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BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Registriert: 19. März 2006 12:00
Beiträge: 53
Plz/Ort: ursus minor
Im folgenden erzählt der Meister der Zaubertränke aus seiner Sicht, wie es nach Band 6 weitergeht.

Der Severus Snape dieser Geschichte ist meine Interpretation des Charas, und ob es sich bei dem von JKR um einen Zwilling, entfernten Verwandten oder den Bewohner eines anderen Planeten handelt, wird sich wohl erst nach Band 7 entscheiden...

Kapitel 1: Das Urteil

Das Kreischen des Hippogreifs gellt mir noch in den Ohren und zerreißt mir fast das Trommelfell, als ich vor den Toren des verfallenen Schlosses appariere, in dem gegenwärtig unser Herr und Meister, der Dunkle Lord, Hof zu halten geruht.
Draco ist schon dort, weiß wie mit Kalk bestrichen, aber offensichtlich unverletzt. Alecto und Amycus tuscheln aufgeregt miteinander und verstummen, als sie meinen Blick bemerken. Einer der Todesser ist schon vorausgeeilt, um dem Dunklen Lord unser Kommen anzukündigen. Der Werwolf befindet sich offensichtlich irgendwo hinter meinem Rücken. Ich sehe ihn nicht, drehe mich aber auch nicht um. Sein Gestank genügt mir.
Meine rechte Hand fühlt sich warm und rutschig an, und als ich auf sie hinunterblicke, bemerke ich, dass mir dunkles Blut den Arm hinabläuft, über die Hand und den Zauberstab entlang, von dessen Spitze es zu Boden tropft. Weitaus schlimmer jedoch ist die Tatsache, dass meine Hand leicht, aber unleugbar, zittert.
Sofort konzentriere ich mich, drei tiefe Atemzüge und das Bild eines riesigen Gletschers im gleißenden, harten Sonnenlicht eines Wintertages im Kopf. Eis, so weit das Auge reicht. Absolute Stille. Sehr kalt. Die Haare auf den Armen stellen sich auf.
Ich kann wieder klar denken. Der Hippogreif war mir gefährlich nahe gekommen und hatte mir mit dem Schnabel eine üble Wunde am Kopf versetzt. Seine rasiermesserscharfen Klauen hingegen schlitzten Umhang, Hemd und Haut und so einiges, was noch darunter lag, in drei tiefen Striemen auf. Ich konnte froh sein, das ich in einem Stück angekommen war. Hagrids verfluchte Monster!
Draco kommt langsam auf mich zu. Einen Moment lang sieht es so aus, als wolle er nach meiner Hand fassen, überlegt es sich aber anders. „Sie sind verletzt, Sir!“, sagt er leise.
Ich blicke ihn scharf von oben herab an. „Wenn wir vor dem Dunklen Lord stehen, hältst du den Mund. Rede nur, wenn du gefragt wirst. Sprich laut und deutlich!“ Damit lasse ich ihn stehen und gehe rasch und mit langen Schritten auf das Tor zu, das sich bereits zu öffnen begann. Wenig Zeit der Vorbereitung, um dem Dunklen Lord gegenüberzutreten.
Meine Schritte widerhallen wie Schwerthiebe auf dem Steinboden des großen, kalten und düsteren Saales, dessen modrige Pracht von verderbten Festen und blutigen Machtkämpfen vergangener Jahrhunderte zeugt. Überall an den Wänden hängen die Portraits berühmter Herrscher, von Balthasar dem Blutigen und seiner Gattin Gudrun der Grausamen bis hin zu Karl dem Witwer. Alte Kandelaber aus Gold und Silber tauchen die Halle in zuckendes Licht. Gold- und juwelendurchwirkte Wandbehänge, muffig, mottenzerfressen und von unschätzbarem Wert, zeigen Schlachtszenen aus den Koboldkriegen oder die Niederlage des Riesen-Heeres in der Drachenschlucht, an dem die baumstarke, gut ausgerüstete und zahlenmäßig weit überlegene Armee durch das Herabstürzen von Felsbrocken auf ihre Köpfe durch Minus, den sie den Mickrigen nannten, vernichtet wurde. Sic transit gloria mundi.
Die versammelten Todesser starren mich an, manche sogar mit offenem Mund. Bellatrix sind Neid und Missgunst ins Gesicht geschrieben, aber auch eine Spur von Respekt. Pettigrew drückt sich im Hintergrund herum und streichelt wie immer unablässig seinen verfluchten silbernen Arm. Er sieht sofort zu Boden, als er meinen Blick auf sich fühlt.
Der Dunkle Lord. Er besetzt den riesigen Thronsessel am Ende der steinernen Stufen und dominiert mühelos die gesamte Halle mit ihren großen eichenen Tischen, die mich stark an die in Hogwarts erinnern. Die Todesser an den Tischen weichen zurück und bilden eine Gasse, durch die ich zügig voranschreite. Nagini windet sich grün wie giftiger Efeu um die Füße dessen, den wir alle über die Maßen fürchten. Die geschlitzten Augen des Dunklen Lords glühen verhalten, während er uns mustert.
Nur noch wenige Schritte. Mein Magen wird zu Stein, mein Rückrat zu Eis. Irgendwo tief unten brodelt die Erinnerung an das, was ich getan habe, was ich noch zu tun bereit bin. Werde ich vor seinen Augen, diesen furchtbaren Augen, bestehen?
Drei Atemzüge. Drei Schritte. Der Gletscher, eine eisige, unendlich stahlgraue Fläche. Und dann das glühende Rot, die Schlangenaugen, die sich in meine bohren. Rund um den Thron knien Greyback und die anderen Todesser des Kommandos und verharren mit gesenkten Häuptern in tiefer Verbeugung.
„Es ist vollbracht, mein Herr. Dumbledore ist tot.“ sage ich laut in die angespannte Stille hinein und senke den Kopf vor dem Dunklen Lord. Mühsam falle ich erst auf ein Knie, dann auf das andere. Alle Knochen tun mir weh, und ich weiß, dass ich zittre. Nur sehr wenig, nur ein Hauch, niemand merkt es. Nur ER.
„Wie ist es geschehen?“ Seine Stimme zischt wie ein Peitschenhieb über unsere Köpfe, und alle zucken zusammen. Nur ich nicht.
„Draco. Er hat ihn entwaffnet.“ Ich hebe den Kopf und blicke dem Dunklen Lord direkt ins Gesicht.
Legelimens! An den Klingen unserer Blicke entlang tastet sich der Dunkle Lord hinein in meinen Kopf wie mit langen, krallenbewehrten Fingern. Ich hasse, was er tun wird. Er weiß das, und ich weiß, das er dieses Wissen und seine Macht über mich genießt. Er schlendert in meinem Kopf herum, betrachtet hier ein Gefühl, dort ein Bild und dreht scheinbar wahllos einige Gedanken bedächtig in seinen Krallen, um sie von allen Seiten zu begutachten. Dumbledore: entwaffnet, geschwächt und in der Falle. Der Kreis der Todesser darum herum. Draco: den Zauberstab in der Hand. Draco, der zögert. Voldemort streicht über diese Erinnerung wie jemand, der die Qualität einer Schneide prüft.
„Draco hat ihn getötet?“
Seine Stimme höre ich nur von Ferne. Seine Gewalt in meinem Kopf, und er greift nach einer weiteren Erinnerung.
Amycus kreischt: „Wir haben ein Problem, Snape. Der Junge scheint nicht fähig …“
Dumbledore flüstert. „Severus!“
Das Eis, mit der ich diese Erinnerung bedeckt habe, knirscht. Die Hand in meinen Gedanken zertrümmert das Eis mit einem Schlag, zerrt sie hervor. Meine Nackenhaare sträuben sich wie die einer Katze.
Draco hat den Zauberstab sinken lassen. Der Werwolf stinkt nach Blut, ab er hat es offensichtlich nicht gewagt, seine Zähne in Dumbledores Kehle zu schlagen. Er muss mir den Vortritt lassen.
Eine leise Stimme, die fleht: „Severus… bitte!“
Dumbledore. Ich hebe den Zauberstab.
Avada Kedavra! Ein grüner Blitz schießt aus der Spitze meines Zauberstabes und trifft den alten Mann direkt in die Brust.
Ich falle, nein, Dumbledors Körper schwebt einen Moment in der Luft und fällt dann lautlos über die Brüstung des Turmes. Alles, das ganze Universum dreht sich wie toll, Dumbledore, der große Zauberer, ist tot. Die Zeit will stillstehen, aber sie darf es nicht, denn wir haben nicht viel davon. Der Phönixorden wird bald die Barriere zerstört haben.
Die Krallenfinger des Dunklen Lords kratzen über die dünne mentale Eisschicht, die Wut und Abscheu bedeckt. Darunter noch mehr Eis, dick, trübe und fest wie Firn.
Meine Hand gleitet in den Umhang und umfasst den Zauberstab. Er ist noch immer klebrig vom Blut.
Ein scharfer, unglaublicher Schmerz. Ich schreie auf, unhörbar für all die da draußen, ringe nach Luft, als der Dunkle Lord Wut, Haß und Zorn hervorzerrt, und sein Schrei bringt mich fast um den Verstand, irgendetwas zerfetzt, und dann …
Er ist fort. Ich bin wieder allein. Für diesmal habe ich es überstanden. Doch meine Hand löst sich nur widerwillig vom Griff des Zauberstabes. Mein Gehirn fühlt sich an, als habe es jemand durch ein Sieb passiert.
Ich reiße mich zusammen, um endlich zu antworten Auf meiner Zunge liegt der Geschmack von Metall. „Nein, Dunkler Lord. Ich war es, der ihn getötet hat.“
Draco hinter mir atmet heftig, als sich der Dunkle Lord ihm zuwendet. Ich hoffe, der Junge beweist sich als wahrer Slytherin.
„Erzähl mir, Draco, wie du diesen alten Narren entwaffnet hast!“
Draco hält sich hervorragend. Stockend am Anfang, jedoch klar und deutlich erzählt er vom Dunklen Mal über dem Astronomieturm, dem Kampf mit den Leuten vom Orden des Phönix und wie er Dumbledore mit einem schlichten „Expelliarmus“ überraschen konnte. Ich höre schweigend zu, und meine Fingerspitzen finden wieder den Zauberstab in der Tasche. Der verletzte Arm schmerzt höllisch; ich sollte besser vermeiden, ihn zu bewegen.
„Warum hast du ihn nicht sofort getötet?“ Die Stimme des Dunklen Lords zischt Unheil verkündend.
„Ich … er … er hat auf mich eingeredet …“ stammelt Draco und beginnt am ganzen Körper heftig zu zittern.
„Stimmt! Reden, reden, immer nur reden! So war er, der alte …“ fällt ihm Amycus aufgeregt ins Wort. Ein Blick aus den Schlangenaugen jedoch lässt ihn so plötzlich verstummen, als sei ihm die Zunge herausgeschnitten worden.
„Nun, Draco? Ich warte!“
Draco atmet jetzt stoßweise. Er versucht zu sprechen, aber bringt nichts außer einem heiseren, beinahe unverständlichen Flüstern heraus.
Ich stehe auf und stoße Draco grob die Stufen herab, ohne auf seinen Protest oder die entsetzten Gesichter um mich herum zu achten. Meine Stimme klingt leise, aber scharf und schneidend: „Weil ich den alten Mann aus dem Weg räumen wollte! Dumbledore wurde alt und schwach - und er stand, so lange ich denken kann, zwischen mir und den Dunklen Künsten!“
Die Sekunden werden lang, in denen der Dunkle Lord mich anstarrt. Ich zwinge mich, absolut bewegungslos zu stehen und nicht zu blinzeln. Im Saal ist es totenstill. Eine Kerzenflamme knistert und wirft ihr fahles Licht auf das grausame Antlitz vor mir.
„Ich kann mich nicht erinnern, dir befohlen zu haben, Dumbledore zu töten. Das war Dracos Aufgabe, wie du sehr wohl weißt!“
„Es gibt vieles, was ihr mir nicht befohlen habt, und von dem ihr trotzdem froh seid, das es getan wurde.“, antworte ich gelassen und halte seinem Blick stand.
„Ich schätze es nicht, wenn man meine Befehle ignoriert!“ Nagini verlässt ihren Platz und schleicht um meine Füße.
„Die Zeit lief uns davon. Dumbledore ist … war ein mächtiger Zauberer. Draco wollte seinen Auftrag erfüllen, aber er brauchte noch etwas mehr Zeit. Wir konnten nicht länger warten.“
„Und dann hast du dir gedacht, die Sache ein wenig … zu beschleunigen?“
„Ja.“
„Um möglicherweise den Ruhm ganz alleine zu ernten?“, bemerkt mein Herr so milde, dass es mir kalt den Rücken hinunterläuft.
„Nicht ganz alleine. Nur den Ruhm dessen, der Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss bringt. Ich glaube, von Leuten wie mir habt ihr nicht allzu viele, mein Lord?“ Meine Stimme trägt kühl und gelassen durch den Saal, und es liegt mehr als nur eine Spur Arroganz darin.
Mein Herr beugt sich noch tiefer zu mir hinab, so das sein Gesicht das meine nun fast berührt. „Du meinst also, für mich würde nur das Ergebnis zählen?“
„Was sonst?“, gebe ich geschmeidig zurück.
„Du bist verletzt, mein treuer Todesser…“ zischt seine Stimme, und die Knochenhand schießt unter dem Umhang hervor, um sich wie ein Schraubstock um meine Schulter zu schließen.
Ich beiße mir auf die Zunge und schmecke Blut, während ich wortlos den Kopf abwende, die Fetzen des Umhangs enger um mich schlinge und mich meinem Herrn so weit ich kann entziehe.
„Zieh den Umhang aus, Severus!“ Er stößt mich heftig zurück, und ich stolpere einige Stufen nach unten. Während ich ihm mit klammen Fingern gehorche und meine Schulter Zeter und Mordio schreit, habe ich das Gefühl, ich brauche viel zu lange. Niemand spricht, atmet auch nur. Endlich habe ich es geschafft, und der Umhang sinkt zu Boden.
Jemand holt scharf Luft, die Menge im Saal beginnt zu raunen. Der Arm sieht tatsächlich nicht gut aus. Greyback leckt sich die Lippen.
Der Dunkle Lord runzelt die Stirn: „Du bist nicht wie Wurmschwanz. Nein. Du bist aus anderem Holz.“
Sein Zauberstab wirbelt durch die Luft, viel schneller, als ich den meinen aus dem Umhang am Boden hätte hervorholen können, und der Strahl aus der Spitze des Stabes trifft mich. Ich keuche auf und stolpere noch ein paar Stufen rückwärts, als sich der Zauber mit tausend Nadeln in meine verletzte Schulter und meinen Arm senkt und sich Muskeln, Sehnen und Haut in Sekunden wieder zusammenfügen. Ein weiteres Wirbeln seines Zauberstabes, und auch die Wunde vom Schnabel des Hippogreifs ist geheilt.
Überrascht hebe ich den Arm, bewege vorsichtig die Schulter. Alles wieder heil und einsatzfähig und ganz und gar meins. Keine verfluchte magische Hand wie Pettigrews.
„Danke, Herr!“ stammle ich und greife nach den Fetzen meines Umhangs.
Die Anspannung der Todesser entlädt sich in einem wahren Begeisterungssturm. Als der Lärm schon abzuebben beginnt, bringt der Dunkle Lord alle mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Gut gemacht, Draco. Ihr anderen, setzt euch mit dem Jungen an euren Tisch! Wir haben heute etwas zu feiern!“
Augenblicklich decken sich die Tische von selbst mit den köstlichsten Speisen und Getränken, und erleichtert stolpert das Einsatzkommando hinunter in den Saal. Ich wende mich ab, um ihnen zu folgen, aber der Dunkle Lord ergreift meinen Arm. „Du wirst heute Abend zu meiner Rechten sitzen und mit mir unseren größten Triumph feiern!“
Ich verneige mich und nehme neben ihm am Kopf der Tafel platz. Nagini ringelt sich beleidigt unter seinem Stuhl zusammen und funkelt mich böse aus ihren schwarzen Augen an. Ich lächle zurück.
„Trink!“, befiehlt mein Herr und hält mir einen Pokal mit blutrotem Elfenwein hin. Ich nehme ihn und frage mit hochgezogenen Augenbrauen: „Worauf trinken wir, mein Gebieter? Auf Euch?“
„Auf Dumbledores Tod!“
„Auf Dumbledores Tod!“, dröhnt es aus den Reihen der Todesser zurück, und alle stürzen sich auf das Festmahl wie verhungerte Wölfe.
Ich nippe am Wein und stelle den Pokal zurück auf den Tisch.
„Hast du keinen Hunger?“ fragt der Dunkle Lord, der seine Zähne in einen Hühnerschenkel schlägt, dabei den Zauberstab lässig schwenkt und amüsiert zusieht, wie ein großer Haufen Gold vor den erstaunten Geschwistern Amycus und Alecto erscheint, die gierig ihre Hände darin vergraben. Der Todesser mit dem brutalen Gesicht und Greyback entrollen jeder mit gespanntem Gesichtsausdruck eine Rolle Pergament, die vor ihnen heraufbeschworen wurde.
Ich schüttle den Kopf. „Ein langer Tag. Ich bin müde.“
„Ist der Wein nicht gut genug?“
Ich habe für heute genug der Spiele und drehe mich ihm zu. „Der Wein ist hervorragend, wie immer. Das Essen sicher auch. Und ich brauche weder Gold noch Karnevalsorden noch sonstigen Plunder.“ Rüde wende ich mich wieder ab und starre auf meine Hände. Es klebt noch Blut daran. Gleichgültig ziehe ich den Zauberstab aus der Tasche und lasse es verschwinden.
„Gibt es irgend etwas, was ich für dich tun kann, mein treuester Diener?“, schmeichelt seine Stimme in mein Ohr.
Ich gebe vor zu überlegen. „Da gibt es tatsächlich zwei Dinge, die Ihr für mich tun könntet, Herr.“
Er lacht. „So unbescheiden? Gleich zwei Wünsche! Nun gut, lass mich hören.“
„Peter Pettigrew.“
„Was ist mit ihm?“
Ich suche nach den rechten Worten. „Er … verdirbt das Ambiente meines Hauses. Mindere Qualität.“
Der Dunkle Lord ist durch Pettigrew durchaus im Bilde, wie meine Wohnung in Spinners End aussehen mag, und lacht leise in sich hinein.
„Nein, Pettigrew hat keine der Qualitäten, die wir beide schätzen. Ein erbärmlicher, feiger Dummkopf. Ich sollte …“, sein Blick ruht nachdenklich auf Wurmschwanz, der uns arglos den Rücken zugewandt hat und mit den anderen tafelt, „… eine etwas anspruchsvollere Aufgabe für ihn finden. Etwas, das ihn mehr fordert, wo er seine Tapferkeit beweisen kann.“
Der Dunkle Lord lächelt mich über seinen Weinkelch hinweg an, und ich nicke zurück. Wir haben durchaus Gemeinsamkeiten, mein Herr und ich.
Dieser Punkt ist nun klargestellt, und ich kann den nächsten angehen.
„Ich werde mein Gesicht in der nächsten Zeit nicht allzu häufig irgendwo sehen lassen können. Draco geht es ebenso.“ Der Dunkle Lord nickt aufmunternd, und ich fahre fort: „Draco ist noch nicht volljährig, und er hat die Schule nicht beendet. Ich möchte ihn das nächste Jahr über unterrichten.“
Mein Herr runzelt die Stirn und legt den abgenagten Hühnerschenkel zurück.
„Wozu? Ich habe sowohl dich als auch Draco für wichtige Aufgaben vorgesehen …“
„Er ist ein Junge mit großem Potential. Eine Führungspersönlichkeit. Seine Ausbildung muss vervollständigt werden, alles andere hieße Verschwendung. Außerdem …“ Ich breche ab und lasse meine Augen über die Feiernden schweifen, die nun alle Zurückhaltung fahren gelassen haben und von denen einige bereits auf den Tischen tanzen. Bellatrix mustert mich mit saurer Miene. Ich nehme meinen Pokal, hebe ihn hoch über mein Haupt und proste ihr zu. Sie spuckt auf den Boden neben sich und wendet sich abrupt ab, um mit ihrem Tischnachbarn zu plaudern.
Der Dunkle Lord neben mir hat unseren kleinen Schlagabtausch mit süffisantem Lächeln beobachtet und hebt nun die Augenbrauen: „Außerdem … was?“
Ich stelle den Wein wieder auf den Tisch, ohne ihn angerührt zu haben, und drehe den Kelch in den Händen. „Draco stand sechs Jahre unter dem Einfluss Dumbledores. Ich weiß, was das bedeutet …“ - ich hebe die Hand, als er mich unterbrechen will - „denn auch auf mich ist der Alte nicht immer ohne Einfluss geblieben. Dumbledore war mächtig, und er wusste Menschen für sich zu gewinnen Wie euch sicherlich bewusst ist, war die Entscheidung, zu Euch zurückzukehren, auch für mich nicht ganz einfach …“. Ich breche ab, um neuen Mut zu schöpfen. Man muss schon wahnsinnig sein, wenn man es wagt, so mit dem mächtigsten Zauberer aller Zeiten zu sprechen.
„Nein, dass dir die Entscheidung so leicht fällt wie Bellatrix habe ich niemals vermutet.“, erwidert der Dunkle Lord sehr leise. „Ich dachte, du hättest mich für immer … und erwog bereits die Möglichkeiten, dich sehr, sehr langsam und schmerzhaft …“ Sein fauliger Atem, der mir bei diesen Worten entgegenweht, dreht mir beinahe den Magen um.
Ich schlucke heftig, umklammere den Weinpokal und fahre fort, als habe ich ihn nicht gehört. „Der Grund, warum ich Euch Dumbledore, dem anderen großen Zauberer, vorgezogen habe, liegt darin …“, meine Stimme knirscht wie Kies, „… das Dumbledore nahe daran war, nicht mehr der mächtige Zauberer zu sein, der er all die Jahre hinweg war. Er wurde alt, schwach und langsam. Doch er hat zu verhindern gewusst, dass ich die Dinge erlerne, an denen ich schon immer und vor allen anderen interessiert bin.“ Meine Bitterkeit darüber schimmert klar genug durch meine Worte.
„Die Dunklen Künste.“ Der Dunkle Lord lehnt sich zurück und lässt den Blick über seine Todesser gleiten.
Ich nicke. „Genau – die Dunklen Künste.“
Es war weithin bekannt, dass mich der Direktor nie weiter in ihre Nähe ließ, als er es nicht verhindern konnte. „Dumbledore zwang mich, Zaubertrankunterricht an minderbegabte Schlammblüter zu verschwenden. Nicht mal den Schülern in Slytherin konnte ich …“ Ich brach ab und schluckte meine jahrelange Enttäuschung hinunter.
„Warum hat er dich Verteidigung gegen die Dunklen Künste eigentlich im letzten Jahr unterrichten lassen?“
Wie immer kommt der Dunkle Lord sofort auf den Punkt. Ich zucke die Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber ich vermute, er wollte mir und einigen anderen aus dem Orden des Phönix sein unerschütterliches Vertrauen in mich beweisen.“ Ich lächle zynisch in den Wein herab.
„Wie man sich irren kann.“ Mein Herr lacht leise.
Ich setzte mich aufrechter hin und wandte ihm meinen Blick zu. „Dumbledore hatte großen Einfluss auf seine Schüler –auch auf Draco, obwohl dieser genau wie ich immer dagegen angekämpft hat. Bitte, lasst mich den Jungen von Dumbledores Gutmenschenballast befreien, und ich verspreche Euch, in einem Jahr wird er ein neuer Mensch sein!“ Oh ja, und wie neu. Mein Herr wird staunen.
Der Dunkle Lord überlegt einige Minuten und nickt mir dann zu. „Nun gut, Severus, es ist abgemacht. Unterrichte Draco, wann immer du Zeit dazu findest. Ich habe natürlich noch einige wichtige Aufgaben für dich vorgesehen…“
Ich nicke dankbar und entspanne mich ein wenig. Der härteste Teil des Gespräches ist vorüber.
Das Fest ist unterdessen immer wilder geworden und gleicht inzwischen beinahe einer Orgie. Angewidert wende ich mich ab, als Greyback pantomimisch einen seiner Angriffe darzustellen versucht. Was würde ich drum geben, endlich ein wenig Ruhe zu haben! Aber daran ist wohl noch lange nicht zu denken.
„Du bist grau im Gesicht, Severus. Komm mit, ich habe eine Überraschung für dich!“ Mein Herr erhebt sich, und sofort springe ich auf, aufs Neue bis aufs Äußerste angespannt. Ich hasse Überraschungen, und das nicht erst, seid ich jemand anderen einen unbrechbaren Schwur habe formulieren lassen.
Gehorsam folge ich dem Dunklen Lord, der mir mit wehendem Umhang vorauseilt, und die betrunkenen Todesser verstummen vorübergehend, als wir vorbeirauschen. Sie fürchten sich nicht nur vor IHM, sondern jetzt auch vor mir. Soll mir recht sein.
Hinauf geht es über ausgetretene Stufen in den höchsten der Türme. Die Sterne funkeln durch die schmalen Schießscharten, und am Horizont graut schon der Morgen. Ein Morgen ohne Dumbledore.
Ich denke an einen der kalten Gebirgsbäche in den Ferien meiner Kindheit. Klares Wasser auf der Haut. Mich an Dumbledore zu erinnern ist ein Luxus, den ich mir fortan nicht mehr erlauben kann.
Wir erreichen die oberste Stufe, und eine dicke Eichenholztüre öffnet sich vor dem Dunklen Lord. Er tritt zur Seite und bedeutet mir, ihm zu folgen. Ich zögere kurz, lasse dann ein weiteres Mal meinen Zauberstab los und trete ein.
Der Raum ist winzig und mit genau vier Möbelstücken ausgestattet. Tisch, Stuhl, Schrank, Bett. Auf dem Tisch stehen eine Waschschüssel und ein Krug mit dampfendem Wasser darin. In der Halterung an der Wand brennt eine einzelne Kerze. Dafür ist die Aussicht über die Klippe hinab in die tosende See atemberaubend.
„Meines?“ frage ich und drehe mich um.
„Ja. Gefällt es dir?“
„Ja. Danke.“ Ich löse den zerfetzten Umhang von meinen Schultern und lasse ihn zu Boden fallen. Dann setze ich mich ohne um Erlaubnis zu bitten aufs Bett und stütze meinen Kopf für einen Moment in die Hände. Mir ist übel vor Erschöpfung.
„Du erlaubst?“, fragt der Dunkle Lord ironisch und zieht sich den Stuhl heran, um sich darauf niederzulassen. Was will er denn noch von mir? Ich schließe die Augen. Ein Bad. Mein Bett. Bitte.
„Du bist müde, ich weiß. Aber ich möchte dir noch etwas zeigen.“ Wieder eine schnelle Bewegung mit dem Zauberstab, und der Schrank springt beiseite. Dahinter befindet sich eine Tür.
Mein Herr nickt mir zu: „Na los. Mach sie auf.“
Ich erhebe mich mühsam und widerstehe der Versuchung, mich nach dem Zauberstab in meinem Umhang zu bücken. Was immer da hinter der Türe auf mich lauert, ich werde wohl ohne ihn damit fertig werden müssen. Ich straffe die Schultern und drücke die Klinke hinab. Die Türe springt auf und …
Ein riesiger, unbeschreiblicher Raum voller aller nur erdenklichen Bücher über die Dunklen Künste oder Zaubertränke, dazu ganze Wände mit Behältnissen von Zaubertrankzutaten, schillernden Flüssigkeiten und Reagenzien, Regale über Regale bis unter die Decke. Mitten darin ein großer geschnitzter Schreibtisch, ein bequemer Sessel und daneben ein prasselndes Kaminfeuer. Das Paradies auf Erden, sozusagen. Mir verschlägt es die Sprache.
Der Dunkle Lord wippt mit der Fußspitze und mustert zufrieden mein Gesicht. „Es gefällt dir, wie ich sehe.“
„Oh. Ja. Natürlich.“ Ich drehe mich abrupt weg von ihm und streiche zärtlich mit den Fingerspitzen über den Rücken eines Buches mit dem Titel „Tausend Tode“ von Malleus Maleficarum. Das wollte ich schon immer mal lesen.
Ich erstarre, als ich seine Hand auf meiner Schulter spüre, entspanne mich aber sofort wieder, als er mich zu sich umdreht. „Ich weiß alles über dich, Severus!“
Ich blinzle in seine Schlangenaugen und warte ab.
„Schon immer hast du dir gewünscht, alles über die Dunklen Künste zu erfahren, und darum hast du dich mir angeschlossen. Du wolltest lernen, und das von dem besten Lehrer, den es gibt. Lord Voldemort.“
Wieder einmal hat mein Herr genau ins Schwarze getroffen. Ich nicke zustimmend.
„Darum habe ich mich entschieden, dir diesen Raum zur Verfügung zu stellen. In deiner freien Zeit magst du dort machen, was dir beliebt. Darüber hinaus …“, er räuspert sich, „… habe ich beschlossen, dich persönlich in einigen von den Zaubern zu unterrichten, die ich selbst erfunden habe. Jetzt, da ich weiß, dass du mir treu zur Seite stehst, möchte ich, dass du so gut vorbereitet wie möglich bist für deine künftigen Aufgaben.“
Ich senke die Augen. „Danke, Herr. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.“
Er klopft mir auf die Schulter, die sein Zauber vor kurzem geheilt hat, und wendet sich zum Gehen.
„Wir sprechen uns morgen. Ruh dich jetzt aus.“
Noch ganz benommen nicke ich und betrachte die Pracht all der Möglichkeiten, die nun so unvermittelt vor mir ausgebreitet liegen. Seine Schritte verhallen auf der Treppe, und ich finde endlich zurück in meine Kammer, schließe die Türe und lasse mich auf das Bett fallen.
Die Kenntnisse des Dunklen Lords. Ein Weg, genauso groß zu werden wie er. Nein, nicht ganz. Er duldet keinen neben sich, der ihm eventuell gefährlich werden könnte. So wie Dumbledore. Es heißt klug sein in Zukunft und Augen und Ohren offen halten, ohne preiszugeben, wie viel ich tatsächlich gelernt habe.
Dumbledore hat mir nie gesagt, wie genau der zweite Teil der Prophezeiung lautet, die ich belauscht habe. Was du nicht weißt, kann der Dunkle Lord nicht aus dir herausholen. Aber die Abrechnung kann nicht weit sein. Im nächsten Jahr.
Der Dunkle Lord und sein Wissen um die Dunklen Künste. Noch ist er viel, viel mächtiger als ich, es wäre verrückt, das zu leugnen. Der Dunkle Lord ist und wird mir immer tausendfach überlegen sein. Ich kann nur den Abstand verringern. Eine Chance. Ein Risiko. Ein schmaler Grat dazwischen.
Ich wasche mich mit dem heißen Wasser im Krug und lege mich in mein neues Bett. In Hogwarts brannte noch die Kerze an meinem Schreibpult, als Flittwick hereinstürzte und schrie, die Todesser seien in der Schule. Ob inzwischen jemand die Kerze gelöscht hat?
Bevor ich endlich die Augen schließe und schlafen kann, bleibt noch, den Geist von allen Gedanken - besonders Gedanken wie diesen - zu reinigen. Der Dunkle Lord ist mächtig, und ich werde mich hüten, dies jemals zu vergessen.
Vae victis.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Ahh, du hast deine wundervolle Story eingestellt, Polaris! :kiss:
Dass ich deine Story liebe, hatte ich ja bereits erwähnt... ;)
Ich bin überzeugt davon, dass du auch in unserem Forum eine Menge Anhänger finden wirst, andernfalls fress ich meinen Sauberwisch 7 oder verteile Popohaue an meine Mituser.
Und falls mir jemand ohne Haare unter die Augen tritt, gibt´s ebenfalls Mecker!


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Plz/Ort: ursus minor
Liebe Moonys Tröti,

:kiss: für Dein Vertrauen!

Und weiter geht`s mit dem Herrn der Tränke (wer hat heute morgen schon mehr Haare als sonst im Kamm gehabt?!):

Kapitel 2 Gambit


Ich wache auf, und die Sonne scheint mir ins Gesicht, was mich zugleich verwirrt und bestürzt, denn erstens bedeutet das, dass ich zu spät zum Unterricht komme – was ich nur tue, wenn ich sterbe oder heirate, und beides habe ich nicht vor. Zweitens bedeutet das, ich bin nicht in …
Wie ein Schwall Eiswasser brechen die Ereignisse der letzten Nacht über mich herein, und jetzt ist klar, warum mich Sonne im Gesicht so verwirrt: Ich bin nicht in meiner Kammer in den Kerkern von Hogwarts, wo noch keine Sonne jemals hinein schien, und Dumbledore …
Dieser Moment ist der Schrecklichste überhaupt und der Grund, warum ich nicht gerne einschlafe: Ein Fausthieb in den Magen, bevor du, noch schlaftrunken und hilflos wie ein Baby, deine Deckung hochnehmen kannst.
Nach einer Minute muss ich mich nicht mehr übergeben, nach zweien höre ich auf zu zittern, nach fünf bin ich wieder der Alte. Ich taste nach meinem Zauberstab, tippe auf den Krug und denke „Aguamenti calidum“. Zum heißen Wasser beschwöre ich einen Spiegel und Rasierzeug herauf, um mich auf den Tag vorzubereiten. Der zerfetzte Umhang ist verschwunden, dafür liegen auf dem Stuhl ein ordentlich gefalteter nagelneuer Umhang allerbester Qualität, die ich mir nie selbst leisten könnte, sowie ein blütensauberes, nach Zitrone duftendes weißes Leinenhemd. Ich streife das zerrissene, blutige Hemd ab, in dem ich geschlafen habe, und gieße das Wasser in die Schüssel.
Ich hatte Nasenbluten in der Nacht, und auch aus dem rechten Ohr ist ein feines, inzwischen dunkelbraun angetrocknetes Rinnsal auf das Kopfkissen gelaufen. Ein Abschiedsgeschenk des Dunklen Lords bei seinem gestrigen Besuch in meinem Kopf. Apropos Kopf: Ich habe gestern Abend nur am Wein genippt. Womit habe ich also diesen Kater verdient?
Ich kleide mich an und schlurfe hinüber in mein neues Refugium. Auf einem Regal finde ich Weidenrinden-Extrakt, ein feines, weißes Pulver. Ich beschwöre ein Glas Wasser herauf und streue ein paar Gramm des Pulvers hinein. Das Zeug schmeckt grauenhaft und sollte eigentlich nicht auf leeren Magen genossen werden, aber es hilft recht zuverlässig gegen Kater, Migräne und … nein, leider nicht dagegen, ein Mörder zu sein.
Obwohl ich eigentlich den Anblick meines Gesichtes im Spiegel vermeiden wollte, muss ich mich doch rasieren – das einzige, was ich auf altmodische Muggelart und mit einem noch altmodischeren Muggel-Rasiermesser zu tun pflege. Mein Vater hat es mir gezeigt, als ich in das Alter kam, mich rasieren zu müssen. Der Gedanke an Väter im Allgemeinen sowie im besonderen stimmt mich nicht unbedingt fröhlicher.
Unten in der großen Halle sieht es wüst aus. Überall liegen betrunkene Gestalten über und unter den Bänken und Tischen, und Greyback schnarcht so laut, das die Scheiben in den hohen gotischen Fensterscheiben klirren und sich die in den Glasmosaiken portraitierten Persönlichkeiten genervt die Finger in die Ohren stecken.
Der Dunkle Lord ist schon oder noch immer wach und taufrisch wie der helle Tag. Ich glaube nicht, dass er überhaupt jemals schläft, und falls doch, dann weiß ich weder wie noch wo. Ich greife mir irgendwo einen Apfel aus dem Maul eines abgenagten Spanferkels und beiße hinein; mit Frühstück ist in diesem Tohuwabohu aus Essensresten, verschüttetem Wein und umgestürzten Stühlen wohl nicht zu rechnen. Ich sehe, dass der Dunkle Lord mein Kommen zwar bemerkt hat – er bemerkt alles – aber nicht aufblickt. Darum schiebe ich irgendwo das Bein eines Schläfers, einen Teller mit angebissenen Fleischstücken und einen verbogenen Kandelaber zur Seite, hole das Buch „Tausend Tode“ hervor und will mich eben niederlassen, um zu warten, bis mein Herr mich ruft, als ich auch schon herbei gewunken werde.
Ich verbeuge mich tief. „Guten Morgen, mein Lord.“
„Setz dich, Severus. Dein Platz ist neben mir!“
Ich verbeuge mich ein weiteres Mal und setze mich hin.
„So lange wir allein sind …“ sein Blick schweift über die Opfer des Banketts „Möchte ich dir deine nächste Aufgabe erläutern.“
Ich spitze die Ohren und schweige.
Mein Herr schwenkt lässig den Zauberstab, worauf heißer, ungesüßter Tee und Porridge vor mir auftauchen, und streicht sich geistesabwesend über das Schlangengesicht. „Ich möchte wissen, wer wohl Dumbledores Nachfolger für den Posten des Direktors in Hogwarts werden wird.“
Das ist wohl nicht schwierig, das zu erraten. „Meint ihr, mit oder ohne eure Einflussnahme?“
Er lacht. „Schnell wie immer, Severus. Versuchen wir erst einmal den natürlichen Gang der Dinge zu verfolgen.“
Ich trinke meinen Tee, ohne den Blick zu senken, und antworte schließlich: „Minerva McGonagall. Sie war seit langem seine Stellvertreterin. Sie ist an der Reihe.“
„Was hältst du von ihr?“
Ich widme mich dem Porridge. „In fachlicher, persönlicher oder gegnerischer Hinsicht?“
„Alle drei.“
Ich lasse mir Zeit. Der Porridge ist so hervorragend wie der Tee.
„Prof. McGonagall ist eine ausgezeichnete Lehrerin, die es versteht, ihren Schülern das Unterrichtspensum zu vermitteln. Außer bei mir könnten sie bei keinem anderen Lehrer so viel lernen, und die meisten Schüler machen davon Gebrauch. Der nächste nach ihr und ihr Stellvertreter wäre wohl Filius Flittwick. Doch der wird niemals Direktor werden, und ich glaube nicht, das er den Posten anstrebt.“
Mein Herr nickt wohlwollend und hat, wie zu erwarten, auch die Reihenfolgen registriert.
„Besitzt Flittwick keinen Ehrgeiz?“
„Doch. Beruflich schon. Er ist ebenfalls ein ausgezeichneter Lehrer. Aber zu sanftmütig.“
Nun, dies ist ja eine Eigenschaft, die sowohl mir als auch dem, den wir alle über die Maßen und zu Recht fürchten, völlig abgeht.
Der Herr nickt, und ich fahre nachdenklich fort: „Als Person ist McGonagall streng, aber äußerst gerecht. Missetäter haben bei ihr nichts zu lachen. Sofern wir uns nicht über Quidditch zerstritten haben, kam ich mit ihr immer am besten aus. Ich respektiere sie – als Gegnerin. Wir sollten nicht den Fehler machen, sie zu unterschätzen.“ Ich gehe ohnehin nicht davon aus, dass mein Herr einen solchen Anfängerfehler begehen würde.
„Wenn die neue Direktorin einen neuen Lehrer einstellen würde, welchen Anforderungen sollte dieser wohl genügen?“
Da also liegt der Hase im Pfeffer! Ich überlege gründlich und bedächtig, trinke etwas Tee und antworte erst, als ich mir sicher bin.
„Erstens: Fachkompetenz. Zweitens: Mut. Drittens: Absolute Aufrichtigkeit.“
Ich überlege, wen er auswählen wird. Rudolphus Lestrange? Bellatrix? Pettigrew? Nein, all diese Gesichter zu bekannt, die werden vom Fleck weg nach Askaban befördert …
Mein Herr wollte immer den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste – wer sollte also an seiner Stelle seinen Platz in Hogwarts einnehmen?
„Der Posten ist frei geworden jetzt, und ein Todesser an meiner Stelle …“ beginne ich leise und mehr zu mir selbst.
„Wie immer, Severus, einen Schritt voraus. Aber du irrst dich. Ich will keinen Todesser nach Hogwarts schicken.“
„Oh.“ Tatsächlich bin ich überrascht. „Warum fragt ihr also, Herr, wenn ihr niemanden nach Hogwarts einschleusen wollt?“
Er hebt die Brauen, und seine Nüstern beben. „Habe ich das gesagt?“
Jetzt dämmert es mir, und es reißt mich halb aus dem Sitz. „Ihr selbst? Ihr müsst …!“
Nein, selbst ich darf nicht weitergehen, und ich reiße mich zusammen und setze mich hin. Der Dunkle Lord in Hogwarts! Sehr clever. Aber unmöglich.
Ich entschließe mich zu einem Vorstoß.
„Darf ich fragen, mein Lord, was euch dorthin zieht?“
„Du darfst, Severus. Aber es geht dich nichts an.“ gibt mein Herr sehr sanft zurück, und ich erkenne, dass ich mich auf extrem dünnen Eis befinde. Rasch ziehe ich mich zurück.
„Jede Hexe und jeder Zauberer kennt Euer Gesicht, Herr. Vielsafttrank ist zu unsicher, seit Barty Crouch junior sich damit als Alistair Moody ausgegeben hat. Metamorphmagie muss ständig erneuert werden und kostet horrende Kraft für diejenigen, die nicht mit dieser Fähigkeit geboren wurden. Wie also wollt ihr nach Hogwarts gehen, ohne dass man euch erkennt?“ Ja, das interessiert mich jetzt wirklich brennend!
Mein Herr schenkt mir ein strahlendes Lächeln, bei dem mir recht eng um den Hals wird.
„Du wirst mir dabei helfen!“
„Ich? Wie das?“
„Du wirst einen Weg finden, wie ich mich dauerhaft in einer anderen Gestalt dort aufhalten kann. Du hast zwei Wochen Zeit. Genügend Mittel hast du ja in deinem neuen Studierzimmer, oder?“
Ich hätte mir schon gestern Abend denken können, dass der Dunkle Lord keine Geschenke macht, die nicht auch ihm nützen.
„Natürlich.“ Ich versinke in Schweigen.
Zwei Wochen. Eine dauerhafte Veränderung des Gesichtes und der gesamten Gestalt erfordert ungeheure magische Kräfte. Man kann Einige alle Zeit, alle einige Zeit, aber nicht alle Menschen alle Zeit täuschen, wie das Sprichwort so klug bemerkt. Eine sehr harte Nuss. Müßig zu fragen, ob der Dunkle Lord dieses Problem nicht selbst lösen kann – er, der größte Magier aller Zeiten. Vielleicht stellt er mich auf die Probe, vielleicht hat er nur keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Sind Lakaien nicht dazu da, es ihrem Herrn bequemer zu machen? Wie auch immer – ich muss die Nuss knacken.
Der Dunkle Lord mustert mein Gesicht, während ich mit gerunzelter Stirn an dem Problem zu knobeln beginne.
„Zu schwierig?“
„Nein, Herr. Ich werde es schaffen.“
Oder seinen Zorn ertragen. Alles hat seinen Preis.
Ich greife nach meiner fast leeren Teetasse, über deren Rand ich Bellatrix Lestrange wie eine Flutwelle an die Klippen unter meinem Fenster heranrauschen sehe. Wütend baut sie sich vor mir auf, die Hände in die Hüften gestemmt, die schwarzen Haare gesträubt wie nach einem wilden Ritt. „Steh auf! Das ist mein Platz!“
Ich stelle die Tasse ab. „Die korrekte Zeitform heißt war, Bellatrix.“
Der Dunkle Lord mustert Bellatrix mit einem dünnen Lächeln: „Der Platz zu meiner Rechten ist reserviert für diejenigen, denen Erfolg beschieden ist bei ihren Missionen.“
Bellatrix Empörung schmilzt zusammen wie eine Sandburg, wenn das Meer sie überspült. „Aber, mein Lord, ich habe doch seit Eurer Rückkehr immer an eurer Seite gesessen! Ich habe für Euch in Askaban gelitten!“
Unser aller Herr wedelt ihre Einwände wie eine lästige Fliege beiseite. „Vergangenheit! Du hast mich gehört, Bellatrix, also verschwinde auf deinen Platz bei den anderen Versagern da unten an den Tischen. Vielleicht solltest du dich ein wenig mehr anstrengen in Zukunft. Dann könnte es sein …“ Er bricht ab und lässt seinen Blick durch die Halle schweifen, die Draco soeben schüchtern betritt.
Nachdem unser Gebieter sowohl Bellatrix als auch mir die Konsequenzen unbotmäßigen Handelns ein weiteres Mal vor Augen geführt hat, wendet er sich Draco zu.
„Draco! Komm her!“
Bellatrix, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, bleibt stehen und giftet mich an: „Mein Neffe hat Dumbledore entwaffnet, nicht du! Ihm gebühren der Ruhm und der Platz neben ihm!
Ich lehne mich entspannt zurück und betrachte die vor Zorn sprühende Hexe von oben herab. Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was leiden schafft. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich an Ruhm nicht interessiert bin, aber ich fürchte, sie würde mir auch dies nicht glauben, darum lasse ich es.
„Der Dunkle Lord hat anders entschieden, Bellatrix.“
Sie schnaubt nur und will nun an ihrem Neffen, der sich soeben vor dem Dunklen Lord niederkniet, vorbeigehen, als unser Herr sie zurückruft.
„Ehe ich es vergesse, Bellatrix …“
Sie verneigt sich tief, noch deutlich tiefer, als ich es tue. „Was wünscht ihr?“
„Ich wollte dir noch mitteilen, dass du deinen Neffen ab sofort nicht mehr unterrichten wirst.“
Bellatrix starrt ihn an.
„Warum denn?“
„Ich habe einen besseren Lehrer gefunden.“
Bella klappt die Kinnlade hinunter. „Einen besseren Lehrer als mich, seine Tante? Wen?“ Als der Dunkle Lord sie schweigend anblickt, dämmert es ihr.
„Snape, du Mistkerl! Du willst mich nicht nur beim Dunklen Lord ausstechen, sondern auch noch bei Draco! Das werde ich nicht zulassen!“
„Beruhige dich, Bellatrix. Ich bin im Gegensatz zu dir ein ausgebildeter Lehrer. Draco hat die Schule nicht abgeschlossen wie seine Altersgenossen. Es gibt noch viel zu lernen, wenn er auch in Zukunft gegen die vom Orden des Phönix bestehen will!“
„Das kann ich ihm genauso gut beibringen! Ich habe ihn Okklumentik gelehrt, und er hat mir zu Weihnachten berichtet, dass selbst du nicht in seine Gedanken eindringen konntest! Ha!“
Touché. Jedenfalls hatte ich nicht vor, Dracos Hirn in einen Plumpudding zu verwandeln
„Das stimmt. Tante Bellatrix hat mir schon alles beigebracht! Ich will für euch kämpfen, mein Lord!“, stößt Draco hervor und erhebt sich halb von den Knien. Ich bin stolz auf seinen Mut, werfe ihm jedoch trotzdem einen so strengen Blick zu, dass er sofort wieder auf die Knie sinkt. Respektlosigkeit schätzt unser aller Herr überhaupt nicht.
„Da hörst du`s, Snape. Draco braucht dich nicht. Er ist jetzt ein Mann!“, höhnt Bellatrix.
Ich seufze unhörbar und versuche es noch einmal mit Logik.
„Die Leute im Orden des Phönix sind keine Squibs oder Muggel oder sonstigen Versager, auf die Ihr sonst häufig trefft. Es sind fertig ausgebildete, hochqualifizierte Magier, einige sogar Auroren. Glaubst du wirklich, Draco kann gegen sie bestehen?“
„Ich habe Dumbledore entwaffnet!“ wirft Draco stolz ein: Das strahlende Glühen auf seinem Gesicht erlischt erst, als ich eine volle Packung geringschätziges Mitleid in meine Stimme lege: „Entwaffnet ja. Getötet – nein!“
Der Junge senkt beschämt den Kopf. Seine Ohren laufen scharlachrot an.
Der Dunkle Lord beendet unseren Disput. „Hast du mir nicht zugehört, Bellatrix? Dein Platz ist dort unten, bis du mir deine Fähigkeiten bewiesen hast!“, donnert er so laut, dass einige der Betrunkenen aus ihrem Schlaf auffahren.
Bellatrix wirbelt herum und rauscht wie ein Schlachtschiff unter vollen Segeln zur Tür hinaus, ohne irgendjemanden auch nur eines Blickes zu würdigen.
Ich sollte mich in Zukunft wohl in Acht nehmen, ob mir jemand unbemerkt nachschleicht. Das Schicksal der Longbottoms ist mir lebhaft in Erinnerung.
Der Dunkle Lord bedeutet Draco, sich neben mich zu setzen. Erleichtert, nicht neben unserem Meister Platz nehmen zu müssen, lässt er sich nach Schuljungenart auf den Stuhl plumpsen. „Muss ich wirklich …“ beginnt er hitzig, und ein weiteres Mal muss ich ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen bringen.
„Snape hat Recht. Du musst noch vieles lernen.“ bestimmt der Dunkle Lord und wendet sich an mich. „An welche Fächer hast du gedacht?“
Ich überlege kurz, wie ich die beiden, bei denen ich Widerstand erwarte, am besten verstecke, und zähle dann auf: „Die Dunklen Künste, natürlich, dazu Zaubertränke, Verwandlung, Zauberkunst, Okklumentik, alte Runen, Latein, Arithmantik.“
Der Blick des Herrn wird finster, und ich weiß, dass er mir mindestens eines streichen wird. „Okklumentik? Das ist nicht mehr nötig.“
Weil ich weiß, dass Argumentieren sinnlos ist, beuge ich mich und nicke knapp.
„Was ist Latein?“, fragt Draco arglos, und ich wünschte, er wäre manchmal nicht ganz so aufgeweckt.
„Eine alte Muggelsprache …“ erwidert der Dunkle Lord zögernd, „…wozu soll die gut sein, Severus?“
„Viele Berichte und Zaubersprüche sind in dieser Sprache überliefert. Es ist wichtig, ihr Original zu kennen, bevor man sie mit einer Übersetzung immer auch gleichzeitig interpretiert …“
Die Begründung ist zu einleuchtend, um sie einfach wegzuwischen, und zu schwach, sie hinzunehmen. Unser Herr spricht im Gegensatz zu Dumbledore, an den ich nicht denken darf, keine fremden Sprachen, schon gar keine Muggelsprache. Er ist der Meinung, der Rest der Welt habe Englisch zu lernen. Wenn er erst einmal die Welt beherrscht …
Sein Misstrauen überwiegt. „Kein Latein. Und keine weitere Okklumentik, Snape! Dumbledore ist tot.“ Er streicht gedankenverloren Nagini, die meine Knöchel umzüngelt, über den schuppigen Kopf. „Der Rest geht in Ordnung.“, bestimmt er endlich.
Ich weiß, wann ich verloren habe und gebe mich geschlagen. „So soll es sein, Herr.“
Mein Gebieter mustert mich von Kopf bis Fuß mit seinen grausamen Augen.
„Severus, du wirst dich heute eine Stunde vor Mitternacht in den Kerkern einfinden. Ab sofort unterrichtet nicht nur der Lehrer den Schüler, sondern auch der Meister den Lehrer. Ich will wissen, wieviel du wirklich kannst!“
Ich verbeuge mich mit pochendem Herzen vor ihm und erbitte die Erlaubnis, mich mit Draco zurückziehen zu dürfen, die mir gnädig gewährt wird.
„Hast du gefrühstückt?“, frage ich, als wir außer Hörweite sind, und als Draco nickt, befehle ich ihm, auf mich zu warten, während ich in der Eulerei schnell einen Bestellzettel für die Winkelgasse schreibe.
Meine ehemaligen Schüler Fred und George Weasley waren als Schüler ein Desaster. Allerdings hörte ich, ihr Nasblut-Nugat sei von herausragender Qualität, und das Gegenmittel wird mitgeliefert. Ich kann zwar nicht verhindern, dass mich der, den ich bewundere und fürchte, hin und wieder zwingt, ihn in meine Gedanken schauen zu lassen. Aber ich möchte nicht auch noch ständig die Bettwäsche wechseln müssen.
Ich bestelle noch einen Topf „Anti-Prellungs-Paste“ dazu, sicher ist sicher.
Während ich diesem Versuchsballon in Eulenform nachblicke, überlege ich mir, auf welche Weise ich wohl ein Geschenk am besten zu seinem Empfänger bringen könnte, falls Eulentransporte wie zu vermuten überwacht werden. Ein Patronus? Zu auffällig. Muggelpost? Ausgeschlossen.
Ich werde es heute Abend mit Flohpulver und meinem eigenen Kamin in Spinners End versuchen, bevor ich mich entscheide.
Draco steht gehorsam an der Stelle, an der ich ihn verlassen habe.
„Komm, Draco, wir gehen nach draußen zu den Klippen.“
Dracos helle Augen schauen Hilfe suchend in die meinen. Bald wird er so groß wie sein Vater sein.
„Ich habe keine Schulbücher!“
„Für Okklumentik brauchen wir keine Schulbücher.“
„Aber der Dunkle Lord hat doch verboten …“
Ich bleibe so abrupt stehen, dass er mir in den Rücken läuft und mich erschrocken anstarrt.
„Mir hat er verboten, Okklumentik zu unterrichten, dir hingegen hat er gar nichts verboten. Und ich entscheide, was du wissen musst, damit du in Zukunft gegen den Phönixorden bestehen kannst!“
Fortes fortuna adiuvat.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Bevor ich Draco wieder aufsammle, werfe ich noch einen Blick in die große Halle: Tatsächlich wird der Bankettsaal gerade durch eine Horde wieselflinker Hauselfen von zerbrochenen Weinkelchen, abgenagten Knochen und Schnapsleichen gesäubert. Ich schnappe einer Elfe einen Korb mit schon leicht angefaultem Obst weg, und werde an der Türe fast von Crabbe umgemäht, der anscheinend mit offenen Augen glasig in den Tag hineinträumt. Mein ehemaliger Schüler Crabbe junior ist ja ein bescheidenes Licht, doch sein Vater wird immer ein ausgesprochen armer Leuchter bleiben …
Draco betrachtet etwas ratlos den Korb an meinem Arm.
„Machen wir ein Picknick oder so was?“
„Nein, Unterricht!“, belehre ich ihn.
Schweigend wandern wir den Weg auf der Höhe der Klippe entlang. Unter uns steigt tosend immer wieder die Brandung hoch, und manchmal ist mir, als streife uns ein Fetzen der schäumenden Gischt. Der Tag ist warm und sonnig, aber eine steife Brise türmt weit draußen auf der See die Wellen zu dunkelgrauen Bergen mit weißen Spitzen auf, die am Horizont mit dem Himmel verschmelzen. Der Wind heult in den Ohren und zerrt an meinen Haaren. Das niedrige, bleiche Gras auf den Felsen zittert und bebt, krallt sich aber erfolgreich auf dem kargen Boden fest.
Ich fröstle im scharfen Wind und denke kurz darüber nach, umzukehren und irgendwo einen wärmeren Umhang aufzutreiben, aber Draco ist warm genug eingepackt, und ich will keine Unterrichtszeit verschwenden. Trotzdem werde ich mich später um das Kleidungsproblem kümmern müssen, denn alle meine Sachen – bis auf das, was ich auf dem Leib trage - sind entweder in Hogwarts oder in Spinner`s End und damit verloren.
Nach einer Viertelstunde umrunden wir einen Felsvorsprung und sind damit endgültig außer Sichtweite des Schlosses. Ich stelle den Korb ab und deute auf eine Mulde zwischen den Felsen, die mit tiefgrünem, dicken und mit Moos reichlich durchsetztem Grassoden bedeckt ist.
„Stell dich dort drüben auf, Draco. Zum Aufwärmen üben wir Schock- und Schildzauber. Du greifst an. Jetzt!“
Glänzend bricht sein Zauber aus der Spitze des Stabes, und mein Schildzauber vibriert singend, während er unter der Gewalt von Dracos Fluch erbebt. Erfreut stelle ich fest, dass Draco tatsächlich ein hervorragender junger Zauberer geworden ist; für einen Schüler seines Alters eine sehr gute Leistung.
„Gut. Noch einmal. Konzentriere dich auf einen einzigen Punkt, nicht auf meine ganze Gestalt!“
Draco nickt, verzieht angespannt das Gesicht, und sein Fluch gewinnt nochmals deutlich an Härte.
„Sehr gut. Jetzt bitte ungesagt.“
Na bitte, geht doch! Es gibt doch noch Schüler, die zu höherer Magie fähig sind und denen offensichtlich Geistesgaben in die Wiege gelegt wurden, denen es vorgeblich „Auserwählten“ eindeutig ermangelt.
Da ich mit dieser Übung noch etwas anderes bezwecke, lasse ich beim letzten Angriff Dracos meine Deckung hängen, so dass mich sein Fluch an der Schulter trifft und ein paar Meter durch die Luft wirbelt.
Als ich mich aufrapple, ist Draco schon über mir: „Entschuldigung, dass wollte ich nicht! Oh nein, ich habe sie verletzt!“ Er ist so zerknirscht, dass ich ihm gerne sagen würde, dass es nicht seine Schuld war.
„Gut gemacht, Draco. Dein letzter Fluch war ausgezeichnet!“
Er strahlt in einer beinahe komischen Mischung aus Besorgnis und Stolz und hilft mir auf die Füße zu kommen.
„Ihre Nase ist gebrochen, Sir.“
„Das macht nichts, Draco.“
Ich heile meine Nase mit „Episkey“, und nun ist Draco an der Reihe, sich zu verteidigen. Nachdem ich herausgefunden habe, welchen Leistungsstand er aufweist, schlage ich unvermittelt ein wenig härter zu, als er aushalten kann. Jetzt ist es an ihm, umgeworfen zu werden. Als er aufsteht, klopft er sich den Hosenboden ab, aber er jammert nicht. Ich bin sehr zufrieden.
„Zeige niemals in einem Kampf schon zu Anfang, welche Leistung in dir steckt. Gib siebzig Prozent.“
„Warum, Sir?“
„Damit der Gegner dich unterschätzt. Falls nötig, kannst du dich später steigern. Was du wirklich kannst, lass niemanden merken. Nur wenn es gar nicht mehr anders geht.“
Draco hat verstanden und grinst.
Ich wende mich ab, stecke den Zauberstab wieder in die Manteltasche, hole den Korb näher heran und setze mich ins Moos.
„Deine Tante hat dich Okklumentik gelehrt, Draco…“
„Ich kann Okklumentik! Sie haben ja Weihnachten gemerkt, dass selbst sie, Sir, meine Gedanken nicht lesen konnten!“, trumpft er auf, und es tut mir Leid, ihm seine Illusionen nehmen zu müssen.
„Nein, Draco, das konnte ich nicht. Nicht ohne dir weh zu tun und dein Gehirn in Tomatenpüree zu verwandeln!“
„Was? Das glaube ich nicht! Sie wollten doch unbedingt …!“
„Ja. Wollte ich. Aber nicht um diesen Preis.“
„Ich dachte wirklich, ich könnte Dumbledore …“ Er bricht ab und schaut hinaus auf das brodelnde Meer.
Ich seufze leise. „Ich weiß, du wolltest es alleine schaffen. Kinder wollen immer alles alleine schaffen. Zum Erwachsen sein gehört dazu, um Hilfe bitten zu können, wenn man nicht weiter kommt! Du hättest Bell oder Weasley töten können, begreifst du das?“
Er starrt mich aus zusammengekniffenen Augen an. Vorsicht, Vorsicht …
„Es hätte den ganzen Plan verdorben, Draco!“
Er nickt schwer, wie ein viel älterer Mann unter der Last der Erkenntnis.
„Deine Tante Bellatrix denkt – und du glaubst das auch, Draco! – ich hätte dir helfen wollen, um dir den Ruhm für deine Arbeit zu stehlen, nicht war? Um mich beim Dunklen Lord mit fremden Federn – deinen hart erkämpften Federn! - zu schmücken?“
„Aber genau das wollte ich verhindern!“ Er schreit es fast, ballt die Fäuste und sieht aus wie ein trotziger Zweijähriger.
Ich fasse sei Kinn und zwinge ihn, mich anzusehen. „Glaubst du wirklich, dass ich es nötig habe, dich zu bestehlen? Das ich auf geborgten Ruhm aus bin?“
Er schüttelt den Kopf.
„Glaubst du, ich bin unfähig, eine magische Niete wie Crabbe und Goyle?“
Wieder Kopfschütteln.
„Oder ein Verräter meiner besten Freunde wie dieser Pettigrew?“
„Nein, Sir!“
„Hältst du mich etwa für einen gefährlichen Irren wie Greyback oder für so raffgierig wie Amycus und Alecto?“
Das Schweigen zieht sich wie Bubbles bester Blaskaugummi. Draco windet sich wie unter Bauchgrimmen und haucht schließlich sehr leise: „Nein, Sir. Das passt nicht zu Ihnen. Sie wollten mir wirklich nur helfen, genau wie meine Mutter gesagt hat!“
Na also! Jetzt bleibt noch, ihn für die Zukunft zu warnen.
„Trotzdem hättest du Recht haben können! Du musst dich ab sofort sehr genau besinnen, wem du vertraust …“ ich hebe die Hand und wische seinen Einwand weg, noch bevor er ihn ausgesprochen hat „… auch mir gegenüber, ja. Wem du heute vertraust, der kann morgen dein Feind sein. Verlasse dich nicht auf das, was deine Mutter oder deine Tante oder sonst jemand dir erzählt. Urteile selbst, und urteile nach Taten, nicht nach Worten!“
„Aber sie haben doch Dumbledore getötet, Sir!“, sagt er sehr leise.
Mir bleibt die Luft weg, und es dauert einige Zeit, bis ich antworten kann.
„Ich sehe, du hast mich verstanden!“, versetzte ich viel schärfer als beabsichtigt und springe auf, um den Korb mit dem Anschauungsmaterial näher heranzuholen.
Die Stille zwischen uns wird nur durch das leise Heulen und Zerren des Windes an den niedrigen Gräsern unterbrochen, der den Geruch nach Heidekraut heranträgt. Ich nehme die Wassermelone aus dem Korb und rolle sie auf Draco zu.
„Achtung!“
Er starrt ratlos auf die dickwandige schwere Frucht in seinem Schoß herab.
„Soll ich sie aufschneiden?“
„Nein. Warte ab.“ Ich lasse mich im Schneidersitz ihm gegenüber nieder.
„Die Kunst der Okklumentik …“ beginne ich zu referieren „…ist eine Kunst, die man in vier Stufen erlernt. Deine Tante ist eine hervorragende Hexe, und sie hat dich in der ersten Stufe gründlich und effektiv unterrichtet. Dein Geist ist, um es dir bildlich vor Augen zu führen, hart wie eine Kokosnuss.“ Ich klopfe ihm sanft auf die Stirn.
Er schaut gespannt und erwartungsvoll in meine Augen und hat meine Warnungen anscheinend schon in den Wind geschrieben. Die Jugend, oje.
„Leider gab es in der großen Halle keine Kokosnüsse, und darum habe ich diese Melone mitgebracht.“ Ich nickte ihm zu, rücke ein wenig von ihm ab und sage: „Bitte öffne jetzt die Melone, Draco.“
Wie zu erwarten schaute er sich suchend um. „Ich habe kein Messer bei mir …“
Ich wirble den Zauberstab aus der Tasche und denke sehr sanft „Impedimenta!“, während ich auf die Melone ziele, die in seinen Händen förmlich explodiert und ihr blutrotes Fruchtfleisch über meinen Schüler verteilt.
Draco springt mit angeekeltem Gesicht auf und versucht, das triefende Fruchtmus von Händen und Kleidung zu entfernen.
Ich beobachte ihn amüsiert, bis er sich mir zuwendet. „Das haben Sie mit Absicht gemacht!“, faucht er, hat sich jedoch sofort wieder im Griff und fügt hinzu: „Entschuldigung, Sir!“.
Ach, hätte ich doch ausschließlich Schüler wie Draco!
Ich warte, bis Draco sich beruhigt hat, um fortzufahren. “So, wie ich mit dem Zauberstab diese Melone gesprengt habe, so kann ein überlegener Zauberer in den Verstand eines Schwächeren eindringen. Allerdings nicht, ohne gewisse Schäden anzurichten …“
Draco zieht im Hinblick auf unsere Unterredung zu Weihnachten die Parallele zwischen mir, seinem Kopf und der Melone, und seine Gesichtsfarbe wechselt ins Grünliche. Es geht doch nichts über anschauliche Unterrichtsmethoden.
„Und darum ist es unerlässlich zu erlernen, wie du unangenehme Nebenwirkungen vermeidest, falls ein überlegener Geist in den Deinen eindringen will und du nicht die Kraft besitzt, ihm zu widerstehen.“
„Oh!“ Das ist erst einmal das einzige, was ich von Draco vernehme, während er sich das Gesagte durch den Kopf gehen lässt.
„Wenn also eine harte Schale wie bei einer Kokosnuss nicht gegen alles hilft …?“
Ich weise auf das Gras, dass sich unter dem unermüdlichen Ansturm des Nordwindes biegt und schlängelt und zittert. „Wer nicht bestehen kann, der muss sich beugen!“
Dracos Gesicht erhellt sich sofort. „Mein Geist muss nachgeben, damit ich nicht verletzt werde!“
Lucius kann sehr stolz auf seinen Sohn sein.
Mit einem Zauberstabschnippsen entferne ich die Schweinerei von Dracos Kleidung und winke ihn ganz nah an mich heran.
„Was uns nunmehr zur Legelimentik führt, die zu unterrichten im Übrigen der Dunkle Lord nicht verboten hat. Wir üben zuerst die Technik.“
Ich bringe ihm „Sectum sempra“ ungesagt bei, um ihm ein Gefühl für Stoßkraft und Wirkung zu vermitteln, und Draco schneidet eine Weile Äpfel, Birnen und Bananen in Scheiben.
Als ich mir sicher bin, dass er geschickt genug ist, demonstriere ich Zauberstabbewegung und Betonung des Gedankenlesespruches. Nach nur zehn Minuten – und das hätte selbst Granger nicht unterboten – ist Draco soweit.
„Du wirst dich jetzt konzentrieren und ganz, ganz vorsichtig…“, ich räuspere mich, denn ich klinge etwas heiser, „… in meinen Geist eindringen, Draco.“
Draco zückt lernbegierig wieder den Zauberstab, doch ich hebe abwehrend die Hand.
„Dein Geist muss in meinen Kopf gleiten wie ein Messer in weiche Butter. Wenn du zu heftig zustößt, zerfetzt du mir den Verstand!“
Ich muss zugeben, meine Hände sind etwas kälter als üblich, aber das liegt sicher am frostigen Wind. Draco ist eigentlich noch zu jung für solch fortgeschrittene Magie; einiges schwieriger noch als ein gestaltlicher Patronus, der manch Erwachsenem nicht gelingen will. Aber wenn nicht Draco, welcher Schüler sollte dann in der Lage sein …?
Er ist blasser als sonst, aber voll bei der Sache. Er weiß, ich spaße nicht.
Legelimens! Sehr, sehr vorsichtig tastend betritt Draco die Halle meiner Gedanken. Es ist für ihn wie Stelzenlaufen in einem Geschäft voller Kristallgläser, doch er bewegt sich ruhig und kontrolliert. Ich lasse hier einen Gedanken auffunkeln und biete dort eine Erinnerung an, und staunend bewegt er sich weiter vor, immer der Spur folgend, die ich ihm weise. Fasziniert von einem fremden Geist – meinem – blickt er sich neugierig um und stößt versehentlich zu hart zu. Ich zucke unwillkürlich zusammen, doch Draco beherrscht sich sofort und zieht sich vorsichtig zurück. Gut gemacht! Zeit zu gehen, mein Junge …
Er blinzelt, als erwache er aus tiefem Schlaf. „Wow! Das war ja … unbeschreiblich!“
Ich lächele stolz. Slytherin, jawohl!
Dracos Blick fängt meinen auf, und seine Freude über den gelungenen Zauber verlischt. „Oh, Sir, Sie bluten ja aus der Nase! Ich war zu ungeschickt …!“
„Nein, das ist noch von dem Schockzauber!“ lüge ich beiläufig und stehe auf. „Genug für heute. Lass uns zurück zum Schloss gehen!“
Ich bin rückblickend froh, dass ich im letzten Jahr nur gezwungen war, Potter in einfacher Okklumentik zu unterrichten, obwohl selbst dieses Basiswissen … Potter hätte mich ruckzuck durch seine Unbeherrschtheit in ein Gemüse verwandelt, und das ganz ohne albernes Zauberstabgefuchtel. Manchmal haben Desaster auch gute Seiten.
Draco verspeist auf dem Rückweg das Obst aus dem Korb, und er bleibt ganz in seinen Gedanken versunken.
„Wie geht es weiter, Sir? Ich meine, mit den Stufen der Okklumentik?“, meint er schließlich.
„Als nächstes wirst du lernen, mich in deinen Kopf einzulassen, ohne verletzt zu werden.“
„Aber – wozu soll das gut sein? Das ist ja, als ob man gar keine Okklumentik kann!“
Ich bleibe stehen. „Oh nein, im Gegenteil! Dem eindringende Geist erscheint es nur, als ob er auf keinen Widerstand träfe. Und du kannst dem Eindringling diejenigen Gedanken zeigen, die, nun, sagen wir…“ ich suche nach der rechten Formulierung “ ... zuvor von dir gestaltet wurden.“
„Lügen? Ich kann Lügen, und der andere merkt das nicht?“ Er zappelt aufgeregt neben mir, als wir dem Weg weiter folgen.
Schön, wenn jemand selber nachdenkt und nicht einfach alle Bücher auswendig lernt wie das Schlammblut Granger.
„Nun, ganz so plump natürlich nicht. Man muss die Tatsachen ein wenig biegen und beugen und dazu hier und da eine Prise pure Wahrheit einstreuen, aber im Großen und Ganzen … Ja, du sollst lernen unbemerkt zu lügen.“
Er bleibt stehen, jeder Muskel angespannt. „Wie geht das?“
Ich stupse ihm mit dem Zauberstab an, damit er weiterläuft.
„Zuerst einmal die einfachste Technik. Du erfindest eine Lüge und lernst, selbst daran zu glauben.“
Er schnaubt. „Das geht doch gar nicht!“
„Natürlich geht das. Neun Zehntel der Menschheit lebt danach: Sobald etwas schief läuft, sind immer die anderen Schuld. Lüg dir dein Leben schön, dann musst du nichts ändern.“
Draco kaut auch darauf einige Minuten herum.
„Und danach? Die nächste Stufe?“
„Ich werde dich lehren, deine Erinnerungen zu verschleiern, sie undeutlicher werden zu lassen und die Konturen zu verwischen. So ähnlich wie ein Traum, der verblasst und den man bald vergisst.“
Draco kaut an seiner Unterlippe.
„Es gibt doch noch eine vierte und letzte Stufe, nicht wahr? Aber wie kann man Gedanken noch besser verbergen, als sie zu verschleiern?“
„Nun, manche Erinnerungen sind so grell, dass sie selbst durch Bleipanzer hindurch schimmern.“ Nun, hier spreche ich aus Erfahrung. „Diese Gedanken und Gefühle sind so stark, dass man sie nicht tarnen kann. Zu auffällig, es überhaupt zu versuchen, es lenkt die Aufmerksamkeit eines unbefugten Eindringlings erst richtig darauf.“
„Aber wie macht man es dann?“ Draco hält seinen Zauberstab gepackt, als könne er es kaum erwarten, mit der nächsten Unterrichtsstunde fortzufahren. Bisher lautet meine Erfahrung, dass die Schüler meine Stunden am liebsten fluchtartig verließen …
Weil der Junge so gespannt ist, bleibe ich nochmals stehen und drehe mich zu ihm um.
„Indem man die Erfahrung und die dazugehörigen Gefühle austauscht, Draco. Höchst anspruchsvolle Magie. Nur wenige kommen jemals soweit.“
„Aber sie, Sir?“
„Zuweilen.“
„Ich kann mir das nicht recht vorstellen, wie das funktionieren soll …“
Ich suche nach einem Bild, um es ihm zu erklären. „Sie essen gerne …?“
„Bertie Botts Bohnen, aber was hat das …?“ antwortet er verständnislos.
„Und ihre zweitliebste Speise?“
„Zischende Zauberdrops!“
„Gut. Also, sie denken gleichzeitig an Bertie Botts Bohnen und Zischende Zauberdrops, und vertauschen das Gefühl, dass sie beim Genuss der beiden Speisen empfinden, miteinander. Ähnlich, aber nicht identisch! Das Gefühl des einen wird mit dem Gegenstand des anderen verbunden, so dass in der Wahrnehmung des eindringenden Legilimentikers in deinem Geist ein falscher Eindruck entstehen muss!“
Die Schwierigkeit der Aufgabe scheint ihm jetzt ein wenig den Schwung zu nehmen.
„Kopf hoch, Draco. Das ist weit, weit fortgeschrittene Magie. So weit müssen wir nicht gehen.“
Als wir um die nächste Wegbiegung kommen, erkenne ich in einiger Entfernung Crabbe Senior, der am Rand der Klippen sitzt und hinab in die Wogen starrt. Ich wundere mich darüber. Was hat der hier zu suchen? Ein neuer Aufpasser an Pettigrews statt? Ich beschließe, Crabbe auf einen seiner schlechten Zähne zu fühlen.
„Geh schon vor, Draco.“
„Sir, darf ich sie noch eines fragen?“
Ich nicke, schon mit meinem nächsten Problem beschäftigt.
„Ist der Dunkle Lord ein so guter Legelimens, wie man sagt?“
„Der Beste. Niemand kommt ihm auch nur entfernt nahe.“, bestätige ich.
„Nicht einmal Sie?“
Ich lache leise. „Nein. Nicht einmal ich. Nicht in tausend Jahren.“
Draco knetet seinen Zauberstab in den Händen.
„Und versucht er manchmal … ich meine, hat er schon …“
„Versucht, meine Gedanken zu lesen? Ja.“
Ich wünschte, die nächste Frage würde er nicht stellen, aber das ist der Nachteil bei intelligenten Schülern.
„Und sie, Sir, haben sie je versucht, ihn … davon abzuhalten?“
Sein Gesicht ist so blass und die Haut um seine Nase dermaßen angespannt, dass er ganz krank aussieht.
Ich beuge mich zu dem Jungen herab, um meine nächste Warnung zu betonen: „Du darfst niemals versuchen, den Dunklen Lord mit einem plumpen Trick zu hintergehen, ganz gleich, was du dir davon versprichst! Der Dunkle Lord verzeiht nicht leicht!“
Damit lasse ich ihn stehen und halte auf Crabbe zu, der immer noch wie Lots Weib als Salzsäule ins Wasser glotzt.
Mundus vult decipi.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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polaris du hast etwas geschafft, was eigentlich eine Seltenheit ist: ich sitze da sprachlos vor Staunen

ich hab wirklich schon etliche FFs gelesen aber deine ist einfach unvergleichlich

aus Snapes Sicht zu erzählen und doch eigentlich nichts zu verraten - Kompliment

du hast ein Talent Situationen, Räume, Personen und vor allem Gefühle zu beschreiben, dass mich die Geschichte in ihren Bann gezogen hat, obwohl ich gar nicht vor hatte heute noch zu lesen - nur mal reinschnuppern, aber denkste - ich musste bis zum vorläufigen Ende lesen

also warte ich mit Spannung auf die Fortsetzung


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Liebe Jim,

danke für dein Review - ich dachte schon, hier interessiert sich niemand (ausser Tröti :kiss: ) für mein Geschreibsel.

Als Dankeschön hinterlasse ich gleich mal das nächste Kapitel ...

Kapitel 4: Katz und Maus

Als Crabbe meine Schritte hinter sich hört, springt er auf wie von der Acromantula gestochen, und bedroht mich mit einem bebenden Zauberstab, den er in seinen zitternden Händen kaum halten kann. Schweißperlen bedecken seine Stirn, trotz des kalten Windes.
„Komm nicht näher! Sonst …“
„Sonst was?“ Ich ignoriere sein Gefuchtel und gehe rasch auf ihn zu, um ihm den Zauberstab aus der Hand zu reißen, doch sein Gesichtsausdruck lässt mich anhalten. Er ähnelt derzeit nicht dem massigen, aber leicht beschränkten Mondkalb wie sonst, sondern erinnert mich vielmehr an einen Stier, der soeben am anderen Ende der Weide den Nebenbuhler erspäht hat.
„Was soll das, Crabbe? Warum machst du dich nicht nützlich und ärgerst Muggel?“ Seine Lieblingsbeschäftigung ist es, Liebespaaren nachts im Park aufzulauern und sie beim Schmusen mit einem Knallzauber zu erschrecken. Kindergartenniveau.
Crabbe grunzt nur und macht unwillkürlich einen Schritt rückwärts, wobei er fast am Klippenrand abrutscht.
Ich versenke vorsichtshalber die Hand in der Umhangtasche, um meinen Zauberstab rechtzeitig hervorholen zu können, bevor mein Mit-Todesser ins Wasser plumpst und sich noch den Hals bricht. Was in Anbetracht von Fallhöhe, den zackigen Felszähnen da unten sowie Crabbes sprichwörtlichem Ungeschick durchaus realistisch erscheint.
„Keinen Schritt, Severus, oder ich …“ Wieder wedelt er wild mit dem Zauberstab, und einige wunderschön schillernde Seifenblasen entschweben der Spitze. „Oh!“
Ich nutze die Gelegenheit, ihm den Zauberstab aus der Hand zu fluchen, und fange diesen auf, bevor er in die brausende Gischt stürzen kann.
Crabbe sinkt in sich zusammen wie ein Häuflein Elend, und ehe ich mich versehe, hängt er mir schon am Hals. Dicke Tränen rinnen die enormen Hängebacken entlang auf mein Hemd, und aus seiner Nase trieft Rotz auf meinen neuen Umhang. Herrje! Sehe ich neuerdings aus wie der Kummerkasten des Klitterers?
„Severus, du musst mir helfen! Bitte! Du musst!“
Heftig winde ich mich aus seiner täppischen Umarmung und stoße ihn zurück – allerdings Richtung Weg, nicht zur Klippe.
„Ich muss gar nichts.“ Und habe auch nicht vor. Das letzte Mal, als ich mich habe erweichen lassen, jemandem zu helfen, habe ich …
Crabbe schafft es, mich von unten herauf wie ein geprügelter Cockerspanielwelpe anzusehen, obwohl er einen guten Kopf größer ist als ich.
„Pack dich, Crabbe! Du wirst doch sicher irgend etwas zu tun haben, oder? Sonst muss ich den Dunklen Lord bitten …“ Das zieht eigentlich immer.
„Er will mir nicht helfen!“ Crabbe lässt die Hände sinken, mit denen er sich das Haar zerrauft hat.
Ich habe anscheinend ein Hörproblem, oder der Wind heult inzwischen zu laut.
„Wer will dir nicht helfen? Und, bevor du fragst – ich kann und will es auch nicht!“
„Der Dunkle Lord! Er will mir kein Geld geben, dabei hat er versprochen …“
Ach, darum geht es schon wieder.
„Was hast du dir diesmal aufschwatzen lassen? Lass mich raten: Muggelheizdecken? Eine Zuchtfarm für knallrümpfige Kröter? Die Rechte an der Entdeckung des krummhörnigen Schnarchkacklers? Mann, werde doch endlich mal erwachsen!“
Crabbe heult auf, und ich rolle genervt mit den Augen.
„Also gut, bei wem stehst du in der Kreide?“ Eine Idee nimmt vor meinen Augen Gestalt an, und selbst Crabbe ist besser als gar kein Verbündeter. Die Liste meiner Feinde ist so lang wie eine Rolle Toilettenpapier, dagegen recht überschaubar die meiner Freunde. Die Hälfte von ihnen sitzt überdies in Askaban.
„Ich habe von Mundungus Fletcher diese Kessel …“ stammelt er, und ich winke ab.
„Den hat das Ministerium wegen Diebstahls verhaftet, und ich glaube nicht, dass wir ihn so bald wiedersehen!“
„Aber Mundungus hat meinen Schuldschein an die Kobolde verkauft!“ Crabbe reißt sich an den spärlichen Haaren, die ihm noch über den Ohren verblieben sind.
„Oh!“ Das ist in der Tat ein Problem. Mit ihnen ist nicht zu spaßen, wenn`s ums Geld geht.
„Wieviel?“, frage ich, und er nennt eine Summe, die mich davon überzeugt, dass dieses Schaf vor mir tatsächlich Anlass hat, sich die Klippe hinab zu stürzen.
„Wann hättest du zahlen sollen?“
„Vor drei Wochen!“
Erstaunlich dass die Kobolde ihm noch nicht die Ohren lang gezogen haben! Crabbe ist zwar dumm, aber alt genug, selber auszulöffeln, was er sich immer wieder einbrockt. Trotzdem wundere ich mich, dass er offensichtlich noch nicht einmal ein blaues Auge … mir wird irgendwie mulmig.
„Was haben sie dir angedroht?“
„Sie wollen meinen Sohn entführen und ihm so lange Gliedmaßen abschneiden, bis ich bezahle!“
Nun, zuzutrauen wäre es ihnen! Die wertvollen Wandbehänge mit den Darstellungen aus den Koboldkriegen, die unser Meister zusammen mit dem anderen Krimskrams in der Halle hat aufhängen lassen, sind nicht nur für ihre ersuchten Materialien, sondern auch für die plastischen Darstellungen berühmt.
Ich überschlage schnell meine Optionen.
„Morgen früh habe ich das Geld aufgetrieben. Schick eine Eule an die Kobolde los und sag ihnen, dass ich für dich bezahlen werde. Aber wenn sie deinem Jungen auch nur ein Haar krümmen, kriegen Sie gar nichts!“
Crabbe macht Anstalten, mir zu Füßen zu fallen und den Saum meines Umhanges küssen zu wollen.
Entsetzt springe ich zurück und mache eine wedelnde Handbewegung. „Los, mach schon, lauf zum Schloss! Worauf wartest du?“
Crabbe rennt los mit einem so glücklichen Gesicht, dass es fast weh tut. Schön, wenn man sich seiner Sorgen mit Geld entledigen kann.

Den Rest des Tages verbringe ich zum größten Teil in meinen Räumen, um mich dem Verwandlungsproblem meines Herren zu widmen, aber ich komme der Lösung keinen Schritt näher, obwohl ich mich durch eine beachtliche Anzahl von Werken aus der hervorragenden Bibliothek durcharbeite. Pünktlich eine Stunde vor Mitternacht erscheine ich in der großen Halle und bin wenig erstaunt, dass mein Herr und Meister noch nicht in Sicht ist. Er lässt seine Gefolgsleute gerne warten; sich zu verspäten, wenn das Dunkle Mal auf deinem Arm brennt, ist hingegen nicht ratsam.
Ich ziehe also ein weiteres Mal „Tausend Tode“ hervor und beginne zu lesen, doch ich kann mich nicht recht konzentrieren. Viel lieber würde ich mit Filius Flittwick Backgammon spielen, mich mit Minerva McGonagall in der Diskussion über unsere Chancen beim nächsten Spiel gegen Gryffindor überwerfen oder über einem von Prof. Vektors Arithmantik-Rätseln tüfteln. Auch eine Schachpartie mit … Nein!
Das Warten wird mir ungewohnt lang, und ich habe allen Grund, nervös zu sein. Unser gestrenger Gebieter schätzt zwar erfolgreiche Todesser – aber noch mehr schätzt er es, seine Überlegenheit deutlich zu machen. Von allen Todessern bin ich – abgesehen von meinem Freund Lucius und, wie ich gestehen muss, Bellatrix Lastrange – einer der wenigen Zauberer, deren magische Fähigkeiten an die des Dunklen Lord zwar nicht heranreichen, die aber trotzdem wenigstens kein Schlachtvieh abgeben wie der Beinahe-Squib Crabbe, der jetzt hoffentlich befreit von der Sorge um seinen Sohn in den Federn liegt und den Schlaf der Einfältigen schläft.
Der Dunkle Lord wird mir heute Abend auch, aber nicht nur ein Stück dunkler Magie näher bringen wollen. Er wird die Gelegenheit nutzen, mir kristallklarzumachen, dass ich nicht einmal davon träumen darf, ihm jemals ebenbürtig zu werden – ja, seinen Kräften auch nur entfernt nahe zu kommen. Gerade weil ich seinen größten und mächtigsten Feind Albus Dumbledore – an den zu denken ich mir nicht erlauben kann – getötet habe: Lord Voldemort muss sicherstellen, dass ich nicht irgendwann versuche, es in grenzenloser Selbstüberschätzung mit ihm aufzunehmen.
Ich sehe der Lehrstunde mit meinem Herrn und Gebieter darum mit dem gleichen Enthusiasmus entgegen wie einer Zahnwurzelbehandlung ohne Narkose.
Um Mitternacht erbeben die Mauern, das Schloss rüttelt hin und her wie ein Karton, den man in den Händen schüttelt, und die Sterne vor den Fenstern verändern ihre Position. Das Glas der unzähligen magischen Spiegel und Vitrinen mit wertvollstem Geschmeide, erlesenem Geschirr und atemberaubenden Kunstwerken, mit denen der Wohnsitz unseres Herrschers bis unter die letzte Zinne voll gestopft ist, klirrt leise, während die Rüstungen in den Scharnieren quietschen und die Waffensammlung blechern scheppert. Babajaga, die Zwingfestung des Dunklen Lords, hat sich auf ihre Hühnerbeine gestellt und wandelt wie in der Mitte jeder Nacht an ihren neuen Platz. Ich bin gespannt, welchen Ausblick mein Zimmerfenster morgen früh bieten wird.
Als der Dunkle Lord weit nach Mitternacht endlich erscheint und mich anweist, ihm in die Kerker hinab zu folgen, bin ich beinahe erleichtert, dass das Warten ein Ende hat.
Draußen vor der Halle steht Pettigrew, stürzt auf den Dunklen Lord zu, wirft sich zu Boden und klammert sich an seine Füße.
„Herr, das könnt ihr doch nicht ernst meinen! Die Zentauren werden mich umbringen!“, heult er.
Der Herr versetzt ihm einen Tritt, dass Pettigrew durch die Luft geschleudert wird wie ein Putzlumpen, und ich muss schnell zur Seite springen, um nicht umgerissen zu werden.
Pettigrew landet mit einem durchdringenden Quieken direkt vor meinen Füßen. Als sein mitleidheischender Blick an meinen Stiefeln hochgeklettert ist und mich erkennt, tritt grenzenloser Hass in die kleinen Rattenaugen.
„Du!“, faucht er schrill, und seine Stimme schlägt Salti, „Du steckst doch dahinter, Snape!“
Ich ziehe spöttisch eine Braue in die Höhe. „Es ist nicht klug, den Dunklen Lord anzuwinseln. Soviel solltest du doch inzwischen begriffen haben, Wurmschwanz!“
Ich steige über ihn hinweg und folge meinem Gebieter, während die Ratte hinter mir unverständliche Schimpfworte in meinen Rücken kreischt. Was kümmert es den Baum, wenn der Hund ihn anpinkelt?
Ich beeile mich, meinen Herrn einzuholen. „Herr, ich habe eine weitere Bitte …“
„Welche?“ Ich amüsiere ihn. Er weiß, wie ungern ich um etwas frage.
„Ich …“, das Thema anzusprechen fällt mir recht schwer, „… bei meiner Flucht aus Hogwarts habe ich alles, was ich besitze, dort zurücklassen müssen. Der Rest meiner Habe befindet sich in meinem Haus, und auch dorthin kann ich nicht zurück. Ich … „
Mein Lord hat schon verstanden, aber er lässt Fische gerne zappeln.
„Ja?“ Seine Stimme ist sanft wie Pfirsichschale.
Augen zu: „…brauche Kleidung zum Wechseln und noch ein paar andere Dinge. Kurz gesagt, ich möchte Euch um Geld bitten.“ Und durch!
Er runzelt die Stirn, um mich noch ein wenig länger strampeln zu lassen. „Hat dir der neue Umhang nicht gefallen?“
„Selbstverständlich.“ Ich lüge natürlich: Zu teuer, zu protzig. Schlicht ist mir lieber.
„Wo liegt dann das Problem?“
Ich straffe die Schultern. „Ich bevorzuge … einen anderen Stil.“, erkläre ich steif.
Mein Herr, für den nur das Kostbarste gut genug ist, kann meine Haltung nicht nachvollziehen, nimmt jedoch meine Vorlieben herablassend zur Kenntnis.
„Wieviel also?“
Ich nenne eine bescheidene Summe.
Der Dunkle Lord schnippt mit den Fingern, und sofort kommt eine Hauselfe angerannt.
„Bring einen Beutel mit Gold in Severus Zimmer!“
Ich verneige mich tief und dankbar vor meinem Herrn, denn er kann überaus großzügig sein – sofern er in der Stimmung dazu ist. Darum mache ich mir keine Sorgen: Die Kobolde kriegen ihr Geld, und ein paar neue Umhänge werden sicher auch noch drin sein. Ich habe den leisen Verdacht, dass die Lektionen, die mein Meister mir zu erteilen wünscht, die Kleidung ein wenig strapazieren werden.
Der Kerker, in den er mich führt, hat dicke Wände, die jeden Schrei schlucken. Als sich die Tür hinter mir schließt, wird mir bewusst, dass ich jetzt allein bin mit dem größten Magier, den die Welt je hervorgebracht hat. Mir ist kalt.
Mein Herr dreht sich um, und seine roten Augen glimmen. Er deutet vor sich auf den Boden.
Ich falle gehorsam vor ihm auf die Knie.
Mein Herr holt unvermittelt aus und schlägt mich auf die linke Wange. Nicht allzu hart, nur eben so, dass es schmerzt.
„Bedenke, dass ich der Meister bin!“
Ich beuge mein Haupt. „Ja, Meister!“
Ein zweiter Schlag, noch etwas fester, auf die rechte Wange:
„Bedenke, dass du der Schüler bist!“
Ich verneige mich ein weiteres Mal, noch etwas tiefer. „Ja, Meister!“
„Steh auf!“
Als ich hochkomme, hat der Dunkle Lord bereits seinen Zauberstab auf mich gerichtet.
„Wie steht es mit unserem Verwandlungsproblem, Severus? Ich möchte mich sobald wie möglich für den Posten des Lehrers in Verteidigung gegen die dunklen Künste bewerben!“
„Das sollte Euch keine Sorge bereiten.“ antworte ich.
Er zieht die Brauen hoch. „Schon fertig?“
„Nein.“
„Du meinst also, ich soll mich auf dein Wort verlassen, dass du es rechtzeitig schaffen wirst?“
„Ja.“ Ich sehe keinen Grund, den Blick abzuwenden. Ich weiß, was ich kann und was nicht.
Er lacht, und die Anspannung in meinen Schultern lässt ein wenig nach. Trotzdem halte ich meinen Zauberstab fest umklammert.
Mein Herr wirft mit großer Geste den grünsilbernen Umhang zurück und zieht den Zauberstab hervor.
„Ich habe dir versprochen, dich in den Dunklen Künsten zu unterweisen. Nun denn, Severus, pass gut auf!“
Aus der Spitze seines Zauberstabes gleitet eine grauenvolle Kreatur, gleich einer riesigen Schlange. Sie scheint wie aus dichtem Rauch gemacht, der sich kringelt und faltet und dabei seltsam stählern schimmert.
Die Schlange kriecht auf mich zu, und ich weiche hastig zurück, bis mein Rücken an die Mauern des Kerkers stößt. Mein Herz und mein Verstand arbeiteten fieberhaft. Ich reiße den Zauberstab nach oben und rufe: „Expecto Patronum!“
Aus dem Zauberstab schießt mein Patronus heraus – nein! Nein, das ist nicht mein Patronus! Er ist viel kleiner als sonst, und die Schlange fegt ihn mit einem einzigen Hieb des Schwanzes hinweg, um sich auf mich zu stürzen. Sie schlägt ihre schrecklichen Fänge in meinen Leib und hält mich gepackt wie in einer Zwinge, und ich schlage in wilder Panik auf sie ein, als sie mich auch schon mit ihrem Körper ganz und gar umschlungen und zu Boden gepresst hat.
Keine Luft, ich kriege keine Luft mehr, und irgend etwas beginnt an mir zu saugen und zu zerren, und mein Herz rast so schnell, dass mir die Ohren rauschen, und vor meinen Augen sind Nebel aufgezogen. Und das Saugen wird immer unerträglicher, ich fühle, wie etwas unstillbar aus mir herausrinnt, etwas Wichtiges, ohne dass ich nicht, nein, bitte nicht mehr, ihr bringt mich um, nicht, oh Herr, nein, …
Ich wache auf, und der fahrende Ritter hat mich überrollt. Ist einfach über mich hinweggebraust, aber ich weiß nicht, wie das passiert sein kann. Stöhnend wälze ich mich auf die Seite und bin mir sicher, alle Rippen gebrochen zu haben. Die Rippen? Nein, jeden einzelnen Knochen im Leibe, und einige noch dazu, von denen ich bisher nicht wusste, dass es sie gibt.
Jemand tippt mit der Fußspitze an meinen Ellbogen, und ich zucke zusammen.
Mein Gebieter steht über mir, und sein Schlangengesicht leuchtet vor Genugtuung.
„Schon am Boden, Severus?“
Ich versuche eine Antwort, kann aber nur krächzen. Was, zur Hölle, war das?
Mein Herr wartet geduldig, bis ich es wenigstens auf die Knie geschafft habe, bis er bemerkt: „Ein Patronus? Gute Idee, eigentlich …“
Ich schüttle den Kopf und huste und spucke Blut auf den Kerkerboden und fühle mich dabei wie eine ausgelutschte Zitrone.
„Er hat sich verändert, meine ich … Hatte dein Patronus nicht früher die Gestalt eines Fuchses?“
Ja, hatte er. Ich schweige unglücklich.
Mein Herr hingegen scheint unerwartet erfreut. „Was war das für ein Tier? Ein Marder? Ein Frettchen?“
Ich ziehe mich langsam an der Wand hinauf auf die Füße. Mich interessiert im Moment mehr, was mich da eben angefallen hat.
Mein Herr erfreut sich noch einen Moment an meinem bebenden Anblick, bis er mich aufklärt.
„Was du eben gesehen hast, ist tatsächlich das dunkle Gegenstück zum Patronus …“ lässig schwenkt er den Zauberstab und heilt die tiefen Bissmale in meinem Körper, aus denen das Blut wie Wasser strömt „ … und man nennt ihn den Nachtmahr. In manchen Ländern ist er auch als Alb bekannt.“
Ein Nachtmahr also. Ich fröstle und ziehe den Umhang fester um mich herum.
„Der Nachtmahr saugt seinen Opfern die Lebensenergie aus, bevorzugt, wenn sie schlafen. Ich hingegen habe den dunklen Zauber so weit verbessert, dass der Nachtmahr auch Beute im Wachzustand schlagen kann.“
Ich wünsche mir sehnlich keinen weiteren Anschauungsunterricht in Sachen Nachtgeschöpfe, doch mein Herr ist unerbittlich. Noch zweimal hetzt er den Mahr auf mich, und zweimal finde ich mich wimmernd zu einem hilflosen Bündel auf dem Boden eingerollt wieder. Es macht mir nichts aus, dass der, den ich schon immer und über alle Maßen fürchte, mir meine Grenzen aufzeigt. Ich bin ihm allerdings sehr dankbar, dass er kein Publikum dazu eingeladen hat.
Als ich endlich selbst versuchen kann, einen Nachtmahr zu beschwören, bin ich so wacklig auf den Beinen wie ein Kleinkind nach Fieber, und aus meinem Zauberstab kriecht eine mickrige schwarze Wolke.
Mein Herr lacht mich aus und droht, ein weiteres Mal den Mahr auf mich loszulassen, falls mir kein besserer Zauber gelingt.
Ich lehne mich für einen Moment an die Kerkermauern, die wunderbar kühl sind und mein schwer gekränkt Gebein aufrecht halten. Lerne, Severus, und lerne besser schnell.
Ich konzentriere mich mit aller Kraft, und aus dem Zauberstab bricht endlich eine graue Rauchwolke, die sich schnell zu verdrehen und verwinden beginnt und schließlich Gestalt annimmt: Eine Fledermaus. Sie fliegt eine Runde kreischend durch den Kerker, bevor der Zauber langsam erstirbt.
Erleichtert lasse ich mich die Mauer hinunterrutschen. Kein Heldenstück, aber ausbaufähig.
Mein Herr entlässt mich in bester Stimmung, und ich krieche zu meinem Turm in der Absicht, ins Bett zu fallen wie ein Stein.
Auf dem Weg hinauf treffe ich auf den, der den anderen Teil unseres Todesser-Komikerduos Dick und Doof bildet: Goyle. Er versucht, die Scherben eines Spiegels mit den Händen aufzulesen. Ich nehme diesen ungewöhnlichen Anblick zum Anlass, ein wenig zu verschnaufen und mir die stechenden Seiten zu halten.
Als sich mein Atem beruhigt hat, frage ich: „Goyle, was zum Kuckuck treibst du da eigentlich?“
Sein einfältiges Gesicht starrt mich an: „Ich sammle die Scherben des Spiegels auf!“
Eine beinahe so intelligente Antwort wie „Ich habe die Melone getragen.“
„Das sehe ich selbst. Warum nimmst du nicht einfach einen Zauberstab?“
Er glotzt zu mir hoch wie ein Silvesterkarpfen aus der Wanne.
„Kann man das denn?“
Gegen seinen Vater ist der Sohn Goyle jedenfalls ein Geistesgigant, auch wenn er nur einen ZAG geschafft hat. In Wahrsagen.
Ich ziehe den Zauberstab aus der Tasche und will ihn schwenken, als ich die Stimme des Dunklen Lords hinter mir höre: „Lass ihn das selber machen!“
Da haben wir den Salat.
Gehorsam verstaue ich den Zauberstab und nicke Goyle aufmunternd zu. „Du hast gehört, was der Meister befohlen hat.“ Reparierzauber ist Stoff der ersten Klasse und Goyle kein Squib. Sagt er jedenfalls.
Goyle steht auf, zieht den Zauberstab und schwenkt ihn hoffnungsvoll.
Rein gar nichts geschieht, nicht einmal Seifenblasen.
„Reparo!“ zische ich ihm beinahe unhörbar zwischen den Zähnen zu. „Los, versuch`s!“
Goyle nimmt tapfer einen weiteren Anlauf, fuchtelt wild und linkisch mit dem Stab in der Luft herum und stößt ein verzweifeltes und ohrenbetäubendes „Repello!“ aus.
Eine Spiegelscherbe wird getroffen. Sie bläht sich auf, bis sie die Größe meines Kopfes erreicht hat, dann platzt sie auf und saust wie ein Luftballon mit obszön pupsendem Geräusch dicht am Kopf unseres Herrn und Gebieters vorbei. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, lässt sich die schlappe Hülle zitternd wie in Zeitlupe auf den Haupte dessen, den wir alle über die Maßen fürchten, nieder, und gibt ihm das Aussehen eines von einem Pfannkuchen gekrönten Narrenkönigs.
Ich beiße mir fast die Zunge durch, um nicht herauszuplatzen, und hoffe inständig, dass Goyle dasselbe tut.
Goyle windet sich vor Scham und hat zu seinem riesengroßen Glück gar nichts verstanden. „Ach, herrje! Jetzt isses kaputt!“ Sein Gesicht leuchtet so rot wie der Sonnenuntergang im Winter.
Unser Gebieter wirft mir einen schnellen Blick zu, und flugs erinnere ich mich an das graue, kühle Meer, das heute morgen unter meinem Fenster wogte. Falls der Herr vor hat, kurz in meinem Kopf spazieren zu gehen und den Verdacht bestätigt sähe, die soeben bezeugte Szene sei komisch, muss ich mir um die Zukunft keine Sorgen mehr machen. Nie mehr.
Der Dunkle Lord hebt die Hand. Ich erstarre zu Eis.
„Ich mochte diesen Spiegel. Er war äußerst wertvoll!“
„Ich kaufe euch einen neuen, Herr!“ Erleichtert von dieser absolut genialen Lösung strahlt ihn Goyle, der Simpel, über alle Backen hinweg treuherzig an.
Mein Lord kocht.
Ich tue so, als sei ich unsichtbar und taubblind.
„Du reparierst diesen Spiegel, und zwar bis morgen früh! Wehe dir, deiner Familie und ganzen Sippe bis ins siebte verfluchte Glied, wenn auch nur ein Splitter fehlt! Und wehe dem …“ er senkt die Stimme, beugt sich zu mir herunter und durchbohrt mich mit einem Blick wie Höllenfeuer, „…der sich berufen fühlt, dir dabei zu helfen!“, donnert der Dunkle Lord, macht auf der Stelle kehrt und rauscht mit wehendem Umhang davon.
Ich stehe kurz vorm Ersticken und wage endlich zu atmen.
„Oh!“ Goyle steht da und lässt die Arme baumeln.
Ich setze mich erst einmal auf die kühlen Steine. Meine Beine zittern zu sehr.
Goyle setzt sich neben mich. „Der war aber wütend.“, meint er erstaunt.
Mitleidig blicke ich ihn an. Seine Familie, all seine Lieben, sind so gut wie tot. Er weiß es nur noch nicht.
Goyle macht sich daran, die Scherben wieder mit den Händen aufzusammeln, und pfeift dabei leise und gänzlich neben dem Ton vor sich hin. Ich packe seinen Arm.
„Warum musstest du das blöde Ding auch fallen lassen, Tölpel!“ fauche ich ihn an.
Er verzieht das Gesicht, und ich fürchte, er bricht gleich in Tränen aus. Memmen, wohin man auch blickt.
„Wurmschwanz hat mich einfach so umgerannt, mit Absicht. Und helfen wollte er mir dann auch nicht! Der hatte so eine Stinklaune …“, meint er traurig.
Goyle ist noch nicht mal wütend auf die Ratte; ihm geht einfach nicht auf, wie tief er jetzt dank Pettigrew im Schlamassel steckt. An dem ich im Übrigen auch nicht völlig unschuldig bin, wenn man es genau nimmt.
Ich seufze tief und müde und blicke mich gewissenhaft um, bevor ich den Zauberstab ziehe und „Muffliato“ sowie „Videonemo“ denke.
„Du musst den Zauberstab so schwenken …“ ich zeige es ihm und korrigiere seine Bewegungen, bis er es endlich einigermaßen selber schafft. Dann bringe ich ihm noch bei, nicht zu nuscheln. Nach endlosen Minuten bin ich mir sicher, dass er wenigstens keinen weiteren Schaden anrichten wird.
„Du musst dir den Spiegel heil und in einem Stück vorstellen, wie ein zusammengesetztes Puzzle.“, erkläre ich noch, aber das ist schon zu hoch für ihn, wie ich an seinem verständnislosen Blick ablese. Mancher lernt es eben nie.
Trotzdem, wir haben keine Zeit mehr, früher oder später wird jemand kommen, und dann …
„Also los, versuche es noch einmal!“ befehle ich und stelle mich hinter ihn, als er „Reh-pa-ha-haro!“ stottert. Die simultane Zauberstabbewegung hinter seinem Rücken hat er natürlich nicht gesehen.
Wie durch ein Wunder segeln die Splitter durch die Luft und setzen sich – nach kurzem Zögern – zu einer tadellosen Spiegelfläche zusammen. Sogar der Rahmen hat nicht einen einzigen Kratzer.
Mit offenem Mund bestaunt er sein Werk. „Oh, toll! Das ist ja klasse!“
Strahlend dreht er sich zu mir um. „Ich wusste gar nicht, das ich so was kann!“ Er ist so niedlich stolz, dass sich mir die Innereien winden.
Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schultern. „Bring das elende Ding dahin, wo du es ursprünglich hintragen solltest!“ Als hätten wir hier nicht schon genug verzauberten Nippes herumstehen, -liegen oder –hängen.
Goyle wuchtet den Zauberspiegel auf seine Schulter und eilt sorglos pfeifend durch die große Halle, ohne sich noch mal umzudrehen oder sich zu bedanken.
Ich raffe mich auf und schleiche die Treppe zum Turmzimmer hoch. Der Spiegel jedoch verfolgt mich und geistert in meinem Hinterkopf herum. Er will mir irgendwas zuflüstern, aber ich bin viel zu geschafft, um noch klar denken zu können.
Auf dem Tisch in meiner Kammer liegt ein Beutel voller Goldstücke.
Perfer et obdura.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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und ich dachte immer Crabbe und Goyle jun sind nur deshalb so blöd, weil in ihrer Familie ständig Inzucht betrieben wurde - aber das scheint hier ja bereits eine Generation zuvor ihre Auswirkungnen gehabt zu haben

wenn ich auch befürchte, dass du etwas übertreibst

der dunkle Lord würde doch eher keine richtigen Tölpel in seinen Reihen sehen wollen
du zeichnest sie mir ein wenig zu unfähig

Der Unterricht den Severus bekommt scheint ja kein Honiglecken zu sein - da möcht ich wahrlich nicht mit ihm tauschen

höchstens so ein klitzekleines Mäuschen werden um in seiner Nähe zu sein :rot: ;)


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Ungelesener BeitragVerfasst: 1. Januar 1970 01:00 
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Zitat:
der dunkle Lord würde doch eher keine richtigen Tölpel in seinen Reihen sehen wollen
du zeichnest sie mir ein wenig zu unfähig ;)



Ist Hirn nicht eher hinderlich, wenn man sich zwischen den Dunklen Lord und einen "Aveda Kedavra" werfen soll?

Zitat:
Der Unterricht den Severus bekommt scheint ja kein Honiglecken zu sein - da möcht ich wahrlich nicht mit ihm tauschen

höchstens so ein klitzekleines Mäuschen werden um in seiner Nähe zu sein :rot: ;)



Ich stelle mir vor, dass die Dunklen Künste auch den "beschädigen" würden, der sie zu erlernen versucht - sonst könnte es ja jeder Trottel damit probieren. Aber keine Bange: Severus ist ja auch kein Warmduscher, der packt das schon!

Jetzt zum neuen Kapitel:

Kapitel 5. Im fahlen Mondlicht

Ich schlafe viel zu kurz und bin schon am frühen Morgen auf den Beinen, um Crabbe das benötigte Geld in die Hand zu drücken und mir selbst neue Kleidung bei Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten zu bestellen, obwohl auch an diesem Morgen ein neuer Umhang und ein blütensauberes Hemd bereit lagen.
Draco lässt seinen Frühstückstoast stehen, als er mich sieht, und eilt mir entgegen: „Wann werden Sie mich heute unterrichten, Sir?“
Ich bestelle ihn für den frühen Nachmittag und lasse mir von einer Hauselfe eine Schüssel Porridge und heißen ungesüßten Tee bringen, die ich mit hinauf in meinen Turm nehme. Das Verwandlungsproblem darf nicht auf die lange Bank geschoben werden.
Den ganzen Morgen arbeite ich mich durch die Bibliothek und bin froh, mich zur Abwechslung ein wenig ausruhen zu können. Der Unterricht meines Meisters erweist sich im Rückblick nicht nur als intellektuelle Herausforderung.
Als eine Posteule ein Paket bei mir abliefert, bin ich zuerst überrascht, erinnere mich dann jedoch an meine Bestellung bei „Weasleys Zauberhafte Zauberscherze“.
Ich bin tatsächlich ein wenig gespannt. Fred und George waren unzweifelhaft begabte Schüler, die es jedoch vorzogen, sich auf ihrem Talent auszuruhen und nicht einen Handschlag mehr zu arbeiteten als nötig. Ich habe immer versucht, sie durch ein „Mies“ oder gar „Schrecklich“ aus der Reserve zu locken und zu größerem Ehrgeiz anzuspornen – vergebliche Liebesmüh. Nun, lasst Witz statt Worten sprechen!
Das Nasblut-Nugat schmeckt nicht nur lecker, es verursacht auch beinahe augenblicklich heftiges Nasenbluten. Das Gegenmittel wirkt noch schneller, ist ebenso schmackhaft und hinterlässt keinerlei Nebenwirkungen außer einer großen Blutpfütze auf dem Boden. Ein hervorragendes Produkt! Ich gestehe, ich bin beeindruckt.
Noch mehr begeistert mich allerdings die „Anti-Prellungs-Paste“. Ich trage sie wie im Beipackzettel angegeben dünn auf all die Striemen und blauen Flecke auf, die der Nachtmahr hinterlassen hat und die zu beseitigen mein Herr und Meister nicht für wert befand, und sofort geht es mir besser: Nach einer Viertelstunde fühle ich mich nicht mehr wie ein Tafeltuch, das eine Hauselfe am Waschtag durch den Wringapparat gezwungen hat, und nach einer Stunde sind auch die schlimmsten Prellungen zu einem bleichen Gelb verblasst. Ich frage mich, ob ich in Sachen Weasley-Zwillinge vielleicht einem grundlegenden Irrtum aufgesessen bin …
Interessiert studiere ich die dem Paket beigefügte Werbebroschüre, deren Angebot durchaus fortgeschrittene Zauberkunststücke beinhaltet. Das magische Feuerwerk und die Sumpflandschaft, mit dem sich Fred und George von Dolores Umbridge und der Schule im vorletzten Jahr verabschiedet haben, waren ja nicht nur unterhaltsam, sondern auch arbeitsintensiv in der Herstellung und dabei ausgesprochen kniffelige Zauberei auf UTZ-Niveau. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass irgendein Kollege, McGonagall oder Flittwick vielleicht, ihnen geholfen hat … Was mich zurück zu meinen gegenwärtigen Sorgen und dem Wunsch des Dunklen Lords nach der Lehrerstelle für Verteidigung gegen die Dunklen Künste führt.
Die dauerhafte Verkörperung einer fremden Person ist ein kompliziertes magisches Problem, wie ich bereits andeutete. Dazu werden verschiedenste Salben, Tränke und Tinkturen in der Literatur empfohlen, die jedoch allesamt regelmäßig gebraut und angewandt werden müssen. Mein Herr liebt diese Abhängigkeit nicht, er fordert nachhaltige, praktische Lösungen.
Gegen Mittag werde ich fündig, allerdings gefällt mir die Lösung des Problems nicht besonders. Insbesondere der hauptsächlich erforderliche Rohstoff bereitet beim ersten Überfliegen Kopfzerbrechen, als eine Hauselfe anklopft und mir mitteilt, dass der Dunkle Lord die Todesser in der großen Halle versammelt zu sehen wünscht.
Ich klemme mir das Werk „Okkulte Hausmittel“ unter den Arm und begebe mich unverzüglich hinab in die Halle, in der Absicht, die Wartezeit zu nutzen, um möglicherweise eine Idee für einen modifizierenden Ansatz zu entdecken.
Rodolphus Lestrage sitzt alleine am Tisch und starrt in den leeren Krug vor sich. Seine Haut ist fahl gelblich, darunter schimmern dürre Adern wie Besenreiser in Rot und Violett. Die einstmals edel geschwungene Nase glänzt aufgedunsen und rot. Mir scheint, er ist noch dünner und ausgemergelter als sonst, nur Rodolphus Bauch scheint dem allgemeinen Verfall zu widerstehen und wird eher runder als weniger.
Seit Askaban –wahrscheinlich auch schon vorher - trinkt Bellatrix Ehemann exzessiv. Wahrscheinlich ist er zu dieser Tageszeit bereits vom Butterbier auf Feuerwhisky umgestiegen, ich frage mich, wie lange er noch durchhält, ohne einen gravierenden Fehler zu machen und sich den Zorn des Dunklen Lords zuzuziehen.
Greyback und das Werwolfspack sitzen am zweiten Tisch und lassen sich irgendetwas Rohes, Blutiges schmatzend schmecken, dazu schütten sie teuren Rotwein wie Wasser durch die Kehlen. Fenrir Greyback aber übertrifft sie alle. Vor ihm liegen nur die besten Fleischstücke, die er sich beinahe ohne zu kauen hineinschlingt. Neben seiner unappetitlichen Schlachtplatte stehen drei leere und zwei volle Flaschen Pommerol 1976 Chateau de Rothschild, die er genau wie seine verlotterten Kumpel unmäßig hinunterstürzt, offensichtlich ohne von Geschmack oder Wirkung beeindruckt zu sein.
Ich trinke zwar keinen Muggelwein, aber ich weiß, wann Perlen vor den Säuen landen.
Der Anführer der Werwölfe beachtet mich nicht, und ich ignoriere ihn gleichfalls. Wir … sind nicht unbedingt enge Freunde.
Ich verzichte dann doch spontan aufs Mittagessen und schlage das Buch an der Stelle auf, an der detailliert die Vorbereitungen zur Verwandlung dargestellt sind, und bin ganz in den Bericht vertieft, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre.
„Auf ein Wort, Snape – heute schon was Anständiges gegessen?“
Ich mustere angeekelt die gelben Fingernägel mit den schmutzigen Halbmonden darunter, bis er seine Hand zurückzieht.
„Heute schon Zähne geputzt?“ schlage ich vor und wende mich demonstrativ wieder meinem Verwandlungszauber zu, doch der Werwolf lässt sich auf die Bank neben mir plumpsen und hält mir ein Fleischstück unter die Nase, dessen ursprünglicher Besitzer bestimmt schon seit längerem von uns gegangen ist.
„Komm, Severus! Ich lade dich ein!“ Er grinst anzüglich, als ich angewidert von ihm abrücke und vorgebe zu lesen. Im Nachhinein erscheint es mir unverständlich, warum ich Professor Sprout so häufig beim Essen mit ihrem Faible für frisches Gemüse aufgezogen habe.
Fenrir rückt mir noch näher auf die Pelle, um mir erst das Aas unter die Nase zu halten und es dann mit dem Ausdruck höchsten Behagens vor meinen Augen geräuschvoll zwischen den mächtigen Kiefern zu zermalmen. Speichel trieft ihm in feinen Fäden die Mundwinkel hinab.
Ich atme tief durch und schiebe das Buch weg.
„Kind oder Rind?“ frage ich.
Er bleckt die mächtigen gelben Fangzähne, zwischen denen etliche Speisereste stecken, und lacht keuchend.
„Du bist ein richtiger Witzbold, Snape! Der Dunkle Lord lässt sich nicht lumpen, du weißt schon, nicht wahr?“ Er beobachtet lauernd, ob mich diese Nachricht ausreichend geschockt hat.
Witzbold? Tatsächlich, diese Bezeichnung ist mir neu. Doch leider weiß ich gar nichts, aber Greyback brennt anscheinend darauf, mir die Neuigkeit brühwarm unter die Nase zu reiben.
„Kinder! Süßes, zartes, rosiges Fleisch … Muggel oder Zauberer, mir ist es ganz gleich! Ich muss unbedingt ein paar von deinen ehemaligen Schülern kosten – wen würdest du mir empfehlen? Die kleine Rothaarige, die so tapfer mit dem Phönixorden gekämpft hat? Oder lieber der Tapsige namens Neville …“
Es gibt Grenzen, und die wurden soeben erreicht.
„Du stinkst, Fenrir!“ zische ich so leise, dass es niemand außer ihm hört. „Zieh Leine! Sofort!“
Greyback tut leider nichts dergleichen, sondern beugt sich hinab zu mir, um mir seinen verfaulten Odem ins Gesicht zu blasen. „Da wir gerade beim Geruch sind, Severus …“, er packt meinen Arm, um mich am Aufspringen zu hindern, „… da ist mir etwas überaus Merkwürdiges aufgefallen da oben auf dem Turm in Hogwarts! Der alte Dumbledore, der roch nämlich überhaupt nicht wie jemand, der sich fürchtet, obwohl er wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand stand! Aber du, Severus, du hingegen hast förmlich vor Angst gestunken – da macht man sich so seine Gedanken! Könnte sein, dass sich der Dunkle Lord dafür interessiert, dass sein Musterschüler doch nicht so tapfer ist, wie er immer glaubt …“
Ich blinzle. Fenrir Greyback ist nicht nur ein Ärgernis - er wächst sich zum Problem aus.
„Nimm deine Hand weg, Fenrir, oder du frisst sie!“, verspreche ich eisig, und er zuckt zurück wie vor einer Silberkugel.
„Severus! Wer wird denn gleich so unhöflich zu einem alten Kampfgefährten sein!“, ertönt unmittelbar hinter meinem Rücken die Stimme dessen, den wir über alle Maßen und mehr als alles andere fürchten, und die Haare in meinem Nacken stehen stramm. Ich habe ihn nicht kommen hören.
Ich springe auf und verneige mich eilig.
„Entschuldigt, Herr, ich habe Euer Kommen nicht bemerkt!“
Er winkt ungeduldig ab, und sein Blick fällt über meine Schulter hinweg auf das noch immer aufgeschlagene Buch „Okkulte Hausmittel“ und den Abschnitt über die Verwandlung in eine andere Gestalt.
„Ich sehe, Severus, du hast unser Problem bereits gelöst!“ meint er anerkennend. „Ein Gürtel aus Menschenhaut, unter der Kleidung zu tragen… Sehr praktisch, und ich behalte stets die volle Kontrolle. Eine hervorragende Lösung, Erster, wenn auch nicht so phantasievoll wie sonst!“
Ich winde mich unbehaglich. „Nicht ganz, mein Lord, es gibt da noch ein Problem … Ich kann fünf Ellen und drei Spann frisch abgezogene Menschenhaut schlecht im Katalog bestellen…“
Er lächelt. „Nein, nicht so einfach wie bei Blutsverrätern Blutstill-Leckereien und Anti-Prellungs-Paste zu bekommen!“
Ich ignoriere die Anschuldigung und hebe im Gegenzug die Augenbrauen. „Beides hilft aber.“
Mein Herr ist bester Stimmung und geruht, diesen Punkt gnädig an mich gehen zu lassen. Darüber hinaus ist meine Vermutung jetzt gesichert, dass die Eulenpost überwacht wird.
Der Dunkle Lord packt Fenrir Greyback und mich und zwingt uns, einander in die Augen zu sehen: „Ihr müsst besser zusammenarbeiten, Todesser!“
Ich würde mir lieber die Zauberstabhand abhacken lassen als Greyback zu helfen, und dieser sieht das ähnlich. Der Werwolf knurrt wütend, und ich zucke nicht mit der Wimper, als der Dunkle Lord uns noch näher zusammenrückt.
„Fenrir wird dir heute Nacht helfen, Severus. Er wird dir für meinen Verwandlungsgürtel ein großes Stück Haut von seiner Belohnung für seinen Einsatz in Hogwarts abgeben, nicht wahr?“
Jemand muss mir einen Becher mit Eiswasser in den Nacken geschüttet haben. Tatsächlich, heute ist Vollmond. Aber wer ist das Ziel?
Greyback bleckt die Zähne. „Es wird mir ein großes Vergnügen sein, oh Herr! Wie viel Menschenhaut, benötigt, äh, … der da … für den Zauber?
„Fünf Ellen und drei Spann. Nicht angekaut, wohlgemerkt.“ wiederhole ich sehr kühl.
Greyback grinst. „Kein Problem - kann man auch anstückeln? Die süßen Würmer sind vielleicht noch zu klein, um soviel Material in einem Stück abzuziehen…“
„Von wem genau sprechen wir hier eigentlich?“ Forschend ziehe ich die Augenbrauen hoch und blicke abwechselnd den Werwolfführer und den Dunklen Lord an.
Mein Herr klärt mich auf: „Hannah Abott, Gwendolyn und Elisabeth Podmore, Karen Shacklebold und ihre Cousine Louise Kipling. Alles Kinder von Leuten, die sich mir zu widersetzen wagten, oder von Mitgliedern des Phönixordens. Ein Sommerlager für Mädchen.“
Ich lache ungläubig.
„Ein Sommerlager für Kinder? Ich glaube nicht, dass Fenrir in der Lage ist, einen Schutzbannfluch zu brechen.“ versetze ich höhnisch und füge an Greyback gewandt hinzu: „Und dass dich die Betreuer höflich hereinbitten, ist ebenfalls unwahrscheinlich, bei deinem umwerfend gepflegten Anblick!
Fenrir knurrt zur Antwort bedrohlich, und ich schenke ihm mein frostigstes Lächeln.
„Ja, das habe ich auch schon bedacht und einen Freiwilligen gefunden, der Fenrir helfen wird!“, gibt der Dunkle Lord zurück und blickt sich suchend um.
Ich folge seinem Blick. Keiner der Idioten hier ist in der Lage, einen Bannfluch solcher Stärke zu brechen, wie sie um Veranstaltungsorte wie Ferienlager für Kinder beziehungsweise öffentliche Gebäude wie zum Beispiel St. Mungos oder das Zaubereiministerium errichtet wurden. Man wird hereingebeten – oder scheitert. Minder starke Banne können von einem besonders fähigen Fluchbrecher gebrochen werden – aber Fenrir schafft das nicht.
Die Tür zur großen Halle öffnet sich, und Draco steckt mit fragendem Gesicht den Kopf herein. Stimmt, wir wollten gleich mit dem Unterricht beginnen.
Ich schüttle heftig den Kopf, aber der Dunkle Lord hat Draco schon erspäht und winkt ihn heran.
„Draco wird den Werwölfen heute Nacht den Weg ins Ferienlager ebnen!“
„Draco wird nichts dergleichen tun!“, fauche ich beinahe und viel heftiger als beabsichtigt. Als es ganz weit hinten in den Augen des Dunklen Lords zu glühen beginnt, erkenne ich meinen Fehler und füge unverzüglich und viel milder hinzu: „Draco hat nicht einmal die Schule abgeschlossen! Wie soll er einen Bann dieser Stärke brechen können?“
„Das muss er auch nicht!“
Ich kann es mir schon denken, frage aber trotzdem „Worauf wollt ihr hinaus, Herr?“
„Draco hier …“ er packt Draco an der Schulter und dreht ihn zu mir wie einen Präsentkorb „…wird sich kurz vor Mondaufgang mit Hilfe jenes Portschlüssels …“, er weist auf einen unappetitlich abgenagten Knochen zweifelhaften Ursprungs, den eine der Ritterrüstungen anstatt eines Schwertes in den ehernen Handschuhen hält „… zusammen mit Greyback und seinen Leuten zum Lager der Kinder begeben. Dort wird Malfoy dann ein großes Geschrei anfangen, und man wird herbeieilen und nachschauen, ob er verletzt ist, den Jungen ins Lager herein tragen …“
„… und sobald Draco sich im Bannkreis befindet, wird er die Werwölfe hereinbitten, aufspringen, aus dem Fluchkreis herauslaufen und disapparieren, worauf das Gemetzel seinen Lauf nehmen kann …“, vervollständige ich nachdenklich. „Hervorragend, Meister!“
Der Dunkle Lord ist durchaus anfällig für Schmeicheleien, die seine ungewöhnlichen Fähigkeiten preisen, und nickt mir zu. Er schätzt mich, weil ich seine Genialität auch zu würdigen weiß.
„Draco kann nicht besonders gut apparieren – er war noch zu jung, die Prüfung abzulegen, und der Portschlüssel muss für die Rückkehr der Werwölfe dort bleiben. Darum werde ich an Dracos Stelle...“, gebe ich zu bedenken und werfe meinem Schüler einen beschwörenden Blick zu, doch der hat schon den Kopf geschüttelt und ist mir ins Wort gefallen.
„Ich kann apparieren – ich habe es ganz alleine von den Grenzen Hogwarts hierhin geschafft!“
Ach, Junge.
„Trotzdem, Draco ist zu jung. Ich werde …“
Doch der, dem niemand zu widersprechen wagt, hat schon entschieden.
„Draco wird es tun. Heute Nacht kann er beweisen, ob er wirklich bereit war, Dumbledore zu töten, oder …“
Das letzte Wort hängt über uns wie ein Schwert.
Ich packe Draco recht grob am Kragen und stoße ihn zur Tür. „Wir beide werden den Nachmittag für Zaubertrankunterricht nutzen, wenn ihr erlaubt, Herr?“
Der Dunkle Lord entlässt uns gnädig.
Draco trottet hinter mir her, als ich mit ihm im Schlepptau die Stufen zum Turmzimmer hinaufsteige. Oben angekommen lässt er sich auf den Stuhl fallen, den ihm anweise, und beobachtet mit hängendem Kopf seine Füße, während ich eilig Zaubertrankutensilien heraussuche. Die Zeit drängt.
Draco räuspert sich. „Ich … Ich meine, ich habe mich nicht wirklich freiwillig …“ Er bricht ab.
Ich wende mich zu ihm um. Er ist blass wie der Tod und nahe den Tränen.
Ich betrachte ihn lange und seufze, bevor ich mich wieder den Zutaten zuwende.
„Du musst mir nichts erzählen, was niemand hören darf.“
Draco schluckt die Tränen, die ihm in den Augen brennen, tapfer herunter. Ich gebe vor, sie nicht gesehen zu haben und drücke ihm eine Schachtel für Posteulen in die Hand.
„Stell dass drüben auf den Tisch in meine Kammer. Ich kann das jetzt hier nicht brauchen.“
„Was ist das denn?“, fragt er, schon neugierig und abgelenkt in die Schachtel spähend.
„Neuntöter. Ein Vogel, der im Ruf steht, seine Insektenopfer noch lebend auf Dornen aufzuspießen, damit sie länger haltbar bleiben.“, erläutere ich nebenhin und entzünde schnell das Feuer unter dem Kessel, damit der Trank heute noch fertig wird.
„Und das Ei?“
„Kuckuck. Ich muss diese Zutaten bei der Apotheke reklamieren.“
Er stellt die Schachtel auf mein Bett, und ich lege ihm ein handgeschriebenes Zaubertrankrezept hin: „Deine Aufgabe, Draco! Ich hoffe, du kannst meine Handschrift lesen?“
Seine Stirn kräuselt sich beim Entziffern meiner kleinen Buchstaben, aber er nickt.
„Das liest sich ja beinahe wie Vielsafttrank. Den haben wir schon bei Professor Slughorn durchgenommen! Warum soll ich das wiederholen?“
Ich deute auf die Baumschlangenhaut, die in meinem modifizierten Rezept frei nach „Höchst Potente Zaubertränke“ durch ein Stück ganz anderer Schlangenhaut ersetzt wird.
„Du bist auf der richtigen Spur, Draco: Die Menschenhaut allein wird den Dunklen Lord nicht eine andere Gestalt schenken können – wir werden den Gürtel vorher mit einer Paste bestreichen, die über Nacht eindicken muss.“
Er ist erstaunt und erfreut zugleich: „Und die darf ich herstellen?“
Ich nicke. „Also gib dir Mühe und blamier mich nicht! Du weißt, der Dunkle Lord mag keine Fehler.“
„Ich werde Sie nicht enttäuschen!“
Eifrig sucht er die Zutaten aus den Regalen.
„Ich kann das nicht entziffern, Sir! Was ersetzt die Baumschlangenhaut?“
„Nenne mir Golpalotts zweites Gesetz, Draco.“, fordere ich ihn auf.
„Die Summe der Einzelwirkungen der Bestandteile eines Trankes … äh, .. wird von der Gesamtwirkung übertroffen …“
„… oder es ergibt sich sogar eine …“ Ich nicke aufmunternd.
„… eine völlig überraschende Wirkung!“
„Was bedeutet …?“
Zwischen Dracos Augen erscheint eine steile Falte des angestrengten Nachdenkens.
„… was bedeutet, dass wir die Baumschlangenhaut durch etwas anderes, ähnliches ersetzten können, um die Wirkungsweise anzupassen!“
„Tadellos, Draco!“
Er strahlt mich an.
„Ich habe bei Naginis letzter Häutung ein Stück aufbewahrt.“, erkläre ich. Eine ungewöhnliche Zutat mit hinterhältigem Beigeschmack, aber ich habe meine Gründe.
„Warum sind gegenüber dem Vielsafttrank die Blutegel gegen Himbeersaft ausgetauscht?“
Aus mancherlei Gründen, und einen davon nenne ich ihm: „Es verbessert den Geruch. Statt nach Schweißsocke riecht er nach Himbeeren mit Schlagsahne.“
„Ich dachte immer, ein Verwandlungszauber müsse lange reifen …“
Ich schüttle den Kopf. „Dieser nicht.“
Dem mag er nicht widersprechen und macht sich mit Feuereifer an die Zubereitung.
Ich erhitze derzeit einen Absud aus Actonitum und Nachtschatten und gebe geriebenen Mondstein hinzu, bevor ich das Bilsenkraut klein hacke, das später gebraucht wird. Dieser Trank ist ein wenig kniffelig und benötigt meine volle Konzentration, so dass Draco und ich lange Zeit schweigend arbeiten.
„Sir?“
Ich schaue auf.
„Sir, ich bin fertig … Was brauen sie da eigentlich?“ Er späht mir über die Schulter und sucht das Zaubertrankrezept.
Ich habe den Trank eine Zeit lang öfter anfertigen müssen und habe das Rezept daher im Kopf, so dass sein Blick auf die von mir ausgelegte Anleitung für den Haarwuchstrank fällt.
„Wozu brauen sie den denn?“
„Der Dunkle Lord möchte möglichst gut aussehen, wenn er sich in Hogwarts für den Posten als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste bewirbt, das ist alles. Zeig mal her, wie weit du gekommen bist.“
Ich sehe seinem Gesicht an, dass auch ihm aufgefallen ist, dass unser Herr und Meister einer Schlange immer ähnlicher wird. Draco schiebt mir das Ergebnis seiner Arbeit mit gespanntem Gesicht herüber.
„Was bewirkt denn die Wolfsmilch in ihrem Trank, Sir?“
„Ein Mittel gegen fettige Haare.“ Mein Problem, ich weiß. Aber Wolfsmilch begrenzt gewisse unerwünschte Nebenwirkungen, und ich liege wahrscheinlich nicht falsch in der Annahme, das ich den Vorkoster für meinen Trank werde spielen müssen.
Ich blicke in Dracos Kessel und hoffe, er hat bei Slughorn so viel gelernt wie bei mir. Ein paar Leben hängen davon ab, und eines davon ist meines.
Ich inspiziere Dracos Arbeit äußerst sorgfältig: Sie ist ohnegleichen, wie üblich.
„Es ist noch zu flüssig!“ bemerkt Draco selbstkritisch.
„Durchaus nicht, sondern genau richtig zum gegenwärtigen Zeitpunkt.“, lobe ich, „Sehr schön, Draco! Ich würde dir zwanzig Punkte für Slytherin geben, wenn wir beide noch an der Schule wären.“
Um die sich daraufhin ausbreitende Heimweh-Stimmung abzumildern, drücke ich dem Jungen rasch ein Zaubertrankbuch in die Hand, trage ihm auf, Kapitel fünf zu lesen und schiebe ihn aus der Tür.
„Mondaufgang ist kurz nach Mitternacht. Sei bitte um elf bei mir, ich möchte vorher noch mit dir sprechen.“
Draco, der sein Höllenfahrtskommando während des Unterrichts vorübergehend vergessen zu haben scheint, wird weiß um die Nase.
„Wie sie wünschen, Sir.“
Ich schließe die Tür hinter der sehr jungen Gestalt, die langsam und wie unter Tonnengewichten die Treppe hinab geht.
Ich fülle seinen und meinen Trank in saubere, unetikettierte Fläschchen. Dracos Trank fehlt noch die entscheidende Zutat. Mein Zaubertrank hingegen ist fertig, und ich rufe eine Elfe herbei, mir mehrere Flaschen Muggelwein bester Qualität bringen zu lassen. Ich möchte mit Fenrir und dem Werwolfpack später noch auf unseren unmittelbar bevorstehenden Sieg über die Blutsverrätersippschaft und die Erfüllung der Wünsche unseres Herren anstoßen.
Anschließend gehe ich noch einmal durch, was ich von Dumb… dem, an den zu denken ich mir verboten habe, über Bannflüche, Anti-Apparierzauber und Fluchbrechen gelernt habe, als Hogwarts noch mein Zuhause war und Sicherheitszauber zu meinen Aufgaben gehörten.
Als ich mit allen Vorbereitungen fertig bin, lege ich mich ein wenig aufs Ohr. Schlaf ist kostbar, neuerdings.
Um halb elf Abend gehe ich hinunter in die Halle und finde die Werwölfe und ihren Anführer bereits in ausgelassener, kampfeslustiger Stimmung vor.
Fenrir bleckt die Zähne, als er mich mit dem Korb am Arm kommen sieht.
„Severus! Welch eine Freude, dich zu sehen! Machst du uns heute das Rotkäppchen?“ Er leckt sich anzüglich die Lippen, und sein Pack grölt und johlt ohrenbetäubend, so dass das Portrait von Hugo dem Henker versehentlich sein Fallbeil fallen lässt und einen Kohlkopf enthauptet.
„Rotkäppchen lag dem Wolf doch etwas schwer im Magen, wenn ich mich recht entsinne.“, gebe ich zurück und stelle den Korb auf den Tisch. „Aber, um im Bild zu bleiben, ich habe Euch zwar keinen Kuchen, so aber doch wenigstens Wein mitgebracht.“ Mit Schaudern denke ich an Hagrids Felsenkekse zurück.
Fenrirs Augen werden zu Schlitzen. „Wie kommen wir zu der Ehre?“, fragt er misstrauisch und schnüffelt an meinem Hals.
Ich schlucke trocken und gebe leichthin zurück: „Ihr besorgt mir die Zutat, mit deren Hilfe ich unserem Herrn geben kann, was er von mir verlangt … Ich will euch Glück wünschen.“
Fenrir bleckt die Kiefer in einem höhnischen Grinsen. Sein Geruchsinn jedoch scheint ihm diesmal nichts Außergewöhnliches zu verraten, und so greift er endlich prüfend nach meinen Weinflaschen.
„Oh! Genau meine Marke!“, ruft er erfreut aus, schlägt den Hals der Flasche am Tisch ab und hält sie mir hin. „Du zuerst – Freund!“
Nun, man darf einen anderen niemals unterschätzen.
Lächelnd nehme ich die Flasche, greife einen Kristallkelch aus dem Nichts und gieße ihn voll.
„Auf den Vollmond!“
Die ganze Meute sieht gespannt zu, wie ich den blutroten Wein in einem Zug hinunterstürze. Oh Sakrileg für einen guten Tropfen!
Gespanntes Warten. Keiner rührt sich. Warten alle, dass ich tot umfalle?
Ich verziehe das Gesicht. Sie halten den Atem an, und ich lasse sie noch ein paar Sekunden länger zappeln…
„Ausgezeichnet!“, stelle ich schließlich anerkennend fest, „Im Nachgeschmack vielleicht ein wenig bitter, aber anständig!“
Greyback atmet hörbar keuchend aus und schlägt mir mit der Pranke so hart auf die Schulter, dass ich morgen wieder Weasleys Paste brauchen werde.
„Komm, lasst uns saufen! Auf Severus Snape, den Meister der Täuschung und der Tränke!“
Darauf stoße ich gerne an.
Während die Meute sich über den Wein hermacht und ich den Kristallkelch nachschenke, fällt mir ein noch junger Werwolf auf, der sich etwas abseits hält. Ich gehe in dem allgemeinen Geprasse, Gesaufe und Gegröle hinüber zu ihm.
„Noch nicht lange dabei, was?“
Er nickt und betrachtet seine Kumpane, bei denen er wohl nicht allzu viel zu melden hat.
„Du siehst nicht gut aus…“ beginne ich.
„Nein. Ich bin … noch nicht so lange dabei.“
„Aha.“ Ich kann warten.
Der junge Werwolf gibt sich einen Ruck. „Meine Eltern haben mich rausgeworfen, als ich gebissen wurde. Sie haben gesagt, ich solle nie wieder an ihre Türe …!“
„Bitter, in der Tat.“
Wir beschweigen ein paar Buchseiten. Der junge Werwolf macht keine Anstalten zu trinken.
„Ich habe da gehört, es gäbe ein Mittel gegen die Verwandlung. Manche Werwölfe sollen ein ganz normales Leben führen können …“ Ich breche ab, als mein Gegenüber ein tiefes, kehliges Knurren hören lässt, das mich sofort verstummen lässt.
„Du klingst ja beinahe wie dieser Verräter …!“
„Welcher Verräter?“ Ich ziehe fragend die Brauen in die Höhe.
„Der Schoßhündchen-Werwolf, so nennt ihn Greyback immer! Remus Lupin heißt er eigentlich. Unser Anführer hat uns vor ihm gewarnt. Zu zahnlosen Muggeln will Dumbledores Haustier uns machen, dieser widerwärtige Schlammblüterfreund!“
„Tatsächlich?“ Ich klinge ungläubig. „Bist du denn nicht daran interessiert, in dein altes Leben …?“
„Pah, niemals wieder! Muggel oder Zauberer, sie können mir allesamt gestohlen beleiben! man hat mich davongejagt, aber das werden sie noch bereuen. Eines Tages, bei Vollmond, werde ich ihnen einen Besuch abstatten …“ Er fletscht die Zähne. Sie sind elfenbeinweiß und sehr, sehr lang.
Ich gebe mir einen Ruck und reiche ihm den Schierlingsbecher.
„Da, trink!“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter. „Wirst noch ein ordentliches Rudelmitglied werden!“
Ich selbst trinke aus der Flasche mit und bemerke, dass ich ihren Hals mit weißen Knöcheln umklammere. Manchmal kann ich Rodolphus und sein unwiderstehliches Bedürfnis, sich den Verstand aus dem Kopf zu fluten, durchaus nachvollziehen. Und in Momenten wie diesem bedaure ich zutiefst, dass ich meine Probleme nicht im Wein ertränken kann: Sorgen sind gute Schwimmer.
Als der Dunkle Lord die Halle betritt, entschuldige ich mich für den Rest der Nacht mit dem Hinweis, ich hätte morgen noch an meinem Werkstück zu arbeiten. Sobald das Rohmaterial geliefert sei, möge man mich wecken lassen.
Mein Herr ist einverstanden, und ich gehe hinauf in mein Turmzimmer, um auf Draco zu warten.
Als dieser pünktlich um elf Uhr erscheint, ist mein Schüler elend wie Gevatter Tod persönlich. Die letzten Stufen zieht er sich herauf, als habe alle Kraft seine Beine verlassen.
Ich ziehe ihn herein, setzte ihn wie eine Gliederpuppe auf die Bettkante und schließe die Tür.
„Sir, ich …
„Ja?“
Draco hat die Hände zu Fäusten geballt. „Ich kann das nicht tun! In dem Ferienlager sind meine Schulkameraden! Ich kann sie doch nicht …!“ Er verstummt.
„… den Werwölfen ausliefern?“, frage ich leise. „Sie zu Ausgestoßenen machen oder sogar töten?“
Draco nickt und gräbt seine Zähne in die Unterlippe, bis sie blutet.
„Ich finde Hannah gar nicht so … ich meine, sie hat mir nie was getan! Fenrir Greyback, wenn ich mir nur vorstelle …“ Er erschaudert.
Ich setze mich neben ihn. „Machte es denn einen Unterschied, wenn du die Kinder im Ferienlager nicht kennen würdest?“
Draco überlegt sehr lange, und flüstert schließlich: „Nein. Eigentlich nicht.“
„Ist es von Bedeutung, ob du es selbst tust oder die Arbeit von Greyback erledigen lässt?“
Draco schweigt wieder lange, bevor er den Kopf schüttelt.
„Nein. Alles das selbe. Ich kann das nicht!“ Er strafft seine Schultern und richtet sich auf. „Ich gehe zum Dunklen Lord und erkläre ihm, dass ich Fenrir nicht helfen kann.“
„Sehr mutig von dir, in der Tat. Aber auch sehr unklug.“
Draco sinkt in sich zusammen und schlägt die Hände vors Gesicht.
„Meine Mutter! Glauben sie, der Dunkle Lord wird sie …“
Er liest die Antwort von meinen Augen ab und klappt nach vorne, die Hände auf das Gesicht gepresst und am ganzen Körper zuckend und bebend, während er in keuchenden Stößen nach Atem ringt.
Ich lege kurz meine Hand auf den bebenden Rücken des Jungen, um ihn zu beruhigen. Er fühlt sich heiß und viel zu zerbrechlich für die Last an, die unser Herr und Meister ihm aufgebürdet hat. Ich möchte nicht noch mehr draufsatteln.
„Draco …“, ich gehe hinüber zu der Kanne mit heißer Schokolade, die ich vorbereitet habe, und gieße einen Becher ein. „Trink das, Draco. Es wird dich für die Aufgabe, die vor dir liegt, stärken. Die Schokolade schmeckt ein wenig seltsam; es ist ein wenig Felix Felicis darin, du kennst diesen Trank?“
Er nickt, nimmt den Becher mit zitternden Fingern und trinkt gehorsam einen vorsichtigen Schluck, dann einen zweiten, und tiefer Friede breitet sich auf seinem Gesicht aus, während ihm der Becher aus der Hand gleitet und sein Kopf auf die Brust fällt.
Ich fange den Becher auf, beseitige mit einem schnellen Zauberstabwedeln den verschütteten Kakao mit dem Schlaftrunk darin und lege Draco vorsichtig auf mein Bett, bevor ich ihm ein paar Haare abschneide, die ich seinem am Nachmittag vorbereiteten Trank hinzufüge. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen modifizierten Vielsafttrank, aber das musste ich dem Jungen vorenthalten - noch beherrscht er nicht genug Okklumentik. Die Wirkung des Vielsafttranks wird aufgrund der kurzen Reifungszeit nur von recht kurzer Dauer sein, aber das spielt in Anbetracht der Umstände keine Rolle. Zur Sicherheit stecke ich ein Fläschchen mit Nachschub ein.
Bevor ich Dracos Vielsafttrank trinke, mache ich mich noch daran, das Gedächtnis meines Schülers zu verändern. Leider bin ich in Erinnerungsmodifikation nicht ausgebildet wie die Kräfte des Zaubereiministeriums, so dass ich mich auf das absolut Notwendige beschränke. Hilfreich ist, dass ich ein recht talentierter Legelimentiker bin, so dass ich hoffentlich nicht viel falsch mache. Tut mir leid, Draco.
Ich schiebe ein Kissen unter den Kopf des Jungen, stelle sicher, dass sich mein Zauberstab in der Umhangtasche befindet und trinke Dracos Unterrichtsergebnis.
Homo hominem lupus est.


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Als alter Lateiner muß ich mal sofort klugscheißen. Es heißt korrekterweise "homo homini lupus est." Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Dativ, nicht Akkusativ. ;)

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In brightest day... in blackest night, no evil shall escape my sight! Let those who worship evil's might beware my power -- Green Lantern's light!

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Die Faschisten der Zukunft werden sich Antifaschisten nennen. (Winston Churchill)

Wir haben in der Vergangenheit nicht deutlich gemacht, daß Nationalsozialisten in erster Linie Sozialisten waren, und daß Nationalsozialisten Leute waren, die im Großen und Ganzen kollektivistische Lösungen angestrebt und durchgeführt hatten. (Edmund Stoiber)


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polaris, lass dich von Darth nicht abschrecken ;) :lol:

wieder mal ein wunderschönes Kapitel

Severus schlüpft also in Dracos zugeteilte Rolle und führt die Werwölfe zum Ferienlager .......................

tja ich brauch wohl nicht allzu lang zu raten, was dem Wein zugefügt wurde ;)


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Ähm, Asche auf mein Haupt: den Akkusativ :rot: ist auch dem Dativ sein Tod ...

Und vielen Dank, dass Ihr beiden mir ein Review geschrieben habt :P Da geht es zur Belohnung auch schneller weiter ... :bounce:

Kapitel 6: Dances with wolves

Ich verlasse in Gestalt meines Schülers die Kammer mit dem schlafenden Draco und verschließe die Tür hinter mir mit einem Sperrfluch, bevor ich mich hinunter zu den Werwölfen begebe.
Der Dunkle Lord thront in der großen Halle, in der beinahe alle Todesser versammelt sind. Alecto und Amycus, steinreich aber zerlumpt wie eh und je, tuscheln miteinander, als ich zwischen den Tischen hindurch unserem Herrn und Meister entgegeneile. Bellatrix mustert mich in einer Mischung aus Stolz und Angst. Ich unterdrücke das Schmunzeln über ihre plötzliche Zuneigung und nicke ihr ernst zu. Sie lächelt aufmunternd zurück. Rodolphus Lestranges Kopf ist auf seine Arme gesunken, er schnarcht leise. Nagini schleicht züngelnd um die Füße unseres Gebieters. Erwähnte ich schon, dass Nagini mir äußerst unheimlich ist?
Vor dem Dunklen Lord beuge ich mein Knie. „Ich bin bereit, Herr.“
„Ich hoffe, du weißt, was du zu tun hast!“ Mein strenger Gebieter zieht mich am Kragen meines Umhangs zu sich heran.
„Natürlich, mein Lord.“, murmle ich. „Ich werde euch nicht enttäuschen!“
„Ich hoffe für dich …“, seine Augen verengen sich zu Schlitzen, in denen es verhalten, aber bedrohlich glimmt, „ … und ganz besonders für deine Mutter und deine ganze Sippschaft, dass du dich heute bewähren wirst.“
„Das werde ich, mein Lord! Ihr könnt euch auf mich verlassen!“ Ich blicke ihm geradewegs in die Augen und hoffe, dass der, vor dem nichts und niemand sicher ist, heute keine Lust hat, in anderer Leute Köpfen zu Lustwandeln.
Nach einer Sekunde oder tausend Jahren gleiten die grausamen Augen zu den Werwölfen hinüber, er lässt meinen Umhang los - und mein Herz holt hastig die ausgelassenen Schläge nach.
„Fenrir!“
Der Aufgerufene erscheint mit raubtierhafter Lautlosigkeit an meiner Seite.
„Kann es losgehen, Kleiner?“
Ich nicke stumm.
„Zauberstab bereit?“ Sein Grinsen entblößt die Fangzähne.
Wieder ein Nicken.
„Zeig schon her, Junge, muss man dir denn alles sagen?“, fordert der Werwolf grob und zerrt meine Hand mit dem Zauberstab hinter meinem Rücken hervor. „Da ist er ja, alles klar also!“ Dann hält er einen Moment inne und schnüffelt.
Ich blinzle.
„Hier riecht es nach … Snape!“ Seine Augen verengen sich zu Schlitzen und funkeln mich misstrauisch an.
„Mein Lehrer hat mir den Umhang geschenkt für heute Nacht. Das soll Glück bringen, und ich könne Glück gebrauchen, hat er gesagt!“, improvisiere ich und halte meinen Zauberstab fest umklammert. Der zerlumpte Amycus mustert mich mit gerunzelter Stirn und flüstert etwas ins Ohr seiner Schwester, die mich darauf hin mit zweifelnder Miene ebenfalls von oben bis unten beäugt wie die Katze einen Vogel im Käfig.
Ich glaube nicht, das Amycus und Alecto zwei und zwei zusammenzählen, aber man weiß ja nie. Ich lasse Hand und Zauberstab tief in der Manteltasche verschwinden.
Der Werwolf hebt den Saum meines Umhangs an seine Nase und schnüffelt geräuschvoll daran.
In diesem Moment erzittern die Wände der Zwingburg, und das gewohnte Klirren der Gläser, Pretiosen und des anderen magischen Requisiten verkünden Mitternacht. Schweigend beobachte ich die Landschaft, die sich durch Babajagas rasenden Schritt auf ihren Hühnerbeinen schnell ändert und schließlich den Ausblick auf ein ruhiges Tal mit dichtem Wald und Auenwiesen an einem schwarzen Fluss darbietet. Am Horizont hinter dem Berg verblassen die Sterne; Mondaufgang ist nahe.
Auf Fenrir Greybacks grausamen Zügen breitet sich ein beinahe seliges Lächeln aus, als er sich zu mir umdreht.
„Glück brauchst du also, meint dein feiner Lehrer?“ Fenrir lacht dröhnend und pustet mir reichlich seinen fauligen Atem ins Gesicht. „Mordlust solltest du haben, Kleiner!“
Angewidert wende ich mich ab.
Fenrir belächelt mich geringschätzig und dreht sich zu den Wartenden, und das Gemurmel im Saal verstummt. „Auf Raubzug, Werwölfe! Zartes Fleisch!“ Er schüttelt die Faust zum Himmel.
Netter Schlachtruf. So poetisch.
Das am Fuße der Stufen versammelte Werwolfpack starrt fasziniert zu ihrem Anführer empor. „Fette Beute!“, brüllen sie zur Antwort, und als sie ihre Köpfe gen Mondaufgang wenden und ein markzerfetzendes Wolfsgeheul anstimmen, enthauptet das Portrait von Hugo dem Henker vor Schreck sich selbst.
Der Dunkle Lord erhebt sich, und das Geheul verstummt abrupt.
„Der Mond geht bald auf. Beeilt euch jetzt!“
Die Werwölfe bilden einen Pulk um den Portschlüssel, mit mir und Fenrir in der Mitte. Die Ausdünstungen der Tiermenschen verschlagen mir fast den Atem, als endlich das vertraute Ziehen des Portschlüssels uns alle von den Füßen reißt.

Ich finde mich auf dem Boden wieder und rapple mich schnell auf. Zwischen den Bäumen schimmert ein Lagerfeuer, und gegen die schwarzen Silhouetten der Berge malen sich kleine Zelte ab. Jemand spielt leise Gitarre und singt dazu, ein fröhliches Lachen weht zu uns herüber, in das andere Stimmen einfallen. Die laue Brise trägt den Geruch von frisch gemähtem Gras und Sonnenöl mit sich, und das bleiche Angesicht des bereits zu zwei Dritteln aufgegangenen Mondes taucht die Szene in ein zartes, silbriges Licht.
Fenrir wirft den abgenagten Knochen-Portschlüssel, ihre Rückfahrkarte, achtlos zu Boden bevor er mich am Kragen packt und in Richtung der Zelte stößt.
„Los, Draco, beeil dich!“
Seine Fangzähne glänzen im silbrigen Licht, und die Speichelfäden zwischen den Zähnen schimmern wie Spinnweben im Spätsommer.
Während sich die Werwölfe in meinem Rücken zu einem erwartungsvollen Halbkreis mit Blick auf die Zelte des Ferienlagers formieren, ziehe ich den Zauberstab aus dem Umhang und trete einen Schritt vor.
„Evanesco Portschlüssel!“
Der Portschlüssel löst sich unverzüglich in Luft auf, und die Werwölfe glotzen verblüfft.
„Was – soll das denn?“ Fenrir Greyback starrt mich an wie einen Irren.
Dem Mond fehlt nur noch ein winziges Stück, und die Verwandlung steht unmittelbar bevor.
Ich grinse. „Tut mir Leid, Greyback. Keine Rückkehr per Portschlüssel. Ihr werdet wohl apparieren oder laufen müssen!“
Greyback flucht lästerlich, packt mich an der Gurgel und reißt mich von den Füßen.
„Wir haben keine Zauberstäbe, du Hundesohn. Wie sollen wir morgen früh von hier verschwinden?“
Da mir ohnehin die Luft für eine Antwort fehlt, zucke ich gleichgültig mit den Schultern.
Der Mond ist komplett. Ich höre Kleidungsstücke und Haut aufreißen, Haare sprießen auf Handrücken und aus Ohren, die Münder und Nasen werden zu Schnauzen. Die Verwandlung hat begonnen.
„Zum Lager, du Idiot, oder du bist des Todes!“, brüllt Greyback nun und schleudert mich in Richtung der Zelte, „Sofort!“ Sein Handrücken ist noch haarlos.
Ich rapple mich auf und mache, dass ich aus der Reichweite der gelben Fingernägel und Fangzähne gelange. Fenrirs Kleidung scheint als einzige noch Intakt.
Die Werwölfe winden sich in Schmerzen in ihre neue Gestalt hinein, eine Orgie aus Krallen und Klauen, Fell, Zähnen und aufgeplatzter Haut.
Fenrir ist inzwischen aufgefallen, dass etwas mit ihm nicht stimmt.
„Ich … verwandele mich nicht!“
Diesen Moment sucht sich der Vielsafttrank aus, um seine Wirkung auszuhauchen. Gänzlich unschmerzhaft und viel schneller als die Werwölfe verwandle ich mich von Draco Malfoy, dem Knaben, in Severus Snape, den …
„Verräter!“ brüllt Fenrir und wirft sich auf mich.
Ich blocke mit einem Schnippsen meines Zauberstabs, und Fenrir stürzt zu Boden.
Um uns herum mischt sich unmenschliches Heulen und Winseln in die Schmerzenslaute der sich unaufhaltsam verwandelnden Werwölfe.
„Was hast du getan, Snape? Warum werde ich nicht transformiert?“, keucht Fenrir und setzt zum Sprung an.
Ich verhelfe ihm zu weiterem Bodenkontakt und mustere den zukünftigen Ex-Anführer der Werwölfe von oben herab.
„Wolfsbanntrank. Im Muggelwein, den ich euch anbot und den ihr so unmäßig in euch hineingeschüttet habt. Und weil du, wie zu erwarten, am Gierigsten zugeschlagen hast, wirst du dich heute Nacht überhaupt nicht verwandeln.“, doziere ich spöttisch. „Bei den anderen wird die Wirkung des Wolfsbanntrankes nach und nach einsetzen und sie in ihre menschliche Gestalt zurückholen.“
Fenrir brüllt vor Hass wie ein verwundetes Tier. „Bellatrix hatte recht: Du bist ein hinterhältiger, heimtückischer …“
„In der Tat.“ Ich blocke ein weiteres Mal seinen kümmerlichen Versuch ab, sich auf mich zu stürzen.
Hinter mir ertönt ein kehliges Knurren, der meine Eingeweide im Sekundenbruchteil vereist. Ich drehe mich um und blicke in vierundfünfzig heimtückisch glitzernde Wolfsaugen voller Gier auf Menschenfleisch.
„Sie werden uns zerfetzen!“ Fenrirs Stimme überschlägt sich. „Wir müssen verschwinden!“
Ich grinse spöttisch. „Ich werde verschwinden, Fenrir, denn ich habe einen Zauberstab! Du hingegen …“, ich beuge mich hinab zu ihm und blicke in die vor Panik fahl gewordenen Augen, „ … wirst deinen Kumpanen ein wenig Gesellschaft leisten. Beim Essen.“
„Nein, nein! Dass kannst du doch nicht tun! Snape, alter Freund! Ich habe immer …“
Ich trete einen Schritt zur Seite und gebe den Blick der Meute frei auf Fenrir Greyback, dem Schrecken aller Mütter und Väter. Die Werwölfe haben ihren Kreis bereits enger gezogen, und die Nüstern beben erwartungsvoll. Der nächststehende Werwolf mustert Greyback hungrig und zieht die Lefzen zurück, um ein makelloses Raubtiergebiss zu entblößen. Auch ich fühle begehrliche Blicke auf mir ruhen, die ich jedoch vorerst noch ignoriere. Greyback soll kriegen, was er verdient, und zwar den vollen Preis. Ich werde nicht verschwinden, bevor er bezahlt hat.
„Keine Sorge, Fenrir, du bist nicht der einzige, der heute Nacht stirbt. Ihr werdet einer nach dem anderen in eure menschliche Gestalt zurückkehren, und das Rudel wird über den zurückverwandelten Kameraden herfallen.“
Greybacks Blick flackert. „Der Dunkle Lord wird erfahren, was du getan hast!“
„Von wem? Dem letzten deiner Werwölfe, der den Morgen erleben wird und sich wie immer an nichts erinnert, was ihr in der Nacht getrieben habt? Darauf würde ich nicht wetten, Greyback.“
„Verschone mich, Severus! Ich kann dir nützlich sein!“ Seine Stimme überschlägt sich.
Nützlich – das Stichwort. Ich bin dem Dunklen Lord nützlich, nichts weiter. Wenn er nicht mehr von meiner Loyalität, Intelligenz und Tapferkeit überzeugt ist, bin ich tot. Darum kann ich mir nicht leisten, dass Greyback seine Version auspackt über das, was auf dem Turm geschah.
Ich sehe die Bewegung nur aus den Augenwinkeln und werfe mich zur Seite, so dass der Werwolf, der es auf meine mageren Knochen abgesehen hatte, über mich hinwegsetzt und Fenrir von den Füßen reißt. Fenrir reißt die Arm nach oben, als der Werwolf auch schon über ihm ist, und …
Ich wende gerade noch rechtzeitig den Blick ab, um die zwei nächsten hungrigen Werwölfe, die es auf mich abgesehen haben, mit einem Schockzauber abzublocken. Aber ihrer sind viel zu viele für nur einen Zauberer.
Zeit zu verschwinden: Ich disappariere…

… und finde mich ein weiteres Mal vor den Toren der Zwingfeste des Dunklen Lords wieder. Ich klopfe mir den Staub vom Mantel und hole das Fläschchen mit Dracos Vielsafttrank hervor, denn ich muss unserem Herrn in Dracos Gestalt noch Rede und Antwort stehen.
Seltsamerweise bekomme ich den Verschluss der Flasche nicht auf, und irgend ein Geräusch, sehr nah und ziemlich laut, raubt mir den letzten Nerv. Ich setze mich erst einmal auf einen Baumstumpf, verborgen zwischen Gebüsch und außer Sichtweite der Zinnen.
Die Flasche geht nicht auf, weil meine Hände unkontrolliert zittern, und das Geräusch stammt vom Aufeinanderschlagen meiner Zähne wie in großer Kälte. Augenscheinlich kann ich mich einfach nicht daran gewöhnen, Menschen … Nein, das führt zu nichts.
Ich konzentriere mich auf den See nahe Hogwarts, in dem ich sehr früh am Morgen, wenn alles noch schlief, oft zum Schwimmen gegangen bin. Das Wasser war grün und klar und erfrischend, und ab und zu bemerkte ich von ferne einen Grindeloh im Tang lauern. Niemals begegnete ich einem Schüler oder Kollegen, obwohl ich manchmal ich das Gefühl hatte, Dumb... Nein, nicht schon wieder!
Ich reiße mich endlich zusammen und trinke des Rest vom Vielsafttrank. Es macht nichts, wenn der Dunkle Lord bemerkt, dass meine – Dracos – Gefühle verrückt spielen. Für so kaltblütig wie sich selbst wird er einen Sechzehnjährigen wohl kaum halten.
Die Tore öffnen sich, als ich herannahe, und wieder bilden die Schaulustigen eine Gasse, durch die ich zum Thron dessen eile, vor dem niemand auf Gnade hoffen darf, und werfe mich ihm zu Füßen.
„Draco!“
Ich hebe den Kopf. „Mein Lord! Ich habe getan, was ihr mir aufgetragen habt.“
Genau wie mein Schüler Draco in der Nacht nach dem Tod dessen, den ich endlich aus meinen Gedanken verbannen muss, erzähle ich erst stockend, dann immer flüssiger und selbstsicherer werdend von den Ereignissen, die sich nach dem Plan unseres Herren vor kurzem im Ferienlager hätten zutragen sollen. Dabei verberge ich nicht allzu stark, wie aufgewühlt ich bin und hoffe, dass der, an dessen Kraft ich nicht heranreiche, damit genug gesehen hat und mir nicht die Tür zum Oberstübchen eintritt.
Ich bin am Ende meiner Phantasieerzählung angekommen, und vor Anspannung kann ich ein leichtes Zittern nicht mehr verbergen. Mir ist heiß, ich friere, und ich muss immerzu an Narcissa und meinen Freund Lucius denken. Wenn ich versage, dann …
Der Dunkle Lord legt mir die Hand auf die Schulter, tonnenschwer und mit langen, spinnenartigen Fingern.
„Das hast du gut gemacht, Draco Malfoy!“
Die Schlangenaugen glühen triumphierend, und mir werden die Knie weich vor Erleichterung. Jetzt nutze den Moment!
Ich straffe die Schultern, blicke empor zu meinem Herrn und setze eine hoffnungsvolle Miene auf.
„Darf ich davon ausgehen, dass die Ehre meiner Familie wiederhergestellt ist, mein Lord?“, frage ich im Tonfall genau zwischen Stolz auf meine Leistung und Demut vor unserem Herren.
Der Dunkle Lord lacht ein zischendes Lachen, und einen Moment lang meine ich sogar, einen Funken nostalgische Rückbesinnung an seine eigene Jugend in den Schlangenaugen zu entdecken, doch der Moment ist vorbei, bevor ich sicher sein kann.
„Die Schande deines Vaters ist zum Teil gesühnt. Ich werde nicht versuchen, ihn in Askaban zu töten, falls dir das Sorgen bereitet. Aber ich werde ihn dort noch einige Zeit über seine Verfehlungen nachdenken lassen …!“
Ich stottere „Danke! Oh, habt Dank, Meister!“ und verneige mich tief vor dem, dessen Willkür wir zu jeder Stunde des Tages ausgeliefert sind.
Der Dunkle Lord bedeutet mir mit einer beiläufigen Handbewegung, mich zurückzuziehen, als sich die Tore der großen Halle erneut öffnen und Wurmschwanz hereinplatzt.
„Ich habe es geschafft! Ich weiß jetzt, wo genau sich das Lager der Zentauren befindet!“, quiekt er mit vor Aufregung geröteten Rattenbäckchen.
Ich quetsche mich auf den Platz zwischen Bellatrix und Rodolphus und ertrage es mühsam, dass meine „Tante“ mir anerkennend und stolz über das Haar streicht. Ihre Fragen blocke ich ab mit dem Hinweis, ich sei zu müde und würde ihr alles am nächsten Morgen erzählen. Bellatrix lädt einen Teller mit Essen voll und stellt ihn fürsorglich vor mir hin, um mich zum Essen zu nötigen. Soviel mütterliche Qualitäten überraschen mich, doch ich kann beim besten Willen kaum einen Bissen hinunterwürgen, auch wenn ich in der Tat sehr hungrig bin. Ich fürchte, es wird noch einige Zeit ins Land gehen, bevor mir englisch gebratenes Steak nicht mehr den Magen umdreht.
Ich stochere also lustlos im Salat und spitze die Ohren, während Pettigrews Fistelstimme von seinen Heldentaten berichtet. Anscheinend hat er es ganz alleine mit einer Herde wilder Zentauren im verbotenen Wald von Hogwarts aufgenommen, sich mutig aus mehreren aussichtslosen Lagen freigekämpft und mindestens zehn der Halbmenschen mit eigenen Händen getötet. Wenn Wurmschwanz nicht so widerlich, hinterhältig und gefährlich wäre, könnte er mir beinahe Leid tun.
Der Dunkle Lord hört der Prahlerei mit wachsendem Unmut zu, doch Pettigrew hat sich an seiner eigenen Phantasie derart besoffen, dass er die Warnzeichen nicht erkennt.
„Als er mit dem Huf nach mir schlug, duckte ich mich unter dem Zentauren hindurch und stieß ihm meinen Dolch direkt in sein Pferdeherz!“, verkündet Pettigrew großspurig, „Der Klepper, der sich neben ihm aufbäumte, wollte schon Reißaus nehmen, aber ich war so tapfer und habe …“
„Genug, Wurmschwanz!“, donnert der Schlangengleiche unvermittelt, und Pettigrew purzelt mit einem Quieken rückwärts die Stufen hinab, um platt auf dem Bauch liegen zu bleiben und zum Dunklen Lord verängstigt wie ein Kaninchen emporzustarren.
„Herr, ich bitte euch …“
Wann kapiert dieser Dummkopf endlich, das Gewinsel die Wut dessen, der kein Mitgefühl kennt, erst recht entfacht? Ich ziehe die Schultern hoch in Erwartung des Feuersturms, der jetzt über unsere Köpfe hinwegfegen wird.
„Wenn du nicht ein so erbärmlicher Lügner wärst, Wurmschwanz …“, zischt unser Herr, „… und ich tatsächlich ein Wort glauben müsste von dem, was du mir soeben dreist ins Gesicht gelogen hast, dann würde ich dich jetzt Nagini zum Fraß vorwerfen!“
Pettigrew heult und wimmert und winselt zum Steine erweichen. Leider ist unser Herr härter als diese.
„Du hast also Zentauren getötet – du, der es nicht einmal mit einem Knarl aufnehmen kann? Lächerlich!“ Das Gesicht des Dunklen Lords verzieht sich zu einer Grimmasse, und ich tauche so tief wie möglich über den beinahe unberührten Teller. Ich wurde schon oftmals Zeuge von Szenen wie der, die nun folgen wird, und ich verabscheue sie allesamt aus tiefstem Herzen.
Der Zauberstab des Dunklen Lords wirbelt.
„Crucio!“
Pettigrew beginnt zu kreischen, und ich wünschte, ich könnte mir die Ohren zuhalten anstatt mit versteinerter Miene Kartoffeln von Ost nach West und wieder zurückzuschieben. Bellatrix neben mir verfolgt die Szene mit einem gebannten, beinahe obszönen Gesichtsausdruck. Ihre Lippen glänzen sehr rot.
Der Dunkle Lord lässt vorübergehend von seinem Opfer ab, und die Stille dröhnt ohrenbetäubend. Wer jetzt etwas fallen lässt oder auch nur laut atmet …
„Wenn du tatsächlich so verrückt wärst, die Zentauren zu warnen, sie auch nur die Spitze deines Rattenschwanzes bemerkt haben und sich ihr Lager bei unserem Angriff nicht mehr dort befindet, wo du es beschrieben hast …“, er lässt die Worte zäh wie giftigen Honig zwischen uns tropfen, „… dann werde ich dich mit dem Cruciatusfluch belegen, bis du deine mickrige, verräterische Seele auf diesem Steinboden hier aushauchst!“
Pettigrew zittert so stark, dass man förmlich seine kleinen Rattenknochen klappern hört, und versucht, mit dem Boden zu verschmelzen, doch das hilft alles nichts: Der nächste Fluch trifft ihn, und …
Ich schiebe den Teller weg und flüstere Bellatrix ins Ohr: „Ich gehe ins Bett. Weck mich bitte, wenn Fenrir mit der Menschenhaut zurückkehrt!“
Bellatrix nickt abwesend und verfolgt gebannt das Schauspiel, während ich mich lautlos aus der Halle schleiche.
In meiner Kammer finde ich Draco schlafend wie ein Baby. Sein Haar, sehr blond und so weich wie das eines viel jüngeren Kindes, ist ihm in die Stirn gefallen. Ich streiche es vorsichtig zur Seite, während ich ihn betrachte, und mache mir Sorgen. Wenn der Dunkle Lord jemals herausfinden sollte, dass ich Draco … Ich werde Vorsorge treffen müssen für diesen Fall.
Der Vielsafttrank verliert seine Wirkung, und ich trage den schlafenden Jungen unbemerkt in sein Zimmer, um ihn dort ins Bett zu legen. Irgendwann einmal werde ich ihm hoffentlich erzählen können, dass er unschuldig ist an dem, was den Kindern in dem Ferienlager nach den Plänen unseres Herrn zustoßen sollte – und auch, was dort heute Nacht tatsächlich geschah. Ich möchte nicht, dass er sich für den Rest seines Lebens für einen Mörder hält.
Bevor ich selbst ins Bett gehe, begebe ich mich noch einmal vor die Tore Babajagas.
Mein Patronus macht mir zu schaffen. Er hatte immer die Gestalt eines Rotfuchs. Aber was, beim Barte Merlins, ist mein Patronus jetzt: Ein hinterhältiges Frettchen? Ein feiges Wiesel? Ein heimtückischer Marder? Auf jeden Fall etwas Lauerndes, Schleichendes mit spitzen, nadelscharfen Zähnen.
Als mein neuer Patronus, nur etwa einen halben Meter lang und mit langem, grauen, silberüberhauchtem Fell in den Wald davoneilt, sinkt mir der Mut. Kein Patronus kann verbergen, wessen Herzen Kind er ist.
Am Burgtor treffe ich Amycus und Alecto, denen ich beiläufig zunicke.
„Wo kommst denn du her, Severus?“, fragt die ungepflegte Schwester misstrauisch.
„Ist Greyback schon zurück? Ich möchte gerne anfangen mit der Verwandlung für den Dunklen Lord.“
Amycus Blick ruht auf meinem Zauberstab. Er wechselt einen Blick mit seiner Schwester.
Ich lasse den Zauberstab beiläufig in die Umhangtasche gleiten - ich fürchte, hier bahnt sich bereits das nächste Problem an, um dass ich mich kümmern muss. Die Geschwister haben einen scharfen Blick für Gegenstände, wahrscheinlich, weil sie so versessen auf deren Anhäufung sind.
„Nein. Noch kein Werwolf ist zurückgekehrt. Es wird sicher bis zum Morgengrauen dauern.“
Ich verabschiede mich mir einer zustimmenden Geste und mache, dass ich ins Bett komme. Bei Sonnenaufgang wird in der Burg Babajaga eine freudig erwartende Unruhe herrschen. Etwas später wird die Aufregung in Unmut und schließlich Sorge umschlagen, bis der Tagesprophet mit seiner Schlagzeile über die Werwölfe, die sich in der Nähe eines Ferienlagers gegenseitig zerfleischt haben, wie eine Bombe einschlägt. Spätestens dann wird mich der Dunkle Lord aus den Federn reißen. Ich werde im allgemeinen Interesse Öl auf die Wogen gießen und mal wieder auf den Knien herumrutschen müssen.
Ich verfluche den Tag, an dem ich dem Irrtum erlag, Wissen sei Macht.
Cautus enim metuit foveam lupus.


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das war ja ein netter Plan, den Severus da ersonnen hat

aber heißt es nicht, der Wolfsbanntrank verhindere nicht die Verwandlung, sondern bloß die Blutlust, so dass der Verstand erhalten bleibt?????


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Zitat:
das war ja ein netter Plan, den Severus da ersonnen hat

aber heißt es nicht, der Wolfsbanntrank verhindere nicht die Verwandlung, sondern bloß die Blutlust, so dass der Verstand erhalten bleibt?????



:) Stimmt! Aber Severus Snape wäre nicht der Halbblutprinz, wenn er nicht ein bisschen daran herumpfuschen könnte, um einen gewüschten Effekt zu erzielen (Golpalotts zweites Gesetz ...), oder?

Weiter geht es mit dem

Kapitel 7: Blitz und Donner

Schon wieder bin ich sehr früh wach und braue weit vor Sonnenaufgang einen Zaubertrank, von dem Sie und ich nun wissen, dass er wahrscheinlich niemals zur Anwendung kommen wird – außer der Dunkle Lord befiehlt einem der Todesser, irgend einen armen Muggel heranzuschaffen. Während ich also das tatsächliche Rezept für Verwandlungspaste mische, zerbreche ich mir den Kopf über eine antroposophische Alternative.
Die Erleuchtung trifft mich wie ein Blitz, als ich in den Rasierspiegel blicke. Nicht nur, dass der Wolfsbanntrank für Nicht-Werwölfe ungefährlich ist – er hat meinen Bartwuchs anscheinend so weit verlangsamt, so dass ich kaum mit der Klinge über die Haut fahren muss. Auch mein Haar gleicht weniger als sonst zu lange gekochten Spagetti in Sepiatinte. Ich grinse mein Spiegelbild selbstgefällig an, während ich mich ankleide.
Anschließend steige ich hinab in die Keller, wo unser Herr und Meister diejenigen Dinge aufbewahrt, die wir Todesser auf unseren Raubzügen erbeuten und die natürlich nicht mehr in die große Halle passen, denn sonst könnte man dort nicht mehr treten. Tatsächlich erinnern mich diese Archive immer ein wenig an eine Mischung aus Borgin & Burkes und dem Raum der Wünsche in Hogwarts, in welchem ich während meiner Schulzeit selbst den einen oder anderen schwarzmagischen Gegenstand deponieren musste – wobei mir einfällt, dass einiges von dem Kram wohl noch dort herumliegen wird …
Ich suche mir die Waffenkammer aus und wühle mich durch zweischneidige Schwerter, selbstzielende Pfeile, Gift und Galle spuckende Pistolen und Trollarmbrüste, die mindestens einen Zentner schwer sein müssen, bis ich mich endlich zur Defensiv-Abteilung durchgeschlagen habe. Interessiert mustere ich die mannshohen Schilde der Kreuzritter, eine Tarnkappe sowie die Rüstung des Achill, die an der Ferse leicht beschädigt ist, sowie eine Flasche mit „Doktor Siegfrieds bestem Lindwurmblut“, das laut Gebrauchsanweisung als Badezusatz angewandt wird und den Körper unverwundbar machen soll. Ich hörte allerdings, aufgrund von unsachgemäßer Handhabung sei es in einem Fall trotzdem zu einer tödlichen Verletzung gekommen.
Endlich und nach langem Suchen in all dem Plunder finde ich, was ich brauche: Ein Hemd aus Drachenhaut mit langen Ärmeln, das ich unter dem Umhang tragen kann und das mir bis über die Knie reicht. Chic ist anders, aber ich will Heidi Klum keine Konkurrenz machen.
Ich ziehe das Drachenhemd unter meine normale Kleidung und stelle fest, dass die Sonne soeben aufgeht. Zufrieden mit meinen Vorbereitungen gähne ich erschöpf und belohne mich mit einer weiteren Stunde Schlaf.
Das Dunkle Mal auf meinem Arm brennt mich aus dem Schlummer, und nur wenig später klopft es heftig an meine Tür. Davor stehen Crabbe und Goyle und sehen aus wie Erntehelfer: Crabbe wachsen stattliche Bohnenpflanzen aus den Ohren – anscheinend der Grund, warum er brüllt, als sei ich schwerhörig -, Goyle hingegen baumeln dicke Fleischtomaten von den Brauen herab bis vor die Augen und behindern seine Sicht.
Ich befreie sie mit einem Zauberstabschnippsen von dem Gestrüpp und lausche ihren Ausführungen, nach denen der Dunkle Lord sich soeben in einen seiner gefürchteten Wutanfälle hineingesteigert habe und nun herumtobe, das die Wände wackeln. Ich möge bitte, bitte, bitte schnell hinunter kommen und ihn besänftigen.
Ich mache mich also zu Fuß auf zum Tigergehege – Apparieren ist hier ebenso unmöglich wie in Hogwarts - und treffe unterwegs auf Todesser in verschiedensten Verfluchungsstadien. Claus Landskirt wachsen violette Tentakel aus dem Kopf, die ihn zu erwürgen versuchen, während Maltought Fraser sich die pustelübersäte, juckende Haut mit den Fingernägeln abreißen will. Peter Pettigrew hingegen tippelt wie rasend den Gang auf und ab, hält sich das Hinterteil und kreischt in höchstem Diskant „Auiiiauiiauiiih!“
Ich tue uns allen einen Gefallen und erlöse sie: Ich hexe Wurmschwanz Zunge am Gaumen fest, und die sich herabsenkende liebliche Stille entspannt augenblicklich unsere Trommelfelle - nur unterbrochen von Landskirts Röcheln und Frasers schabenden Fingernägeln.
Ich grinse in mich hinein und stoße am Eingang der Halle erst mit einer Ritterrüstung zusammen, die unaufhörlich von einer Gießkanne mit Wasser besprengt wird und die mitten im Fluchtversuch in Rost erstarrt ist, und anschließend mit Bellatix, die soeben die Halle verlässt. Ihr linkes Auge schwillt in einem enormen Veilchen rasch zu, darüber hinaus ist ihre Lippe aufgeplatzt wie nach einer Wirtshausschlägerei.
„Nach dir, Severus. Hol dir deine Prügel ab!“, bemerkt sie und tritt mit ironischer Höflichkeit zur Seite.
„Neuer Lidschatten? Tolle Farbe!“ gebe ich zurück, als Draco im Laufschritt um die Ecke biegt und uns beide fast umrennt.
„Nein!“, brüllen Bellatrix und ich gleichzeitig und starren uns über den Jungen hinweg erstaunt an.
„Was ist los? Mein Mal brennt wie Feuer!“ Draco hält den Arm hoch.
Ich packe sein Handgelenk genau über dem Mal und halte ihn fest.
„Du kommst dem Dunklen Lord nicht unter die Augen, bis er sich beruhigt hat! Geh sofort auf dein Zimmer und warte, bis ich dir Bescheid gebe!“
„Aber … er ruft uns doch zu sich!“ Dracos Miene zeigt nichts als Pflichtbewusstsein und Diensteifer.
„Das hat Zeit – heute.“, pflichtet mir Bellatrix zu meinem Erstaunen bei.
„Aber er wartet doch auf uns …“
Ich wechsele einen langen Blick mit Bellatrix, die daraufhin ihren Neffen an der Schulter packt und zur Seite zieht. Ich nicke den beiden kurz zu und sehe noch aus den Augenwinkeln, dass Draco sie unwillig abzuschütteln versucht, aber Erklärungen müssen warten. Man sollte die Geduld dessen, der keine hat, nicht überstrapazieren.
Der Saal sieht aus wie ein Schlachtfeld, oder noch besser, wie der Zeltplatz nach den Quiddich-Weltmeisterschaften. Überall Scherben, Splitter, zerborstenes Mobiliar. Unter einem umgestürzten Tisch duckt sich ein Butterbierkrug und beäugt mich misstrauisch. Als er bemerkt, dass er entdeckt ist, verschwindet er hastig im Dunkeln unter der angekohlten Platte. Einige der kostbaren Wandbehänge, die die Halle schmückten, hängen leblos und zerfetzt von ihren Stangen herab. Die Überlebenden haben sich nach Art der Rollmöpse aufgerollt und klammern sich nun bibbernd an ihre Halterungen wie Ertrinkende an den Rettungsring.
Am Fuß der Treppe zum Thron des Dunklen Lords liegt eine Gestalt leblos mit dem Gesicht nach unten auf den Steinen. Es ist Gisbourne of Guy, der Todesser, der unserem Herrn und Gebieter am Morgen den Tagespropheten vorzulegen hat.
Ich hatte eigentlich vorausgesetzt, das beim bekannt jähzornigen Temperament des Dunklen Lords jedermann kurz die Schlagzeilen überfliegen würde, bevor er unseren Herrn mit schlechten Neuigkeiten behelligt. Immerhin blickt die Sitte, den Überbringer schlechter Nachrichten hinzurichten, auf eine lange Tradition zurück.
Ich atme ein letztes Mal tief durch und falle vor dem, dem wir so schutzlos ausgeliefert sind wie Kinder ihren wütenden Eltern, auf die Knie.
„Mein Herr, ich …“
Etwas fährt mir übers Gesicht, heiß und scharf wie ein Peitschenhieb, und meine Augenbraue platzt auf. Sein nächster Hieb reißt mich von den Füßen und wirft mich die Treppe hinab. Im Fallen rolle ich mich ein und vertraue auf die Drachenhaut unter meinem Umhang, um die schlimmste Wut unseres Herrn abzumildern.
„Nein, mein Lord, dass dürft ihr nicht!“ Dracos Schrei gellt durch die Halle, er reißt sich aus Bellatrix Griff und rennt auf mich zu.
Mein Herz setzt drei Schläge aus, bis ich mich wieder gefangen habe, Dracos Blick auffange und meine Gedanken mit aller Macht konzentriere.
Legelimens! „Verschwinde, Draco! SOFORT!“
Draco schüttelt sich wie ein Pudel, seine Nase beginnt zu bluten. Ich hoffe schon, dass er gehorcht, doch dann wendet er sich an den Dunklen Lord.
„Sir, ich weiß nicht, was euren Zorn verursacht hat - aber mein Lehrer hat bestimmt nichts damit zu tun!“
Ich werfe Draco einen mörderischen Blick zu und rapple mich hoch, um mich tief vor dem Dunklen Lord zu verneigen.
„In der Tat wäre es angenehm zu erfahren, weshalb Eure Gnaden uns zu bestrafen geruhen!“
Die Ironie in meinen Worten entgeht unserem Herrn natürlich nicht, und meine Bauchmuskeln wollen sich schon ängstlich zusammenziehen, als der Dunkle Lord mir den Tagespropheten unter die Nase hält.
„Lies das!“
Ich überfliege die Schlagzeile und den Bericht. „Werwölfe …Ferienlager … gegenseitig umgebracht … Angriff geplant, der fehlschlug …“
Außerdem erfahre ich, dass ich weiterhin ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher stehe, noch vor den Lestranges. Anscheinend bin ich inzwischen außer für den Mord an Albus Dumbledore – dessen gedruckter Name mir einen hinterhältigen Boxhieb in die Magengrube versetzt – auch für die Erhöhung der Arbeitslosenquote und eine Massenpanik von Teenagern bei der diesjährigen Berlinale verantwortlich.
„Wie konnte das passieren?“, reißt der Dunkle Lord mich aus meiner Lektüre und blickt mir direkt in die Augen.
Legelimens! Diesmal gibt er sich nicht einmal die Mühe, den höflichen Anschein zu wahren und um Erlaubnis zu fragen: Er tritt mir sofort die Tür ein als sei sie aus Pappe. Ich stehe hilflos daneben und muss zusehen, wie er mein Gehirn durchwühlt und wahllos Erinnerungen, Gedanken und Gefühle hervorzerrt, um sie gleich darauf achtlos fallen zu lassen. Ich bin gut vorbereitet, aber seine blinde Wut ist trotzdem nicht ungefährlich.
„Herr, wenn ihr so weitermacht, kann ich in den nächsten Tagen nicht einen klaren Gedanken fassen …“
Er würdigt mich keiner Antwort und wühlt hemmungslos weiter in meinem Geist herum, bis ich zu bedenken gebe: „… oder ich lande in St. Mungos und teile mir zukünftig ein Zimmer mit den Longbottoms. Ich esse gerne Weintrauben, falls ihr mich mal besuchen möchtet.“
So schnell und wüst er gekommen ist, so schnell ist es wieder einmal vorbei. Ich finde mich am Boden wieder und hoffe, dass meine letzten Gedanken nicht Wahrheit werden.
„Zeig mir die Paste für den Gürtel!“, befiehlt mein Herr kalt.
Mit zitternden Fingern – es gibt keinen Grund, dies zu verbergen – löse ich das Fläschchen mit dem vor Tagesanbruch vorbereiteten Gebräu.
Er schnüffelt am Flaschenhals, fährt mit den Fingern hinein und inspiziert mein Werk äußerst gewissenhaft.
„Ich habe sie gemacht. Gestern im Zaubertrankunterricht!“ Dracos Gesicht leuchtet vor Stolz.
Ich werfe meinem Schüler einen weiteren eisigen Blick zu, doch der Dunkle Lord zürnt nicht mehr.
„Tadellos, Draco Malfoy! Für einen Schüler deines Alters ein hervorragendes Ergebnis …“
Draco strahlt.
„ … und gleichzeitig das beste Zeugnis für den Lehrer!“
Ich verbeuge mich mit zitternden Knien.
Der, dessen Willkür auch ich nichts entgegenzusetzen habe, versinkt in ein brütendes Schweigen. Nicht gut, aber gegenüber seinem glühenden Zorn eindeutig ein Fortschritt.
Mein Schüler und ich warten schweigend.
Unser Meister hebt das Schlangenhaupt: „Wo sind Crabbe und Goyle?“
Die Gerufenen erscheinen zitternd und bibbernd vor dem Thron.
„Bringt mir einen Muggel für den Gürtel. Einen Großen, Fetten! Und zwar auf der Stelle!“
Ich atme auf. Mit der Beauftragung dieser Stümper habe ich so oder so etwas Zeit gewonnen.
Die Gelegenheit scheint günstig, die Wogen zu glätten.
„Herr, es gibt da noch eine andere Möglichkeit …“
In den Schlangenaugen beginnt es ferne zu glühen.
„Welche, Severus?“
„Dieser Spiegel, den Goyle letztens zerschlug …“, ich übergehe diese Stelle hastig, als sich eine steile Falte zwischen den Augen bildet, „… ist doch ein Doppelgesicht-Spiegel, nicht wahr?“
Er nickt.
„Der Doppelgesichtzauber zeigt uns so, wie wir gerne aussehen würden. Ich könnte den Fluch des Spiegels soweit verändern, dass Ihr die von Euch erwünschte Gestalt annehmen könnt, während Euer wahres Gesicht im Spiegel verbleibt.“
Die zwei winzigen Pferdefüßlein der beabsichtigten Spiegeltransformation behalte selbstverständlich ich für mich.
„Wie lange dauert das?“
„Übermorgen?“
Der, dessen Stimmungen nicht berechenbar sind, schlägt mir unvermittelt kräftig auf die Schulter.
„Severus, beim Beelzebub! Ich kenne keinen, der so durchtrieben und clever ist wie du!“
Ich schon.
„Ihr seid sehr freundlich, Herr!“
Der Dunkle Lord ruft Crabbe zurück, greift ein Pergament aus der Luft uns übergibt es an seinen Laufburschen.
„Schicke meine Bewerbung für die Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste mit der Eulenpost an die neue Direktorin von Hogwarts.“ Unser Herr lächelt tückisch.
Crabbe dagegen glotzt blöd auf den Brief in seiner Hand.
Ich versetze ihm einen Stoß in den Rücken, so dass er die Stufen hinabstolpert.
„Jetzt, Crabbe!“
Er stolpert davon.
Goyle hingegen wird beauftragt, den Zauberspiegel auf der Stelle in meine Gemächer zu bringen, und zwar ohne ihn fallen zu lassen. Ich hoffe inständig, das dies gelingen möge.
Ich bitte um die Erlaubnis, mich mit meinem Schüler den Vorbereitungen für die Spiegeltransformation widmen zu dürfen, was mir gnädig erlaubt wird.
Ich eile schweigend mit Draco im Schlepptau in meine Kammer, greife das vorbereitete Päckchen mit dem Apothekenaufkleber und befehle Draco, Goyle ja nicht aus den Augen zu lassen während des Spiegeltransportes und sicherzustellen, dass unser Herr nicht in den nächsten Tobsuchtsanfall verfällt.
Dann sprinte ich hinüber in die Eulerei. Amycus und Alecto lauern mir unterwegs auf, und Amycus hält mich am Ärmel fest.
„Jetzt nicht!“, fauche ich ihn an und stoße ihn grob zur Seite, um so schnell wie möglich meine Sendung aufzugeben.
Ein Wachmann mit grobem Gesicht und ebensolchen Händen steht am Eingang zur Eulerei. Mein Päckchen wird geöffnet, der Inhalt genau überprüft, während ich unruhig von einem Fuß auf den anderen zapple. Crabbe ist nicht der Schnellste, aber …
Der Wachmann lässt sich genau erklären, warum und wieso ich die Sendung an die Apotheke reklamieren will (weil ich für den Zauberspiegel unseres Herrn keine verdorbenen Zutaten verwende) und ich muss auch die bereits versiegelte Pergamentrolle mit der Beschwerde darin öffnen und vorzeigen.
Endlich habe ich die Kontrolle hinter mir gelassen und erwische Crabbe gerade noch, als er soeben die Eule mit dem Bewerbungsschreiben am Bein fliegen lassen will.
„Ich hab auch noch etwas, das kann die Eule gleich mitnehmen!“
Ich binde mein Päckchen fest, streichle der Eule über die Flügel und sehe ihr nach, wie sie samt Bewerbung und Päckchen langsam mit dem Himmel verschmilzt.
Auf dem Rückweg blaffe ich die lumpigen Geizhälse ein zweites Mal an – sie werden in letzter Zeit recht aufdringlich – und beeile mich, mit meinem Schüler ein paar ernste Worte zu wechseln.
Draco wartet in meiner Bibliothek, der Zauberspiegel lehnt heil und unversehrt an der Wand.
Mein Schüler wendet sich arglos und erwartungsvoll zu mir um, als ich die Türe hinter mir schließe.
Ich mustere ihn eisig von oben herab, und sein Lächeln verwelkt sofort.
„Sir?“
„Tu das nie, nie, nie wieder!“ Meine Stimme ist wütend und beißend wie ein Schneesturm und nicht wärmer.
Dracos blaue Augen werden rund. „Was denn, Sir?“
„Widersprich unserem Herrn niemals wieder! Bleib fern von ihm, wenn der Dunkle Lord zürnt und vor allem - halte deine Zunge im Zaum!“
„Aber ich wollte doch nur helfen! Sir, er hat sie …“
Ich donnere mit der Faust so heftig auf den Tisch, so das das kristallene Astrolabium herabstürzt und zerbricht.
„Willst du mich etwa umbringen, Junge?“
„Nein, nein, natürlich nicht …“
Er ist eingeschüchtert wie ein Erstklässler.
„Glaubst du, ich benötigte die Hilfe eines Kindes, um meine Kämpfe auszufechten?“
„Nein, Sir!“, antwortet er sehr kleinlaut. „Aber …“
„Aber was?“
„Aber ich dachte, er … unser Herr … ich dachte, er tut ihnen etwas an!“
Ich reiße mich zusammen, als ich bemerke, dass sich seine Fingernägel tief in die Handballen gegraben haben, während die Knöchel seiner geballten Fäuste weiß durch die Haut hindurchschimmern.
„Draco …“, beginne ich ruhiger, „… du hast doch den sprechenden Hut nicht belogen?“
„Nein!“
„Das bedeutet, du bist ein waschechter Slytherin, nicht wahr?“
„Ja!“, entgegnet er stolz.
„Warum um alles in der Welt willst du dann mit dem Kopf durch die Wand wie einer von diesen tapferen, aber geistesschwachen Trotteln aus Gryffindor?“
Er zuckt zusammen.
„Benutze deinen Verstand, Draco! Ein toter Löwe ist schlechter als eine lebende Maus, und für Leichen gibt es keinen nächsten Versuch! Wenn unser Herr wütet, dann ist nichts und niemand vor ihm sicher!“
„Aber ihr …“
„Ich kann auf mich selbst Acht geben. Im Gegensatz zu dir, Draco, habe ich bereits lange Jahre im Lager eines mächtigen Feindes überlebt!“
Mein Schüler ist in sich zusammengesunken und mustert seine Hände, als wären aus den Linien darin tatsächlich Antworten zu lesen.
„Ich verstehe, Sir.“
Ich fasse ihn an den Schultern und beuge die Knie, bis ich auf seiner Höhe bin und wir uns in die Augen sehen können. An seiner Nase klebt noch ein wenig Blut.
„Draco, …“, beginne ich leise, „… ich kann nicht mehr klar denken, wenn ich mir um dich Sorgen machen muss. Das ist gefährlich für mich, denn ich brauche allen Mut und alle Klugheit, die ich nur aufbringen kann, wenn ich unserem Meister gegenübertrete. Das verstehst du doch, oder?“
Er nickt.
„Dann wirst du mir jetzt schwören, dass du ab sofort verschwindest, sobald es brenzlig wird …“, ich hebe die Hand, als er widersprechen will, „... und dass du dich wie ein echter Slytherin verhältst und abwartest, bis sich eine günstigere Gelegenheit bietet!“
Er zögert, um endlich zu flüstern: „Ja, Sir. Ich verspreche es.“
Ich drücke stolz seine mageren Schultern.
„Versprich mir auch, dass du mir niemals wieder zu helfen versuchst, wenn der Dunkle Lord wütend auf mich ist!“
Ich sehe, das es dem Sohn meines besten und loyalsten Freundes Lucius gewaltig gegen den Strich geht, jemanden in Not im Stich zu lassen. Ich schüttle meinen Schüler ein wenig.
„Bitte, Draco! Du bringst uns alle beide in schreckliche Gefahr, wenn der Dunkle Lord erkennen sollte, das er mit dir ein Druckmittel gegen mich in der Hand hat!“
Draco ringt schwer mit sich, und es tut weh, dies mit anzusehen. Aber ich muss dieses Versprechen erzwingen, oder … die Entscheidung muss fallen, ob so oder so.
„Ich verspreche es!“ Draco hebt den Kopf, und es glitzern Tränen in den Augenwinkeln.
Ich lasse seine Schultern abrupt los, erhebe mich zu meiner vollen Größe und wende mich dem Zauberspiegel zu.
„An die Arbeit, Draco! Keine Zeit mehr für Spiele.“
Si vis pacem, para bellum.


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also ich bin ja herzlich froh darüber, dass ich mich nicht den Todessern angeschlossen habe ;)

des dunklen Lords Reaktionen auf Fehlschläge scheinen mir doch ein klein wenig unberechenbar

nur gut, dass Severus immer wieder ein Ausweg einfällt

wann geht's weiter ??????


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Ungelesener BeitragVerfasst: 2. April 2006 21:36 
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Nun, die Todesser sind ja auch kein Karnickelzüchterverein, aus dem man mal eben wieder austreten kann ... ;) Danke für`s Review!

Kapitel 8: Spieglein, Spieglein an der Wand

Draco wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht und tut so, als fände er seine Schuhe interessant.
Ich hebe den Zauberspiegel auf den Tisch und rücke ihn zurecht, so dass mein Schüler sich darin betrachten kann.
Dracos Mund klappt auf. Er ist von Natur aus ein durchaus hübscher Junge, aus dem einmal ein gut aussehender Mann werden wird – von meinem Freund Lucius hat er die kühnen Augen und den strengen Mund, von seiner Mutter die langen Wimpern und die regelmäßigen Züge. Was ihn da jedoch im Spiegel entgegen blickt, ist der Traum aller Teenager: Cool, attraktiv und sehr männlich.
Ich decke ein Tuch über den Spiegel und tippe ihm auf die Schulter.
„Nett, nicht wahr?“
Draco nickt. „Wow! Wenn ich wirklich so aussähe, würden mir die Mädchen gleich reihenweise zu Füßen liegen …“ Verträumt gleitet sein Blick zum Fenster hinaus in die Wolken.
Ich schmunzle über diese pubertären Tagträume in mich hinein und tippe auf den Rahmen.
„Das Prinzip des Doppelgesichtspiegels liegt darin …“, doziere ich, „… das man genau das sieht, was man gerne sehen möchte. Unsere Aufgabe liegt nun darin, den Fluch in soweit zu verändern, dass Bild und Spiegelbild sozusagen die Plätze tauschen.“
Draco hat sich gespannt vorgebeugt.
„Wie geht das?“
Ich ziehe den Zauberstab hervor und fahre suchend über Rahmen und die verhüllte Spiegelfläche.
„Zuerst einmal musst du lernen, den Fluch aufzuspüren und seine Art zu erfühlen.“
Dracos Gesicht ist ein einziges Fragezeichen.
„Nimm deinen Zauberstab und mach es mir nach!“
Ich zeige ihm, wie mann mit dem Zauberstab über die zu erkundende Fläche fährt, und wie immer stellt er sich geschickt an, obwohl er beim ersten Ausprobieren natürlich noch nicht viel aufspüren wird.
„Es ist ein wenig wie mit einem Zauberstab zu hören.“, versuche ich die Aufgabe zu erklären, „Du musst dich ganz auf dein Gefühl verlassen, Draco, mit den Fingerspitzen auf jede Schwingung lauschen wie auf sehr leise Töne und Rhythmen.“ Ich spüre die Vibrationen des Fluches deutlich, und auch Draco zuckt an den richtigen Stellen zusammen.
Unbegabten kann man das Aufspüren von Flüchen nicht wirklich vermitteln – man braucht Talent dazu, wie in der Musik. Schüler mit wenig Feingefühl, wie Ron Weasley etwa oder der unsäglich arrogante Potterjunge, werden es in dieser Kunst wohl nie weit bringen. Es gibt sogar wirklich fortgeschrittene Magier, denen Fluchaufspüren kaum gelingen mag. Dieser Spiegel hier weist einen einfachen Reflexfluch auf, kombiniert mit etwas Wunschtraum, falscher Hoffnung, Angeberei und flüchtigem Glück. Einfache Verwünschungen, und ebenso einfach zu extrahieren. Der beste aller Fluchaufspürer, den ich jemals bei seiner Arbeit beobachten durfte und von dem ich sehr viel darüber gelernt habe, ist …
Will das eigentlich nie aufhören?!
Ich schlucke die bitteren Gedanken hinunter und wende mich meinem Schüler zu.
„Um welchen Fluch könnte es sich handeln, Draco?“
Er überlegt mit angestrengt gerunzelter Stirn.
„Superbia major?“
Ich nicke. „Sehr schön erkannt.“
Ich tippe mit dem Zauberstab auf den Spiegel und spreche leise die Worte, und ein Nebel wie grauer Staub steigt aus den Tiefen des Spiegels empor. Ich wickle den Nebel um den Zauberstab, transportiere ihn vorsichtig hinüber zum Regal mit den Gerätschaften und lasse ihn sanft in einen Glasballon gleiten, wo man ihn - gut verkorkt und mit Wachs versiegelt - gut und gerne ein halbes Jahr aufbewahren könnte.
Nachdem wir gemeinsam die verschiedenen Flüche aus dem Spiegel entfernt haben und es bunt in den Glasbehältern wabert, kommen wir zur Manifestation des Umkehrfluches.
Dafür mische ich Täuschung, Heimtücke und Niedertrachtflüche in einem großen Glasgefäß, gieße Betrug und Lüge hinzu und erhitze die Mischung bis zum Siedepunkt.
Danach werden die ursprünglichen Bestandteile – bis auf das flüchtige Glück – wieder in umgekehrter Reihenfolge der Extraktion zu der abkühlenden Fluchbrühe hinzugefügt.
„Fehlt noch was?“, fragt Draco.
Ich gebe zwei Tropfen Belladonna hinzu, und Draco grinst breit, als die Mischung vielfarbig schimmernd im Glasgefäß herumwirbelt.
Ich lasse meinen Schüler die Mischung dünn auf den Spiegel auftragen. Wir werden dass noch einige Male wiederholen, denn wer eine solche Mischung zu dick aufträgt, ist ein Dummkopf.
Draco betrachtet sich in unserem Werk und ist sehr zufrieden mit sich, denn er wird nun für einige Zeit in der realen Welt so gut aussehen, wie es ihm sein Wunsch-Ego vorgaukelt. Wenn der Spiegelzauber fertig ist, hält der Fluch bis zu drei Tage, bevor er durch einen erneuten Blick in den Spiegel aufgefrischt werden muss.
Ich hingegen schaue ihm über die Schulter und sehe Dracos wahres Gesicht – in seine Seele, wenn sie so wollen.
Dracos Spiegelbild und damit seine Seele ist wundervoll, wie alle Seelen es sind, bevor ihr Besitzer einen ersten, absolut unverzeihlichen Fehler begeht, und dieser erste Fehler gebiert tausend weitere, die ihm folgen …
Sollte jemand über die Schulter unseres Herrn und Meisters blicken, während er gerade seine Gestalt durch die Betrachtung im Spiegel erneuert, wird dieser Jemand in der Lage sein, das wahre Ich des Dunklen Lords zu erkennen.
Dies ist einer der unberechenbaren und unvermeidlichen Pferdefüsse dieses Zaubers. Verständlicherweise ziehe ich es vor, den, dessen Macht und Magie der meinen um ein Vielfaches überlegen sind, lieber nicht davon zu berichten. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass es jemals zu einer solchen Situation kommt – und der, dessen Gnade wir alle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, möchte nicht mit Problemen behelligt werden. Der Letzte, der diese Regel nicht beherzigt hat, liegt wahrscheinlich noch immer mit dem Gesicht nach unten auf dem Steinfußboden der großen Halle.
„Du wirst nunmehr alle zehn Minuten die Flüche neu auftragen.“, erkläre ich meinem Schüler, „Sechs Wiederholungen sollten ausreichen.“
„Ja, Sir.“
Die Wartezeit kann Draco mit Übungen zum Fluchaufspüren verbringen. Da er seine Hand des Ruhms leider bei der Flucht aus Hogwarts verloren hat, schenke ich ihm ein immerwährendes Licht, dessen dauerhafter Leuchtfluch gerade die richtige Schwierigkeitsstufe für einen Anfänger aufweist.
Während mein Schüler sich gleichzeitig mit der Fluchanalyse und dem Spiegel abplagt, wende ich mich der Bibliothek zu, um endlich zu ergründen, was es mit meinem Patronus auf sich hat. Ich durchforste also alle zoologischen Werke von „Schlüpfrige Schleicher“ über „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ bis hin zu „Magisches & Matschiges – eine Enzyklopädie der Haustierkunde“, aber alles ohne Erfolg. In meiner Verzweiflung konsultiere ich sogar die wenigen Muggelwerke im Bücherregal, allen voran die dickleibigen und vielbändigen Exemplare von „Brehms Tierleben“, aber auch hier gibt es keine Spur meines Patronus. Ich bin und bleibe ratlos.
Völlig vertieft in meine Gedanken fahre ich hoch, als es an der Tür klopft, und stoße mir den Kopf so heftig am Regal, dass es Bücher auf mich herabregnet. Verärgert über die Störung reiße ich die Türe auf, um die Hauselfe zusammenzufalten – und vor mir stehen Amycus und seine bezaubernde Schwester Alecto.
„Du bist grau im Gesicht, Severus.“, meint Amycus und hält mich am Umhang fest, als ich ihnen wortlos die Tür vor den Nasen zuschlagen will.
Seine Schwester packt meinen Arm als fürchte sie, ich wolle mich gleich in die Luft erheben und davon schweben. „Machst du dir um irgend etwas Sorgen, Severus?“
„Nein. Ich arbeite.“, entgegne ich unfreundlich. „Was ist los, dass ihr neuerdings an mir hängt die die Kletten?“
Alecto kichert schrill.
„Zeig uns doch mal deinen Zauberstab, Freund!“
Ich stoße ihr den Ellenbogen unters Kinn, dass ihr die Zähne aufeinander schlagen, und ziehe in der selben Bewegung den Zauberstab aus der Tasche, um den beiden einen Fluch aufzuhalsen.
Alecto und Amycus haben ebenfalls ihre Zauberstäbe zur Hand. Ich bin schneller, sie sind zu zweit. Patt.
„Was wird das hier eigentlich? Wenn ihr euch langweilt, dann spielt doch mit Wurmschwanz!“
„Wir sollten uns einmal unterhalten. Über Zauberstäbe. Dracos und deinen!“
Ich schließe die Tür hinter mir, damit mein Schüler nichts hört, was nicht für seine Ohren bestimmt ist, und zucke in gespielter Unkenntnis die Schultern. Leider sind die beiden nicht so unaufmerksam wie der Rest der Todesser.
„Ich weiß nicht, was ihr meint.“, heuchle ich.
„Draco hatte deinen Zauberstab dabei, als er mit den Werwölfen aufbrach – und als er wiederkam waren wir uns ganz sicher! Und erzähl uns nicht, du hättest ihm den Deinen geliehen. Jeder hier weiß, dass du niemanden auch nur in die Nähe deines Zauberstabes lässt!“ Alecto stemmt die Hände in die Hüften.
Ich warte ab. Wozu ihnen entgegenkommen?
Amycus springt seiner Schwester bei. „Kann sein, dass der Tod der Werwölfe was damit zu tun hat, was meinst du, Severus? Ist doch eigenartig, dass die Werwölfe so ganz plötzlich übereinander hergefallen sein sollen. Da hatte doch jemand seine Hand im Spiel!“
„Und zwar jemand, der nicht auf den Kopf gefallen ist und der nicht gut Freund war mit Fenrir Greyback…“
„Kann sein, dass ihr vor lauter Raffgier euren Verstand in der Nocturngasse verhökert habt?“, gebe ich zurück.
Alecto und Amycus wird man nicht so schnell los.
„Vielleicht möchtest du ja unserem Meister erklären, warum Draco mit deinem Zauberstab unterwegs war!“ Die Schwester grinst schadenfroh und wendet sich an Amycus. „Komm, Bruder, vielleicht können wir ja dem Dunklen Lord dabei helfen, die Sache mit den Werwölfen aufzuklären. Springt bestimmt eine hübsche Belohnung für uns heraus!“
Amycus und Alecto würden für Gold ihre Großmutter verkaufen, sagt man. Ich glaube, sie täten es auch für Kupfer.
Aber die Bedrohung für mich – oder viel schlimmer, für Draco - ist durchaus real. Leider lassen sich echte Zauberstäbe weder verwandeln noch tarnen – das können nur Scherzzauberstäbe, wie sie einmal in Hogwarts unter den Schülerinnen und Schülern in Mode waren. Olivanders Meisterstücke jedoch verbergen niemals ihren Charakter.
„Also gut. Was wollt ihr?“, frage ich schnell.
Ich hasse Improvisation aus dem Stehgreif - ich glaube, ich erwähnte bereits den Grund.
Die Geschwister wechseln breit grinsend einen triumphierenden Blick.
„Wir wollen …“, beginnt Alecto, und Amycus fährt fort: „… einen Blick in die Schatzkammern des Dunklen Lords werfen.“
Ich hebe überrascht die Brauen, denn ich hatte eigentlich erwartet, mich mit einem Beutel Gold freikaufen zu können. Das würde mir etwas Luft verschaffen, bis ich einen Plan habe, um das Erpresserteam endgültig loszuwerden. Es müssen ja nicht alle Todesser den in Kürze anstehenden Angriff auf die Zentaurensiedlung überleben.
„Die Schätze unseres Herren? Wozu das?!“
Alecto kichert und ihre Fingerspitzen reiben aneinander, als zähle sie unsichtbare Münzen.
„Wir glauben, der Dunkle Lord könnte viel großzügiger sein, wenn er nur wollte …“
Amycus ergänzt: „Unser Herr speist uns doch nicht etwa mit Kleingeld ab, während er die Schätze hortet bis unters Dach, oder? Wir wollen mehr, viel mehr!“
Geiz ist nicht nur geil, sondern auch grausam und gefährlich.
„Ich denke, ihr bekommt genau das, was euch zusteht!“ Ich klinge recht frostig, aber die Geschwister amüsieren sich nur über meine Geringschätzung der wahren Werte dieser Welt.
Amycus hat ein eigenartiges Glitzern in den Augen und reibt sich nun ebenfalls geistesabwesend die Hände. „Severus, nicht jeder ist so … anspruchslos wie du!“
Dumm war das Wort, das er eigentlich einsetzen wollte.
„Stimmt, ich kann nicht nachvollziehen, wie man Krims über Krams anhäufen kann und sich dann nicht einmal einen neuen Umhang leistet!“
„Das verstehen Spin…- Menschen wie du einfach nicht!“, wischt Alecto unwirsch meinen Einwand vom Tisch. „Also, was ist nun? Bringst du uns in die Schatzkammern?“ Plötzlich ähnelt die hässliche alte Schachtel doch sehr einem Raubvogel auf Mäusejagd.
„Der Dunkle Lord wird merken, dass wir ihn hintergehen. Es ist gefährlich – und das Risiko sollen wir eingehen, nur weil ihr neugierig seid?“ Nun, wohl weniger neu als gierig.
Alecto lacht zynisch. „Dir wird schon was einfallen, Severus - dir fällt doch immer etwas ein!“
Beide starren mich erwartungsvoll an.
„Also schön. Wir treffen uns morgen früh in …“, spiele ich auf Zeit, doch der Bruder fällt mir scharf ins Wort.
„Nein, Severus, du hältst uns nicht nochmals hin! Wir gehen sofort! Wenn du Zeit zum Überlegen hast, trickst du uns genauso aus wie Fenrir!“ Amycus packt wieder meinen Arm.
Man muss ihnen lassen, dass sie zumindest zu zweit nicht dümmer sind als ich. „Der Dunkle Lord kann jeden Moment …“
„Kann er nicht! Er plant in der großen Halle mit Bellatrix und Rodolphus Lestrange den Angriff auf die Zentauren - und das wird noch mindestens den halben Tag dauern …“
Ich gebe mich geschlagen.
„Wie ihr wollt. Aber wenn die Sache schief geht, sitzen wir alle drei bis zum Kragen in der Tinte!“
Die beiden tauschen wieder einen Blick, der mich ahnen lässt, dass ich im Zweifelsfall wohl alleine die Suppe auslöffeln darf.
Ich grinse in mich hinein.
„Hat euch jemand auf dem Weg zu mir gesehen oder weiß jemand, dass ihr mich aufsuchen wolltet?“
Kollektives Kopfschütteln mit der eindeutigen Aussage: Wir sind doch nicht blöd: Wir vertrauen niemandem!
Nun, darüber lässt sich nicht streiten.
Ich nicke anerkennend und drehe mich zur Tür meiner Kammer.
„Ich sage nur kurz meinem Schüler Bescheid.“
Amycus macht Anstalten, mir zu folgen, doch ich stoße ihn zurück. „Allein!“
Mit sauerer Miene lässt er sich meine Grobheit gefallen in der Gewissheit, dass ich an ihm vorbei muss, wenn ich meine Kammer jemals wieder verlassen möchte, und die Geschwister lehnen sich mit verschränkten Armen und demonstrativ ungeduldigen Mienen an die Wand, um auf mich zu warten.
Ich schließe die Tür, und mein Schüler blickt auf .
„Ich habe jetzt zweimal …“, beginnt er, doch ich schneide ihm scharf das Wort ab.
„Schön. Ich werde mich mal umschauen, ob ich vielleicht irgendwo noch einen besseren Spiegel auftreiben kann – dieser hier erscheint mir zu klein, um die wahre Größe unseres Herrn adäquat abzubilden!“
Draco schaut verdattert zu mir auf.
„Soll ich nicht weitermachen?“
„Doch, natürlich sollst du! Ich will mich nur vergewissern, dass der Dunkle Lord den besten Zauberspiegel bekommt, den ich auftreiben kann. Bis nachher also!“
Ich spüre den verwirrten Blick des Jungen, als ich die Türe hinter mir zuziehe. Eine ziemlich an den Haaren herbeigezogene Begründung, wenn man es recht betrachtet, aber eine hübsche Ausrede, falls ich mit den Geschwistern zusammen in den privaten Schatzkammern dessen, der sein Eigentum so sorgfältig bewacht wie eine Elster, erwischt werde. Diese platte Rechtfertigung, von Draco in aller Unschuld bestätigt, dürfte mich zwar nicht vor Strafe, aber doch zumindest vor dem Tode bewahren. Doch falls ich ohne Alecto und Amycus zurückkehre, wird mich niemand mit ihrem Verschwinden in Verbindung bringen können.
Ich führe die Geschwister durch die geheimen Gänge hinüber in den Pallas, wo sich die privaten Gemächer unseres Herrn und Meisters befinden. Ich habe es immer nach Kräften vermieden mich dort aufhalten zu müssen, und die meisten Todesser haben das kalte Herz von Babajaga noch niemals von Innen gesehen – dem großäugigen Staunen der geizigen Geschwister nach gehören sie zu dieser Gruppe, die sich bisher an die Gerüchteküche halten musste. Es geht eine Geschichte um, nach der sich unter dem Turm grausige Verliese mit gefangenen Muggeln und Zauberern befänden, deren Schreie manchmal des nachts von fern heraufhallten. Aber egal ob Schreie oder nicht, dies ist kein Ort, an dem man gerne verweilt.
Der Bergfried ist der höchste Turm der Burg, mit meterdicken Mauern aus grauem Stein, schießschartenartigen Fensterlöchern und von Zinnen gekrönt, die mit Drachenzähnen gespickt sind. Bewacht wird er von einem Dach aus Drachenschuppen, zwischen denen die Kuppel aus Bergkristall hervorleuchtet und von dem aus der, dessen Macht den Stern nahe kommt, den Gang der Gestirne beobachten kann. Der Wind heult Tag und Nacht ohne Unterlass um die Mauern – übrigens meine Erklärung für das abergläubische Gewäsch – und kein Feuer kann die Räume dort jemals wirklich erwärmen. Ich glaube, nur der Dunkle Lord selbst und sein Schatten Nagini fühlen sich dort wohl.
Wir passieren lange Gänge, von denen eine Vielzahl von Türen abgehen, deren erste sich auf meinen Befehl hin bereitwillig öffnet: wir blicken in eine Schatzkammer voller Gold, Perlen, Edelsteine und Geschmeide. Amycus und Alecto quellen beim Anblick all der Pretiosen und exquisiten Köstlichkeiten schier die Augen aus den Köpfen. Amycus will sofort in den Raum hineinstürzen, doch ich halte ihn am Ärmel zurück.
„Wie du gesehen hast, ist es nicht besonders schwierig, in die Schatzkammern unseres Herrn hinein zu kommen. Bedeutend schwerer wird es sein, sie später wieder zu verlassen …“
Ich weise mit einer knappen Kopfbewegung auf die Ritterrüstung hin, die verborgen in einer Nische Eingang und Ausgang bewacht. In ihren eisernen Armen hält sie ein enormes Richtschwert mit glänzender Schneide, an dem noch ein wenig schwarz eingetrocknetes Blut klebt. Wer noch genauer hinsieht, entdeckt in den Tiefen des Helms, dort, wo eigentlich Augen sein sollten, ein Unheil verkündendes Glühen.
Hastig zieht Amycus seinen Fuß von der Stufe zurück, und Alecto, die sich an ihrem Bruder vorbeiquetschen wollte, um als erste ihre Hände in den Schätzen zu vergraben, tritt erschrocken zwei Schritte zurück, um das Funkeln und Gleißen des Edelmetalls und der Steine aus sicherer Entfernung auszukosten.
„Zeig uns mehr. Mehr! Viel mehr!“, fordert sie mit überschlagender Stimme, und ich mache gehorsam den Reiseführer durch die Träume aus Tausendundeinernacht.
Ich zeige ihnen die Rüstkammern - ähnlich der allgemeinzugänglichen, die ich am Morgen aufgesucht habe – und die magische Tiersammlungen vom Abessinischen Siebenarm-Affen bis zum Zitroneneishai, riesige Bibliotheken mit allen Zauberbüchern des Erdkreises, ein Teppichlager voll gestopft mit fliegenden Teppichen, die botanische Sammlung mit den Lebensapfelbäumen, Liebeskirschen und dem Zauberkräutergarten sowie das orientalische Bad mit der Quelle der ewigen Jugend darin – von letzterer glaube ich allerdings, dass sich mehr Schein als Sein dahinter verbirgt.
Amycus Hände zittern vor Gier. „Ich will etwas davon berühren, darin wühlen, graben, den Glanz des Goldes mit den Fingern schmecken! Ich muss einfach etwas davon anfassen!“
Ich gebe vor zu überlegen, und schlage den gespannt Wartenden vor: „Ich weiß von einer Kammer, die der Dunkle Lord nur sehr selten besucht. Dort können wir es vielleicht wagen.“
Die Geschwister nicken, ihr Verstand betäubt und gefesselt von ihrer Obsession, und willig wie Schafe folgen sie mir immer tiefer hinab in das Reich des Dunklen Lords.
Ich führe sie hinein bis ins Zentrum des Turmes. Direkt neben der Kammer, in dem unser Herr und Meister zu sehr seltenen Gelegenheiten einen seiner Todesser empfängt, um ihm eine besondere Belohnung – oder auch Strafe – im intimen Kreis angedeihen zu lassen, liegt ein Raum, den selbst ich niemals betreten habe. Ich vermute, dass der Dunkle Lord dort etwas aufbewahrt, was ihm sehr viel bedeutet.
Ich habe mich schon immer gewundert, dass es anscheinend etwas gibt, an dem ein steinernes Herz wie das Seine hängen kann. Nun, heute werde ich herausfinden, was es ist, und die beiden Trottel neben mir werden mir dabei helfen.
Endlich haben wir den Eingang erreicht. Die Türe ist glatt, ohne jeden Griff, und sie schwingt auf meinen Befehl hin natürlich nicht auf. Statt dessen zeigt sich in der Mitte der Tür ein Kopf. Er ähnelt dem eines Fisches, Seeteufel oder so ähnlich, wie mich heute morgen Brehms Tierleben belehrte, und das breite Maul ist mit hunderten extrem langer, dünner Zähne gespickt, die es ihm unmöglich machen, die Kiefer zu schließen, selbst wenn er wollte. Doch er will ganz und gar nicht nicht, sondern das Untier sperrt gierig und einladend den Schlund auf.
Ich fürchte, jemand wird seinen Arm zwischen diese Kiefer hineinlegen müssen.
Alecto lächelt tückisch und hält mir ihren Zauberstab vor die Brust, während Amycus mir einen auffordernden Stoß versetzt.
„Nach dir, Severus, mein Freund!“
Ich blicke vom einen zur anderen, und kremple den linken Ärmel hinauf.
Alecto versetzt mir einen leichten, aber schmerzhaften Schlag. „Mach schneller!“
Die Kiefer des Fischkopfes mahlen erwartungsvoll, und gelber Schleim trieft ihm sabbernd aus den Mundwinkeln, als ob sich der Türwächter bereits auf sein Opfer freue.
Ich seufze unhörbar und stecke den Arm zwischen die Zähne.
Incedit in Scyllam, qui vult vitare.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 3. April 2006 06:24 
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Ich reviewe später, wenn ich alles gelesen habe, noch mal genauer, möchte aber jetzt schon etwas anmerken:

Setzt du eigentlich voraus, daß jeder deiner Leser Latein versteht? [img]images/smiles/icon_eyes.gif[/img]
Bei mir ist das z.B. nicht der Fall, und ich wäre dir daher dankbar, wenn du die Sprüche an den Kapitelenden in Klammern übersetzen würdest. [img]images/smiles/icon_pray.gif[/img]:wink:
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Ginevra Malfoy hat geschrieben:
Setzt du eigentlich voraus, daß jeder deiner Leser Latein versteht? [img]images/smiles/icon_eyes.gif[/img]


:mrgreen: Nein, ich setze voraus, dass jeder meiner Leser google bedienen kann ...

Aber da meine Lateinkenntnisse beinahe ebenso antik sind wie die Sprache selbst, schreibe ich auch bei Google ab und bin dann promt bei einem Grammatikfehler erwischt worden :oops:

Ich freue mich auf Dein Review!

Polaris
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Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 7. April 2006 20:35 
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Kapitel 9. Skylla und Charybdis

Augenblicklich schließen sich die schrecklichen Zähne um meinen Ellenbogen, und der grausige Fisch beginnt, sich wie ein Aal zu winden und um die eigene Achse zu drehen und mir damit die Haut wie mit Schälmessern in Fetzen zu reißen. Ich beiße meinerseits ebenfalls die Zähne zusammen und halte mit aller Kraft dagegen, denn ich hänge nun mal an meinem Arm genauso wie an allen anderen Körperteilen. Schlagartig verstehe ich Hagrids Vorgänger - den Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe - der in den vorzeitigen Ruhestand ging, um sich noch ein wenig seiner verbliebenen Gliedmaßen zu erfreuen.
Ich versuche, dem Fischkopf ein paar Schock-, Maulöffne- und Erstarrungszauber auf die Schuppen zu jagen, aber mit meinem Zauberstab scheint etwas nicht zu stimmen und das Biest windet sich nur um so wilder, so dass ich endlich den Zauberstab sausen lasse, die Füße gegen die Türe stemme und mit reiner Körperkraft und wachsender Verzweiflung dagegenhalte bis – oh Wunder – mein vom Blut schlüpfrig gewordener Arm dem Zangengriff der Kiefer entgleitet. Unsanft knalle ich auf den Boden und bleibe erst einmal liegen.
Die Geschwister beugen sich über mich.
„Hast du dir wehgetan, Severus?“
Ich schlage mit der kaputten Hand nach dem neugierigen Gesicht von Alecto, das genau so viel Mitgefühl widerspiegelt wie die Augen des menschenfressenden Türwächters, verfehle sie aber. Kichernd faßt die Schwester ihren Bruder am Ärmel und zieht ihn mit sich durch die mächtige Tür, die sich nun, da sie ihren Tribut erhalten hat, in den rostigen Angeln ächzend und krächzend vor unseren Augen öffnet.
Während ich mich zitternd aufsetze und den heftig blutenden Arm mit dem Umhang umwickle, geht mir ein Licht auf: Schlangen häuten sich regelmäßig, so dass ein Stück alter Haut für sie kein Opfer darstellt. Der Dunkle Lord kann diese Kammer jederzeit betreten – entweder ist seine Verwandlung in eine Schlange entsprechend weit fortgeschritten, oder er bedient sich Naginis Hilfe.
Ich finde meinen Zauberstab und beeile mich, den beiden zu folgen.
Vor uns liegt der Eingang zu etwas, das mit einer Mauer besonderer Art umgeben ist: das Material ist schwarz, nahtlos glatt und glänzend wie polierter Obsidian, und ebenso hart. Ich kann mit keinem Fluch auch nur einen Kratzer verursachen. Zögernd folge ich den Stimmen der Geschwister und betrete den höhlenartigen Gang, der nur durch ein rotes Glimmen erhellt wird, als fließe glühende Lava tief im Innern des Gesteins. Überall liegen Goldstücke, Geschmeide und Edelsteine herum, und eine Spur immer wertvollerer Kleinode führt tief und tiefer hinein zwischen die dunklen Mauern.
An der ersten Weggabelung treffe ich auf Alecto und Amycus, mit Goldketten behängt wie zwei Weihnachtsbäume, die soeben einen heftigen Streit über den rechten bzw. den linken Weg austragen.
Ich warte, bis sie einen Moment Luft holen, und frage: „Was glaubt ihr, ist das hier – ein Irrgarten oder ein Labyrinth?“
Beide Gesichter wenden sich mir in komplettem Unverständnis zu.
„Wo liegt denn da der Unterschied?“
Ich seufze. Liest eigentlich niemand außer dem Dunklen Lord und mir etwas anderes als Rita Kimmekorns Klatschspalte im Tagespropheten?
„Ein Labyrinth hat nur einen einzigen Gang, und der führt zwar mit Umwegen, aber unweigerlich zum Zentrum. Im Irrgarten gibt es blinde Gänge und Sackgassen, die viel Zeit kosten und uns, wenn wir nicht aufpassen, komplett in die Irre führen.“
„Ja, und was bedeutet das nun?“
Ich funkle Amycus wütend an.
„Das bedeutet, dass wir wenn wir Pech haben und uns verlaufen, hier drin bis zum jüngsten Tag umherirren. Falls wir nicht vorher verhungern oder verdursten!“ Ganz zu schweigen von unangenehmen Kreaturen, die an solch verfluchten Orten zu Hause sind.
Die Geschwister wechseln einen ratlosen Blick, bevor sie mich ansehen und gleichzeitig fragen: „Und was machen wir da?“
Wir führen euch ins Verderben und lassen euch mittendrin sitzen, denke ich im Stillen.
Laut sage ich: „Also, wofür habt ihr euch entschieden – Labyrinth oder Irrgarten?“
„Irrgarten!“, antwortet Amycus überzeugt, während Alecto „Labyrinth!“ ausruft.
Ich wende mich der Schwester zu. „Wenn du mal Geld für Seife ausgeben würdest, Süße, um dir die Ohren zu waschen und mir zuzuhören, dann wüsstest du jetzt, dass ein Labyrinth nur einen einzigen Gang hat. Keine Abzweigungen! Und da dies hier …“, ich weise auf die Weggabelung, „… eindeutig eine solche ist, haben wir es wohl mit einem Irrgarten zu tun!“
Sie starren mich ehrfürchtig an, als sei ich der Dunkle Lord persönlich. Dabei kennen die beiden, sobald sie die Gier nach Gold packt, jeden Trick und jede Tücke.
„Im Zentrum dieses Irrgartens muss etwas unglaublich Wertvolles sein!“, meint Amycus versonnen, und Alecto ergänzt mit träumerischer Miene: „Sonst läge es offen herum wie in den anderen Schatzkammern und wäre nicht so gut verborgen!“
Ich starte einen letzten Appell an die Vernunft der Geschwister.
„Wir können hier umkehren, und niemand wird merken, dass wir hier waren! Den Kitsch da …“, ich weise auf die Ketten und Ringe, mit denen sich die Geizkrägen behängt haben, „… könnt ihr meinetwegen mitnehmen. Ich glaube nicht, dass der Dunkle Lord es vermissen wird.“
Sie mustern mich angewidert, als sei ich verrückt geworden, und richten simultan die Zauberstäbe auf mich.
„Du gehst voran, Severus! Und denk dran: Wir sind direkt hinter dir und können dir jederzeit den Cruciatus in den Rücken jagen, wenn du versuchen solltest, uns an der Nase herum zu führen!“
Charmant, die beiden.
Ich drehe mich wortlos um und mustere angestrengt die beiden Gänge. Einer gleicht haargenau dem anderen. Ich versuche, mit „Lumos“ ein wenig mehr Licht in die Angelegenheit zu bringen, doch mein Zauberstab reagiert nicht und liegt in meiner Hand wie ein Stück Treibholz. An diesem Ort gilt nur die Magie des Dunklen Lords.
„Hat jemand ein Knäuel Wolle dabei?“, frage ich ohne viel Hoffnung.
Alecto lacht keckernd. „Sehen wir etwa aus, als würden wir gerne Strümpfe stricken?“ Auffordernd sticht sie ihren Zauberstab in meine Rippen. „Los, setz dich in Bewegung! Wir haben nicht den ganzen Tag lang Zeit!“ In ihren Augen und denen des Bruders liegt ein eisiges Glitzern, beinahe so unheilvoll wie das verhaltene Leuchten der Glut in den Wänden.
Ich seufze tief. Wenn wir ohne einen Plan drauflos stolpern, können wir uns ebenso gut gleich gegenseitig umbringen. Dann sterben wir wenigstens schnell und schmerzlos.
Unter den ungeduldigen Blicken der Geschwister denke ich angestrengt nach, doch meine Konzentration wird von den Schmerzen im Arm nicht gerade verbessert. Mein Umhang ist inzwischen soweit vollgesogen mit Blut, dass sich zu meinen Füßen schon eine ansehnliche Pfütze bilden konnte. Ich verfolge mit den Augen die Spur der Tropfen zurück bis zur Wegbiegung, wo sie sich im Dunkeln verliert …
Kurz entschlossen wickle ich den Arm aus dem verdorbenen Umhang – ich sollte zukünftig bei Madame Malkin Mengenrabatt einfordern – und lasse ihn zu Boden fallen, während ich den rechten Gang einschlage.
„Mir nach!“
Hastig stolpern sie hinter mir her.
„Werden wir uns nicht verirren?“, fragt Alecto ängstlich, jedoch erbarmungslos angetrieben von ihrer ungezügelten Gier.
„Nein.“
„Warum nicht?“
Ich weise auf die schimmernde Spur aus rubinroten Tropfen, die ich hinterlasse.
„Wenn dieser Gang in einer Sackgasse endet, kehren wir um. Sobald die Blutspur in einem Gang doppelt erscheint, wissen wir, dass wir schon dort waren und es sich um einen Irrweg handelt. Wir nehmen dann die andere Alternative und folgen ihr solange, bis sie sich ebenfalls als falsch erweist – oder aber der richtige Weg ist!“
Ich nehme nicht an, dass die beiden meinen Ausführungen folgen konnten, aber das ist mir gleichgültig. Eigentlich sollten sie sich für den Rückweg nur merken, dass sie der einzelnen Blutspur folgen müssen, niemals der doppelten. Aber diese Schlussfolgerung zu ziehen möchte ich nun wirklich dem sympathischen Geschwisterpaar selbst überlassen, das mich in diese Sache hineingezwungen hat.
Und so tasten wir uns Weggabelung auf Abzweigung und Versuch auf Irrtum folgend voran. Der Strom des Blutes, der an meiner Hand herab rinnt, versiegt nicht, und irgendwie bin ich dem grauenhaften Türwächter mit seinem vergifteten Rachen sogar dankbar. Trotzdem zolle ich langsam der Verletzung und dem Schlafdefizit Tribut, und je länger wir durch die schier endlosen Gänge wandeln, desto mehr wünsche ich mir einen Krug Wasser. Es ist heiß hier drinnen, und die Zunge klebt mir am Gaumen wie mit einem Klebefluch festgehext.
Endlich – ich habe längst jedes Zeitgefühl verloren – wird es am Ende des Tunnels hell, und als wir näher kommen, blendet ein schier endloses Gleißen unsere tränenden Augen: Wir sind im Zentrum des schwarzen Irrgartens angekommen.
Auri sacra fames.
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Ungelesener BeitragVerfasst: 10. April 2006 14:52 
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10. Kapitel Einladung

Ich muss meine Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen, so hell ist das Licht nach der Schwärze im Irrgarten.
Amycus und Alecto können ebenfalls kaum etwas sehen, taumeln aber mit weit vorgestreckten Armen tastend auf das Zentrum der Lichtquelle zu.
Als sich meine Sehnerven endlich angepasst haben, kann ich es erst kaum glauben und muss mehrfach blinzeln: Mir bietet sich das einmalige Schauspiel von hunderten von Kerzen, die eine absolut irreale Szene beleuchten:
Mitten im Raum steht ein altmodischer, mit einer gehäkelten Spitzendecke bedeckter Tisch mit einer Kanne samt Stövchen darauf und einer zierlich verschnörkelten Porzellantasse daneben. Dazu gibt es frische Zitrone in einem Schälchen, Milchkännchen und Zuckerdose, ein Tablett mit Muffins und Scones, frische Schlagsahne, Erdbeermarmelade und Gurken- oder Sardellensandwiches. Der Teetasse entströmt ein herrlicher Duft nach aromatischem Tee, und der bequeme Sessel lädt zu einer gemütlichen Teestunde ein. Und ich habe solchen Durst, dass ich schon Sterne vor den Augen sehe.
Alecto und Amycus stürzen begeistert auf diese surreale Teeeinladung zu und streiten sich, wer zuerst eine Tasse Tee trinken darf. Beide haben sich bereits hemmungslos von den kostenlosen Köstlichkeiten bedient und kauen mit vollen Backen, während die eine die Kanne hält und der andere die Teetasse in Besitz genommen hat.
„Ich darf mir zuerst einschenken, denn ich habe den Tee!“, triumphiert Alecto und entwischt ihrem Bruder, der nach der Kanne greift. Ein wenig Tee ergießt sich auf den Boden und verströmt einen Geruch, der mich fast alle Vorsicht fahren lässt.
Aber nur eben beinahe. It`s teatime, doch der Gastgeber heißt nicht Madame Puddifoot.
„Ohne Tasse kein Trinken!“, kontert Amycus und weicht seinerseits überraschend elegant der Attacke seiner Schwester aus.
Halb ernst, halb ausgelassen balgen sich die beiden um das Teegeschirr, doch mir rieselt es trotz der Hitze kalt das Rückgrat hinab. Hier liegt ein schwarzmagischer Fluch in der Luft, unvergleichlich viel stärker als der des Zauberspiegels. Ich brauche nicht einmal meinen nutzlosen Zauberstab, um die Drohung in den Fingerspitzen vibrieren zu spüren.
Ich setze mich erst einmal auf den Boden, um mich auszuruhen, während ich den beiden zusehe.
„Habt ihr eigentlich keine Angst, euch mit dem Zeugs da vollzustopfen?“, frage ich in eine Streitpause hinein. „Ich meine … ihr habt nicht vergessen, wo wir sind?“
Amycus guckt erst erschrocken, kaut dann aber fröhlich und genussvoll weiter. „Nein, schmeckt prima und kostet mich nicht einen einzigen lumpigen Sickel! Genau das Richtige nach diesem Gewaltmarsch!“
Alecto stopft sich als Antwort ein Scone mit Sahne und Marmelade in den Mund und kaut demonstrativ. „Hmmmpf hmmmh hm?“
Mein Magen krampft sich sehnsuchtsvoll zusammen, doch ich schüttle den Kopf.
„Nein danke. Ich bin nicht hungrig.“
Alecto zuckt die Schultern und schlägt ihrem Bruder vor: „Pass auf! Ich schenke mir jetzt Tee ein und trinke zuerst. Danach bist du an der Reihe!“
Amycus lehnt natürlich ab, und das Gezanke geht noch einige Zeit hin und her. Mir scheint, als sei ich zu einer Kindergeburtstagsfeier in den Zirkus eingeladen – in dem als Höhepunkt der Vorstellung die Raubtiere auf die Partygäste losgelassen werden.
„Ich bin älter als du!“
„Ich bin größer!“
„Länger, meinst du wohl! Ich als Erstgeborene habe das Vorrecht …“
Ich muss hier weg. So schnell wie möglich. Ich rapple mich auf und tappe mit unsicheren Schritten zurück in Richtung des Labyrinthsystems.
„Wo willst du hin, Severus?!“
Plötzlich sind die beiden Streithähne wieder ein Herz und eine Seele.
„Zurück. Ich bin fertig.“ Ich drehe mich um und kümmere mich nicht um ihr „Crucio!“-Gebrüll. Ihre Zauberstäbe sind hier, auf des Dunklen Lords ureigenstem Terrain, genauso nutzlos wie meiner.
Doch ich habe nicht damit gerechnet, dass ich ein paar harte Tage hinter mir habe, meine Hand seit werweißwielange blutet und die Geschwister zu zweit sind. Im Handumdrehen haben sie mich eingeholt und gegen die Wand gedrängt.
„Ohne uns gehst du nirgendwo hin! Du dachtest wohl, du könntest uns hier so einfach sitzen lassen und uns damit loswerden, was?“, kreischt Alecto und schüttelt mich heftig, während ihr Bruder grob meinen Arm umklammert.
„Tatsächlich, so in etwa habe ich mir das gedacht.“, bestätige ich müde, „Wenn ihr also mit zurückkommen wollt, bevor ich komplett zusammenklappe, solltet ihr euch beeilen. Und lasst die Finger von dem Zeugs da, es ist verflucht!“
Sie lachen mich aus und schleppen mich zu dem Teetisch, um sich weiter zu zanken.
„Werft doch einfach eine Münze!“, schlage ich vor. Der Teeduft bringt mich um.
Entzückt wird mein Vorschlag befolgt, und Alecto gewinnt mit Zahl.
Amycus rückt mit zitronensaurer Miene die Tasse heraus, und Alecto schenkt sich Tee ein.
Die Kerzen flackern, und mein Herz macht einen seiner unangenehmen Sprünge. Dann hebt eine klagende, süße Melodie an, die dem Ausguss der Teekanne entspringt wie dem verlockenden Mund der Veela: „Wer aus dieser Tasse trinkt, dem wird alles zu Gold, was ihm unter die Hände kommt! Darum, Fremder, sei Helgas Gast und lass dich reich beschenken!“
Ohne unterlass wiederholt die samtweiche Stimme ihr Versprechen, und meine Hände werden taub, weil sich alles Blut, das noch in mir ist, zum Herzen hin zurückzieht.
Alecto klatscht entzückt in die Hände, ergreift die Teetasse wie einen Siegerpokal und hebt ihn andächtig zum Mund, um einen Schluck daraus zu trinken.
Amycus und ich warten gespannt, beide von Neid zerfressen: Der eine voll Eifersucht auf das Versprechen von unendlichem Reichtum, der andere voll Sehnsucht nach der Flüssigkeit.
Nichts passiert. Alecto setzt die Tasse vorsichtig auf dem zierlichen Tellerchen ab und betrachtet ihre Hände erwartungsvoll.
Sie sehen aus wie immer: Alt und runzlig und nach Hautcreme schreiend.
Amycus runzelt die Stirn. „Vielleicht musst du noch Zucker oder Zitrone hineintun?“
Alectos verwirrter Gesichtsausdruck glättet sich. Erfreut befolgt sie den Vorschlag und greift nach einem Zuckerstück …
… das sich augenblicklich in einen goldenen Würfel verwandelt.
Sie stößt einen spitzen Freudenschrei aus und fasst nach einem Muffin, der ebenfalls sofort zu Gold und damit ungenießbar wird.
Alecto verfällt übergangslos in einen wahren Goldrausch und grabscht wahllos alles an, was ihr in die Quere kommt, während Amycus ohne zu zögern nach der Tasse greift, sich einschenkt und den brühheißen Tee hinabstürzt wie ein Verdurstender.
Ich sehe die Zeit gekommen, mich zurückzuziehen, als Amycus achtlos die Tasse samt Untertasse zu Boden gleiten lässt und seiner Schwester folgt, um alles, was ihm unter die Hände gerät, in gleißendes, glitzerndes Edelmetall zu verwandeln. Die Tasse knallt mit einem lauten Scheppern auf den Steinboden, bleibt aber wundersam unbeschädigt, genauso wie die hauchzarte, durchscheinende Untertasse, die eigentlich in Scherben liegen müsste. Mir dämmert, dieses Porzellanensemble ist die Ursache für all die Magie, mit der unser Herr diesen Ort schützt.
Ich streife mein Hemd über den Kopf und wickle in einer schnellen Bewegung Tasse nebst Untertasse darin ein, bevor ich mich so schnell mich meine Beine tragen auf den Rückweg mache. Wenn dieses grässliche Porzellan so wichtig ist für den Dunklen Lord, könnte sein Besitz eine Lebensversicherung für mich sein, die ich vielleicht einmal als letzten Trumpf einsetzen kann, wenn es mir an den Kragen gehen soll.
Der schwarze Steinwall, der den Irrgarten bildet, scheint unter meinen Füßen zu vibrieren und zu brodeln, und das lavaglühende Licht wird stärker und stärker. Von ferne höre ich Donner grollen, doch hier, so tief unten im Schlund von Babajaga, kann kein natürliches Unwetter sich damit ankündigen. Das Donnern klingt auch nicht wie sonst, sondern irgendwie … doppelstimmig?
Ich werfe am Eingang des Irrgartens einen letzten Blick über die Schulter, und meine Hände klammern sich erschrocken um das verfluchte Teedings in meinem Hemd.
Amycus und Alecto haben bereits Beistelltischchen, Sessel und eine große Anzahl der Kerzen in pures Gold verwandelt und betasten nun die schwarzen Wände, die sich unter ihrer Berührung in Gleißen und Glitzern verwandeln. Schließlich begegnen sich die beiden, wechseln einen irre verzückten Blick und fallen einander strahlend vor Glück in die – goldenen Arme. In dem Moment, in dem sich beider Hände berühren, verwandelt sich der jeweils andere in eine kalte, seelenlose Statue aus Metall.
Ich drehe mich auf dem Absatz um und renne, was das Zeug hält, immer meiner eigenen, einfachen Blutspur nach. Hinter mir erhebt sich ein Getrappel, das nicht menschlich sein kann.
Die Angst verleiht mir zwar leider keine Flügel, aber neue Kräfte, und so sprinte ich die Gänge entlang, so schnell ich kann. Trotzdem kommt das, was mir nachsetzt, wie in einem Alptraum, aus dem ich nicht erwache, näher und immer näher. Schlitternd nehme ich die Kurven, verpasse eine Abzweigung, verliere wertvolle Sekunden Vorsprung. Ich bin es so leid, vor irgend welchen Monstern fliehen zu müssen, und im Rückblick erscheint mir der Hippogreif geradezu putzig gegenüber dem donnernden, mächtigen Untier, das mich verfolgt. Mit letzter Kraft, schmerzenden Rippen und pfeifendem Atem renne ich, renne, renne um mein Leben und sehe endlich Licht am Ende des Ganges, und das Untier hat mich jetzt fast eingeholt. An mein Ohr dringt ein unmenschliches Brüllen, tief und wild und archaisch wie von einem Ur, und sein heißer Atem scheint meine nackten Schultern schon zu streifen, da …
Geschafft! Ich bin aus dem Irrgarten heraus und stehe wieder vor der Tür, die … verschlossen ist wie zuvor. Der grausige Fischkopf glotzt mich erwartungsvoll an und klappert froh mit den Zähnen.
Nein. Nein, ausgeschlossen! Ich stecke nie wieder irgendetwas zwischen diese grauenvollen Kiefer! Eher nehme ich es mit dem unbekannten Dings hinter mir auf.
Sofort bereue ich diesen Entschluss. Hinter mir steht, mich beinahe um das doppelte überragend, eine entsetzliche Mischung aus Mensch und Tier. Die säulenartigen Beine, der mächtige Brustkorb, die muskelbepackten Arme sind die eines Menschen. Der Kopf ist der eines Stieres, gekrönt von unglaublich langen und spitzen Hörnern, die matt schimmern wie gehärteter Stahl, und dort, wo eigentlich Füße sein sollten, steht es auf mächtigen paarigen Hufen. Die Augen des Stiermannes quellen blutunterlaufen hervor und gleichen so gar nicht denen einer sanften Kuh – es sind die eines Menschenfressers.
Der Minotaurus legt seinen Kopf zurück und stößt ein Brüllen aus, das Risse in den bisher makellos schwarzen Obsidian treibt, während er in höchstem Zorn die mächtigen Fäuste gen Himmel schüttelt.
Ich habe wenig Zeit, meine zahlreichen und mannigfaltigen Sünden zu bereuen, darum drehe ich mich mit dem Rücken zur Wand, als das Ungeheuer schon mit solcher Wucht auf mich zustürmt, das der Boden schwankt wie ein Schiffsdeck. In letzter Sekunde winde ich mich zur Seite, und die Hörner streifen meine Rippe nur, anstatt sie zu durchbohren. Ich tauche unter den Pranken des Stierwesens hindurch, das nach mir schlägt und bin froh, dass ich weder Umhang noch Hemd trage, an dem mich das Monster erwischen kann. Noch dreimal entkomme ich mit letzter Not den Hörnern und Händen, bis er mich beim vierten Mal endlich an meinem verletzten Arm erwischt und meinen Unterarm sofort wie mit einem Schraubstock umklammert hält.
Langsam, wie um mit mir zu spielen, zieht er mich zu sich heran, bis ich seinem nach Büffel stinkenden Atem nicht mehr ausweichen kann. Ebenso spielerisch senkt er den Kopf und zieht die Spitzen seiner Hörner über meine Brust. Sie hinterlassen zwei Schnitte wie von meinem Rasiermesser. Das Stierantlitz entblößt grausam lächelnd ein Gebiss, das den fischigen Türwächter wie ein zahnendes Baby aussehen lässt.
Ich bin noch nicht tot - nur beinahe. Und ich halte immer noch mit meinem gesunden Arm die Teetasse in meinem Hemd umklammert.
Ich stoße mit aller Kraft, die mir geblieben ist, zwei Finger meiner verletzten Hand in das grässliche Auge des Monsters. Als es brüllend wie ein Orkan zurückzuckt, setze ich mit einem Stoß in das andere Auge nach. Das Monster prallt ein paar Schritte zurück, hält sich die verletzten Augen, die noch blutunterlaufener sind als zuvor, und entblößt die Zähne. Es möchte wohl nicht weiter mit mir spielen.
Leichtfüßig tänzeln die Hufe an den Menschenbeinen ein paar Schritte zurück, ein letztes Mal nimmt der Minotaurus Maß, um mich mit seinen wütend gesenkten Hörner aufzuspießen wie auf einer Gabel. Ich habe zwei Wimpernschläge Zeit, mich zu retten, und wenn ich mich auch nur um einen Zentimeter irre …
Ich reiße Tasse und Untertasse aus meinem Hemd, knicke in den Knien ein und halte dabei die verfluchten Gerätschaften an die Stelle empor, an denen sich eben noch mein Oberkörper befand.
Die Hörner des Minotaurus bohren sich jedes mit einem grässlichen Knacken in das feine Porzellan, das wie in Zeitlupe erst einen feinen Riss bekommt und dann in tausend Teile zersplittert.
Wie vom Blitz gefällt stürzt der Stiermensch auf mich und begräbt mich unter seinen Muskelmassen. Ich kann nicht atmen, er ist so schwer, ich winde mich und strample, denn ich weiß, wenn ich mich nicht befreien kann, dann …
Auf einmal ist das tonnenschwere Gewicht von mir genommen, und ich rolle das, was auf mir liegt, mit einer allerletzten Anstrengung zur Seite. Minutenlang, nein, wohl stundenlang liege ich dort, nur auf meine Ellenbogen gestützt, und sauge keuchend Luft in meine Lungen. Ich kann es nicht fassen, dass ich immer noch am Leben bin!
Die verfluchte Teetasse und ihr Teller liegen zerschmettert auf dem Boden. Angeekelt schubse ich ein paar Scherben zur Seite und bemerke, dass das Monster, das mich angegriffen hat, verschwunden ist. Neben mir liegt nun ein Mensch, und wieder liegt er mit dem Gesicht nach unten reglos auf dem kalten Stein.
Ich habe meine Bewegungen kaum unter Kontrolle, als ich zu ihm krieche und ihn umdrehe, halb gespannt, halb ängstlich, welche Teufelei mich nun wieder erwartet. Trägt er Dumbledores Gesicht? Mein eigenes? Das des Dunklen Lords, den ich bestohlen habe?
Im ersten Moment ist meine Erleichterung grenzenlos, denn ich glaube, den Toten nicht zu kennen. Dann wieder der vertraute, verhasste Schlag in die Magengrube: Doch, ich weiß, wer es ist. Und das von den Gefangenen in den Verliesen unter dem Bergfried war doch kein abergläubisches Altweibergeschwätz.
Der Tote ist ein Mann namens Florean Fortescue. Er betrieb ein Eiscafé in der Winkelgasse - ein völlig harmloser, freundlicher, aufmerksamer Zeitgenosse mit guten Manieren und leckerem Eis. Als ich mich einmal mit Dumbledore in seinem Café traf – ich hatte damals erst vor kurzem den Todessern den Rücken gekehrt – war er außer Dumbledore der einzige, der mich nicht wie einen Aussätzigen behandelte. Und das nur auf Dumbledores Wort hin.
Die Erinnerung drückt mich unter Wasser, und es dauert lange, bis ich wieder oben schwimme und mich soweit beruhigt habe, dass ich mir meiner Lage bewusst bin.
Trotz allem, ich muss hier raus. Und zwar schnell, bevor mich der Dunkle Lord hier entdeckt. Ich habe nämlich keine Ahnung, ob ich hier zwei Stunden oder zwei Tage zugebracht habe.
Ich schleife Floreans Leiche zum Türwächter und stecke ihren Arm zwischen die Kiefer des Fisches. Er knirscht und mahlt noch, als ich mich durch den Türspalt drücke. Draußen auf dem Gang ist niemand zu sehen. Ich ziehe den Zauberstab aus dem Gürtel, beschwöre einen Becher herauf und fülle ihn mit klarem, frischem Wasser. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir etwas jemals größeren Genuss bereitet hätte als dies, und ich trinke, bis ich schier platze.
In meiner Kammer liegt ein Zettel auf dem Tisch, der mir mitteilt, Draco habe bis zum späten Abend auf mich gewartet und sei dann zu Bett gegangen. Der Spiegel ist wie besprochen präpariert, und Draco wünsche mir eine gute Nacht.
Ich bereite etwas Murtlabessenz zu, gemischt mit Beinwell, Spitzwegerich und Weasleys Paste und streiche die Mischung auf den zerfetzten Arm. Die Wunden sehen nicht gut aus, hören aber endlich auf zu bluten. Ich suche noch nach den Drachenhauthandschuhen, die ich zum Aussortieren von Flubberwürmern benutze, als mein Blick auf die Bücher fällt, die mir auf den Kopf prasselten, als Amycus und Alecto an die Tür klopften. Ich will sie gerade mit einem Schwenk meines Zauberstabes zurück ins Regal befördern, als mir die aufgeschlagene Seite eines Muggelbuches ins Auge sticht.
Mein neuer Patronus ist dort abgebildet – und er ist ein Rikki-Tikki-Tavi.
Nosce te ipsum.
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Zuletzt bearbeitet von polaris am 14 Apr 2006 6:21, insgesamt einmal bearbeitet


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Kapitel 11. Lügen haben dicke Beine

Ich trage meiner Hauselfe auf, Draco mitzuteilen, dass der Unterricht am nächsten Tag ausfallen wird und befehle ihr, mich nur dann zu wecken, falls eine größere Katastrophe eintreten sollte oder der Dunkle Lord nach mir verlangt – was ohnehin keinen besonderen Unterschied macht.
Ich schlafe wie ein Stein und werde erst wieder wach, als das Dunkle Mal auf meinem Arm unter dem Drachenhauthandschuh zu brennen beginnt und auch diesmal lasse ich mir Zeit mit den Vorbereitungen. Der Zauberspiegel meines Herrn ist fertig, Draco hat hervorragende Arbeit geleistet. Der Spiegel verdient einen besonderen Auftritt, während alle schon in der Halle versammelt sind.
Die Hauselfe hat tatsächlich vor meiner Tür auf einem Lumpen zusammengerollt übernachtet, um meinen ungestörten Schlaf zu bewachen. Als ich die Türe aufreiße, um nach ihr zu rufen, blickt sie mich so ängstlich und unterwürfig an, dass ich gleichzeitig ein schlechtes Gewissen und Wut verspüre. Warum lassen sich die Dinger eigentlich alles von ihren Herren gefallen, ohne jemals aufzumucken? Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem sogar ich vor dem Dunklen Lord … Allerdings kann ich mich nicht erinnern, jemals eine Hauselfe misshandelt oder gar getötet zu haben, obwohl beides durchaus vorkommen soll.
Andererseits – wer hält sich eigentlich freiwillig ein Haustier, das einen auch noch anwinselt, wenn man es tritt? Muggel kaufen sich dafür gewöhnlich einen Hund. Den Saurüden Fang hörte ich allerdings niemals winseln, also kann das nicht der Grund sein, warum Hagrid … Was ist eigentlich aus Fang geworden? Hagrids Hütte brannte lichterloh; das Tier war darin eingeschlossen und heulte und jaulte und Hagrid kann nicht zaubern und besitzt auch keinen Zauberstab. Dabei hängt er so an seinem Getier und obwohl ich persönlich weder Fang noch das andere Kroppzeug ausstehen kann, so würde ich mir wünschen …
Bevor mich mein Gedankengang allzu weit in diese verfluchte Nacht hineinführt, schwenke ich wieder zu meinem gegenwärtigen Problem. Wenigstens sucht sich Hagrid, auch wenn er ein bisschen beschränkt ist, Haustiere aus, die ihm nicht aus Furcht, sondern aus freiem Willen gehorchen.
Betont sachlich teile ich der Elfe mit, sie möge ratzeputz ihren Schlaflumpen von meiner Türschwelle entfernen und anschließend Goyle herbeiholen, damit dieser den Zauberspiegel in die Halle trägt. Der Spiegel scheint mir bei eingehender Betrachtung der Elfenstatur jedenfalls viel zu schwer für die mickrige Hauselfe, auch wenn sie hastig und zitternd das Gegenteil beteuert, vor mir auf die Knie fällt, meine Füße umklammert und mir ihre Dienste mit devotem Gejammer aufdrängt. Als sie dazu auch noch in Tränen ausbricht, verliere ich die Geduld und frage, ob sie mit der Verfahrensweise im Hause Black hinsichtlich zu alt gewordener Hausdiener vertraut sei und sie verschwindet vor Eile fast die Treppe hinunterstürzend– endlich! Natürlich hat sie den Schlaflumpen liegen lassen.
Seufzend verwandle ich ihn in ein schwarzes Tuch und verhänge damit die Spiegelfläche – schließlich möchte ich die versammelten Todesser nicht in männliche Veelas verwandeln.
Der Doppelgesichtsfluch macht Zauberspiegel renitent gegenüber „Vingardium leviosa“, so dass ich zwar Goyle den manuellen Transport überlassen muss, jedoch zur Sicherheit ein paar Schritte hinter ihm bleibe, um im Notfall eingreifen zu können.
Als wir die Halle betreten, starren uns alle Todesser erwartungsvoll an. Der Dunkle Lord spricht mit Bellatrix Lestrange, die es wieder auf den Platz an seiner Rechten geschafft hat und mir einen triumphierenden Blick zwischen langen Wimpern hindurch zuwirft, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ganz und gar den Worten unseres Herrn und Meisters hingibt. Ich zucke mit den Schultern. Meine Zeit kommt, soviel ist sicher.
Goyle tappt unter der Last des Spiegels mit vor Anstrengung und Konzentration knallrotem Gesicht vor mir her. Kein Wunder, denn ich habe ihm versprochen, künftig Fleischtomaten aus seinem Allerwertesten wachsen zu lassen, falls er mich mit seiner Ungeschicklichkeit vor dem Dunklen Lord blamieren sollte.
Als wir uns dem Thron bis auf wenige Schritte genähert haben, geruht der, dem nichts entgeht, auf uns aufmerksam zu werden und bringt die Menge mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen. Nur noch Goyles Keuchen ist zu hören.
Ich wende mich um und halte nach Draco Ausschau, der am Tisch neben seinem Onkel Rodolphus sitzt und einen Krug Butterbier in der Hand hält. Ich fordere meinen Schüler mit einem Nicken auf, zu mir zu kommen. Ich möchte, dass der Dunkle Lord von seinem Anteil an der Spiegelmagie erfährt. Eine meiner Eitelkeiten: Ich bin stolz auf meine Schüler, wenn ich es geschafft habe, ihnen etwas beizubringen.
Als ich mich wieder dem Thron zuwende, ist die Katastrophe schon im vollem Laufe und nicht mehr abzuwenden: Wurmschwanz hat unter dem Tisch seinen Fuß vorgestreckt und grinst heimtückisch, während Goyle, vom Spiegel sowohl in der Sicht behindert als auch leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, schon darüber stolpert. Ich denke noch „Vin…“, als der Spiegel bereits mit ohrenbetäubendem Klirren auf den Stufen direkt vor den Füßen des Dunklen Lords in hunderttausend winzige Splitter zerstäubt.
Der Gesichtsausdruck dessen, der Dummheit nur verzeiht, wenn sie ihm nützt, ist mörderisch. Ich streife lässig meinen zweiten Drachenhauthandschuh über, bevor ich Goyle eisig anfahre: „Aus dem Weg, Idiot! Verschwinde, bevor ich mich vergesse!“
Goyle, das Seelchen, denkt an Fleischtomaten, fasst sich ans Hinterteil und wird bleich. Als ich ihn wütend anfunkle, kapiert er endlich und hat sich bereits halb umgedreht, um mir so schnell wie möglich aus den Augen zu kommen, da donnert unser Herr: „Hier geblieben, Goyle!“
Der Angesprochene erstarrt, dreht sich um und wird tiefrot. Tomaten sind eindeutig sein Gemüse. Wenn mein Magen sich nicht ständig in einen Eiswürfel verwandeln würde, könnte ich hier richtig Spaß haben.
„Ich bring das schnell in Ordnung.“, werfe ich ein und stoße das Riesenbaby zur Seite, um mit dem Zauberstab die Bescherung aufzuräumen.
„Nein, Severus, das wird Goyle erledigen. Er hat ja schon bewiesen, dass er dazu in der Lage ist.“ Der, von dem man sich besser nicht bei einer Lüge erwischen lässt, lächelt milde.
Ich verzichte auf einen Kommentar, stoppe Draco, der sich durch die Todesser zu mir hindurch drängeln will, mit einem warnenden Blick und verschränke die Hände samt Zauberstab hinter dem Rücken.
„Hurtig, Goyle!“, fordere ich, „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“ Bedauerlicherweise glaube ich nicht an Wunder.
Goyle zieht den Zauberstab, zupft sich mit gerunzelter Stirn an der Unterlippe und fragt treuherzig in das Schlangengesicht hinauf: „Was muss ich da noch mal sagen, bitte?“
Mich packt ein beinahe unbezwingbarer Hustenreiz, wie anscheinend einige andere auch, die plötzlich wichtige Dinge unter dem Tisch zu entdecken haben.
Die Augen des Schlangengleichen beginnen zu glühen.
„Reparo, Goyle!“, zischt er.
Goyle grinst selig.
„Ach, ja! Genau das hat Severus auch gesagt!“
Ich hebe die Augenbrauen in gespielter Verzweiflung, als mein Blick dem des Dunklen Lords begegnet. Obwohl ich da im Moment nicht viel spielen muss.
Goyle schwenkt nun ausladend und hoffnungsfroh den Zauberstab und nuschelt: „Repapillo!“
Die Scherben des Zauberspiegels und das Tuch fahren auf wie von einer Orkanböe erfasst, drehen sich wild im Kreis und verwandeln sich in einen Wirbel aus … Schmetterlingen, die um eine riesige, schwarzgeränderte Blüte herumtorkeln.
Ich hoffe inständig, dass Draco sich in den nächsten Minuten an sein Versprechen erinnert und riskiere einen sehr kurzen, sehr eisigen Blick in die Richtung meines Schülers, der sich prompt ein wenig weiter zurückzieht und das Schauspiel nun zwar verwirrt, jedoch aus sicherer Entfernung betrachtet.
Goyle starrt zuerst beglückt auf die tanzenden Schmetterlinge, dann verwirrt auf den Zauberstab und stammelt schließlich: „Aber letztens konnte ich`s doch!“
Ich schließe die Augen und atme tief ein und aus, bevor ich sie wieder öffne.
In den Sekunden, die dies gedauert haben mag, ist ein Wunder geschehen. Der Schmetterlingstornado ist verschwunden, der Spiegel in seiner alten Pracht wiederhergestellt und von schwarzem Samt verhüllt. Makellos und ohne einen einzigen Kratzer auf dem Rahmen schwebt er in Augenhöhe wie mit einem Klebefluch fixiert über der untersten Stufe zum Throne dessen, der nun ebenfalls überrascht erscheint.
Goyle fasst sich als erster und klatscht freudig die Hände auf seine Schenkel. „Wusste ich`s doch, dass ich gut zaubern kann!“ Stolz blickt er in die Runde, die zwischen völlig verblüfft und unendlich erleichtert zurückgafft.
Ich blicke auf zu meinem Herrn und Gebieter, um vom Antlitz des Schlangengleichen abzulesen, ob Wurmschwanz es endlich geschafft hat, sich an mir für die gefährliche Spionage im Zentaurenlager sowie die spätere, durch seine dumme Großspurigkeit allein verursachte Bestrafung durch den Dunklen Lord zu rächen.
Eine winzige Bewegung unterm Tisch, direkt neben dem Dunklen Lord. Ich bin mir sicher, mich nicht geirrt zu haben und blinzle Bellatrix verwirrt an.
Sie grinst höhnisch, legt beiläufig den Zauberstab auf den Tisch und wendet sich an unseren Herrn: „Schade. Ich hätte Goyle gerne das Tanzen beigebracht!“
Alles lacht – außer mir und Goyle – und ich fange ihren Blick auf. Sie zieht spöttisch eine Braue in die Höhe und ich blinzle ein weiteres Mal. Ich dachte immer, Bellatrix könne sich nichts Schöneres vorstellen, als mich hier vor allen Leuten zur Schnecke machen zu dürfen – und jetzt verzichtet sie nicht nur freiwillig darauf, sondern hilft mir auch noch aus der Klemme? So wahrscheinlich wie Frieden auf Erden.
„Setz dich neben Bellatrix, Severus! Wir haben viel zu besprechen!“ Der Dunkle Lord hat beschlossen, heute in nachsichtiger Stimmung zu sein.
Erleichtert zische ich dem verlegen herumstehenden Goyle im Vorbeigehen ins Ohr, aus seiner Hose rage hinten etwas Grünes - woraufhin er zu Tode erschrocken davonrennt - bevor ich mich auf den Platz neben Bellatrix setze.
„Der Spiegel ist fertig, wie ich sehe.“ Der Meister beugt sich an Bellatrix vorbei zu mir hinüber. Nagini hat sich um seinen Oberkörper und Arm geschlungen, so dass mich die beiden jetzt vieräugig und ohne Lidschlag fixieren.
„Jawohl, mein Lord. Ich hoffe, dass Euch das Ergebnis zusagt.“ Ich setzte ein arrogantes Lächeln auf, dass ich gleichzeitig im Gesicht meines Herren wieder finde.
„Auf dich ist immer Verlass, Severus. Ich bin erfreut!“
Höchstes Lob aus diesem Mund.
„Danke, Herr.“
„Ich werde dir eine weitere Unterrichtsstunde in schwarzer Magie gewähren. Gibt es ein spezielles Thema, über das du mehr erfahren möchtest?“
Oh, unser Herr und Meister ist wieder einmal zu gütig! Jetzt darf ich mir auch noch aussuchen, was ich lernen will …
„Ich möchte gerne wissen, ob es eine Möglichkeit gibt …“, ich stocke, denn ich weiß nicht recht, wie er die Frage aufnehmen wird. Seine Stimmungsschwankungen sind legendär.
„Ja? Nur zu, mein treuer Diener, nicht so bescheiden!“
Ich gebe mir einen Ruck. Man muss ja auch mal an sich selbst denken, oder?
„Herr, ich möchte gerne erfahren, wie man unverwundbar wird. Ich meine, ohne Drachenhaut, Lindwurmblut oder andere Hilfsmittel.“ Mir tun alle Gräten weh. Noch so ein Abenteuer und ich krieche am Morgen auf allen Vieren in die große Halle oder Goyle darf mich auf dem Seniorenbesen durch die Gänge schubsen und mir die Schnabeltasse anreichen.
Nagini züngelt bedrohlich. Zwischen den Augen unseres Meisters bildet sich eine argwöhnische Falte.
„Wozu willst du das wissen, Severus?“
Ich ziehe die Schultern hoch und fröstle. Manches Unbehagen muss man nicht spielen. Ich ahnte schon, dass Unverwundbarkeit heikel werden könnte.
„Die Begegnung mit dem Nachtmahr war … ein wenig anstrengend für mich, wie ihr wisst. Ich gehe auf die vierzig zu.“
Der Dunkle Lord lacht eines seiner seltenen, schallenden Gelächter. Das Portrait von Edelgard der Eingebildeten auf dem Gemälde hinter ihm rümpft missbilligend die Nase, sieht aber von einem Kommentar ab. Sie ist ebenfalls mit dem irrwichtenden Temperament unseres Gebieters vertraut, wie die Schweinsohren unter der Ringellöckchenfrisur zeigen.
„Severus, ich kenne niemanden der so praktisch denkt wie du – außer mir natürlich!“, lacht mein Herr. „Reicht das Blutsverrätergebräu also nicht aus, dich vor meiner Macht zu schützen?“
Ich schüttle den Kopf. „Wie ihr schon sagtet, Herr: Eure Magie ist einfach …“, ich suche nach dem rechten Wort, „… unvergleichlich!“
Mein Herr ist geschmeichelt, und sogar Nagini züngelt entzückt.
Der Dunkle Lord tätschelt ihr den Kopf und fährt fort: „Zurück zu meiner Bewerbung als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Severus: Wie lange wird die gestaltwandelnde Wirkung des Doppelgesichtsfluches anhalten?“
„Maximal drei Tage. Dann müsst ihr wieder in den Spiegel blicken, damit ihr euch nicht zurückverwandelt.“
Nagini windet sich um seinen Arm und die dünnen Finger des Dunklen Lords gleiten sanft, beinahe zärtlich über die Schuppen der Schlange. „Nun, drei Tage reichen absolut aus. Gibt es sonst noch etwas, dass ich wissen sollte?“
„Nein.“
„Nun, dann will ich mir dein Werk einmal anschauen!“ Er erhebt sich und lässt Nagini vorsichtig zu Boden gleiten. Wenn ich nicht wüsste, dass meinem Herren die Gefühle anderer Geschöpfe gleichgültig sind, würde ich vermuten, er mag dieses ekelhafte, heimtückische Monster.
„Draco hat mir bei der Modifikation des Zauberspiegels assistiert. Er ist ein sehr gelehriger Schüler.“, berichte ich, während wir gemeinsam die Stufen hinab schreiten – ich natürlich drei Schritte hinter dem Dunklen Lord.
Unser Herr nickt abwesend, ganz konzentriert auf den Spiegel.
Das Raunen und Tuscheln im Saal verstummt. Mit einem beiläufigen Schwenk des Zauberstabes werden die Feuer in den Kohlebecken kleiner, nur der unmittelbare Bereich um den, der einen untrüglichen Sinn für große Auftritte hat, bleibt hell erleuchtet.
Der Dunkle Lord dreht den Todessern den Rücken zu und baut sich vor dem Spiegel auf.
„Zeig her, Severus!“
Ich entferne mit den Drachenhauthandschuhen sanft ein Staubkorn vom Rahmen und überlege, ob die Position des Spiegels nicht doch etwas ungünstig ist, schließlich wird wider Erwarten beinahe jeder außer Bellatrix über die Schulter unseres Herrn in den Spiegel sehen können. Dann entscheide ich jedoch, dass eine Änderung jetzt und hier zu auffällig wäre. Ich poliere schnell noch mit den behandschuhten Fingerspitzen einen fettigen Fingerabdruck weg, um dann mit einer fließenden Bewegung das Samttuch von der Spiegelfläche zu ziehen.
Sic transit gloria mundi.
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 18. April 2006 21:58 
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Hallo Polaris

Deine FF ist die dritte, die ich bereits zwei mal aufmerksamst gelesen habe, mit Hochgenuss. Wenistens den Teil, den du bisher veröffentlicht hast.

Zitat:
Ich trage meiner Hauselfe auf, Draco mitzuteilen, dass der Unterricht am nächsten Tag ausfallen wird und befehle ihr, mich nur dann zu wecken, falls eine größere Katastrophe eintreten sollte oder der Dunkle Lord nach mir verlangt – was ohnehin keinen besonderen Unterschied macht.

Du schaffst es, glaubwürdig einen Severus zu zeichnen, der Voldemort aus völlig eigenen Beweggründen dient, obwohl er ihn fürchtet und obwohl er es tunlichst vermeidet, diesem seine Gedanken unpräpariert zur Ansicht anzubieten. Der wohl weiss, wie unberechenbar und launisch sein "Her und Gebieter ist", weiss, dass er sich in der Höhle des Löwen begibt, und alles trotzdem unbeirrt weiter tut, weil er sich von ihm etwas erhofft, das ihm sonst niemand bieten kann.

Zitat:
„Hurtig, Goyle!“, fordere ich, „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“ Bedauerlicherweise glaube ich nicht an Wunder.
Goyle zieht den Zauberstab, zupft sich mit gerunzelter Stirn an der Unterlippe und fragt treuherzig in das Schlangengesicht hinauf: „Was muss ich da noch mal sagen, bitte?“
Mich packt ein beinahe unbezwingbarer Hustenreiz, wie anscheinend einige andere auch, die plötzlich wichtige Dinge unter dem Tisch zu entdecken haben.
Die Augen des Schlangengleichen beginnen zu glühen.
„Reparo, Goyle!“, zischt er.
Goyle grinst selig.
„Ach, ja! Genau das hat Severus auch gesagt!“

Zum Gück hat Severus ein gesundes Herz. Asketisches Leben lohnt sich also doch!

Zitat:
Nagini züngelt bedrohlich. Zwischen den Augen unseres Meisters bildet sich eine argwöhnische Falte.
„Wozu willst du das wissen, Severus?“
Ich ziehe die Schultern hoch und fröstle. Manches Unbehagen muss man nicht spielen. Ich ahnte schon, dass Unverwundbarkeit heikel werden könnte.
„Die Begegnung mit dem Nachtmahr war … ein wenig anstrengend für mich, wie ihr wisst. Ich gehe auf die vierzig zu.“

Da muss ich aufpassen, wo ich diesen Teil beim nächstem mal lese. Es ist nicht ratsam, in der Öffentlichkeit loszubrüllen vor lachen.

Eine kleine bitte hätte ich noch. Mein Latein ist nicht nur angerostet, es gibt kaum Hoffnung, dass ich deine treffenden Sprüche je wider verstehen wird. Tust du mir den Gefallen und erklärst (noch besser: übersetzt) du sie?


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Ungelesener BeitragVerfasst: 22. April 2006 14:01 
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Liebe Eowin,

wie immer vielen Dank für deine hilfreichen Reviews - wenn die Leser wüssten, wie oft man als Schreiber einer Geschichte Hinweise aus den Reviews beachtet oder über Bemerkungen nachgrübelt (Kluge Leute bemerken kluge Dinge!), würden sie wahrscheinlich öfter mal einen Kommentar hinterlassen, über die sich der Schreiber dann freuen oder auf denen er dann herumkauen kann ... :)

Liebe Kathrina,

auch Dir danke für dein Review! Die Sprüche habe ich selbst gegooglet, mein Latein ist ein wenig fadenscheinig geworden mit den Jahren, und natürlich hat mich hier jemand schon beim falschen Kasus erwischt. Aber weil der Spruch entweder einen Kommentar zum vorstehenden Kapitel oder einen Hinweis für das nächste darstellt, habe ich mich entschlossen, diese kleinen Rätsel einfach mal so stehen zu lassen, ohne sie übersetzen. Wer mag, kann googlen, wer nicht mag, hat nichts Wichtiges verpasst.


Kapitel 12. Die Ruhe vor dem Sturm

Ein Aufstöhnen geht durch die Menge. Alle blicken über die Schulter des Dunklen Lords und damit hinab in dessen Seele. Einige halten entsetzt den Atem an, ein paar Stühle kippen, einige unterdrücken einen Aufschrei. Rabastan Lestrange, Rodolphus Bruder, der kurz zuvor noch seiner Nachbarin gierig ins Dekolleté gestarrt hat, übergibt sich nun in den Ausschnitt der Dame.
Der Dunkle Lord jedoch betrachtet entrückt sein eigenes, perfektes Spiegelbild und bekommt von dem Aufruhr um ihn herum nichts mit. Ich mache mir keine Sorgen, dass einer der Todesser den Mumm aufbringen könnte, unserem Herrn und Gebieter mitzuteilen, wie sein wahres Ich auf andere wirkt. So dumm wäre nicht einmal Goyle.
Auf eine knappe Handbewegung des Dunklen Lords hin verstummen alle auf einen Schlag. Selbst das Opfer von Rabastans unvergleichlichem Charme wendet sich hin zu dem Ehrfurcht gebietenden Rücken dessen, der die Welt beherrschen wird.
Mit einem Ruck dreht er sich um – und wieder geht ein Stöhnen durch die Menge, diesmal aber vor ehrlicher Verblüffung.
Der Anblick des Dunklen Lord ist einfach umwerfend: Majestätisch und eindrucksvoll wie der Vorsitzende des Zauberergamot, männlich und verwegen wie ein jugendlicher Heldendarsteller der „Magical Bewitched Company“, weise und gütig wie …
Ich presse die Hand auf den Magen und vermeide es tunlichst, dem Blick des Dunklen Lords zu begegnen.
Da muss ich mir im Moment auch keine Sorgen machen, denn unser Herr und Meister sonnt sich mit hoch erhobenen Armen triumphierend in der Begeisterung seiner Anhänger. Becher und Kleidungsstücke fliegen nach vorne wie auf die Bühne der „Weird Sisters“, einige Frauen fallen in Ohnmacht und Beifall und begeisterte Pfiffe wollen kein Ende nehmen. Manchmal frage ich mich, ob die Todesser insgesamt über das Teenagerstadium hinausgekommen sind.
Während der Dunkle Lord seine Wirkung in vollen Zügen auskostet, nutze ich die Gelegenheit, mich auf meinen Platz neben Bellatrix zurück zu schleichen und nach etwas Trinkbarem Ausschau zu halten. Dabei schnüffle ich kurz an Bellatrix Butterbier. Vielleicht hatte ja jemand Papaver Somniferum oder Tollkirsche in ihren Becher gegeben.
„Nein, Severus …“, bemerkt sie beiläufig, ohne den hingebungsvollen Blick vom Antlitz unseres Herrn zu lösen, „… ich habe kein Wirrkraut in meinem Butterbier und ich bin auch nicht verrückt geworden. Aber dem Dunklen Lord ist nicht entgangen, dass deine Schüler –insbesondere Draco - dir etwas bedeuten.“
Ich schlucke heftig. Ich glaube, Potter beispielsweise wäre da gänzlich anderer Ansicht …
Meine Schuld also. Ich hätte mich besser beherrschen und nicht zeigen sollen, wie stolz ich auf Draco bin.
Bellatrix nickt, als sie ihre Annahmen in meinen Augen bestätigt sieht.
„Genau, Severus. Ich möchte nicht, dass Draco zu Schaden kommt, nur weil unser Herr und Meister dir eine Lektion erteilen will!“
Ich stöhne innerlich. „Woher wusstest du, dass …?“
„…Goyle, dieser Trottel, den Zauberspiegel vor ein paar Tagen zerschmissen hat? Von Pettigrew natürlich! Hat sich beinahe ins Höschen gemacht, unser Wurmschwanz, als er sich ausmalte, was der Dunkle Lord wohl mit Goyle anstellen wird, wenn er merkt, dass sein schwerfälliger Leibwächter tatsächlich ein Squib ist!“
„Goyle ist kein Squib!“, protestiere ich hastig, „Er ist ein wenig … langsam.“
Bellatrix lacht wissend, um jedoch sofort wieder ernst zu werden und zum ersten Mal ihre Augen von unserem Gebieter loszureißen.
„Goyle hat am nächsten Morgen überall herumgeprahlt, was für ein toller Zauberer er neuerdings sei. Der Dunkle Lord hat sogar Legilimentik angewandt, doch die Geschichte schien zu stimmen – Goyle war sich sicher, den Spiegel ganz allein repariert zu haben. Aber ich kenne doch diesen Komiker und seinen Kumpel Crabbe! Die hingen doch immer mit dir und Lucius herum. Ich war mir sicher, dass du irgendwie deine Hand im Spiel hattest!“
Ich gebe ein nichts sagendes Schnauben von mir und nehme mir fest vor, Bellatrix Lestrange nicht immer wieder grob fahrlässig zu unterschätzen. Manchmal glaube ich, sie ist tückischer als der Dunkle Lord.
Draco blickt zu uns herüber und will offensichtlich die Halle verlassen. Ich lächle ihm zu und nicke und er verschwindet.
„Ich warne dich, Severus! Ich muss mich wohl damit abfinden, dass Draco dich bewundert. Aber sei auf der Hut, wenn du das nächste Mal heimlich dem Kanonenfutter hilfst. Denn was Draco vielleicht nicht über sich bringen mag – ich werde es tun, verlass dich drauf!“ Bellatrix lacht grausam und ich will mir lieber nicht ausmalen, was sie damit meinen könnte.
Ich verbeuge mich förmlich und erhebe mich.
„Ich werde es nicht vergessen, Bellatrix!“
Ich hoffe, mich ohne weiteres aus der großen Halle fortstehlen zu können, aber leider hat unser Herr und Gebieter endlich genug von den Beifallskundgebungen seiner Anhänger und kehrt zu Bellatrix und mir zurück.
„Wie ich sehe, unterhaltet ihr euch bereits über den Angriff auf die Zentauren?“
Bellatrix und ich tauschen einen Blick und sie sagt: „Severus ist ein wenig unzufrieden über die Einteilung der Mannschaften. Er sagt, Crabbe und Goyle wären ein Klotz am Bein, Draco noch ein Kind, Alecto und Amycus scherten sich um nichts anderes als um Gold und Pettigrew sei ein feiger Verräter! Meinen geliebten Ehemann nannte er sogar ein versoffenes Risiko!“ Sie bleckt schadenfroh ihre Zähne und nimmt einen mächtigen Schluck Butterbier.
„Wieso hast du mir Draco zugeteilt? Er kommt nicht mit, er ist noch zu jung …!“, fauche ich wütend, doch sie fällt mir ins Wort: „Weil der Dunkle Lord wünscht, dass er Erfahrung sammelt. Praktische Erfahrung, nicht nur Theorie!“
Mühsam ringe ich meinen Zorn nieder und richte ihn auf ein anderes Thema, bevor der Dunkle Lord bemerkt, wem er eigentlich gilt.
„Wie sieht eigentlich deine Gruppe aus, Lestrange? Vergewaltiger, brutale Schläger und Tierquäler wie beim letzten Mal? Dein Schwager Rabastan, Macnair, Gibbon, Yaxley?“
Bellatrix ist nicht im mindesten beleidigt und gluckst.
„Du sagst es, Severus. Ich bin mir nicht zu fein, mir selbst die Hände schmutzig zu machen bei der Jagd auf Schlammblüter und dreckige Halbmenschen!“
„Hast du mir deinen Gatten eigentlich als Spion aufgehalst oder hoffst du, er wird mich versehentlich mit seinen ungezielten Flüchen umbringen?“
Bellatrix prustet undamenhaft Butterbier durch die Nase. „Beides! Aber du kannst die Einteilung jetzt nicht mehr ändern. Wer zu spät kommt …“
„Du bist krank, Bellatrix!“
„Wenn du es sagst, Severus!“ Bellatrix betrachtet mich erheitert unter ihren schweren Lidern und ich muss daran denken, dass ich sie einst, als wir beide noch jung waren, atemberaubend schön fand. Das war allerdings bevor mir klar wurde, was ihr am meisten Spaß bereitet. Jetzt bin ich Rodolphus dankbar, dass er mich wissen ließ, ein Halbblut könne niemals darauf hoffen, einer Frau aus dem Hause Black auch nur die Stiefel putzen zu dürfen.
„Wie soll ich mit meiner `Eintracht Pfützensee´ überhaupt ins Lager der Zentauren kommen? Von denen kann kaum einer anständig apparieren. Die anderen hingegen …“, ich mache eine genüssliche Pause, „… sind gewöhnlich sturzbetrunken und neigen zum Zersplintern.“
Tatsächlich musste dem Gerücht nach der Dunkle Lord vor einigen Wochen persönlich eingreifen, als Rodolphus ein wesentliches Teil … beim Disapparieren auf dem Abtritt zurückließ.
Bellatrix knallt ihren Bierkrug auf den Tisch und funkelt mich darüber hinweg finster an.
Ich hebe zur Antwort spöttisch eine Augenbraue.
Der Dunkle Lord hat erheitert und in allerbester Laune unseren Disput verfolgt.
„Streitet euch nicht! Ich habe einen Portschlüssel vorbereitet, der Severus und seine Leute in eine Höhle in der Nähe des Zentaurenlagers bringen wird.“
Ich räuspere mich.
„Herr, darf ich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Was suchen wir dort eigentlich? So weit ich weiß, horten Zentauren keine Schätze.“
Der Dunkle Lord lehnt sich mit amüsiertem Lächeln zurück.
„Kluge Frage. Hätte ich eigentlich auch von dir erwartet, Bellatrix!“
Bellatrix wirft mir einen eifersüchtigen Blick zu und ich freue mich, dass sie mir nicht noch nachträglich weitere Vollidioten aufhalsen kann, um die ich mich kümmern muss, damit die Zentauren sie nicht auseinandernehmen.
Nagini windet sich um mein Bein. Ich mag zwar keine Hauselfe treten, aber bei Nagini muss ich mich beherrschen, es nicht zu tun.
„Die Prophezeiung ist unwiederbringlich verloren. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten, in die Zukunft zu sehen.“
„Trelawney ist in Hogwarts. Wenn ihr, mein Herr, erst einmal dort seid …“
Der Dunkle Lord wischt meinen Einwand zur Seite.
“Trelawney interessiert mich derzeit nicht. Ich will die Seher der Zentauren haben! Ihr werdet die Herde zusammentreiben, die Fohlen absondern – und dann wollen wir doch einmal sehen, ob sich sie sich nicht endlich dazu herablassen, mit mir zu kooperieren!“
Ich schweige. Mein Herr kennt meine Einstellung zum Wahrsagen und zur Interpretation der Prophezeiung. Obwohl er in guter Stimmung ist, verspüre ich nicht den Wunsch, dieses Thema wieder mit ihm durchzugehen. Das letzte Mal hat mir gereicht.
Müde frage ich schließlich: „Wann geht es los?“
„Morgen früh. Ihr brecht eine Stunde vor Sonnenaufgang auf und greift in der Dämmerung an.“
„Ihr werdet uns nicht begleiten?“, frage ich überrascht.
Der Dunkle Lord streicht zärtlich an seinem neuen, wundervollen Körper herab. „Ich werde dieses Gesicht für die Direktorin von Hogwarts aufbewahren.“, spottet er.
Ich stehe auf und verbeuge mich vor meinem Herrn. „Ich muss noch einiges vorbereiten. Darf ich mich zurückziehen, mein Lord?“
Er nickt, hält mich jedoch am Handgelenk mit dem Todessermal fest, als ich mich umdrehen will.
Zum Glück trage ich noch immer die Drachenhauthandschuhe. Ich kann gerade noch einen Schmerzenslaut herunterschlucken und als ich mich ihm zuwende, ist mein Gesicht glatt und ausdruckslos wie immer.
„Mein Herr?“
Er lächelt und für dieses neue Lächeln würden Teenager ihre Seele verkaufen.
„Ich bin sehr zufrieden mit deiner Leistung, Severus. Sobald ihr zurück seid, werde ich dir nicht nur zeigen, wie du unverwundbar werden kannst. Vielleicht … können wir sogar ein Stück weiter gehen.“
Weiter gehen? Was bei allen Dementoren soll das nun schon wieder bedeuten?
„Vielen Dank, mein Lord. Ich werde die Ehre zu schätzen wissen!“
Er grinst süffisant. „Daran zweifle ich nicht, Severus.“
Das Dunkle Mal unter dem Handschuh schmerzt, nachdem er mich freigegeben hat und erinnert mich daran, dass seine Geschenke oft nicht ganz so ausfallen, wie man sich das erhofft. Nun, wir werden sehen.
Ich verbringe den Rest der Zeit in den verschiedenen Rüstkammern, um meinen traurigen Verein wenigstens halbwegs auf den Pfeilhagel der Zentauren vorzubereiten. Bellatrix kommt etwas später hinzu und wir balgen uns einige Zeit um die besten Stücke, bis ich bemerke, dass außer dem Drachenhauthemd in meiner Kammer kein weiteres derartiges Stück vorhanden ist. Eine Rüstung ist viel zu unbequem und schwer für Draco, also beschließe ich, ihm mein Hemd zu schenken. Ich bitte Bellatrix, meinem Schüler auszurichten, er möge sich zwei Stunden vor Sonnenaufgang bei mir einfinden. Sie bietet an, das Drachenhauthemd für ihren Neffen mitzunehmen und begleitet mich sogleich hinauf in meine Kammer.
Kaum stehen wir beide in meinem Zimmer und ich krame schon in den Kleidungsstücken, als Bellatrix die Tür hinter sich mit einem Sperrfluch schließt.
„Ähm, Bellatrix, der Dunkle Lord hat nicht verboten, ein Drachenhauthemd zu besitzen.“, bemerke ich verwirrt.
Bellatrix lacht schallend, wirft ihren Kopf in den Nacken und öffnet den obersten Knopf ihrer ohnehin knapp sitzenden Bluse.
Mir wird schlagartig heiß und ich stolpere ein paar Schritte zurück, doch das Zimmer ist eng und es gelingt mir nur, den Tisch zwischen uns beide bringen.
„Ich weiß nicht, was du vorhast, Lestrange und ich will es auch nicht wissen! Nimm Dracos Hemd und verschwinde! Sofort!“ Ich hebe drohend den Zauberstab.
Bellatrix lacht schrill, aber sie wendet sich folgsam zur Tür.
Ich lasse erleichtert den Zauberstab sinken. Was sollte …?
Bellatrix setzt wie eine Tigerin quer über den Tisch und reißt mich rückwärts zu Boden. Wir landen in einem wilden Knäuel aus Armen und Beinen auf den Steinen und ich versuche mich unter ihr hervorzukämpfen, denn sie hat mir im Fallen den Zauberstab aus der Hand geschlagen. Bellatrix war schon immer verrückt, aber jetzt ist sie total übergeschnappt!
Die Tür kracht auf und ich blicke hinauf in Rodolphus Lestranges wütendes Gesicht.
„Hab ich mir doch gedacht, dass ich Euch hier finde!“
Bellatrix scheint wenig beeindruckt.
„Zieh Leine, Stinker! Du siehst doch, wir haben zu tun!“
Ich finde meine Stimme und den Zauberstab wieder, befreie mich schleunigst von Bellatrix Gewicht auf meiner Brust und schleudere anschließend ihren aufgebrachten Ehemann zurück auf die Treppe.
„Ich denke, ihr geht jetzt wieder! Alle beide!“ Ich klinge zum Glück sehr wütend und nicht im Mindesten so zittrig, wie ich mich fühle.
Rodolphus funkelt mich mit einem Zorn in den Augen an, der mir den Hals enger werden lässt, während Bellatrix nur mit den Schultern zuckt und grinsend den Knopf an ihrer Bluse schließt, bevor sie sich erhebt.
„Los, raus jetzt, ihr beiden Wahnsinnigen und wenn ich einen von Euch bis morgen früh sehe, braucht sich niemand mehr Gedanken um Zentaurenpfeile zu machen!“ Ich werfe Bellatrix das Drachenhauthemd nach und knalle die Türe so heftig zu, das die Angeln krachen, bevor ich mich schwer atmend anlehne. Was ist nur in Bellatrix Lestrange gefahren? Ein Zaubertrank? Ein Fluch? Dieses Weib ist ja gefährlicher als Minotaurus und Fischkopf zusammen!
In der Nacht träume ich wirres Zeug und werde am nächsten Morgen von der Hauselfe geweckt. Bei ihrem Anblick erinnere ich mich, dass ich ihr den Schlaflumpen weggenommen habe.
Ich erkläre der Elfe, dass mir mein Kopfkissen nicht zusage und ich ein neues wünsche. Sie solle das alte Kissen in Zukunft als Matratze benutzen. Als sie auf die mageren Knie fällt, um mir zu danken, knalle ich ihr die Tür vor der Nase zu und öffne erst wieder, als Draco davor steht.
Er hat eine Kanne selbst gekochten Tee – deutlich besser als heraufbeschworener – und eine Schüssel klumpigen, leicht angebrannten Porridge dabei, ebenfalls von ihm selbst zubereitet. Ich freue mich sehr über diese nette Geste, trinke begeistert den Tee und würge mühsam einige Löffel des pappigen Haferschleims hinunter, während ich seine Kochkunst lobe.
Draco gesteht, dass er nicht schlafen konnte und ziellos im Schloss herumgewandert sei, um irgendeine Beschäftigung zu suchen, und da habe es ihn - er wisse selbst nicht recht wie - in die Küche verschlagen.
Ich grinse mitleidig und heimlich in meinen Tee und sage nichts.
„Was war da eigentlich gestern los mit Goyle und dem Spiegel? Warum sollte ich nicht zu ihnen kommen, Sir?“, fragt Draco, während ich den korrekten Sitz des Drachenhauthemdes an meinem Schüler überprüfe und ihm die Ärmel hochkrempeln helfe.
„Ach … das. War nicht so wichtig. Aber du hast gut daran getan, dich wie versprochen zurückzuhalten.“ Weitere Erklärungen gebe ich nicht ab.
Um meinen Schüler von dem bevorstehenden Angriff auf die gefährlichen Zentauren abzulenken und ihm die Spannung zu nehmen lachen wir gemeinsam über ein paar Anekdoten bezüglich der Unfähigkeit einiger Todesser. Als wir jedoch auf Dracos ehemaligen Mitschüler Neville Longbottom und dessen Freundin Luna Lovegood zu sprechen kommen, verstummen wir beide schnell. Draco lässt den Kopf hängen.
Er hat Heimweh nach Hogwarts, seinen Freunden und einem normalen, geregelten Leben. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, ihn an die Schule zurückzubringen. Schließlich hat Draco ja niemanden umgebracht – im Gegensatz zu mir. Der Dunkle Lord wird, sofern alles nach Plan verläuft, ebenfalls ab September in Hogwarts sein und könnte einen Spion unter den Schülern nützlich finden. Babajaga ist kein Ort für Kinder, selbst wenn sie schnell erwachsen werden müssen.
Pünktlich eine Stunde vor Sonnenaufgang finden wir uns in der Halle ein und scharen uns um den Portschlüssel, eine zerbrochene Feuerwhiskyflasche.
Während wir noch auf Amycus und Alecto warten, erteile ich letzte Instruktionen.
„Crabbe und Goyle, ihr bleibt bei dem Jungen. Ihr schützt ihn genau so, wie ihr sonst den Dunklen Lord beschützt!“
„Dazwischen werfen, wenn jemand den Avada Kedavra auf Draco loslässt?“ Crabbe kaut auf den Fingernägeln und ich schlage ihm auf die Hand.
„Ja, genau. Und lass das bitte, es ist unappetitlich.“
Ich wende mich an Wurmschwanz und zwinge ihn, ein von mir mitgebrachtes Fläschchen auszutrinken.
Er weigert sich erst halbherzig, schüttet aber schließlich das bittere Zeug widerwillig hinunter und fragt misstrauisch: „Was war das?“
„Anti-Apparier-Trank. Damit du dich im Schlachtgetümmel nicht vor meinen Augen auflöst.“
Er ist wütend und schuldbewusst zugleich, muss sich jedoch mit seinen Beschimpfungen zurückhalten, denn der Dunkle Lord hört zu.
Ich fahre ungerührt fort: „Peter, du bleibst ganz vorne bei mir. Sollte ich dein Rattengesicht aus den Augen verlieren, sorge ich dafür, dass Nagini heute Abend einen besonderen Leckerbissen bekommt!“
Pettigrew heult und winselt und hat gestern den Fuß ganz aus Versehen in den Gang gestellt, aber ich ignoriere sein Gejammer. Da ist mir ja die Hauselfe noch lieber.
„Wir kehren alle gemeinsam zurück oder gar keiner!“, erkläre ich meiner Mannschaft und warte ab, bis alle zustimmend genickt haben, auch Wurmschwanz. „Falls wir mit dem Portschlüssel zurückkehren müssen, warten alle, bis auch der letzte von uns zurück in der Höhle ist! Verstanden?“
Alle nicken, bis auf einen. „Und wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe?“, quiekt Pettigrew.
Ich übergehe seinen Einwurf und fahre fort: „Sobald also alle da sind, gebe ich euch die Erlaubnis, den Portschlüssel zu berühren – sonst seid ihr verschwunden und der Rest steht ohne Transportmöglichkeit da!“ Dass dies fatal sein kann, musste so Mancher schon erleben.
„Aber falls ich doch vorher fliehen muss …“, beginnt Pettigrew wieder.
„Ich kann apparieren …“, erkläre ich leichthin, „ … und ich werde dich finden, Wurmschwanz. Fordere dein Glück besser nicht heraus!“
Pettigrew versinkt unglücklich in die Betrachtung seiner Rattenpfoten und murmelt halblaut grässliche Verwünschungen in meine Richtung. Draco grinst mir verschwörerisch über Wurmschwanz Kopf hinweg zu und ich lächele zurück. Ein Malfoy, selbst wenn er kaum den Kinderschuhen entwachsen ist, schlägt einen wie Pettigrew jederzeit um Längen.
Während die Zeit so vor sich hin rinnt und keine Spur von den zerlumpten Geschwistern zu sehen ist, gehen Rodolphus und ich uns noch kurz wegen der Flasche Feuerwhisky an die Gurgel, die ich unter seinem Hemd entdecke. Lestrange ist derzeit genau im richtigen Stadium: betrunken genug, in den nächsten Stunden zu funktionieren, aber auch nüchtern genug, nicht umzukippen. Der Einfluss des Feuerwhiskys macht ihn so tollkühn, dass ich mich wundere, dass das Ministerium ihn noch nicht erwischt hat. Betrunkene und Kinder haben einen besonderen Schutz. Hoffe ich wenigstens.
„Feuerwhisky am Morgen bringt Kummer und Sorgen.“, erkläre ich und nehme Lestrange den Vorrat ab.
„Butterbier am Mittag bringt Glück am dritten Tag.“, entgegnet er schleppend, aber originell und holt eine Flasche des Besagten aus dem Umhang, die ich wohl übersehen habe. „Verfluchter Ehebrecher, ich wünsche dir Drachenpocken, hitziges Frieselfieber und Skrofungulose an den …“, murmelt er als Trinkspruch, während er die Flasche ansetzt und sie in einem Zuge leert.
Ich beschließe, Lestrange zu ignorieren. Es wird später und später, aber Alecto und Amycus tauchen nicht auf . Der Dunkle Lord befiehlt uns endlich, nicht länger zu warten. Gemeinsam greifen wir alle nach der zerbrochenen Feuerwhiskyflasche …
… und befinden uns in einer geräumigen Höhle, durch deren schmalen Eingang bereits dünnes Morgenlicht sickert.
Wir lassen den Portschlüssel auf dem Boden zurück. Ich übertrage dem vor Stolz fast platzenden Draco die Führung und sichere uns als letzter der Gruppe nach hinten ab, während wir uns vorsichtig vom Waldrand aus zum nahe gelegenen Zentaurenlager schleichen, wo wir uns im Gebüsch verstecken, bis Bellatrix Lestrange das Signal zum Angriff geben wird.
Alles ist sehr friedlich, beinahe schon unwirklich, denn wir sind so viel Glück und Frieden schon lange nicht mehr gewohnt: Grauer Morgennebel hängt noch über der Waldlichtung, Tau glitzert auf dem üppigen grünen Gras, ein paar kleine Mücken tanzen in blassen Sonnenstrahlen, die die Feuchtigkeit bald aufsaugen werden. Von den Feuerstellen der Halbmenschen kräuselt sich dünn der Rauch in einen makellosen, sternenübersäten Himmel, der im Osten einen zarten Lavendelton angenommen hat. Die Bäume auf der anderen Seite der Lichtung, die noch den Nebel nur schemenhaft durchbrechen, stehen in vollem Laub, die Vögel singen ihr Morgenlied …
Moment mal! Die Vögel! Es ist keine einzige Vogelstimme zu hören!
Ich packe Draco am Umhang und springe auf. „Zurück!“, schreie ich, „Das ist eine Falle!“ und – die Hölle bricht über uns herein.
Ceterum censeo Cartaginem esse delendam.
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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. April 2006 15:51 
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Liebe Eowin.

Du weisst ja, dass ich deine Kommentare sehr schätze - da weiss ich doch wenigstens, ob meine Absichten auch ankommen (z.B. das mit der Elfe, die wird nämlich nochmal wichtig).

Bist du etwa kein Leonardo Di Caprio - Fan? :lol: Mich überkommt das Grauen immer beim Musikantenstadl & Konsorten (selbst meine Eltern, die offizielle "Zielgruppe", weigern sich beharrlich, das anzugucken!)

Zitat:
Meinetwegen kann Nangini ruhig eine Ratte verspeisen, ich würde dieser jedenfalls keine Träne nachweinen.


Oh, oh! Mehr sag ich jetzt noch nicht - du wirst schon sehen!

Zitat:
Es ist schön, in Sevs Gedanken die Hoffnung auf Frieden zu finden. Und die Tatsache, dass er Gefallen daran finden würde.


Da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen - aber leider kriegt er nie, was er will!

Bis bald,

Polaris

Kapitel 13: Der Zorn der Zentauren

Ich reiße Draco am Kragen zu Boden und denke „Protego!“, als auch schon ein Schauer von Pfeilen auf uns niedergeht.
Ich schnappe mir Pettigrew, der neben mir zur Salzsäule erstarrt ist und schreie ihm ins Ohr: „Schildzauber, schnell!“
Als er nicht reagiert, versetze ich ihm eine kräftige Ohrfeige, die ihn aus dem Schockzustand herausholt. Wütend funkelt er mich an, schwenkt jedoch endlich den Zauberstab und ruft ebenfalls „Protego!“.
Nachdem der Pfeilhagel etwas nachgelassen hat, rufe ich: „Alle hierher! Bildet einen Kreis! Crabbe, du stehst außen, Goyle deckt deinen Rücken! Wir müssen zurück zur Höhle!“
Crabbe hat die Zunge in den Mundwinkel geklemmt und fuchtelt wild mit dem Zauberstab, worauf sich die Pfeile über ihm in Lakritz-, Brause- oder Zuckerstangen verwandeln. Sein Freund Goyle hingegen hantiert mit je einem Regenschirm aus Drachenschuppen in jeder Hand, die Schuppen bereits mit Pfeilen gespickt wie Knarle. Er schafft es tatsächlich, all die Geschosse, die Crabbe nicht zu Süßigkeiten machen kann, mit den Schirmen aufzuhalten, so dass mir die beiden im Moment keine Sorgen bereiten.
Ich fürchte immer noch, dass Pettigrew die erste Chance nutzen könnte, um fahnenflüchtig zu werden, dabei brauchen wir im Moment jeden Mann.
“Wurmschwanz, du bleibst im Kreis hinter Lestrange! Rodolphus, wenn Pettigrew dich im Stich lässt, darfst du ihn schocken!“
Lestrange grinst wild zu mir herüber und scheint nicht mehr im Mindesten betrunken, im Gegenteil, die Gefahr scheint ihn regelrecht zu beleben. Er dreht die Pfeile um, die seine Flüche erwischen und lässt sie auf ihre Absender los.
Draco will sich an meine Seite drängeln, doch ich schiebe ihn hinter meinen Rücken.
„Du musst aufpassen, dass mich kein Pfeil von hinten trifft. Ich habe nämlich im Hinterkopf keine Augen!“
Draco, der schon widersprechen wollte, nickt hastig und erneuert brav seinen Schildzauber, so dass ich mich nun tatsächlich darauf konzentrieren kann, was um uns herum vorgeht.
Im Moment droht keine akute Gefahr, denn wir haben einen Abwehrring gebildet, der von Pfeilen allein nicht durchbrochen werden kann. Zwischen den Behausungen der Zentauren steigen jedoch schon Flüche in den Morgenhimmel auf, kleine Explosionen, Schreie und ein in Brand gesetzter Baum verraten, dass es drüben bei Bellatrix schon zu weiteren Kampfhandlungen kommt.
Zentauren sind nicht nur gute Bogenschützen. Sie sind außerdem stark, klug, tapfer und – zur Hälfte Pferd. Ich setzte darauf, dass ihre nächste Angriffswelle darauf zielen wird, uns schlicht und ohne jede Magie über den Haufen zu rennen.
Während wir uns wie die Ballettgruppe eines übergeschnappten Choreographen langsam und schildkrötengleich unter unseren Schildzaubern und Drachenschuppenschirmen in Richtung Höhle bewegen, höre ich auch schon das Donnern ihrer Hufe. Sie nehmen Anlauf.
Hastig wende ich mich über die Schulter zu Draco.
„Hör zu, Junge: Zentauren sind mächtige magische Wesen und sehr stark. Schockzauber beeindrucken sie nicht, sie müssten schon zur selben Zeit von drei oder vier Flüchen getroffen werden! Aber sie sind auch gleichzeitig Pferde - und Pferde haben Instinkte, denen sie folgen müssen.“
Draco, der mit weißem, verbissenen Gesicht seinen Schildzauber aufrecht erhält – gut, dass wir die vor kurzem noch mal wiederholt haben – schaut mich fragend an.
„Sir, ich verstehe nicht …!“
„Pferde hassen beispielsweise Feuer. Wenn dich ein Zentaur angreift, denk Lumos accendi! Und pass auf, dass du deine Flüche nicht herumschreist wie Wurmschwanz, Pferde sind nämlich nicht taub!“, füge ich mit einem wütenden Blick auf Pettigrew hinzu, der lauthals sinnloses Gebrüll in den Morgendunst schleudert und nur zufällig einen Pfeil damit abwehrt.
Das Gedonner der Hufe ist jetzt sehr nahe. Ich verwandle zwei Pfeile in Speere und werfe sie Crabbe und Goyle zu.
„Sie versuchen, uns zu überrennen. Steckt ihnen die Speere zwischen die Beine, das bringt sie zu Fall!“
Draco hält sich an meinem Umhang fest wie ein Ertrinkender. Ich glaube nicht, dass ihm bewusst ist, was er da tut. Gleichzeitig hat er seinen Zauberstab so feste und entschlossen umklammert, als wolle er das Zaubereiministerium erstürmen.
Ich verteile noch mit einigen schnellen Schlenkern Vierkante – die man auch Krähenfüsse nennt - im Gras, die sich tief in die Hufe der Zentauren graben, sobald einer von ihnen darauf tritt, da brechen die ersten bereits durch den Nebel und stürmen auf uns zu.
Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele sind und mir sinkt der Mut. Wir haben nicht den Hauch einer Chance, es bis zur Höhle zurück zu schaffen, selbst wenn wir alle Vorsicht vor den noch immer herabprasselnden Pfeilen fahren lassen und Fersengeld geben.
Der vorderste Zentaur, ein Rappe, jagt im gestreckten Galopp geradewegs auf mich und Draco hinter mir zu, tritt jedoch in einen Vierkant, strauchelt und stürzt.
Ich beschwöre unterdessen reichlich Wasser herauf, das wie sprudelnde Quellen überall aus dem Boden quillt und unsere Knöchel umspült. Wurmschwanz beschwert sich, er bekäme nasse Füße, doch ich würdige ihn keiner Antwort.
Ein gescheckter Zentaur setzt im Sprung über seinen gestürzten Kameraden und genau vor meine Füße. Ich reiße Draco, der sich tapfer mit dem Fackelfluch zur Wehr setzen will, von den Beinen, denn der Zentaur ist bereits abgesprungen, seine Hufe sind scharf und hart wie Stahl. Draco und ich gehen zu Boden und wir haben Glück: Meine Schulter wird vom Huf nur gestreift. Das Pferd springt über uns hinweg, um sich in einem Ringkampf mit Goyle wieder zu finden.
Goyle ist in seinem Element. Wenn er auch nicht besonders gut zaubert - raufen kann er.
Das sprudelnde Wasser hat den Boden bereits kräftig aufgeweicht und während wir uns quälend langsam weiter in Richtung Höhle bewegen, stecken nun einige der Angreifer bis über die Hufe im sumpfigen Schlamm fest.
Als ich mich aufrapple und unter Rodolphus wilden Detonationsflüchen wegducke, bemerke ich, dass zu unseren Gegnern neben den Zentauren auch Auroren des Ministeriums sowie … Mitglieder des Phönixordens gehören. Ich verspüre einen heftigen Stich in der Brust, muss mich jedoch sofort dem nächsten Pferdemenschen zuwenden, um neben seinem Ohr einen Peitschenknall erschallen zu lassen, der ihn scheuen lässt. Ich packe Draco, der sich benommen aufrappelt, und stoße ihn tiefer in unseren Schutzkreis, als der Zentaur erneut Anlauf nimmt. Diesmal bin ich besser vorbereitet und jage ihm den Mückenschwarm, der noch vor kurzem so friedlich im Sonnenlicht tanzte, in einer um das Vielfache vergrößerten und nun überaus blutgiereigen Version auf den Hals. Der Pferdemensch versucht hektisch die Plagegeister mit den bloßen Händen und dem Schweif abzuwehren, bevor er endlich in vollem Galopp vor dem Mückenschwarm flieht.
Der Nebel hat sich inzwischen gelichtet. Nicht weit von mir kämpft Bellatrix Lestrange mit Zaubereiminister Rufus Scrimgeour. Dawlish und Gibbons versuchen sich gegenseitig zu verhexen, was morphologisch so interessante Ergebnisse hervorbringt wie Elefantenrüssel, Vogelfedern und Widderhörner. Dolores Umbridge, meine geschätzte Vorgängerin, fuchtelt ähnlich wild mit dem Zauberstab wie Wurmschwanz und erlegt zuerst eine unschuldige Fichte, danach trifft sie mit Blattschuss den herabhängenden Ast einer Buche, denn wir haben uns inzwischen wider Erwarten bis zum Waldrand vorgekämpft. Der Ast stürzt herab und begräbt die alte Schachtel unter sich.
Yaxley versucht unterdessen, Alastor Moody einer weiteren Schönheitsoperation zu unterziehen und von demjenigen Teil seiner löchrigen Nase zu befreien, den Yaxleys Freund Evan Rosier nicht mit in den Tod nehmen konnte. Rabastan wird von Minerva McGonagall, der er wahrscheinlich ins Dekolleté zu starren versuchte, zurückgeschleudert. Remus Lupin und Macnair liefern sich einen verbissenen Zweikampf, doch der Werwolf will nicht zurückweichen, obwohl Macnair weitaus stärker und brutaler ist und ihn bereits leicht verwundet hat.
Kingsley Shacklebold, wie immer die Ruhe selbst, sabotiert meine Version des tragbaren Sumpfes und legt Streifen davon trocken, um den eingesunkenen Pferdemenschen aus dem Morast zu helfen.
Ich befehle Goyle, den bis zur Bewusstlosigkeit gewürgten Zentaur endlich loszulassen, damit wir schneller weiterkommen, als Rodolphus neben mir von einem unbekannten Fluch getroffen zusammensackt.
Ein Zentaurenpfeil schwirrt durch die Lücke in der Deckung und müsste Pettigrew … Dort, wo Wurmschwanz Rodolphus Deckung übernehmen sollte, ist niemand mehr. Ich blicke mich hektisch um und sehe eine Ratte zwischen den stampfenden Pferdebeinen hindurch im Zickzack auf die Höhle zu rennen.
„Goyle, du nimmst Rodolphus über die Schulter! Crabbe, du gibst den beiden Deckung!“, befehle ich und drehe mich halb zu meinem Schüler. „Draco, du rennst jetzt …!“
Draco ist schneeweiß im Gesicht und starrt voller Entsetzen auf den gewaltigen schwarzen Zentaur, der auf uns zugeprescht kommt und Draco den Zauberstab aus der Hand schlägt, bevor der auch nur blinzeln kann.
Ich bin hin und her gerissen zwischen dem Impuls, Wurmschwanz zu schnappen und meinen Schüler zu schützen, doch natürlich ist das nicht wirklich eine Wahl und so setze ich mit Incendio! den Bart des riesigen alten Rappen in Brand. Der Zentaur brüllt auf, fasst sich ins Gesicht und seine Hufe stampfen Dracos Zauberstab in winzige Splitter. Ich packe mir rasch den Jungen, der seinen Zauberstab nur widerstrebend zurücklässt und wir jagen so schnell wir können Crabbe, Goyle und dem bewusstlos von dessen Schulter herabbaumelnden Rodolphus hinterher.
Wurmschwanz, der den donnernden Hufen ausweichen musste und durch seine winzigen Trippelschritte in der Rattengestalt doch nicht so schnell ist, wie er sich das erhofft haben mag, wird den Höhleneingang etwa gleichzeitig mit ihnen erreichen.
Ich renne mal wieder so schnell, dass meine Rippen schmerzen und ziehe Draco mit, der nach dem Verlust seines Zauberstabes immer noch tapfer versucht, die Zentauren mit einem Stock abzuwehren. Ich stürze im Vorüberrennen einige dünne Bäume hinter uns in den Weg, um uns einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, doch anscheinend sind Bellatrix Lestrange und ihre Leute entweder bereits unterlegen oder disappariert, jedenfalls haben wir jetzt die konzentrierte Streitmacht unserer Gegner auf den Fersen. Es wird recht anstrengend, gleichzeitig zu rennen und die Flüche fähiger Zauberer wie McGonagall, Scrimgeour oder Lupin abzuwehren. Glücklicherweise versucht niemand, mich mit dem Todesfluch aufzuhalten aus Angst, versehentlich den Jungen zu treffen.
Ich schlinge eine Wurzel um die Hufe eines Zentaurenschimmels, der Draco schon am Umhang erwischt hat und ihn mit sich ziehen will. Die Wurzel reißt das Pferd von den Hufen und ich nutze die Gelegenheit, den Jungen durch den schmalen Eingang in die Sicherheit der Höhle zu schubsen, bevor ich mich ein letztes Mal zu unseren Feinden umwende.
„Ergib dich, Mörder!“, ruft Scrimgeour. „Du wirst einen fairen Prozess erhalten!“
Wer daran glaubt, glaubt auch an den Schlipprigen Summlinger.
Umbridge neben ihm macht ein wichtiges Gesicht, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen und kreischt: „Ihr sitzt in der Falle! Der Zaubereiminister befiehlt euch …“ An dieser Stelle gebe ich auf, ihr zuzuhören, denn Minerva McGonagall tritt einen Schritt vor.
„,Severus, bitte!“
Auf diese Worte reagiere ich äußerst empfindlich, obwohl Minerva das nicht wissen kann und ich wende mich im Schutz meines Schildzaubers zum Höhleninneren.
Pettigrew steht in der Mitte der Höhle breitbeinig über dem Portschlüssel vor ihm auf dem Boden und grinst verschlagen.
„Ich werde euch jetzt mal allein lassen!“, versetzt er höhnisch und beugt sich zur zerbrochenen Feuerwhiskyflasche zu seinen Füßen.
Ich stoße „Nein, noch nicht!“ hervor, doch seine kleine Rattenhand und der verfluchte silberne Arm haben sich schon um den Portschlüssel geschlossen.
Wurmschwanz grinst und grinst … doch nichts passiert.
Pettigrew glotzt mit großen Augen zu mir herüber, die zerbrochene Feuerwhiskyflasche in einer fast komischen Mischung aus enttäuschter Hoffnung, unbändiger Wut und purem Entsetzen fest umklammernd.
Alle anderen sind entweder sprachlos oder ohnmächtig.
„Du glaubst doch nicht etwa, dass ich einem wie dir vertraue, Wurmschwanz!“, versetzte ich eisig, „Ich habe den Portschlüssel gegen die Flasche Feuerwhisky ausgetauscht, die ich Rodolphus vor unserem Aufbruch abgenommen habe.“
Ich muss mich unterbrechen und meine Aufmerksamkeit dem Schildzauber zuwenden, der den Höhleneingang schützt. Unter der vereinten Zauberkraft von Ministeriumszauberern und Mitgliedern des Phönixordens beginnt der Schutzschild mit einem tiefen Singen zu Vibrieren. Ich lege alle Kraft und Konzentration in meinen Gegenzauber und weiß, dass mir nicht viel Zeit bleibet, bevor ich unter dieser Übermacht einknicken werde.
Der Schweiß bricht mir aus allen Poren unter der Anstrengung, den Schild aufrecht zu erhalten, und meine Armmuskeln zittern unkontrolliert.
„Draco, der richtige Portschlüssel ist …“, beginne ich ohne mich umzuwenden, doch der Junge unterbricht mich mit „Achtung, Sir, Wurm…“
Ein heißer Schmerz zwischen den Schulterblättern und -
Panta rhei.
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Ungelesener BeitragVerfasst: 10. Juli 2006 16:24 
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Also, nicht dass ihr denkt, die Geschichte ginge nicht weiter: Eigentlich habe ich noch ein paar Kapitel fertig. Falls sie also doch noch jemanden interessiert, hier das nächste Kapitel:

14. Freund und Feind
Mir ist kalt. Ich möchte aber nicht aufwachen um herauszufinden, warum.
An jeder Hand zerrt einer meiner Eltern an mir. Mutter, die meine linke Hand vor Angst, sie müsse mich hergeben, mit schmerzhaft heftigem Griff umklammert hält, sagt mit ungewohnt zuckriger Stimme: „Minister, schnell, er kommt zu sich!“
Mein Vater, der mich ebenso wenig herausrücken will wie Mutter, zieht an meinem rechten Arm und dröhnt mit ebenfalls seltsam fremder Stimme: „Sagen Sie Dawlish, dass er keinen von den Zentauren oder sonst jemanden hereinlassen darf, solange wir beide den Gefangenen verhören – und verschließen Sie die Höhle mit einem Schalldämpfungszauber! Ich möchte dieses inoffizielle Verhör nicht vor dem Zauberergamot rechtfertigen müssen!“
Meine Mutter kichert verhalten „Inoffiziell! Sie verstehen es, Dinge in Worte zu fassen, Herr Minister!“ und sie beginnt, mir die Handschuhe auszuziehen.
Dieses Verhalten erscheint mir nun mehr als absurd, denn Mutter hat es seit meinem dritten Geburtstag aufgegeben, mich ankleiden zu wollen, da ich hartnäckig darauf bestand, dies selbst zu tun.
Widerwillig lasse ich die mildtätige Schwärze los, um zu erfahren, was ich sicher lieber nicht wissen möchte.
Träge blinzle ich in das Halbdunkel der Höhle. Meine Leute sitzen verschnürt wie Posteulenpakete aufgereiht an der Wand. Draco blickt mich aus großen Augen verängstigt an, und ich nicke ihm beruhigend zu. Rodolphus Kinn ist auf seine Brust gesunken, so dass ich nicht erkennen kann, ob er noch ohnmächtig ist. Crabbe und Goyle dümpeln leer vor sich hin, und Wurmschwanz sieht aus wie ein ertappter Eierdieb.
Zaubereiminister Rufus Scrimgeour taucht auf seinen Gehstock gestützt vor mir auf und starrt erwartungsvoll in mein Gesicht.
Dolores Umbridge, vormals Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste und Ex-Direktorin von Hogwarts, versucht soeben, mir mit ihren Krötenfingern den Handschuh vom linken Arm abzustreifen. Dies gestaltet sich schwierig, denn sie ist recht kurz geraten und ich hänge mit den Handgelenken an Seile gebunden in der Mitte der Höhle wie eine zu groß geratene Fledermaus, die jemand mit ausgebreiteten Schwingen an die Tür genagelt hat. Ich biete sicherlich einen komischen Anblick. Sein Witz will sich mir jedoch im Moment nicht recht erschließen, denn Umbridge hat es endlich geschafft, mir den Handschuh abzustreifen und betrachtet nun die zerrissene Haut und das bereits fast völlig verheilte Todessermal auf meinem Arm mit einem Blick, der mir irgendwie bekannt vorkommt und mir darum gar nicht gefällt. Geistesabwesend befeuchtet sie ihre Lippen mit der kleinen rosa Zunge und fährt andächtig und wie selig entrückt mit den Fingerspitzen über meine Verletzungen und das Dunkle Mal. Mir stellen sich vor Widerwillen die Haare im Nacken auf.
Da ich nicht sicher bin, ob mir meine Stimme gehorchen wird, lasse ich probeweise ein leises Schnalzen hören, dass sich ausnehmend nach Hufschlag anhört.
Die Ex-Direktorin zuckt zurück wie von der Acromantula gestochen. Dieser uralte Trick funktioniert also immer noch.
„Tut mir leid, dass ich ihnen nicht zur Begrüßung die Hand schütteln kann, Dolores. Ich bin zur Zeit leider verhindert.“, sage ich kühl und freue mich, dass meine Stimme sowohl Scrimgeour als auch Umbridge zusammenfahren lässt.
„Das Spaßen wird ihnen noch vergehen, Snape!“, versetzt Umbridge mit honigsüßem Kinderstimmchen.
„Bei ihnen, liebe Dolores …“, gebe ich sanft zurück, „… wird mir das Lachen nie vergehen. Ihre Art zu zaubern ist so … amüsant!“
Die alte Kröte schnappt nach Luft wie nach einer fetten Fliege. „Was meinen sie damit?!“
„Ich fand ihre Versuche zu zaubern immer sehr erheiternd!“
Umbridge bläst sich auf wie ein Ochsenfrosch. „Versuche? Ich bin eine ausgebildete, voll qualifizierte Mitarbeiterin des Zaubereiministeriums, dritte stellvertretende Beisitzende des Zauberergamots und persönliche Assistentin des Ministers …“
Ich versuche zu lachen, es klingt allerdings mehr wie ein Husten.
„Putzig! Es spricht nicht unbedingt für hohe Anforderungen an die Qualifikation von Bewerbern beim Ministerium, wenn eine Mitarbeiterin nicht einmal die Hexerei von zwei Schulabbrechern im sechsten Schuljahr beseitigen kann.“
„Und das aus dem Mund eines überführten Mörders!“, protestiert Umbridge und zieht sich die Häkelstola fester um die hängenden Schultern.
„Ich gebe zu, dass ich hohen moralischen Ansprüchen nicht genüge, fachlichen dagegen schon!“
„Sie vergessen wohl, dass sie mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Severus! Wie können sie es wagen, so mit mir zu reden?!“
Ich schenke ihr mein höflichstes und zahnigstes Lächeln. „Bei mir jedenfalls hätten sie nicht einmal den ZAG bestanden, Dolores, ganz zu schweigen von einem UTZ! Aber sie könnten mit ihrer Qualifikation bestimmt jederzeit bei Madame Puddifoot als Bedienung anfangen.“
Rufus Scrimgeour, der unseren Disput bisher schweigend und auf seinen Stock gestützt verfolgt hat, springt seiner persönlichen Assistentin bei.
„Du bist nicht in der Position, meine Mitarbeiter zu verhöhnen, Severus Snape!“
„Das habe ich auch nicht nötig.“, versetze ich ruhig, „Unfähigkeit spricht für sich!“
Dolores Umbridge und ich funkeln uns unversöhnlich an.
Scrimgeour grinst.
„Immer noch der selbe unbeugsame Todesser wie vor beinahe zwanzig Jahren! Mich hast du niemals täuschen können wie Albus Dumbledore! Aber diesmal werde ich derjenige sein, der dir ein bleibendes Andenken verpassen wird!“ Er klopft auf sein steifes Knie.
Wir standen uns bereits einmal gegenüber zu jener Zeit, als ich noch nicht lange das Dunkle Mal auf meinem Arm trug. Scrimgeour war auch schon damals ein verflixt zäher und wendiger Auror. Ich hatte jedoch das Glück auf meiner Seite und zerschmetterte ihm im Zweikampf das Knie. Natürlich hat er mir weder geglaubt noch mir jemals verziehen, als Dumbledore sich später für mich einsetzte.
Vor dem Eingang der Höhle wird ein Tumult laut, und die beiden Ministeriumsmitglieder lassen uns allein, um nach der Ursache für die ungebetene Störung zu suchen.
Ich nutze die einmalige Gelegenheit und wende mich an Draco.
„Geht es dir gut, Junge?“
„Ja, Sir.“
Die Stimme zittert kaum merklich, und ich bin sehr stolz auf seinen Mut und seine Selbstbeherrschung.
„Sir, Wurmschwanz ist ein Verräter! Er hat sie von hinten angegriffen!“
Ãœberraschung, Ãœberraschung!
„Danke, Draco, aber das ist im Moment nicht von Belang. Wir haben nicht viel Zeit, bevor Scrimgeour und Umbridge zurückkehren. Ich muss dich bitten, eine gefährliche Aufgabe zu übernehmen, falls sich die Gelegenheit bieten sollte.“
Draco wird noch eine Spur bleicher und setzt sich aufrecht hin.
„Was verlangen sie von mir, Sir?“
Ich räuspere mich. „Ich möchte, dass du wieder als Schüler nach Hogwarts zurückkehrst – nein, unterbrich mich nicht! Der Dunkle Lord wird es nützlich finden, einen Spion unter den Schülern zu haben, und du könntest mich auf dem Laufenden halten über die Vorgänge dort. Es wird gefährlich werden, direkt unter der Nase der neuen Direktorin für die Todesser zu spionieren, aber ich frage dich trotzdem: Bist du dazu bereit?“
Draco, der mit einem ähnlichen Auftrag schon schlechte Erfahrungen gemacht hat, zögert.
„Muss ich jemanden …?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, nein, diesmal ganz sicher nicht! Es geht nur um Informationen. Deiner Mutter kann auch nichts passieren, dafür garantiere ich. Der Dunkle Lord wird sehr erfreut sein. Vielleicht so erfreut, dass er deinen Vater aus dem Gefängnis befreien lässt!“
Draco nickt erleichtert. „Ich helfe gerne, Sir.“ Die Aussicht, möglicherweise seine Freunde wieder sehen zu können, erleuchtet sein Gesicht.
„Dann ist es abgemacht! Also widersprich mir bitte nicht, wenn ich nachher versuche, das Ministerium von deiner Unschuld zu überzeugen.“
„Nein, Sir. Ich will ihnen helfen!“
Ich schenke ihm ein ehrlich gemeintes Lächeln. „Ein wahrer Slytherin! Dein Vater wird stolz auf dich sein!“
Der Zaubereiminister und seine Assistentin stolpern rückwärts wieder in die Höhle in dem vergeblichen Versuch, Minerva McGonagall und Remus Lupin am Betreten derselben zu hindern. Rufus Scrimgeour wirft seiner persönlichen Assistentin, die für die Geheimhaltung zuständig war, einen Blick zu, der für ihre weitere Karriere nichts Gutes verspricht.
„Was geht hier vor?“, begehrt McGonagall aufgebracht zu wissen, „Minister Scrimgeour! Können sie mir erklären, warum uns der Zutritt zu den Gefangenen verwehrt wird?“
Ich grinse schadenfroh in mich hinein. Eine wütende Minerva McGonagall ist so Furcht einflößend wie ein Ungarischer Hornschwanz.
„Wir hatten … Probleme. Snape hat versucht zu fliehen. Ich muss sicherstellen, dass niemand den Todessern die Flucht ermöglicht!“
McGonagall schnaubt verächtlich, und Remus Lupin hebt ungläubig die Augenbrauen. Sein linker Arm ist verbunden und steckt in einer Schlinge.
„Snape wollte fliehen? Ohne Zauberstab und festgebunden wie eine Fle…“. Sie bricht ab und mustert mich schockiert.
Ich fürchte, ich biete nicht den vorteilhaftesten Anblick.
„Minerva. Ich kann leider nicht sagen, dass es mich freut, sie zu sehen!“ Das ist, wenn man es genau nimmt, gelogen.
Minerva McGonagall, meine langjährige Arbeitskollegin, liebste Gegnerin im Kampf um den Haus- und Quiddichpokal und neue Direktorin von Hogwarts, sieht ebenfalls nicht gut aus. Sie hält sich wie immer sehr aufrecht, doch haben sich tiefe Linien seit unserer letzten Begegnung in ihr Gesicht gegraben.
„Binden sie ihn los, Scrimgeour! Es ist unwürdig, einen Gefangenen so zu behandeln!“
„Er ist ein Todesser und Dumbledores Mörder!“
„Er hat weder gestanden noch ist er verurteilt! Er verdient ein faires Verfahren vor dem Zauberergamot!“
„Darf ich auch etwas dazu sagen?“, unterbreche ich die beiden ironisch, und alle Blicke wenden sich mir zu. „Ich habe Albus Dumbledore getötet. Leider haben meine beiden ersten Versuche, den alten Mann loszuwerden, Katie Bell und Ronald Weasley getroffen. Und dass ich ein Todesser bin, kann ich wohl auch nicht bestreiten.“
Rufus Scrimgeour blickt triumphierend zu McGonagall hinüber, die mich voller Entsetzen und enttäuschter Hoffnung anblickt.
„Allerdings …“, fahre ich fort, „… verstehe ich nicht, warum Draco Malfoy noch gefesselt hier sitzt. Ich dachte, eine Geisel lässt man laufen, sobald man sie befreit hat!“
„Geisel? Aber Potter berichtete, Malfoy habe die Anschläge auf Bell und Weasley gestanden!“
Ich lache höhnisch. „Potter lügt, wie immer! Ich habe Malfoy gezwungen mitzukommen in der Absicht, ihn als Schutzschild zu verwenden, falls mir jemand auf der Flucht zu nahe kommt. Er befand sich zur falschen Zeit am falschen Ort.“
McGonagall strafft den Rücken und blickt Draco streng an. „Stimmt das, Mr. Malfoy? Sind sie gezwungen worden, ihren …“ sie bringt die Worte kaum über die Lippen , „… ehemaligen Hauslehrer zu den Todessern zu begleiten?“
Ich beobachte, wie Draco langsam nickt und auch der Versuchung widersteht, mich anzublicken.
„Nehmen sie das kleine Frettchen zurück an ihre Schule, Minerva. Vielleicht haben sie noch eine Chance, ihn auf den rechten Pfad zurück zu bringen!“, versetze ich höhnisch.
Energisch schreitet McGonagall auf den Jungen zu und löst seine Fesseln, ohne die wütenden Proteste Rufus Scrimgeours und seiner Assistentin zu beachten.
„Wir bestrafen keine Kinder, und unschuldige Opfer einer Entführung schon gar nicht.“
Draco klopft sich den Hosenboden sauber und meidet meinen Blick. Braver Junge!
„Was haben sie mit Malfoy vor, McGonagall?“, fragt Scrimgeour, „Wir müssen auch ihn vor Gericht stellen!“
„So wie den armen Stan Shunpike?“, faucht McGonagall zurück.
„Shunpike?“, werfe ich verdutzt ein. „Der Schaffner des Rasenden Ritters? Was soll der denn verbrochen haben?“
„Er ist ein Todesser!“, erklärt Umbridge würdevoll.
Ich lache sie aus. „Der und ein Todesser? So einer darf bei uns noch nicht einmal die Stiefel des Dunklen Lords putzen!“
Selbst Crabbe und Goyle grinsen. Allerdings frage ich mich, warum gerade sie das lustig finden, Crabbe ist nämlich außer Leibwächter auch der Stiefelknecht.
Minerva McGonagall ist nicht aufzuhalten. „Warten sie vor dem Höhleneingang auf mich, Mr. Malfoy! Sie werden mich nach Hogwarts begleiten, wo sie in aller Ruhe und Sicherheit die Schule beenden können.“
Draco wirft mir beim Verlassen der Höhle wie zufällig einen Blick über die Schulter zu, den ich mit einem leichten Heben der Augenbrauen beantworte. Ich habe für die Zukunft – so mich denn eine erwartet – einen zuverlässigen Informanten in Hogwarts!
Minerva McGonagall hat mich nicht vergessen und wendet sich, kaum ist der Junge verschwunden, zu mir.
„Warum hast du uns verraten, Severus?“, fragt sie sehr leise, doch überdeutlich. „Albus Dumbledore war dein Freund!“
Ich schlucke, bevor ich sprechen kann, und entgegne kühl: „Er war nützlich – genau wie du und die anderen, die mir vertraut haben. Ich brauche keine Freunde.“
„Aber was willst du? Dumbledore hätte dir alles gegeben!“
Ich senke die Stimme, bis sie biegsam und scharf ist wie ein Rasiermesser.
„Ich will Wissen!“
McGonagall wird noch blasser, und ihre Nase erscheint mir sehr spitz.
„Albus Dumbledore hat dich alles gelehrt, was er wusste!“
„Alles?“ Dieses eine Wort klebt vor Ironie. „Nein, eben nicht alles. Er hat mir nur beigebracht, was er für richtig hielt. Das Wissen um die Dunklen Künste hat er mir vorenthalten!“ Ich lache frostig. „Manche Dinge konnte - oder wollte - er mir nie zeigen!“
Lupin sieht regelrecht krank aus, obwohl wir Vollmond doch bereits hinter uns haben. McGonagall ist nun grau wie Pergament, und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt sie ist.
„Ich hätte dir mein Leben anvertraut, Severus!“, flüstert Minerva rau.
Ich schnaube verächtlich. „Das hat Dumbledore auch getan – du solltest dir also besser gut überlegen, wem du zukünftig die Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste gibst!“
McGonagall prallt von mir zurück wie vor einer Schlange.
„Du machst mich krank, Snape!“
„Oh nein, im Gegenteil!“, höhne ich, „Ich mache dich zur neuen Direktorin von Hogwarts, Minerva!“ Meine Lippen verziehen sich zu einem zynischen Lächeln.
Für eine Sekunde glaube ich, ich bin zu weit gegangen. Dann dreht sich Minerva McGonagall auf dem Absatz um und rauscht aus dem Raum, ohne irgend jemanden auch nur eines Blickes zu würdigen.
Lupin steht da wie versteinert. Sein Haar ist mit weitaus mehr Grau durchsetzt als bei einem Mann unseres Alters üblich, und seine Kleidung wird von Mal zu Mal zerschlissener, obwohl er sie beinahe rührend pflegt.
„Hallo, Remus!“, begrüße ich ihn. „Heulst du mal wieder mit den Wölfen? Nettes Rudel, dass du dir ausgesucht hast, mit Scrimgeour und Umbridge und den Kleppern da draußen.“
Remus zieht unbehaglich die Schultern hoch, wie immer, wenn jemand auf seine Werwolfnatur anspielt.
„Pferde und Werwölfe , Phönixorden und Ministerium. Ich wusste gar nicht, dass ihr euch alle auf einmal so lieb habt, dass ihr es schafft, euch nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen.“, bohre ich weiter und beobachte, wie die Erwähnung der Zentauren auf Umbridges Gesicht tiefen Abscheu hervorbringt. „Ich kann nicht glauben dass eure neue Einigkeit länger hält als bis zum nächsten Vollmond, Wölfchen!“
Ohne auf die die Proteste der beiden Ministeriumsmitglieder zu hören drängt sich Lupin zu mir durch.
„Spiel uns doch nichts vor, Severus! Vor ein paar Tagen kam ein junger Werwolf zu mir. Sein Biss lag noch nicht lange zurück, doch er hatte sich bereits Fenrir Greyback angeschlossen. Der Junge sagte, du hättest ihm geraten, Greyback zu verlassen und zu mir zu kommen!“ Seine Augen sind voller Schmerz. Ob er hofft, ich könne trotz allem noch auf der richtigen Seite stehen oder ob ihm nur der verletzte Arm höllisch weh tut, ist nicht zu erkennen.
„Das hat dein Welpe wohl bei Vollmond geträumt! Ich und einem Werwolf helfen – nicht mal Fenrir Greyback, und wir standen auf der selben Seite!“
Lupin beugt sich vor und ist meinem Gesicht nun ganz nahe. Er sieht merkwürdig verletzlich aus, obwohl er im Gegensatz zu mir nirgendwo angebunden ist.
„Es ist immer noch Zeit …“, beginnt er zögernd.
„Wozu?“, fahre ich ihm über den Mund. „Zurückzukehren, zu Kreuze zu kriechen vor Scrimgeour und Umbridge?“ Ich werfe den beiden einen verächtlichen Blick zu. „Ich soll bereuen und danach den Rest meines Lebens in Askaban ein jämmerliches Dasein fristen?“ Ich fixiere seinen Blick und halte ihn fest. „Nein, danke, Halbmensch!“
Aber Lupin scheint gegenüber seinen Zeiten als Vertrauensschüler kämpferischer geworden zu sein.
„McGonagall und ich, wir könnten beim Zauberergericht ein gutes Wort für dich einlegen!“
Ich schnaube. „Wie Dumbledore damals? Darauf fällt doch selbst ein Gutmensch wie du nicht zweimal herein!“
Lupin ringt seinen stetig gewachsenen Zorn nochmals mit Hilfe der Vernunft nieder und wagt einen letzten Angriff auf mein Gewissen.
„Ich helfe dir, Severus, wenn du nur …“
„Seit wann brauche ich deine Hilfe, Werwolf?“, schneide ich ihm so scharf ins Wort, dass er unwillkürlich zurückprallt. „Du warst schon immer ein Feigling, Remus! Ich bin schon zu Schulzeiten ohne deinen Schutz ausgekommen, als es deine Aufgabe als Vertrauensschüler gewesen wäre, für Recht zu sorgen! Aber du und deine Freunde Black, Potter und der Verräter Pettigrew, ihr habt mir gründlich beigebracht, welche Art von Hilfe ich von Leuten wie euch erwarten darf!“
Remus zuckt unter den Worten zusammen, als hagle es Schläge.
„Wie du willst.“, meint er schließlich kühl und wendet sich zum Ausgang der Höhle. „Aber ich habe wenigstens versucht, dich zur Vernunft zu bringen!“
Ich hebe spöttisch die Brauen, und wir tauschen einen letzten Blick voll gegenseitiger Bitterkeit, bevor er verschwindet.
„Endlich wieder allein!“, freut sich Scrimgeour und klopft mit dem Gehstock auf den Boden. „Dann kommen wir mal zur Sache! er gehört zu den Todessern, und wo versammelt ihr euch?“
„Ich denke nicht mal im Traum daran, jemanden zu verraten!“, herrsche ich den Zaubereiminister an.
Dolores Umbridge kichert. „Dabei seid ihr doch schon von einem eurer eigenen Leute verraten worden!“
Jetzt ist es an mir, ein überraschtes Gesicht zu machen.
„Todesser verraten keine Kameraden!“, insistiere ich wider besseren Wissens.
„Und doch wurden wir gewarnt, dass ihr die Zentaurensiedlung angreifen würdet!“, reibt mir Scrimgeour genüsslich unter die Nase und erfreut sich an meiner Niederlage. „Jemand aus dem Orden des Phönix erhielt eine Warnung, die er an uns und die Zentauren weitergab. So konnten wir unsere Kräfte bündeln und in aller Ruhe eine Falle vorbereiten, in die ihr ja auch prompt getappt seid!“
„Wer soll denn dieser Verräter sein?“, frage ich ungläubig.
„Das wissen wir nicht. Er blieb anonym.“, muss Scrimgeour zugeben.
Ich grinse ironisch. „Natürlich! Nette Falle, aber ich bin nicht so dumm, auf so eine plumpe Geschichte hereinzufallen!“
„Ich war es! Ich habe den Phönixorden gewarnt! Der Dunkle Lord befahl mir, das Lager der Zentauren auszuspionieren, und da habe ich die Gelegenheit genutzt, mich wieder auf die richtige Seite zu stellen!“, quiekt jemand.
Alle Augen richten sich auf Wurmschwanz, der anscheinend seine Chance gekommen sieht, Askaban doch noch zu entkommen. „Zaubereiminister, ihr müsst mir glauben! Der Dunkle Lord hat mich sogar gefoltert, weil er etwas geahnt hat!“
Ich funkle Pettigrew zornsprühend an. „Also haben wir dir diesen Schlamassel zu verdanken, du hinterhältige Ratte! Ich wusste, dass man dir nicht trauen kann!“
Wurmschwanz kichert gleichzeitig ängstlich und triumphierend. „Das wird man doch berücksichtigen, nicht wahr, Herr Minister? Es erfordert sehr viel Mut, den Dunklen Lord zu hintergehen!“
„Wie viel Mut genau nötig ist, werde ich dir irgendwann einmal zeigen, Wurmschwanz!“, verspreche ich ihm, und der Verräter drückt sich wimmernd an die Wand.
„Wir kümmern uns später um den Informanten!“, beschließt Scrimgeour. „Ich will, dass in den nächsten Tagen die Nachricht über eine Welle von Verhaftungen durch die Presse geht und sich die Leute wieder sicher fühlen. Ich will Namen, Snape, Namen!“
Ich funkle ihn schweigend an und antworte auf keine seiner Fragen. Pettigrew mag wieder einmal durch Verrat seinen Hals aus der Schlinge ziehen. An mir wird sich das Ministerium die Zähne ausbeißen.
„Genug! Dolores, geben sie mir das Veritaserum!“, befiehlt Scrimgeour endlich, und Umbridge holt mit todsüßem Lächeln eine recht große Flasche hervor, von der sie einige Tropfen in einen Becher mit Wasser zählt, den der Minister heraufbeschwört.
Nun, der Kampf dauert nicht allzu lange, und sie haben mich mit vereinten Kräften gezwungen, das Zeug herunterzuschlucken.
Was sie jedoch nicht bedacht haben ist, dass ich zwar unter dem Veritaserum die Wahrheit sagen muss – falls ich etwas sage. Dazu könnte mich nur ein Plappertrank bewegen, den vorzubereiten die Mitarbeiter des Ministeriums versäumt haben. Wahrscheinlich sogar weniger aus Unfähigkeit in der Zubereitung von Zaubertränken als aus Reflex, denn der Drang zur Absonderung von hohlem Geschwätz ist den meisten Mitarbeitern des Zaubereiministeriums in die Wiege gelegt.
So schweige ich denn aufsässig weiter vor mich hin, bis Scrimgeour die Geduld verliert.
„Dolores, ich lasse ihnen jetzt freie Hand. Mir ist egal, wie sie es anstellen – bringen sie ihn endlich zum Sprechen!“
Die Augen der Kröte beginnen zu leuchten.
Die weitere Unterhaltung verläuft für beide Seiten … nennen wir es schwierig. Zum Glück stellen sie die falschen Fragen, die ich nicht einmal dann beantworten könnte, wenn ich wollte. Jeder vom Orden des Phönix ist in der Lage zu erklären, dass Geheimnisse wie der Standort ihres Hauptquartiers am Grimaultplatz 12 oder Babajagas derzeitige Position verwunschen sind und nicht verraten werden können. Aber Umbridge ist zu dumm, so komplizierte Magie zu begreifen, und Scrimgeour wünscht sich zu sehr weitere Verhaftungen, um damit seine Position als Zaubereiminister zu untermauern.
Während sich die Zeit zäh wie Bubbles Bester Blaskaugummi dahinschleppt und ich versuche, meinen Geist von Umbridges und Scrimgeours bohrenden Fragen abzulenken, denke ich darüber nach, worin sich eigentlich Freund und Feind unterscheiden. Jedenfalls nicht in der Art mit Menschen umzugehen, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Bellatrix Lestrange und Dolores Umbridge zumindest verbindet ihr Geschmack hinsichtlich gelungener Unterhaltung.
Die Wurzel allen Übels liegt wahrscheinlich in mir selbst: Ich bin nicht gesellig. Ich hatte immer einen oder zwei gute Freunde, das schon, aber es ist nicht so, dass ich ohne andere Menschen nicht leben könnte – ich bin mir selbst genug.
Das führte dazu, dass ich schon auf dem Muggelschulhof allein dastand und erlernte, was ich für mich selbst das „Kugelfischprinzip“ nenne: wer nicht mehr wegrennen kann, muss kämpfen. Wer sich nicht wehrt, so hart er kann, gilt als leichte Beute und hat zukünftig um so mehr zu leiden. Raubfische verschmähen darum den wehrhaften Kugelfisch und suchen sich weniger stachlige Opfer.
Als ich auf die Zaubererschule gehen durfte, dachte ich zuerst, dort sei alles anders. Nicht nur, dass dort gezaubert wird, nein, ich war ganz kindlich der Ansicht, dort gäbe es so etwas wie Recht und Gesetz, dass die Schwächeren schützt.
Das dem nicht so sein würde, erfuhr ich sofort auf dem Bahnsteig 9 ¾, als ich versehentlich im Gedränge einen Jungen anrempelte und seine Bücher im Dreck des Bahnsteigs verteilte. Bevor ich auch nur ein Wort der Entschuldigung äußern und ihm helfen konnte, seine Bücher wieder aufzuheben, blaffte er mich schon wütend an, was zur Hölle mir einfiele! Er war gut einen halben Kopf größer als ich, genau wie sein Freund neben ihm. Beide trugen teure Kleidung, und ich fühlte mich genauso schäbig und abgetragen wie meine Second-Hand-Ausstattung.
Ich stand also da und wusste nicht, was ich tun sollte, als sich die Mutter des Jungen einmischte und ihren Sohn Sirius einen Idioten, Versager und eine Schande für das fürnehme und gar alte Haus der Blacks nannte, der sich sogar von einem zerlumpten Taugenichts wie mir die Butter vom Brot nehmen lasse. Ich verdrückte mich heimlich, während der Junge namens Sirius mit gesenktem Kopf der Schimpftirade seiner Mutter lauschte.
Black und sein Freund – später erfuhr ich, dass er James Potter hieß – sowie Peter Pettigrew und Remus Lupin spürten mich später in dem Abteil auf, in dem ich alleine saß und in meinen neuen Schulbüchern las. Nach dem üblichen Schlagabtausch von wechselseitigen Beschimpfungen wurden sie schließlich handgreiflich, und weil sie zu viert waren und ich allein, war wohl meine Angst ziemlich groß. Groß genug jedenfalls, dass sie alle plötzlich ihre geballten Fäuste nicht mehr öffnen konnten und erst Professor McGonagall in der Lage war, sie davon zu erlösen. Und wer bekam Ärger? – Ich!
Meiner naiven Vorstellungen beraubt lebte ich mich jedoch in meinem Haus ganz gut ein und wäre auch ganz zufrieden gewesen, wenn mir nicht ständig diese Gryffindorbande das Leben schwer gemacht hätte. Ich gewöhnte mir also an, beim ersten Anzeichen von Gefahr sofort meine Stacheln auszufahren und ihnen zaubertechnisch immer einen Schritt voraus zu sein, was mir den Ruf einbrachte, ich beherrsche mehr schwarzmagische Flüche als sonst irgend jemand auf der Schule. Mag sein – für mich war es überlebenswichtig, schneller und besser zu sein, denn bis auf Wurmschwanz waren die Gryffindors keine Stümper.
Meine letzten Illusionen über Recht und Gesetz in dieser Welt verlor ich, als Sirius Black mich umzubringen versuchte, in dem er seinen Freund Remus Lupin in Werwolfgestalt auf mich hetzte. Aber Albus Dumbledore hielt seine schützende Hand über seine Lieblinge aus Gryffindor, und Black flog nicht von der Schule. Meine wütenden Proteste wurden vom Direktor mit dem Hinweis auf besondere Umstände abgeschmettert, die er mir allerdings ebenfalls vorenthielt, denn diese Dinge seinen privater Natur und gingen mich nichts an. Ich wäre wohl selbst von der Schule geflogen, hätte ich mir nicht unter massivem Druck Dumbledores auch noch den Schwur abpressen lassen, kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Ich kochte vor Zorn über diese Ungerechtigkeit - und schwieg.
Ich habe diese Lektion niemals vergessen.
Eine Person der Gegenseite gilt beiden Parteien in diesem Krieg offensichtlich nicht als Mensch. Ein Gefangener wird als ein Stück Fleisch betrachtet, aus dem so viele Informationen, Schätze, Geständnisse oder was auch immer wie möglich heraus gepresst werden, um die leere Hülle anschließend wegzuwerfen. Ob für das Opfer ein schneller Tod oder das Dahinsiechen in Askaban vorzuziehen ist, erscheint mir Ansichtssache.
Der einzige, der dich vor Übergriffen beider Seiten schützen kann, bis du selbst: Deine Reaktionsschnelligkeit, dein Wissen. Nur dein Vorsprung auf diesen beiden Gebieten gewährt Schutz vor Feind und Freund.
Als das Dunkle Mal auf meinem Arm wieder stärker wurde, wusste ich, dass der Dunkle Lord mich töten wird, findet er mich bei seiner Rückkehr auf der falschen Seite. Es galt also zu entscheiden: Vertraue ich mich dem Schutz Dumbledores an, eines alten Mannes mit unvergleichlicher, aber im Schwindenden begriffener Zauberkraft, der mich zudem schon einmal für einen seiner Günstlinge im Stich ließ - oder vertraue ich allein auf mich selbst, vergrößere mein Wissen in den Dunklen Künsten und bin vielleicht irgendwann auch dem Dunklen Lord nicht mehr hilflos ausgeliefert.
Nun, ich habe mich entschieden.
So gleiten meine Gedanken dahin, während Scrimgeour und Umbridge sich mit mir abplagen. Ich bin pitschnass verschwitzt und zittere wie eine Pappel, als wieder ein Rumoren am Eingang die Ankunft von Besuchern ankündigt. Ich beschließe, nicht schon wieder ohnmächtig zu werden, und kämpfe mich hoch an die Oberfläche, um zu sehen, wer da kommt.
Es sind Minerva McGonagall, Remus Lupin, Kingsley Shacklebold und der Zentaur, dessen Bart ich in Brand setzte und der eine recht hässliche Brandwunde davongetragen hat.
„Dieses illegale Verhör ist eine Schande für die ganze Zaubererschaft! Severus Snape verdient einen fairen Prozess!“, erklärt Minerva McGonagall fest, während Shacklebold ruhig und besonnen wie immer meine Fesseln löst und mich auffängt, als meine Beine unter mir einknicken.
„Severus Snape ist unser Gefangener. Wir werden ihn vor das Zentaurenthing stellen!“, erklärt würdevoll der Zentaur, der sich in der Höhle nicht zu seiner ganzen Größe aufrichten kann. Umbridge und er vermeiden es gezielt, einander anzublicken, obwohl das bei der Größe des Halbmenschen schwierig ist.
Scrimgeour widerspricht heftig: „Nein! Das Zauberergamot wird den Mörder von Albus Dumbledore …“
Ich bin zu müde, ihrem Zank zu folgen, während mir Shacklebold ohne unnötige Brutalität hilft, mich neben meinen Kameraden auf dem Boden niederzulassen.
„Wasser, bitte.“, krächze ich heiser.
Remus Lupin, das Weichherz, erbarmt sich meiner. Er beschwört einen Becher mit Wasser herauf und geht schließlich sogar vor mir in die Knie, weil meine zitternden Hände schon die Hälfte verschüttet haben, bevor das Wasser auch nur meine Lippen berühren kann.
Ich erkenne meine Chance und nutze sie: Lupins linker Arm steckt in der Schlinge und hält locker den Zauberstab in der kraftlosen Hand, die andere hilft mir mit dem Becher.
Ich entreiße dem Werwolf in einer fließenden Bewegung den Zauberstab und schleudere Lupin gleichzeitig mit einem gezielten Fußtritt unters Kinn zurück, so dass er durch die Höhle fliegt und benommen liegen bleibt. Dann bedrohe ich die Anwesenden, die mitten in ihrem Disput unterbrochen wurden, mit Remus Zauberstab.
„Dolores, sie dürfen jetzt den Mund schließen. Wer sich bewegt, ist tot!“ Meine Stimme knirscht wie jemand, der durch Kies geht.
Niemand rührt sich, alle stehen wie im Schock über die plötzliche Wendung festgefroren. Ich entwaffne alle mit „Accio Zauberstäbe!“
Anschließend befreie ich in aller Ruhe meine Kameraden von den Fesseln. Rodolphus erhebt sich so schnell, dass sich in mir der Verdacht regt, er sei schon sehr lange wieder bei Bewusstsein und habe es sich nur nicht anmerken lassen.
Crabbe und Goyle wollen sich bedanken, doch ich fahre sie heiser an: „Nicht jetzt! Der richtige Portschlüssel ist auf dem Felssims hinter dem hervorragenden Brocken versteckt. Ihr alle ihr werdet jetzt damit zu unserem Herrn zurückkehren!“
Ich wende mich an Lestrange, der seine Handgelenke reibt, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen.
„Pass auf, dass euch die Ratte unterwegs nicht verloren geht!“
Rodolphus grinst hämisch und packt Pettigrew am Kragen, der sich erfolglos aus dem Griff herauszuwinden versucht. „Nein, Severus, bitte, ich hab gelogen, ich habe euch gar nicht verraten, ich wollte mich doch nur …“, zetert er, doch Lestrage beachtet ihn nicht.
„Kommst du nicht mit?“
Ich deute auf Lupins Zauberstab. „Ich habe noch eine Kleinigkeit hier zu regeln und appariere dann nach Babajaga!“
Der Todesser grinst wissend und die Kameraden verlassen diese ungastliche Höhle mittels des verborgenen Portschlüssels. Ohne Pettigrews fortgesetztes Kreischen und Winseln im Ohr wird es sogleich gemütlicher.
„Jetzt zu Euch!“, beginne ich heiser und rapple mich so mühsam wie ungeschickt auf die Füße, ohne einen meiner Gegner aus den Augen zu lassen.
„Willst du mein anderes Bein auch noch zerstören?“, fragt Rufus Scrimgeour mit grimmigem Hass in den gelblichen Augen und stützt sich schwer auf seinen Stock.
Ich lasse mir den Vorschlag eine Weile durch den Kopf gehen, verwerfe ihn aber.
„Um einen Helden aus ihnen zu machen, Minister?“, antworte ich kühl. „Nein!“
Ich deute mit dem Zauberstab auf Umbridge.
„Die Flasche mit dem Veritaserum, Dolores! Geben sie sie dem Zaubereiminister!“ Meine Stimme knirscht immer sandiger.
Scrimgeour betrachtet mit gerunzelter Stirn die Flasche, die seine Assistentin ihm mit bebenden Händen überreicht.
„Austrinken. Alles!“, befehle ich.
Der alte Kämpe zögert. Ich kneife die Augen zu Schlitzen zusammen und hebe den Zauberstab. „Ich töte alle hier im Raum und sie zuletzt, Scrimgeour, wenn sie die Flasche nicht bis zum letzten Tropfen leeren!“
Der Zaubereiminister und ehemalige Leiter des Aurorenbüros wägt kühl seine Chancen ab, bevor sich einen Ruck gibt, das Fläschchen entkorkt und den Inhalt in einem Schluck hinunterstürzt wie heute morgen Rodolphus Lestrange die Flasche Butterbier. Dann schüttelt der mächtige Minister seine Haarmähne und blickt mich mit einer Wildheit an, die mir rät, bei unserer nächsten Begegnung lieber nicht lebend in seine Hände zu fallen. Rufus Scrimgeour wird bei der eingenommenen Überdosis Veritaserum für mindestens ein Jahr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen können. Was das für einen Politiker bedeutet, mag sich ein jeder ausmalen.
„Dolores, meine Liebe, nicht so zaghaft! Verstecken sie sich doch bitte nicht so schüchtern hinter ihrem neuen Freund, dem Zentaur!“, fordere ich leise, doch mit eisiger Höflichkeit, und das flaumige weiße Haar der alten Vettel erscheint zaghaft hinter dem Pferdehintern.
„Kommen sie ruhig näher - nein, nicht wieder verstecken!“
Sie gehorcht und ihre kleinen Stummelfingerchen zittern vor Angst. Mir dreht sich der Magen um bei dem Gedanken an ihre tastenden Fingerspitzen auf meiner Haut.
„Man kann das Dunkle Mal übrigens nicht entfernen.“, erläutere ich im Plauderton, während ich meine Handschuhe vom Boden auflese und überstreife, „Man kann es weder wegfluchen noch mit einem Zaubertrank herausätzen oder mit einer Messerklinge aus der Haut schneiden – es kehrt immer wieder. Als wir alle den Dunklen Lord für tot hielten, war es beinahe verblasst, aber es ist niemals ganz verschwunden!“ Ich blecke die Zähne, und Umbridges Augen quellen hervor wie bei einem Frosch, den man zu fest in der Hand hält.
„Da sie, liebe Dolores, so wissenschaftlich orientiert arbeiten und sich so eingehend für meine Haut interessiert haben …“ – ich bin froh, dass niemand den eisigen Schauder bemerken kann, der mir den Rücken hinunterjagt – „… möchte ich ihnen ein neues Studienobjekt schenken!“
Lässig schwinge ich den Zauberstab – die elegante Bewegung habe ich mir bei meinem Herrn und Meister abgeschaut – und verwandle mit „Dermatounka!“ ihre Haut in die einer Kröte: Grün, schleimig und mit aberhunderten von Warzen übersäht.
Meines Wissens existiert kein Gegenmittel. Aber Dolores findet bei ihrem herausragenden Können bestimmt eine Heilung für die … Alte-Unken-Akne?
Anschließend wende ich mich an McGonagall, Shacklebold und den Zentaur.
„Sie alle können jetzt gehen - bis auf Remus Lupin. Sollte jemand in den nächsten fünf Minuten diese Höhle betreten, stirbt der Werwolf!“
McGonagall protestiert und bietet sich als Geisel an, Shacklebold widerspricht ihr und stellt sich selbst zur Verfügung. Ich befördere sie hinaus mit der Ankündigung, alle Anwesenden unverzüglich ins Jenseits zu befördern, falls man mich mit Lupin nicht sofort allein lasse.
Ich beschwöre meinerseits einen Becher mit Wasser herauf und schütte es dem Werwolf ins Gesicht. Seine Lider flattern, als er erwacht und mich wieder erkennt.
„Snape!“ Die Werwolfaugen verengen sich misstrauisch und angstvoll, aber er macht keinen Versuch, mich anzubetteln.
„Hör gut zu, Remus.“, sage ich sehr leise, „Heute lasse ich euch davonkommen, und das ist dein Verdienst. Hättest du nicht Mitgefühl gezeigt und mir zu trinken gegeben, so hätte ich dir nicht den Zauberstab abnehmen und mich und meine Freunde befreien können. Ich stehe in deiner Schuld.“ Ich erhebe mich, während Lupin sich das schmerzende Kinn reibt und zu mir aufblickt. Seine Verletzung hat wieder angefangen zu bluten, der Verband ist ganz durchtränkt.
„Bei unserer nächsten Begegnung jedoch …“, verspreche ich und hebe den Zauberstab zum Disapparieren, „… werde ich dich töten, Werwolf!“
Verte!
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun


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Ungelesener BeitragVerfasst: 10. Juli 2006 19:13 
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DHallo Polaris

Danke, dass hier die Geschichte weiter gehen kann! Ich hoffe, ich bin nicht die einzige in diesem Forum, die sie liest!

Dei Atmosphäre, die du in deiner Folge erzeugst, ist beängstigend. Die Eiseskälte, Severus' Albtraum..

Geniale Idee. Dass Severus zunächst Dolores und Rufus in der Gestalt seiner Eltern wahrnimmt... Freundliche Leute, die ihm nett helfen wollen, sich umzuziehen...

Und dann das harte Erwachen, wozu er sich zwingen muss.

Seine Beschreibung: Bitterböse ironisch, auch selbstironisch: Severus Snape in Reinkultur:

Zitat:
ich hänge mit den Handgelenken an Seile gebunden in der Mitte der Höhle wie eine zu groß geratene Fledermaus, die jemand mit ausgebreiteten Schwingen an die Tür genagelt hat

Aber schon das erste Wortgefecht gewinnt Severus, wie nichts anders zu erwarten:

Zitat:
„Du bist nicht in der Position, meine Mitarbeiter zu verhöhnen, Severus Snape!“
„Das habe ich auch nicht nötig.“, versetze ich ruhig, „Unfähigkeit spricht für sich!“

2:0 für Severus, mit einem einzigem Satz hat er beiden eine ausgewischt.

Die Methoden des Ministeriums hast du sehr realistisch dargestellt:

Zitat:
„Sagen Sie Dawlish, dass er keinen von den Zentauren oder sonst jemanden hereinlassen darf, solange wir beide den Gefangenen verhören – und verschließen Sie die Höhle mit einem Schalldämpfungszauber! Ich möchte dieses inoffizielle Verhör nicht vor dem Zauberergamot rechtfertigen müssen!“

Mir gefällt es, wie er mit wenigen spöttischen Sätzen es schafft, Draco und Stan Shuntpike so nebenbei freizuhauen.

Das illegale Verhör unter Veritaserum passt ins Bild. Dei Kleinigkeit, dass das Serum nicht zum reden zwingt, haben sie jedoch vernachlässigt, was sich rächt:

Zitat:
„Dolores, ich lasse ihnen jetzt freie Hand. Mir ist egal, wie sie es anstellen – bringen sie ihn endlich zum Sprechen!“
Die Augen der Kröte beginnen zu leuchten.
Die weitere Unterhaltung verläuft für beide Seiten … nennen wir es schwierig.

Mühsame Minuten und eine Rückblende später:

Zitat:
So gleiten meine Gedanken dahin, während Sgrimgeur und Umbridge sich mit mir abplagen. Ich bin pitschnass verschwitzt und zittere wie eine Pappel, als wieder ein Rumoren am Eingang die Ankunft von Besuchern ankündigt. Ich beschließe, nicht schon wieder ohnmächtig zu werden, und kämpfe mich hoch an die Oberfläche, um zu sehen, wer da kommt.

Dei Erlösung in der Form der Ordenskämpfer kommt.

Eines habe ich nicht kapiert: Warum stellen sie die falschen Fragen? Ich hätte mir Sgrimgeur intelligenter vorgestellt. Oder ist es ein Logikfehler dem Plot zuliebe?

Der Verrat von Wurmschwanz ist zu drollig. Er versucht aufs Trittbrett zu springen, und handelt sich wohl riesigen Ärger dabei, nach der "Befreiung". Arme Ratte!

Severus Rache mit dem Veritaserum für Sgrimgeur (hätte er nicht eine klitzekleine Dosis für Bush und Konsorten sparen können?) war obercool. Das ist des echten Severus mehr als würdig. Und die Rache gegen Umbridge ist köstlich:

Alte-Unken-Akne!

[img]images/smiles/laughing7.gif[/img][img]images/smiles/lacher.gif[/img][img]images/smiles/043.gif[/img][img]images/smiles/082.gif[/img][img]images/smiles/023.gif[/img]

Die möchte ich am liebsten verfilmt sehen! Wobei: Auf dem italienischem Cover ist sie genau so verewigt!

Geniale Folge, ich kann mich nicht satt daran lesen. Bin ich hier die Einzige?

Nur: Warum um Himmels Willen diese Morddrohung Lupin gegenüber? Seltsame Dankbarkeit!


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Ungelesener BeitragVerfasst: 10. Juli 2006 19:24 
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Kathrina hat geschrieben:
Wobei: Auf dem italienischem Cover ist sie genau so verewigt!
Du meinst sicher das finnische, oder? Das ist meines Wissens das einzige, auf dem Umbridge zu sehen ist.
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Ungelesener BeitragVerfasst: 10. Juli 2006 22:07 
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Stimmt, ich glaube es war dieses fürchterliche finnische Cover. Umbridge ist aber darauf die beste!

Dart, ich hab' dich erwischt! Schwarzleser! [img]images/smiles/icon_axe.gif[/img]


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Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Juli 2006 06:25 
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Ähm.... ich muß mich hier wohl auch mal als Schwarzleserin outen. :oops:
Böse Absicht ist das von meiner Seite allerdings nicht - es ist gar nicht mal so leicht, bei einer so guten FF etwas zu finden, was man in ein Review schreiben könnte, und wenn ich nur die besten Stellen zitieren und mit einem Kommentar versehen würde, entspräche das ein wenig zu sehr meiner persönlichen Definition von Spam. :?

Außerdem ist es anstrengend, so lange Chaps am PC zu lesen - vielleicht sollte ich sie mir mal ausdrucken... [img]images/smiles/eusa_whistle.gif[/img]
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Ich bin verantwortlich für das, was ich schreibe - aber nicht dafür, was du verstehst.

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Aber wenigstens werdet ihr jetzt die ganze Wahrheit erfahren. Und feststellen, daß keine Perspektive je belanglos ist.
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Spare Dir die Zeit, profilneurotischen Gerüchteverbreitern erklären zu wollen, daß ihr Handeln gemein und ethisch unrecht ist, denn emotional und sozial dumme Menschen werden ihr Ego immer über Ethik und Moral stellen und selbst wenn Du heute, als Nachweis ihres Unrechtes, direkt vor ihren Augen übers Wasser läufst, wird morgen mindestens einer von ihnen behaupten, Du könntest nur nicht schwimmen!

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Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Juli 2006 15:50 
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:) Liest ja doch jemand - ich dachte schon, ich würde euch zu Tode langweilen, und das ist bestimmt nicht meine Absicht!

Dann werde ich euch mal langsam auf den aktuellen Stand der Schreibe bringen und weitere Kapitel posten.

Aber mal ehrlich: Eure Reviews sind schon wichtig! Woher soll ein Autor denn sonst wissen, ob das, was er sagen will, auch ankommt, oder ob man auf dem Holzweg ist, eine Figur unglaubwürdig erscheint bzw. die Lösung eines Rätsels gar zu sorgfältig versteckt ist? Also, bitte, nur zu: [img]images/smiles/icon_axe.gif[/img] raus mit dem, was euch nicht passt, die Chancen stehen gut, denn ich habe beim Schreiben sogar hin und wieder was dabei gedacht (oder, natürlich noch viel lieber, schreibt mir, was euch gefällt [img]images/smiles/dankeschoen.gif[/img] ).

@Kathrina

Zitat:
Die Methoden des Ministeriums hast du sehr realistisch dargestellt:

Zitat:
Zitat:
„Sagen Sie Dawlish, dass er keinen von den Zentauren oder sonst jemanden hereinlassen darf, solange wir beide den Gefangenen verhören – und verschließen Sie die Höhle mit einem Schalldämpfungszauber! Ich möchte dieses inoffizielle Verhör nicht vor dem Zauberergamot rechtfertigen müssen!“


Danke - schön, dass deutlich geworden ist, wie wenig ich vom Ministerium halte (außer von Mr. Weasley und Kingsley Shacklebolt, aber die würden sich wie ihre Kameraden vom Phönixorden schämen, einen Gefangenen so zu behandeln!).

Zitat:
Eines habe ich nicht kapiert: Warum stellen sie die falschen Fragen? Ich hätte mir Sgrimgeur intelligenter vorgestellt. Oder ist es ein Logikfehler dem Plot zuliebe?


Ich hoffe nicht :oops: : Grimmauldplatz 12 ist verhext und kann nicht verraten werden, und genauso wird es wohl auch Voldemort mit einigen wichtigen Fakten halten (z.B. dem Standort seines Hauptquartieres). Seine Pläne teilt Voldemort nur denen mit, die davon betroffen sind - er pflegt einen mißtrauischen, autoritären Führungsstil. So kann Snape einige Dinge gar nicht verraten, entweder weil er nichts davon weiß oder weil Zauber ihn daran hindern. Allerdings ist die Umbridge-Scrimgeoursche Methode, etwas von Snape zu erfahren, absolut untauglich. Snape ist wie eine Auster: Je mehr jemand auf ihre Schale einschlägt, damit sie sich öffnet, desto heftiger hält sie dagegen.

Dumbledore kennt übrigens den Trick, wie man Austern öffnet :wink: Ich verrate in einem späteren Kapitel noch, wie er das fertiggebracht hat!

Zitat:
Der Verrat von Wurmschwanz ist zu drollig. Er versucht aufs Trittbrett zu springen, und handelt sich wohl riesigen Ärger dabei, nach der "Befreiung". Arme Ratte!


Vorsicht! - möchte ich da mal in den Raum rufen ... sind wir vielleicht etwas voreingenommen Wurmschwanz gegenüber?

Zitat:
Nur: Warum um Himmels Willen diese Morddrohung Lupin gegenüber? Seltsame Dankbarkeit!


Das war Severus überaus charmante Art zu sagen: Halte dich von mir fern! Remus Lupin ist nämlich mit deutlich mehr Hirn gesegnet als Umbridge und Scrimgeour zusammen, und er hat ganz nebenbei etwas fallen lassen, was Severus Alarmglocken schrillen ließ.

@Ginevra Malfoy

Zitat:
Ähm.... ich muß mich hier wohl auch mal als Schwarzleserin outen.
Böse Absicht ist das von meiner Seite allerdings nicht - es ist gar nicht mal so leicht, bei einer so guten FF etwas zu finden, was man in ein Review schreiben könnte, und wenn ich nur die besten Stellen zitieren und mit einem Kommentar versehen würde, entspräche das ein wenig zu sehr meiner persönlichen Definition von Spam.


Glaube ich, dass ihr's nicht böse meint - aber woher sollte ich denn wissen, ob das hier "Wayne interessiert"? Und ein Kommentar ist immer willkommen - ihr lacht oft an Stellen, die ich beim schreiben gar nicht so gelungen fand, während anderes wie beabsichtigt ankommt. Finde ich gar nicht SPAM, sondern ist meine "Erfolgskontrolle", über die ich mich immer freue!

Zitat:
Außerdem ist es anstrengend, so lange Chaps am PC zu lesen - vielleicht sollte ich sie mir mal ausdrucken...


*erröt* Dabei war das noch nicht mal das Längste *schäm* Ich würde ja gerne lügen und behaupten, ich würde mich bessern und in Zukunft kürzer fassen, aber bei den extra-langen Chaps werde ich Euch zukünftig wenigstens vorwarnen.

@Darth Severus
Wo kann man sich das finnische Cover denn mal ansehen? *liebguck*

So, weiter gehts mit dem nächsten Kapitel:

Kapitel 15: Geständnis

Als ich vor der Zwingfeste des Dunklen Lords appariere, merke ich, dass meine Kraft bald aufgebraucht sein wird und mich derzeit nur noch die Anspannung auf den Beinen hält.
Da ich nicht vorhabe, zur Erheiterung aller vor unserem Herrn und Meister aus den Stiefeln zu kippen, beeile ich mich, ihm meinen Bericht zu erstatten und anschließend in mein Zimmer zu verschwinden, wo ich mich wie ein Siebenschläfer einrollen und mindestens den nächsten Monat verschlafen werde. Etwas zu essen wäre auch nicht schlecht, schließlich habe ich außer Dracos ersten Kochversuchen und Veritaserum in den letzten beiden Tagen kaum etwas zu mir genommen. Dann brauche ich auch noch einen neuen Zauberstab, und danach …
Ich bin zu müde um weiterzuplanen und vertage mich auf einen Zeitpunkt, an dem ich wieder geradeaus denken kann; im Moment fällt mir sogar das geradeaus Gehen reichlich schwer.
Rodolphus Lestrange erwartet mich vor den Toren.
„Der Dunkle Lord will dich sofort sehen!“
Ich nicke knapp und folge seinen Schritten.
Lestrange steuert nicht auf die große Halle zu, sondern schlägt den Weg in Richtung der Privatgemächer unseres Herren ein. Es ist auffällig ruhig, und niemand lässt sich auf den Gängen blicken. An sich schon ein übles Zeichen, denn normalerweise treibt sich hier immer irgend jemand herum auf der Suche nach einer Schlägerei, dem schnellen Glück beim Spiel oder sonstiger Triebbefriedigung.
Rodolphus hat die wenige Zeit bereits genutzt und für seine Bedürfnisse gesorgt: Er hält eine Flasche Feuerwhisky in der Hand, aus der er sich ungeniert bedient. Trotzdem eilt er zügig und ohne zu schlingern durch die Gänge, die bald unter dem Bergfried nur noch spärlich durch Fackeln erleuchtet sind. Ich bemühe mich derweil, weder im Laufen einzuschlafen noch über meine eigenen Füße zu stolpern. Mir wird inzwischen merkwürdig kalt und heiß zugleich, und eigentlich habe ich doch keinen Hunger.
Rodolphus hält plötzlich und ohne Vorwarnung an. Ich bin darauf nicht vorbereitet, und ehe ich mich versehe, hat er mir Remus Zauberstab aus der verletzten Hand gewunden und presst mich mit dem Ellbogen über meiner Kehle an die Wand.
„Verfluchter Mistkerl! Ich sollte dich umbringen!“ Rodolphus Augen glitzern, aber nicht betrunken.
„Nur zu.“, flüstere ich heiser, „Eine bessere Gelegenheit wirst du wohl kaum finden.“ Ehrlich gesagt ist es mir fast egal.
Lestrange scheint meine Gleichgültigkeit zu bemerken - und sie passt ihm gar nicht, weshalb er mir den Kopf ein paar Mal gegen die Wand schlägt. Es geht das Gerücht, diese Vorgehensweise solle das Denkvermögen erhöhen, was ich jedoch nicht bestätigen kann. Allerdings erscheinen völlig unbekannte Sternbilder vor meinen Augen.
„Lestrange, könntest du mir bitte endlich verraten, was ich dir eigentlich getan habe?“, keuche ich mühsam, denn sein Ellenbogen beginnt mir allmählich die Luft abzudrücken.
„Was läuft da zwischen dir und meiner Frau?“, brüllt er wütend.
„Nichts.“
„Lügner!“, schreit er, und die Sternbilder werden zu Feuerwerk. „Du hast dich Bellatrix an den Hals geworfen …“
Mir reicht es jetzt. „Ich habe mich niemandem an den Hals geworfen, eher umgekehrt! Frag doch deine Frau, was plötzlich in sie gefahren ist!“, fauche ich wütend. „Sind denn plötzlich alle verrückt geworden?“
Ich wende einen Muggelschulhof-Trick an und lasse mich fallen, während ich gleichzeitig nach seinem Fußgelenk trete. Im Ergebnis landen wir beide auf dem Boden.
„Im Ernst, Rodolphus – ich habe nichts mit Bellatrix. Sie hat mir um Dracos Willen einmal geholfen, das ist alles.“ Mühsam rapple ich mich auf und überprüfe den Sitz meiner Kleidung und der Handschuhe, bevor ich dem schlaff wie ein Sack an der Wand lehnenden Lestrange Lupins Zauberstab abnehme.
Rodolphus grinst unvermittelt und jetzt eindeutig betrunken. Sein alkoholgesättigter Atem betäubt sogar die Wanzen an den Wänden.
„Ich weiß, du warst damals auch in sie verliebt, Schniefelus. – Aber ich habe sie bekommen!“ Die Erinnerung an lange vergangene, glückliche Tage huscht über sein durch Askaban und Feuerwhisky zerstörtes Gesicht.
Ich sollte vielleicht erwähnen, dass Rodolphus Lestrange einmal ein unglaublich gut aussehender und charmanter junger Mann war, der dazu noch über hervorragende Berufsaussichten, das richtige Elternhaus und jede Menge Geld verfügte. Um all dem die Krone aufzusetzen war er auch noch der gefeierte Hüter der Quiddichmannschaft „Noble Sportsmen“.
Von Typen wie ihm ist mir immer schon schlecht geworden.
Rodolphus Lestrange - mit allem gesegnet, was ein Mann sich nur wünschen kann - wünschte sich immer nur eines, und das bekam er am Ende auch: Bellatrix Black, die schönste Frau, die ich je gesehen habe.
So oder so, ich hatte niemals auch nur den Hauch einer Chance.
„Rodolphus – jeder war in Bellatrix verliebt! Wenn du jetzt versuchst, alle Männer umzubringen, die vor vielen Jahren einmal Bellatrix Black toll fanden, ist die Zaubererschaft in unserer Generation bald ausgerottet!“ Meine Stimme beginnt wieder zu knirschen, und ich senke sie, bis ich fast flüstere. „Allerdings sind diese Zeiten längst vergangen, Lestrange. Bellatrix ist deine Frau. Punkt.“
Ich wende mich zum Gehen, doch Lestrange hält mich am Umhang fest und versucht vergeblich, schwankend wieder auf die Beine zu kommen.
Widerwillig halte ich ihm den unverletzten Arm hin, und mit meiner Hilfe zieht er sich wieder in die Vertikale. Er stinkt wie die Toiletten im Eberkopf am Morgen nach einem wüsten Gelage.
Kaum wieder aufrecht stehend, fällt Rodolphus Lestrange, ehemaliger Frauenschwarm, mir um den Hals, drückt sein stoppeliges Gesicht an meines und bricht in Tränen aus.
„Bella! Meine schönste, teuerste …“ Der Rest geht in unartikulierten Lauten unter.
Ich verspüre zum ersten mal in meinem Leben den Drang zu einem hysterischen Anfall. Das muss ich träumen!
„Rodolphus, ist ja gut. Ganz ruhig!“, tröste ich ihn linkisch, während ich verzweifelt versuche, ihn von mir weg zu schieben, doch er klammert sich an mich wie an Kleinkind an seine Mutter. Leider ist Rodolphus Statur trotz des Raubbaus an seiner Gesundheit immer noch breitschultig und - wenn auch nur um die Mitte herum - recht massig, so dass ich mich seiner Umklammerung kaum erwehren kann, während er haltlos und von heftigen Krämpfen geschüttelt in den Umhang an meiner Schulter schluchzt.
Herrje!
„Okay. Es ist alles in Ordnung. Was es auch ist, wir kriegen das wieder hin!“, erkläre ich verzweifelt und halte Ausschau nach einem Todesser, einer Hauselfe oder meinetwegen auch einem Troll, der mich von dieser Heimsuchung befreien könnte.
„Nichts ist in Ordnung! Sie liebt mich nicht mehr!“, stößt Rodolphus verzweifelt hervor und gleichzeitig damit einen Schwall seines whiskygesättigten Atems.
„Natürlich liebt sie dich. Das sieht doch jeder!“, lüge ich dreist und versuche, nicht an Bellatrix Blick zu denken, mit dem sie mich über den Tisch hinweg angesprungen hat. Zum Glück wirkt eine normale Dosis Veritaserum nur begrenzt!
„Nein. Tut sie nicht.“, stellt Rodolphus nun wieder überraschend nüchtern fest und verschmiert sein schwer gealtertes Lausbubengesicht mit seinen Tränen, als er sie abzuwischen versucht. Endlich kann ich seine Handgelenke packen und ihn sanft zurückstoßen.
„Was soll das?“, frage ich, denn ich halte es für die einfachste Art, ihn endlich loszuwerden, wenn ich den Grund für seinen unerklärlichen Gefühlausbruch herausfinde. „Warum sollte Bellatrix dich jetzt auf einmal nicht mehr lieben?“
Lestrange steht auf einmal ganz still. Die Arme hängen kraftlos an ihm herunter und seine Augen tragen dunkle Ringe.
„Sie kann nicht … - ich bin … - Wir können keine Kinder bekommen!“, haucht er in einem Schwall von Feuerwhiskyatem.
Ich habe mich wohl verhört. Rodolphus und Bellatrix Lestrange wünschen sich ein Baby?
Als ich gerade herausplatzen will begegnen sich unsere Blicke, und ich würge das Lachen, dass mir schon in der Kehle perlte, wieder herunter. Es ist ihm bitter ernst.
„Hmm?“, krächze ich statt dessen.
„Wir sind nackt zu Erntedank über die Felder getanzt, haben jeden Fruchtbarkeitstrank ausprobiert und jedwedes Ritual vollzogen, dass du dir vorstellen kannst, Severus – alles umsonst! Wir haben wirklich alles versucht – sogar Muggelärzte! Bellatrix kann keine Kinder bekommen!“
Ich räuspere mich verlegen. „Darum versucht sie also …?“ Ich breche ab, bevor die Wahrheit zu beschämend für Rodolphus wird.
Lestrange nickt. „Genau. Aber ebenso erfolglos. Vor vielen Jahren haben wir sogar einmal gedacht, es könnte funktionieren: Meine Frau wurde von einem Anderen schwanger. Wir alle beide waren schier außer uns vor Freude! Aber dann hatte Bellatrix im achten Monat eine Totgeburt, ein kleines Mädchen. Wir wollten sie Isabella nennen.“
Das drückt jetzt sogar mir die Stimme ab, und ich schweige starr vor Entsetzen.
„Das tut mir leid.“, krächze ich endlich so leise und heiser, dass es kaum zu hören ist.
„Ja. Mir auch.“, erwidert Rodolphus und scheint sich nun, da er mir sein Geheimnis anvertraut hat, wieder gefangen zu haben.
„Darum hat sich Bellatrix also dem Dunklen Lord …“, überlege ich laut. Das „… an den Hals geworfen.“, behalte ich dann doch lieber für mich.
„Genau. Er hat uns ein Kind versprochen.“ Lestrange beobachtet mich hoffnungsvoll von der Seite, während er die Flasche aus dem Umhang hervorholt und sich mit einem kräftigen Schluck Feuerwhisky stärkt.
Ich weiche ein paar Schritte zurück.
„Das ist unmöglich! Kein Zauberer kann das bewirken - selbst der Dunkle Lord nicht!“
Rodolphus zuckt resigniert mit den Schultern. Er ist ebenso intelligent wie ich und die Unmöglichkeit der Zusage seinem Verstand sicherlich längst klar geworden. Aber manche Hoffnung stirbt wohl niemals.
„Ich dachte, du könntest vielleicht – nein, lass mich bitte ausreden, Severus! Ich habe ja nie viel von dir gehalten …“ – die Untertreibung des Jahrhunderts! – „… aber ich habe meine Meinung geändert. Du bist viel stärker als du aussiehst, und gewitzt und mutig obendrein! Du hättest uns alle jederzeit auf dem Schlachtfeld zurücklassen und disapparieren können, um dich selbst aus den Klauen dieser Hexe vom Ministerium und Scrimgeour selbst zu retten. Aber du hast weder mich noch die andern nicht im Stich gelassen und uns alle da herausgeholt!“ Er holt tief Atem. „Severus, ich flehe dich an: Hilf meiner Bellatrix, ein Kind zu bekommen!“
Ich betrachte ihn hilflos. Ich habe nicht gelogen. Niemand kann den beiden helfen.
„Tut mir leid, Rodolphus. Ich würde dir helfen, wenn ich könnte. Aber das kann kein Mensch auf Erden – nicht einmal der Dunkle Lord!“
Rodolphus nickt schwer. Er kannte die Antwort schon.
„Er hält sie immer wieder mit Versprechungen hin. Macht ihr Hoffnung.“
Ich schweige. Was soll ich dazu sagen?
Abrupt wendet sich Rodolphus ab und stapft mit festem Schritt voraus.
„Worauf wartest du, Tränkemeister? Der Dunkle Lord ist ohnehin schon übelster Laune – und er wartet nicht gerne!“
Ich gebe mir einen Ruck und folge ihm.
In Whisky veritas.
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun

Zuletzt bearbeitet von polaris am 24 Jul 2006 13:59, insgesamt einmal bearbeitet


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Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Juli 2006 15:55 
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Kapitel 16: Arithmantik für Fortgeschrittene

Als sich auf Rodolphus Klopfen hin die Tür zu den Privatgemächern des Dunklen Lords öffnet, dringt ein grauenvolles Kreischen an mein Ohr, das mir die Trommelfelle zerfetzen will.
Mich durchläuft eine Welle von Schüttelfrost, und ich warte, bis sie abgeklungen ist, bevor ich die Schwelle zum Refugium meines Herrn überschreite.
Die privaten Räume meines Herren ähneln auf einen flüchtigen Blick hin denen Dumbledores: Vielfältigste Geräte stehen, liegen und hängen herum, die Wände sind mit Bildern geschmückt, ein großer Schreibtisch, hinter dem der Dunkle Lord zu sitzen pflegt, nimmt die Mitte des Raumes ein. Die Stühle auf der anderen Seite hingegen sind hier deutlich niedriger, so dass auch groß gewachsene Besucher zu ihm aufschauen müssen. Wo im Büro des ehemaligen Direktors von Hogwarts der Phönix Fawkes auf seiner Stange saß, windet sich an seiner Stelle Nagini auf einem Kissen. Ich hege manchmal den Verdacht, mein Herr könne Dumbledore insgeheim beneidet haben und sei darum verzweifelt bestrebt, ihm nachzueifern und den Konkurrenten nach Möglichkeit auf jedem Gebiet zu übertrumpfen.
Während Dumbledores private Räume Ausdruck seiner menschlichen Neugier und seines nie erlahmenden Interesses für die Geschöpfe dieser Welt waren, so ist im Herzen der Zwingfeste des Dunklen Lords alles in sein Gegenteil verkehrt: Die meisten der ausgestellten Gerätschaften dienen ganz offen dem Zweck, jemandem auf bisher ungeahnte und unaussprechliche Weise Schmerzen zuzufügen, die Bilder an den Wänden portraitieren Despoten, die durch ihre Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit oder Machtgier Bedeutung erlangten, und die Bücher im Regal garantieren ausnahmslos Alpträume.
Das grässliche Gebrüll verstummt endlich. Rodolphus zieht sich auf einen Wink des Dunklen Lords hin hastig zurück und schließt lautlos die Türe.
Ich hingegen verneige mich tief vor meinem Herrn.
Der Dunkle Lord thront hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich Pergamentrollen, Schreibfedern, Bücher und schwarzmagische Artefakte stapeln, dazwischen verteilen sich Skelette verschiedenster Wesen, Scherben eines zerbrochenen Teegeschirrs, ein brodelnder Glasbehälter, der unablässig giftgrüne Dämpfe absondert, sowie bergeweise Zeitungen und Zeitschriften.
„Mein Lord.“ Ich verneige mich tief und versuche Wurmschwanz zu ignorieren, der sich zu Füßen dessen, der nicht leicht verzeiht, auf dem Boden wälzt und leise vor sich hin wimmert.
Der Dunkle Lord hat meinen Gruß scheinbar geistesabwesend überhört und widmet sich ganz der Pflege seines Zauberstabes, von dem offenbar ein Fleck entfernt werden muss. Trotz des demonstrativen Desinteresses hat er mich seit meinem Eintreten noch nicht einen Wimpernschlag lang aus den Augen verloren.
Hinter dem Dunklen Lord befindet sich sein Kolossarum, das in etwa Dumbledores Denkarium entspricht. Allerdings werden hier die Gedanken eines Menschen für die Betrachtung in einem größeren Zuschauerkreis extrem vergrößert und schweben dann Geistern ähnlich im Raum. Dabei können die Erinnerungen verlangsamt oder beschleunigt betrachtet oder einzelne Bilder daraus sogar ganz eingefroren werden, um sie z.B. als Portrait an die Wand zu hängen - ganz, wie es unserem Herrn genehm erscheint. Im Moment zeigt das Kolossarum bei herab gedämpftem Ton eine überlebensgroße Version von Rodolphus Lestranges jüngster und ungemein scharfer Erinnerung von dem Zeitpunkt an, an dem Dolores Umbridge versuchte, mir den Handschuh auszuziehen. Rodolphus war also tatsächlich nicht mehr ohnmächtig. Es empfiehlt sich doch immer wieder, die Lestranges nicht zu unterschätzen.
Ich finde es irritierend, mich selbst durch die Augen eines anderen Menschen zu betrachten, und tatsächlich biete ich den fragwürdigen Anblick einer übergroßen Fledermaus. Das Lachen darüber vergeht mir jedoch, als ich mir beim Aufwachen zusehe und meinen Gesichtsausdruck entschlüssle, als Umbridge mir über das Dunkle Mal streicht.
„Die hässliche alte Kröte interessierte sich aber sehr für dich, Severus!“, flüstert mir eine seidige Stimme ins Ohr, und ich fahre zusammen, denn über mein Entsetzen habe ich für einen Moment vergessen, wo ich bin und in wessen Gesellschaft.
„Eine alte Freundin von dir, Severus?“, spottet der Dunkle Lord, der nun wieder lautlos den Schreibtisch umrundet und sich auf der anderen Seite der eichenen Platte niederlässt.
Meine Stimme knirscht, und ich muss einen zweiten Anlauf nehmen, um meinem Herrn antworten zu können.
„Wir … waren einander niemals besonders sympathisch.“
Mein Meister lacht und sieht dank des Zauberspiegels neuerdings aus wie ein ganz normaler Mensch.
„Das ist mir tatsächlich bereits aufgefallen! Wurmschwanz und ich haben uns nämlich ein wenig die Zeit vertrieben und sind gemeinsam schon einmal Rodolphus Erinnerungen durchgegangen.“ Er lächelt tückisch in Wurmschwanz Richtung.
Pettigrew sprudelt hastig hervor: „Ich habe niemanden verraten, ich schwöre es bei meinem Arm, ich wollte mich doch nur vor Askaban retten! Ich habe eure Pläne nicht verraten, mein Gebieter, ich würde euch niemals …“
Der Dunkle Lord hebt den Zauberstab, und Pettigrews Gewinsel geht so lange wieder in das unerträgliche Kreischen über, bis unser Herr von ihm ablässt und sich mit grimmiger Miene mir zuwendet.
„Zeig mir deinen Arm, Severus!“
Ich ziehe gehorsam den Handschuh von der linken Hand.
Seine Finger gleiten ebenso tastend über das Dunkle Mal wie die von Dolores Umbridge, und ich wende all meine verbliebene Konzentration auf, ein unbeteiligtes Gesicht beizubehalten. Nagini sieht uns aus ihren schwarzen Schlangenaugen interessiert zu.
„Sie hatte wohl vor, dir mein Zeichen herauszuschneiden …“, vermutet mein Herr, während er eingehend die Verletzungen untersucht.
Ich hüte meine Zunge.
Der Dunkle Lord, der genau weiß, dass ich unerbetene Berührungen nur mühsam und widerwillig ertrage, streicht beinahe zärtlich über sein Zeichen, das er mir vor vielen Jahren unzerstörbar und unwiderruflich eingeprägt hat. Meine rechte Hand schließt sich um Lupins Zauberstab.
„Schade, das diese Umbridge für das Ministerium arbeitet: Ein viel versprechendes Talent, deren Überredungskünsten nicht viele Menschen gewachsen sein dürften.“
Dolores würde das wohl als Kompliment auffassen. Ich hingegen ziehe wortlos die Schultern hoch und warte darauf, dass er mich endlich in Ruhe lässt.
„Amycus und Alecto sind übrigens noch immer nicht aufgetaucht. Hast du vielleicht eine Idee, wo die beiden abgeblieben sind?“
Ich hebe die Augenbrauen und blicke meinen Herrn so erstaunt wie skeptisch in die Augen.
„Verschwunden? Alle beide? Wie ungewöhnlich! Habt ihr bereits eine Suchmannschaft losgeschickt?“
Der Dunkle Lord hebt meinen Arm hoch, um die Schrammen noch einmal ganz genau inspizieren zu können.
„Zutreffend beobachtet, Severus – dieses Verhalten ist überaus seltsam!“ Tausend Ewigkeiten verharren wir festgefroren – bis er endlich mein Handgelenk freigibt.
Ich will schweigend den Ärmel herunterziehen, als mein Herr so schnell wie eine zustoßende Kobra den Zauberstab hebt. Ich habe keine Zeit, in irgend einer Weise zu reagieren, als er etwas auf Parsel zischt – und die tiefen Schnitte heilen wieder vor meinen Augen, ohne eine einzige Narbe zu hinterlassen.
Ich hoffe, dass das Mysterium der verschwundenen Geschwister damit fürs Erste vom Tisch ist und kremple endlich das Hemd hinunter, während der Dunkle Lord sich wieder angenehmeren Dingen wie der Bestrafung von Wurmschwanz widmet.
Ich beginne beiläufig damit, die einzelnen Wirbelkörper eines in seine Bestandteile zerfallenen menschlichen Rückgrats auf dem Schreibtisch des Dunklen Lords wieder aufeinander zu stapeln. Mir wird abwechselnd kochendheiß und eiskalt, und ich versuche durch Konzentration auch auf die kleinste Bewegung meine Schwäche vor dem Dunklen Lord zu verbergen.
Leider habe ich bei meinem Puzzlespiel wohl doch ein wenig gezittert, denn plötzlich unterbricht unser Herr seine Beschäftigung und runzelt die Stirn.
„Stimmt etwas nicht mit dir, Severus?“
Die Liste dessen, was nicht stimmt, wäre so lang wie mein Arm.
„Nein. Nur Kopfschmerzen. Wurmschwanz Geheul weckt unangenehme Assoziationen.“
Das ist nicht einmal gelogen.
Der Dunkle Lord betrachtet den Verräter mitleidlos und kratzt sich am Kinn, während er zu überlegen scheint.
„Wurmschwanz hat dich und deine Leute durch seinen Verrat in eine beinahe aussichtslose Lage gebracht, aus der du, mein treuester und fähigster Todesser, euch alle durch schlangengleiche Gerissenheit befreit hast. Ich will ausnahmsweise einmal zurücktreten in meinem Rachedurst: Du darfst zur Belohnung Pettigrews weitere Bestrafung übernehmen! Töte ihn, Severus!“ Seine Augen glühen vor Freude über den genialen Einfall.
Ein wirklich … überwältigendes Geschenk!
Ich verneige mich tief. „Sehr großzügig, mein Lord. Ich brenne darauf, es der Ratte heimzuzahlen!“
Pettigrew starrt mich mit weit aufgerissenen Augen angstvoll an. Nagini hingegen wippt erwartungsvoll mit der Schwanzspitze und fixiert uns mit ihrem lidschlaglosen Blick.
„Ich würde es vorziehen, mein Lord …“, beginne ich, „… meine Ohren nicht länger Wurmschwanz Gejammer aussetzen zu müssen. Darf ich eine andere Strafe vorschlagen?“
Der Dunkle Lord nickt nach kurzem Zögern.
Ich hole meinen Zauberstab hervor und zaubere einen Metallring herbei. Dann befehle ich Pettigrew, seine Rattengestalt anzunehmen. Von der Nase bis zur räudigen Schwanzspitze bebend und zitternd gehorcht er.
„Dieser Ring behält seine Größe, ganz gleich, ob du eine Ratte oder ein Mensch bist.“, erkläre ich dem Verräter. „Ich würde mich an deiner Stelle nicht zurückverwandeln, bevor du den Ring losgeworden bist – und das dürfte einige Mühe bereiten!“
Ich streife der Ratte Pettigrew den Metallring über den Kopf und verkleinere anschließend seinen Radius durch leichtes Antippen mit der Zauberstabspitze, so dass Wurmschwanz zwar ungehindert atmen und sich bewegen, aber den Ring nicht abstreifen kann.
„Ich habe Nagini heute morgen versprochen, dass ich ihr Pettigrew zum Fraß vorwerfen werde, wenn er uns im Stich lässt.“ Ich packe die Ratte am Genick und trage sie zur Türe.
„Ich kann dir höchstens zehn Minuten Vorsprung verschaffen, nutze sie klug! Schlangen werden bei Kälte und nach üppigen Mahlzeiten träge. Meide die Abwasserrohre, oder du sitzt in der Falle!“, flüstere ich Pettigrew zu, während ich dem Dunklen Lord und seiner Schlange den Rücken kehre.
Nagini züngelt voller Vorfreude und will sich eilig an mir vorbei hinaus und der Ratte hinterher schlängeln.
Ich versperre mit dem Fuß den Türspalt und blicke zu unserem Herrn und Meister hinüber. „Nicht so schnell – dann macht die Jagd doch gar keinen Spaß! Gebt der Ratte eine Stunde Vorsprung, Herr.“
Der Dunkle Lord überlegt kurz und wechselt dann Gezische auf Parsel mit Nagini.
„Eine Viertelstunde wird Nagini noch aufs Essen warten.“
Die Schlange legt sich an der Tür auf die Lauer und wartet auf die Erlaubnis zur Treibjagd. Obwohl ich Pettigrew von ganzem Herzen verabscheue, erwische ich mich bei der Überlegung, ob man Nagini wohl direkt hinter dem Kopf im Genick packen und ihr den Hals brechen kann, bevor sie Zeit hat, ihre Giftzähne …
„Übrigens – sehr clever von dir, mein eiskalter Todesser, Draco wieder in Hogwarts unterzubringen!“
„Ich hoffe, ihr werdet mein Versprechen einlösen und Lucius endlich verzeihen.“
„Wenn – und ich sage nur `wenn´ - alles nach Plan verläuft, dann möglicherweise!“ Der Dunkle Lord dreht mir den Rücken zu und verfolgt nun versonnen im Kolossarum mein erbittertes Wortgefecht mit Remus Lupin.
„Natürlich mussten alle in der Höhle sterben, nachdem Lestrage mit dem Verräter Pettigrew sowie Crabbe und Goyle zurückgekehrt ist? Deren Erinnerungen sind übrigens so verworren und ungenau, dass man den Eindruck gewinnen könnte, meine Leibwächter wären taubblöd!“, bemerkt er nebenbei.
Ich tausche vorsichtig zwei Knochen des Rückgrats gegeneinander aus.
„Ich habe niemanden getötet.“ antworte ich leichthin und versuche erfolglos, den Streit mit McGonagall und Lupin aus meinen Gedanken zu verdrängen.
Der Dunkle Lord bricht die Betrachtung von Rodolphus Lestranges Erinnerung ab, als Lupin gleichermaßen schockiert wie betroffen die Höhle verlässt, und wendet sich mir zu.
„Erkläre das!“
Ich gehorche und erläutere meinem Herrn die Sache mit dem Veritaserum. „Wenn ich Rufus Scrimgeour umgebracht hätte, wäre er zum Märtyrer des Widerstandes gegen eure Herrschaft geworden! Ein anderer Fanatiker bekommt dann seinen Posten als Zaubereiminister, und wir haben es wieder einmal mit einer neuen unbekannten Größe zu tun! Hätte ich Scrimgeour hingegen nur verletzt, so wäre er jetzt ein Held, beinahe noch schädlicher für unsere Sache! Aber aufgrund der Überdosis an Veritaserum ist Scrimgeour jedoch als Politiker und Diplomat erledigt. Das beste ist – sie können ihn nicht einmal absetzen, nur weil er immer die Wahrheit spricht! So oder so, das Zaubereiministerium wird in der nächsten Zukunft sehr viel mit sich selbst zu tun haben.“
Der Dunkle Lord lässt sich die Argumentation durch den Kopf gehen, und ich beobachte ihn mit ausdruckslosem Gesicht. Es ist nicht so leicht wie es aussieht, einem begnadeten Verkäufer selbst etwas zu verkaufen.
Mein Herr lächelt endlich. „Wie immer weit vorausgedacht, Severus. Was ist mit Umbridge? Ich an deiner Stelle hätte ihr mit gleicher Münze heimgezahlt!“
Ich grinse sarkastisch. „Tatsächlich fiel es mir sehr schwer, sie zu verschonen. Aber Umbridge und der Anführer der Zentauren hassen einander zutiefst, und so lange Dolores Umbridge im Zaubereiministerium arbeitet, werden die Zentauren sich niemals mit der Gegenseite verbünden ...“ Ich erläutere noch, wie sich der Keil der Missgunst beim Streit, wer mich nun wo verhören bzw. verurteilen dürfe, zwischen die Parteien schob und die mühsam geschmiedete Allianz vor meinen Augen zum Zerbröckeln brachte.
„Du hast also die Taktik über deine persönlichen Interessen gestellt? Sehr klug, aber ich habe nichts anderes erwartet!“
Ich lächle höflich über das Kompliment und hoffe, dass mein Herr sich seiner Worte im späteren Verlauf dieses Gespräches noch erinnern wird. Ich habe das Gefühl, das ich den soeben erarbeiteten Trumpf noch werde ausspielen müssen.
„McGonagall lebt natürlich noch, weil sie die neue Direktorin von Hogwarts ist.“, fahre ich fort und beginne wieder mit dem Aufstapeln der Wirbelknochen, „Die Schule könnte beim Tod von Dumbledores Nachfolgerin endgültig geschlossen werden – die Fortführung hängt wahrscheinlich ohnehin am seidenen Faden. Außerdem kenne ich Minerva McGonagall und kann euch beraten. Dieser Vorteil entfällt, wenn ein anderer Direktor eingesetzt werden müsste.“
Mein Herr nickt zustimmend. „Vortrefflich, Severus!“
„Kingsley Shacklebold hingegen …“, nun, da wird die Sache schon heikler, „… ist ein sehr fähiger Auror. Mit seinen ausgezeichneten Verbindungen zum Premierminister der Muggel wäre er für uns von unschätzbarem Wert!“ Ich senke den Blick und starre vorsichtshalber konzentriert auf die Wirbelsäule, die sich nun nahezu fertig gestellt vor mir auftürmt. „Ich hoffe, ich kann ihn später noch auf unsere Seite ziehen.“
Nun, eher wird jemand von den Toten auferstehen. Es stimmt allerdings, dass ich Kingsley und seine besonnene Art schätze. Ich möchte nicht, dass er stirbt – und schon gar nicht durch meine Hand.
Ich lege den letzten Wirbelknochen auf das Rückgrat, verschränke die Hände hinter dem Rücken und schaue meinen Herrn erwartungsvoll an.
Der lässt sich Zeit mit überlegen.
„Shacklebold … ich hörte von ihm. Tatsächlich ein fähiger Mann! Und du meinst …?“
„Einen Versuch wird es allemal wert sein.“
„Nun gut. Ich bin zwar nicht begeistert über deine Entscheidung in dieser Sache, aber fähige Männer können wir immer brauchen!“
Ich verbeuge mich dankbar und gebe vor, mich weiterhin für mein Puzzle zu interessieren in der Hoffnung, der Dunkle Lord sucht sich endlich ein anderes Thema.
„Was ist mit dem Werwolf, Severus? Hattet ihr beide nicht noch eine Rechnung offen?“
Ich seufze unhörbar und reiße mich zusammen. Meine Körpertemperatur wechselt anscheinend schneller als ein Chamäleon die Farbe. Eben war mir noch kalt, jetzt ist mir heiß.
Lupin ist in der Tat ein Problem. Es gibt keinen rationalen Grund, ihn zu verschonen – oder ich bin nur zu fertig, so dass mir im Moment keine gescheite Argumentation einfallen will. Eigentlich hatte ich insgeheim gehofft, ich könne dieses Problem irgendwie unter den Tisch fallen lassen – aber da hat man sich bei einer Krämerseele wie dem Dunklen Lord verrechnet.
Der Dunkle Lord wird oft gewaltig unterschätzt, weil die Leute ihn für einen unbeherrschten Barbaren halten. Ganz im Gegenteil ist mein Gebieter ein kühler Rechner und Technokrat, der allem und jedem einen Wert zuordnet – natürlich in seinem Werte-Universum. Die Kategorien reichen von „überflüssig“ - dem Mann, der ihm morgens die Zeitungen bringen musste - über „amüsant“ – Crabbe und Goyle – bis hin zu „sehr nützlich“ – meine Wenigkeit. Das Prädikat „unverzichtbar“ trägt wohl nur Nagini. Der Eindruck der Unbeherrschtheit rührt daher, dass der Dunkle Lord seinem Jähzorn freien Lauf lässt gegenüber denjenigen, auf die er ohne weiteres verzichten kann. Wichtigen oder nützlichen Personen gegenüber kann er sich sehr wohl beherrschen.
Nun, dann hoffe ich mal, dass ich nützlich genug bin, dass mein Herr mir eine Eigenwilligkeit verzeiht.
„Der Werwolf lebt noch, weil ich noch nicht mit ihm fertig bin!“, erkläre ich eisig.
Der Dunkle Lord hebt erstaunt den Blick.
„Wie darf ich das verstehen?“
„Mein Lord, ihr habt James Potter, meinen alten Feind aus Schultagen, ermordet. Avada Kedavra – und aus war es mit ihm! Sirius Black starb durch Bellatrix Hand – viel zu schnell und ebenfalls ohne vorher zu leiden. Nagini wird Pettigrew erledigen, aber Wurmschwanz war mit sich selbst schon gestraft genug. Tatsache ist jedoch …“, ich mache eine Pause, um meinen nächsten Worten Nachdruck zu verleihen, „… dass nicht einer meiner Feinde vor seinem Tod erkannt hat, dass ich mich nur ihretwegen den Todessern angeschlossen habe! Remus Lupin, der Feigling, hält sich noch immer für ach so moralisch überlegen, nur weil er sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollte, wenn seine Freunde ihren Spaß mit mir hatten! Ich will, dass er noch eine Weile darauf herumkaut, bis ich ihn töte!“
Wie zu erwarten erscheint eine steile Falte zwischen den Augen dessen, der Abweichungen nur dann verzeiht, wenn sie ihm nützen.
„Du wusstest aber, dass mir diese Entscheidung nicht gefallen wird, Severus?“
Leugnen ist zwecklos. „Ja. Allerdings entsteht euch kein Schaden. Der Werwolf stirbt früher oder später.“
Auch ohne Legilimentik weiß ich, dass mein Herr und Meister jetzt meine Kosten-Nutzen-Analyse überprüft: Einerseits habe ich eine sichere Niederlage gegen die vereinten Kräfte von Zentauren, Ministerium und Phönixorden noch in ein knappes Remis umwandeln können und mir inzwischen einigen Respekt - sogar unter meinen Gegnern - erkämpft. Ich bin der nützlichste aller Todesser: vielfältig einsetzbar, höchst effektiv und erwiesenermaßen loyal. Auf der anderen Seite der Waagschale liegen beinahe dieselben Eigenschaften: Ich bin zu klug, zu eigenwillig - und vielleicht irgendwann einmal zu mächtig und eine Gefahr für den Dunklen Lord selbst. Allerdings habe ich bisher niemals erkennen lassen, ich wolle ihm Konkurrenz machen und selbst die Macht übernehmen. Ich bin keine Führungspersönlichkeit und habe auch kein Interesse, ein Anführer zu werden, denn dies entspricht nicht meinem Temperament. Dies ist die einzige Komponente meines Charakters, bei deren Einschätzung der Dunkle Lord zu einem fatal anderen Ergebnis kommen könnte als ich.
Ich gehe diese Bilanz selbstverständlich jedes Mal durch, bevor ich dem Dunklen Lord unter die Augen trete – ich halte es für ratsam, meinen aktuellen Wert zu kennen. Bisher habe ich mich auch noch nie verrechnet. Prof. Vektor testete nicht umsonst seine Arithmantik-Rätsel, die er für den Tagespropheten erfand, zuerst an mir.
Da diesmal die Bedrohung des Machtanspruches dessen, der niemanden neben sich duldet, eine Rolle spielt, beinhaltet die Rechnung eine Variable unbekannter Größe: Natürlich kann der Dunkle Lord eigentlich nicht zulassen, dass ich mich bewusst gegen ihn stelle, und sei es in einer unbedeutenden Kleinigkeit wie dieser.
Ich kann nur hoffen, seine Einschätzung meiner Person korrekt kalkuliert zu haben. Sollte ich mich nämlich auch nur um ein Weniges irren und mein Herr kommt zu einem anderen als dem ohnehin knappen Ergebnis zu meinen Gunsten, werde ich wenig Zeit haben, meine mangelhaften Rechenkünste zu bedauern.
Mein Herr schweigt schon zu lange. Allgemein kein gutes Omen.
„Herr, bitte bedenkt, dass ich schon auf meine Rache an Dolores Umbridge verzichtet habe! Sie hat mich nur ein paar Stunden triezen können. Remus Lupin und seine Kumpane haben sieben Jahre lang jede Gelegenheit genutzt, mir eins auszuwischen. Der Werwolf darf einfach nicht so leicht davon kommen!“, werfe ich in die Waagschale.
Die Stirnfalte glättet sich, und ich beginne wieder zu atmen.
„Ich denke, es genügt für heute. Verschwinde, bevor ich es mir anders überlege!“
Ich verneige mich steif. „Mein Herr!“
Der Dunkle Lord wendet mir demonstrativ den Rücken zu.
„Wie du weißt, bin ich ein sehr großzügiger Mensch, Severus! Darum habe ich habe beschlossen, dir deine dreiste Anmaßung ausnahmsweise einmal nicht nachzutragen. Sobald du dich ein wenig ausgeruht hast, soll dir Rabastan Lestrange zeigen, wo du einen neuen Zauberstab bekommst - falls du nicht weiterhin mit dem des Werwolfs arbeiten willst.“, teilt der Dunkle Lord mir wie beiläufig mit, als ich schon beinahe aus der Türe heraus bin.
Dieser Vorschlag ist als Angebot des Dunklen Lords zur Erneuerung unseres Stillhalteabkommens zu werten: Solange ich mich insbesondere in Anwesenheit Dritter weiterhin unterordne und wir beide nicht ausprobiert haben, wie weit oder ob überhaupt - welch revolutionärer Gedanke! - ich meinem Herrn unterlegen bin, bleibt der Status Quo zu beiderseitigem Nutzen erhalten. Sollte ich jedoch ablehnen …
„Ich danke Euch, Herr. Ich werde eurem Vorschlag selbstverständlich Folge leisten.“, antworte ich höflich, verbeuge mich ein wenig tiefer als sonst und schließe leise die Türe hinter mir.
Auf dem Weg zu meiner Kammer fällt mir auf, dass sowohl die Gänge als auch die Treppe deutlich länger beziehungsweise steiler geworden sind, und außerdem ist es unerträglich heiß hier. Mühsam ziehe ich mich die letzten Stufen hinauf, und auf der Türschwelle kauert eine Ratte mit glänzendem Kragen, die aus wässrigen Augen gleichermaßen erbarmungswürdig wie mitleidheischend zu mir aufblickt.
Jetzt gibt es drei Alternativen: Die erste ist, Wurmschwanz wegzuschicken. Dann dürfte er, Ratschläge über Schlangen hin oder her, den nächsten Sonnenaufgang wohl nicht mehr erleben. Die zweite Alternative lautet, Pettigrew Asyl zu gewähren und darauf zu vertrauen, dass er aus seinem Verrat gelernt hat und mich nicht bei nächster Gelegenheit beim Dunklen Lord anschwärzt, um seine Haut zu retten.
Beide Alternativen scheiden natürlich aus.
Ich ziehe also seufzend Lupins Zauberstab hervor und tippe auf den Metallring um den Hals der Ratte, der sich jedoch erst beim dritten Versuch in Nichts auflöst. Ich runzle so erstaunt wie ärgerlich die Stirn: Diese Zauberei hat nicht mal ZAG-Niveau!
„Komm mir nie wieder unter die Augen, Wurmschwanz!“, murmle ich resigniert und todmüde, und die räudige Ratte huscht wie der Blitz an mir vorbei die Treppe hinunter und dem Ausgang zu.
Ich öffne mit Lupins zitterndem Zauberstab mühsam meine Tür – und lasse mich so, wie ich bin, aufs Bett fallen. Mir ist entsetzlich kalt.
Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!
_________________
Nach Erkenntnissen der Astrophysiker bestehen die Ringe des Saturn
ausschließlich aus verloren gegangenem Reisegepäck.

Wernher von Braun

Zuletzt bearbeitet von polaris am 12 Aug 2006 21:37, insgesamt einmal bearbeitet


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