fragt der Dunkle Lord, und die Gier nach dem verloren geglaubten Artefakt, das nach Dumbledores Tod auf ungeklärte Weise aus dessen Büro verschwand, ist ihm ins Gesicht gegraben, und seine Augen glühen rot und begehrlich.
„Gilt der Handel?“, frage ich leise.
Der Dunkle Lord mustert mich einen Moment lang schweigend. Dann siegt sein Verlangen, einen Gegenstand zu besitzen, der so sehr mit seinem alten Feind Albus Dumbledore verbunden ist wie Gryffindors Waffe, über seine Absicht, mich vor aller Augen und endgültig in meine Schranken zu weisen und mich als möglichen Rivalen um die Herrschaft zu demütigen.
Ich grinse leise in mich hinein, ohne jedoch davon auch nur einen Hauch nach außen dringen zu lassen. Mein Gesicht ist kühl und ausdruckslos wie immer, und meine Gedanken und Gefühle habe ich sicher vor dem Dunklen Lord unter einer dicken Schicht aus Eis verborgen.
„Der Handel gilt, Severus Snape!“
Bellatrix springt auf und stürzt vor den Thron unseres Herren, um sich zu seinen Füßen niederzuwerfen und den Saum seines Mantels zu umklammern.
„Herr, ihr habt gesagt, dass ich dieses aufsässige Halbblut haben kann, sobald ihr mit ihm fertig seid!“, keift sie und schüttelt ihre wilde schwarzgraue Haarpracht. „Ich werde ihm zeigen, dass man mich, eine reinblütige Tochter des fürnehmen und gar alten Hauses der Blacks, nicht ungestraft abweist! Ich allein bin diejenige, die … Mylord, ihr habt mir versprochen, dass ich ihn Respekt lehren darf – solange ich beachte, dass Severus am Leben und funktionstüchtig bleibt!“
„Du wirst dich schon entscheiden müssen, Bellatrix.“, gebe ich ihr sanft zu bedenken. „Entweder du bekommst deinen Spaß oder aber unser aller Herr und Meister, der Dunkle Lord, das Artefakt Godric Gryffindors und damit seinen endgültigen Triumph über Albus Dumbledore, den nur zweitgrößten Zauberer aller Zeiten!“
Bellatrix faucht so wütend wie eine Tigerin, und ich kann nur mühsam den Impuls unterdrücken, einen Schritt zurückzuweichen.
„Wo ist das Schwert, Severus?“, zischt der Dunkle Lord, und Nagini windet sich extatisch um seine Knöchel.
„In der Höhle nahe dem Zentaurenlager, von der aus wir damals zum Angriff auf die Halbmenschen aufgebrochen sind! Wären wir nicht verraten und die Zentauren gewarnt worden, so dass sie das Schwert vorübergehend fortschaffen und uns gemeinsam mit dem Zaubereiministerium und dem Phönixorden eine Falle stellen konnten, wärt ihr längst im Besitz von Dumbledores bestgehütetem Schatz!“
„Lucius, Bellatrix! Ihr werdet euch mit ein paar Männern auf der Stelle dorthin begeben und das Schwert herbeischaffen!“
Die langen Minuten des Wartens werden kurz unterbrochen von der Rückankunft Bellatrix Lestranges, die mit einem wütenden Seitenblick auf mich ein paar Worte mit unserem Herrn wechselt, bevor dieser aufbraust und brüllt: „Dann schlagt es aus dem Felsen, du unfähige Sabberhexe! Bringt meinetwegen den ganzen verfluchten Berg hierher in die Halle! Aber tritt mir nicht wieder ohne das Schwert unter die Augen, Lestrange, oder du wirst statt Severus meinen Zorn zu schmecken bekommen!
Wenig später werden wir durch die Ankunft der Todessergruppe unter Führung Lucius Malfoys erlöst, die sich mit einem riesigen Felsblock abschleppt, welcher die gemeinsamen Anstrengungen von Zauberstäben und Körpereinsatz notwendig macht, um ihn vor den Thron des Dunklen Lords zu befördern. Mitten im Felsblock steckt eine schimmernde Klinge mit reich verziertem, rotgoldenem Griff – das Schwert des Hogwarts-Gründers Godric Gryffindor!
Der Dunkle Lord steht auf und schreitet langsam auf das Schwert zu, um es – ich würde beinahe sagen: ehrfürchtig - von allen Seiten zu betrachten, bevor er es vorsichtig mit den Fingerspitzen berührt. Dabei murmelt er leise ein paar Worte vor sich hin.
Das Artefakt zeigt sich absolut unbeeindruckt vom größten Zauberer aller Zeiten und zuckt nicht einmal.
Der Dunkle Lord runzelt die Stirn, zieht den Zauberstab hervor und fährt ein paar Mal über Stein und Waffe, während sich sein Gesicht in höchster Konzentration zu einer Fratze verzieht und sein Mund unausgesprochene Worte schwarzer Magie formen.
Das wunderbare Schwert rührt sich nicht einen Millimeter aus der steinernen Umklammerung.
Der größte Magier aller Zeiten legt endlich die Stirn in tiefe Falten und steckt den Zauberstab weg. Seine Augen verengen sich zu glühenden Schlitzen, und er verfällt in tiefes, brütendes Schweigen.
Nichts rührt sich, niemand wagt auch nur zu atmen.
Dann, mit einem Mal, packt der Dunkle Lord entschlossen den Griff des Schwertes und rüttelt daran.
Wieder nichts.
Voldemort zieht und zerrt heftiger und immer heftiger, stemmt den Fuß gegen den Feldblock, um besseren Halt zu gewinnen, und er reißt und stemmt, er zieht mit aller Macht und schlägt seine Klauen in Stahl und Stein, und endlich prügelt er außer sich und blind vor Zorn auf die Waffe Gryffindors ein - die seinem Wutausbruch unbeschadet und ohne einen einzigen Kratzer trotzt.
Keuchend verharrt der Dunkle Lord und starrt finster auf das eigenwillige Besitztum Dumbledores. Die Todesser ziehen die Köpfe ein und versuchen, unauffällig mit der Einrichtung der großen Halle zu verschmelzen.
Ich warte, bis der Dunkle Lord mit einem mörderischen Gesichtsausdruck den Kopf hebt und ein so tiefrotes Glühen in meine Richtung schickt, dass sich mein Bauchnabel bis zum Rückgrat zurückziehen will.
„Darf ich euch einen Vorschlag unterbreiten, Herr?“, frage ich höflich.
Zur Antwort erhalte ich ein kehliges Knurren, das ich als Zustimmung interpretiere.
„Albus Dumbledore wird dieses Schwert verflucht haben, um es vor unbefugten Händen zu schützen! Ich habe sechzehn Jahre unter einem Dach mit dem alten Trottel gelebt und ihn besser gekannt als die meisten Menschen. Darf ich versuchen, seinen Fluch für Euch zu brechen?“
Mein Meister starrt mich an ob dieser Dreistigkeit, tritt aber schließlich zur Seite.
„Gnade dir Grindelwald!“, zischt er, als er zur Seite tritt, um es mich versuchen zu lassen. „Verschaff mir das Schwert – auf der Stelle, oder du bist des Todes!“
Ich widerstehe dem Drang, trocken zu schlucken. „Herr?“, sage ich mit neutraler Stimme und hebe fragend die Augenbraue.
„Mach schon!“, faucht er, und seine Augen glühen wie Lava im Schlot eines Vulkans.
Ich umfasse den Griff, spanne die Muskeln, konzentriere mich und ziehe …
Weich wie Butter und ohne jeden Widerstand gleitet die Waffe aus dem Fels und in meine Hand. Ich halte es hoch über meinen Kopf, so dass jeder Todesser Gryffindors Waffe sehen kann. Die Klinge glänzt und blitzt und funkelt, und alle im Saal sind geblendet von seinem beinahe überirdischen Glanz. Ich verharre einen Moment mit erhobenen Armen, dann senke ich die Klinge, falle auf die Knie und überreiche mit gesenktem Kopf meinem Herrn das Schwert.
„Gryffindors Erbe ist endlich Euer, Mylord!“
Mit zitternden Händen nimmt der Dunkle Lord meinen Tribut an ihn entgegen, und der lange ersehnte, totale Triumph über seinen Größten Rivalen Albus Dumbledore verzerrt seine Züge zu einer abscheulichen Fratze.
Die Schwertklinge läuft sofort bläulich-violett an wie verfaulendes Fleisch, als die Krallen des Dunklen Lords sie berühren, und das glänzende Metall zersetzt sich unter seinen Händen zu Rost, der leise zu Boden rieselt.
„Es zerfällt!“, kreischt er. „Severus, mach, dass es aufhört!“
Sanft nehme ich die Waffe aus seinen schuppigen Krallen und versenke das Schwert wieder im Stein. Ebenso wie beim Herausziehen spüre ich keinen Widerstand, und sofort beginnt die Schneide wieder zu glänzen, der Rost vergeht, der Glanz kehrt zurück.
„Ich kann euch zeigen, wie ihr Dumbledores Fluch überwinden könnt, Mylord.“, sage ich ruhig.
„Wie?“, gibt er lauernd zurück und bleckt begierig die Zähne.
Ich überwinde mühsam meinen Ekel, trete hinter den Dunklen Lord, ergreife mit meinen Händen je eine der seinen und lege sie unter den meinen um den Griff des Schwertes.
„Dumbledore dachte, die mächtigste Kraft auf der Welt sei die Liebe.“, erkläre ich ruhig, aber klar und deutlich, so dass jeder der Todesser begierig auf meine Worte an meinen Lippen hängt. „Darum hat er seinen kostbarsten Besitz mit einem Liebesschutz versehen, Mylord.“
Das stimmt natürlich nur bedingt – nicht Albus Dumbledore, sondern Godric Griffindor selbst hat einst sein Schwert geschützt.
Ich lege meine und seine Hände noch ein wenig fester um den Schwertgriff, und die Berührung der feuchtkalten, merkwürdig glitschigen Haut meines Herrn treibt mir einen Schwall bitterer Galle und scharfer Magensäure hoch, die ich nur mit Mühe wieder hinunterschlucken kann.
„Ihr müsst an einen Akt der Liebe denken, wenn ihr das Schwert aus dem Stein ziehen wollt.“, erläutere ich meinem Herrn und Meister und blicke ihm dabei über die Schulter hinweg fest in die Augen. „Denkt zum Beispiel an Eure über alles geliebte Mutter: Erinnert euch an den Duft ihrer Haut, die Zärtlichkeit, mit der sie euch übers Haar strich, wenn sie voller Stolz und Mutterliebe auf ihren unglaublichen Sohn herabblickte! Denkt daran, welch wundervolle Frau sie gewesen ist! Sie war natürlich schöner und bezaubernder als alle anderen Hexen vor und nach ihr, denn sie durfte Euch das Leben schenken und euch umsorgen, biss der Tod sie widerstrebend und voller mütterlicher Sorge um Euer künftiges Wohlergehen von Eurer Seite riss, Mylord!“
Der Ausdruck in Voldemorts Gesicht entschädigt mich für all die Male seit Dumbledores Tod, bei denen mir beim Erwachen die Erkenntnis dessen, wozu mich ER mich verdammt hat, einen Fausthieb in die Magengrube versetzte: Die Augen des Dunklen Lords sind vor Entsetzen groß und rund wie Teetassen, und tief hinter dem grässlichen, Furcht einflößenden Glühen gähnt ich eine Schwärze und Verzweiflung, die tiefer und grauenvoller nicht sein könnte. Der Dunkle Lord zittert am ganzen Körper, und einen Moment lang glaube ich, wie von weiter, weiter Ferne ein kleines Kind wimmern und weinen und verzweifelt nach seiner Mutter rufen zu hören …
Bevor mich Mitleid mit diesem Kind erfasst, dass der Dunkle Lord selbst schon vor langer Zeit unter Bosheit, Grausamkeit und Heimtücke begraben hat, halte ich dem Blick meines Gebieters stand und drehe entschlossen den Dolch in der Wunde um: „Das Schwert bewegt sich nicht? Nun gut, dann denkt an Euren Vater, der natürlich einem mächtigen Geschlecht reinblütigster und edelster Zauberer entstammte, gegen das sogar das gar fürnehme und alte Haus der Blacks nur Bastarde hervorgebracht haben mag! Euer Vater, der sich mit Ehrfurcht vor Eurem Talent und größter Sorgfalt Eurer Erziehung widmete, dem keine Summe zu hoch schien für Eure Ausbildung und der an jedem seiner viel zu kurzen Tage auf Erden unendlich stolz darauf war, einen Sohn wie euch gezeugt zu haben!“
Ich spüre, wie der Körper des Dunklen Lords bebt, als ob tief in seinem Innern etwas zerbirst, und etwas in ihm schreit und schreit und schreit … - und mit einem Schlag reißt Voldemort seine Hänge vom Schwertgriff, als sei er aus glühendem Stahl.
Ich werde zurückgeschleudert und überschlage mich durch die Wucht der Bewegung ein paar Mal auf dem steinernen Boden, doch die Schrammen und Blutergüsse war es allemal wert!
Ich schlinge schützend die Arme um den Kopf und verharre flach hingestreckt auf dem Boden vor unserem Herrn und Gebieter, dessen Präsenz in der Luft knistert und einem die Haare auf den Armen hochstehen lässt wie die elektrische Ladung eines Unwetters.
Jemand tritt mir grob vor den Ellenbogen, und ich blinzle vorsichtig hinauf in das Gesicht des Dunklen Lords.
„Habe ich etwas Falsches gesagt, Herr?“, heuchle ich furchtsames Erstaunen. „Waren eure Eltern …?“
Der Dunkle Lord scheint hin und hergerissen, sich entweder bei mir mit dem Cruciatusfluch zu revanchieren - oder aber den versammelten Todessern zu bestätigen, dass Merope Gaunt und Tom Riddle tatsächlich jene schönen, reinblütigen und mächtigen Mitglieder einer edlen Zaubererfamilie waren, die vor Stolz auf ihren Sohn beinahe platzten, als die ich sie eben vor aller Ohren beschrieben habe.
„Nein, Severus. Du hast nichts falsch gemacht.“, lügt der Dunkle Lord mit mühsamer Selbstbeherrschung. „Steh auf!“
Ich erhebe mich steif.
Der Dunkle Lord legt den Kopf schräg und betrachtet mich sehr lange und schweigend. Wieder durchbricht nicht ein einziges Geräusch die Stille zwischen mir und dem Herrn über Leben und Tod. Der Dunkle Lord weiß, dass ich im Moment offensichtlich die einzige Person bin, die Gryffindors Schwert aus dem Stein ziehen kann. Falls der Dunkle Lord nicht möchte, dass die Klinge unter seinen Händen endgültig zerfällt, muss ich sie auch wieder in den Fels zurückstoßen, damit sie sich wieder regenerieren kann. Bis Voldemort eine Lösung für dieses magische Problem findet, ist er auf mich und meine Hilfe angewiesen….
„Ich bin sehr beeindruckt von deinen Fähigkeiten, Severus!“, erklärt der Dunkle Lord und begibt sich zurück zu seinem Thronsessel, um dort, den Schlangenkopf auf die Faust gestützt, in brütendem Schweigen zu versinken.
Der, der niemals zugeben würde, ein weniger guter Zauberer zu sein als Dumbledore – ganz zu schweigen von meiner Wenigkeit – sucht jetzt einen Weg, einerseits sein klägliches Versagen mit dem Schwerte Gryffindors vor den Todessern zu kaschieren, mein diesbezügliches Schweigen zu erkaufen und sich gleichzeitig meiner Funktionstüchtigkeit zu versichern, bis es ihm selbst gelingen mag, den Bannfluch zu brechen.
„Weißt du, was ein Horkrux ist?“, fragt er schließlich. Seine Stimme klingt kalt und unpersönlich; der Dunkle Lord hat seine Fassung nunmehr vollständig wiedererlangt und ist gefährlicher und machtvoller denn je.
Horkruxe sind sehr, sehr dunkle Magie. Ich habe darüber in der Bibliothek gelesen, die mein Herr mir nach dem Mord an Dumbledore zur Verfügung gestellt hat – darum ist Leugnen zwecklos.
„Ja.“, antworte ich schlicht.
„Du hast mich seinerzeit gebeten, dich weniger verwundbar zu machen, Severus. Ich habe dir damals versprochen, sogar noch darüber hinaus zu gehen. Jetzt ist es an der Zeit!“
Ich erinnere mich an sein Versprechen in der großen Halle, bevor wir zu den Zentauren aufgebrochen sind, und nicke vorsichtig zu ihm hoch.
Der Dunkle Lord lächelt unergründlich.
„Ich werde mein Versprechen halten. Jetzt. Heute. Auf der Stelle! Hol denjenigen Gegenstand herbei, Severus, der dir am meisten bedeutet.“
Ich blinzle fassungslos – damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Im Reflex greife ich nach meinem Zauberstab, der noch immer auf Bellatrix Tisch liegt …
„Nein, keinen Zauberstab – du musst einen anderen Gegenstand wählen! Wo wir beide uns heute Nacht hinbegeben, wirst du keinen Zauberstab benötigen!“ Er lacht, und Butterbier und Feuerwhisky in den Flaschen und Krügen der Todesser gefrieren bei diesem Klang zu Eis.
Ich höre noch, wie der Dunkle Lord Bellatrix und Rodolphus Lestrange befiehlt, den neuen Gefangenen aus dem Kerker zu holen und an einen bestimmten Ort zu bringen…
Ich kann nicht länger lauschen und eile hinauf in den Turm, um dem Befehl meines Herrn Folge zu leisten.
Hastig durchwühle ich mein Zimmer, aber ich finde nur Bücher, Zaubertrankzutaten und Kleidung, die mir allesamt nichts bedeuten … Ich kann mich nicht entscheiden, welchen Gegenstand ich wählen soll, denn alles, woran mein Herz hängt, habe ich bei meiner Flucht in Hogwarts zurücklassen müssen. Also das Amulett aus Haar vom Haupte und vom Barte des Propheten, das Tricky von irgendeinem seiner Verwandten für mich besorgt hat? Nein, dieser Gedanke widerstrebt mir irgendwie … wenn der Dunkle Lord mir heute zeigen will, wie er einen Horkrux herstellt, könnte es besudelt werden, und das würde ich nicht ertragen… Aber was soll ich sonst nehmen?
Endlich fällt mein Blick auf das Rasiermesser meines Vaters – das einzige Andenken, das mir von ihm geblieben ist. Schwarz und scharf und kühl liegt es auf dem Waschtisch. Ich stecke es in die Tasche meines Umhangs.
Als ich wie befohlen vor die Tore Babajagas und an die Seite meines Herrn und Meister trete, sind die Lestranges von ihrem Auftrag bereits zurückgekehrt. Sie stinken nach totem Fisch, ihre Kleidung ist mit Blut verschmiert, die Gesichter sind wie von einer körperlichen Anstrengung gerötet. Bellatrix Stimmung erscheint merklich gehoben, so dass sie mir jetzt einen hochmütigen, hinterhältigen Blick unter schweren Augenlidern zuwirft, der mich erschaudern lässt.
„Wird dir Spaß machen, Severus – versprochen!“, haucht sie mir ins Ohr, während sie mir gleichzeitig mit vollem Gewicht den spitzen Absatz ihrer hochhackigen Stiefel in den Fuß bohrt.
Ich werde blass vor Schmerz. „Wir alle bekommen am Ende, was wir verdienen.“, antworte ich, als ich wieder sprechen kann.
Der Dunkle Lord tritt rasch zwischen uns.
„Genug! Zeig mir den Gegenstand, den du gewählt hast, Severus!“
Ich halte ihm das Rasiermesser hin, und der Dunkle Lord scheint amüsiert wie über einen besonders guten Witz, dessen Verständnis sich mir jedoch komplett entzieht. Voll dunkler Vorahnungen stecke ich Vaters Messer in die Tasche meines Umhangs.
„Tritt näher, Severus! Du wirst mit mir Seite an Seite apparieren!“, befiehlt der Dunkle Lord und umfasst wie ein Schraubstock mein Handgelenk mit dem Todessermal.

Die Luft schmeckt salzig, und wir stehen auf einer einsamen Klippe hoch über tosender Brandung. Ohne weitere Erklärungen beginnt der Dunkle Lord den schwierigen Abstieg hinab zur Wasserlinie ohne Rücksicht darauf, ob ich ihm folgen kann. Zum Glück bin ich ja ein ganz annehmbarer Kletterer, so dass ich mir nicht vorzeitig den Hals breche oder meinen Herrn um Hilfe anwinseln muss.
Auf Meereshöhe angekommen wartet er schon auf mich und stößt mich sodann ohne weitere Erklärungen ins Wasser. Es ist eiskalt, und der Schock lähmt mich im ersten Moment. Dann jedoch schlage ich wild und in Panik um mich und kämpfe in dem brodelnden Wasser um Atem und wahrscheinlich auch mein Leben, bis mich der Dunkle Lord am Kragen packt und mit sich zieht in eine dunkle Höhle unter den Klippen …
Völlig durchfroren, halb ertrunken und von Felsen zerkratzt werde ich endlich auf einen steinigen Strand geschleppt, wo mein Herr mich oberhalb der Flutmarke achtlos zu Boden gleiten lässt. Ein Wink seines Zauberstabes entzündet ein prasselndes Feuer.
„Herr? Könnt ihr bitte …?“, frage ich zähneklappernd, denn so klatschnass und erschöpft wie jetzt schon nach wenigen Minuten bin werde ich nicht lange durchhalten – was auch immer da an schwarzer Magie sonst noch auf mich warten mag.
Ein beiläufiger Wink seines Zauberstabes trocknet meine Kleider und schließt oberflächlich die Wunden und Schnitte, die die rücksichtslose Kletterpartie und das unfreiwillige Bad mir zugefügt haben.
Im Feuerschein erkenne ich im Halbdunkel eine mit groben Stricken gefesselte Gestalt, die seltsam verrenkt und ohnmächtig auf den Kieselsteinen vor einer massiven Felswand am Ende der Höhle liegt.
Mir wird noch kälter als zuvor. Wer mag dieser Unglückliche sein – und was hat er mit dem zu tun, was der Dunkle Lord mir zeigen will?
Mein Herr tritt zu der Gestalt und deutet mit dem Zauberstab auf die Felswand.
„Hier ist der Eingang zu einem Versteck, in dem ich etwas sehr Wertvolles und Teures von mir vor den Augen der Welt verborgen habe. Ich möchte kontrollieren, ob es noch an seinem Platze und intakt ist, und ich werde dir gleichzeitig erlauben, auch deinen Gegenstand dort aufzubewahren, nachdem wir ihn magisch – sagen wir, verändert haben!“ Sein Gelächter widerhallt hohl und grausig von den Wänden. „Dein Rasiermesser wird unerwünschte Besucher zusätzlich ablenken. - Komm her, Severus!“
Ich folge seinem Befehl. Die Luft ist dick und kalt und fett vor schwarzer Magie, und mir ist, als flüstere der Fels: „Durst! Gib mir Blut zu trinken!“
Ich erschaudere.
„Du hörst seinen Ruf?“, fragt der Dunkle Lord. „Natürlich ist die Magie, die ich zum Schutz meines wertvollsten Gutes angewandt habe, so stark wie ich!“
Ich schlinge die Arme um mich und nicke zaghaft. Mir ist kalt bis auf die Knochen, obwohl meine Kleidung doch wieder trocken ist.
„Nun denn, Severus – gib dem Tor im Felsen seinen Tribut! Gib ihm Blut!“
Ich hole das Rasiermesser meines Vaters aus der Umhangtasche und will den Ärmel über dem Todessermal heraufkrempeln, als mir mein Herr in den Arm fällt.
„Nicht dein Blut, Severus – das des Gefangenen natürlich! Schneide ihm die Kehle durch! Danach mache ich aus seiner Leiche einen Inferius, der fortan in der Höhle jenseits des Felstores unser beider Leben schützen muss!“ Der Dunkle Lord lacht ein spöttisches Hohngelächter. „So kann ich ihn endlich noch im Tode zu meinem Werkzeug machen!“
In meinem Mund ist ein Geschmack wie von Metall, und ich kann mich vor Grauen nicht rühren.
Der Dunkle Lord verliert die Geduld und versetzt mir einen heftigen Stoß in den Rücken, so dass ich vorwärts auf den bewusstlosen Gefangenen zu taumle.
Dies ist der Augenblick, vor dem ich mich seit Dumbledores Tod am meisten gefürchtet habe. Und ich stehe da, ohne einen einzigen Freund in meiner Nähe, und ohne Zauberstab allein mit dem Dunklen Lord und einem hilflosen, ohnmächtigen Menschen, den ich vor seinen Augen und eigenhändig werde töten müssen, um mein Leben zu retten.
„Bist du bereit, Severus? Ich muss die magischen Worte sprechen, sobald sein Leben durch deine Hand genommen wird!“ Der Dunkle Lord hebt den Zauberstab und seine Augen verengen sich vor Konzentration, den rechten Augenblick des von mir zu vollbringenden Mordes nicht zu verpassen, zu schmalen Schlitzen.
Ich klappe schweigend das Rasiermesser auf, trete zu dem bewusstlosen Gefangenen und rolle ihn auf den Rücken, wobei das flackernde Feuer jetzt endlich auch sein Gesicht beleuchtet.
Es ist Remus Lupin.

Remember, O thou man,
O thou man, O thou man
thy time is spent:
remember O thou man
how thou art dead and gone,
and I did what I can -
therefore repent.

Traditional; Text nach Thomas Ravenscroft, from “Melismata,â€


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Ungelesener BeitragVerfasst: 25. Oktober 2006 22:22 
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Kapitel 31. Der Hai und der Kugelfisch

Die Zeit war nicht gnädig mit Remus Lupin – er sieht älter und erschöpfter aus denn je. Sein kurzes graues Haar ist mit Blut verklebt, und über der rechten Augenbraue klafft eine tiefe Schramme. Seine Kleidung, die schon immer abgetragen, aber sorgfältig geflickt war, hängt ihm zerfetzt und mit Brandspuren vom Körper.
Ich taste an seiner Halsschlagader nach dem Puls. Das Herz schlägt langsam, aber regelmäßig und kräftig, sein Atem ist flach und mühsam, doch noch lebt der Werwolf.
Hart schlage ich dem Bewusstlosen mit der flachen Hand ins Gesicht. „Hast du nicht verstanden, was ich dir gesagt habe!“, fauche ich. „Los, wach auf!“
Lupins Kopf pendelt haltlos zur Seite, seine Lippen öffnen sich leicht, und ein dünnes Rinnsal Blut sickert heraus. Ich kralle die Hände in die Überreste seines Hemdes, zerre ihn hoch zu mir und schüttle ihn kräftig – doch er rührt sich nicht. Keine Chance, Remus Lupin in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Der Dunkle Lord lacht leise. „Ich fürchte, ich habe deinen ehemaligen Schulkameraden ein wenig beschädigt, als ich ihn in die Falle lockte – du wirst ihm leider keine weiteren Schmerzen zufügen können, um dich an ihm für die Quälereien seiner Freunde zu rächen. Aber der Gedanke, dass ich aus Lupins Leiche einen Inferius mache und er dann im Tode mir dienen muss – ausgerechtet demjenigen, den er im Leben immer so leidenschaftlich und erbittert bekämpft hat! - entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie. Ich bin sicher, dass du diesen netten Scherz am Rande zu würdigen weist, mein treuer Diener!“
Ich senke den Kopf – mag er davon halten, was er will.
Der Dunkle Lord bleckt die Zähne. „Ich war sicher, dass dir meine Idee gefallen würde, Severus! Aber nun spute dich, mein treuer Diener, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit - die Flut läuft schon auf. Töte den Werwolf und lass mich dir ein Stück Unsterblichkeit schenken!“
Ich beuge mich über den Bewusstlosen. Meine Hände sind schweißnass und glitschig. Ich reibe sie am Umhang ab und fasse dann das Rasiermesser meines Vaters ein wenig fester als zuvor, während meine Gedanken im Kopf umherrasen wie ein wildgewordener Schwarm Doxys.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass der Dunkle Lord den Zauberstab hebt, mir auffordernd zunickt und anhebt schwarzmagische Worte zu murmeln, die ich nicht verstehe und deren unheilvolle Melodie mir trotzdem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Meines Vaters Erbe, das Rasiermesser, liegt kalt, schwarz und tödlich in meiner Hand. Ich kralle die Linke in den nassen Kies, raffe all meinen Mut zusammen und hole mit der rechten Hand weit aus.
Während ich dem grausamen Antlitz des schwärzesten Zauberers aller Zeiten eine handvoll Steine, Sand und Dreck entgegenschleudere, gleitet die Rasierklinge durch das grobe Hanfseil, das Lupins Hände fesselt, und durchtrennt es. Ich nutze den Schwung und werfe ich mich mit einem Hechtsprung dem Herrn der Finsternis entgegen …
Zu langsam – ich weiß schon, dass ich zu spät bin, während ich noch springe. Die Reflexe des Schlangengleichen sind schnell wie die einer Kobra, und er wehrt meinen lächerlichen Versuch, ihm Kieselsteine und Dreck in die Augen zu werfen und damit für einen Sekundenbruchteil abzulenken, mit einer blitzschnellen Bewegung ab. Dennoch ziele ich mit dem Rasiermesser nach seiner Kehle und kann dem Dunklen Lord oberflächlich die Haut aufritzen, während er in einer weiteren übermenschlichen Reaktion schneller als ein Lidschlag zurückweicht. Dann reißt mein Gewicht ihn von den Füßen, und als wir uns wild ineinander verkrallt über den nassen Strand wälzen und jeder versucht, über den anderen die Oberhand zu gewinnen, spüre ich, wie es Voldemort trotz meiner heftigen Gegenwehr gelingt, seinen Zauberstab auf mich zu richten: Schlagartig kann ich mich nicht mehr rühren.
Der Dunkle Lord wälzt mich von sich herunter und auf den Rücken. Meine Glieder schlackern wie die einer Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hat, und ich muss ohne Lidschlag hinauf in das Gesicht dessen blicken, der weder Gnade noch Grenzen kennt.
Keuchend kniet sich der Dunkle Lord neben mir auf die feuchten, nach Tang und totem Fisch stinkenden Steine und starrt mich aus seinen lavaglühenden Augen heraus endlos schweigend an.
Dann hebt er sehr langsam und bedächtig die Hand, streckt einen dürren Totenfinger aus und streicht mir sanft, ja fast zärtlich das Haar aus dem Gesicht. Dann fährt er mit der Spitze seiner Kralle von meiner Schläfe abwärts bis hin zum Kinn, wobei er mir die Haut aufschlitzt wie meines Vaters Messer die Haut an seiner Kehle.
„Du weißt, du hättest sehr, sehr groß werden können, Severus! Du hattest alles, was ein mächtiger Zauberer braucht, um zu wahrer Größe zu gelangen: Talent, Klugheit und Mut!“, flüstert er milde in mein Ohr. „Ich glaube tatsächlich, Severus, du warst mir wie ein Sohn - den ich niemals haben werde!“
Ich starre hinauf in sein Antlitz und kann doch nicht einmal blinzeln.
Voldemort verzieht die schmalen Lippen von den Haifischzähnen zu einem höhnischen Grinsen. „Oh, ich vergaß - du kannst du dich ja nicht rühren. Nun, dass tut mir leid – bringt es mich doch um das Vergnügen, dich wenn schon nicht um dein Leben, so doch wenigstens um einen schnellen Tod winseln zu lassen!“
Er murmelt etwas - und wieder berührt mich seine Ekel erregende Totenhand, doch diesmal zwischen den Schulterblättern, so wie Dumbledore es so oft machte …
An diesem Punkt ist es endgültig mit meiner Selbstbeherrschung vorbei, und meine Nerven zerfetzen wie das überbelastete Trageseil einer Drahtseilbahn. Die eiserne Disziplin, die mir all die Jahre hinweg das Überleben sicherte und mit der ich hoffte, mir einem Rest von Würde zu bewahren und wie ein Mensch sterben zu können, wird hinweggefegt, und der Druck, der sich über die Jahre hinweg angestaut hat, sprengt meinen Staudamm mit einem Schlage in Stücke. Angst und Verzweiflung spülen in einer mächtigen, alles andere mit sich fortreißenden Woge aus mir heraus. Ich zittere am ganzen Leib wie Espenlaub, meine Zähne schlagen unkontrolliert aufeinander, und meine Gliedmaßen zucken unter Voldemorts Schraubstockgriff in wilder Panik, ohne dass ich das Geringste ausrichten könnte. In einer letzten Anstrengung ziehe ich die Arme vors Gesicht und rolle mich von ihm weg und auf den Bauch, um Voldemort wenigstens nicht den genussvollen Anblick des mickrigen Feiglings und elenden Versagers zu gönnen, der ich tatsächlich bin – diese Tatsache zu beschönigen ist mir jetzt, am Ende aller Dinge, nicht mehr erlaubt.
„Endlich!“, flüstert Voldemort so leise, das seine Worte beinahe im Brausen der Brandung untergehen. Der Triumph, der in seinen Augen und in seiner Stimme jubelt, ist mir unerträglich und zerreißt mich.
Doch da geschieht etwas Seltsames: Nachdem nun am Ende das eingetreten ist, was von Anfang an unvermeidlich war und dem ich wider besseren Wissens doch noch durch Lernbereitschaft, Klugheit und Mut zu entkommen hoffte – jetzt und völlig überraschend entdecke ich, dass Angst tatsächlich wie Wasser ist: Erst reißt sie alles mit sich, dann lässt sie mehr und mehr nach, um schließlich in einem Rinnsal zu verebben. Zum ersten Mal seit siebzehn Jahren habe ich keine Angst mehr, denn wer alles verloren hat, muss nichts und niemanden mehr fürchten…
Nachdem ich dies erkannt habe, entdecke ich auf dem Boden des leergespülten Stausees von Angst und Verzweiflung einen Schatz, den nur Albus Dumbledore dort hinterlassen haben kann: Ein neues Gefühl wird, wie seine Vorgängerin die Angst, ebenfalls tief in der Magengrube geboren – aber im Gegensatz zu ihr ist es nicht beständig bohrend und unangenehm oder gar schmerzhaft, sondern es prickelt wie Sekt und wird stetig stärker. Langsam steigt es in mir auf wie perlende Luftblasen an die Wasseroberfläche, und es ist absurd und unendlich befreiend zugleich: Ich muss lachen – erst vorsichtig und ungewohnt, dann immer heftiger und wilder, bis ich vor Lachen zittre und zucke und bebe, und ich drehe mich endlich auf den Rücken und lache IHM ins Schlangengesicht.
„Ich habe keine Angst mehr vor dir, Tom Vorlost Riddle! Deine Schwarze Magie ist fauler Zauber und albernes Gefuchtel, peinlicher als die Kartentricks, die mein Muggelvater mir beigebracht hat! Du bist ein Betrüger, der allen alles verspricht und doch nichts davon hält! Du predigst die Reinheit des Zaubererblutes und bist doch wie ich Sohn einer Hexe und eines Muggels. Der aufgeblasene Titel, den du dir anmaßt, falscher Lord, soll nur den kleinen Tom verstecken, so wie ich mich als Kind hinter dem Halbblutprinzen versteckt habe. Aber im Gegensatz zu dir bin ich kein Kind mehr! Ich habe dich durchschaut: Du bist nur eine Witzfigur, ein lächerlicher Popanz, ein Kinderschreck! Sobald sich die Prophezeiung erfüllt haben wird – und diese Zeit rückt immer näher! - stürzen dich die Leute von deinem wackligen Podest aus Lug und Trug herunter. Sie werden auf deinem Grab tanzen und deine Asche im Wind verstreuen! Bald wird sich nicht eine Seele mehr deiner erinnern, armer kleiner Tommy – doch Albus Dumbledore, den wahrhaft größten Zauberer aller Zeiten, wird man ewig im Gedächtnis behalten und in einem Atemzug mit Merlin nennen!“ Ich wische mir mit dem Ärmel die Lachtränen aus den Augen, die mir beim Anblick des entgeisterten, fassungslosen Gesichtes des größten Angebers aller Zeiten in die Augen schießen, und werde wieder ernst.
Der, der solange mein Irrwicht war, starrt bis ins Mark erschüttert und zu Tode erschrocken auf mich herab, das Gesicht zu einer unmenschlichen Fratze der Wut und des Hasses verzerrt. Seine Haut ist fahl wie ein Leichnam, das Glühen in den Augen flackert irr, und er taumelt ein paar Schritte zurück, während seine Hände an der Höhlenwand tastend nach Halt suchen.
„Nein!“, flüstert er. „Das alles kann nicht wahr sein – du lügst! Schweig, Verräter!“
„Du kannst mir nichts mehr befehlen, aufgeblasener Angeber - ich bin nicht Pettigrew! Apropros, wo wir gerade bei Ratten und Verrätern sind: Jetzt kann ich dir ja sagen, dass es nicht Wurmschwanz war, der deinen Plan die Zentauren zu überfallen, verraten hat – ich war das! Ich habe Shacklebolt meinen neuen Patronus geschickt – er hat ihn nicht erkannt, aber trotzdem schnell und entschlossen gehandelt. Leider konnte ich nicht voraussehen, dass Scrimgeour gerade in seinem Büro saß, als mein Bote eintraf, was mir ein paar hässliche Minuten mit Umbridge und dem Zaubereiminister bescherte! Aber Lupin, McGonagall und Shacklebold haben mich zum Glück da herausgeholt, obwohl sie mich für einen Verräter und Dumbledores Mörder hielten. Ich konnte in der Zentaurenhöhle sogar noch McGonagall warnen: Ich sagte ihr, Dumbledore habe mir, einem Mörder, vertraut – sie täte gut daran, sich den neuen Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste sorgfältig anzuschauen. Leider war die Direktorin zu betroffen und aufgewühlt, um die Warnung richtig zu verstehen.“
Tatsächlich habe ich Minerva sogar noch einen dritten Hinweis auf die Pläne Voldemorts gegeben, indem ich der Eule mit Voldemorts Bewerbungspergament das angeblich zurückzusendende Päckchen mit verdorbenen Zaubertrankzutaten - einem Neuntöter und einem Kuckucksei - ans Bein band. Die Post mit Bewerbung und den Zutaten hat wahrscheinlich bei der neuen Direktorin von Hogwarts für Irritationen gesorgt, aber leider nicht das tiefe Misstrauen erregt, das ich mir erhofft hatte …
„Dein neuer Patronus – ich erinnere mich! War es nicht ein feiges Frettchen?“, zischt Voldemort und klammert sich mit zitternden Beinen an einen Felsvorsprung.
„Nein – er ist ein Mungo. Amycus und Alecto hätten ihn beinahe entdeckt, als ich ihn an Shacklebolt abgeschickt habe. Sie waren schon misstrauisch, weil sie mitbekommen hatten, wie ich den Werwölfen modifizierten Wolfsbanntrank in den Wein geschüttet habe, so dass sie sich nach und nach in menschliche Gestalt zurückverwandelten und das restliche Rudel über sie herfiel und zerfleischte. Der letzte verbliebene Werwolf war sehr jung, fast noch ein Knabe. Ich versuchte noch ihn zu überreden, beim Angriff auf das Ferienlager der Kinder nicht mitzumachen und sich Lupin anzuvertrauen - aber der Junge wollte nicht auf mich hören! Nachdem Greyback tot war und all seine Kameraden ebenfalls, ist er dann doch zu Lupin gegangen – und der hat mir diese Tatsache vor den Ohren von Rodolphus Lestrange und den anderen Todessern um die Ohren gehauen! Hat mich ein paar Gemeinheiten an Lupins Adresse gekostet, um ihm den vorlauten Mund zu stopfen, bevor er mein hochverräterisches Angebot an den Jungen in aller Unschuld weiter erläutern konnte!“
„Werwolf!“, knurrt Tom Riddle in Lupins Richtung. Aber Remus kümmert das wie üblich nicht – er schläft mal wieder den Schlaf der Gerechten, anstatt mir beizustehen …
Tom Riddle fängt meinen Blick auf und steckt seine ekelhaften Gedankenkrallen in meinen Kopf. Ich lasse ihn gewähren und schenke amüsiert meinem ehemaligen Herrn und Meister ein paar ausgewählte Einblicke in Gedanken, die ich bisher unter dicken Eisschichten verborgen hielt.
„Du kannst den Werwolf nicht ausstehen … und Potter hältst du tatsächlich für einen faulen, verzogenen Quälgeist, der seine Mitschüler tyrannisiert wie einst sein Vater … damit also hast du deine wahren Absichten getarnt und mich hintergangen, du …!“ Dem Dunklen Lord bleibt vor Wut und Entsetzen die Luft weg.
„Ja, ich habe den besten Legelimens, den die Welt je hervorgebracht hat, hinters Licht geführt – ich bin nämlich der beste Okklumens, den die Welt je hervorgebracht hat!“, erkläre ich vergnügt. „Aber ich habe euch noch viel öfter getäuscht! Amycus und Alecto, die beiden Geizhälse, haben mich durchschaut und mit ihrem Wissen erpresst. Um sie loszuwerden führte ich die beiden in eine eurer Schatzkammern, in der, wie ich wusste, eines eurer bestgehüteten Geheimnisse auf uns wartete. Die Geschwister konnten zu ihrem Unglück eurer Einladung zur Teeparty nicht widerstehen. Leider musste ich auf meiner Flucht den in ein Monster verzauberten Florean Fortescue töten – und das verzeihe ich euch niemals!“
„Du hast Hufflepuffs Becher zerstört – und nicht diese beiden dummen, einfältigen Gierhälse …?“ Riddle knirscht mit den Zähnen.
„Genau. Ich hoffe, ihr konntet euch bei Gelegenheit einen Ersatz für Helgas Andenkennippes zusammenrauben.“, ergänze ich ironisch und weiß doch genau, dass das Herz des Dunklen Lords in mehr als einer Beziehung an Hufflepuffs Artefakt hing … „Ollivander habe ich übrigens ebenfalls zur Flucht verholfen …“, fahre ich fort. „Ihr wisst ja, dass mein Vater ein Muggel war. Er lehrte mich Muggel-Zaubertricks, und seine Spezialität war es, den Leuten Geldstücke hinter den Ohren hervorzuholen, ihnen die Geldbörse von der rechten in die linke Jackentasche wandern zu lassen und Kaninchen aus Zylindern hervorzuziehen. Ich war auch hier ein gelehriger Schüler und stahl Rabastan den Schlüssel zu den Kerkern sowie sein Fläschchen mit Amortentia, als ich ihn auf dem Gang über den Haufen rannte und ihm anschließend half, den Staub aus dem Umhang zu klopfen. Ich duplizierte den Schlüssel, brachte den Nachschlüssel in ein paar Käsekesseln versteckt zu Ollivander und goss Lestranges Amortentia in das Butterbier der Todesser. Später steckte ich Rabastan den Schlüssel und das mit einer harmlosen Ersatzflüssigkeit aufgefülltes Fläschchen wieder zurück in den Umhang. Während ich mir mit Malfoys Befreiung ein Alibi verschaffte, tobte in Babajaga der Liebeswahn … ebenfalls eine Idee, die nicht einer gewissen Ironie entbehrt – und die schätzen wir ja beide, nicht wahr, mein Herr und Gebieter?“ Ich grinse spöttisch, während das Schlangengesicht verrät, das er nur eine einzige Art von Ironie schätzt – seine eigene.
„Aber du hast Dumbledore vor den Augen von Greyback und den anderen Todessern ermordet! Sie alle waren Zeuge!“, protestiert Voldemort. „Ich begreife nicht, welches Spiel du getrieben hast!“
„Das übersteigt deinen Horizont, Tom: Albus Dumbledore hat dich gewarnt, die Macht der Liebe nicht zu unterschätzen, doch du warst genau wie ich einstmals zu arrogant und von dir selbst und deinem großartigen Können eingenommen, um auf seinen klugen Rat zu hören! Dumbledore hat sich für mich und Draco Malfoy geopfert, als er von deinem Plan erfuhr, ihn durch den Jungen ermorden zu lassen! Er wollte, dass ich als dein loyalster Vertrauter an deiner Seite stehe, du leichtgläubiger alter Narr, damit ich einen günstigen Moment abpassen kann, um dich zu ermorden … Leider habe ich’s vermasselt - aber auch das ist nicht wirklich wichtig, es gibt ja noch die Prophezeiung! Außerdem war dein dummes Gesicht unbezahlbar, als ich dir und den Todessern weisgemacht habe, man könne Gryffindors Schwert nur durch den Gedanken an Liebe aus dem Stein herausziehen!“ Ich breche in das höhnische Gelächter aus, das ich gerne vor den versammelten Todessern gelacht hätte... Aber man kann ja nicht alles haben im Leben – und auch nicht im Tod.
„Ni… - nicht?“, stammelt Riddle dümmlich.
„Natürlich nicht! Sonst könnte doch jeder, der nur einen Funken Liebe in sich trägt, für dich das Schwert aus dem Stein ziehen! Godric Gryffindor persönlich hat sein Schwert mit einem mächtigen Fluch belegt, so dass es nur seine Freunde dem Felsen ziehen können – dies ist die Probe, die jeder Direktor von Hogwarts bestehen muss, um am ersten Tag im Amt an den steinernen Wasserspeiern, in die Fawkes Gryffindors Schwert versenkt hat, vorbei in das Büro zu gelangen! Du Irrwicht für Arme hältst dich für den Erben Slytherins und kannst doch niemals wie Godrics Freund Salazar das Schwert aus den Wasserspeiern ziehen! Du wirst niemals auf Dumbledores Stuhl sitzen, selbst wenn es dir gelingen sollte, McGonagall von ihrem Posten zu verdrängen. Keiner der Todesser – und wenn er noch so sehr an Liebe denkt – wird jemals Gryffindors oder Dumbledores Freund sein, und nicht in tausend Jahren wirst du die Waffe wieder aus dem Stein herausholen können!“
Tom Riddle kreischt auf wie in Todesnot. Das rotglühende Leuchten seiner Augen überstrahlt nun sogar den flackernden Schein des prasselnden Feuers. „Die Prophezeiung!“, murmelt er endlich und reißt sich mit einem Ruck zusammen. „Dumbledore hat dir vor seinem Tod auch den Teil verraten, den du im Eberkopf nicht belauschen konntest – ohne die wahre Aussage der Prophezeiung zu kennen hättest du es niemals gewagt, nach dem trimagischen Turnier auf den Friedhof zu mir zurückzukehren und mich, deinen Herrn und Meister, auszuspionieren!“ Seine Augen glitzern tückisch und voller Vorfreude: Wenn es ihm gelingt, mir dieses Wissen abzupressen, wird er nach den vergeblichen Bemühungen in der Mysteriumsabteilung doch noch erfahren, unter welcher Bedingung Harry Potter endlich getötet werden kann!
Ich kichere. „Tut mir leid, dass mein Undank an dir nagt wie Schlangenzahn, aber du irrst dich! Dumbledore hat mir nicht verraten, wie die Prophezeiung vollständig lautet – und ich habe ihn nie gefragt! Wir wussten beide, dass du die Macht besitzt, mit genügend Zeit alles aus einem Menschen herauszuholen, was er weiß … Ich bin keine Ausnahme, da mache ich mir nichts vor - ich bin nämlich im Gegensatz zu dir, Blindschleiche, stolz darauf, nur ein Mensch zu sein.“
„Ich glaube dir kein Wort, Halbblut! Alle Leute halten dich für einen Mörder, du hast keinen einzigen Freund auf der Welt – und der alte Mann ist tot und kann dir nicht mehr helfen!“, flüstert er heiser vor Zorn. „Gib mir die fehlenden Worte der Prophezeiung, Severus, und ich schenke dir einen schnellen, schmerzlosen Tod!“
„Nur über meine Leiche!“, verspreche ich leichthin.
Voldemort packt mich beim Kragen und schüttelt mich wild, so dass mir die Knochen durcheinander rasseln. „Ich werde dieses Wissen aus dir herauspressen – verlass dich darauf!“, keucht er.
Ich zucke gleichgültig die Schultern. „Was du glaubst oder tun willst ist mir gleichgültig - ich wollte eigentlich nur, dass du Bescheid weißt, was ich in Wahrheit von dir halte, Tom Riddle, bevor du mich tötest und ich dahin gehe, wo Dumbledore mich schon erwartet und wohin du trauriger Feigling mir nicht folgen kannst!“ Ich lächle mein zahnigstes, arrogantestes Lächeln und hoffe insgeheim, dass er vor Wut die Selbstbeherrschung verliert und zu hart zuschlägt, so dass mir möglichst schnell die Lampen ausgehen. Lieber ein Ende mit Schrecken… und zu meiner Erheiterung zuckt und zittert Voldemort nun ebenso sehr vor Wut wie ich vor kurzem noch vor Angst geschlottert habe!
„Ich vertraue Albus Dumbledore – gestern und heute und bis ans Ende meiner Tage!“ ergänze ich sanft.
Ich habe es geschafft: Voldemorts weißglühende Raserei trägt ihn jenseits aller Vernunft, und jegliche Selbstbeherrschung entgleitet ihm. Mit bebenden Händen hebt er den Zauberstab und der Zorn lässt die Laute fast verschwimmen: „Dieser Tag ist gekommen, Verräter!“, zischt er. „CRUCIO!“

Ich gehe ein in den einfältigen Grund, in die stille Wüste, in jenes Innerste, da niemand heimisch ist, und treibe in dem wüsten und öden Meer ohne Ufer und Grund, darin weder Werk noch Bild. Mir ist kalt.

Während ich ohne Ziel dahin drifte nähere ich mich manchmal der Oberfläche, doch ich darf sie nicht durchbrechen, denn dort oben wartet etwas Finsteres, Grauenhaftes auf mich … Und nach Äonen ungewisser Zeit reißt mich ein unmenschlicher Schrei halb aus der Bewusstlosigkeit, und ich weiß, dass ER in seiner verfluchten Höhle nicht das vorfand, was er sich dort erhoffte … Dumbledore war schneller.
Mit einem Lächeln lasse ich mich zurücksinken, und bevor ich wieder in gnädiges Nicht-Sein gleite, schießt mir ein letzter klarer Gedanke durch den Kopf: Riddle ist und bleibt ein jämmerlicher Stümper, denn Bellatrix Lestrange hätte mich niemals so schnell und billig davonkommen lassen.

Lupin ist wieder in die Höhle der Zentauren zurückgekehrt. ER hat meine Schultern umfasst, zieht mich halb hoch und setzt mir einen Becher an die Lippen. Mein Hals ist rau und heiser und ausgedörrt, und ich leide großen Durst. Ich muss trinken …
Nicht Lupin, sondern Voldemort. Sein Schlangengesicht ist meinem ganz nahe, und er hält einen Becher in den Händen, der genauso schlicht und elegant aussieht wie diejenigen, die Dumbledore aus dem Nichts heraus heraufbeschwören konnte. Voldemort mit Dumbledores Becher? - Das kann nichts Gutes bedeuten. Ich beiße die Zähne aufeinander und presse die Lippen fest zusammen, dass kein Tropfen aus dem Becher in meinen Mund gelangen kann.
Riddle lächelt amüsiert und hält mir die Nase zu.
Da der Reflex irgendwann jeden zwingt, Atem zu schöpfen, muss ich endlich den Mund öffnen. ER gießt mir sofort den Inhalt des Bechers in die Kehle, während sich seine Legelimentikkrallen blitzschnell in mein schutzloses Hirn bohren.
Ich würge und huste und muss doch schlucken, denn der Becherinhalt verursacht so brennenden Durst, wie ich ihn noch nie gekannt habe. Und während ich noch keuche und nach Atem ringe, sehe ich glasklar und absolut real, wie ich vor meiner Klasse stehe und den jungen Neville Longbottom zum wiederholten Male wegen seiner ungenügenden Leistungen rüge. Dann ändert sich die Szene, und Neville steht mitten in der Nacht einsam und alleine auf dem Astronomieturm. Anstatt jedoch hinauf zu den Sternen zu blicken, nähert er sich vorsichtig der Brüstung und schaut hinab in die gähnende Tiefe. Er erschaudert und klammert sich an den kalten Stein, doch er weicht nicht zurück, sondern setzt sich endlich mit zittrigen Bewegungen auf die Zinnen, um weiter hinunter in den Abgrund zu starren. Longbottom erinnert mich sehr an mich selbst und an die Nacht, in der die Potters ermordet wurden. Damals saß ich selbst dort oben bis zum Morgengrauen und versuchte zu entscheiden, ob ich nun hinunter springen sollte oder ob mein Mut ausreichte, den Rest meiner Tage die Last der Schuld zu ertragen.
Schließlich kam Dumbledore und meinte, es sei unfair hinunter zu springen - schließlich sei es Hagrids oder Filchs Aufgabe, meine unappetitlichen Überreste dort unten in der Tiefe zu beseitigen, und beide seinen nicht in der Lage, bei ihrer Arbeit Magie zu benutzen… Außerdem sei Voldemort zwar verschwunden, aber noch nicht endgültig tot und besiegt. Ich wolle mir sicher nicht die Möglichkeit entgehen lassen, an Voldemorts endgültigem Untergang mitzuwirken, oder? Mit diesen Worten legte Dumbledore die Hand zwischen meine Schultern und zog mich sanft von der Brüstung - und ich folgte ihm ohne zurückzublicken.
Neville jedoch – das kann doch nur ein Alptraum sein, oder? – ballt jetzt plötzlich die Fäuste, stößt einen grauenhaften Laut zwischen Heulen und Schreien aus und wirft sich nach vorne.
Ich schreie ebenfalls … und wieder ersticke ich fast an dem Gebräu, das durch meine Kehle rinnt. Sofort entstehen neue Bilder vor meinen Augen: Ich lege Lucius Malfoy die Transfusion an, die mein und sein Blut mischen wird … Malfoy in Fieberträumen … ein weißer Sarg in einem Blumenmeer, daneben Narcissa, die halb ohnmächtig und verzweifelt in ihr Taschentuch schluchzt…
„Oh, davon wusste ich gar nichts!“, stellt eine kalte Stimme jenseits der Bilder fest. „Malfoy hat also einen Grund, dir etwas heimzuzahlen! – Der Becher: Refillo!“
Ich will aufbegehren, doch da tobt dieser brennende, glühende Durst, und ich muss wieder trinken, ich muss einfach –
„Reue …“, zischt es grausam an meinem Ohr. „Der Trank verursacht also einen Reue-Irrwicht! Wie gut, dass ich ein Versuchskaninchen mitgebracht habe …“
Ich beachte das Zischen nicht weiter, denn meine Erinnerungen und ihre möglichen Konsequenzen werden mit jedem Tropfen, den ich herunterschlucken muss, noch grässlicher und unerträglicher, bis ich endlich im Eberkopf die Prophezeiung belausche und sie an meinen Herrn weitergebe. Jetzt sehe ich James und Lily Potter sterben, darauf Cedric Diggory und Sirius Black, dann endlich töte ich Albus Dumbledore auf dem Astronomieturm … jemand schreit, schreit und schreit … und die ganze Welt versinkt in Blut und Chaos.

Ich komme zu mir, weil ich halb im eisigen Wasser liege und mir statt der grauenhaften Brühe ein Schwall Salzwasser in den Mund geschüttet wird. Ich trinke es bereitwillig wie ein Verdurstender, obwohl mir klar ist, dass mich das Salzwasser wahrscheinlich wahnsinnig machen wird wie Schiffbrüchige ohne Vorräte auf hoher See.
Voldemort steht über mir, und ich blinzle hoch in sein Schlangenantlitz.
„Ich werde dich und den Werwolf zu Inferi machen, Severus!“, höhnt er. „Dann erfüllt sich sogar dein Wunsch, mir nur über deine Leiche zu dienen! Und aus deinem Rasiermesser werde ich mir einen ganz besonders befriedigenden, köstlichen Horkrux bereiten!“
Suchend blickt er sich um, und ich tue es ihm nach. Doch mich kümmert nicht meines Vaters Rasiermesser, sondern Remus Lupin. Der liegt, noch immer bewusstlos, eine Armlänge neben mir. Die Wogen der Flut, die inzwischen auf den Strand aufgelaufen ist, umspülen bereits seine Hüfte.
„Sein Messer - wo ist es? Lumos!“, zischt der Dunkle Lord.
Ich packe den Werwolf beim Kragen, rolle mich in die nächste Welle, die sich am Strande bricht, und ziehe Remus Lupin mit mir in die brausende Flut. Während meine Kleidung sich mit dem eisigen Wasser voll saugt und die Strömung uns beide rasch von jenem verfluchten Strand hinweg und in die Tiefe reißt, vernehme ich als letztes den gehässigen Triumph meines ehemaligen Herrn: „Accio Severus Rasiermesser!“.

Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.
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Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 11. November 2006 16:27 
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Kapitel 32.: Wie ein Phönix aus der Asche

Tang streift mir sanft über das Gesicht und an mein Ohr dringen von weiter, weiter Ferne her fremde Klänge wie Walgesang, während ich ertrinke. Die glasgrün schwarze Tiefe, in die die mächtige Meeresströmung mich und Remus Lupin hinabreißt, ist kalt und unheimlich. Ich blinzle ein letztes Mal hinauf zur Oberfläche und erkenne schemenhaft langgestreckte schlanke Körper, die pfeilschnell durch das Wasser schießen und uns in immer enger werdenden Bahnen zu umkreisen beginnen.
Haifutter also – tausendmal besser denn die Alternative, Voldemort als Inferi dienen zu müssen.
Und ich bleibe irgendwo in den unterseeischen Ausläufern der Klippe an einem Felsvorsprung hängen, und während einer der zahl- und zahnreichen hungrigen Bewohner dieser Untiefen mir die Finger aufzubiegen versucht, damit ich Lupins Umhang loslassen muss, steckt ein anderer mir ein widerwärtiges Kraut zwischen die Lippen. Der schleimige, gummiartige Geschmack löst bei mir pures Entsetzen aus, denn ich habe Angst, es ist ein weiteres grausame Träume auslösendes Gift wie das aus Dumbledores Kelch.
Mit letzter Kraft wehre ich mich dagegen und muss doch auch dieses Zeugs herunterschlucken, als der Atemreflex mir mit einem großen Schwall Wasser die Lungen füllt, und dann verliere ich endgültig das Bewusstsein.
Der Tod ist warm und sanft und schaukelnd, und eigentlich gar nicht so schlimm...

Ein rauer, heißer Waschlappen fährt mir über das Gesicht, dann nochmals – und nochmals. Atem, der nach Fleisch und Fisch und ungeputzten Zähnen stinkt, beleidigt meine Nase. Ich versuche, diese Quelle der Störung beiseite zu schieben, damit ich in dem köstlichen und anspruchslosen Frieden verharren kann, der mich in sanftem Rhythmus umfängt und dabei in seinen Armen wiegt wie eine Mutter ihr Kind.
„Fang! Komm zurück zu mir! Hier liegt Remus Lupin!“, dröhnt eine mächtige Stimme, die mir vage vertraut erscheint.
Der Waschlappen fährt ein weiteres Mal über mein Gesicht – ich kann so was nicht ausstehen – und eine feuchte und ziemlich harte Nase stupst mich hartnäckig an, damit ich mich bewegen und wegrennen soll. Katz und Maus.
„Lass das schmutzige Treibgut dort in Ruhe, Fang, und hilf mir lieber! Das da ist nur ein Bündel Tang und Dreck!“
Der riesige Hund neben mir ignoriert den Befehl seines Herrn und hebt im Gegenteil an herz- und ohrenzerreißend zu winseln. Ich hingegen wünschte, der Aufruhr legte sich endlich und ich könne zurücksinken in die kühle stille Tiefe, in der niemand etwas von mir begehrt, fordert oder mich zu tun zwingt ...
„Fang! Jetzt komm endlich! Wir haben es eilig - Remus geht es sehr schlecht!“
Ein Scharren, weiteres Winseln.
Schritte neben mir im Sand. Jemand fasst mir ins Haar und biegt mir den Kopf zurück, so dass ich zu ihm hinaufblinzeln muss.
„Snape!“, sagt Hagrid tödlich überrascht, packt mit seinen mächtigen Pranken meinen zerfetzten und wassertriefenden Umhang sowie eine handvoll meines Haares und zerrt mich daran grob und mühelos als sei ich ein Kind halb hoch auf die Knie. „Dumbledores Mörder!“, ergänzt er heiser.
Ich grinse hilflos – und erbreche alles, was ich in den letzten Stunden habe schlucken müssen, wie ein Wasserfall über seinen Maulwurffellmantel.

Als ich das nächste Mal zu mir komme, liege ich unter einem Stapel Felle und Decken warm verpackt auf einer Strohschütte, und ich trage trockene Kleider … meine eigenen Kleider, die ich in Hogwarts zurücklassen musste. Auf dem Boden neben meiner provisorischen Bettstatt steht ein Becher mit einer dunklen Flüssigkeit, die ich im Lichte der Sterne, die immer wieder durch vorbeijagende Wolken verdunkelt werden, nicht identifizieren kann. Auf dem Teller daneben befinden sich ein Stück Brot und eine Ecke Käse. Eben dieses habe ich während meiner Zeit in Hogwarts fast immer zu Abend gegessen.
Obwohl ich wieder einmal sehr durstig bin – das Salzwasser, das ich geschluckt habe, ist schuld – kann ich mich kaum überwinden, jemals wieder irgendetwas zu trinken. Misstrauisch schnuppere ich an der Flüssigkeit im Krug und stelle fest, dass der Inhalt duftet wie eine Mischung aus Dumbledores besten elfengemachten Rotwein und Drachenblut – Norwegischer Stachelbuckel, wenn ich mich nicht irre.
Nachdem ich mich doch noch dazu zwingen konnte, kleine Schlucke davon zu nehmen, geht es mir mit jedem davon wieder besser, so dass ich schließlich alles austrinke und auch Brot und Käse esse.
Während ich noch kaue und meine Lebensgeister nach und nach wieder erwachen, schaue ich mich um. Ich bin irgendwo im Freien, und zwar in einem riesigen, zirkuskuppelartigen Käfig, der in zwei unterschiedlich große Sektionen unterteilt ist. In einem weiten Kreis rings um den Käfig herum ist alle Vegetation verdorrt, und am Rande dieser verbrannten Lichtung mitten im Walde ringen kohlschwarze Bäume ihre verstümmelten Äste gen den Nachthimmel.
Ich werfe die Decken und Felle zur Seite und stehe auf, um mich umzusehen.
Mein Teil dieser gigantischen Vogelvoliere misst etwa fünfzig Schritt im Durchmesser. Ich spähe mit zusammengekniffenen Augen durch die trennenden Gitterstäbe und sehe auf der anderen Seite des Käfigs einen kleinen Verschlag, in dem zusammengerollt und ebenfalls auf einer mit Stroh und warmen Decken improvisierten Bettstatt eine Gestalt liegt …
Es ist Lupin - und er atmet!
Meine Hände schließen sich voll Erleichterung um die Gitterstäbe, die ebenfalls schwarz und irgendwie verbrannt aussehen, als die Wolken aufreißen und der Vollmond zwischen ihnen hervorbricht.
Remus Lupins vom Monde beschienener Körper beginnt sich zu dehnen und zu winden und in grässlichen Verrenkungen zu verdrehen, und ich sehe Haut aufplatzen und höre grässliche knackende Geräusche wie von Knochen, die sich gewaltsam ausdehnen und die Haut durchstoßen, während Muskeln und Sehnen noch nicht nachkommen konnten und reißen wie überspannte Bogensehnen … Und Lupin windet sich in grauenhaften Schmerzen und vor Pein jaulend und heulend in seine Werwolfgestalt, während mir das Herz vor Entsetzen gefriert: Nie zuvor habe ich mit ansehen müssen, wie Remus zum Werwolf wird …
Während das Wesen jenseits des Stahlgitters nach und nach seine Menschlichkeit verliert und zur Bestie wird, schweifen meine Gedanken zurück zu jenem Tag vor etwa vier Jahren, als mich Dumbledore zu einem sehr späten gemeinsamen Abendessen kurz vor Mitternacht in sein Büro bat, weil er mit mir die Besetzung des Lehrstuhles für Verteidigung gegen die Dunklen Künste erörtern wolle. Ich war ein wenig überrascht, weil ich ihn in jedem Jahr mehrfach zu überreden suchte, mir endlich diesen Posten zu übertragen, was er jedoch ebenso regelmäßig ablehnte. Als ich den Wasserspeiern das Passwort genannt hatte, empfingen mich der Duft nach köstlichem Essen sowie Albus Dumbledore bereits an der Tür.
„Guten Abend, Severus. Ich möchte dich bitten, einen möglichen Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu überreden, zu uns nach Hogwarts zu kommen und die Schüler im kommenden Jahr zu unterrichten.“
Ich war milde überrascht, denn Dumbledore pflegte Personalfragen im Allgemeinen mit seiner Stellvertreterin Minerva McGonagall und nicht mit mir zu erörtern.
„Ich?“, fragte ich darum erstaunt und versuchte an ihm vorbei ins Zimmer zu spähen, um einen Blick auf meinen Konkurrenten um dieses Amt zu erhaschen. „Ich bin wirklich nicht besonders gut im Umgang mit Menschen … wie sollte ausgerechnet ich dabei helfen können?“
„Du bist ausnahmsweise absolut perfekt für diesen Zweck geeignet, Severus!“, antwortete er mit einem seltsamen Lächeln und zwinkerte mir zu.
Ich hob skeptisch eine Braue.
Dumbledore legte freundschaftlich die Hand auf meine Schulter. „Habe ich deine Unterstützung, Severus? Wirst du mir helfen, meinen Wunschkandidaten für unser Lehrerkollegium zu gewinnen?“
„Meinetwegen!“, murmelte ich mürrisch und betrat widerstrebend das Büro.
Dumbledore lächelte sanft und machte wie beiläufig einen Schritt zur Seite, so dass mein Blick auf den festlich gedeckten Tisch fiel und den Gast, der bereits daran saß: Remus John Lupin!
„DER!“, fauchte ich zornig und tastete in langjährigem Reflex nach dem Zauberstab, der natürlich unten in meinem Kerkerbüro lag. „Was macht der Kerl denn hier?“
Remus Lupin, der sich bereits halb zu einem Gruß erhoben hatte, kam zögerlich auf die Füße und machte einen tödlich verlegenen Eindruck.
„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee war hierher zu kommen …“
„Papperlapapp Schnickschnack!“, antwortete Dumbledore gutgelaunt und schob mich zu einem freien Stuhl. „Wir werden jetzt gemeinsam speisen – und ihr beide werdet euch endlich einmal gesittet miteinander unterhalten, anstatt euch gegenseitig an die Kehle zu springen, sobald ihr des anderen ansichtig werdet!“ Mit eisernem Griff hielt mich Dumbledore am Ellenbogen gepackt, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als am Tisch Platz zu nehmen …
Das Gespräch verlief stockend und beschränkte sich notgedrungen auf freundliche Konversation zwischen dem Direktor und dem Werwolf. Ich antwortete nur auf direkte Fragen, und dann so kurz angebunden, dass es schon an Unhöflichkeit grenzte. Ich wusste, dass Dumbledore sowohl enttäuscht als auch verärgert war, wenn er sich auch nicht das Geringste anmerken ließ und sich wie üblich als vollendeter Gastgeber erwies - aber ausnahmsweise waren mir seine Meinung und Missbilligung völlig gleichgültig.
Beim Essen beobachtete ich Remus schweigend und aus zusammengekniffenen Augen. Er war noch schmaler und blasser als in unserer Jugend, und seine Kleidung war abgetragen und unmodern; trotzdem war seine Erscheinung gepflegt und sauber. Er erinnerte mich stark an meinen Vater zu den Zeiten, in denen er mal wieder mehrere Wochen oder gar Monate lang arbeitslos war: Lupin wirkte niedergeschlagen, mutlos und sehr zurückhaltend. Er hatte hervorragende Manieren, natürlich, und trotzdem entging mir nicht, dass der Inhalt der Schüsseln und Platten beinahe ausschließlich in seinen Magen wanderte, in dem offenbar ein schwarzes Loch zu füllen war. Traurig erinnerte ich mich an die Zeiten meiner Toastbrot-mit-Ketchup-Diäten aus Geldmangel, und leises Mitleid mit meinem ehemaligen Feind aus Jugendtagen regte sich in mir.
So schnell lasse ich mich nicht von ein paar treuen Hundeaugen weich kochen - ich zwang mich an die vielen Gelegenheiten zu denken, zu denen seine Freunde mich durch die Mangel drehten, während der Herr Werwolf vornehm schweigend zusah und so tat, als ginge ihn das alles gar nichts an. Er war ein Feigling, wie er im Buche stand, denn Lupin war sich völlig im Klaren darüber, dass ich gegen das eingespielte Dream-Team James und Sirius und ihren heimtückischen Applausknecht Peter Pettigrew keine Chance hatte, was auch immer ich unternahm oder mir an Flüchen ausdachte – ich konnte Remus Unbehagen an seinem betretenen Gesicht und der tiefen Furche zwischen seinen Augenbrauen ablesen. Aber nie – nicht ein einziges Mal - stand er auf und sagte ihnen geradeheraus ins Gesicht, was er über ihre Grausamkeiten dachte … Ich verachtete Remus Lupins heuchlerisches Gutmenschentum und sein geschickt mit den Deckmäntelchen von Duldsamkeit und Sanftmut verbrämtes Selbstmitleid zutiefst.
Ich rührte nicht einen Bissen an und nippte nur hin und wieder an dem Elfenwein.
„Nun, Severus, du bist sehr schweigsam heute Abend. Was denkst du – wäre Lupin nicht ein Gewinn für uns hier in Hogwarts?“, wandte sich der Direktor von Hogwarts mit freundlichem Lächeln an mich.
Ich schnaubte verächtlich und stellte mein Glas so feste auf den Tisch, das es klirrte. „Im Gegenteil – wir würden eine Niete ziehen!“
Lupins haselnussfarbene Augen wurden dunkler, und seine Ohren liefen rot an.
„Ich habe es ihnen ja gesagt, Dumbledore: Severus wird mir nie verzeihen, dass ich als Vertrauensschüler so kläglich versagt habe …“ Lupin tupfte sich rasch mit der Serviette den Mund und erhob sich halb, als Dumbledore ihm die Hand auf den Arm legte und ihn sanft aber bestimmt zurück auf den Stuhl drückte.
„Doch, er wird!“ Dumbledores ruhige blaue Augen blickten mich über die Ränder seiner Halbmondbrille hinweg auffordernd an.
„Nein, das werde ich nicht!“ Zornig stieß ich den Stuhl zurück. „Wenn er nach Hogwarts kommt, dann gehe ich!“
„Das ist keine Option!“, sagte Dumbledore ruhig, jedoch mit einer Schärfe in der Stimme, die nahe legte, dass ein Widerspruch schon sehr gut begründet sein müsste, um ihn umstimmen zu können. „Ich möchte mich ja nicht über meine Arbeit als Direktor dieser Schule beklagen, aber es ist verflixt schwierig, jedes Jahr aufs Neue fähiges Personal für den Posten als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu finden! Alastair Moody unterzieht sich im St. Mungos einem Wiederherstellungszauber für seine Nase und steht frühestens im nächsten Jahr zur Verfügung, und Dolores Umbridge vom Zaubereiministerium … Nein, Lupin ist eindeutig meine erste Wahl! Und du, Severus, wirst dem zustimmen!“
„Niemals!“, knurrte ich.
„Denk an das Wohl unserer Schüler und überwinde deine Vorurteile, Severus!“. gemahnte mich Dumbledore freundlich.
„Der da …“, bemerkte ich kalt, …ist ein elender Feigling, der den Schülern das denkbar schlechteste Vorbild liefert.“
„Ich möchte dich sehr freundlich bitten, Anwesende direkt anzusprechen oder mit ihrem Namen anzureden, wenn du Behauptungen über sie aufstellst.“, wies der Direktor mich mit ausgesuchter Höflichkeit zurecht. „Und wie wir beide bereits mehrfach und erschöpfend erörtert haben, Severus, bin ich in diesem Punkt anderer Meinung!“
„Das ist ihr gutes Recht als Direktor dieser Schule.“, entgegnete ich eisig und nahm einen Schluck Wein, um den hilflosen Zorn in meinem Gesicht hinter dem Weinkelch zu verbergen. „Ich bin nicht in der Position, ihre Entscheidungen zu kritisieren, Schulleiter.“
„Nein, Severus, das bist du nicht, denn du kannst deinen kindischen Groll noch immer nicht überwinden! In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass sich Remus Lupin hier ebenfalls ein hervorragender Anlass bieten würde, dich zu hassen - im Gegensatz zu dir hat er jedoch niemals auch nur mit einer Silbe angedeutet, er mache dich für den Tod seines Freundes James und seiner Frau verantwortlich!“
Ich antwortete nicht, doch irgendwie zerbrach der filigrane gläserne Kelch knirschend in meiner Hand, und die Reste des Weines besudelten die blütenweiße Tischdecke.
Lupin zuckte zusammen und erhob sich nun trotz Dumbledores Protest. „Das hier hat keinen Zweck.“, meinte der Werwolf resigniert und griff nach seinem Mantel – einem scheußlichen, vielfach geflickten Modell aus Vorkriegszeiten. „Ich möchte mich trotzdem bei dir entschuldigen, Severus. Meine Freunde und ich, wir haben dich sieben Jahre lang grausam gequält. Ich weiß, dass ich damals versagt habe und will diese Tatsache auch nicht beschönigen.“
Er streckte mir die Hand zur Versöhnung hin.
Ich blinzelte überrascht – den Mut zu einer Entschuldigung hatte ich von ihm nicht erwartet, und ganz besonders nicht nach meinen feindseligen Ausfällen ihm gegenüber.
Ich starrte auf seine zur Versöhnung ausgestreckte Hand, als hinge sie am Arm eines Inferius.
„Wie auch immer du dich entscheidest – meine damalige Pflichtverletzung als Vertrauensschüler bedauere ich inzwischen aufrichtig, Severus!“, wiederholte Lupin freundlich.
Ich blinzelte nicht einmal.
Dumbledore wartete ziemlich lange, bevor er das Schweigen brach, und Lupin ließ mit traurigem Ausdruck in den sanften Hundeaugen die Hand schließlich sinken.
„Genug!“, meinte Dumbledore leise, aber so scharf, dass ich unwillkürlich zusammenfuhr. „Ich lasse nicht zu, dass diese Angelegenheit uns alle weiter belastet. Gerade du, Severus, solltest doch am besten wissen, was Reue bedeutet!“ Ich setzte zu einer heftigen Entgegnung an, doch Dumbledore ließ sich nicht unterbrechen, sondern fuhr ungerührt fort: „Remus Lupin wird am ersten September nach Hogwarts kommen und Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten - und du, Severus, wirst ihm jeden Monat bei Vollmond den Wolfsbanntrank brauen. Wage jetzt nur nicht zu behaupten, dieser Trank sei zu schwierig für dich!“
Da ich genau das zu behaupten vorgehabt hatte, blinzelte ich heftig und stieß dann zwischen den Zähnen hervor: „Ist dies eine Bitte des Direktors von Hogwarts oder ein Befehl vom Großmeister des Phönixordens?“ Eine Bitte würde ich abschlagen.
Dumbledores blaue Augen glitzerten.
„Ein Befehl, Severus.“, meinte er sehr milde.
Ich beugte mit einer knappen Bewegung den Kopf in Dumbledores Richtung, stieß heftig den Stuhl zurück, schlug den Umhang über die Schulter und rauschte unter den missbilligenden Gesichtern und empörten Ausrufen der Schulleiterportraits an den Wänden grußlos aus dem Zimmer …
Obwohl Dumbledore später mit keinem Wort diesen Schlagabtausch in seinem Büro erwähnte – er war immer erstaunlich wenig nachtragend – denke ich inzwischen anders über Lupin: Er wollte mich in der Zentaurenhöhle überreden, zur richtigen Seite zurückzukehren, obwohl ich ihn zuvor auf das Heftigste beleidigt hatte, um zu verhindern, dass er in aller Unschuld weiter über die Sache mit dem jungen Werwolf ausplauderte und mich mit Rodolphus Lestrange als möglichen, jedoch höchst interessierten Zuhörer wortwörtlich in des Teufels Küche brachte … Lupin kehrte zusammen mit McGonagall und Shacklebolt zurück, um mich aus den Händen von Scrimgeour und Umbridge zu befreien – und er erbarmte sich meiner und gab mir Wasser, als ich völlig fertig vor ihm am Boden lag. Nein, Lupin ist bestimmt kein Held, aber ein so abgrundtief jämmerlicher Feigling wie seine ehemaligen Kumpane ist er wohl auch nicht…
Lupins Verwandlung ist nun abgeschlossen: Das Monster dort drüben richtet sich zu seiner vollen Größe auf und wirft den grausam deformierten Kopf in den Nacken, um den Mond anzuheulen, so dass mir das Blut in den Adern gefrieren will. Die Verwandlung Greybacks und seines Werwolfrudels fand ich zwar ebenfalls schrecklich und Furcht erregend, aber es flößte mir nicht annähernd das Grauen ein, das ich bei Remus Lupin empfinde. Seit seiner Kindheit wird er einmal im Monat zu einem Monster, das er nicht kontrollieren kann – und zum ersten Male begreife ich, welche Schmerzen er erduldet, welche Angst ihm der Kontrollverlust über sein Handeln einjagen muss, denn er läuft ständig Gefahr, diejenigen, die er liebt, zu töten oder schwer zu verletzen und dabei zu dem Leben am Rande der Zauberergesellschaft zu verdammen, das er selbst führen muss. Dazu kommt, dass ihm, wohin er auch geht, Angst und Abscheu entgegenschlagen, und er wird auf seine Weise immer ein Ausgestoßener bleiben … Wenn ich den Tagespropheten aufschlage und die Schlagzeilen über mich lese, mit denen mir der blanke Hass der Menschen ins Gesicht springt, kann ich ganz gut nachvollziehen, warum Remus damals wider besseren Wissens zu seinen Freunden hielt und nicht zu mir …
Ich war im Unrecht und Dumbledore wieder einmal viel klüger und weitsichtiger als ich. Manchmal frage ich mich, ob ich je lernen werde, so zu sein wie er … Wahrscheinlich nicht, schon aus Zeitmangel.
Ich höre Schritte hinter mir und ein leises Klirren wie von Eisen, und als ich mich umwende, erkenne ich als schwarze Silhouette vor dem dunklen Nachthimmel Hagrids riesenhafte Gestalt.
„Warum lässt du zu, dass Lupin so leidet?“, frage ich leise und wende mich wieder ab, um den Werwolf anzustarren, der offenbar Witterung aufnimmt und aufgeregt herumzulaufen beginnt, die Nase fest am Boden. „Kann denn niemand außer mir den Wolfsbanntrank zubereiten?“
Hagrid räuspert sich.
„McGonagall ist krank, und Filius Flittwick … Er hat es versucht, und ich habe Lupin heute Abend das Ergebnis seiner Bemühungen gegeben, aber leider wirkt Filius Wolfsbanntrank nicht so, wie er sollte …“
Ein trauriges Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen.
„Flitwick ist zu klein und ihm fehlt die Kraft. Wenn das Mondsteinpulver hinzugefügt wurde, wird der Trank sofort zäh, und er muss kräftig aufgeschlagen werden, damit er wieder schaumig und leicht wird. Du hättest Flitwick dabei helfen müssen …“, ergänze ich mit mildem Vorwurf.
„Ich werde beim nächsten Vollmond daran denken.“, antwortet Hagrid reserviert.
„Unbedingt! Und sobald Minerva wieder gesund ist, sollte sie bei der Zubereitung die Tollkirschkonfitüre durch einen Löffel von Dumbledores Himbeermarmelade ersetzen, das verbessert nämlich nicht nur den Geschmack. Ich hab’s ausprobiert …“ Mir fällt soeben ein, dass ich ja inzwischen die Lösung für Remus Lupins pelziges Problem gefunden habe: eine Modifizierung des Zaubertrankes, die es dem Werwolf ermöglichen wird, auch bei Vollmond Menschengestalt und Verstand zu behalten!
Aufgeregt wende ich mich um, um dem Wildhüter und Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe meine neueste Entdeckung mitzuteilen – und erstarre.
Hagrid steht nur zwei Schritt hinter mir, und ich reiche ihm knapp bis zum Ellenbogen. Damit habe ich einen hervorragenden Ausblick auf das Halsband und die Ketten aus schwerem Eisen, die er in seinen mächtigen Fäusten bereithält.
Nein, wir führen hier kein Fachgespräch unter Kollegen wie früher, als er mir Haar vom Einhornschweif oder Akromantulagift für den Zaubertrankunterricht mitbrachte oder ich ihm gegen die Hautprobleme seiner Feuersalamander das Einreiben der betroffenen Hautpartien mit extrascharfem Chilipulver empfahl …
Hagrid hält mich für einen Todesser und den Mörder Dumbledores, und er ist sicher nicht gekommen, um mit mir über alte Hausrezepte zu plaudern.
„Was willst du?“, frage ich heiser und starre auf die Dinger in seiner Faust, die vor meiner Nase baumeln und von denen ich doch gar nicht wissen will, was er damit vorhat.
„Das fragst du noch, TODESSER!“, zischt Hagrid, und er ist plötzlich nicht mehr der warmherzige, fürsorgliche Mann, den ich kannte, sondern ein wütender Riese mit Kräften, welche die meinen bei Weitem übersteigen. Er hebt die mächtige Faust, und die Eisenketten, die er fest umklammert hält, rasseln bedrohlich.
Ich trete so weit ich kann zurück – was nicht sehr viel ist, denn ich stoße sofort mit dem Rücken an den Zaun.
„Wo bin ich? Wie komme ich hierher?“, frage ich leise.
„Fang hat dich am Strand gefunden, fast ersoffen und halbtot! Einer von den Meermenschen, die Dumbledore letzten Sommer vor einer Höhle in den Klippen an der Küste als Wachen postiere, hat seine Verwandten hier im See alarmiert, die wiederum mir Bescheid gaben. Sie schoben dir und Lupin Dianthuskraut in den Mund, damit ihr unter Wasser atmen konntet, und brachten Euch in Sicherheit. Gut, dass die Meerleute nicht aufgegeben haben und von ihrem Wachposten abgezogen sind, nachdem du Dumbledore im letzten Sommer umgebracht hast!“
Ich öffne den Mund, schließe ihn jedoch wieder. Was kann ich darauf schon erwidern, das nicht nach billiger Rechtfertigung klingt?
„Wie geht es Lupin?“, frage ich endlich. „Ich meine, wenn nicht mehr Vollmond ist.“
„Er wird durchkommen.“
Ich zucke betont gleichgültig die Schultern.
„Was hast du vor mit mir? Lieferst du mich dem Zaubereiministerium aus?“ In Askaban bin ich vor Voldemort sicher – aber wahrscheinlich nicht besonders lange, denn er wird bald offen die Macht in der Zauberwelt an sich reißen. Außerdem weiß ich nicht, ob ich Askaban wirklich für die bessere Alternative halten soll.
„Ich habe mich noch nicht entschieden - bis jetzt weiß keine Menschenseele und noch nicht einmal Professor McGonagall, dass ich dich überhaupt aufgelesen habe! Hier in dem Käfig, den ich vor ein paar Jahren für meinen norwegischen Stachelbuckel gebaut habe, bist du erst einmal sicher weggeschlossen! Lupin als Werwolf ist übrigens in dem abgetrennten Teil, in dem sich der kleine Norbert aufhalten konnte, während ich seinen Stall ausmistete…“
„Lass mich gehen, Hagrid!“, fordere ich leise.
Seine Hand packt mich so plötzlich am Hemd, zerrt mich hoch und wirft mich gegen die Gitter, dass mir die Luft wegbleibt.
„Du wagst es, mich um deine Freiheit zu bitten – nachdem du Dumbledore umgebracht hast?! Du musst verrückt sein, wenn du glaubst, mich mit einer von deinen Lügengeschichten einwickeln zu können!
„Las mich gehen!“, wiederhole ich so leise wie zuvor. „Es ist wichtig!“
Hagrid lacht ein dröhnendes, höhnisches Lachen, das sehr an seine riesenhaften Verwandten gemahnt.
„Die hier sind wichtig!“, sagt er und schwenkt die Ketten in seiner Faust. „Eigentlich habe ich sie gekauft, damit ich mit Norbert im verbotenen Wald Gassi gehen konnte – und wenn sie einen Drachen im Zaume halten können, dann können sie auch dich zähmen!“ Hagrid mustert mich bei diesen Worten mit einem ganz seltsamen und merkwürdigen Ausdruck in den schwarzen Käferaugen, den ich in all unseren gemeinsamen Jahren in Hogwarts noch niemals bei ihm gesehen habe.
Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife: Hagrid hat Angst - vor mir!
Diese Erkenntnis fährt mir in die Magengrube wie ein Faustschlag. Wenn Hagrid, der sich bisher noch vor keinem noch so Furcht einflößenden und gefährlichen magischen Geschöpf gefürchtet hat, ausgerechnet vor mir Angst bekommt, dann …
„Nein. Das darfst du nicht!“, flüstere ich tonlos.
„Oh doch – ich muss sogar! Du bist die grauenhafteste Kreatur, die mir in meinem ganzen Leben untergekommen ist, Snape! Die Geschöpfe, um die ich mich sonst kümmere, sind nur stark oder giftig oder haben große Zähne und messerscharfe Klauen – du aber bist gerissener, hinterhältiger und gefährlicher als jedes Monster, das die Zauberwelt kennt! Die Kinder oben im Schloss müssen ruhig in ihren Betten schlafen können, während du dich in ihrer Nähe aufhältst!“ Und damit beginnt er, mir das Drachenhalsband umzulegen, und ich sehe, dass sich die Haare auf seinen Unterarmen aufgestellt haben bei dem Gedanken an die Bedrohung, die ich in seinen Augen für die Schüler in Hogwarts darstelle. Wenn Hagrid wüsste, wer dort oben im Schloss im Büro des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste sitzt …
Ich schließe die Augen und halte ganz still. Ich möchte mir und ihm die Demütigung ersparen, uns wie Muggel zu prügeln und im Dreck zu wälzen, und ich hätte ohnehin kaum eine Chance gegen seine Körperkräfte. Doch wäre es nicht Hagrid, den ich so lange kenne und so sehr schätze, ich würde es trotzdem versuchen …
Hagrids Finger beben, und er bringt das Schloss des Drachenhalsbandes nicht zu. Er fummelt und zerrt und reißt am Verschluss und zittert mit jeder Sekunde heftiger, und als er mir versehentlich mit dem stacheligen Drachenhalsband die Haut anritzt und ich unwillkürlich zusammenzucke, reißt ihm der Geduldsfaden.
„Beim Merlin – ich kann das nicht! Warum musst du nur genauso aussehen und dich so bewegen und genauso sprechen wie der Mann, den ich einmal kannte? Warum sieht man dir nicht endlich an, dass du ein grässlicheres Monster bist als der Werwolf dort drüben?! UND WIE KONNTEST DU ES NUR FERTIGBRINGEN, ALBUS DUMBLEDORE ZU TÖTEN?“, brüllt er mir ins Gesicht und schleudert die widerspenstigen Ketten in hohem Bogen von sich, so dass sie erst an die Kuppel des Stahlgitters über unseren Köpfen krachen und danach scheppernd und klirrend zu Boden fallen.
Ich schweige entsetzt und zu Tode erschrocken, während mich der Wildhüter am Kragen packt und auf seine Augenhöhe hinaufzerrt, um mir eine quälend lange Zeit tief und forschend in die Augen zu blicken.
Ich blinzle nicht.
„Ach, fahr zur Hölle!“, stößt er schließlich hervor und schleudert mich heftig zu Boden wie ein besonders widerwärtig stinkendes Aas.
Krachend fällt die Käfigtür ins Schloß, und seine Schritte verhallen in Richtung auf seine Hütte in der Mondnacht. Der Werwolf nebenan läuft ruhelos am Gitter entlang. Während er knurrend und fauchend einen Weg sucht, das uns beide trennende Gitter zu überwinden und mich zu zerfetzen, schießt mir durch den Kopf, dass ich den Weg zur Hölle schon kenne …

Wo wir gerade bei Weg sind: Ich muss einen Weg finden, so schnell wie möglich hier heraus zu kommen.
Offensichtlich handelt es sich bei meinem Gefängnis um den Drachenkäfig, den Hagrid für eines seiner fragwürdigen Haustiere errichtet hat. Leider stehen die Gitterstäbe nicht weit genug auseinander, dass ich mich zwischen ihnen hindurchquetschen könnte, und über den Zaun klettern ist leider auch nicht möglich: Drachen können fliegen, und die Kuppel ist über uns geschlossen, damit der liebe Norbert nicht entfleuchen konnte …
Rat- und mutlos lasse ich mich in sicherer Entfernung zum Gehege des Werwolfes auf dem Boden nieder, denn das Monster hat inzwischen mangels anderer Beute beschlossen, dass es mich zum Frühstück verspeisen möchte. Nunmehr hat es begonnen, sich unter dem Gitter zu mir hindurch zu graben. Ich kann nur hoffen, dass die Sonne aufgeht, bevor ihm sein Vorhaben gelingt …
Graben? Genau! Was der Werwolf kann, das kann ich auch! Ich hole den Becher, der das Elfenwein-Drachenblut-Gemisch enthielt, mit dem Hagrid mich wieder auf die Beine gebracht hat, und beginne damit die Erde aufzureißen.
Fang gesellt sich bald zu mir und will mir wieder durch die Gitterstäbe hindurch das Gesicht abschlecken, und weil ihm das nicht gelingt, beginnt er auf seiner Seite zu graben.
Obwohl ich Fangs Anhänglichkeit mit gegenüber nie verstanden habe – ich meine, Menschen mögen mich gewöhnlich nicht besonders, Tiere jedoch fast immer (Hagrids neuer Hippogreif mal ausgenommen) – so freue ich mich doch sehr, dass er mir hilft. Unsere gemeinsamen Bemühungen tragen kurz vor Morgengrauen Früchte: Ich kann mich unter dem Stahlgitter hindurch ins Freie schieben!
Ich kraule Fang hinter den Ohren, lasse es zu, dass er mir wild das Gesicht abschleckt und mache mich endlich unter dem wilden Geheul des um seine Beute betrogenen Werwolfes auf in Richtung Schulgelände. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch gleich meinen Zauberstab bei Dumbledores Grabmal abholen, wo Draco ihn hoffentlich absprachegemäß versteckt haben wird.
„Fang? Fang! Wo bist du? Komm her!“, dringt Hagrids Stimme plötzlich durch die frühmorgendliche Stille und lässt die Vögel kurz verstummen. „Fang, du treuloser Saurüde, muss ich dich denn neuerdings dauernd suchen?“
Fang schaut mit seinen treuen Hundeaugen unsicher zu mir auf. Ich streiche ihm zum Abschied sanft über den Kopf.
„Geh!“, sage ich leise. „Hab dank für alles!“
Bevor ich seinen ungestümen Zärtlichkeiten ausweichen kann, zieht der riesige Rüde noch einmal schnell und überraschend seine feuchtwarme Zunge über mein Gesicht, und ich wische mir mit dem Ärmel den Hundespeichel ab, während er freudig und sorglos auf seinen Herren zueilt.
Die Bäume in diesem Teil des verbotenen Waldes stehen eng beieinander und sind mit dichtem Unterholz verfilzt, so dass ich ohne meinen Zauberstab nur langsam und recht mühsam vorwärts komme. Gebüsch und Brombeerranken halten mich immer wieder fest und zerkratzen mir Gesicht und Hände, und schon höre ich Hagrids aufgebrachten Schrei: „Der Todesser! Er ist entkommen! – Ich muss die Kinder beschützen!“
Holz splittert, und in der Ferne schwanken die Spitzen einiger Fichten.
„Such, Fang, such! Wir müssen den Mörder und Verräter unbedingt aufspüren, bevor er das Schloss erreichen kann!“
Und Fang, die gute und einfältige Hundeseele, hält das ganze für ein Spiel und macht sich freudig auf, seinen Spielkameraden aufzuspüren …
Ich verdopple meine Anstrengungen und renne, bis die Lungen schmerzen und das Herz mir bis zum Halse schlägt, doch Hagrid mit seinen Riesenkräften und der weitaus besseren Ortskenntnis kommt rasch näher und droht mich einzuholen, bevor ich das Grabmal erreiche und mich mit dem Zauberstab seiner erwehren kann.
Endlich habe ich es geschafft: das Seeufer liegt vor mir, und nicht weit von meiner Position entfernt schimmert der weiße Marmor des Grabmals geheimnisvoll und zugleich unendlich tröstlich durch den Morgennebel. Doch ich habe keine Zeit, mich an diesem Anblick zu erfreuen, denn Hagrid hat mich beinahe eingeholt, ich höre bereits sein Schnaufen und das Knacken der Äste unter seinen Stiefeln …
Etwa auf halbem Wege zwischen Waldrand und Grabmal erreicht mich seine Warnung.
„Bleib stehen, Snape! Keinen Schritt weiter!“
Ich ignoriere ihn. Nur noch ein paar Fuß bis zum Ziel …
„Severus!“, ruft er mit gequälter Stimme - das erste Mal, das Hagrid mich beim Vornamen nennt – „Bleib stehen, oder ich muss dich töten! Ich kann nicht zulassen, dass du den Kindern etwas antust!“
Ich renne weiter ohne mich umzusehen, denn mir bleibt nichts anderes übrig. Außerdem glaube ich nicht, dass Hagrid es fertig bringt, einem unbewaffneten Mann mit seiner Armbrust in den Rücken zu schießen … außer er meint tatsächlich, die Kinder vor mir retten zu müssen.
Ich schlage zur Sicherheit ein paar Haken wie ein Hase und hoffe inständig, dass Hagrid, falls er in seiner Verzweiflung doch abdrücken sollte, vielleicht nur auf meine Beine zielt… Nur noch wenige Schritte bis zu meinem Zauberstab …
Ein hohes Sirren in der Luft, dann ein Rauschen - ein schreckliches Krächzen, das fast klingt wie ein Schrei!
Rutschend komme ich zum Stehen, wende mich in Panik um und erhasche noch den Anblick eines rotgoldenen Federknäuels, das - von einem Armbrustbolzen mitten in der Brust durchbohrt - wie ein nasser Sack zu Boden plumpst.
„Fawkes!“, schreie ich entsetzt. „Fawkes!“
Auf der Stelle mache ich kehrt und renne jetzt so schnell ich kann in die entgegen gesetzte Richtung auf den Phönix zu, um ihn aufzufangen - doch ich komme zu spät!
Ich falle neben dem tödlich getroffenen Vogel auf die Knie und fasse verzweifelt nach seinem Kopf, um ihn zu stützen, und goldenes Phönixblut quillt haltlos zwischen meinen Fingern hindurch, und ich kann die Blutung nicht stillen kann.
„Fawkes! Du darfst nicht sterben! Dein Zyklus war noch nicht vollendet!“, fordere ich in tiefster Verzweiflung. Nicht auch noch Fawkes! Nein! Nein! NEIN!!!
Der Phönix krächzt noch einmal leise, dann sinkt sein Kopf zur Seite, und das wundervolle rotgoldene Gefieder zerfällt nach kurzem Aufflackern unter meinen Händen zu Staub.
Ich krümme mich zusammen, grabe die Hände in die mit Phönixasche bedeckte Erde und schreie, ohne dass ein Ton über meine Lippen dringt.
Irgendwann fasst mich jemand an der Schulter, und ich hebe den Kopf, um in Hagrids bärtiges Gesicht zu blicken.
„Warum hast du das getan?“, frage ich noch immer ungläubig, und meine Stimme knirscht wie eine Tür in rostigen Angeln. „Fawkes hatte nichts mit meiner Flucht zu tun! Warum hast du ausgerechnet auf den Phönix geschossen - anstatt auf mich!?“
Hagrids Miene über dem buschigen Bart ist ebenfalls blank vor Entsetzen.
„Ich habe auf deine Beine gezielt, Severus, aber du hast ganz plötzlich einen Haken geschlagen … Der Armbrustbolzen hätte dich genau zwischen den Schulterblättern getroffen, wenn sich Fawkes nicht dazwischen geworfen hätte!“
Ich schlucke heftig und kämpfe gegen ein Gefühl von Unwirklichkeit an. Also habe ich jetzt auch noch Fawkes umgebracht!
„Es tut mir leid!“, stammelt Hagrid. „Das wollte ich nicht!“
„Nein, gewiss nicht.“, sage ich leise und lasse die Asche des Phönix durch meine Finger rinnen. Fawkes wurde getroffen, als sein Gefieder in voller Pracht stand – vielleicht gibt es ja wenigstens eine winzige Hoffnung …
„Du hättest entkommen können.“, sagt Hagrid plötzlich und legt wie beiläufig einen neuen Bolzen in die Armbrust. „Warum bist du nicht längst über alle Berge?“
Ich ignoriere das Knacken, mit dem die gespannte Armbrustsehne einrastet, und taste weiter im Gras nach der Asche des Phönix.
„Was spielt das noch für eine Rolle?“, frage ich müde.
„Mehr als du denkst.“, antwortet der Halbriese und schwenkt die Armbrust in meine Richtung, so dass der Bolzen jetzt auf mein Brustbein zeigt.
Im Grase piepst etwas, und mein Herz macht einen ganz unglaublichen Satz.
„Fawkes?!“, rufen der Wildhüter und ich gleichzeitig.
„Tschilp!“, antwortet zu Hagrids Füßen der hässlichste, mickrige, nackteste Jungphönix, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Fang tritt zu uns und schnüffelt vorsichtig an dem Küken, bevor er es mit seiner rauen Zunge ableckt.
Sanft schiebe ich den Saurüden zur Seite und nehme den neugeborenen Fawkes in die zitternden Hände. Ich kann mich an wenige Gelegenheiten erinnern, zu denen ich so glücklich war wie jetzt.
„Was sollte das denn werden?“, schelte ich mit leisem Vorwurf den nackten, fröstelnden Vogel, der sich vertrauensvoll in meine Hand kuschelt, und befreie ihn behutsam von einem Rest der Eierschale, die noch an seinem Schnabel klebt. „Du weißt doch genau, dass du nur unsterblich bist, wenn dein Zyklus sich dem Ende entgegenneigt!“
Fawkes krächzt etwas Unverständliches und reibt seinen Kopf an meinem Arm.
„Gib ihn mir! Ich werde ihn in meiner Hütte aufpäppeln, bis er wieder fliegen kann.“, sagt Hagrid und wischt sich mit seinem riesigen, rotgewürfelten Taschentuch die Tränen vom Gesicht.
Vorsichtig lasse ich das zerbrechliche Phönixküken in das weiche Fell seiner Wildhütertasche gleiten, wo Fawkes sogleich den Kopf unter die Flügel steckt und einschlummert.
Als Hagrid seinen Kopf hebt und mich voller Wildhüterstolz anlächelt, begegne ich seinem Blick mit großem Ernst.
„Ich werde jetzt zu Dumbledores Grabmal gehen und mir meinen Zauberstab zurückholen, den jemand dort für mich versteckt hat!“, stelle ich ruhig fest. „Du magst versuchen, mich daran zu hindern – doch wisse, Hagrid, Hüter der Schlüssel von Hogwarts: Ich werde kämpfen bis zum letzten Atemzug.“
Hagrids Augen weiten sich, und die Hand, die immer noch die Armbrust umklammert, bebt so heftig, dass jeder im Umkreis von 50 Fuß um seine Gesundheit fürchten muss.
Ohne weitere Erklärung drehe ich mich um, straffe die Schultern und schreite ruhig auf das Grabmal zu, in dem Dumbledore nun schon so lange begraben liegt.
Die Zeit nimmt eine besondere Konfiguration an und dehnt und streckt sich und macht Schritte und Sekunden zu winzigen Unendlichkeiten.
Kein Bolzen trifft mich in den Rücken, und so lege ich endlich vorsichtig meine ausgestreckte Hand auf den weißen Marmor. Das steinerne Bildnis Dumbledores fühlt sich kühl und fest an unter meinen zitternden Fingern.
„Ich bin angekommen, Albus.“, flüstere ich tonlos. „Und nun hilf mir!“
Tausend Gedanken und Erinnerungen schießen mir durch den Kopf, und ich möchte schreien und weinen und ihn umarmen und in blindem Zorn auf den Marmor einschlagen, und alles zur selben Zeit.
„Du hast gewusst, was du mir antust, nicht wahr?“, frage ich das steinerne Gesicht. „Doch du wolltest nicht zulassen, dass ich einen Rückzieher mache!“
Das Grabmal öffnet die steinernen Augen und wendet mir sein Haupt zu. Langsam entfalten sich die schlanken Hände Dumbledores, und zwischen den weiten Ärmeln des Gewandes kommt mein Zauberstab zum Vorschein.
Ich nehme den Zauberstab aus den marmornen Händen von Dumbledores Ebenbild, und da ist mir, als flüstere der Wind in mein Ohr: „Ich kann dir nichts ersparen – doch ich werde bei dir sein!“
Hagrid ist stumm zu mir an das Grabmal getreten, und schweigend beobachten wir, wie der steinerne Dumbledore sein Gewand ordnet und die Hände friedlich auf der Brust faltet, so dass er aussieht wie zuvor. Doch dann, im letzten Moment, bevor die Statue wieder zu ewiger, heiterer Ruhe erstarrt, dreht Dumbledore noch einmal ganz kurz den Kopf und zwinkert uns zu.
Bedächtig stecke ich den Zauberstab in den Umhang und will mich schweigend zum Gehen wenden, als Hagrid mich am Arm packt.
„Du hast etwas vergessen, Severus Snape!“
Ich halte inne. „Tatsächlich?“, frage ich ausdruckslos.
„Ja.“, bestätigt Hagrid, umklammert meinen Arm wie eine Stahlzwinge und kramt in den Taschen seines Maulwurffellmantels. „Das hier!“
Er streckt mir die Pranke hin, und in seinem Handteller liegt das Amulett, das mir Tricky geschenkt hatte.
„Woher hast du das?“, frage ich scharf und schnappe danach.
Hagrids Reaktion ist schnell wie eine Wieselfalle, und er fängt meine Hand mit dem Amulett darin mit seiner Riesenpranke.
„Genau das wollte ich dich auch fragen.“, sagt er leise. „Du trugst das Amulett um den hals, als ich dich aus dem Wasser zog. – Wem hast du es gestohlen?“
Also bin ich jetzt nicht nur ein Mörder und Verräter, sondern auch noch ein Dieb!
„Ich bekam dieses Amulett von einer Hauselfe geschenkt. Sie heißt Tricky. Sie ist irgendwie mit Dobby, Potters beschränktem Hauselfenfreund, verwandt.“ Ich nicke dem Wildhüter auffordernd zu, denn jetzt ist er an der Reihe.
Hagrid nickt langsam. „Das könnte passen. Ich gab im letzten Herbst etwas von dem Haar an Dobby, weil er mich im Auftrag eines Freundes darum bat.“
„Tricky sagte, es sei Haar vom Haupte und vom Barte des Propheten.“, erkläre ich ratlos darüber, wie ausgerechnet Hagrid an so etwas Merkwürdiges und Eigenartiges gelangt sein soll. Haar vom Einhornschweif oder meinetwegen sogar von einem Zentaur, aber das …?
„Ich habe Dumbledore in sein Grab gebettet und ihm eine Strähne vom Haupthaar und von seinem langen weißen Bart abgeschnitten, um seiner zu gedenken. Das ist bei meinen Leuten so Sitte.“, meint der Halbriese verlegen ob dieses merkwürdigen Brauches. „Dobby bat mich inständig um „Haar vom Haupte und vom Barte des Propheten“. Ich habe dem Hauself ein wenig von Dumbledores Haar abgegeben, denn er versicherte, es handele sich um eine Angelegenheit auf Leben und Tod.“
Ein zaghaftes Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht.
„Er sprach die Wahrheit. Ohne Trickys Amulett wäre ich gestorben!“
Hagrids käferschwarze Augen begegnen den meinen, und ganz langsam löst er den Griff seiner riesigen Pranke, mit der er meine Hand umklammert hält.
„Ich weiß nicht, warum das alles geschehen ist und Dumbledore sterben musste – aber ich weiß, dass du noch derselbe bist, mit dem ich all die Jahre hindurch in Hogwarts gelebt habe. - Und der, den ich kenne, würde niemals einem der Schüler ein Leid zufügen!“, sagt er sehr leise.
Schweigend hänge ich mir das Amulett wieder um den Hals, wo es unter dem Hemd verschwindet.
Hagrid räuspert sich, und seine Stimme gewinnt ihre dröhnende Kraft zurück. „Mach dir keine Sorgen mehr, Severus: Ich werde bezeugen, dass du noch auf unserer Seite kämpfst! McGonagall wird uns ganz gewiss unterstützen, sobald sie wieder gesund ist, und Lupin natürlich auch! Ich habe Harry ohnehin nicht glauben wollen, dass ausgerechnet du Dumbledore getötet haben solltest- der arme Junge war ja völlig mit den Nerven am Ende, so dass ihm seine Fantasie wohl einen Streich gespielt hat! Die Zauberwelt muss wissen, dass du noch zu uns gehörst, und natürlich wird sich das Missverständnis mit Dumbledores Tod schnell aufklären! Das Zaubereiministerium …“
Ich unterbreche ihn scharf. „Nein! Auf gar keinen Fall! Du darfst niemandem von mir erzählen!“
Hagrid starrt mich verständnislos an.
„Aber sie werden dich jagen und töten, Severus! Die Leute hassen und fürchten dich beinahe so sehr wie Du-weißt-schon-wen!“
„Sein Name ist Voldemort.“, berichtige ich mechanisch. „Und es ist mir egal, was die Leute über mich denken. Aber wenn Voldemort erfährt, dass ich nicht tot bin, wird er mich finden. Nein, es ist viel besser, wenn ich in den Augen der Welt weiterhin tot oder ein Mörder bin, und so muss es auch bleiben!“
„Was hat Du-weißt-schon-wer mit dir angestellt, das er dich für tot halten muss?“, fragt Hagrid besorgt.
Ich grinse zynisch. „Er hat mir angeboten, mich unsterblich zu machen. Zuerst wollte er mir helfen, einen Teil meiner Seele in einem Horkrux zu verschließen. Nach einer kleinen Auseinandersetzung hat er es sich dann anders überlegt und wollte mich, genau wie den bewusstlosen Lupin, zu einem Inferius machen. Mir sagten beide Varianten der Unsterblichkeit nicht besonders zu, und ich musste sein Angebot leider ablehnen. Denn Rest kennst du – du hast Remus und mich schließlich mit Hilfe der Meermenschen aufgefischt!“ Ich ordne meine Kleidung und blicke suchend zum Horizont. Die Sonne geht soeben auf, und bald werden die Schulgründe von Hogwarts mit Schülern bevölkert sein. Zeit zu verschwinden.
„Hagrid – wirst du dieses Geheimnis bewahren, wie du auch mein anderes Geheimnis all die Jahre hindurch getreu gehütet hast? Wirst du mir diesen Dienst erweisen?“ Es fällt mir, wie immer, schwer, jemanden um etwas zu bitten, und meine Stimme klingt flacher als sonst.
Hagrid nickt schwer, und er zieht dabei ein seltsames Gesicht, als sei ich eines seiner wilden Biester, um das er sich Sorgen machen müsse.
„Ich werde deine Geheimnisse für alle Zeiten sicher bewahren wie die Schlüssel von Hogwarts.“, verspricht er und legt mir die Riesenhand schwer auf die Schulter. „Leb wohl, Severus Snape - und möge dein Mut dich niemals verlassen!“
Ex factis, non ex dictis amici pensandi
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Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 8. Dezember 2006 18:24 
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Kapitel 33. Wehe den Besiegten

Ich appariere vor die Tore von Malfoy Manor in der Hoffnung, ein paar Stunden lang bei Narcissa Unterschlupf zu finden und mich ein wenig erholen zu können, bevor ich mir ein neues Versteck suche. Die letzten Ereignisse haben mich doch ziemlich mitgenommen, und mir ist noch lebhaft in Erinnerung, wie lange und nachhaltig ich außer Gefecht gesetzt war, als ich die Warnsignale meines Körpers das letzte Mal ignoriert habe …
Die Hauselfe, die das majestätische Eingangsportal bewacht, rümpft bei meinem Anblick die Nase und teilt mir sehr von oben herab mit – eine erstaunliche Leistung für ein Wesen, das mir nicht mal bis zur Hüfte reicht -, Bettler und Hausierer seien in Malfoy Manor nicht erwünscht. Als ich verzweifelt insistiere, die Hausherrin persönlich sprechen zu wollen, rümpft die Elfe die Nase und schlägt dann zögerlich vor, ich möge es mal am Dienstboteneingang versuchen: Mylady Malfoy sei großzügig, und vielleicht falle aus der Küche eine heiße Suppe für mich ab.
Da ich mich inzwischen kaum noch auf den Beinen halten kann, drehe ich mich wortlos auf dem Absatz um, wanke einmal um das Herrenhaus herum und steige auf der Rückseite des Hauses die windschiefen Stufen zum Dienstboteneingang herab in den Keller.
Die dortige Hauselfe ist gnädiger. Sie scheint ebenfalls erschrocken über meine Erscheinung, aber als sie bemerkt, wie meine zitternden Hände sich um die heiße Suppenschüssel legen, holt sie ganz von sich aus noch einen Kanten Brot und einen Krug heißes Butterbier, das gut sein soll gegen Erkältung, wie sie mir im Plauderton mitteilt.
In der Küche ist es warm, und es duftet nach frisch gebackenem Kuchen, gerösteten Maroni und frisch aufgebrühtem Kaffee. Ein Rudel Hauselfen sitzt plaudernd und essend am anderen Ende des langen, blank gescheuerten Holztisches, und hin und wieder wirft mir eine von ihnen einen verschämten Seitenblick zu.
Soweit ist es schon gekommen, dass Hauselfen mit mir Mitleid haben.
Das Feuer im Herd knistert, und zusammen mit der heißen Suppe im Magen mir wird langsam wieder warm - und schläfrig. Ich schiebe die Suppenschüssel zur Seite, verschränke die Arme auf dem Tisch und lege den Kopf darauf, um ein paar Sekunden die Augen schließen zu können. Hier ist alles so friedlich, so normal, so verflucht heimelig wie in der Küche von Hogwarts …
Als ich aufwache, hat mir jemand eine Decke um die Schultern gelegt, und Narcissa sitzt neben mir auf dem Küchenstuhl, während die Hauselfen hin- und herwuseln und geschäftig damit beschäftigt sind, fleißig zu erscheinen …
„Narcissa!“, krächze ich, während ich mir das Haar aus dem Gesicht streiche. „Es tut mir leid, dass ich deine Angestellten noch immer belästige! Ich sollte längst fort sein …“ Ich schlage die Decke zurück und merke, dass meine Gelenke knirschen und knacken wie rostige Scharniere. Im Dezember im Meer zu baden ist nicht besonders gesundheitsfördernd.
Narcissas Gesicht ist schön und vornehm wie eh und je und noch eine Spur blasser als sonst, beinahe so wie vor einer Ewigkeit in Spinner’s End, als sie mir unbewusst und ungewollt mit den Worten des unbrechbaren Schwures jene Schlinge um den Hals legte, die sich schließlich zuziehen sollte und aus der es kein Entkommen für mich und damit für Albus Dumbledore gab. Ach, Narcissa …
Narcissa legt ihre schlanke weiße Hand auf meinen Arm.
„Bleib, Severus! Lucius befürchtete schon, du seiest tot! Nachdem der Dunkle Lord allein und in entsetzlicher Wut von eurem gemeinsamen Ausflug zurückgekehrt ist, sich in seinen Räumen eingeschlossen hat und für niemanden zu sprechen war … Ich bin ja so froh, dass du noch lebst! Lucius hat sich solche Vorwürfe gemacht, dass er dich allein mit dem Dunklen Lord hat ziehen lassen, ohne in der Todesserversammlung einzugreifen! Oh, Severus, was hast du uns nur für einen Schreck eingejagt!“, sprudelt es nur so aus ihr heraus, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
„Unkraut vergeht nicht, das weißt du doch.“, entgegne ich und drücke vorsichtig ihre Hand, die so fein und zerbrechlich scheint wie edelstes chinesisches Porzellan.
Die Elfe, die mich am Eingang so hochnäsig abgewiesen hat, erscheint hinter der Hausherrin, räuspert sich verdruckst und wirft mir aus seinen untertassengroßen Augen dabei einen flehenden Blick zu.
„Ja? Was ist denn jetzt schon wieder?“, frag Narcissa unwirsch. „Kann man in diesem Haushalt mit seinen Gästen nicht mal eine Minute ungestört sein?“
„Mylady, die Eule, die Ihr an Mylord geschickt habt, ist zurück.“
Narcissa nickt.
„Gut. Die Sekretärelfe soll ein neues Pergament aufsetzen und meinem Ehemann berichten, dass sein alter Onkel … nennen wir ihn Tobias Prince … inzwischen bei uns eingetroffen sei. Die Gesundheit seines Verwandten sei ein wenig angeschlagen – nichts Ernstes jedoch - also hätte seinen den verehrten Onkel eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei uns in Malfoy Manor zu verbringen!“ Narcissa strahlt mich erwartungsvoll an.
„Das ist viel zu gefährlich! Ich bringe Euch alle in Gefahr!“, protestiere ich und will mich erheben, doch Narcissa drückt mich zurück auf die Küchenbank, was ihr zu meinem Entsetzen auch gelingt.
„Das, Severus, ist mir völlig egal! Lucius wird vom Ministerium gejagt, hast du das vergessen? Aber du hast unserem Sohn geholfen, als er in größter Gefahr schwebte, und ich warte schon lange auf eine Gelegenheit, mich erkenntlich zeigen zu können. Außerdem würde mir meine Schwester Andromeda mir niemals verzeihen …“ Sie errötet und beißt sich gerade noch rechtzeitig auf die Unterlippe.
Ich lächle schief. „Sehr großzügig von dir, Narcissa. Wenn ich dich und Lucius nicht hätte …“, versuche ich mich gerührt zu bedanken.
Narcissa wedelt meine Worte mit einer eleganten Handbewegung fort, als verscheuche sie einen lästigen Gartengnom, und klatscht dann an die Hauselfen gewandt in die Hände.
„Hopphopp, was steht ihr hier alle herum und glotzt? Habt ihr keine Arbeit? Richtet für den Herrn Tobias Prince das blaue Gästezimmer! Tragt heißes Wasser in sein Bad und wärmt die Handtücher! Lazy, du suchst ein paar Sachen meines Mannes heraus, die unserem Gast passen könnten! Clumsy – ich wünsche, dass du ihm jeden, aber auch jeden Wunsch von den Augen abliest, solange er auf Malfoy Manor weilt! Und jetzt, huschhusch, an die Arbeit, ihr faules Elfenpack!“
Clumsy knickst vor mir und schaut mich aus wässrigen Augen heraus erwartungsvoll an, während die übrigen Hauselfen auseinander springen und hektisch zu ihren Aufgaben eilen.

Weihnachten im Kreise der Familie Malfoy ist eine interessante, nach all den Geschehnissen der letzten Monate beinahe unwirkliche Erfahrung für mich. Draußen schneit es unaufhörlich und eine jungfräuliche Schneedecke verwandelt den hochherrschaftlichen Park von Malfoy Manor und seine Zinnen und Türmchen in ein Postkartenidyll. Das ganze Haus ist mit Tannenzweigen und glitzerndem Weihnachtsschmuck herausgeputzt, und durch die Gänge zieht ein verführerischer Duft nach Plätzchen und Bratäpfeln.
Ich stehe am Fenster und muss zurückdenken an die Weihnachtstage zu Hause bei meinen Eltern, wo es immer ähnlich gut roch, nachdem Mutter Weihnachtsplätzchen gebacken hatte. Am St. Stephen’s Day gab es immer Kaninchenbraten, was etwas Besonderes war, denn Fleisch war teuer und wir bekamen ja sonst nicht so viel davon zu sehen. Ich spielte am Weihnachtsmorgen mit meinen Geschenken und las in den neuen Büchern, die ich unter dem Christbaum vorgefunden hatte, Vater vergnügte sich mit dem Schummel-Kartenspiel oder dem Wundertüten-Zauberzylinder aus Zonkos, die ich ihm geschenkt hatte, während Mutter sich unentwegt heimlich und mit schlechtem Gewissen wegen ihrer „schlanken Linie“ von Victor Crabbes selbst gezauberten Pralinen bediente…
Beschämt betrachte ich mein Exemplar des Zweiwegespiegels, den mir Lucius zum Fest geschenkt hat und dessen Gegenstück er selbst besitzt. Als ich mich bei meinem Freund bedanke und unglücklich erkläre, ich hätte leider nichts außer meinen leeren Händen vorzuweisen, bemerkt Lucius leichthin, ich habe ihm dieses Jahr schon die Freiheit geschenkt, und die sei ihm bei weitem mehr wert als aller Schnickschnack, den man für Geld kaufen könne …
Lucius und Narcissa stehen im Kaminzimmer am Fenster, jeder mit einem Glas Elfenwein in der Hand. Sie haben einander jeweils den freien Arm um die Hüften geschlungen und betrachten gemeinsam das aufregende Farbspiel des Sonnenuntergangs, während die Sängerin Celestina Warbeck aus dem Grammophon in der Ecke mit unerträglich süßlicher Stimme säuselt:

„Oh, komm und rühr meinen Kessel,
bist du einer, der’s richtig macht,
koch ich dir heiße, starke Liebe,
die dich warm hält heute Nacht!“

Meine Gastgeber scheinen sich jedoch nicht an Celestinas rührseliger Darbietung zu stören - im Gegenteil wenden sie sich nun wie auf einen geheimen, für alle anderen unhörbaren Befehl vom Anblick des blutroten Sonnenuntergangs ab und blicken einander tief in die Augen.
Lucius Hand gleitet dabei wie zufällig über Narcissas schlanken Rücken bis tief hinunter, und wie beiläufig zieht er seine Frau fest und beinahe fordernd an sich.
Narcissa hingegen schüttelt anmutig das silberblonde Haar aus dem Gesicht, legt den Kopf leicht schräg und schaut herausfordernd und mit einem seltsamen, leicht spöttischen Zug um die Lippen hinauf in Lucius eisgraue Augen, in die sich das Glitzern eines Jägers im Angesicht lohnender Beute geschlichen hat …
Das Feuer im Kamin knistert.
Lucius stellt beiläufig sein Glas auf den Rand eines Beistelltischchens, wo es wackelt, hinunterkippt und unbemerkt in tausend winzige Scherben zerschellt, während Narcissas schlanke Finger den Weinkelch nebst Inhalt achtlos in die Kissen der Chaiselongue fallen lassen, und das Ehepaar Malfoy versinkt selbstvergessen in einem langen, langen Kuss …
„In ihrem Alter! - Das muss peinlich sein!“, bemerkt Draco neben mir mit der unbewussten Arroganz der Jugend, und versucht vergeblich, mit dem ausladenden Ledersessel, in dem er sitzt, zu verschmelzen.
„Das muss Liebe sein!“, berichtige ich sanft und tippe ihm auffordernd auf die Schulter. „Komm, Draco, wir sind hier überflüssig. Lass uns in die Bibliothek gehen und eine Partie Zauberschach spielen.“
Draco scheint beim Schach nicht bei der Sache und lässt seine Figuren beinahe widerstandslos von mir dahinmetzeln. Ich runzle die Stirn über sein ungewohntes Verhalten sowie über das Problem, ihn wenigstens eine Partie gewinnen zu lassen, ohne dass er es bemerkt …
„Ich gehe nicht zurück nach Hogwarts!“, stellt er plötzlich unvermittelt fest und fegt den Bauern, den er soeben erobert hat, mit einer heftigen Handbewegung vom Brett.
Ich hebe erstaunt die Brauen. „Warum das? - Liebeskummer?“, tippe ich.
Draco schnaubt verächtlich. „Wenn’s nur so einfach wäre …“ Er versinkt wieder in brütendes Schweigen, zieht die Füße an den Körper und umschlingt die Beine mit den Armen, als müsse er sich vor dem Angriff eines imaginären Gegners schützen.
„Also?“, dränge ich sanft und beschäftige mich angelegentlich mit meinen Figuren, wobei ich es tunlichst vermeide, in seine Richtung zu blicken.
Draco schmort noch einige Minuten in brütendem Schweigen, dann platzt er heraus: „Der Dunkle Lord ist abgrundtief böse! Er ist furchtbar, schrecklich, feige, hinterhältig, grausam … Ich hasse ihn!“
Ich nehme meine schwarze Dame vom Brett und betrachte sie eingehend.
„Oh, tatsächlich.“, bemerke ich kühl. „Und nachdem du zu diesem Ergebnis gekommen bist – wie auch immer es zustande kam – muss ich dich natürlich fragen, was du mit dieser Erkenntnis anfangen willst …“
Draco hebt das Gesicht und blickt mich aus riesengroßen dunkelgrauen Augen mit tiefen Schatten darunter verzweifelt an.
„Das weiß ich nicht – ich habe keine Ahnung! Aber ich kann nicht nach Hogwarts zurückkehren und dem Dunklen Lord dabei helfen, meine Freunde, meine Schulkameraden, meine Lehrer umzubringen! Ich will nicht …“ Er bricht ab, und sein Gesicht ist totenbleich, als er mich nun mit blutunterlaufenen Augen anstarrt wie ein Wahnsinniger. „Werden sie mich verraten, Sir, oder werden sie mir helfen?“
Ich stelle bedächtig die Dame zurück auf das Schachspiel.
„Hast du mit deinem Vater bereits über dein Problem gesprochen?“, frage ich sachlich.
Draco schüttelt stumm den Kopf.
„Das solltest du aber! Du wirst sehen, dass dein Vater, so streng er auch sonst bei deiner Erziehung sein mag, ein durchaus verständiger Mann ist.“ Ich fasse nach Dracos Kinn, dass ihm in stummer Verzweiflung auf die Brust gesunken ist, und hebe es vorsichtig hoch. „Vertrau mir!“ Ich grinse mit einem Hauch Spott darin.
Es dauert einige Zeit, bis die Erkenntnis zu Dracos gequältem, immerfort im Teufelskreis rasenden Verstand hindurchsickert. Seine Augen weiten sich.
„Sie wissen es – … und Vater ebenfalls! Ihr beide seid Verräter!“
Ich verziehe spöttisch die Lippen.
„Aber nicht doch, Draco! Ich bin ganz ohne Zweifel ein Verräter – dein Vater jedoch ist lediglich mein Freund und behält das Vertrauen des Dunklen Lords. Darum hat dein Vater dir ja auch vor deiner Ankunft in Malfoy Manor den Schwur abverlangt, keiner Menschenseele zu erzählen, dass ich noch am Leben bin …“
Draco beugt sich vor, und sein Gesicht brennt vor Anspannung. „Und sie werden den Dunklen Lord töten? Ich weiß, dass sie das können, wenn sie nur wollen! Niemand sonst wäre in der Lage, IHM die Stirn zu bieten!“
Ich seufze leise.
„Die Dinge sind … kompliziert.“, antworte ich schließlich mit Bedacht und denke an die Prophezeiung, die besagt, dass herannaht „der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, denen geboren ist, die dem Dunklen Lord dreimal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt …“ Mein Geburtstag ist im Januar.
Dracos Hände zittern nun so heftig, dass er versehentlich die von ihm geschlagenen Schachfiguren vom Tisch fegt, doch er bemerkt es nicht einmal.
„Zumindest werde ich es mit all meinem Wissen und Zauberkräften versuchen.“, ergänze ich mit einem Augenzwinkern, um meinen Worten ihre verhängnisvolle Bedeutsamkeit zu nehmen, und lege beruhigend meine Hand auf die seine. Dracos Finger zucken vor Anspannung. „Ich muss klug und vorsichtig vorgehen – slytherin natürlich. Der Tag der Entscheidung ist nahe, und es wäre mir eine große Beruhigung, Draco, falls du bis dahin nach Hogwarts zurückkehren und auf deine Schulkameraden und McGonagall Acht geben könntest!“
„Der Dunkle Lord hat sich letzte Woche bereits zum stellvertretenden Direktor ernennen lassen und führt die Amtsgeschäfte, solange McGonagall bewusstlos ist.“, antwortet Draco. „Er hat am Tag meiner Abreise den Halbriesen Hagrid nicht nur als Lehrer, sondern auch als Wildhüter gefeuert und verfügt, das dieser die Schlossgründe bis zum Neujahrsmorgen verlassen haben muss! Ich denke, Professor Flittwick ist der nächste, den er zum Verlassen der Schule zwingen wird …“
„Umso wichtiger ist es, dass du mir unverzüglich Bescheid gibst, sobald im Schloss ungewöhnliche Dinge vor sich gehen! Nutze den Koboldkalender, den ich dir geschenkt habe! Mit dem Zweiwegespiegel kann dein Vater mich benachrichtigen, sobald Voldemort Befehl zum Aufstand gegen das Zaubereiministerium gibt! Voldemort wird McGonagall beseitigen und von Hogwarts aus den Kampf gegen seine Gegner führen – und er hat all die Kinder in der Schule als Geiseln in seiner Hand …!“
Auf Dracos Arm erscheint eine Gänsehaut, und er fröstelt.
„Beim Grindelwald!“, flüstert er. „Warum habe ich mich im letzten Jahr nicht Direktor Dumbledore anvertraut? Ich wollte ihn töten, und dabei hat er die ganze Zeit über versucht, mir die Augen zu öffnen! Was habe ich nur getan …?!“, haucht er verzweifelt.
„Nichts, was sich nicht wieder ausbügeln ließe!“, antworte ich sachlich. „Im Gegensatz zu mir hast du keine Schuld auf dich geladen – ich war einst leider nicht so klug, und darum muss ich die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, auch auslöffeln.“ Da Draco den Mund öffnet, um nochmals seine aktive Hilfe im Kampf gegen Voldemort anzubieten, setze ich hinzu: „Ich ganz allein, Draco!“
Der junge Malfoy schließt den Mund wieder und atmet ein paar Mal tief ein und aus, um seine Fassung zurück zu gewinnen.
„Ihr nennt Ihr-wisst-schon-wen nicht mehr den Dunklen Lord …“, bemerkt er schließlich mit beherrschter, ruhiger Stimme. „Habt ihr denn keine Angst vor einem Zweikampf mit ihm?“
„Nein. Nicht mehr.“, antworte ich ruhig – und das ist die Wahrheit.

Der Sylvestermorgen dämmert mit einem Himmel so blutrot wie Armageddon und so eisig wie Ragnarök.
Mit einer unguten Vorahnung verlasse ich Spinner’s End, wo ich ein paar meiner Sachen abgeholt und frische Kleidung zum Wechseln besorgt habe, und als ich wieder in Malfoy Manor eintreffe, kommt mir Narcissa bereits völlig aufgelöst entgegen.
„Ein Todesser war eben bei uns und hat Lucius mitgenommen - der Aufstand beginnt! Lucius wurde zum Zaubereiministerium beordert und soll dort Umbridge, Weasley und Shacklebolt ausschalten!“
Nun, das hätte weitaus schlimmer kommen können … Lucius und ich haben verschiedene Szenarien bereits durchgespielt – dieses natürlich auch – und darum ist mein Freund darauf vorbereitet, diejenigen, die sich uns abtrünnigen Todessern in den letzten Wochen angeschlossen haben, mit den Kräften des Phönixordens und des Zaubereiministeriums zu verbinden und gemeinsam mit Crabbes und Goyles Riesenfreunden gegen Lord Voldemort und die ihm treuen Todesser wie die Lestranges ins Feld zu ziehen!
Mein Koboldkalender brennt in der Tasche meines Umhangs. Mit fliegenden Fingern blättere ich auf die Seite mit Dracos Nachrichten und lese, dass der aufmerksame Professor Flitwick in der vergangenen Nacht in letzter Sekunde einen beinahe tödlichen Anschlag auf die endlich wieder aus der Bewusstlosigkeit erwachte, jedoch noch sehr schwache Professor McGonagall mittels eines vergifteten Apfels verhindern konnte.
Ich mische Dracos Haar in ein Fläschchen mit Vielsafttrank, nehme einen kräftigen Schluck des Gebräus und appariere vor die Tore von Hogwarts, um über den unterirdischen Zugang vom See her – genau, wie die Schüler an ihrem ersten Tag in Hogwarts – in die Schule zu gelangen. Der Vielsafttrank wird nicht lange vorhalten, aber lange genug, bis dass ich unerkannt in das Schoss gelangt sein werde!
Von weitem höre ich bereits Kampfeslärm, und die Stimme von Firenze, dem Zentaur, ruft über das Einstürzen einer Mauer: „Alle Schüler bringen sich in der großen Halle in Sicherheit! Rasch, rasch, lauft! Professor Flitwick und ich können diesen Gang nicht mehr lange gegen die Todesser verteidigen!“
Ich höre verängstigte Kinderstimmen durcheinander schreien, jemand – offenbar eine Gruppe Erstklässler, weint herzzerreißend, bis Professor Sprout sich ihrer erbarmt und die schluchzenden und zu Tode verängstigten Schüler mit sich in Richtung zur großen Halle zieht.
Hinter mir stürzt mich großem Getöse eine Mauer ein und gibt zwischen all dem Staub und Schutt einen bemerkenswerten Anblick frei: Harry Potter, Ronald Weasley sowie Miss Neunmalklug Hermine Granger halten etwas in den Händen, was wie riesige, glänzende Salatschüsseln aussieht. Ausgehend von etwas, dass ich von meinem Standpunkt aus nicht erkennen kann, werden brennende Strahlen kreuz und quer durch die Gänge geschleudert und zertrümmern alles, auf das sie Treffen. Der Gang hinauf zur Großen Halle ähnelt bereits einem Schlachtfeld oder einem Trümmerhaufen, und immer noch richten die glühenden Strahlen weitere Verwüstung an.
Ich spähe vorsichtig um die Ecke – der Vielsafttrank hat bereits seine Wirkung verloren, und ich möchte nicht riskieren, erkannt zu werden, bevor ich Lord Voldemort in seiner Tarnung als Professor Dorian Hide, Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, ausfindig gemacht habe, um ihn endlich zum Zauberduell herausfordern zu können – und zwar dieses Mal unter fairen Bedingungen und mit meinem eigenen Zauberstab! Vor lauter Staub und Rauch kann ich kaum etwas erkennen.
„Rabastan!“, ereifert eine mir nur allzu bekannte weibliche Stimme empört. „Ich dachte, die Zauberstäbe, die Meister Olivander in deinem Gefängnis mit Naginis Schlangenhaut versehen hat, könnten nicht mehr gegen uns kämpfen!“
Ich grinse in mich hinein – mir war seinerzeit durchaus aufgefallen, dass die Schlangenhaut, die vorgeblich von Nagini stammen sollte, aussah wie gefärbte Baumschlange, und überdies braune Farbspuren hinterließ, als ich sie zwischen meinen Fingern zerrieb… Olivander ist weder so harmlos noch so gutmütig wie er auf den ersten Blick in seine sanften Mondaugen hin erscheinen mag, und der Dunkle Lord hätte gut daran getan, den Zauberstabmeister nicht zu unterschätzen!
„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte!“, brüllt Rabastan Lestrange erschrocken und wütend zugleich. „Pass auf, wo du hinblickst, Bellatrix! Der Dunkle Lord hat doch versprochen, sie könnten uns gar nicht … Nein, sieh nicht zu mir herüber, auf keinen Fall! Bellatrix! BELLA...“ Mitten im Wort bricht das Geschrei abrupt ab.
Mir wird mulmig, und ich will gerade den Kopf zurückziehen, da donnert neben mir einer der glühenden Flüche in die Wand.
Ich ducke mich augenblicklich weg und angele nach einem zerbrochenen Zinnteller, der zwar als Essgeschirr nicht mehr taugt, jedoch aufgrund seiner glänzenden Oberfläche als Spiegel dienen kann. Vorsichtig hebe ich die Scherbe in die Maueröffnung – und mir bietet sich ein Bild des Grauens: Bellatrix Lestrange, an sich schon eine atemberaubende, dominante Persönlichkeit, trägt ein diamantfunkelndes Diadem auf dem Kopf – und nicht nur dass: Ihr schweres, glänzendes dunkles Haar hat sich in lauter züngelnde, zischende Schlangen verwandelt, die mit ihren weit geöffneten Rachen ihr Antlitz umkränzen wie einst das der Gorgone Medusa!
„Wo bist du, Harry Potter? Tleines Babylein, Potti-Schucki! Komm her zu Tante Bellatrix – ich will dich endlich töten wie deinen Paten, meinen blutsverräterischen Cousin Sirius, der die Dummheit beging, sich mir im Zaubereiministerium in den Weg zu stellen …!“
„Jetzt, Harry!“, ruft Ronals Weasley und hebt seine glänzende Salatschüssel hoch über den Kopf.
Ich sehe verschwommen in dem Zinnteller gespiegelt einen weiteren grellen Lichtblitz, dann folgt ein Krachen wie ein Paukenschlag - und die Decke stürzt auf Bellatrix und ihr sich windendes, zischendes Gorgonenhaupt herab, zertrümmert das diamantbesetzte Diadem auf ihrem Kopf und begräbt die mächtige Hexe aus dem Hause Black unter einem tonnenschweren Pfeiler von Hogwarts!
„Nein! Bellatrix! Liebste!“, schreit Rodolphus gequält. „Nein! NEIN!“
Ich entschließe mich, alle Vorsicht fahren zu lassen und wieder mit eigenen Augen durch die Maueröffnung zu spähen, und sehe gerade noch, wie Harry Potter und seine Freunde eine Gruppe Todesser verfolgen, die zu fliehen versucht, jetzt, nachdem ihre Anführerin Bellatrix unter den Steinen begraben liegt.
Kurz entschlossen klettere ich durch den Spalt, um die Todesser ebenfalls zu verfolgen und davon abzuhalten, die Kinder in der großen Halle zu verletzen – und blicke in die Augen von Rodolphus Lestrange.
„Severus Snape!“, schnappt der verblüfft nach Luft. „Wir dachten, du seiest tot!“
„Zu früh gefreut!“, versetze ich kühl. „Gib mir deinen Zauberstab – Askaban wartet auf dich und deine Frau“
Rodolphus lächelt ein abgrundtief trauriges Lächeln und deutet auf die tiefe Wunde an seiner Seite, aus der unaufhörlich und unstillbar Blut und damit sein Leben heraus rinnt.
„Meine Bellatrix wird ebenfalls nirgendwo mehr hingehen – dieses grauenvolle Diadem, das der Dunkle Lord ihr vor unserem Angriff schenkte, hat sie in ein grauenvolles Monster verwandelt, dessen sengender Blick alles und jedes zerstören muss, auf das er trifft. und ich war nicht schnell genug, ihr im Fallen auszuweichen, genau wie Rabastan! Doch jetzt liegt meine Schöne, meine Wunderbare, meine Einzige hier unter dem Stein begraben und stirbt mir weg.“ Und Rodolphus Lestrange, der ohne jede Gefühlsregung dabei zugesehen haben soll, wie seine Frau Frank und Alice Longbottom in den Wahnsinn folterte, legt sein Gesicht an das grässlich entstellte, schlangengekrönte Haupt der einen und einzigen Königin seines Herzens, während ihm lautlos die Tränen an den von Askaban und Feuerwhisky gezeichneten Tränensäcken und Wangen herab laufen.
Ich lasse den Zauberstab sinken.
„Wenn sie tot ist, wird sie ihre menschliche Gestalt zurückerhalten.“, verspreche ich leise im Andenken an den armen Florean Fortescue, aus dem der Fluch von Hufflepuffs Teebecher einen Minotaurus machte, so wie Ravenclaws verfluchtes Diadem Bellatrix in das grausame Gorgonenhaupt verwandelt hat.
Rodolphus sieht mich mit einer Hoffnung in den Augen an, die mir die Kehle zuschnürt, und streichelt zärtlich über die entsetzlichen Schlangen, die sich schlaff um Bellatrix Haupt winden, als handele es sich noch das wundervolle dunkle Haar, dass seine Geliebte einst schmückte.
„Du meinst, ich darf Bellatrix noch ein einziges Mal so sehen, wie sie wirklich war, bevor der Dunkle Lord sie behext hat?“
Ich räuspere mich und drücke die Hand meines alten Rivalen, grausamen Feindes und im Sterben liegenden Mannes vor mir auf dem Boden.
„Ja, ich denke, das wirst du wahrscheinlich - falls du länger durchhalten solltest als deine Frau.“
Rodolphus lächelt zu mir hinauf.
„Besser als Askaban!“, meint er und beugt sich hinab zu seiner Frau, deren Brustkorb soeben aufgehört hat, sich zu heben und zu senken. „Keine Angst, meine Schöne, ich bin bei dir.“ Und mit entrücktem Lächeln hält er unbeirrbar im Leben wie im Tode ihre Hand und hat mich, Lord Voldemort und alles sonst längst vergessen.
Ich fliehe vor dem Elend hinauf in Richtung der großen Halle, um Lord Voldemort, der dort oben unerkannt hockt und die Fäden zur Erlangung der Herrschaft über die Zauberwelt zieht wie eine Spinne im Netz, endlich herauszufordern und ihm im Zauberkampf die Stirn zu bieten – Prophezeiung hin oder her.

Als ich das Tor zur großen Halle mit meinem Fluch aufsprenge, blicken mir hunderte ängstliche Augen aus den viel zu jungen Gesichtern der Schüler von Hogwarts entgegen, und ein entsetztes Raunen geht durch die Menge. Selbst die anwesenden Lehrer, die ich zwischen den Schülern erkenne – Filius Flitwick, Pomona Sprout, Professor Vector, der Zentaur Firenze – scheinen eingeschüchtert zu sein durch mein Erscheinen. Mein alter Zaubertranklehrer Horace Slughorn jedenfalls sieht aus, als wolle er gleichzeitig unauffällig mit der Wand verschmelzen – was bei seinem opulenten Geschmack in Kleidungsfragen und Körperumfang vergebliche Liebesmüh sein dürfte -, mir die Pest an den Hals fluchen oder eine gesalzene Strafarbeit aufgeben so wie früher, wenn ich es mal wieder gewagt hatte, ihm im Unterricht zu widersprechen. „Severus!“, stammelt er, während er mit seinen Wurstfingern in der Umhangtasche nach seinem gewohnten Seelentröster für alle Gelegenheiten, einem Döschen mit kandierter Ananas, tastet.
Die feige Ratte Peter Pettigrew ist ebenfalls dort, und zwar wieder einmal eng an der Seite des Dunklen Lords. Seit Voldemort weiß, dass die Ratte es nicht gewagt hat, ihn zu hintergehen, wittert Wurmschwanz offensichtlich Morgenluft und versucht ein weiteres Mal, sich rechtzeitig auf die Seite der Gewinner zu schlagen. Er geht ja kein Risiko ein - der Phönixorden ist ja noch immer davon überzeugt, dass meine Warnung an Shacklebolt von Peter stammt ...
Potter und seine Freunde Weasley und Granger sind nicht unter den Anwesenden und kämpfen wahrscheinlich irgendwo in den Eingeweiden des Schlosses noch mit den Todessern, die die Lestranges als Unterstützung mitgebracht haben. Aber um Potter kann ich mir jetzt keine Gedanken machen …
Die Schüler sind völlig aus dem Hauschen vor Angst und Aufregung. „Die Todesser sind hier!“
„Das ist doch Snape – der Mörder von Albus Dumbledore!“
„Wir werden alle sterben!“
„Schweigt!“, befehle ich leise, und wie früher im Klassenzimmer kehrt umgehend Ruhe ein. „Wo ist euer Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste?“
Voldemort – in Gestalt des gut aussehenden, charmanten und bei Lehrern wie Schülern gleichermaßen geschätzten Professors Dorian Hide – tritt hinter einer Gruppe von Schülern hervor und entblößt beim Lächeln zwei Reihen ebenmäßiger, blitzweißer Zähne.
„Severus Snape!“, sagt er kühl und schlägt den Umhang über der Zauberhand zurück, so dass sein Zauberstab sichtbar wird. „Der meist gehasste Lehrer, der jemals an dieser Schule unterrichtet hat, und obendrein der heimtückische Mörder unseres über alles geliebten ehemaligen Direktors Albus Dumbledore!“
Ich verbeuge mich knapp. „Ihr müsst es ja wissen.“, entgegne ich unterkühlt und werfe ebenfalls die Falten meines Umhangs nach hinten, damit er mich beim Zaubern nicht behindern kann.
Der neue Direktor und Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste wirft sich in die Brust. „Aufgepasst, meine lieben Schüler, sehr verehrtes Lehrerkollegium! Ich werde euch und ihnen am Beispiel des ehemaligen Professors und grausamen, heimtückischen Todessers Severus Snape demonstrieren, wie leicht jemand wie ich mit Verrätern fertig wird!“
Mit lautem Knall schließen sich alle Türen, und die schweren Riegel legen sich von Zauberhand vor – nicht mein Werk, sondern Voldemorts. Trotzdem starren mich die verbliebenen Lehrer mit entsetztem Blick und voller Hass und Abscheu an, weil sie vermuten, dass ich sie und ihre Schüler in der großen Halle als Zeugen für die Überlegenheit der Dunklen Künste gegenüber der von Dumbledore gelehrten weißen Magie oder gar als Voldemorts Geiseln festhalten will …
Ich werfe einen zutiefst eisigen, funkelnden Blick in die Runde, der meine Schüler früher sofort zur Ordnung rief, und unverzüglich tritt auch jetzt der gewünschte Effekt ein: Die Schüler spritzen angstvoll auseinander und bilden, eng aneinander und mit den Rücken an die Wände der großen Halle geschmiegt, einen weiten Kreis, so dass sich wenigstens die Wahrscheinlichkeit verringert, dass einer von ihnen beim bevorstehenden Duell verletzt wird.
Voldemort lächelt heimtückisch, als er meinem Blick begegnet, und schnippt mit dem Zauberstab – und augenblicklich windet sich Nagini, einer der Horkruxe des Dunklen Lords, zu seinen Füßen.
„Halt dagegen, Verräter!“
Ich schnippe leicht mit dem Zauberstab, und in einer silbrigen Wolke entspringt mein Patronus: Ein kleiner Mungo mit graubraunem, schwarzgebändertem Fell, von wieselartigem Körperbau und bedeutend kleiner und unscheinbarer als das mächtige und sich in Vorfreude auf das kommende Festmahl windende Seelengefäß Voldemorts.
Der schwarze Lord verzieht herablassend die Mundwinkel. „Mehr hast du nicht aufzubieten, Zauberschüler?“ - und augenblicklich stößt seine Schlange zu.
Mein Patronus springt im letzten Moment zur Seite, und Naginis Giftzähne schlagen ins Leere. Bald winden und streiten sich die Tiere stellvertretend für uns in einem Zauberkampf auf Leben und Tod, und wie in einem makabren Tanz folgen Sprung auf Stoß und Fauchen auf Zischen.
In diesem Widerstreit scheinen die Chancen nur ungleich zu Gunsten des Dunklen Lords zu stehen, doch ich weiß, dass die Winterkälte in der großen Halle die Schlange langsam und träge macht, während mein heißblütiger Mungo immer wieder aus der Reichweite ihrer giftigen Fangzähne springt und die Schlange langsam, aber sicher ermüdet. Nagini kann nämlich wie eine Kobra nur in dem Radius zuschlagen, mit dem sie den Kopf über den Boden erhebt, und so lange mein Patronus immer wieder aus Naginis Schlagkreis heraus zurück in Sicherheit springen kann, bin ich nicht in ernster Gefahr.
Voldemorts Schlange wird langsamer, und ich sehe meine Chance – anstatt ein weiteres Mal zurückzuweichen, rollt sich mein Mungo zur Seite, springt dann senkrecht in die Höhe wie eine Sprungfeder und setzt in Naginis Nacken mit seien spitzen Zähnen zum Biss an, der dem Horkrux das Genick brechen wird …
Der Dunkle Lord schnippt blass vor Wut mit dem Zauberstab, und Nagini verwandelt sich augenblicklich in einen schwarzen Panther, der mit der Tatze nach meinem Patronus schlägt und dem Mungo mit seinen scharfen Krallen die Brust aufschlitzt. In derselben Sekunde fühle ich einen scharfen Schmerz, und drei blutrote Streifen besudeln die Vorderseite meines Hemdes.
Ich beiße die Zähne zusammen und schnippe ebenfalls mit dem Zauberstab, und mein Mungo verwandelt sich in einen schwarzgelb gefleckten Leoparden, der sich fauchend auf seinen Gegner stürzt.
Obwohl ich völlig konzentriert bin, um Voldemort nicht die kleinste Schwäche und einen Ansatzpunkt für seine Angriffe zu bieten, bemerke ich doch am Rande, dass Schüler wie Lehrer unserem Kampf gebannt und atemlos vor Spannung verfolgen. Die Luft ist elektrisch geladen wie vor einem drohenden Gewitter, und wie zuckende Blitze entladen sich die entgegen gesetzten Potenziale unserer Zauberkraft in den Attacken und Verteidigungsschlägen der Tiere. Angespannt wie beim Pokal entscheidenden Quiddichspiel des Jahres verfolgen die Zuschauer, wie mein Leopard Stück für Stück über den Panther die Oberhand erringt …
Während wir über unsere Stellvertreter miteinander kämpfen, versucht Voldemort, mir mittels Legelimentik seine langen, schleimigen Gedankenfinger ins Hirn zu bohren um zu erfahren, welchen Zauber ich als nächsten gegen ihn anwenden werde. Er geht dabei sehr vorsichtig und slytherin vor und macht diesmal keinen plumpen Versuch, mir die Tür zum Oberstübchen einzutreten, sondern der Dunkle Lord streckt seine Fühler heimlich und heimtückisch schleichend wie seine Schlange zu mir und in meine Gedanken hinein …
Ich warte, bis sich seine Legelimentikfinger ein Stück weit in mein Hirn gebohrt haben und zögernd die ersten Bilder darin ertasten … und verschließe dann meine Gedanken so abrupt, wie man den massiven Deckel einer schweren eisernen Truhe zuknallt!
Der Dunkle Lord heult laut auf vor Schmerz, und seine Augen erglühen vor Pein.
Ich lache höhnisch in meinen Gedanken: „Hast du immer noch nicht verstanden, dass ich in Okklumentik unschlagbar bin? Ich habe dir all die Jahre erlaubt, in meine Gedanken zu sehen – und du hast niemals bemerkt, dass ich dich belogen und betrogen habe, Tom Riddle!“
Voldemort stößt in einem angestrengten, zischenden Laut den Atem aus, und jagt damit allen Anwesenden einen Schauder den Rücken hinunter. In mir jedoch regt sich zum ersten Mal überhaupt der Verdacht, dass all die Jahre des mühsamen und von meinen traurigen Niederlagen und den darauf folgenden verbissenen Neuanfängen geprägten Unterrichts beim größten Zauberer aller Zeiten Albus Dumbledore am Ende doch nicht verschwendet waren – Prophezeiung hin oder her! – denn ich bin Lord Voldemort, der sich selbst für den größten Zauberer aller Zeiten hält, an Zaubermacht beinahe ebenbürtig!
Mein Leopard hat Voldemorts schwarzen Panter zu Boden gerungen und setzt an, ihm die Kehle durchzubeißen, als der falsche Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste aufkeucht und ein weiteres Mal mit dem Zauberstab wedelt, diesmal jedoch erkennbar unkontrollierter als jemals zuvor …
Ein riesiger schwarzer Elefant erhebt sich vom Boden und schüttelt mit seinem mächtigen Rüssel meinen Leoparden, der ihm im Nacken sitzt, ab, so dass die Raubkatze mit einem lauten Krachen auf den Boden geschleudert wird.
Einen Moment lang ist mir schwindelig und ich taumele, und mein Brustkorb ist wie eingeschnürt … Dann habe ich mich wieder gefangen, und ich rette eilig meinen Leoparden vor den stampfenden, tödlichen Füßen des Elefanten, die meinen Patronus und damit mich zu zerquetschen trachten. Gleichzeitig wedelt der Elefant mit dem Rüssel herum und sucht den Leoparden damit zu packen, während seine Stoßzähne die Luft durchschneiden wie zwei gigantische Säbel…
Mir wird kalt ums Herz. Wenn auch ich meinen Patronus in einen Elefanten verwandle, zerstören unsere Zaubertiere mit ihren mächtigen Leibern und riesigen Füßen nicht nur die Bänke, Tische, Spiegel und Kandelaber in der großen Halle – sondern ich laufe auch Gefahr, dass die Elefantenbullen in der Hitze des Gefechtes die Schüler und Lehrer, die sich nun mit vor Angst starren Gesichtern an die Wände pressen, verletzen oder gar töten!
So entscheide ich mich denn zu einem Zauber, den Dumbledore sicherlich mit wohlwollendem Spott als ein Vermächtnis meines Muggelvaters bezeichnet hätte: Ich schwenke den Zauberstab und verwandle meinen von Voldemorts schwarzem Monstrum mit dem Rücken zur Wand in die Enge gedrängten Leoparden in – eine Maus.
Winzig klein und grauweiß gesprenkelt huscht sie eilig über den Steinboden der großen Halle, gradewegs auf den sie turmhoch überragenden schwarzen Elefanten zu – und mit einem Satz verschwindet meine Patronus-Maus in seinem Rüssel!
Voldemorts Elefant glotzt erst verdutzt und stößt dann ein verzweifeltes, dröhnendes, ohrenbetäubendes Trompeten aus, das den Anwesenden schier das Trommelfell zerfetzen will – doch meine Maus hat im Inneren des Rüssels ihre winzigen Nagezähne in das weiche, empfindliche Fleisch geschlagen und hält dem Ansturm verbissen und hartnäckig stand!
Die Augen des Riesen weiten sich vor Schmerz und Zorn, und ein schreckliches tiefrotes Glühen lässt sie blutunterlaufen und unheimlich aufleuchten … der Elefant erzittert, bebt, taumelt … Meine Maus lässt die Innenseite des Rüssels los und trippelt in Windeseile den schmalen Gang hinauf zur Stirn seines Widersachers, um dort mit ein paar gezielten Bissen der scharfen kleinen Nagerzähne das Gehirn des größten Legelimens, den die Welt je gesehen hat, in einen matschigen blutroten Plumpudding zu verwandeln…
Verzweifelt rudert Voldemort mit dem Zauberstab in der Luft herum, und der Elefant schrumpft augenblicklich wieder in sich zusammen. Ich blinzle mir den Schweiß aus den Augen, damit ich rechtzeitig erkennen kann, womit ich es jetzt zu tun bekomme - und gerade noch rechtzeitig kann meine Maus den Fangzähnen der Schlange Nagini entwischen, die unvermittelt und blitzschnell zustößt, um meinen Patronus mit Haut und Haar in einem Haps zu verschlingen! Doch als sich das grausame Schlangenmaul zum nächsten Schlag öffnet, weiß ich, dass meine Maus diesmal nicht flink genug sein kann, um mit ihren winzigen Trippelschritten den giftigen Fangzähnen zu entkommen!
Auf einmal bin ich ganz ruhig, ganz kühl, und alle Anspannung fällt mit einem Schlag von mir ab. Alles konzentriert sich nur noch auf diesen einen unausweichlichen Moment, in dem Nagini das Leben meines Patronus und damit auch mein eigenes durch seinen tödlichen Biss beenden wird. Und das entsetzliche Schlangenmaul gähnt über der winzigen Maus, die sich in Panik auf den Rücken wirft und angstvoll alle viere in die Lüfte streckt …
In dem Moment, in dem Naginis Fänge zuschnappen, springt zwischen ihnen der Mungo-Patronus hindurch, und der Geifer der Schlange benetzt sein grauschwarzes Fell, ohne dass ihr tödliches Gift es durchdringen und ihm etwas anhaben kann. Und bevor die Schlange ihren Kopf nach dem Stoß wieder zurückzuziehen oder sich auch nur zu rühren vermag, hat der Mungo sich blitzschnell auf ihren Nacken geschwungen und setzt zu dem tödlichen Biss an, der Voldemorts Schlange Nagini das Rückgrat vom Kopfe trennen wird!
Voldemort sinkt entkräftet und im fairen Zauberkampf besiegt vor mir zu Boden. Ich hingegen erhebe mein Gesicht stolz über den bösen Zauberer, und der schwarze Zauberumhang umweht zusammen mit meinem langen Haar meine hoch aufgerichtete Gestalt: Nach dem Tode des Horkruxes Nagini wird er endlich wieder sterblich sein, und sein Leben liegt dann meiner Hand!
„Gnade, Severus!“, fleht Voldemort mit brüchiger, kaum vernehmbarer Stimme. „Hab Erbarmen mit mir!“
Und in der selben Sekunde, in der ich zögere und zu entscheiden versuche, ob ich sein Leben nicht wider alle Logik verschonen sollte, spüre ich die Präsenz eines anderen Menschen, dessen nur stümperhaft verhüllte Gedanken mich mit so unverhohlenem, brennendem Hass anspringen, dass ich einen winzigen Augenblick abgelenkt bin … Ein lauter Knall, und ein weiteres Mal wird eine der Türen zur großen Halle hin gewaltsam geöffnet - Harry Potter hat endlich den Weg hinauf in die große Halle gefunden, in der sich sein geliebter und verehrter Lehrer Professor Hide im tödlichen Zweikampf mit dem verhassten feigen Mörder von Albus Dumbledore befindet … und diesem just in diesem Moment zu unterliegen droht!
Potter sammelt all seine Konzentration und denkt „Expelli…“, und ich erkenne, dass ich einen furchtbaren Fehler begangen habe: Ich kann entweder Voldemorts letzten verbliebenen Horkrux Nagini töten – oder ich ziehe es vor, mich gegen Potters Entwaffnungsfluch zu verteidigen, womit Voldemort auch in Zukunft und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit unsterblich und unbesiegbar bleiben wird!
Ich entscheide mich und mein Mungo beißt zu – doch beinahe gleichzeitig wird mir der Zauberstab aus der Hand gerissen und knallt gegen die Mauer der großen Halle.
Mit einem Hechtsprung setze ich hinterher – und lande genau vor den Füßen Voldemorts, welcher sich inzwischen von seiner Beinahe-Niederlage erholt hat und der nun seinerseits in höchstem Triumph und voller Spott und Häme auf mich herabblickt.
„Wehe dem Besiegten, Severus!“, sagt er so leise, dass nur wir beide es hören können.
Vae victis
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 19. Dezember 2006 23:47 
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Hey polaris!

Ich verschiebe deine FF nun zu den abgeschlossenen Geschichten.

Beizeiten werd ich dann auch mal die Reviews nach hinten verschieben. Sind ja leider nicht so viele, wie es diese tolle Story verdienen würde ... :?
Ich werde sie bestimmt noch mal in einem Rutsch durchlesen, das hab ich mir schon fest vorgenommen, und dir dann über alles berichten, was ich beim ersten Lesen ganz sicher übersehn hab. :wink:

LG Tröti


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