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 Betreff des Beitrags: Gonna blame it on the moon - Teil II
Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Oktober 2006 20:15 
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Registriert: 28. August 2005 12:00
Beiträge: 624
Hallo ihr Lieben!

Hier folgt der 2. Teil meiner langen Geschichte vom Leben eines Werwolfs. Im Ersten ging es vorangig um die Freundschaft der Rumtreiber. Den findet ihr Hier. Leider muss man, um diesen Teil zu verstehen, den Ersten auch gelesen haben. ;) Aber ihr könnt es auch auf einen Versuch ankommen lassen und nur diesen lesen, ich gebe auch gern Auskunft.
Obwohl auch dieser Teil schon recht weit fortgeschritten ist, poste ich alles Stück für Stück, damit man mitkommen kann, wenn man möchte. :D

In diesem Teil wird es vor allem um die Liebe gehen, außerdem wird´s ein wenig düsterer, denn der Krieg hat begonnen ... Alles weitere erfahrt ihr im Eingangspost vom 1. Teil.

GLG Tröti


Teil II ~ Mehr aus dem Leben eines Werwolfs ...

Now that it´s gone too far to call for a halt,
I´ll blame it on the moon ´cause it´s not my fault;
I didn´t think that this would happen so soon,
So I´ll blame it on the moon,
Blame it on the moon...




I. Bloodygale Billywigg

Der Sommer im Jahr 1976 war herrlich warm und sonnig für den mit Regenschauern so reich gesegneten Norden Englands. Zum ersten Mal seit langer Zeit blühten Oleander und Hortensien wieder um die Wette und verströmten nun ihren betörend schweren Duft auf so penetrante Weise, dass einem beinah ein wenig schwindelig davon werden konnte. In der Mittagshitze war es eine wahre Kunst, ein schattiges Plätzchen auf dem freien Feld zu finden, dass die einsame und frei stehende Behausung der Lupins umgab. Einzig eine große, majestätische Eiche bot ein klein wenig Kühle in der sengenden Sonne, doch besonders ruhig und angenehm ließ es sich in ihrer Krone lesen, die so dicht und grün war, dass man in ihren Windungen aus Ästen und Zweigen unmöglich jemanden entdecken konnte.
Dem blassen Teenager, der nun auf einem besonders komfortablen Ast lag und die Augen geschlossen hatte, kam das gerade recht. Es schien unmöglich, dass jemand die achtundzwanzig Sonnentage des letzten Monats überstanden haben konnte, ohne auch nur ein bisschen Farbe ins Gesicht zu bekommen, doch dem Jungen dort oben in den Wipfeln der alten Eiche war dies wunderbar gelungen.
Remus Lupin war so blass wie eh und je, als er mit einem Grinsen im Gesicht einen Bogen Pergament glatt strich, den er seit Tagen mit sich herum trug.
Dieses Dokument in seinen Händen bewies auf eindrucksvolle Weise und allein mit Tinte und Buchstaben, wie unterschiedlich zwei Menschen sein konnten. Tagelang hatte Remus an einem Brief an seine Freundin gesessen, tausendfach verschachtelte Sätze niedergeschrieben, die allesamt davon handelten, wie sehr sein armes Herz ohne seine süße, heiß geliebte Amy leiden musste. Gedichte verfasst von welkenden Blüten und traurig grauen Regenwolken, nach geflügelten Worten gesucht und dabei mehr Papiermüll angesammelt, als es im Hause Lupin je gegeben hatte. Beim anschließenden Durchlesen war ihm beinah ein bisschen übel geworden und er hatte seine Briefversuche in tausend kleine Stücke gerissen, für den Fall, dass jemals ein Schnipsel in die falschen Hände, und dabei dachte er insbesondere an die von James oder Sirius, gerieten. Letzter hätte sich nämlich vor Lachen ganz sicher in die Hose gepinkelt und die besonders tiefgehenden Stellen lauthals zitiert....
Ganz anders als er schien Amy nicht mehr als eine Minute über ihr Geschreibsel nachgedacht zu haben, überlegte Remus und lächelte leise, als er ihre Zeilen zum nunmehr hundertsten Mal überflog. Tatsächlich waren ihre Briefe größtenteils im Telegrammstil verfasst und kamen allesamt recht bald zum Punkt.


Hi Remus!
Ich vermisse dich. Wann kommst du denn endlich? Blödmann, lässt dir ja ewig Zeit! Ich kann dich auch vom Bahnhof abholen. Nimm dir aber Schwimmsachen mit, hier gibt´ s ´nen See. Dad fragt mich tagtäglich nach dir und meine Schwester freut sich auch schon. Oh, wenn du doch endlich kommen würdest! Weiß ja gar nicht mehr, wie du riechst. Dein Foto sieht schon ziemlich mitgenommen aus. Kannst du mir ein Neues von dir mitbringen?
Wenn du nicht bald kommst, hol ich dich ab aus deinem blöden Kaff.
Hoffe, du genießt das schöne Wetter, aber wie ich dich kenne, liegst du im Schatten mit irgend einem dummen Buch...
In Liebe, deine Amy.


„Wo bist du, Schatz! Komm raus aus deinem Versteck, ich hab was für dich.“
Remus faltete den Brief sorgsam zusammen und steckte ihn tief in die Tasche seiner Jeans, während er seine Mutter dabei beobachtete, wie sie im Garten umherlief und nach ihm suchte. Er wartete, bis sie unter der alten Eiche stand, dann sprang er ohne eine Ankündigung aus ihrer Krone und landete sanft auf den Füßen.
„Hi Mum!“
„Remus! Du hast mich ja zu Tode erschreckt!“, kreischte Serena und machte einen gewaltigen Satz nach hinten. „Das kannst du mit mir nicht machen, ich bin auch nicht mehr die Jüngste!“
Remus konnte es nicht ausstehen, dass seine Mutter ständig so tat, als würde sie bei der nächstbesten Gelegenheit den Löffel abgeben, denn dieser Gedanke behagte ihm ganz und gar nicht.
„Du bist neununddreißig!“, sagte er augenrollend.
„Du vergisst, dass ich keine Hexe bin. Ich werd keine Hundert.“
„Aber achtzig wirst du bestimmt“, erwiderte Remus hoffnungsvoll. „Sind die Blumen da für mich?“, er grinste, „Das wär´ aber nicht nö-“
„Nein, du Dummchen.“, Serena schüttelte den Kopf. „Die sind natürlich für Amy! Für ihren Vater hab ich Wein besorgt und für ihre kleine Schwester Schokolade.“
„Mum!“
„Na, du musst doch etwas mitbringen. Wie sieht das denn sonst aus, Remus? Dieses Hemd da, das willst du doch nicht allen Ernstes anlassen!?“
„Was ist verkehrt daran?“, wollte Remus wissen. Er hatte beinah eine halbe Stunde lang Hemden und T-Shirts durchprobiert und sich nun nach endlosem An und Aus für eines entschieden, dass er einigermaßen passabel fand.
„Es steht dir überhaupt nicht“, sagte Serena gnadenlos. „Macht dich total blass und es hat ein Loch in der Brusttasche.“
„Da tu ich eh nie was rein“, erwiderte Remus achselzuckend.
„Sei nicht albern, Remus! So kannst du unmöglich aus dem Haus gehen.“
„Kann ich nicht? Das Hemd ist blau. Amy mag blau.“
„Unsinn! Ich hab dir schon ein anderes gebügelt“, Serena wedelte ungeduldig mit einer Hand vor seiner Nase herum.
„Nö, ich lass das hier an.“
„Mir soll es ja egal sein“, sagte Serena ein bisschen beleidigt. „Aber du könntest ruhig mal auf deine Mutter hören.“
Remus lachte. „Ein Glück, das mir Onkel Ludus alter Matrosenanzug endgültig zu klein ist, sonst würdest du mich wohlmöglich noch in den stecken wollen.“
„Ja, ein Jammer“, seufzte Serena. „Ich werde ihn aufheben, falls du mal einen Sohn bekommst. Möchte Amy Kinder?“
„Was weiß ich! Wir sind seit drei Monaten zusammen, Mum...Da haben wir ehrlich gesagt noch nicht drüber geredet.“
Serena strich ihrem Sohn liebevoll das Haar aus der Stirn. „Natürlich. Dafür bist du auch noch zu jung. Genießt eure Zeit. Sobald du ein Baby hast, ist es damit nämlich vorbei... schrecklich...“
„Danke“, murmelte Remus grinsend. „Tut mir leid, dass du es so schwer mit mir hattest.“
„Oh, du warst eigentlich ganz brav, bevor du angefangen hast, blöd herumzuzaubern.“
„Das tun kleine Kinder nun mal, wenn sie magisch sind“, erklärte Remus seufzend. „Aber danke für die Blumen, Mum. Da hätte ich gar nicht dran gedacht. Die werden Amy sicher gefallen.“
„Natürlich werden sie das, hab sie selbst gepflückt. Ich finde, ein so besonderes Mädchen verdient Blumen.“
Natürlich war Amy etwas ganz Besonderes, überlegte Remus, aber seine Mutter kannte sie ja noch gar nicht, weshalb sie es auch nicht wissen konnte.
„Was meinst du damit?“, fragte er stirnrunzelnd.
„Na, wenn sie jemanden wie dich nimmt!“, gab Serena zu bedenken. „Das ist äußerst tolerant.“
Remus schnaubte ungläubig. „Hast du einen schlechten Tag heute oder warum machst du mich so runter? Bin ich so ein schrecklicher Kerl, dass es ein Wunder ist, wenn ich ein Mädchen finde?“
„Nein- nein, natürlich nicht“, sagte Serena schnell und streichelte Remus über die blasse Wange. „Du verdienst ein nettes Mädchen. Sie ist doch nett, nicht wahr? Ich –ich meinte nur, weil du ein... Du-weißt-schon-was bist. Das würde nicht Jede hinnehmen.“
„Mum! Wie oft soll ich dir noch erklären, dass ich mich nicht verwandle, wenn du WER-WOLF sagst?“, fragte Remus augenrollend und wandte sich von seiner Mutter ab, um ins Haus zu gehen. Serena wusste nicht, dass Amy in dieser Sache völlig ahnungslos war. Genau wie James und Sirius würde sie ihn nämlich nur beschwören, eine Beziehung nicht auf einer Lüge aufzubauen, reinen Tisch zu machen, offen zu sein. Alles leeres Geschwafel von Leuten, die keine Ahnung davon hatten, was es bedeutete, nachts aufzuwachen, weil man davon träumte, sein Liebstes zu zerfleischen. Alberne abgelutschte Grundsätze, die gerne für normale Menschen gelten mochten, aber bestimmt nicht für jemanden wie ihn.
„Sie weiß es doch?“, Serena eilte ihm hinterher und legte einen Arm um die Schulter ihres Sohnes. „Nicht wahr, Remus? Du hast es ihr gesagt, ist doch so?“
„´Türlich.“
„Schatz, sieh mich an!“
„Ich hab´ s ihr gesagt, Mum“, behauptete Remus und legte einen Zahn zu, um seine Mutter abzuschütteln.
„Im Vergleich zu deinem Vater bist du ein wahrlich schlechter Lügner.“
„Tja, noch eins der Talente, das ich nicht von ihm geerbt hab´“, sagte Remus spitz und öffnete die Haustür.
„Du wirst es ihr sagen müssen, Schatz.“ Serena drängte ihren Sohn mit sanfter Gewalt in die Küche und schob ihm einen Stuhl unter den Hintern. „Man sollte eine Beziehung-“
„nicht auf einer Lüge aufbauen. Ja ja, ich weiß, Mum. Aber nenn mir bitte mal eine Frau, die freiwillig mit einem Werwolf zusammen ist!“
„Du bist kein...kein Dingsda!“
„Natürlich bin ich das“, Remus wurde nun langsam ärgerlich. Nach neun Jahren sollte seine Mutter allmählich in der Lage sein, diese Tatsache zu akzeptieren.
„Na ja, einmal im Monat, aber was bedeutet das schon? Wenn sie dich liebt, ist ihr das egal.“
„Große Worte!“, schnaubte Remus. „Aber wissen kann man es nicht.“
„Dann gib ihr doch wenigstens die Chance!“, sagte Serena streng. „Sie muss doch die Wahl haben. Was willst du später tun, wenn ihr zusammenlebt? Einmal im Monat regelmäßig irgendwo untertauchen? Tolle Idee!“
„Hast du ´nen besseren Vorschlag? Wenn ja- ich will ihn heute nicht mehr hören. Es ist immer noch meine Entscheidung“, er legte den Kopf auf die kühle Tischplatte und stöhnte. Dieses Gespräch hatte er bereits mehr als einmal mit seinen Freunden führen müssen und genau wie seine Mutter kapierten sie einfach gar nichts.
„Wenn du doch einmal auf mich hören würdest-“
„Tu ich doch immer, Mum. Wo ist das Hemd?“
„Remus...“
„Du hast es doch extra gebügelt. Vielen Dank übrigens. Also, wo-“
„Auf deiner Tasche.... Schatz, denk doch noch mal über meine Worte nach.“
„`Türlich“, murmelte Remus und huschte aus der Küche.
„Ach ja, und Remus?“
„Hmm?“, er rollte mit den Augen, als seine Mutter ihm nacheilte. „Über eine Sache müssen wir noch reden.“
„Und die wäre?“, fragte Remus, während er sich das andere Hemd überzog.
„Wenn du und sie...also, es wird ja irgendwann einmal...sicher noch nicht, aber vielleicht mal später dazu kommen, dass ihr, also du und Amy...“
„Kann ich so gehen?“, fragte Remus und knöpfte sich das Hemd zu.
„Was? Ja ja, sieht hübsch aus. Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?“
„Ja, du hast irgendwas gestammelt von wegen ich und sie... irgendwann... vielleicht....“
„Genau.“
„Ja, was denn?“, fragte Remus angriffslustig.
„Na, du weißt schon.... Jetzt stell dich doch nicht absichtlich blöd!“
„Ja, ich weiß schon. Aber findest du nicht, dass das eine Sache zwischen Amy und mir ist?“
„Schon...natürlich....Aber ich habe gelesen, dass...wenn man ein Dingsda ist, dann ist man ziemlich...wild...Ich möchte nur, dass du vorsichtig bist, ja?“
„Was denkst du eigentlich von deinem Sohn?“, fragte Remus und stopfte einige Bücher in seine Reisetasche. „Eben hieß es noch, die Sache würde mein Leben überhaupt nicht beeinflussen und jetzt sagst du, ich hätte mich nicht im Griff. Glaub mir, Mum, ich hab auch das ein oder andere Buch über Werwölfe gelesen und auch wenn du es nicht wahr haben möchtest, ich bin zufällig einer. Also vertrau darauf, dass ich ein klein wenig Ahnung habe.“
In Wahrheit hatte Serena eine Sache angesprochen, über die er sich selbst seit Monaten den Kopf zerbrach. Irgendwann würde es vielleicht dazu kommen, wenn er und Amy zusammen blieben und man erzählte sich wirklich eine Menge beunruhigender Dinge über männliche Werwölfe, die vergaßen, dass sie Menschen waren... Nur behagte es Remus ganz und gar nicht, über etwas so Intimes nicht mit seiner Mutter reden. Denn auch hier, so glaubte er fest, musste er einzig auf sich selbst vertrauen, denn niemand, auch nicht Serena, konnte wissen, was genau geschehen würde...
„Schon gut, Schatz“, sagte Serena lächelnd. „Entschuldige- ich weiß, dass du ein guter Junge bist. Komm mal her!“, sie zupfte an seinem Hemdkragen herum und förderte schließlich aus irgendeiner Ecke eine ziemlich hässlich Krawatte zutage.
„Oh nein, Mum!“, sagte Remus bestimmt, als sie Anstalten machte, sie ihm umzubinden.
„Keine Krawatte?“
„Keine Krawatte!“
„Ganz wie du willst. Dad fährt dich nachher zum Bahnhof.“
„Vielen Dank, Mum- für alles“, sagte Remus und gab seiner Mutter einen Kuss. „Du wirst Amy bald kennen lernen und ich bin mir sicher, du wirst sie mögen.“
„Sie muss toll sein, so wie du von ihr schwärmst.“
„Oh ja, das ist sie! Sie ist wunderschön. Sie hat lange schwarze Haare und wunderschöne blaue Augen und wenn sie lacht, dann- dann bist du sofort gut gelaunt und-“
Serena lachte. „Ich weiß, Schatz. Das hast du mir alles schon hundert Mal erzählt.“
„Hab ich das?“, fragte Remus und grinste unschuldig. „Hatte ich auch schon erzählt, wie gut sie riecht? Nach einer Mischung aus Vanillekipferl und Früchtetee...“
„Aus Tannen und Zimt...“
„Oh, offenbar hatte ich das bereits erwähnt.“
„Sie tut dir gut“, sagte Serena und lächelte liebevoll. „Ich habe dich noch nie so glücklich gesehen. Du hast beinah ein bisschen Farbe ins Gesicht bekommen.“
„Oh nein, das täuscht. Das sind nur die Vorhänge, wenn die Sonne durchscheint.“, Remus grinste und machte den Reißverschluss seiner Tasche zu.

Mit einer Menge guter Ratschläge seiner Mutter im Hinterkopf über das rechtmäßige Betragen gegenüber eines potentiellen Schwiegervaters, kletterte Remus schließlich in den vollbesetzten Zug Richtung Bloodygale Billywigg.
Amy hatte ihm haargenau erklärt, wie er fahren und wo er aussteigen musste.
Ja, sie hatten sogar ein paar Mal miteinander telefoniert! Im Hause Lupin gab es seit vorletztem Sommer nun auch ein Telefon. Serena hatte darauf bestanden, nachdem sich ein nach Schnaps riechender Landstreicher in ihrer Scheune einnisten wollte.
„Wozu in Merlins Namen brauchen wir eine Feleton!“, hatte Rolphus gebrüllt. „Ich bin ein Zauberer und kann diesem Penner auch ohne Feleton den Garaus machen.“
Doch zum ersten Mal, seit Remus sich erinnern konnte, hatte seine Mutter sich durchsetzen können und ihrem Ehemann lang und breit die Vorzüge dieses Muggel-Utensils unterbreitet. Und schließlich hatte Amy ihn aus einer Telefonzelle im Dorf angerufen, um Remus den Weg zu erklären.
„Steig nicht in Billywigg aus!“, hatte sie gemahnt. „Wir wohnen ein wenig abseits und das wäre ein Umweg. Fahr´ eine Station weiter nach Candyweather, da hol´ ich dich dann am Bahnhof ab.“
Candyweather lag über drei Stunden von Southworth entfernt und Remus verfluchte mit all den Flüchen, die er kannte, dass er noch nicht mit der Schule fertig war und apparieren durfte, obwohl er es seit diesem Sommer konnte! Tatsächlich hatte er seine Apparierprüfung sogar mit Bravour bestanden.
„Ein Naturtalent!“, hatte sein Prüfer gelobt und ständig musste er als Anschauungsobjekt für seine Mitschüler herhalten.
Remus schmunzelte, als er daran dachte, wie wütend das James und Sirius gemacht hatte, die ihm sonst nie in irgend etwas nachstanden, bis der Prüfer ihnen schließlich den Gefallen tat, vor dem ganzen Kurs zu verkünden, aus welchem Grund Remus so prädestiniert für das Apparieren war. Von diesem Moment an waren James und Sirius nicht mehr zu Halten gewesen...
„Die schmächtige Statur und die blasse Haut von Mr Lupin eignen sich wunderbar zum apparieren. Er verschwindet ja beinah von selbst!“
Mit diesen möglicherweise nett gemeinten Wort war dem Neid seiner Freunde ein Ende gesetzt und genügend Anlass für Hänseleien geschaffen worden. Ständig hatten sie ihn gemahnt, auf dem Weg vom Gemeinschaftsraum ins Klassenzimmer nicht verloren zu gehen oder lautstark ihre Befürchtungen geäußert, dass er in irgendwelchen schmalen Ritzen verschwinden würde. Remus ging das ziemlich auf die Nerven, denn er glaubte, dass Amy auch eher einen muskulöseren Typ bevorzugen würde. Doch so tief gesunken, dass er Sirius um seine Hanteln bat, war er noch nicht.
Im Zug war nur noch ein einziger Sitzplatz frei. Na ja, im Grunde war es nur ein halber, denn der Mann, der dort auf den anderthalb anderen Sitzen schlummerte, war überaus fett. Und Remus bemerkte bald, dass er zwei außerordentliche Talente besaß: Sabbern und Schwitzen. Letzteres tat er am ganzen Körper, während sein Kopf friedlich auf Remus Schulter ruhte und dort feine Speichelrinnsale hinterließ. Wäre er nicht in einem Zug voller Muggel gewesen, Remus hätte liebend gern seinen Zauberstab gezückt und diesen widerlichen Kerl auf die Gepäckablage gehext. Er zog eine Taschentuch hervor und stopfte es mühsam zwischen sein Hemd und die schwabbelnde Wange des Sitznachbarn. Vor ihm saß ein langhaariger Typ mit Sonnenbrille, der eine Kippe nach der anderen rauchte und schräg gegenüber ein uraltes Mütterchen, dass verständnisloses Zeug brabbelte.
Remus schloss die Augen und erlitt geduldig sein schweres Schicksal. Es mochte schwierig sein, unter solchen Umständen an etwas halbwegs Angenehmes zu denken, aber Remus hatte damit seit drei Monaten und sieben Tagen keine Probleme mehr. Genau so lange waren er und Amy nämlich heute zusammen. Und mit jeder Faser seines Körpers vergötterte er dieses Mädchen. Er war bereit, den Boden unter ihren Füßen zu küssen, sie auf Händen zu tragen und vor ihr niederzuknien, falls es denn mal nötig sein sollte. Sirius, James und Peter hatten den neuen Dauergast in ihrer Mitte bedingungslos toleriert, wofür er ihnen unendlich dankbar war. Obwohl, wenn er es sich recht überlegte, Amy musste man einfach mögen, fand er jedenfalls. Manchmal bezeichnete Sirius die beiden Turteltauben als undefinierbares Knäuel aus Körperteilen, da sie meistens auf einen Sessel gequetscht vor dem Kamin saßen und sich küssten. Hemmungslos rumleckten, nannte es James, aber das war gelogen, sie küssten sich! Seit ihrem letzten Abschiedskuss auf dem Bahnsteig 9 ¾ waren nun leider bereits schreckliche neunundvierzig Tage vergangen und Remus war nahe daran, komplett durchzudrehen, Amok zu laufen und seinen Schädel auch außerhalb der Vollmondnächte gegen irgendwelche Holzwände zu rammen. Denn ungefähr genau so lange hatte er überhaupt nicht mehr schlafen können. Manchmal lag er bis drei Uhr morgens wach und grinste in sein Kissen, kaum glauben könnend, dass er, Remus Lupin, ein Mädchen zur Freundin hatte, vor dessen Schönheit man sich einfach nur verneigen konnte. Doch leider hatte er einfach nicht eher zu ihr fahren können. Amys Dad wollte nicht, dass sie ihn besuchte, bevor er Remus kennen gelernt hatte. Und direkt am Anfang der Sommerferien war Vollmond gewesen. Mitte Juli hatte James eine große Party zu seinem 17. Geburtstag in Godric´s Hollow veranstaltet und wenn Remus dort nicht aufgetaucht wäre, dann hätte ihm Krone, soviel war sicher, garantiert die Freundschaft gekündigt. Denn James war nun nicht nur volljährig, nein, er war nun auch Kapitän der Quidditchmannschaft und, Remus konnte es jetzt noch kaum fassen, Schulsprecher von Hogwarts! Beide Abzeichen waren am selben Tag gekommen und das Geschrei, dass darauf hin in der großzügigen Küche der Potters aufgebrodelt war, hätte man noch drei Dörfer weiter hören können.
„Welches Abzeichen soll ich denn nun anstecken?“, hatte James irgendwann ratlos gefragt. „Ich meine, welches hat Priorität?“
„Ganz klar Quidditch!“, war Sirius Meinung gewesen, doch Remus plädierte eher für die Schulsprecherplakette. Schließlich hatten sie sich drauf geeinigt, dass er wohl oder übel beide tragen müsse. Sirius war vor Lachen kaum noch zu halten gewesen und verglich James nun regelmäßig mit einem alten, ordenbespickten Offizier.
Tja, und dann war die nächste Vollmondnacht gekommen und Remus hatte Amy auf ein Neues vertrösten müssen, mit der einfallsreichen Ausrede, dass eine alte Tante gestorben sei...
Meistens musste er sich damit begnügen, an Amy zu denken, denn wenn er James oder Sirius von ihrer Göttlichkeit vorschwärmte, reagierten die beiden manchmal ein klein wenig grob....
„Wenn du noch ein Wort über Amy sagst, mein lieber Freund Moony“, hatte Sirius irgendwann gedroht. „Dann näh ich dir die Lippen zu, das schwöre ich, so wahr ich Sirius Black heiße. Das ist nämlich alles so was von kitschig, dass einem schlecht wird.“
Kitschig fand Remus daran überhaupt nichts und ihm war es ein Rätsel, wieso nicht jeder Mensch auf dieser Welt mehr über ihr wundervoll einzigartiges Grübchen im Kinn und das Gefühl ihres weichen Haars auf seiner Haut erfahren wollte....Aber das musste er wohl schweigend hinnehmen und dabei still an sie denken.
Er wagte es nicht einzuschlafen aus Angst, dass ihm sein Sitznachbar dann endgültig das Hemd vollsabbern oder sein Kopf auf Remus´ Schoß rutschen würde, wo der überaus wertvolle Blumenstrauß für Amy ruhte. Also starrte er aus dem Fenster und bemühte sich, diese Fahrt halbwegs unbeschadet zu überstehen, ohne sich von dem monotonen Gesäusel der Alten, den Rauchschwaden von gegenüber oder dem Schweißgeruch von links irgendwie aus der Facon bringen zu lassen. Tatsächlich war Remus sogar so anständig, den Mann schlafen zu lassen und ihm das Ticket aus der Brusttasche zu ziehen, als der Schaffner kam, um die Fahrkarten zu kontrollieren.
Sobald sie Billywigg passiert hatten, konnte Remus jedoch nichts mehr in seinem halben Sitz halten. Mit einer Hand auf dem Türgriff wartete er darauf, dass sie endlich Candyweather erreichten. Und schließlich, nachdem der Zug eine scharfe Kurve hinter sich gelassen hatte, verlangsamte er sein Tempo und fuhr in einen kleinen, verschlafenen Bahnhof ein, wo eine einzige Person wartete.
Remus erkannte Amy sofort. Sie stand dort allein, ein Fahrrad neben sich in einem blauen Sommerkleid und ihr Haar wehte im Wind des einfahrenden Zuges. Remus Herz schlug augenblicklich um einige Schläge schneller und tickte in seiner Brust wie ein wildgewordenes Metronom. Er stellte sich ans Fenster und winkte, aber Amy spähte weiterhin suchend umher, mit zusammengekniffenen Augen und reichlich planlos. Remus lachte, denn er wusste, dass sie ziemlich kurzsichtig war, sich aber weigerte eine Brille zu tragen.
„Dann seh´ ich ja aus wie Jessica Scrimgeour!“, hatte sie verkündet und auch Remus´ heiliger Schwur, dass sie mit Jessica niemals irgendwie ähneln würde, hatte sie davon überzeugen können, sich eine Sehhilfe zu besorgen.
In Candyweather stiegen nur eine Handvoll Leute aus und endlich, nach einigen Sekunden des unschlüssigen Umherspähens, hatte auch Amy Remus gefunden. Ohne viel Federlesens ließ sie ihr Fahrrad los, dass mit einem lauten Scheppern auf den Asphalt knallte und flitzte auf Remus zu. Das Haar wehte hinter ihr wie eine Fahne und mit ihren langen brauen Beinen lief sie so schnell, als gelte es, den ersten Platz bei einem Marathonlauf zu gewinnen.
„Remus!“, sie flog in seine Arme und schlang ihre um Remus Hals und die Beine um seine Hüften.
Die nächsten fünf Minuten konnte Remus vor lauter schwarzem Haar überhaupt nichts mehr sehen, denn Amy küsste ihn an jeder freien Stelle seines Gesichts.
„Ich hab dich vermisst! Oh, ich hab dich ja so vermisst. Ich bin beinah durchgedreht!“, plapperte sie und drückte seinem Auge und schließlich seinem linken Ohr jeweils einen dicken Schmatz auf.
Remus lachte und stellte Amy sanft auf die Füße. „Du hast mir auch gefehlt. Jede einzelne Minute.... Es war die Hölle!“
Einige Leute waren neugierig stehen geblieben und ein alter Mann mit schäbigen Klamotten machte sich gerade an Amys Fahrrad zu schaffen.
„He, du Penner!“, brüllte Amy laut. „Lass mein Rad los oder du wirst dir wünschen, du wärest nie geboren!“
Der Alte zuckte zusammen und stolperte hastig davon.
„Sind die Blumen da für mich?“, fragte sie mit einer viel süßeren Stimme und wandte sich von dem Penner ab und Remus wieder zu.
„Äh...ja genau, die sind für dich.“
„Gibst du sie mir dann?“
„Jaaa“, hauchte Remus und reichte ihr die Blumen. „Bitte sehr.“
„Die sind wirklich wunderschön. Sag bloß, du hast die selbst gepflückt?“
Remus dachte einen Moment lang darüber nach, mit einem kühnen „Ja, natürlich!“ zu antworten, doch schließlich besann er sich und grinste entschuldigend.
„Nee, meine Mum...“
„Wie süß von ihr“, sagte Amy, während sie Hand in Hand den Bahnsteig entlang liefen. „Wie war die Fahrt?“
„Grauenvoll!“, stöhnte Remus. „Riech ich irgendwie seltsam?“
„Nein, total lecker“, sagte Amy und schnupperte an seinem Hals. „Wieso, was war los?“
„Ach, nicht so wichtig.... Jetzt bin ich ja da.“
„Ja, ein Glück. Ich bin mit dem Fahrrad gekommen, weil´ s ein Stückchen ist bis nach Hause. Aber jetzt müssen wir wohl schieben. Bist du sehr müde?“
„Nein, überhaupt nicht. Aber wieso fahren wir nicht einfach?“
„Du- du kannst Fahrrad fahren?“
„Na hör mal!“, Remus grinste. „Ich bin in einer Muggelwohngegend groß geworden. Wer da kein Rad hatte, war aber unten durch bei den anderen Kindern. Macht´ s dir was aus, auf der Stange zu sitzen?“
„Das wird dir zu schwer“, bemerkte Amy zweifelnd. „Es ist wirklich ein recht langer Weg.“
„Unsinn. Setz dich und wir fahren“, grummelte Remus. Er musste wohl tatsächlich aussehen, als würde ihn der nächste starke Windhauch aus den Latschen hauen, wenn ihm seine eigene Freundin nicht zutraute, mit ihr und der Tasche als Gepäck Fahrrad zu fahren.
„Ich könnte auch-“
„Jaaaa, natürlich!“, fauchte Remus und schwang sich auf das Rad. „Jetzt komm schon, Süße!“
Amy setzte sich vorsichtig auf die Stange vor dem Lenker und Remus schlang seine Arme um sie und vergrub die Nase in ihrem Haar.
„Halt dich gut fest!“, mahnte er fürsorglich. „Wo muss ich lang?“
„Den Weg dort geradeaus, Richtung Wald.“
„Alles klar.“
Mit einiger Mühe setzte Remus das vollbeladene Rad in Bewegung und flehte inständig, dass er es bis zu Amy nach Hause schaffen würde, ohne schlapp zu machen. Alles andere wäre ja reichlich peinlich...
„Wo ist eigentlich Sam?“, wollte Amy wissen, als sie in einen schmalen Waldweg einbogen, der glücklicherweise im kühlen Schatten lag.
„Ich hab sie zu Hause gelassen. Ihr habt doch so viele Tiere, da dreht sie komplett durch.“
„Ja, denk ich auch“, bestätigte Amy und während sie so dahin fuhren, erzählte sie Remus alles, was er über ihre Familie wissen musste.
„Dad hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Möglicherweise gibt´ s noch mehr, aber von denen wissen wir nichts. Er ist ein ziemlicher Draufgänger musst du wissen, aber ansonsten wirklich nett. Tony kennst du ja schon. Er wohnt normalerweise bei seiner Mum, aber die Sommerferien über ist er vier Wochen bei uns und vier Wochen bei ihr. Sie ist aus Italien. Daddy steht auf Südländerinnen. Orchi, meine kleine Schwester, ist acht. Sie ist lebt die ganzen Ferien über und an den Wochenenden bei uns, jedenfalls so lange sie noch nicht nach Hogwarts geht.“
„Und ihre Mum ist-“
„Spanierin.“
„Verstehe“, sagte Remus grinsend. „Was macht dein Dad eigentlich beruflich, Amy?“
„Oh, er ist Künstler“, erklärte Amy lächelnd. „Er macht Skulpturen und verkauft sie auf der ganzen Welt. Dabei hat er wohl auch all seine Frauen kennen gelernt. Überall in unserem Haus und im Garten steht sein Kram...sorry, seine Kunst herum. Du musst sie ordentlich bewundern, dann ist er glücklich.“
„Ich werde mich vor Begeisterung geradezu überschlagen“, versprach Remus. „Orchi? Ist das eine Abkürzung oder so was?“
„Ja, ganz richtig, von Orchidea. Ich hab dir ja gesagt, dass mein Dad auf Blumen steht... Und Remus?“
„Hmm?“
„Du wirst schon den ein oder anderen Whiskey mit ihm und Tony trinken müssen.“
„Ist gut.“
„Und wenn du eine Zigarre annehmen würdest, dann wäre er überglücklich.“
„Eine reicht?“, fragte Remus besorgt.
„Ich denke schon.... Ach, mach dir keine Gedanken, er wird dich mögen.“
„Glaubst du? Jedenfalls wollte er nicht, dass du mich besuchst.“
„Sobald er dich kennen gelernt hat, wird es damit keine Probleme mehr geben, Remus. Er wird dich lieben.“
Remus zweifelte daran. Amy hatte ihm erzählt, dass Mr Foxsmile mal einem Jungen, der sie schief angesehen hatte, einen üblen Schockzauber auf den Hals gejagt hatte und Remus wollte sich eigentlich nur ungern mit einem erwachsenen Zauber in seinen Sommerferien duellieren müssen...
„Muss ich sonst noch irgendwas beachten?“, fragte er nervös.
„Hmmm... Wenn er sich zur Begrüßung auf die Schulter haut, verfluch´ ihn nicht gleich. Es ist als Liebkosung gemeint.“
In Remus Gedanken tauchte das Bild eines riesenhaften Kerls auf, doppelt so groß und dreimal so breit wie er, der Remus locker aus dem Handgelenk zu Boden schlug...
„Aber das wär´ s dann, ja?“
„Jaaa, ich denk schon...Halt mal eben an, Schatz!“
„Wieso?“, Remus zog hoffungsvoll die Augenbrauen hoch. Mittlerweile war er ziemlich außer Atem.
„Halt einfach an, ja?“
„Okay“, er bremste scharf und sobald Amy abgesprungen war, lehnte er das Fahrrad sorgfältig an einen Baum. „Was ist los?“
„Pause!“, flötete Amy und legte ihre Arme um seinen Hals. „Hab ich schon gesagt, dass ich dich vermisst hab?“
„Ungefähr acht Mal“, sagte Remus lächelnd und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Es ehrte ihn, dass sie sich offenbar für ihn so hübsch gemacht hatte, doch er wusste nicht, was er Nettes dazu hätte sagen sollen.
„Deine Freude hält sich aber in Grenzen“, bemerkte Amy und zog die Augenbrauen hoch. „Was ist los?“
„Ach...“, murmelte Remus. „Ich freu mich eben etwas...verhaltener.“
Er grinste. „Und außerdem hab ich Schiss vor deinem Dad...also vor deiner ganzen Familie eigentlich.“
„Brauchst du nicht. Die sind alle total in Ordnung.... Okay, mein Opa ist ein wenig sonderlich und meine Tante eine Hysterikerin sondergleichen... meine kleine Cousine und Orchi totale Nervensägen und-“
„Moment mal! Die sind alle da? Heute?“
„Ja, zu Besuch. Hatte ich das nicht erwähnt?“
„Nein“, hauchte Remus atemlos. „Nein, das hast du wohl vergessen.“
„Möglich. Na ja, sie wollen dich natürlich alle kennen lernen, sind extra angereist gestern Abend.“
„Nicht dein Ernst...“, hauchte Remus ungläubig. „Wie...wie soll ich mich denn denen gegenüber verhalten...ich...“
„Nun“, begann Amy und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Offen gestanden sorge ich mich eher darum...wie sie sich dir gegenüber...“
„Was meinst du damit?“
„Ach...vergiss es einfach...“, sagte Amy rasch und winkte ab. „Spielt keine Rolle, überhaupt gar keine...Bleib einfach cool. Soll´ n wir weiter fahren?“
„Hmm“ Remus kletterte auf das Fahrrad und seufzte.
Ich sollte auf der Stelle umkehren und nach Hause fahren, überlegte er. Gleich würde er einer Horde junger und alter Hexen und Zauberer gegenübertreten, die sich allesamt versammelt hatten, um ihn anzustarren und zu begutachten. Das war schlimmer als ein Magengeschwür mit Migräne und er wünschte sich sehnlichst, dass gleich Sirius hinter irgend einem Baum hervorhüpfen und von ihm Besitz ergreifen würde, denn der wäre genaue der richtige Mann für diese Aktion.
Doch nichts Dergleichen geschah und schließlich sagte Amy: „Nach der nächsten Biegung sind wir da.“
Für einen winzigen Moment vergaß Remus all seine Sorgen und starrte mit offenem Mund auf das einzige Gebäude weit und breit. Ja, das musste es tatsächlich sein und diese Erkenntnis machte Remus so was von fertig, dass er das Rad achtlos auf die Wiese fallen ließ und sich dem Haus so vorsichtig näherte, als würde es jeden Moment aus einem Nickerchen erwachen und „Buh!“ schreien.
„Hier lebt ihr?“, fragte er atemlos. „Amy, hier...?“
Der Hof der Foxsmiles stand mitten auf einer großzügigen Waldlichtung. Er war riesig, uralt und vollkommen schief. Wie eine enormen Patchworkdecke setzte er sich aus mehreren kleinen Bauten zusammen, niedrigen Holzschuppen, verwinkelten Verschlägen und größeren Steingebäuden. Jedes Einzelteil war in einer anderen Farbe gestrichen. Veilchenblau, purpurrot, giftgrün oder knallpink. Es gab mehrere winzigkleine Holzbalkone, gerade groß genug für zwei Personen, beängstigend schief und wackelig, aber mit kunstvollen Holzschnitzereien verziert. Vor den zahlreichen, verschiedengroßen Fenstern blühten Blumen, in allen Farben, die der Sommer zu bieten hatte. Vor der Haustür pickten ein paar Hühner im Gras und eine einzelne Ziege war an den orangegestrichenen Zaun angebunden. In dem wildüberwucherten Garten standen seltsame, natürlich ebenfalls knallbunte Skulpturen, die sehr obskure Szenerien zeigten....Das Ding dort hinten sollte wohl eine mannshohes Gemächt darstellen, überlegte Remus fassungslos, aber vielleicht hatte ihm auch einfach nur die heiße Sonne das Hirn verbrannt... Dass hier ein Zauberer lebte, war sonnenklar, doch Remus Ansicht nach musste der Eigentümer dieses grellbunten Haufen vor allem eines sein: Vollkommen plemplem!
„Gefällt´ s dir?“, fragte Amy begeistert.
„Nun ja...es ist so bunt, dass mir ein wenig schwindelig wird vom Hinsehen, aber es ist ganz sicher....mal was anderes.“, sagte er kleinlaut. Er wollte Amy nicht verletzen, denn dieser Hof war das Geschmackloseste, was er je in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte, und das wollte schon etwas heißen, denn man hatte ihn als Kind in Onkel Ludus´ alten Matrosenanzug gesteckt....
„Das freut mich. Denn es ist nicht Jedermanns Sache. Was sagst du zu dem Schuppen dort?“, sie wies auf ein kleines, rosafarbenes Häuschen, das wohl ein überdimensionales Schweinchen darstellen sollte.
„Süß“, log Remus und Amy strahlte. „Hab ich kreiert. Komm, lass uns reingehen. Daddy wartet sicher schon.“
Die Türklingel war eine große Holzkatze in violett, der man am Schwanz ziehen musste, woraufhin ein wildes Gebimmel erklang, dass Remus zusammenfahren ließ.
Mit einem letzten Stoßgebet gen Himmel, wappnete er sich gegen das Kommende und schloss kurz die Augen. Dann wurde die Haustür auch schon aufgerissen und Remus erstarrte.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 14. Oktober 2006 16:25 
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II. Der silberne Fuchs

In den wenigen Augenblicken, die das Türeöffnen andauerte, versuchte Remus noch einmal in Gedanken all die Hinweise durchzugehen, die Amy ihm zur Bewältigung ihrer Familie mit auf den Weg gegeben hatte: Cool bleiben, Whiskey trinken, Zigarre rauchen, Kunstwerke bewundern, cool bleiben...
„Ahh, da seid ihr ja!“
„Daddy, das ist Remus. Und das ist mein Vater, Schatz...Schatz!“
Remus hatte vor Schreck einen halben Schritt nach hinten getan, weshalb Amy ihn nun vergeblich an ihrer Seite suchte.
„Komm her, Baby.“, sagte sie und lächelte nachsichtig.
Mr Foxsmile war ein riesenhafter Hüne von mindestens zwei Metern und so breit wie ein Höhlentroll. Es sah ganz danach aus, als sei er zu besseren Zeiten mal ein erfolgreicher Ringkämpfer gewesen, der mit dem Alter ein wenig aus der Form geraten war. Ein Umhang in allen Farben des Regenbogens spannte sich über seinen dicken Bauch und seine gewaltige Brust, auf der eine ganz Ansammlung seltsamer Ketten baumelte. Sein freundliches Gesicht war wettergegerbt, dunkelbraun von den vielen Sonnentagen dieses Sommers und unfassbar bärtig. In sein dunkelblondes Haar hatte er sich eine Sonnebrille geschoben und an den Füßen trug er seltsame Sandalen, die seine – Remus mochte es selbst kaum glauben – bunt lackierten Zehennägel zeigten!
„Das ist also der Mann an deiner Seite, Prinzessin“, bemerkte er in einem tiefen Bass und musterte Remus´ schmächtige Statur von oben nach unten und dann noch einmal von unten nach oben. „Komm her, mein Junge!“
Er packte Remus an der Schulter, zerrte ihn über die Schwelle und zog ihn in eine wilde Umarmung. Als Remus schon glaubte, es sei vorbei, wechselte er bloß die Seite und drückte ihn von links noch einmal mindestens genau so fest.
„Guten Tag, Sir“, sagte er höflich, während er sich seinen schmerzenden Arm rieb, der sich so anfühlte, als sei gestern erst Vollmond gewesen.
Amys Vater brach in ein derart dröhnendes Gelächter aus, dass Remus zum zweiten Mal an diesem Tage einen kleinen, unfreiwilligen Hüpfer nach hinten machte.
„Sir!“, wieherte Mr Foxsmile johlend und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Sir...Ich kann nicht mehr... Zum Totlachen, der Junge!“
„Was ist so komisch?“, wollte Remus wissen, der sich mittlerweile wünschte, unsichtbar zu werden oder wenigstens zum Schirmständer zu erstarren.
„Nichts“, sagte Amy lächelnd und schob ihre kleine, warme Hand in seine. „Dad, hör sofort auf, ihn auszulachen. Remus hat eben Manieren.“
„Damit wird er im Hause Foxsmile nicht besonders weit kommen“, grölte Amys Dad. "Nenn mich Charly, Junge!“
Remus keuchte vor Schmerz, als er ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter verpasste und nahm seine Reisetasche auf, um Amy und ihrem Vater ins Wohnzimmer zu folgen.
Hätte man Remus darum gebeten, Mr Foxsmile spontan und aus dem Bauch heraus zu beschreiben, so wäre sein Antwort: „Ein Freak“ gewesen. Und wenn er nach einem etwas freundlicheren Wort gesucht hätte...dann...wäre es trotzdem bei dem Freak geblieben. Es gab einfach keine bessere Beschreibung für diesen Mann. Er war durch und durch freaky.
Um eine Bananenkiste herum hockte der Rest von Amys Familie auf einer wildgeblümten Couch. Alle Mann erhoben sich, als Remus eintrat und beäugten ihn neugierig.
„Hallo“, murmelte Remus scheu. Er wollte es vermeiden, dass man sich bei einem höflichen „Guten Tag“ vor Lachen auf dem Boden kringelte und versuchte, einen möglichst lässigen Eindruck zu erwecken, doch es blieb bei einem tapferen Versuch...
Der Reihe nach begrüßte er eine junge Frau Anfang Dreißig, Amys Tante Christina – die im Vergleich zu ihrem Bruder so normal war, dass Remus vor Erleichterung seufzte – einen uralten Tattergreis, Amys Opa, dem er vier Mal seinen Vornamen entgegenbrüllen musste, zwei kleine Mädchen, nämlich Orchi und ihre Cousine Fiona und schließlich Tony, der ihm kollegial auf die Schulter klopfte und ein Butterbier in die Hand drückte.
Nachdem Orchi Remus vor versammelter Mannschaft gefragt hatte, ob er Amy mit Zunge knutschte, war das Eis gebrochen und Remus fühlte sich fortan im Hause Foxsmile pudelwohl.
Fiona und Orchi zeigte ihm dem ganzen Hof und Remus, der schon in einige Magierhaushalten gewesen war, stellte fest, dass der Foxsmile´sche mit Abstand das Verrückteste war, was er je gesehen hatte. Es schien Zauberer zu geben, die ihre magischen Künste dezent zur Schau stellten, so wie es James Eltern taten. In Godric´s Hollow schob sich ein verzauberter Sessel fürsorglich und leise unter den Hintern, sobald man Platz nehmen wollte oder aber man fand urplötzlich einen Dessertlöffel in seiner Hand vor, wenn man mit dem Nachtisch beginnen wollte. Amys Dad hingegen hatte alles verzaubert, was nicht niet- und nagelfest war. Die Treppe hing frei schwebend in der Luft, die Portraits an den Wänden quatschten lautstark durcheinander und ständig musste man sich vor irgendeinem vorbeisausenden Gegenstand ducken. Bei Remus Zuhause gab es ohnehin nur das Nötigste an Magie, seit seine Mutter mal einen halben Tag lang vor einem verzauberten Putzlappen Reißaus genommen hatte.
Schließlich führten ihn die beiden Mädchen hinaus in den Garten, wo er Hühner, Ziegen, Schweine, feuerspeiende Knuddelmuffs, Gartengnome und noch einige anderer seltsamer Wesen füttern und bewundern musste.
Nach einer Weile kam Amy hinzu und befreite Remus von Orchi und Fiona, die ihn im Vergleich zu dem „doofen Tony, der sich nie um sie kümmerte“ ganz großartig fanden.
„Orchi hat sich verliebt, glaub´ ich“, sagte sie lächelnd und zog Remus auf eine Hollywoodschaukel unter einem süß duftenden Fliederbaum.
„Ich hab mich auch verliebt. Sie ist süß...Wie die große Schwester“, er lächelte.
„Mein Dad mag dich auch. Er ist ganz begeistert, hört schon die Hochzeitsglocken läuten“, Amy rollte mit den Augen.
Remus lachte. „Also muss ich keine Bedenken haben, wenn ich eines Tages um deine Hand anhalten werde?“
„Nun“, Amy legte den Kopf schief und grinste. „Ich denke, das hängt ganz von der Anzahl der Drinks ab, die du heute Abend schaffst.“
„Ich bekomm langsam ein wenig Schiss...“
„Mit recht!“, sagte Amy lachend. „Mit Recht...Sag mal, hab ich dir geschrieben, dass Lily letzte Woche hier war?“
„Nein, ich glaube nicht.“, log Remus. Es wäre ihm ein wenig peinlich gewesen, zuzugeben, dass er jeden einzelnen Brief, den Amy ihm geschrieben hatte, auswendig konnte.
„Dann weißt du ja auch noch nix von den tollen Neuigkeiten. Lily ist Schulsprecherin!“
„Nein?! Das ist...das ist ja großartig! Und jetzt rate mal, wer´ s bei den Jungs geworden ist?“, fragte Remus aufgeregt. „Na?“
„Keine Ahnung.“
„Jetzt rat´ doch mal!“
„Olsen?“
„Blödsinn... James! James ist Schulsprecher geworden.“
„Potter...? Du nimmst mich doch auf den Arm. Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hatte, würde James Potter zum Schulsprecher ernennen!“
„Nun- das ist wahr. Dumbledore wird das gemanaged haben“, plötzlich musste er grinsen.
Amy kniff die Augen zusammen und musterte ihn nachdenklich. „Was gibt es da genau zu grinsen, Baby?“
„Warum grinst du?“
„Ich hab zuerst gefragt.“
„Ich denke, ich grinse aus dem gleichen Grund, aus dem du grinst“, sagte Remus langsam.
„Sie haben sich schon ein paar Mal unterhalten...“, Amy lächelte vor sich hin. „Seit wir zusammen sind. Ist dir das aufgefallen?“
„Natürlich“, Remus schmunzelte.
„Kriegen wir das hin?“, fragte Amy spitzbübisch. „Druck von beiden Seiten, dem kann niemand Stand halten.“
„Du meinst...Ohhh!“, Remus Augen blitzen, als er verstand. „Ich denke, das wäre zu machen. Lass´ uns diesen Deal mit einem Kuss besiegeln“, fügte er grinsend hinzu.

„Ahh, der Herr Vertrauensschüler!“, rief Mr Foxsmile, als Remus und Amy durch die Terrassentür ins Wohnzimmer schlüpften. „Wie ich höre, bist du ein ziemlicher Streber.“
„Was erzählst du über mich, Amy!“, fragte Remus entrüstet. „Ich bin...recht ehrgeizig, ja.“
„Das ist gut, Junge. Sicher findest du eines Tages einen tollen Job.“
„Ich weiß nicht“, murmelte Remus achselzuckend. „Vielleicht.“
„Und das mit euch beiden, ist das was Ernstes?“, wollte Amys Vater wissen, während er sich eine Zigarre anstochte.
„Dad!“, zischte Amy. „Stell ihm nicht so blöde Fragen!“
„Wieso? Das ist doch eine sehr wichtige Frage.“
„Also“, Remus räusperte sich. „Ja.“
„Ha! Der Junge weiß, was er will! Auch eine? Das sind Kubanische. Die musst du probieren!“
„Okay“, Remus nahm sich zaghaft eine Zigarre, zündete sie an und hustete sich erst mal ordentlich die Seele aus dem Leib.
„Macht so richtig schön den Hals frei, meinst du nicht?“
„Großartig!“, keuchte Remus. „Tolles Kraut!“
„Jetzt übertreib nicht so.“, flüsterte Amy grinsend.

Amys Vater war ein passionierter Erzähler. Am liebsten erzählte er von seinen Reisen rund um die Welt, aber auch von den Frauen, die er dort kennen gelernt hatte.
„Amarylis´ Mum war ein ganz heißer Feger, Remus“, verkündete er nach dem achten oder neunten Whiskey, als die ganze Familie um den großen Esstisch in der Küche versammelt saß. „Aber ein linkisches Weibsstück wie es keine zweite gibt. Auch noch einen?“
Remus fühlte sich mittlerweile derart beschwipst, dass er vor Erleichterung einen Seufzer ausstieß, als Amy ihm zuflüstere, dass er auch gern „Nein“ sagen dürfe.
„Darf ich?“, fragte er hoffnungsvoll. „Aber du hast doch gesagt-“
„Natürlich darfst du! Du hast schon ´nen leicht glasigen Blick“, sagte Amy grinsend. „Daddy, Remus ist hinüber. Lass´ ihn in Ruhe.“
Seinen glasigen Blick hatte offenbar auch Amys Tante bemerkt, die irgendeinen spirituellen Beruf ausübte und nun versuchte, in seinen Augen, dem angeblichen Schlüssel zu seiner Seele, die Zukunft vorherzusehen. Doch weil Remus ununterbrochen blinzeln musste, schnappte sie sich schließlich seine Hand und beäugte sie eingehend.
„Äußerst interessant, Remus“, stellte sie nach einer Weile des unaufhörlichen Starrens fest. „Hast du etwas dagegen, wenn ich dir die Karten lege?“
„Ähhh...“
„Großartig!“, jubilierte Christina und zauberte aus dem Nichts einen zerfledderten Tarotkartensatz hervor. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes verschwanden die Reste des Abendessens und Amys Tante breitete die Karten auf dem Esstisch aus. Stirnrunzelnd wandte sie eine nach der anderen um und Remus wurde unbehaglich zumute. Er glaubte nicht an Wahrsagerei, überhaupt mal gar nicht, aber offenbar tat es der Rest der Gesellschaft. Amys Opa ließ vor Schreck sein Hörrohr fallen, als eine Karte, auf der großes, schwarzes Kreuz abgebildet war, erschien.
„Bedeutet diese Karte den Tod, Chrissie?“, fragte Amy atemlos und Remus warf ihr einen scheelen Blick zu. Amy konnte diesen Mist doch unmöglich ernst nehmen...
„Oh ja!“, hauchte Christina und zu Remus Entsetzen zauberte sie ein paar Räucherstäbchen und einige Grabkerzen herbei und ließ die Vorhänge zuschwingen. „Tod und große Verluste!“
Und diese Person hatte er für normal gehalten, überlegte Remus und seufzte.
Amys Tante verstand seine Äußerung offenbar miss und legte ihm fürsorglich eine Hand auf die Schulter.
„Nein, nein, mein Junge! Du wirst nicht sterben. Nur einige deiner Liebsten und Nächsten.“
„Na, wenn´ s weiter nichts ist.“, murmelte Remus und grinste verschwommen.
Sofort richteten sich fünf entsetzte Augenpaare auf ihn. Orchi und Fiona hatte man mittlerweile ins Bett gebracht.
„Das Schicksal sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, Remus", sagte Amys Vater ernst.
„Tu ich nicht!“, beteuerte Remus. „Ich nehme das ernst, sehr ernst sogar...“, und er war erleichtert, als Amy ihm lächelnd zuzwinkerte.

„Glaubst du daran?“, fragte er sie, als er ihr die schwebende Treppe hinauf folgte, die wie eine Hängebrücke sanft hin- und herschaukelte.
Amy zuckte mit den Schultern.
„Weiß nicht...Eigentlich halte ich das für Blödsinn, aber Chrissie lag schon so oft richtig...“
„Nichts gegen deine Tante...“, murmelte Remus und klammerte sich am schwankenden Treppengeländer fest. „Aber Wahrsagerei ist doch ein recht ungenauer Zweig der Magie, kaum erforscht und ein Sammelplatz für Scharlatane und Wichtigtuer und überhaupt...draußen läuft ein Irrer rum. Klar gibt´ s da irgendwann...Verluste.“
„Und dieser Gedanke beunruhigt dich nicht?“, fragte Amy.
„Natürlich. Aber momentan gerade nicht so...“, er grinste und zog Amy in eine zärtliche Umarmung, als sie endlich dass erste Stockwerk erreicht hatten.
„Remus...“, murmelte Amy nach einem langen Kuss, bei dem sie irgendwie in ihrem Zimmer gelandet waren. „Du kannst leider nicht bei mir schlafen...“
„Natürlich nicht!“, sagte Remus sofort. „Das...das hatte ich auch gar nicht vor...“
„Dad hat was dagegen...ich weiß, es ist lächerlich, ich werd´ in zwei Wochen siebzehn, aber...Moment mal, das hattest du gar nicht vor?“
„Na ja...jedenfalls hatte ich es nicht erwartet“, er zwinkerte. „Ich würde das meiner Tochter auch nicht erlauben.“
„Du wirst bestimmt ein sehr verantwortungsvoller Daddy“, sagte Amy grinsend. „Hat Orchi dir dein Zimmer gezeigt?“
Remus schüttelte den Kopf.
„Okay, dann komm mit. Es ist auf dem Dachboden.“
Remus folgte Amy eine weitere, entsetzlich schaukelnde, freischwebende und endlos steile Treppe empor und steckte seinen Kopf schließlich durch eine kleine Luke auf dem Dachboden.
„Ist das okay für dich?“, fragte Amy besorgt.
„Klar, es ist super. Besser als bei mir zu Hause“, bemerkte Remus und sah sich um. Sie waren in einem kleinen Zimmer mit schiefen Holzwänden gelandet, in dem es gemütlich nach Heu roch und nur ein Bett und ein kleiner Tisch standen.
„Großonkel Rudi“, sagte Amy und zeigte auf ein Bild an der Wand, auf dem ein alter, dicker Zauberer friedlich schlummerte, „schnarcht leider.“
„Kein Problem...da fühl ich mich gleich heimisch. James sägt pro Nacht ´nen halben Urwald ab.“
„Das verschweig´ ich Lily lieber“, Amy grinste und setzte sich auf ´s Bett.
„Ja, besser ist´ s...“, murmelte Remus. „Ähm...Amy, hattest du nicht gesagt, dass dein Dad-“
„Wenn gleich jeder in seinem Bett liegt, ist alles in Ordnung.“
„Ach so.“
„Du schläfst also im Stehen?“
„Gelegentlich“, Remus lächelte vage und setzte sich vorsichtig neben Amy. Der Whiskey hatte ihm doch ziemlich den Geist benebelt.
Amys Wangen waren vom Wein leicht gerötet, was sie nur noch schöner machte und Remus hatte das Gefühl, als schaukle auch der Boden unter seinen Füßen, so wie die mörderische Treppe. Sie küssten sich, bis Amy irgendwann Anstalten machte, ihre Hand unter seinem Hemd verschwinden zu lassen, doch Remus schnappte so schnell nach ihrem Arm, als gelte es, den Goldenen Schnatz zu erhaschen.
„Was...?“, fragte Amy entsetzt. „Was ist los...Warum?“, voller Unverständnis und Enttäuschung schüttelte sie den Kopf. „Baby, warum darf ich nicht...“
Remus verschloss ihr mit einem langen Kuss den Mund und bald löste sich ihre Empörung in Luft auf und sie küssten sich nun umso liebevoller.
„Amyyy!“
„Scheiße!“, fluchte Amy leise. „Das ist Dad! Ich muss runter.“
„Mach schnell!“, zischte Remus. Unter keinen Umständen wollte er am ersten Abend im Hause Foxsmile von Amys Vater beim Knutschen mit seiner Tochter im Bett erwischt werden. „Und schlaf gut, Süße. Gute Nacht.“
„Nacht, Baby“, flüsterte Amy, gab ihm einen raschen Kuss und eilte zu der Luke, um durch sie zu verschwinden
Remus wollte gerade aufstehen, um sich auszuziehen und sein Zeug zu sortieren, als er einen lauten Plumps von der Treppe hörte. Er warf sich bäuchlings auf den Boden und steckte seinen Kopf durch die Luke.
„Amy!“
„Alles in Ordnung...“
Amy war anscheinend die halbe Treppe runtergefallen und klopfte sich nun den Staub aus dem Kleid.
„Bleib oben!“, zischte sie, als Remus Anstalten machte, zu ihr hinunter zu eilen. „Ich hab mir nicht wehgetan.“
„Ehrlich nicht? Oh Mann, Amy, was machst du denn bloß?“
„Ich bin halt gefallen...“
„Schon klar...Tut dir wirklich nichts weh?“, fragte Remus besorgt.
„Nee. Geh jetzt schlafen, Baby. Gute Nacht“, sie winkte zu ihm hoch und lächelte.
„Gute Nacht...ach, und Amy?“, sagte er, als Amy sich zum Gehen anschickte.
„Hmm?“
„Du...du sahst toll aus in diesem Kleid.“
Amy zog erstaunt die Augenbrauen hoch, doch dann lächelte sie.
„Danke. Ich dachte, es sei dir gar nicht aufgefallen...Also dann, schlaf gut.“
Sie verschwand aus seinem Blickfeld und Remus warf sich seufzend auf ´s Bett, wo er sich der misslichen Lage, in die er sich eigenhändig gebracht hatte, gänzlich bewusst wurde.
Am Anfang war noch alles wundervoll gewesen und er hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet, wie Amy und sein pelziges kleines Problem unter einen Hut zu kriegen waren. Wenn er Amy erzählte, dass er ein Werwolf war, würde sie ihm vermutlich den Laufpass geben. Und wenn er es ihr verschwieg und sich weiterhin so seltsam benahm, sobald sie ihn berührte, würde sie ihn bestimmt ebenfalls bald dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst. Sollte sie es von alleine herausfinden, dann...Ja dann saß er wirklich in Patsche und sowohl seine Freunde, als auch seine Mutter würden ihm sagen, dass er genau dort hingehörte. Remus setzte sich hin, um aus dem kleinen Dachfenster in den Garten zu schauen, als gelte es, dort eine Lösung für sein Problem zu finden. Doch anstatt sich die Knoten in seinen Gedanken langsam aufdröselten, kamen nur noch Weitere hinzu. Mal angenommen, er und Amy würden zusammenbleiben – und das war sein allergrößter Herzenswunsch, weit aus inniger als der, irgendwann mal ein Buch zu schreiben – wie sollten er und sie dann gemeinsam leben? In einer Gegend fernab von Menschen, mit einem Verschlag nebenan, so wie es seine Eltern tun mussten? Hinzu kam, dass dieser Zauberer, niemand nannte ihn nun noch Lord Voldemort, so wie er sich selbst zu nennen pflegte, eine Armee von Werwölfen für seine Machenschaften aufgestellt hatte, die umhergingen, wehrlose Menschen bissen und töteten. Sie waren verhasster und gemiedener als jemals zuvor. Remus hätte es nicht weiter verwundert, wenn schon bald ein Gesetz erlassen würde, dass allen Arbeitgebern verbot, einen Werwolf einzustellen. Ihm blieb nur noch ein Jahr in Hogwarts, dann würde er allein für sich sorgen müssen. Es war unwahrscheinlich genug, dass er jemals einen Job fand, mit dem sich über Wasser halten konnte, doch eine Frau oder gar ein Kind ernähren...das war praktisch unmöglich...
All diese Schwierigkeiten konnte jemand wie Sirius mit Hunderten von Für und Wieder problemlos wegerklären, doch die schlimmste aller Vorstellungen, der grausigste und unerträgliche Gedanke von allen, suchte ihn nachts in seinen Träumen heim und tat es auch heute wieder, als er in einen unruhigen Schlaf fiel...

Das Geräusch zersplitternden Holzes, während er in rasendem Zorn die Wand eines morschen Verschlages zertrümmerte, den Geschmack der weichen Haut einer jungen Frau auf der Zunge, ein gellender Schrei und seine Zähne in einem schlanken Hals, tief vergraben, Blut überall, wo man hinsieht, überall nur Blut...Er hatte das Liebste zerfleischt, was er besaß...

Die Woche zusammen mit Amy war herrlich, herrlich chaotisch. Es war der schmerzvollste aller Abschiede, als sie sich am Mittwoch, zwei Wochen vor Schulbeginn, Auf Wiedersehen sagen mussten.
Remus glaubte, sich in dieser Zeit noch ein klein wenig mehr in Amy verliebt zu haben. Sie war ein wundervoller Mensch, voll Wärme und Liebe und ihre Fröhlichkeit war alles, was er je begehrt hatte. Er liebte sogar ihre fürsorgliche Ader, auch wenn sie ihm gelegentlich ein wenig auf die Nerven ging, schließlich hatte er schon eine Mutter, und eine ziemlich anstrengende noch dazu. Doch da Amy ohne eine Mum aufgewachsen war, schien sie wohl ihre Rolle in der Familie übernommen zu haben.
„Du musst mich nicht immer bedienen“, hatte Remus irgendwann gesagt. „Ich kann mir auch selbst mein Essen auf den Teller tun.“
„Aber ich mach das doch gerne!“ war ihre Antwort gewesen, und Remus hatte resigniert, denn mit Amy zu diskutieren, war eine abendfüllende Angelegenheit.
Einmal wäre es beinah zum Streit gekommen, nämlich als Remus ihr gestand, dass er seine Schwimmsachen vergessen hatte, was natürlich gelogen war. Er würde niemals mit Amy schwimmen gehen...können und hatte sie deshalb absichtlich zu Hause gelassen.
„Aber ich hab´ s dir doch extra geschrieben! Na ja, macht ja nichts, ich organisier´ dir eine Badehose.“
Schließlich musste Remus behaupten, nicht schwimmen zu können; vor der ganzen Familie Foxsmile, einschließlich Tony, der ihm einen halb mitleidigen halb belustigen Blick zugeworfen hatte. Orchi war ganz wild darauf gewesen, es ihm beizubringen und als wäre es nicht schon genug der Schande, dass ihn eine Achtjährige das Schwimmen lehren wollte, vor lauter Verzweiflung hatte er auch noch etwas von wegen schwerer Wasserphobie erzählen müssen, um sie von diesem Gedanken abzubringen.
„Ist ja ein richtiger Draufgänger, dein Freund“, hatte Tony seiner Schwester daraufhin zugeraunt und Remus fragte sich mittlerweile, was schlimmer war... Ein Werwolf zu sein oder als wasserscheuer, schissiger und komplett bescheuerter Nichtschwimmer dazustehen.

Am 30. August, zwei Tage vor Schulbeginn, hatte sich Remus mit James, Sirius und Peter in der Winkelgasse verabredet. Er musste dort dringend noch ein Geschenk für Amy besorgen. Was genau, dass wusste er noch nicht, aber Sirius würde schon irgendeine Idee haben. Ursprünglich hatte er Amy dann an ihrem Geburtstag besuchen wollen, doch sie war dagegen gewesen
„Wir sehen uns am nächsten Tag doch sowieso.“, waren ihre Worte gewesen. „Das ist viel zu teuer und aufwändig, wenn du extra wieder herkommst. Ich ruf dich Abends an, dann kann ich deine Stimme hören. Das ist auch schön.“

Um 11 Uhr wollte er die drei bei Fortescues treffen und da er ein bisschen früh dran war, machte Remus noch einen kleinen Abstecher zu Florish&Blotts, wo er zu einem äußerst interessanten Band über heilende Elixiere und ihre Herstellung einfach nicht nein sagen konnte.
Die Winkelgasse hatte sich seit seinem letzten Besuch vor zwei Jahren derart verändert, dass Remus an diesem warmen Tag nun beinah fror, als er an den Geschäften vorbeizog. Die einst belebte Straße, auf der sich immer Hunderte von Zauberern und Hexen getummelt hatten, war nun ausgestorben, dunkel und traurig. Man spürte die Angst förmlich, wie sie über das holprige Kopfsteinpflaster waberte und in die kleinsten Ritzen eindrang, die engsten Winkel füllte und einem die Luft zum Atmen nahm. Es war grotesk, denn die Sonne schien hell, es war ein herrlicher Sommertag, doch die neuesten Schreckensmeldungen aus dem Tagesropheten hatten selbst den letzten Hinterwäldler erreicht. Ihn, den nun alle nur noch Du-weißt-schon-wer nannten, und eine Schar seiner Anhänger hatte man in London gesichtet. In der Abenddämmerung war er durch ein Zaubererwohnviertel gestreift und in der Nacht hatte das Dunkle Mal, sein Zeichen, über dem Haus der Mc Kinnons aufgeleuchtet. Remus besorgte sich eine Ausgabe des Propheten und der Blick auf die Titelseite ließ ihn schaudern. Wie ein grausiges neues Gestirn leuchtete der Totenkopf, dem eine Schlange wie ein Zunge aus dem Mund quoll, die provokant hin- und herschlängelte, über dem kleinen Häuschen dieser arglosen Familie...
„Moony!“
Remus wirbelte herum und grinste. Vor Florean Fortescues Eissalon saßen James und Sirius, so als könne sie kein Dunkles Mal dieser Welt aus der Ruhe bringen und machten sich gerade über zwei riesige Eisbecher her.
Remus steckte den Propheten ein und schlenderte zu ihnen hinüber. Sie waren beide unverschämt braun und gut gelaunt. Außerdem hatte Sirius die Haare abgeschnitten.
„Neue Frisur?“, fragte Remus, als er sich auf einen Korbstuhl an ihrem Tisch fallen ließ.
„Jep. Wie geht´ s dir, Moony?“
„Bestens. Und euch? Warum seid ihr so braun?“
„Die Frage ist eher, wieso bist du so blass?“
Remus zuckte mit den Schultern und bestellte bei Florian Fortescue einen Schokoladeneisbecher. „Wo ist unser Wurmschwanz?“
„Wie?“, James schaute von seinem Eisbecher auf. „Ich dachte, du wolltest ihm Bescheid geben!“
„Hää...? Tatze hat geschrieben, dass du ihm Bescheid sagst.“
„Also ehrlich, Tatze...! Na ja, vielleicht kreuzt er ja später noch mit seiner Mum hier auf. Hat dein Vater nicht darauf bestanden, dich zu begleiten, nach der Sache gestern Nacht?“, wollte James wissen.
„Er ist arbeiten“, erklärte Remus. „Und meine Mum hat ja nicht wirklich Ahnung davon. Und deiner?“
„Doch...schon. Aber wir sind ja immerhin zu zweit.“
„Wie war´ s eigentlich bei Amy?“, fragte Sirius, lehnte sich in seinem Korbsessel zurück und setzte eine Sonnenbrille auf.
„War toll“, Remus bedankte sich bei Florian Fortescue für das Eis und begann zu löffeln.
„Ihr Dad ist ein ziemlicher Freak, aber total in Ordnung. Sein Haus ist auch reichlich schräg, aber es war wirklich witzig. Abends haben wir immer Karten gespielt und dabei ´ne Menge getrunken. Ich glaube, ich hab mich jetzt noch nicht ganz davon erholt.“
„Und habt ihr schon...“
„Was...?“
„Na, gepimpert!“
Remus verdrehte die Augen. „Nein, Tatze, haben wir nicht, aber ich halt dich auf dem Laufenden, versprochen.“
„Gut zu wissen“, erwiderte Sirius zufrieden. „Aber hör mal, ihr seid jetzt seit vier Monaten zusammen!“
„Erst in elf Tagen und außerdem...das hat ja noch Zeit. Was viel wichtiger ist. Sie hat morgen Geburtstag und muss noch ein Geschenk besorgen. Das treibt mich ziemlich zur Verzweiflung. Was schenkt man denn seiner Freundin?“
„Keine Ahnung“, Sirius zuckte mit den Schultern. „Ich hab vor den Geburtstagen oder Weihnachten immer rechtzeitig Schluss gemacht. Wie wär´ s mit Schmuck?“
„Schmuck ist gut“, bestätigte James. „Einen Ring, vielleicht.“
„Dann denkt sie nachher, ich will ihr ´nen Antrag machen“, gab Remus zu Bedenken. „Geht´ s auch etwas unverfänglicher?“
„Dann halt Ohrringe.“
„Sie hat keine Ohrlöcher.“
„Dann schieß ihr welche“, schlug Sirius vor.
„Sehr witzig. Helft ihr mir beim Aussuchen? Vielleicht begegnen wir dabei auch Peter.“
Schließlich einigten sie sich auf eine Kette.
„Die kannst du ihr denn ganz romantisch von hinten umlegen“, sagte Sirius beschwörend. „Darauf steh´ n die Weiber!“
„Na, mal sehen“, murmelte Remus und ließ sich sämtliche Ketten in dem kleinen Schmuckgeschäft neben Madame Malkin´ s zeigen.
„Welche Augenfarbe hat sie denn?“, fragte die Verkäuferin freundlich, als Remus die nunmehr elfte Kette mit einem Kopfschütteln zur Seite legte, was Sirius und James entnervte Blicke tauschen ließ.
„Sie hat blaue Augen und schwarze Haare... Na ja, und sie trägt eigentlich keinen Schmuck. Vielleicht sollte ich doch was anderes...“
„Dann fängt sie jetzt eben mit dem Schmucktragen an, verflucht noch mal!“, herrschte ihn Sirius von der Seite an. „Wenn du dich jetzt nicht sofort entscheidest, dann erwürg ich dich mit diesem Amulett da!“
Die Verkäuferin zog ein entsetztes Gesicht und steckt das Amulett rasch zurück in die Schmuckschatulle. „Bist du nicht ein Black?“, fragte sie argwöhnisch.
„Nicht, dass ich wüsste!“, schnauzte Sirius zurück.
Remus konnte ihn verstehen. Erst letzte Woche hatte wieder in der Zeitung gestanden, in welche schwarzmagischen und verbotenen Aktionen die Familie Black verwickelt war.
„Ich...ich nehm´ diese hier“, sagte er rasch und nahm eine filigrane Kette auf, in die kleine, blaue Steine eingelassen waren. Die hatte er schon von Anfang an ins Auge gefasst, aber sie kostete neun Galleonen...Mehr, als er in einem halben Jahr an Taschengeld bekam, aber da er ein sparsamer Mensch war, hatte er gerade noch so viel übrig.

„Blöde Kuh!“, schimpfe Sirius, als die Laden verließen. „Wenn ich „ja“ gesagt hätte, hätte sie mich sicher rausgeschmissen.“
„Mach dir nichts draus“, sagte James beschwichtigend. „Die Leute haben Angst...wenn da einer ´nen falschen Namen hat, drehen sie gleich durch.“
„Hast du dir deshalb die Haare abgeschnitten?“, fragte Remus, als sie einen kleinen Ramschladen betraten, weil sie nicht wussten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Normalerweise wimmelte es in der Winkelgasse von Klassenkameraden, mit denen man quatschen konnte, aber heute war leider kaum jemand unterwegs.
„Unter anderem...“, murmelte Sirius. „Oh Mann, ich hab übelst Lust, der Tante ihren Laden in die Luft zu jagen.“
„Sie hat doch nur gefragt, Tatze. Sicher wollte sie dich nicht beleidigen...Du- du siehst deinem Vater nun mal ähnlich...Nur ein ganz klein bisschen.“, fügte Remus rasch hinzu, als Sirius ihn wütend anfunkelte.
Sie schlenderten ein wenig lustlos durch den Laden, zogen hier etwas aus den Regalen, besahen sich dort etwas, als James Remus plötzlich von hinten abstupste.
„Komm mit. Sofort!.“, zischte er ihm ins Ohr
„Was?“
„Jetzt mach schon! Wir haben einen Feuerwerkskörper ins Regal gestopft. In wenigen Sekunden geht er los und veranstaltet hier ein Chaos, wie du es noch nie gesehen hast.“
„Was?!“
„Jetzt KOMM SCHON!“
Remus hörte etwas knistern und im letzten Moment sprang er hinter James und Sirius her aus dem Geschäft.
„Laaaaauuuuft!“, brüllte Sirius und sie rasten die Straße hinunter, während es in ihrem Rücken laut krachte und bollerte.
„Was...was soll die Scheiße!“, japste Remus, als sie sich in einer schmalen Seitengasse versteckten. „Geht der Laden jetzt in die Luft?“
James und Sirius prusteten los. „Quatsch, Moony. Nur ein kleines, hübsches Feuerwerk. Hätte es mir zu gerne angesehen. Na ja, und danach ist Aufräumen angesagt.“
„Hat man denn mit euch beiden nie seine Ruhe!“, schimpfte Remus, doch bald stimmte er in das Gelächter seiner Freunde mit ein. Der Besitzer dieses Ramschladens war ohnehin ein griesgrämiger und unfreundlicher Halsabschneider, der ihnen vor drei Jahren mal mit einem gefährlich aussehenden Silberinstrument gedroht hatte.
„Das hab ich vermisst“, sagte er seufzend und lehnte sich gegen die Hauswand. „Ehrlich, Leute.“
„Tja, wenn du lieber rumturtelst, als mit uns ordentlich auf den Putz zu hauen...“
Sirius Blick wanderte nach oben und er erstarrte. „Oh jee...schaut mal auf das Straßenschild.“
„Knockturngasse“, las James achselzuckend. „Na und?“
„Ihr kennt die Knockturngasse nicht? Wir müssen sofort von hier verschwinden. Hier wimmelt es von....Scheiße, versteckt euch!“
Sirius packte James und Remus am Kragen und zerrte sie in einen verwinkelten Hauseingang. Erst jetzt fiel Remus auf, dass es hier noch düsterer und unheimlicher war, als in der Winkelgasse. Kein bisschen Sonne drang auf die schmale Gasse, wo sich die Hausdächern neigten, als gelte es, alles Licht abzuschirmen, wie bei einem großen, steinernen Zelt.
Die drei standen gut versteckt im Halbdunkel des Hauseingangs und sahen doch jede Bewegung, die auf der Gasse vor sich ging. Sirius hatte sie vor einer schauerlichen Prozession gerettet, die Remus das Blut ein Adern zu Eis gefrieren ließ. Schwarzvermummte Gestalten...und die letzten, sie schwebten. Es waren Dementoren und Remus konnte spüren, wie sie ihm das Glück aus dem Herzen saugten, gierig, wie ein Ertrinkender nach Luft schnappt, sobald der Kopf die Wasseroberfläche durchstößt. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie James zu taumeln begann, Remus wollte ihn stützen, doch er schaffte es nicht. Seine Knie sanken ein, als seien sie nur aus Gummi und in eben jenem Moment, da sie den kalten Steinboden berührten, brach Sirius neben ihm zusammen. Der letzte Dementor hatte sie bemerkt und schwebte nun mit gierig rasselndem Atem zu ihrem Versteck. Remus Arm sank schlapp und kraftlos in seiner Umhangtasche. Als er den Zauberstab ziehen wollte, ertastete er das Päckchen, sein Geschenk für Amy. Und mit einem Mal fiel ihm die Formel ein, die er vor langer Zeit in einem Buch gelesen hatte, einem Buch, dass Sirius oder James sich nie hatten ansehen wollen. Alle Verteidigungszauber auf einen Blick- eine großartige Übersicht!
„Ex...Expecto Patronum...“, murmelte er.
Er wusste, sein Versuch war kläglich und würde niemals glücken. Eine gestaltlichen Patronus heraufzubeschwören war höhere Magie. „Expeco...Patronum...“
Das Wesen beugte sich über Sirius und begann mit pfeifenden Atemzügen seine Seele auszusaugen. Der Verwesungsgeruch, der sich über sie legte wie ein dichtgewebtes Tuch aus menschlichen Überresten, ließ Remus vor Übelkeit schwanken. Keuchend lehnte er sich mit seinem Rücken an die Hauswand, von dem in heißen Bächen der Schweiß herunterlief.
„Um einen gestaltlichen Patronus heraufzubeschwören, bedarf es einer glücklichen Erinnerung.“, flüsterte Remus. „Eine glückliche Erinnerung...eine Erinnerung... nur eine Erinnerung. Wenn es weiter nichts ist....“
Expecto Patronum!“, rief er diesmal lauter und fester, doch die eisige Luft ließ ihn in sich zusammenfallen, als sei er nichts weiter als ein Blatt, mit dem der Wind spielen konnte, wie es ihm beliebte. Etwas silbriges schoss aus der Spitze seines Zauberstabes hervor und ließ den Dementor innehalten.
Remus hätte vor Freude am Liebsten geheult. Mit letzter Kraft richtete er sich auf und hob seinen Zauberstab. Die glücklichste aller Erinnerungen war noch so frisch und erfüllte sein Herz mit so viel Wärme, dass er sie ohne Schwierigkeiten abrufen konnte. Er schloss die Augen und verschwand mit seinen Gedanken auf einer hölzernen Hollywoodschaukel unter einem süß duftenden Fliederbaum.
„Ich hab dich sehr lieb, Remus Lupin. Weißt du das?“
„Ja, das weiß ich.“ Remus öffnete die Augen und schwang seinen Zauberstab.
„Expecto Patronum!“
Dass gleißende Licht eines silbernen Fuchses erhellte für einen kurzen Moment die Szenerie und ehe Remus sich darüber Gedanken machen konnte, was es mit dieser Gestalt auf sich hatte, sank er in einen traumlosen Schlaf.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 18. Oktober 2006 18:05 
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III. Zwei Magneten

Wenn man stirbt, so heißt es, dann sieht man sein Leben wie in einem an sich Film vorbeiziehen. Remus wusste, dass er tot war, als der gewaltige Werwolf sich drohend über ihm aufbäumte und mit seiner feuchten Schnauze den zerbrechlichen Nacken seines achtjährigen Selbst packte. Er würde sterben, ohne je herausgefunden zu haben, wer sich hinter dem verbarg, der aus ihm das gemacht hatte, was er war. Einen-
„Moony!“
Jemand hatte ihm eine saftige Ohrfeige verpasst und Remus riss die Augen auf. Die Erinnerungen stürzte auf ihn ein, wie eine Ladung übel riechender Mist. Rasselnder Atem, eisige Kälte und der Geruch verwesenden Menschenfleischs; schließlich die silbrige Gestalt eines Fuchses, ein Patronus, ein gestaltlicher Patronus, sein Patronus!
„Moony, du hast ihn verjagt!“
Das war James. Er war blass, aber wohlauf. Sirius saß gegen die schmutzige Hauswand gelehnt und keuchte.
„Ist Tatze in Ordnung?“, fragte Remus besorgt und spürte, wie sich das Knetgummi-Gefühl in seinen Knien allmählich verabschiedete. „Der Dementor, er war schon über ihm-“
„Ich weiß, Remus. Ich hab es selbst gesehen. Nur konnte ich nichts tun...Es war, als ob man nie wieder glücklich sein würde. Schrecklich, so etwas hab ich noch nie erlebt...ich-“
„Das ist normal“, murmelte Remus dazwischen und setzte sich auf. „Ein Dementor saugt dir das Glück aus der Seele. Hörst du denn wirklich nie im Unterricht zu!?“
„Doch, das weiß ich...Und ich weiß auch, wie man ihn verjagt! Mit einem Patronus, Moony. Du hast einen Patronus heraufbeschworen! Wie hast du das eigentlich gemacht?“
„Keine Ahnung“, sagte Remus achselzuckend. „Lass´ uns von hier verschwinden. Sirius braucht Schokolade.“
„Schokolade?“
„Ja, kommt jetzt!“
James und Remus packten Sirius unter den Armen und stellten ihn auf die Füße. Remus glaubte zu wissen, warum der Dementor ihm so arg zugesetzt hatte. Die Kreatur ließ einen Menschen seine schrecklichsten Erinnerung noch einmal durchleben und Sirius, der eine grausame Kindheit gehabt hatte, musste gerade durch die Hölle gegangen sein. Ihm selbst schlotterten noch die Knie, denn nie zuvor hatte er ihn so deutlich vor sich gesehen, ihn, den Werwolf, der sein Leben so beharrlich auf den Kopf gestellt hatte. Mit fahriger Hand fuhr er über seinen Nacken. Beinah glaubte er, der heiße Atem des Ungeheuers würde ihn noch jetzt dort kitzeln.
„Du hast einen gestaltlichen Patronus heraufbeschworen!“, rhabarberte James unentwegt, während sie Sirius die Nockturngasse entlang in die Winkelgasse schleiften. „Einen gestaltlichen Patronus! Das war cool, Moony! Wieso hast du uns nie gesagt, dass du das kannst?“
„Ich wusste ja nicht, dass ich es kann.“, murmelte Remus. „Und ich konnte es wohl auch nur, weil mir keine andere Wahl blieb...“

Endlich erreichten sie den Tropfenden Kessel, wo sie Sirius auf einen Stuhl fallen ließen und drei Tassen heiße Schokolade bestellten.
„Was ist denn mit dem passiert?“, wollte Tom, der zahnlose Wirt des Pubs wissen.
„Er hat ne ganze Ladung fauler Wellhornschnecken gegessen“, behauptete James kühn. „Aber es geht schon wieder. Nicht wahr, Tatze?“, er klopfte Sirius von hinten auf die Schulter, der wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl kauerte und aussah, als würde er nie wieder glücklich sein. Remus bewunderte James für seine Gabe, selbst dann nicht die Nerven zu verlieren, wenn es danach aussah, als sei alles verloren. Dementoren außerhalb der Kontrolle des Ministeriums, unweit der einst belebtesten Einkaufsstraße der magischen Welt. Falls das kein Anlass war, sich zu fürchten, dann wollte Remus nicht erfahren, was ihn das fürchten lehren sollte...
„Kennst du ´nen guten Witz?“, fragte James und musterte seinen besten Freund mit besorgter Mine. „Ich kann es nicht ertragen, wenn er so guckt.“
„Im Moment ist mir gerade nicht so nach Witze erzählen zumute“, murmelte Remus und starrte auf die Tischplatte, als könne sie ihm verraten, wie es nun weitergehen sollte. Auch er vermisste jetzt schon Sirius´ breites Rumtreibergrinsen und hoffte inständig, dass der Becher Schokolade seine in den Lehrbüchern angekündigte Wirkung zeigen würde.
„Trink das!“, befahl er gnadenlos, als Sirius den Becher von sich fortschob und schwach den Kopf schüttelte. „Sofort! Oder ich muss es dir mit Gewalt reinschütten.“
Und da lächelte Sirius. James und Remus atmeten vor Erleichterung auf.
Nachdem er einen Schluck von dem Kakao getrunken hatte, schien Sirius schon viel entspannter.
„Mit Gewalt reinschütten, Moony? Das hätte ich ja zu gern gesehen.“
Auch in Remus Gliedern breitete sich allmählich eine wohlige Wärme aus und er lehnte sich tief in seinem Stuhl zurück. Wenn er es sich recht überlegte, konnte er eigentlich ziemlich stolz auf sich sein und es würde wohl auch keinen Ärger geben. Diese Gegend Londons war voller Magie, wer sollte da herausfinden, dass er...
„Du hast mir gerade das Leben gerettet, Moony“, sagte Sirius irgendwann, nachdem sie eine sehr lange Weile schweigend ihren Kakao geschlürft hatten.
„Oh nein“, murmelte Remus bescheiden. „Dementoren töten nicht. Sie saugen die bloß die Seele aus dem Leib und du wirst dann einer von ihnen-“
„Danke!“ Sirius nahezu ehrfürchtiger Blick machte Remus beklommen. Nie zuvor hatte er, der alles schaffte, alles konnte und alles wusste, ihn auf diese Weise angesehen.
„Kein Problem...Jederzeit wieder.“
„Ich hoffe“, sagte Sirius sehr leise und es war das Zittern in seiner Stimme, das Remus mehr Angst machte als alles andere. „Ich hoffe, dass du mich nie wieder retten musst. Aber davon ausgeh´n würde ich nicht.“
Und Remus begriff, dass er in einer Zeit aufwuchs, in der einem Freund das Leben zu retten vielleicht keine einzigartige Heldentat war...


James und Sirius waren Freunde, auf deren Wort man sich verlassen konnte. Und selbst Remus, der sich so schwer damit tat, jemandem zu vertrauen, wusste, dass sie nie auch nur ein Wort über seinen Patronuns verlieren würden, sofern er es nicht wünschte. Aus irgendeinem Grund - und er konnte selbst nicht genau sagen, warum - wollte er nicht, dass jemand davon erfuhr. Auch nicht Amy... Amy schon einmal gar nicht....

Es war der erste regnerische Morgen seit Wochen, als Remus am 1. September 1977 den schweren Schrankkoffer aus dem Wagen seines Vaters zerrte und mit ihm, Samantha und einer Tasche voller Bücher die Grenze zur magischen Welt durchschritt. Vielleicht würde er nun zum letzten Mal mit dem Hogwartsexpress fahren. Das war sogar ziemlich wahrscheinlich. Doch Remus schwor sich, wenn er noch einmal in seinem Leben die Gelegenheit dazu haben sollte, am Gleis 9 ¾ in die altmodische Dampflok einzusteigen, dann würde er sie ergreifen.
Sein erster suchender Blick galt Amy, die gestern siebzehn Jahre alt geworden war und tief in seiner Umhangtasche trug er ihr Geschenk. Remus konnte es kaum erwarten, ihr die Kette umzulegen. Sie würde mit dem Blau ihrer Augen um die Wette funkeln und doch niemals mit ihrer Schönheit konkurrieren können. Im Vergleich zu dem Ozean, in dem er schwamm, wenn er in Amys Augen sah, war das Glitzern dieser blassen Steine nur ein trüber Tümpel.
„Happy Birthday“, flüsterte er ihr von hinten ins Ohr, als er ihren Vorhang schwarzen Haars in dem Meer aus blonden, rothaarigen und brünetten Schöpfen ausmachte.
Amy wirbelte herum und flog in seine Arme, gerade so, als hätten sie einander zwei Jahre und nicht nur zwei Wochen entbehren müssen.
„Danke für die Rosen“, flüsterte Amy, während sie seinen Hals abknutschte.
„Hast du dich gefreut?“
„Natürlich, und wie! Ich war komplett von den Socken. Du hast gesagt, ich würde mein Geschenk erst heute beko-“
„Stimmt ja auch“, Remus grinste. „Willst du´ s haben?“
„Ja klar, natürlich!“
„Jetzt sofort?“
„Auf der Stelle!“
„Okay...“, Remus sah sich um. James, Sirius und Peter schienen noch nicht eingetrudelt zu sein oder schon irgendwo im Zug zu stecken. Das war gut...Er wollte kein Publikum bei dieser Sache.
„Schließ die Augen“, sagte er und lächelte.
„Warum?“
„Oh Amy, mach sie einfach zu, ja?“
„Gut.“
„Ganz zu!“
„Ja ja, beruhig dich, sie sind so fest geschlossen, wie´ s nur geht.“
Remus zog das kleine Päckchen aus seiner Umhangtasche, öffnete es und förderte die filigrane Kette zutage.
„Nicht gucken“, befahl er, während er ihr das Haar über die Schulter legte.
Er hatte einige Schwierigkeiten damit, den Verschluss zu bedienen, doch endlich rastete das kleine Häkchen ein und er ließ den Teppich aus schwarzem Haar wieder über ihren Nacken fallen.
„Darfst gucken.“
Amy sah an sich herunter und zog die Augenbrauen hoch.
„Eine Kette?“, fragte sie stirnrunzelnd.
„Hmm... Sie- sie gefällt dir nicht?“ Remus hatte es befürchtet. Sie trug keinen Schmuck, weil sie ihn nicht mochte... Was sollte er denn jetzt tun???
„Keine Ahnung", Amy legte ihr Kinn auf die Brust und machte ein ziemlich komisches Gesicht dabei. „Ich kann sie nicht sehen.“
Remus stöhnte, als es ihm dämmerte. Sirius mitsamt seiner blöden Ratschläge konnte man wirklich nur zum Mond schießen. Natürlich! Die Kette war viel zu kurz, als dass man sie hätte sehen können, während man sie trug.
„Sorry“, murmelte Remus lächelnd. „Ich zieh sie dir wieder aus.“
Amy lachte, während Remus das gleiche Spiel noch einmal in umgekehrter Reihenfolge durchführen musste und endlich hielt er die Kette wieder in den Händen.
„Das ist sie“, sagte er und grinste gequält. „Aber an dir sah sie besser aus.“
Möglicherweise hatte Sirius sich diese Prozedur auch vor einem Spiegel vorgestellt? Na ja, egal, jedenfalls war es so ziemlich in die Hose gegangen.
Amy kreischte, als habe ihr ein wildgewordener Grindeloh die langen Finger in die Nasenlöcher gebohrt.
War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wenn Mädchen schrieen, dann bedeutet das doch in der Regel nichts Gutes. Sirius hatte Remus nur eine einzige Gelegenheit genannt, bei der Frauen gerne schreien durften und darum konnte es sich jetzt nun wirklich nicht handeln....
„Sie ist wunderschöööööön!“, kreischte Amy und warf sich ihm an den Hals. „Total schöööön!“
Remus atmete auf. Warum hatte sie das denn nicht einfach gesagt? Jetzt sah ihnen der halbe Bahnhof zu und er, Remus, war auf einem Ohr taub. Jedem, der ihm verraten konnte, wie Frauen tickten, würde er auf der Stelle zehn Galleonen in die Hand drücken, die er natürlich nicht mehr besaß, seit dieser Kette...

James jammerte unentwegt, während sie sich auf den ins Vertrauensschülerabteil machten, wo sich natürlich ebenfalls das neue Schulsprecherpaar einfinden musste.
„Das ist doch scheiße, Moony“, verkündete er nun bereits zum dritten Mal. „Wieso kann ich nicht einfach pennen? Tatze und ich haben die ganze Nacht durchgemacht.“
„Weil du der neue Schulsprecher bist“, erklärte Remus geduldig. „Und du tätest gut daran, nicht gleich am ersten Tag deines Amtes in den Gang des Schulzuges zu reihern. Mal ehrlich Krone, was habt ihr gestern getrieben!? Du siehst übel aus.“
„Geredet.“
Remus zog die Augenbrauen hoch. Das wurde ja immer abenteuerlicher.
„Geredet? Die ganze Nacht lang? Worüber?“
„Über den Kerl da draußen. Oh Mann, Moony...Ich hab keinen Bock. Muss ich heute Abend ne Rede halten oder so?“
„Vielleicht hast du ja eine nette Kollegin, die dir den Job abnimmt“, sagte Remus lächelnd. Er hatte James nicht erzählt, wer sein weibliches Pendant werden würde. Der Überraschungseffekt, so hatten er und Amy beschlossen, würde hier weitaus bessere Resultate erzielen. Denn James war einfach am sympathischsten, wenn er keine Gelegenheit dazu bekam, sich hinter eine Maske aus Coolness und eingebildetem Gehabe zu verstecken.
„Weißt du, wer´ s von den Mädchen geworden ist?“, fragte James.
„Ich hab´ keine Ahnung“, Remus grinste, als er die Abteiltür mit einem Schlenker seines Zauberstabes auffliegen ließ.
Lily wirbelte herum und starrte eine peinlich lange Weile auf die beiden Abzeichen, die James´ Brust schmückten.
„Duuu?“, fragte sie schließlich und ihre grünen Augen hätten kein größeres Entsetzen widerspiegeln können.
„Richtig, Evans.“ Remus staunte darüber, wie schnell James sich nun gefasst hatte. „Danke für die Glückwünsche. Ich gratulier´ dir auch ganz herzlich.“
Remus schmunzelte, als er es um Lily Mundwinkel herum leicht zucken sah. James amüsierte sie. Na, das war doch immerhin schon besser als der blanke Hass, mit dem sie ihm sonst begegnete.
Das Treffen der Vertrauensschüler am ersten Schultag war so langweilig verlaufen, wie üblich und Remus hatte die Passwörter der Räumlichkeiten für die Vertrauensschüler wie in jedem Jahr schon beim Schließen der Abteiltür wieder vergessen.
„Meeres...?“
„Brise“, ergänzte Lily lächelnd.
„Ah ja, jetzt wo du es sagst.... Ach, und Lily?“
Amy verließ sich voll und ganz auf seine schauspielerischen Fähigkeiten. Er durfte also auf keinen Fall versagen.
„Hmm?“
„Kennst du eigentlich „Die Kunst, Magie zu verkorken“?
James warf ihm einen Blick zu, als wolle er sagen: Geht´ s dir noch gut, Moony?
Doch Lily hatte nichts das geringste Anzeichen einer Ungewöhnlichkeit bemerkt.
„Natürlich, kenn ich das!“, rief sie aufgeregt. „Ich will´ s schon seit Jahren lesen, aber in Hogwarts gibt es keine einzige Ausgabe davon und in allen Buchläden ist es vergriffen. Ich war sogar schon in-“
„Ich besitze es.“
„Was?“
„Ich hab´ s bei Florish und Blotts gefunden. S´ muss wohl in diesem Jahr eine neue Auflage auf den Markt gekommen sein.“
„Oh Remus! Wenn es dir nichts ausmacht...würdest du es mir vielleicht eventuell irgendwann einmal...“
„Ausleihen?“
„Hmmm.... Ginge das?“
„Klar. Ich hab´ s schon durch. Du kannst es sofort haben, wenn du möchtest“, er grinste, als ihm klar wurde, dass Lily gerade drauf und dran war, auf ihre eigene Masche hereinzufallen.
„Jetzt sofort?“
„Klar, komm mit“, er schob die Tür zu ihrem Abteil auf, in dem Peter, Sirius und Amy beieinander saßen und Poker spielten. James runzelte die Stirn über Remus´ seltsames Benehmen und schlüpfte an ihm und Lily vorbei ins Abteil.
„Full House!“ Sirius knallte seine Karten auf das Tischchen am Fenster und grinste. „Her mit der Kohle!“
„Genau, her mit der Kohle.“, sagte Amy strahlend. „Ich hab ´nen Royal Flash!“
„Deine Tussi nimmt mich aus, wie ´ne Weihnachtsgans!“, beschwerte sich Sirius. „Ich hab schon mein ganzes Taschengeld verspielt.“
„Ich hab dir gesagt, du sollst nicht mit ihr spielen“, sagte Remus achselzuckend und wandte sich an Lily „Nimm doch kurz Platz. Ich hab´ s im Koffer...“
Als Lily leicht den Kopf schüttelte, schaltete sich Amy ein.
„Guck mal, Lily“, sagte Amy und zog den Kragen ihres Pullis hinunter. „Hab ich von Remus bekommen.“
Lily schlug die Hände vor den Mund und kreischte, nicht ganz so laut wie Amy, aber trotzdem noch unerträglich, während sie sich auf den Sitz neben Amy warf und jedes einzelne Steinchen von Amys neuer Kette bestaunte.
„Wow! Die ist echt toll!“, lobte sie begeistert. „Du hast Geschmack, Remus.“
„Jep, und Geld zu viel“, warf Sirius ein. Remus verpasste ihm einen Klaps, während er weiterhin vorgab, in seinem Koffer nach dem Buch zu suchen. Noch war es nicht sicher, dass Lily nicht gleich wieder verschwand, sobald sie es in den Händen hielt.
„War sie so teuer?“, fragte Amy bestürzt und betastete vorsichtig ihr neues Schmuckstück.
„Ach was, überhaupt nicht“, behauptete Remus kühn und winkte ab.
„Praktisch ein Sonderangebot“, half James nach und Remus stöhnte.
„Ein Sonderangebot?!“
„Er labert Mist, Amy!“ sagte Lily spitz. „Nur weil er seiner Freundin höchstens was im Sonderangebot kaufen würde...“
„Würde ich nicht!“, protestierte James. „Ich würde niemals etwas im Sonderangebot kaufen! Äh also, nein...“, korrigierte er eilig, als Lily ihm einen eisigen Blick zuwarf. „Ich meinte, meiner Freundin würde ich nichts im Sonderangebot...“
Lily unterbrach seinen Redeschwall mit einem verächtlichen Schnauben und wandte sich an Remus. „Brauchst du vielleicht Hilfe beim Suchen? So groß ist der Koffer nun wirklich nicht...“
„Ehrlich gesagt“, behauptete Remus. „Mir fällt gerade ein, es ist gar nicht im Koffer.“
Amy kicherte leise. Eine große Schauspielerin würde wohl nie aus ihr werden, überlegte Remus.
„Warum lachst du?“, wollte Lily wissen.
„Weil Mary-Ann Lloyd mit Jamie Olsen geht.“
„Nicht dein Ernst?“, rief Lily und Remus änderte augenblicklich seine Meinung über Amys Schauspielkünste.
„Todernst. Ich hab sie eben Rumknutschen gesehen, vor dem Klo. Es war ekelhaft...“
Remus lehnte sich entspannt zurück und reichte Lily das Buch. Als sie es abwesend zur Hand nahm, während sie mit ihrer Freundin den neuesten Klatsch und Tratsch austauschte, wusste Remus, dass ihr Plan wunderbar funktionierte. Er warf Amy ein kurzen Blick zu, die ihn mit einem kurzen Lächeln erwiderte.
„Würgende Wasserspeier!“, hauchte Sirius mit einem Mal, während er Remus´ Tagespropheten durchblätterte. „Hast du heute noch nicht in die Zeitung geguckt, Moony?“
„Nee, wieso?“
Sirius strich die Zeitung glatt und breitete sie auf seinen Knien aus. „Es gibt Anzeichen, dass sich der, dessen Namen wir nicht nennen, mit den Riesen verbündet hat“, zitierte Sirius atemlos. „Im Norden Englands wurde ein kleines Dorf, dass sowohl Magier wie Muggel beheimatet, augenscheinlich von einer Horde wild gewordener Riesen dem Erdboden gleich gemacht.“ Sirius legte die Zeitung wieder zur Seite und starrte in die Runde. „Unsere Welt ist im Krieg!“
„Es ist mehr als Krieg“, sagte James ernst und nahm den Tagespropheten zur Hand. „Ein Krieg endet, wenn die eine Partei bekommt, was sie verlangt. Lord Voldemort hingegen wird nicht eher ruhen, bevor er alle Muggel und Halbblüter ausgerottet hat und sich den mächtigsten Zauberer der Welt nennen darf. Ein Krieg fordert viele Opfer, doch dieser Irre will sie alle. Wenn man ihn nicht aufhält wird er eine ganze Bevölkerungstruppe ausrotten, als seien es bloß Kakerlaken.“
„Das stimmt“, murmelte Lily leise und Remus warf ihr einen überraschten Blick zu. „Viel zu viele Zauberer sind der Ansicht, dass sie ohne die Muggelgeborenen besser dran wären. Dabei nehmen wir ihnen doch nichts...“, sie schaute unsicher in die Runde. Immerhin war Lily die einzige mit nichtmagischen Eltern unter ihnen.
„Eben“ James nickte ihr zu. „Muggelgeborene und halbblütige Zauberer sind Teil unser Kultur. Sie haben unsere Welt maßgeblich geprägt. Ohne sie wären wir jetzt nicht da, wo wir sind.“
„Tja, so sehen das heutzutage leider nur sehr wenige“, Lily seufzte und sah aus dem Fenster.
„Und wer sich diesem Typ da in den Weg stellt, wird einskalt abgemurkst“, ergänzte James. „Jeder, der gegen ihn kämpfen möchte, muss womöglich mit seinem Leben bezahlen. Aber ich werde gegen ihn kämpfen! Sobald ich mit der Schule fertig bin, werde ich alles tun, um zu verhindern, dass er unschuldige Menschen ermordet. Ich weiß, es ist nicht viel, was ich dazu beitragen kann, aber wenn ich auch nur einen einzigen Unschuldigen vor dem Tod bewahren kann, dann hat es sich schon gelohnt!“ Lilys Blick wandte sich von der vorbeiziehenden Landschaft ab und James zu. Remus hatte den Eindruck, dass sie ihn interessiert musterte, so als sehe sie ihren Klassenkameraden nach sechs Jahren der Feindschaft auf einmal in völlig neuem Licht.
„Wir dürfen doch nicht zulassen, dass er unser Leben zerstört!“, fuhr James fort und wurde ein bisschen rot dabei. „Mit seinen Attentaten auf die nichtmagische Bevölkerung riskiert er die Preisgabe unserer Welt. Ist euch eigentlich klar, was das bedeutet?“
Niemand antwortete ihm. Auf James inbrünstige Rede folgte ein langes, staunendes Schweigen, bis Lily sich schließlich räusperte.
„Ich sehe das ganz genau so“, sagte sie bestimmt und sah James zum aller ersten Mal direkt in die Augen. „Dieser Wahnsinnige zerstört alles, was unsere magische Welt ausmacht. Ich will das auch nicht zulassen.“
Remus lehnte sich zurück, als er erkannte, dass ihre Verkupplungsversuche reichlich kläglich waren, gegen das zarte Band aus stillem Einvernehmen, was James Rede gerade zwischen ihm und Lily geknüpft hatte.
Diese beiden brauchten keine Nachhilfe. Offenbar hatten sie in eben diesem Moment etwas verstanden, was Remus schon längst wusste. Zwei Magneten konnte man nur mit Gewalt davon abhalten, dass sie zueinander fanden. Und es würde schon einiges an Grausamkeit kosten, um zu verhindern, dass James und Lily eines schönen Tages bemerkten, dass sie zwei Magneten waren, die sich auf eine Weise anzogen, für die „magisch“ aus dem Mund eines Zauberers eine sehr dürftige Beschreibung war...


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Ungelesener BeitragVerfasst: 20. Oktober 2006 12:29 
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[klugscheiß]Einen "Royal Flash" gibt es nicht. Das Ding nennt sich "Royal Flush"![/klugscheiß]

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Wir haben in der Vergangenheit nicht deutlich gemacht, daß Nationalsozialisten in erster Linie Sozialisten waren, und daß Nationalsozialisten Leute waren, die im Großen und Ganzen kollektivistische Lösungen angestrebt und durchgeführt hatten. (Edmund Stoiber)


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Ungelesener BeitragVerfasst: 22. Oktober 2006 01:01 
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Darth hat folgendes geschrieben:
[klugscheiß]Einen "Royal Flash" gibt es nicht. Das Ding nennt sich "Royal Flush"![/klugscheiß]


Stimmt, Darth, du hast vollkommen recht. :oops:

Und hier geht´s auch schon weiter ;)

IV. Auf dem Astronomieturm

Die Sicherheitsmaßnahmen in Hogwarts waren verschärft worden. Niemand, nicht einmal James oder Sirius, hielten diese Neuerungen für überflüssig, allenfalls für lästig, aber nachvollziehbar, ja, das ganz gewiss.
Nicht wenige Kinder waren nach den Ferien als Halbwaisen nach Hogwarts zurückgekehrt, gelegentlich wurde von Anhängern Lord Voldemorts unten im Dorf berichtet und ein Mädchen, eine Zweitklässlerin, war verschwunden. Ihre Eltern hatten sie als vermisst gemeldet, doch nun war sie bereits seit vier Wochen fort und niemand glaubte ernsthaft, dass sie noch lebte.

„Wer ermordet nur ein kleines Mädchen?“, fragte Amy und legte den Propheten zur Seite.
„Ich glaube nicht, dass es um das Mädchen ging“, James seufzte. „Ihre Eltern waren Muggel. Das genügt.“
„Krank“, sagte Lily. „Einfach nur krank.“
Dass sich Lily nun gelegentlich in ihrer Runde einfand, hatte Remus schon mehrfach triumphierend lächeln lassen. Angeblich tat sie es, um ihrer Freundin Gesellschaft zu leisten, denn daran, dass Amy und Remus sich allabendlich einen Sessel vor dem Feuer teilten, hatte sich nicht viel geändert. Doch vor den Sommerferien war dieser Umstand nie ein Grund für Lily gewesen, sich länger als fünf Minuten bei den Rumtreibern aufzuhalten...
James hatte sich während dieser Zeit recht gut im Griff und so kam es, dass Lily gelegentlich sogar ein freiwilliges, ja, ein nahezu freundlichs Wort an ihn richtete; jedenfalls wenn die übrigen Anwesenden allesamt anderweitig beschäftigt waren. Rein zufällig natürlich, ohne vorherige Absprache...
Leider hatte sich mit den neuen Sicherheitsvorkehrungen im Schloss ein dunkler Schatten über das sorglose Treiben der Rumtreiber gelegt. Selbst mit ihren Hilfsmitteln der magischen Tunichtgut GmbH war es nicht mehr allzu leicht, sich nächtens aus dem Gemeinschaftsraum zu stehlen. Seit neuestem patrouillierten sogar Sicherheitstrolle durch die Korridore, die andächtig schwere Keulen umherschwangen, so als warteten sie nur darauf, sie dem Nächstbesten über die Rübe zu ziehen. Remus hatte es längst aufgegeben, ihnen ein freundliches Wort abzugewinnen und so erhielt er auf seine nettgemeinten Versuche der Konversation meist nur ein grimmiges Grunzen als Antwort. Er bedauerte das ziemlich, denn irgendwie fühlte er sich zu diesen Randwesen der magischen Bevölkerung ein wenig hingezogen.
Gelegentlich war er nahe dran, komplett die Nerven zu verlieren, weil er sich andauernd neue Passwörter für den Gemeinschaftsraum merken musste und ihm ständig jemand durchs halbe Schloss folgte, dem man keinen Einlass zu den Räumlichkeiten der Gryffindors gewährt hatte. Selbst um auf die Ländereien zu gelangen, bedurfte es seit diesem Schuljahr Losungsworte und war man dann einmal draußen, so kam man kaum noch wieder herein, weil einer der Trolle sich quer stellte. Offenbar reichte die Tatsache, im schulpflichtigen Alter zu sein und einen Hogwartsumhang zu tragen, nicht als Beweis aus, dass man auch wirklich ein Schüler war. Abgesehen von all diesen Steinen, die man den Rumtreibern haufenweise in ihren Weg hin zum Vergnügen warf, blieb Remus und James ohnehin nicht allzu viel Zeit für irgendwelchen Unsinn.
„Sie sind für das Geschick ihrer Mitschüler verantwortlich!“, hatte Mc Gonagall sie und Lily bereits am ersten Abend in Hogwarts ermahnt. „Sie werden darauf achten, dass niemand sich in unnötige Gefahr begibt, haben Sie mich verstanden?“
James als Schulsprecher war derart eingespannt, dass Remus insgeheim den Verdacht hegte, Dumbledore habe ihn genau aus diesem Grund für dieses Amt erwählt; nämlich, damit er sich um andere, und damit ungefährlichere Dinge kümmerte.
Abends sollten sie gemeinsam durch die Gänge streifen, um sicher zu stellen, dass kein Schüler sich außerhalb seines Gemeinschaftsraumes aufhielt. Gelegentlich begegnete ihnen Lily bei ihren Kontrollgängen durchs Schloss und wenn sie sich den beiden Jungs dann für ein Stückchen anschloss - die eigentlich auch alleine gehen sollten - , fühlte sich Remus ab und zu ein wenig fehl am Platze. Als er die beiden eines Abends einfach stehen ließ, um seine Route alleine fortzusetzen, schienen sie es nicht einmal zu bemerken...
Leider blieb aus diesem Grund auch nicht mehr allzu viel Zeit für Amy, doch Sirius hatte großzügig angeboten, sich ihrer anzunehmen, falls Remus unterwegs war.
„Ich kümmer mich schon um sie, Moony“, sagte Sirius eines Abends, als Remus und Amy sich minutenlang voneinander verabschiedeten. „Und außerdem ist es ja kein Abschied für ewig. So weit ich weiß, musst du nur ´ne halbe Stunde lang durch´s Schloss gehen. Mach dir keine Gedanken, ich werde deinen Pflichten als Liebhaber sehr gewissenhaft nachkommen.“
Remus warf ihm einen bösen Blick zu und Sirius lachte. „Bis auf das Geknutsche und Gefummel, natürlich und die Dinge, die ihr sonst noch so tut, von denen ich gar nichts wissen will. Wenn ihr es mir natürlich sagen möchtet, nur raus damit!“
Trotz dieser blöden Anspielungen wusste Remus Amy bei Sirius sehr gut aufgehoben, denn die beiden ergänzten sich prächtig. Peter lebte mittlerweile nur noch auf Pump, weil sie ihm beim Pokerspielen sämtliche Ersparnisse abgezogen hatten. Außerdem teilten die beiden zwei große Leidenschaften: Die unbändige Neugierde und einen unermüdlichen Drang, irgendeinen Blödsinn anzustellen. Amy hätte eine gute Rumtreiberin abgegeben, überlegte Remus, als er die drei vor dem Feuer zurückließ, die gerade den neuesten Klatsch und Tratsch aus Hogwarts austauschten, an dem sich Sirius mit weiblicher Begeisterung beteiligte.
Remus hatte sich lange den Kopf darüber zerbrochen, wie er Amy sein allmonatliches Fernbleiben an Vollmond erklären sollte, denn mittlerweile befürchtete er, dass selbst so ein gutgläubiges Geschöpf wie sie almählich misstrauisch werden würde. An den beiden Vollmondnächten im letzten Schuljahr war er einfach irgendwann verschwunden und ihren Fragen so gut es eben ging aus dem Weg gegangen.
„Es ist an der Zeit, dass du die Karten auf den Tisch legst, Moony!“, mahnte Sirius ihn nun bereits zum wiederholten Male, doch Remus ignorierte seinen Rat und erzählte Amy seitdem irgendeinen Blödsinn von wegen Männerabend.
Amy hatte die Tatsache, dass Remus nicht mehr so viel Zeit mit ihr verbringen konnte, ohne weiteres akzeptiert, doch als er es fertig brachte, ihr Halbjähriges zu übergehen, war sie den Tränen nahe.
Sie hatte per Eulenpost ein Buch bestellt, dass er sich schon sehr lange wünschte und wollte Remus gerade gratulieren, doch als er ihr nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange hauchte, wusste Amy, dass er es vergessen hatte, und sie steckte ihr Geschenk schnell zurück in die Schultasche.
„So ein Arschloch!“
„Ach, Amy...Gib ihm noch ein bisschen Zeit“, sagte Lily sanft. „Vielleicht erinnert er sich ja im Laufe des Tages daran. Sicher weiß er nur nicht, welches Datum wir heute haben.“
„Ich hab ihn letzte Woche doch noch dran erinnert! Wie kann er es denn bis heute wieder vergessen haben?“
„Keine Ahnung. Er hat viel um die Ohren.... Ich wette mit dir, dass er gleich ankommt und sich bei dir entschuldigt. Remus würde so etwas nie vergessen!“
Doch Remus kam nicht, um sich zu entschuldigen. Als er sich um halb zwölf immer noch nicht erinnerte, ging Amy hoch in den Schlafsaal der Mädchen ohne ihm eine gute Nacht zu wünschen. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, brach sie in Tränen aus und heulte sich die Seele aus dem Leib. Oh, wie sehr sie ihn hasste! So schnell war eine Liebe also vorbei, so wenig bedeutet ihm also dieser Tag, an dem sie zueinandergefunden hatten. Dabei war er es doch gewesen, der immer behauptete, er würde diesen Moment niemals vergessen, ihren ersten Kuss, damals im Verwandlungsunterricht... Alles leeres Blabla. Die ganze Sache war doch total lächerlich! Remus konnte es überhaupt nicht vergessen haben; er war doch so sorgfältig, versah all seine Unterrichtsnotizen mit Datum und wusste immer genau, welcher Tag gerade war.
„Er hat es einfach ignoriert!“, schloss Amy wütend. „Männer sind doch alle gleich!“
Und mit dieser Erkenntnis warf sie sich auf ihr Bett, um sofort wieder senkrecht in die Höhe zu schießen.
„Ahhhhhh!“
Sie war auf etwas Festem, Stacheligem gelandet und schrie vor Schreck laut auf, denn sie selbst ließ nie etwas auf ihrem Bett herumliegen. Amy wirbelte herum und starrte umgläubig auf die Matratze, wo sich ein Meer von Blütenblättern und abgebrochenen Stengeln über der Tagesdecke ergoss. Ein Strauß roter Rosen. Jedenfalls schien es mal ein Strauß gewesen zu sein, bevor sie ihren Hintern hineingedrückt hatte. Und inmitten platt gesessener Blütenblätter entdeckte sie eine kleine Notiz.
„Du kleiner, hinterhältiger Bastard!“, flüsterte Amy, während sie das Pergament entfaltete.

Liebe Amy,
es tut mir wirklich leid, dass du heute so leiden musstest. Aber ich dachte, je wütender du bist, desto größer ist die Überraschung. Und ich weiß, dass du gerade vor Wut kochst. Übrigens, ich möchte, dass du dich nachträglich für all die üblen Schimpfwörter entschuldigst, mit denen du mich gerade in Gedanken bedacht hast.
Aber dazu später, jetzt sieh erstmal nach Sunny...


„Ich soll in die Eulerei?“, fragte Amy ungläubig, doch sie konnte sich kaum zu Ende wundern, denn schon klopfte es ans Fenster und Amy eilte heran, um es aufzureißen. Sunny trug ein ziemlich großes Päckchen, doch es war weich und federleicht, so als sei es nur mit Luft gefüllt. Amy riss das Papier herunter und heraus kam-
„Ein Tarnumhang!“
Der glitzernde Stoff gab eine weitere Notiz frei und Amy bückte sich rasch, um sie aufzulesen.

Liebe Amy,
das ist ein Tarnumhang...


„Als ob ich das nicht selbst wüsste!“

James hat ihn mir geborgt. Zieh ihn über und komm so leise und vorsichtig wie möglich zu dem Ort, an dem ich die steile Falte über deinem Nasenrücken lieben lernte.
P.S. Lass dich bloß nicht erwischen! Ich bin Vertrauensschüler....


Amy legte sich den Umhang über die Schultern und starrte nun staunend auf die Stelle, an der gerade ihre Füße verschwunden waren. Nie zuvor hatte sie einen dieser wertvollen magischen Stücke auch nur berührt! Auf Zehenspitzen eilte sie Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter, den sie zu ihrer größten Überraschung leer, allerdings äußerst übelriechend vorfand. Ganz so als habe hier jemand eine riesige Ladung Stinkbomben hochgehen lassen....
Als sie durch das Portraitloch kletterte, schwang das Bild der fetten Dame zur Seite und gab den Eingang frei. Amy steckte vorsichtig einen Kopf ins Freie und stellte voller Erleichterung fest, dass der Korridor wie ausgestorben dalag. Dass die Sicherheitstrolle gerade damit beschäftigt waren, drei umherstreunden Schülern nachzueilen, ahnte Amy nicht und so hielt sie ihr Glück an diesem Abend für einen Wink des Himmels. Beinah überlegte sie, Remus Rat einfach in den Wind zu schlagen und loszulaufen, doch dann besann sie sich eines Besseren, denn ihre Stiefel hätten von den Wänden der Korridore wiedergehallt wie die Hufe eines galoppierenden Pferdes. Und so blieb ihr nichts, als ihre Ungeduld zu zügeln und auf leisen Sohlen die beiden Treppen zur Bibliothek zu erklimmen.
Eine Weile stand sie ratlos vor der Tür herum und versuchte, im Dämmerlich der Fackeln irgendein Zeichen zu entdecken. Doch dort war - nichts! Remus konnte unmöglich gewollt haben, dass sie in die Bibliothek hinein...nein, das wäre viel zu riskant, die Tür quietschte mörderisch. Schließlich verlor sie die Nerven, zückte ihren Zauberstab und murmelte „Lumos!“ In eben diesem Moment, da sie den Zauber gesprochen hatte, entflammte ein roter Pfeil auf der schweren Eichentür, der nach rechts wies.
„Remus!“, murmelte Amy beinah ehrfürchtig. „So viel Arbeit...“
Im Visier einer alten, rostigen Ritterrüstung neben dem Eingang zur Bibnliothek steckte eine weitere Notiz. Mit feuchten Fingern zog Amy sie heraus und das Visier schnappte mit einem verdächtigen Scheppern zu. Amy hielt den Atem an, doch nichts geschah. Rasch entfaltete sie das Pergament.

Denk an den Ort, an dem wir uns das erste Mal küssten...Nein, nicht die Bank, der andere....

„Du jagst mich ja durch´s halbe Schloss!“, stellte Amy ungläubig fest. Ohne zu zögern steckte sie den Zettel in die Umhangtasche und eilte zwei weitere Treppen zum Verteidigungsklassenzimmer empor. Hier war die Botschaft offensichtlicher versteckt, so als habe sie jemand in großer Eile dort deponieren wollen. An die Klinke der Tür war ein rotes Tuch gebunden und zwischen ihr und dem Stoff steckte ein weiterer, winziger Zettel.

Wo die roten Fahnen wehen....

„Auf....auf den Astronomieturm!?“ Amy schüttelte leicht den Kopf, bevor sie sich anschickte, auch diese Treppen zu erklimmen. Auf den letzten Stufen spürte sie bereits, wie ihr die kalte Nachtluft entgegenwehte. Doch es war weniger die Kälte als die Aufregung, die sie zittern ließ. Was würde sie nach der nächsten Biegung nur erwarten? Immhin - höher hinaus war nicht möglich. Es sei denn, Remus wollte, dass sie sich einen Besen schnappte und von hier aus zur Eulerei flog...
Doch das schien Remus nicht vorzuhaben.
„Das ging aber schnell“, sagte er vergnügt, als Amy einige zaghafte Schritte auf den Turm wagte, während sie sich den Umhang von den Schultern streifte. „Ich hatte frühestens in fünf Minuten mit dir gerechnet. Jetzt bin ich leider noch nicht fertig.“
„Remus.... was? Spinnst du?! Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?“
„Ich sag ja, du bist zu früh. Aber du hast natürlich vollkommen recht-“, er schmunzelte. „ein Candlelightdinner ohne Kerzen ist wirklich ziemlich durchgeknallt.“
Remus zog seinen Zauberstab und mit einem lässigen Schlenker schwor er einige Kerzen herauf, die sich über dem kleinen, liebevoll gedeckten Tisch an der Brüstung formatierten .
„Das ist doch Wahnsinn, Remus...wenn uns einer erwischt!“
„Wer denn? James, Sirius und Peter beschäftigen gerade das halbe Schloss mit irgendwelchem Unsinn.“
„Und wenn die erschwischt werden...“
Remus lachte. „Niemals! Hast du noch irgendetwas auszusetzen? Ich hab mir nämlich ziemlich viel Mühe gegeben...“
„Oh, Remus, es tut mir so leid!“, sagte Amy schnell und nahm ihn in den Arm. „Das ist alles wirklich wunderschön. Du glaubst ja nicht, wie sehr ich mich freue!“
„Und du hast wirklich gedacht, ich hätte es vergessen? Mich ein Arschloch und einen Vollidioten genannt?“
„Woher weißt du das?“
„Lily“, Remus grinste. „Wir haben uns alle halbtot gelacht, weil du so außer dir warst...Tut mir leid“, fügte er rasch hinzu, als Amy ihn wütend anfunkelte. „Das war wirklich süß. Lily hat mir übrigens geholfen. Die Rosen bei dir auf dem Bett deponiert und so.“
„Diese Schlange“, schimpfte Amy. „Es tut mir leid, dich verdächtigt zu haben. Mir hätte klar sein müssen, dass du es nicht vergisst.“
„Ja, das hätte es wirklich.“ Remus gab ihr einen Kuss. „Aber mir tut es auch leid, dass ich so mit dir gespielt hab. Ich hoffe, du hattest wenisgtens ein bisschen Spaß dabei?“
„Ging so...“, Amy grinste. „Wo hast du das Essen her?“
„Frag nicht“, sagte Remus lächelnd. „Aber ich hab´s vollkommen legal besorgt. Zumindest beinah...Wie dem auch sei, jedenfalls ist es total in Ordnung.“
„Hauptsache, es ist viel!“
„Ich wusste, dass du vor lauter Wut auf mich den ganzen Tag nichts essen würdest und ich hatte recht damit, nicht wahr?“
„Langsam bekomme ich Angst, weil du mich so gut durchschaust.“, sagte Amy, als sie sich auf dem Stuhl niederließ, den Remus ihr zurückzog.
„Nun...du bist nicht allzu schwer zu durchschauen.“ Remus zwinkerte. „Ich wusste, dass deine Neugierde deine Wut verfliegen lassen würde. Und ich wusste, dass du leichtsinnig genug bist, um sogar unter diesen Umständen nachts durch´s Schloss zu wandern.“
„War es denn nicht für dich gefährlich?“
„Ach nein...James und ich sind unter dem Tarnumhang hierher. Dann ist er, auch unter dem Unhang, hoch in die Eulerei, um ihn mit Sunny zu dir zu schicken. Wie er da jetzt wieder runtergekommen ist, weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass er einen Weg gefunden hat. `Nen Schluck Wein?“
„Wo hast du den denn her?“
„Hör mal, du sollst nicht so viele Fragen stellen. Das gehört sich nicht! Willst du nun Wein oder nicht?“
„Mach ich mich beim Trinken strafbar?“
„Zum Mittäter“, Remus lächelte und schenkte ihr ein.
„So viele Regelverstöße auf einmal hätte ich dir gar nicht zugetraut.“, sagte Amy beinah ehrfürchtig.
Remus schwieg. Glücklicherweise war er wohl nicht so leicht zu durchschauen wie Amy.
„Suppe mit Fleischklößchen, Nudeln, Apfelmuß und Schokolade. Eine Kombination, die so außerordentlich ist, dass sie selbst in den besten Restaurants noch nicht angeboten wird.“
Amy schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf. „Du bist wirklich süß, Remus, weißt du das?“
„Jaja, ich weiß“, erwiderte Remus gönnerhaft. „Tut mir leid, meine Auswahlmöglichkeiten waren ein wenig beschränkt...also habe ich alles genommen, was sie...na ja, jedenfalls alles, was da war.“
„Ist doch gut.“ Amy zuckte mit den Achseln. „So kocht Orchi auch immer. An meinem Geburtstag hat sie Cornflakesauflauf gemacht.“
„Großartig! Wieso war ich da nicht dabei?“

„Ziemlich tolle Aussicht von hier oben, nicht wahr?“, flüsterte Remus, als sie sich an die Brüstung des höchsten Turmes von Hogwarts stellten, von dem aus man die gesamten Ländereien überblicken konnte, wäre es nur ein klein wenig heller gewesen.
„Ja, wirklich schön.“
„Bist du müde?“
„Nein, überhaupt nicht.“ Amy schüttelte den Kopf. „Nur ein wenig beschwipst.“ Sie grinste und Remus nahm sie in den Arm.
„Ist dir kalt?“
„Ein bisschen. Immerhin ist es November.“
Remus umschlang ihre Taille von hinten und drückte sie ein wenig fester an sich.
„Ich dachte, wir könnten vielleicht noch ein wenig bleiben und zusammen den Sonnenaufgang anschauen.“
„Das wäre schön.“

Wenn man so richtig verliebt ist, vergeht die Zeit meist wie im Fluge und mit einem Mal fragt man sich, wo die Minuten, die Stunden, die Tage geblieben sind, fragt sich, wie viel Zeit man eigentlich miteinander teilen kann, in der man sich einfach nur küsst oder ansieht. Als die Sonne über die seichten Hügel kroch, mit ihrem hellen Schein die Bäume ihre kahlen Wipfel zeigen ließ, hatten Remus und Amy bereits mehrere Stunden damit zugebracht, sich einfach nur zu küssen, sich im Arm zu halten, anzusehen und dann wieder zu küssen. Beinah hätten sie den Sonnenaufgang verpasst, doch das helle Licht erreichte irgendwann selbst die beiden Verliebten hoch oben auf dem Astronomieturm.
„Immer wieder ein kleines Wunder...“
„Immer wieder?“, fragte Amy. „Siehst du dir den Sonnenaufgang so oft an?“
Allmonatlich, dachte Remus, jeden Monat auf´s neue, wenn der Teil in mir stirbt, den ich so sehr hasse.
„Gelegentlich“, murmelte er.
Amy sah ihn eine Weile an. „Ich liebe dich.“, sagte sie irgendwann.
Über Remus´ Rücken lief augenblicklich ein eiskalter Schauder, sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft, sein Herz pochte schnell und unregelmäßig. Sag so etwas nicht! Flehte er in Gedanken. Wieso sagst du nur so etwas?
Mit diesen drei Worten hatte Amy das letzte Türchen hinter ihm sicher verschlossen. Remus erkannte, dass er nicht zurück konnte, ohne ein Herz zu brechen, dass es bereits viel zu spät war für eine feige Flucht, wie sie sein Unterbewusstsein längst plante. Wie gerne hätte er ihr jetzt gesagt, dass er sie liebte, als ob es kein Morgen gäbe - ein Gedanke, der in Zeiten wie diesen durchaus angemessen war -, er sie so sehr liebte, dass es manchmal sogar wehtat, für sie sterben würde, alles dafür tun, dass ihr nie etwas zustieß. Doch Amy, sie wusste nicht einmal, wen sie da liebte... Einen Werwolf.
„Ich dich auch“, murmelte er, ohne sie dabei anzusehen. „Aber ich denke, wir sollten jetzt gehen.“


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Ungelesener BeitragVerfasst: 25. Oktober 2006 17:21 
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Beiträge: 624
Tarisa hat geschrieben:
Hey Tröti
Ich find deine Story super.(also beide Teile) Ich könnte mir eigentlich gut vorstellen, dass es so zur Zeit der Rumtreiber war.
Remus und Amy sind ja so ein tolle Paar. Und man merkt auch richtig, wie groß die Freundschaft zwischen Sirius,James und Remus ist.
Ich freu mich schon auf das nächste Kapitel.

LG Tarisa

Liebe Tarisa!

Vielen Dank für dein Review! Ich freu mich, dass dir die Geschichte gefällt und du sie gelesen hast, obwohl sie ja bald so lang ist wie die Bibel ... :bounce: :D

Hier kommt auch schon das nächste Kapitel!

LG Tröti

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V. Das blutrote Siegel

Mit dem Ende des ersten Halbjahres geriet Remus mal wieder in Panik. Seiner Meinung nach standen die Utz-Prüfungen unmittelbar vor der Tür und beanspruchten einen wesentlichen Teil seiner Gedanken. Nicht selten saß er bis nach Mitternacht vor dem Kamin herum und las in irgendeinem Buch, während Sirius, Peter und Amy Karten spielten und James und Lily... Nun, angeblich legten die beiden eine Extraschicht Kontrollgänge durch´ s Schloss ein, doch Remus glaubte eher an eine Mischung aus Weihnachtsmann und Osterhasen als an diesen Unsinn.
Nach mehr als sechs Jahren Erfahrung mit den Rumtreibern hatte Remus Übung darin, ihre Gespräche zu überhören, um sich ganz seiner Lektüre zu widmen, sofern es sich nicht um etwas handelte, was ihn persönlich interessierte. Und so erschrak er beinah ein wenig, als Amy ihm plötzlich das Buch aus der Hand nahm und sich auf seinen Schoß kuschelte. Peter war mieser und Sirius glänzender Laune, da er wie üblich einen Berg glänzender Knuts und Sickel vor sich auftürmen konnte. Die Hälfte aller Gryffindors ging Peter nur noch aus dem Weg, weil er sich ständig Geld borgen wollte und auch Remus´ Rat, die Spielerei an den Nagel zu hängen, beeindruckte ihn nicht besonders.
Es war schon weit nach elf, als James und Lily von ihrem angeblichen Kontrollgang durchs Schloss in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten. Remus beobachtete aufmerksam, wie James Lily durchs Portraitloch half und sich dann mit einem warmen Lächeln von ihr verabschiedete. Manchmal glaubte Remus, dass er in Sachen Gentleman-Gehabe noch eine ganze Menge von seinem Freund lernen konnte...
Seltsamerweise bedachte Sirius die Annäherungen der beiden mit weitaus weniger blöden Kommentaren, als die von Remus und Amy, weswegen Remus ein bisschen eingeschnappt war. Oh, wie hatten sie ihn damals nur gequält und mit Amy aufgezogen und bei James ging das einfach so durch! Nun, vielleicht war mittlerweile selbst Sirius erwachsen geworden; in einer Welt wie dieser konnte jeden Tag etwas passieren, was die Jugend mit einem Schlag beendete. Und Sirius, der hatte eine Menge erlebt, was ein Kinderherz nicht aushalten konnte. Manchmal glaubte Remus zu bemerken, wie sich seinen grauen Augen verdunkelten, sobald er James und Lily zusammen sah; sie nahmen dann die Farbe düsterer Gewitterwolken an und hatten einen so traurigen Ausdruck, dass Remus rasch weg schauen musste. Gerade so, als sei Sirius eifersüchtig, ein Gefühl, dass sich Remus nicht erklären konnte, denn es war absurd, aber doch ziemlich tief...
„N´abend zusammen!“, sagte James gut gelaunt, als er sich auf seinen Sessel am Feuer warf und die Beine ausstreckte. Alle grüßten zurück, nur Amy nicht; die war mal wieder auf Remus´ Schoß eingenickt. Manchmal glaubte er, dass mit seiner Freundin irgendetwas nicht stimmte; kaum saß sie fünf Minuten still an einem halbwegs bequemen Ort, wozu er seinen Schoß nicht unbedingt zählte, schlummerte sie auch schon, und zwar so fest, dass man sie anschließend regelrecht anschreien musste; eine Aufgabe, die Sirius ganz gerne übernahm.
„Habt ihr schon mal von Inferi gehört?“, wollte James unvermittelt wissen. Remus und Peter schüttelten den Kopf, doch Sirius knurrte ein ungläubiges „Türlich!“
„Was ist denn das?“, fragte Peter und Remus nickte ihm zu, weil er es ebenfalls erfahren wollte.
„Untote“, sagte Sirius knapp.
„Wiederbelebte Leichen. Voldemort lässt die Menschen, die er ermordet, auferstehen und die morden dann munter für ihn weiter.“
Peter sah aus, als bereue er seine Frage und auch Remus schauderte. „Er lässt sie auferstehen...? Aber das geht doch nicht! Man kann keine Toten zum Leben erwecken.“
„Leben ist gut!“, Sirius lachte ein freudloses Lachen. „Sie haben keinen eigenen Willen mehr, kein Herz, keinen Geist und keine Seele. Sie führen einzig die Befehle von dem aus, der sie erschafft... Voldemort in diesem Fall.“
Niemand nannte mehr seinen Namen. Doch die Rumtreiber hatten für sich beschlossen, es dennoch zu tun. Ein Pakt des Widerstandes gegen die Angst vor einer schlichten Bezeichnung und die Scheu, sich ihm in den Weg zu stellen.
„Wenn wir nicht mal seinen Namen nennen“, hatte Sirius gesagt, „Wie wollen wir dann gegen ihn kämpfen!“ und Remus musste zugeben, dass Sirius recht damit hatte, auch wenn es ihn einiges an Überwindung kostete, Voldemort zu sagen.
„Also könnte es passieren, dass du von deiner eigenen, ermordeten Tante kalt gemacht wirst“, überlegte Remus leise. „Abartig.“
„Du hast eine Tante, die von ihm umgebracht wurde?“, fragte Peter atemlos.
„Natürlich hat er das nicht! Das war rein hypothetisch!“, fuhr James ihn an und Peter schwieg. „Ehrlich Leute, das ist doch der Gipfel der Perversion!“
„Jep“, knurrte Sirius. „Gegen diesen Kerl muss vorgegangen werden.“
„Das werden wir ja auch tun, oder?“, fragte James. „Gegen ihn kämpfen, alle zusammen?“
„Natürlich“, sagte Sirius. „Lasst uns das doch schwören!“
„Schwören?“, fragte Peter ängstlich. „Was denn genau?“
„Lasst uns schwören, dass wir mit allen Mitteln, die uns persönlich zur Verfügung stehen-“, er warf Peter einen kurzen Blick zu, so als wolle er sagen: Ich weiß, dass deine Mittel begrenzt sind „gegen ihn kämpfen werden. Lasst uns schwören, dass wir zur Not unser Leben im Kampf gegen Voldemort lassen und lasst uns schwören, dass wir eher sterben, als einen von uns zu verraten!“
„Ich bin dabei“, sagte James sofort. „Das machen wir.“
„Okay- Moony?“
„Türlich!“ Remus nickte, auch wenn es ihm ein klein wenig albern vorkam.
„Wurmschwanz?“
Peter warf einen kurzen Blick zum Portraitloch, beinah so, als überlegte er, wie er dieser Situation möglichst rasch entfliehen konnte, doch dann nickte er langsam.
„Schön“, James machte ein zufriedenes Gesicht. „Was ist mit Amy? Schläft die wirklich?“
„Sie würde auch so nichts verraten“, sagte Remus ein wenig beleidigt. „Sie würde bestimmt sogar mitschwören, aber das will ich nicht.“
„Ich auch nicht“, knurrte Sirius. „Keine Weiber!“
Remus rollte mit den Augen und packte Amy am rechten Umhangärmel, hob ihn hoch und ließ den Arm dann zum Beweis hinunterfallen. Er baumelte wie bei einer Puppe hin und her, während Amy sich keinen Millimeter regte.
James zog die Stirn kraus und beugte sich vor. „Bist du sicher, dass sie überhaupt noch lebt?“
„Ich schätze, wenn sie auf meinem Schoß gestorben wäre, dann hätte ich es bemerkt“, sagte Remus reserviert. „Worauf schwören wir?“
Sirius kramte in seiner Tasche und warf einen arg mitgenommenen Fetzen Pergament auf den Tisch. „Natürlich auf die heilige Karte des Rumtreibers!"
„Blöde Frage“, Remus lachte. „Also Hand drauf und dann schwören wir?“
„Tztztz, Moony, Moony...“, Sirius schüttelte ungläubig den Kopf. „Das wäre wohl ein wenig zu simpel. Ich will Blut sehen!“
„Blut?“
„Ja, Wurmschwanz, Blut! Die Tropfen unseres Blutes sollen sich auf der Karte zu einem roten Siegel vereinen...Moment mal, Moony, ist dein Blut überhaupt rot?“
„Sehr komisch“
„War´ n Spaß. Also-“, Sirius zückte seinen Zauberstab, schwang ihn einmal und augenblicklich wurde die Spitze zu einer silbernen Nadel. Lässig piekste er sich damit in den Finger und hielt ihn über das Pergament. Ein Tropfen roten Blutes quoll aus der winzigen Verletzung und fiel beinah anmutig hinab auf das Pergament, während Sirius sprach:
„Ich schwöre, so wahr ich ein Rumtreiber bin, ein Tunichtgut und Missetäter, ich schwöre auf das heilige Pergament unseres Erfolges, Zeugnis unserer Schandtaten, dass ich gegen Voldemort kämpfen werde, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, eher sterben werde, als mich mit dem Feind zu verbünden und augenblicklich tot umfallen möge, wenn ich einen von den hier Anwesenden verrate!“
„Wie poetisch!“, sagte James grinsend und schnappte sich Sirius´ Zauberstab, um es ihm gleich zu tun. Remus hatte das Glück, diesen langen Sermon nun bereits zum zweiten Mal zu hören, als er an der Reihe war.
„Du darfst dir alternativ auch ´ne alte Verletzung wieder aufkratzen“, bot James ihm großmütig an, als er Sirius´ Zauberstab weiterreichte. „Hast ja genug davon.“
„Könnt ihr mal diese Anspielungen sein lassen, wenn Amy dabei ist“, knurrte Remus, während er sich umständlich über seine Freundin beugte und den Zauberstab ergriff.
„Ich dachte, sie schläft.“
„Trotzdem“, murmelte Remus und piekste sich in den Finger. „Ich schwöre all das, was Sirius und James auch geschworen haben.“
„Hee, Moony, du mundfauler Sack! Du musst das schon alles wiederholen!“
„Okay, ist ja gut...Ich schwöre, so wahr ich ein Rumtreiber bin, ein Tunichtgut und Missetäter...“
Als er den Zauberstab an Peter weiterreichen wollte, klopfte es ans Fenster und die Rumtreiber schraken zusammen.
„Der Abendprophet!“, sagte Remus erstaunt. „Ich hatte schon auf ihn gewartet. Warum kommt er erst jetzt?“
Peter zuckte mit den Schultern und sprang eilig auf, um die Eule einzulassen.
„Vielleicht hat sie sich verflogen.“
„Oder aber...“, murmelte James, der die Zeitung rasch entgegen nahm. „Sie berücksichtigen seit Neuestem die jüngsten Ereignisse und die geschehen in der Regel nachts...“, er faltete den Propheten hastig auseinander.
„Es sind mal wieder Kinder verschwunden“, berichtete er atemlos. „In einem Dorf unweit von London, gleich mehrere auf einmal. Im Alter von acht bis zwölf.“
„Was in Merlins Namen wollen sie nur von all den Kindern?“, fragte Remus kopfschüttelnd.
„Ich weiß es nicht...“, murmelte Sirius matt. „Ich hab keine Ahnung.“
Wären sie nicht so entsetzt und fassungslos gewesen, hätten sie vielleicht schon in diesem Augenblick bemerkt, dass Peter seinen Schwur nicht geleistet hatte. Doch leider fiel ihnen das erst viele Jahre später auf, viel zu spät....

„Ich geh pennen“, James warf die Zeitung ins Feuer, wo die Schlagzeile mit den vermissten Kindern von gierigen Flammen gepackt und aufgefressen wurde.
„Ich auch“, Sirius erhob sich und Peter folgte ihm. „Moony?“
„Ich würde ja gerne“, er zuckte mit den Schultern. Mittlerweile waren seine Beine ziemlich taub. „Aber erst muss ich Amy wecken.“
„Das haben wir gleich“, sagte Sirius vergnügt und zog seinen Zauberstab. „Eine hübsche Explosion direkt an ihrem Ohr...“
„Nein!“, Remus schüttelte bestimmt den Kopf. „Ich möchte nicht, dass sie sich erschreckt. Dann ist sie immer total verstört und findet kaum den Weg hoch ins Bett....Amy?, flüsterte er sanft. „Amy, wach auf!“, Amy schmatzte nur leise im Schlaf und atmete dann ruhig weiter.
„Die ist nicht normal!“, bemerkte Sirius und legte den Kopf schief. „Nimmt sie Drogen?“
„Red doch keinen Unsinn!“, herrschte Remus ihn an. „Was mach´ ich denn jetzt?“
„Nimm sie doch einfach mit, Mann.“, schlug James vor.
„Ich- ich, nein, das geht doch nicht...“
„Moony! Du kannst sie schlecht in ihr Bett bringen. Die Schlafräume der Mädchen können wir nicht betreten.“
„Das stimmt“, warf Sirius ein. „Ich hab´ s mehrfach versucht.“
„Und wenn du sie nicht wecken willst, dann musst du sie wohl mitnehmen. Ich denke nicht, dass Amy dir das krumm nimmt.“
„Glaubt ihr...? Nein...lieber nicht, nachher denkt sie...ich sei ein... ein Sittenstrolch!“
Sirius prustete los. „Hör mal, Moony! Ihr seid jetzt bald ein Jahr zusammen. Ich finde es ohnehin reichlich schräg, dass ihr noch nicht miteinander gepoppt habt. Jetzt nimm sie mit oder ich nehme sie.“
„Bloß nicht“, murmelte Remus und nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, ließ er sich von James aus dem Sessel helfen und trug Amy in ihren Schlafsaal.
Sirius und James konnten so viel über ihn lachen, wie sie wollten, aber er war stärker als er aussah, der einzige Vorteil eines Werwolfs, diese unerklärliche Kraft auch außerhalb der Vollmondnächte.
Vorsichtig legte Remus seine kostbare Fracht nieder und setzte sich neben Amy.
„Vielleicht sollte ich lieber bei einem von euch...“, murmelte er nachdenklich.
„Also bei mir nicht!“, sagte James bestimmt. „Du spinnst wohl, Moony, schlaf gefälligst neben deiner Freundin!“
„Wurmschwanz?“
Doch Peter schlief bereits, jedenfalls gab er vor, es zu tun.
„Bei mir auch nicht“, warf Sirius ein. „Aber meinetwegen kannst du Amy neben mich legen, wenn du keinen Bock hast.“
„Pffft“, machte Remus und ließ die Vorhänge seines Himmelbettes zuschwingen.
„Moony!“, rief Sirius.
„Hmm?“
„Und seid nicht so laut!“
„Blödmann!“
Remus schüttelte grinsend den Kopf und schaute Amy an.
Sie war so wunderschön, wenn sie schlief, dass er es kaum schaffte, seinen Blick von ihr zu wenden. Behutsam, damit sie nicht aufwachte, zog er ihr die schweren Stiefel aus und streifte ihr den Umhang von den Schultern. Dann deckte er sie mit seinem Plumeau zu und zog es ihr bis zum Kinn. Er selbst wickelte sich seufzend in seinem Umhang und rückte so weit wie irgend möglich, von ihr fort. Was sollte sie nur denken, wenn sie morgen früh neben ihm erwachte?
Es fiel ihm schwer, Amy neben sich zu wissen und dabei einzuschlafen, ihren leisen Atem zu hören und gleichzeitig das Gefühl zu unterdrücken, sich einfach an sie zu kuscheln. Doch er war ein Gentleman! Und ein Gentleman ließ sich nicht von niederen Gelüsten leiten. Hier galt es die Kontenance zu bewahren...Wenn er allerdings so tun würde, als sei er versehentlich, also im Schlaf zu ihr hinüber...Nein, Remus! Du bist doch kein Tier, dass seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Jedenfalls wollte er sich an den 29 oder 30 Tagen im Monat, an denen er keines war, nicht auch noch wie eins benehmen....
Remus erwachte von einer warmen Hand auf seinem nackten Bauch und verspannte sich augenblicklich.
„Was genau tue ich in deinem Bett?“, flüsterte ihm jemand ins Ohr.
„Du...du hast so tief geschlafen, dass ich dich nicht wecken wollte und...nun ja, in dein Bett konnte ich dich leider nicht bringen...tut mir leid, Amy.“
„Was tut dir leid?“, fragte Amy leise. „Mir gefällt es hier ziemlich gut. Ich dachte, es sei ein Traum, als ich neben dir wach wurde...ein wunderschöner Traum, aber ich bin wirklich hier.“
„Ich finde es auch schön, dass du hier bist“, flüsterte Remus.
„Dafür lagst du aber ziemlich weit von mir weg.“
„Nun- ich wusste nicht, ob es dir recht ist...“
„Neben dir aufzuwachen? Okay, da gibt es wirklich ein Problem.“
„Und das wäre?“, fragte Remus wachsam.
„Ich werde von nun an jede Nacht neben dir einschlafen wollen.“
Remus wandte sich vorsichtig um, um Amy nicht zu zerquetschen und suchte im Schein des Mondlichts, dass durch einen Spalt seiner Himmelbettverkleidung fiel, ihren Blick.
„Jaaa.... das wäre wirklich schön.“
Amy rutschte noch ein wenig näher zu ihm heran und Remus wurde unbehaglich zumute. Er legte seine Hand auf ihre und schob sie behutsam, aber bestimmt, von seinem Bauch.
„Ist dir das unangenehm?“
„Nicht unangenehm...nein, aber...“
„Immer wenn ich dich berühre, weist du mich ab. Warum, Remus?“, fragte Amy flüsternd.
„Amy... Sirius, James und Peter schlafen hier!“
Amy zog ihren Zauberstab aus der Hosentasche und richtete ihn auf den Samtvorhang. „Muffliato! Besser so?“
„Was bewirkt dieser Spruch?“
„Er dämmt die Geräusche. Lily hat ihn mir gezeigt.“
„Praktisch.“
„Siehst du?“, Amy lächelte und ließ ihre Hände wieder unter seinem T-Shirt verschwinden.
Remus seufzte, nahm ihre Hände und schob sie zurück. Amy von seiner nackten Haut fernzuhalten, die mit verräterischen Narben gekennzeichnet war, schien allmählich zu einer Sisyphusarbeit auszuarten. Amy sah ihn an und schüttelte leicht den Kopf, bevor sie ihm ungläubig schnaubend den Rücken zuwandte.
„Bist du eingeschnappt?“, fragte er nach einer Weile des unangenehmen Schweigens.
„Nein.“
„Beleidigt?“
„Nein.“
„Gekränkt?“
„Jep.“
„Kann ich ´s wieder gut machen?“
„Remus, ich versteh´ s einfach nicht!“, Amy drehte sich wieder um und funkelte ihn an. Remus schauderte; wenn man das soviel weiß in ihren Augen sehen konnte, dann tat man gut daran, das Weite zu suchen.
„Ich kapier´ s nicht! Es will ich nicht in meinen Kopf rein. Wieso darf ich dich nicht berühren?“
„Es hat nichts mit dir zu tun...“
„Doch! Du findest mich nicht sexy!“
„Was?“ Remus verstand mit einem Mal nur noch Bahnhof. Zu derart schrägen Schlussfolgerungen konnte auch wirklich nur eine Frau in der Lage sein. „Spinnst du? Natürlich finde ich dich ...sexy...“
„Und wieso..?“
„Amy, du bist das Schönste, was ich je gesehen habe. Du brauchst nur einen Raum zu betreten und mir wird schwindelig...Wenn wir uns küssen, möchte ich explodieren und wenn du mich berührst, vergesse ich meinen Namen... Ich frage mich jeden Tag auf´ s Neue, wie ich eine so heiße Frau abkriegen konnte!“
Über Amys Gesicht huschte ein kleines, unfreiwilliges Lächeln. Magie war für eine Hexe nichts Besonderes, doch die Kunst, mit Worten zu zaubern, beeindruckte Amy immer wieder; und Remus, er beherrschte sie einfach. „Du... bist doch auch heiß.“, flüsterte sie.
„Mach dich ruhig über mich lustig, Amy, daran bin ich gewöhnt.“
„Ich mein das ernst!“, beteuerte Amy. „Du...du...“
„Ja, denk noch mal drüber nach.“
„Okay...du bist jetzt nicht so muskulös, aber...du bist süß!“
Remus seufzte. „Großartig!“
„Also vielleicht....hast du ja Muskeln, nur dass man sie nicht sieht...“
„Du machst es nur noch schlimmer. Sag lieber gar nichts mehr.“
„Du hast ganz tolle Augen!“, sagte Amy rasch.
„Noch so ein Satz und ich fang an zu heulen.“
„Ich leg eh nicht sooo großen Wert auf Muskeln...“
„So, jetzt heule ich wirklich!“
Amy lachte. „Warte, ich weiß was! Deine Li-„
„Genug! Das sind Dinge, die will ein Mann einfach nicht hören!“
„Ach Remus, du bist charmant, liebevoll, intelligent, nett, lustig... Was willst du denn noch?“
„Ich glaube, der Oberbegriff dafür ist Waschlappen“, sagte Remus seufzend.
„Jep...Mir hat das Wort gefehlt. Aber jetzt, wo du es sagst...Waschlappen ist genau der richtige Ausdruck.“
Remus starrte sie an „Na warte, Amy! Du glaubst doch nicht, dass ich das auf mir sitzen lasse?“, er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss, bei dem er sie sanft in die Lippe biss.
„Soll das meine Strafe sein?“, fragte Amy grinsend. „Kannst du mich noch mal bestrafen, mein Waschlappen?“

Als sich ihre Hände zum dritten Mal in dieser Nacht unter seinem T-Shirt verirrten, ließ Remus sie gewähren. Es war leichtsinnig, riskant, doch er ließ es zu. Sanft fuhr sie mit dem Finger die Kontur einer uralten Narbe nach, sah ihn kurz an und schwieg, stellte keine Fragen, hörte nicht auf, ihn zu streicheln. Amy wusste selbst, dass es im Leben eines Menschen Abgründe geben konnte, über die man einfach nicht zu sprechen wagte und sie akzeptierte Remus´ Schweigen, weil er auch ihr Schweigen akzeptierte und...weil sie ihn liebte.
„Soll´ n wir es jetzt tun?“, fragte sie irgendwann.
„Was?“
„Na, du weißt schon...Sex!“
„Was?! Jetzt hier? Wo uns jeder zusehen könnte?“
„Warum nicht?“
„Amy, ich finde, es sollte etwas Besonderes sein. Nur du und ich, verstehst du?“
„Natürlich“, sagte Amy. „Das verstehe ich schon... Aber du und er da unten... ihr seid euch da nicht so recht einig, hab ich recht?“, sie grinste.
Remus wurde so rot, dass er glühte. „Ich werde ein ernstes Wort mit ihm reden! Denn immerhin fälle ich hier die Entscheidungen und nicht er. Allerdings befürchte ich, dass er...nun ja, doch noch das Ruder in die Hand nehmen wird, wenn du weiter auf mir liegen bleibst.“
Amy grinste und rollte sich neben ihn. „Okay.... Schlafen?“
„Schlafen! Gute Nacht, Prinzessin.“
„Gute Nacht. Ich liebe dich.“
„Ja...ich dich auch.“ Remus wandte Amy den Rücken zu – glücklicherweise – denn andernfalls hätte sie wohl das Glitzern in ihren Augen verraten, dass die Tränen der Enttäuschung ankündigte.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 25. Oktober 2006 22:20 
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Liebe Tröti,

das ich Deine Geschichte liebe, weißt du ja :kiss: !

Jetzt habe ich sie meiner Cousine empfohlen - und Schimpfe gekriegt: Sie hockt seit Tagen in jeder freien Sekunde vor dem Computer und liest Deine Geschichte! Falls also ihre Kinder verhungern (keine Bange, der Älteste studiert schon und die Jüngste ist 15!), die Topfpflanzen laufen gehen und ihr Mann vertrocknet (oder anders herum), dann sei ich daran schuld, und Du natürlich auch ...

Ich soll Dir ausrichten, Deine Geschichte sei supertoll und sie sei jetzt süchtig nach Remus und den Rumtreibern ...

Als nächstes empfehle ich deine Geschichte meiner Schwester ... wetten, sie ist die nächste, die in Kürze morgens mit winzigkleinen geröteten Augen zur Arbeit erscheint ...? :D

Liebe Grüße,

Deine Polaris


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Ungelesener BeitragVerfasst: 26. Oktober 2006 10:04 
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Liebe Polaris, wenn du das nächste Mal ein Review von anderen überbringen sollst, dann sag doch demjenigen mal, daß unsere Registrier-Funktion nicht beißt. :lol:

Mannomann, Tröti... :shock: mußt du eigentlich immer so laaaaaaange Chaps schreiben? Ich will seit Ewigkeiten deine FF lesen und hab nie Zeit dazu. :heul:

So, jetzt muß ich aber, damit ich hier gleich ein richtiges Review reineditieren kann und das hier kein Spam bleibt. :D

_________________
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Ich bin verantwortlich für das, was ich schreibe - aber nicht dafür, was du verstehst.

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Spare Dir die Zeit, profilneurotischen Gerüchteverbreitern erklären zu wollen, daß ihr Handeln gemein und ethisch unrecht ist, denn emotional und sozial dumme Menschen werden ihr Ego immer über Ethik und Moral stellen und selbst wenn Du heute, als Nachweis ihres Unrechtes, direkt vor ihren Augen übers Wasser läufst, wird morgen mindestens einer von ihnen behaupten, Du könntest nur nicht schwimmen!

:einfang: Boardehe mit meinem Schatz Darthagnan :einfang:
:haliju: Liebe Grüße an meine Boardtöchter MissyLupin, Fleur und Sha :haliju:


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Ungelesener BeitragVerfasst: 28. Oktober 2006 00:36 
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Hallo ihr Lieben!! :kiss:

@polaris: Das finde ich aber lieb, dass du meine Geschichte weiter empfohlen hast! Dickes Dankeschön dafür!! Und ich freu mich sehr, dass sie deiner Cousine gefällt. Falls sie sich nicht anmelden will, gib mal irgendwann mal ein Statement ab, ob sie schon durch ist ;)
Ist es bei euch in der Familie eigentlich üblich, Geschichten nur nachts zu lesen? :D

@Gine: Kommt Zeit kommt Rat! Irgendwann bin ich vielleicht ganz fertig mit dieser Marathon-Geschichte mit den pervers langen Kapiteln und du kannst sie dann Stück für Stück in Ruhe lesen. ;)

@snubel: Wow! Extra einen Thread angelegt!! :shock: Vielen Dank, dass auch du meine Geschichte weiter empfohlen hast! Das freut mich natürlich ungemein. Einen dritten Teil gibt´s noch nicht, ist aber in Planung. Insgesamt sollen es 3 (ganz vielleicht auch 4) werden: Remus mit den Rumtreibern (Teil 1), Remus und Amy (Teil 2), Remus nach dem Tod von James und Lily (Teil 3). Von diesen Teilen hab ich jeweils schon einige Kapitel geschrieben, allerdings ist bisher noch nicht mal Teil 2 abgeschlossen ... Ich hoffe ja irgendwie, dass ich noch fertig werde, bevor JKR den 7. Band rausbringt ... :D

So, und hier kommt auch schon das nächste Chap:
______________________________________________________

VI Der Wolf im Schafspelz


Durch die Bäume des düsteren Waldes fegte ein leichter Wind, der sich vermutlich im Laufe der Nacht zu einem ausgewachsenen Sturm entwickeln würde. Doch in dieser Gegend war ohnehin niemals ein Spaziergänger unterwegs, der diesen Wetterumschwung hätte bemerken können. Nein, niemand, der seines Lebens lieb war, würde sie betreten, die Lichtung der tausend Tode, wie man sie zärtlich getauft hatte; in Kreisen, denen in Zeiten wie diesen niemand offen angehören mochte. Bot sie doch den irdenen Grund für eine gewaltige Festung, ein gigantisches Schloss, gemauert aus undurchdringlichem Stein, was weder ein Muggel, noch ein Magier ohne fremde Hilfe hätte sehen können. Viele Gefangene waren in ihren Verließen eines grausamen Todes gestorben, weil sie auf der anderen Seite kämpften, nicht zaubern konnten oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren.
Wer über ihr Schicksal bestimmte? Nun, niemand nannte mehr seinen Namen; es sei denn, er war ungewöhnlich mutig. Oder aber äußerst töricht.

„Meine Armee umfasst mittlerweile dreißig Mann, Herr. Das ist nicht wenig, müssen Sie wissen und es werden allmonatlich mehr. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich-“
„Schweig, Fenrir, mein blutdurstiger, falscher Freund. Alles was du mir präsentierst sind Kinder, Halbwüchsige, Muggel, Frauen! Kannst du mir verraten, was ich mit diesem nichtsnutzigen Haufen die übrigen Tage des Monats anfangen soll? Ich brauche Leute, die mir auch sonst von Nutzen sind und nicht nur eine verdammte Nacht lang. Diese Rotzgöre, die du mir vorletzte Nacht angeschleppt hast, empfinde ich als persönliche Beleidigung. Wie als ist sie? Zwölf, dreizehn? Eine wahrhaft große Leistung, Fenrir!“
Ein hagerer, großer Mann in schwarz lachte kurz und hoch auf und machte eine harsche Bewegung in Richtung seines Untergeben, der zu seinen Füßen am Boden kauerte. Als zöge ihn eine unsichtbare Schnur empor, stand er langsam, beinah mechanisch auf, reckte widerwillig das Kinn und starrte seinem Herrn in das blasse Gesicht.
„Sie ist eine Hexe ... Herr. Auch sie wird irgendwann-“
„Fenrir Fenrir.“ Der dürre Mann lachte erneut, doch hatte man wohl nie ein freudloseres Lachen gehört als dieses. „Wie lange soll ich warten, bis ich sie gebrauchen kann? Fünf, sechs Jahre? Ich brauche jetzt gute Leute, Werwolf, jetzt!“
„Fleetwood ist nützlich!“, rief der Mann namens Fenrir mit einem Anflug von Trotz in der Stimme. „Er ist ein Zauberer und keine Dreißig. Und an Vollmond, da blüht er richtig auf, ein Wolf wie er im Buche steht!“
„Fleetwood ist letzte Nacht gestorben.“
„Was?!“
Alle Farbe wich aus dem Gesicht des Werwolfes, als sich seine letzte Hoffnung in Rauch auflöste. „Fleetwood....tot?“
„Ich musste ihn töten. Er wurde lästig“, erwiderte der andere gelassen. „Nun, Werwolf. Denk nach, was hast du mir sonst noch zu bieten? Du bist seit vielen Jahren aktiv. Da wird doch sicher der ein oder andere brauchbare Mann unter ihnen sein.“
Fenrir schien nachzudenken, doch sein Herr ließ ihm nur wenig Zeit.
„Offenbar muss ich dir ein wenig auf die Sprünge helfen“, hauchte er jetzt und neigte in gespielter Hilfsbereitschaft den haarlosen Schädel. „Unser jüngster Neuzuwachs erzählte mir von einem Wolf in Hogwarts. Ich nehme an, du kennst ihn?“
Fenrir runzelte in ehrlichem Erstaunen die Stirn. „Nein, Herr...Ich habe keine Ahnung, auf wen Sie anspielen, Mylord.“
Ein hohes, kaltes Lachen ließ ihn zusammenfahren, als sein Herr spöttelnd die schmalen Lippen verzog. „Natürlich! Wie könnte ich nur von dir verlangen, dass du noch jedes Kind kennst, dass du einmal gebissen hast. Es müssen an die hundert sein.“
Fenrir fletschte seine gelben Zähne und fuhr sich genüsslich mit einer blutroten Zunge über die blassen Lippen. Er war einer der eitlen Sorte Mensch, die ein Kompliment dort heraushörten, wo es keines gab. „Mindestens!“
„Tatsächlich bist du wohl der Vater aller lebenden Werwölfe Englands unter dreißig“, scherzte der Dürre. „Nun, an diesen einen wirst du dich jedoch erinnern. Sein Vater hat dich sehr beleidigt, wie ich wohl weiß.“
Fenrir zuckte unmerklich zusammen, als er sich erinnerte.
„Lupin?“, krächzte er heiser. „Sie meinen Lupin?“
„Ja, tatsächlich, so soll er heißen.“
„A- aber, Mylord!“, stammelte Fenrir eilig. „Lupins Brut... er ist in Hogwarts, wie Sie selbst wissen! Er steht unter dem persönlichen Schutz von Dumble-“
„Ssssst!“
„Verzeihung- von...von diesem Muggelfreund! Niemand kann so einfach nach Hogwarts spazieren und einen Schüler entführen. Sie sollten ihn, unseren ... jüngsten Neuzuwachs damit beauftragen, ihn zu holen...so wird es am einfachsten sein.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich um einen Rat gebeten zu haben“, fuhr ihn sein Herr an. „Noch liebe ich es, wenn man mich belehren möchte. Es geht dich zwar nicht das Geringste an, doch will ich es nicht riskieren, dass unser einziger Mann in Hogwarts seine Tarnung gefährdet. Die Entführung eines Mitschülers fiele wohl unter derartige Gefahren. Aber ich kann dich beruhigen, mein feiger Freund - du wirst ihn nicht aus der Schule holen.“
„Nicht, Herr?“ Fenrir atmete erleichtert auf, hielt jedoch im gleichen Moment wieder die Luft an, als sein Herr fortfuhr.
„Nein. Denn wie mein Informant ist er im letzten Jahr und wird noch im Sommer Hogwarts für immer verlassen. Dann holst du ihn mir!“
Fenrir nickte rasch. „Jawohl, mein Herr ...! Nur - nur eine Frage noch: Was wollen Sie mit diesem Jungen? Er ist ein Halbblut!“
„Ich will, dass er die Aufgaben erledigt, Fenrir, zu denen du nicht mehr fähig bist.“
„Und welche sollen das sein?“, fragte Fenrir gekränkt.
„Meine Armee mit brauchbaren Wölfen aufzustocken. Ich benötige einen Wolf, der nicht seine eigenen Bedürfnisse über meine stellt.“
„Aber, Herr!“, rief der andere. „Das würde ich niemals tun!“
Der Dürre lachte laut auf. „Ich weiß, wie sehr du dich nach Kindern verzehrst. Oder willst du mir weis machen, dass es einen anderen Grund hat, als deine bloße Gier, dass du mir allmonatlich Acht- bis Zwölfjährige anschleppst?“
„Je früher sie ausgebildet werden, desto besser...“, plapperte Fenrir rasch. „Sie haben dann mehr Zeit, sich zu entwickeln-“
Sein Herr unterbrach ihn zum wiederholten Male mit einem irren, kaltem Gelächter und Fenrir erkannte, dass es besser war, zu schweigen.
„Natürlich, Fenrir, natürlich...Und darum möchte ich auch, dass du mir Lupin besorgst. Wenn in deinem Gerede auch nur ein Funken Wahrheit steckt, muss er mittlerweile ja ein wahrer Wolf sein. Ist es nicht so, dass die Pubertät ihre Aggressionen mehrt?“
„Jawohl, Herr. Er hat genau das richtige Alter.“
„Also lass dir nicht zu viel Zeit. Sobald er die Schule verlässt, ist er mein!“
„Natürlich, Mylord, selbstverständlich.“
„Und nun geh mir aus den Augen, Fenrir. Du stinkst!“

***

Remus starrte in die Flammen des wildflackernden Feuers und fühlte sich unbehaglich. Die letzten Wochen waren für sie alle die reinste Katastrophe gewesen. Nicht nur, dass sie auf einen Sommer warteten, der nicht kommen mochte und ihre Abschlussexamina vor der Tür standen, nein, tagtäglich las man nun von neuen Schreckensmeldungen in der Zeitung, von Dementoren, die Menschen in die Verzweiflung trieben, Riesen, die ganze Städte dem Erdboden gleich machten und Werwölfen....Binnen weniger Tage waren sie an die Spitze der Top Five der meist gefürchteten Kreaturen ganz Englands aufgestiegen. Einer Umfrage des Propheten zufolge, plädierten achtzig Prozent der Bevölkerung für die Verwendung eines unverzeihlichen Fluches an Werwölfen. Nun, das war nicht gerade eine Aussicht, die Remus glücklich stimmte.
Natürlich gab es auch hie und dort Lichtblicke in seinem Leben. Zu einem solchen Lichtblick gehörte zweifellos der Abend, an dem er Lily und James knutschend im Gemeinschaftsraum erwischt hatte. Gewiss war es vor allem ein peinlicher Moment gewesen, doch im Grunde hatte er sich wirklich für die beiden gefreut. Sie verstanden es immerhin, sich nicht von den Zeichen der Zeit das Herz schwer machen zu lassen, so wie er es tat.
Remus hatte das Gefühl, sich nicht mehr so gut im Griff zu haben wie früher und dass es ihm heiß und kalt zugleich wurde, wenn er in der Zeitung ein Bild eines Wolfsopfers sah; eine Mischung aus Abscheu, Mitleid und Ekel, aber auch ein angenehmes Kribbeln; unerklärlich, verabscheuungswürdig, beinah so, als wolle der Wolf, den er zehn Jahre in Zaum gehalten hatte, nun endlich aus ihm heraus. Arme Amy, dachte er gelegentlich, wenn er sie wieder einmal grundlos grob behandelte. Ja, sie war seine aller erste Adressatin, wenn es darum ging, seine schlechte Laune an jemandem auszulassen. Wahrscheinlich, weil sie es einfach so hinnahm...
Manchmal dachte Remus an den Mann, der für sein Schicksal verantwortlich war. Natürlich kannte er ihn nicht, doch er bemitleidete ihn von ganzem Herzen. Dieser Mensch, nun er war kaum ein Mensch mehr, seit er ihn gebissen hatte, musste die Kontrolle über sich verloren haben und dabei handelte es sich um Remus größten Alptraum – dass er irgendwann vergaß, ein Mensch zu sein....

Remus warf einen letzten Blick aus dem Fenster und erhob sich mit einem Seufzen.
„Es wird allerhöchste Zeit, dass ich mich auf die Socken mache“, sagte er müde. „Bis gleich, Leute!“
„Bis später, Moony“, riefen ihm James, Sirius und Peter hinterher, doch Remus war bereits durch das Portraitloch geschlüpft und eilte nun in raschem Schritt den Korridor entlang. Er hatte mal wieder grundlos herumgetrödelt und war nun ziemlich spät dran. Vielleicht blieben ihm noch zwanzig Minuten bis zu seiner Verwandlung. Möglicherweise auch nur eine Viertelstunde...
„Lupin!“
Remus schrak zusammen und wirbelte herum. Professor Mc Gonagall hatte den Kopf aus ihrer Bürotür gesteckt und musterte ihn nun wachsam. „Haben Sie einen Moment?“
„´Türlich, Professor“, murmelte Remus und näherte sich seiner Hauslehrerin, während er gleichzeitig das wohlvertraute und ebenso verhasste Kribbeln in seinen Fingerspitzen spürte, welches seine Verwandlung ankündigte.
„Nur...heute ist Vollmond, wissen Sie...“
„Verstehe.“ Mc Gonagall nickte knapp und senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Ihre Verwandlungen ... die sind nicht mehr so schlimm wie früher. Haben Sie sich mittlerweile besser im Griff?“
„Ohhhh ... ja ja“, stammelte Remus und wurde rot. „Ich schätze, mit den Jahren....“, er zuckte die Achseln. Bisher hatte er noch nie länger darüber nachgedacht, dass auch andere bemerken mussten, welch positiven Einfluss die Gesellschaft der Rumtreiber auf seine Verwandlung hatte. Früher war er nach den Vollmondnächten häufig vollkommen zerkratzt und verwundet gewesen, heute kehrte er meist nur mit wenigen Schrammen aus der Heulenden Hütte zurück. Doch Professor Mc Gonagall hakte nicht genauer nach. Offenbar reichte ihr die Erklärung, dass man mit der Zeit lernte, sich zu kontrollieren, vollkommen aus.
„Nun, Lupin – ich will sie nicht lange aufhalten. Wenn Sie dann morgen mal in mein Büro kommen würden?“
„Das werde ich, Professor“, versprach Remus eilig. „Nun ...Ich muss los ...“
„Natürlich, Lupin“, sagte Professor Mc Gonagall reserviert, doch Remus glaubte, eine Spur von Mitleid in ihren Augen entdeckt zu haben und diese Erkenntnis erfüllte ihn mit einer merkwürdigen Form von Unbehagen. Verdiente er Mitleid?
„Dann bleibt es mir nur ... Ihnen Glück zu wünschen, Mr Lupin, auch wenn das vermutlich unangemessen ist.“
„Schon gut, Professor“, sagte Remus achselzuckend, wandte sich um und eilte davon.
Wenn er innerhalb der nächsten zehn Minuten nicht die Heulende Hütte erreichte, würde er sich draußen auf den Ländereien verwandeln ... Aber das war gut zu schaffen. Er war schon unpünktlicher gewesen. Kein Grund zur Sorge, mit den Jahren konnte man die Zeit ziemlich genau abschätzen, gar kein Problem-
„Remus!„
Remus schloss für einen Moment die Augen und seufzte.
„Amy“, murmelte er nervös und ein Hauch von Schweiß trat auf seine Stirn. „Wo - wo kommst du denn her?“
„Eulerei. Ich hab meinem Dad das Geschenk geschickt. Du weißt ja, er wird übermorgen fünfzig.“
„Hmm ... also, Amy, ich muss jetzt los...“
Wo gehst du denn hin? Machst du etwa ´nen Spaziergang im Mondschein? Ohne mich?“, fragte Amy neckisch und näherte sich ihm lächelnd.
„Ich...ich ...äh ...“
Panik kroch in Remus hoch. Was sollte er sagen? Was sollte er tun?
Er musste hier fort! Und das am besten auf der Stelle!
„Wir hatten heute gar nichts zusammen“, sagte Amy lächelnd und legte ihre Arme um seinen Hals.
Remus regte sich keinen Zentimeter. „Amy“, presste er zerknirscht hervor. „Ich ...ich muss jetzt wirklich weiter ... Jetzt nicht, bitte!“
„Aber wohin?“, fragte Amy und machte Anstalten, ihn zu küssen. „Wo gehst du denn um diese Uhrzeit noch hin, hä? Muss ich mir etwa Sorgen machen?“ Sie fuhr mit ihren Lippen über seinen Hals und kitzelte seine Haut mit ihren langen Wimpern.
„Lass das!“, fauchte Remus nervös. Mittlerweile kribbelte es ihn am ganzen Körper. Das erste Anzeichen für die Wandlung seiner Haut in grauen, störrischen Wolfspelz...
„Remus...was?“ Amy starrte ihn fassungslos an. „Hab ich was falsch gemacht? Bist du böse auf mich??“
„Nee!“, knurrte Remus und befreite sich aus ihrer Umarmung, während es ihm heiß und kalt über den Rücken lief.
Diese Frau machte ihn wahnsinnig!
„Wo gehst du hin?“, wiederholte Amy misstrauisch und stellte sich ihm in den Weg. „Und wieso darf ich nicht mit?“
Remus schloss erneut für einen Moment die Augen. Seine Schläfe pochte wild und er spürte bereits, wie sich seine Knochen allmählich dehnten.
„Verschwinde!“, schnauzte er und huschte an ihr vorbei, doch Amy packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Remus! Deine schlechte Laune geht mir mittlerweile echt auf die Nerven ...“
„Und du-“, hauchte Remus. „gehst mir gerade auf die Nerven!“
Amy öffnete bestürzt den Mund, doch dann schloss sie ihn wieder, stumm wie ein Goldfisch, und festigte ihren Griff um sein Handgelenk, während ihre Augen das traurige Grau tiefer Verletzung annahmen.
„Das mag sein, Remus“, sagte sie traurig. „Aber ich würde gerne wissen, warum?“
„Lass mich los!“, zischte Remus und es war kaum mehr als ein Flüstern. Amy konnte etwas Gelbes in seinen Augen blitzen sehen und schauderte unwillkürlich.
Remus Herz pochte schnell und unregelmäßig, als er Amys Hand packte und sie unsanft von seinem Arm löste.
„Hast du sie nicht mehr alle?“, fauchte Amy und hielt stur ihre Position mitten im schmalen Korridor. Die Traurigkeit hatte sich augenblicklich in Wut verwandelt. „Jetzt drehst du wohl komplett am Rad!“.
Remus spürte, wie es unter seiner Haut brodelte und kochte. Voller Panik packte er Amy bei den Schultern, stieß sie zu Boden und flog, ohne sich noch einmal umzusehen, den Korridor entlang, nahm etliche Stufen auf einmal und stürzte durch das Hauptportal hinaus auf die Ländereien. Als er endlich die peitschende Weide erreichte, rebellierten seine Glieder bereits gegen die viel zu enge Kleidung und er sah nur noch verschwommene Konturen, während er durch den Tunnel in den Geheimgang schlitterte.
Geschafft!
Zu weitreichenderen Gedanken war er nun nicht mehr in der Lage, denn der Mensch in ihm war längst dem Wolf gewichen...

Amy fühlte sich, als habe man ihr Herz gepackt und einfach eingefroren.
Nie zuvor hatte ihr jemand so sehr wehgetan. Mit der Fassungslosigkeit und dem Schmerz kamen auch die Tränen, die ihr in heißen Bächen über die Wangen stürzten, während sie laut schluchzte. Und je länger sie auf dem kalten Steinboden hockte und weinte, desto weniger begriff sie. Verblüffung gepaart mit Wut, Verständnislosigkeit und Trauer, alles stürzte auf sie ein, wie ein Berg aus Schutt, in dem sie zu ertrinken drohte...
Remus hatte mit einer einzigen Geste, einem einzigen Blick, ihre ganze, heile Welt zerstört. Er war ihre Hoffnung gewesen, dass es Menschen gab, die einfach nur gütig waren, liebevoll, zärtlich, freundlich. Doch nun ...?
Amy wurden von heftigen Schluchzern geschüttelt, als sie begriff, dass es solche Menschen offenbar nicht gab; jedenfalls nicht für sie. Dass sie niemand haben wollte, ihre Mutter nicht und auch nicht der Mann, den sie so lieb hatte. Remus hatte mit einem Schlag alles kaputt gemacht, ihre kindliche Illusion, dass es auch für sie jemanden gab, der sie bedingungslos liebte.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 13. November 2006 17:38 
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VII. Ein Feuerwerk für Amy

„Miss Foxsmile!“
Amy bemerkte kaum, wie man sie unter den Armen packte, den Korridor entlang schleifte und in einen Raum schob, wo sie hemmungslos schluchzend auf einem Stuhl zusammenbrach.
„In Merlins Namen, Miss Foxsmile! Nun reißen Sie sich doch zusammen!“, Professor Mc Gonagall war es nicht gewöhnt, weinende Schülerinnen zu trösten und so legte sie nun äußerst unbeholfen eine Hand auf Amys Rücken, die mittlerweile ihren Kopf in den Armen vergraben hatte und laut schniefte.
„Jetzt erzählen Sie mir doch, was passiert ist!“, forderte Professor Mc Gonagall mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. „Nichts ist so schlimm, als dass man nicht darüber sprechen könnte, Amy.“
Vielleicht war es die Tatsache, dass ihre Hauslehrerin sie nun zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren beim Vornamen nannte, die Amy schließlich Unverständliches murmeln ließ.
Mc Gonagall verstand die Worte „Remus“ „Blödes Arschloch“ und etwa zehn bis zwölf laut gewimmerte „Warum“.
„Offenbar eine Beziehungskrise“, schloss Professor Mc Gonagall scharfsinnig und fühlte sich in keiner Weise berufen, hierbei zu helfen.
Sie öffnete ihre Bürotür und rief: „Mr Filch!“, der sogleich angehumpelt kam, seine plattnasige, vierbeinige Begleiterin im Schlepptau.
„Sie haben gerufen, Professor?“, schnarrte er.
„Jawohl, Filch. Schicken Sie augenblicklich nach Miss Evans. Sie soll in mein Büro kommen und ähm... Nun ja, holen Sie sie einfach her!“
„Nun...Miss Foxsmile...“, seufzte Professor Mc Gonagall, als sie die Bürotür vor Filchs Nase zugeknallt hatte. „Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?“
Amy schüttelte stumm den Kopf.
„Dann nehmen Sie wenigstens ein Taschentuch...Hier!“, sie reichte Amy etwas, dass nach einer karierten Flagge aussah und Amy schnäuzte sich leise.
„Gab es eine Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Mr Lupin?“, fragte Mc Gonagall so behutsam, wie es ihr möglich war.
Amy zuckte mit den Schultern, nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
„Nun...offenbar wissen Sie es nicht“, stellte Mc Gonagall fest und zog ihre Augenbrauen hoch, so dass sie aussah wie ein alter Falke.
„Miss Foxsmile - in Ihrem Alter, da geht es auf und ab...bei...äh...Freundschaften“
Amy verbarg erneut ihren Kopf in den Armen und weinte leise vor sich hin.
„Ähm...am besten ist wohl, wenn wir einfach auf Miss Evans warten“, schloss Mc Gonagall. „Möchten Sie vielleicht einen Keks?“
Es klopfte leise an der Tür und Lily trat hinein. „Guten Abend, Professor. Sie haben mich rufen lassen....Amy!“
„Miss Foxsmile ist offensichtlich ein wenig durcheinander. Am besten, Sie gehen gemeinsam in den Gemeinschaftsraum und reden mit ihr. Ich denke, Ihnen wird sie sich eher anvertrauen als mir...“
„Okay“, sagte Lily zerstreut und nahm Amys tränenfeuchte Hand. „Komm, Amy. Wir geh´n hoch in den Turm.“
Amy erhob sich langsam und folgte Lily mit ausdruckslosem Gesicht hinaus auf den Flur.
„Falls- falls sie ein größeres Problem haben sollte, setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung, Miss Evans.“
„Natürlich, Professor“, versprach Lily und schloss die Bürotür hinter sich.

„Was ist denn los, Amy?!“
Amy zuckte schlaff mit den Schultern. „Gar nix“, murmelte sie und ihr Gespräch bis zum Turm blieb in Schweigen gehüllt.
Doch vor dem erloschenen Feuer im Gemeinschaftsraum erzählte sie Lily alles, die in regelmäßigen Abständen ungläubig mit dem Kopf schüttelte.
„Amy...ich kann das nicht fassen...Wir reden hier von Remus, ja? Er hat dich grundlos angeschrieen, dir gedroht und dich dann noch geschubst? Bist du dir sicher, dass du nicht ein wenig übertreibst?“

Mit der Rückverwandlung ging auch die Erinnerung einher. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Remus sich wünschte, er wäre ein Wolf geblieben. Denn der Schmerz, den er nun fühlte, war schlimmer, als alle Blessuren, die er sich je zugefügt hatte.
„Oh Mann, diese Flöhe machen mich eines Tages noch wahnsinnig!“, fluchte Sirius, als seine Hundegestalt der eines Menschen wich. „Warst nicht gut drauf letzte Nacht, Moony. Was war los?“
Remus seufzte. „Ich hab Scheiße gebaut“, sagte er müde. „Ganz große Scheiße.“
Und er berichtete seinen Freunden von dem Zusammentreffen mit Amy kurz vor seiner Verwandlung, die ihm allesamt bestätigten, riesengroße Scheiße gebaut zu haben.
„Dass du sie weggeschubst hast, war daneben, Moony“, sagte James ernst. „Doch dir blieb wohl keine andere Wahl in dem Moment...“
„Und das ist längst nicht das Schlimmste an der Sache“, warf Sirius ein.
„Was könnte noch schlimmer sein?“, fragte Remus trübsinnig.
„Mann, Moony, kapierst du es denn etwa immer noch nicht?“, schnauzte Sirius ungehalten. „Wenn sie gewusst hätte, dass du ein Werwolf bist, wär´ es niemals dazu gekommen. Wir versuchen dir schon seit Monaten klar zu machen, dass du es ihr sagen musst. Und nun hast du den Salat. Jetzt wirst du mit ihr reden müssen.“
„Wenn sie denn noch mit ihm spricht“, gab James zu Bedenken. „Ich könnte es Lily sagen, die würde dann mit Amy reden.“
„Ach, hör doch auf, Tatze!“, fuhr Sirius auf. „Remus muss es ihr sagen und sonst niemand. Wirst du es nun endlich tun, Moony?“
„Lasst uns von hier verschwinden“, murmelte Remus und sah sich traurig in der Heulenden Hütte um, seinem hölzernen Gefängnis, der ständigen Erinnerung an das, was er war und so sehr hasste...
„Moony!“, fauchte Sirius, doch Remus gab keine Antwort. Er hatte die Hütte bereits verlassen.

Selbst wenn Remus gewollt hätte, Amy gab ihm keine Chance, sich zu erklären. Es dauerte keinen Tag, bis alle in Hogwarts wussten, dass Remus Lupin und Amy Foxsmile, deren Beziehung seit ihrem Kuss im Verwandlungsunterricht legendär war, nun nicht mehr miteinander gingen. Remus hatte unzählige Male versucht, sich Gehör zu verschaffen, doch nie hatte Amy auch nur einen einzigen Ton von sich gegeben, bis sie ihm schließlich in der Pause auf dem Schulhof mit den Worten „Verschwinde aus meinem Leben!“ eine schallende Ohrfeige verpasste.
Und Remus war nahe dran, es ihr gleich zu tun, wenn James und Sirius wieder einmal verkündeten, dass es ja alles seine eigene Schuld sei.
„Erst nicht den Mund aufkriegen und jetzt Trübsal blasen“, sagte Sirius gnadenlos. „Ich hab dich tausendmal gewarnt.“
„Das hilft mir jetzt auch nicht weiter, Tatze“, seufzte Remus und warf sich auf´ s Bett.
Es hatte schon reichlich Gelegenheit in seinem Leben gegeben, sich beschissen zu fühlen, allerdings kam nichts, was er je erlebt hatte, diesen Tagen ohne Amy gleich. Remus war am Ende. Doch nichts lag ihm ferner, als kampflos aufzugeben. Nur ein Narr konnte ein Mädchen wie dieses gehen lassen und wenn er je daran gezweifelt hatte, mit Amy sein Leben teilen zu wollen, dann war er sich jetzt umso sicherer – Werwolf hin oder her.
„Sie muss mich anhören. Sie muss einfach! Ich werde nicht aufgeben, bevor ich alles getan habe, um sie zurückzugewinnen. Hat Lily noch irgendwas gesagt?“, fragte er James.
„Nun...Moony“, James nahm vorsichtig auf seinem Bett Platz. „Ich denke nicht, dass du es wirklich hören möchtest.“
„Also ist sie noch sauer?“
„Sauer ist vielleicht nicht das richtige Wort...“
Remus starrte ihn an. „Was dann?“
„Na ja, Remus. Du kennst Amy - Sie hat eine Menge unschöner Schimpfwörter für dich auf Lager. Und sie glaubt, dass du sie nie geliebt hast-“
Remus wollte dem heftig wiedersprechen, doch James unterbrach ihn eilig. „Ich hab mit Amy geredet und ihr klar zu machen versucht, dass du sie mehr liebst als alles andere auf dieser Welt. Doch sie hat mir leider kein Wort geglaubt...zumal da...“
„Was?“
„Ist es wahr, dass du ihr noch nie gesagt hast, dass du sie liebst?“, fragte James und zog die Augenbrauen hoch.
„Ähh...“, Remus wurde rot. Er hielt diese Dinge für zu persönlich, um sie mit seinen besten Freunden zu besprechen. Denn eigentlich ging das nur ihn selbst etwas an.
„Na ja, nicht direkt, nein...“, murmelte er kleinlaut. „So - so etwas sagt man nicht einfach mal so daher! Das braucht eben Zeit.“
James schnaubte. „Ihr seid über ein Jahr zusammen!“
„Ich... ich hab´ s ja gesagt. Indirekt...also „Ich dich auch“, wenn sie es gesagt hat....Du denkst, ich hätte es mal...ausformulieren müssen oder so?
„Nun...“, James wirkte leicht zerknirscht. „Ich hoffe, du meinst die Frage nicht ernst,Moony.“
„Hmmm“, machte Remus nachdenklich. „Womöglich hast du Recht...“
James´ ungläubiges Schnauben ging in einem lauten Knall unter.
„Geiles Zeug!“, brüllte Sirius und zündete einen weiteren Feuerwerkskörper. „Ein Schlenker mit dem Zauberstab und die Dinger schreiben Wörter an den Himmel, die niemand von uns aussprechen möchte!“
Und tatsächlich sauste nun ein Feuerwerkskörper durch den Gemeinschaftsraum, der laut krachend über Peters Kopf explodierte und einen Satz in die Luft zeichnete, für den es mindestens eine Woche Nachsitzen gegeben hätte. James und Peter grölten vor Begeisterung, doch Remus sprang aus dem Bett und warf sich seinen Umhang über.
Er hatte einen Plan...


Remus ärgerte sich schwarz, dass er nicht die Karte des Rumtreibers konsultiert hatte, ehe er losgestürmt war. Sein toller Plan nützte rein gar nichts, wenn er Amy nicht finden konnte! Doch dann...
„Lily!“
Lily wirbelte herum und blieb unwillig stehen, als sie Remus erkannte.
„Remus“, sagte sie reserviert. „Was gibt´ s?“
Seit dieser furchtbaren Nacht ging sie Remus ebenfalls aus dem Weg und behandelte ihn ungewöhnlich kühl.
„Wo ist Amy?“, keuchte er atemlos, als er schlitternd vor ihr zum Stehen kam. „Ich muss sie sprechen!“
„Ich sag dir jetzt zum letzten Mal, Remus - Sie will dich nicht sehen! Könntest du das bitte endlich akzeptieren?“
„Nein! Ich-“
„Tja, das wirst du wohl müssen, Und nun entschuldige mich bitte.“
Remus fasste Lily an den Schultern und sah ihr in die Augen. „Ich flehe dich an. Sag mir wo sie ist, Lily!“
Lily schüttelte sich frei und stöhnte. „Sie will nicht mit dir reden, Mann! Und das wundert mich absolut nicht.“
„Ich weiß, dass ich eine Riesen Dummheit begangen habe, aber-“
Lily schnaubte verächtlich. „Riesen Dummheit ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts! Was hast du denn für eine Art, mit Frauen umzugehen? Anbrüllen und auf den Boden schubsen...! Ehrlich, Remus, das hätte ich nie von dir gedacht!“
„Ich...ich war da nicht ich selbst“, versuchte Remus zu erklären. „Du musst mir glauben, dass ich so etwas...unter normalen Umständen...nie tun würde.“
„Die Umstände spielen überhaupt keinen Rolle. So etwas ist in jedem Fall unverzeihlich.“
„Lily!“, sagte Remus eindringlich. „Ich liebe sie wirklich sehr!“
Lily musterte ihr atemloses Gegenüber eine Weile schweigend. Sein Blick war so aufrichtig und voll ehrlicher Verzweiflung, dass ihre Fassade zu bröckeln drohte.
„Wieso...“, begann sie zögerlich. „sagst du es ihr dann nicht?“
„Ich will ja, aber du verrätst mir einfach nicht, wo sie steckt!“
Lily seufzte und tat einen Schritt auf Remus zu.
„Hör mir jetzt gut zu, Remus Lupin“, sagte sie scharf. „Wenn du ihr noch ein einziges Mal wehtust, dann wirst du dir wüschen, du wärest nie geboren. Amy hat schon genug Unglück in ihrem Leben, ohne dass du es ihr noch zusätzlich versaust. Hast du mich verstanden?“
Remus schluckte und nickte langsam. „Ich weiß.“
„Also gut...Sie ist in der Eulerei.“
„Lily!“, hauchte Remus. „Ich danke dir!“ Er packte Lily und küsste sie auf die Wange, dann machte er auf dem Absatz kehrt und stürzte die Treppen hinauf in die Eulerei.

Remus musste sich eine Weile umsehen, bevor er Amy entdeckte. Sie saß auf einem Fenstersims und streichelte Sunny das graue Gefieder. Sunny war mittlerweile zu einer schönen, ein wenig eigensinnigen Schleiereule herangewachsen und schuhute nun freudig, als Remus ans Fenster trat.
Amy wandte langsam den Kopf und ließ ihren Blick dann wieder über die Ländereien schweifen, über denen bereits die Abenddämmerung hineingebrochen war.
„Verpiss dich“, murmelte sie müde.
„Werd ich“, sagte Remus behutsam. „In fünf Minuten. Bitte schenk mit nur fünf Minuten deiner Zeit und ich verspreche dir, dass ich dich in Ruhe lassen werde.“
„Ich hab dir schon mehr als ein Jahr geschenkt.“ Amy seufzte leise und ließ ein Bein aus dem Fenster baumeln, wovon Remus schwindelig wurde.
„Bitte...Ich muss dir etwas erklären... Etwas, dass ich dir schon längst hätte sagen müssen...“
„Es ist jetzt egal, Remus. Ich will´ s nicht mehr hören.“
„Hast du dich je gefragt, wo all meine Narben herkommen?“
Amy schwieg.
„Was ich dir jetzt sage, Amy, wird dich möglicherweise...sehr schockieren und ich möchte, dass du weißt, dass ich jede Reaktion und jede Entscheidung von dir akzeptieren werde.“
Amy schwieg noch immer, doch sie wandte leicht den Kopf und warf Remus einen flüchtigen Blick zu. Ihre Augen ruhten für einen winzigen Moment auf seinem Gesicht, bis sie sich wieder der Dunkelheit zuwandten.
„Ich war acht Jahre alt, als ich von zu Hause ausriss und in den Wald lief. Ich- ich glaubte, unseren Nachbarshund jaulen zu hören und lief noch ein wenig tiefer in den Wald hinein-“
Amy spürte, wie ihre Wut allmählich verpuffte. Ihre beiden am stärksten ausgeprägten Eigenschaften rangen eine Weile miteinander, bis die Neugierde schließlich siegte. Sie hatte stets geahnt, dass Remus irgendetwas vor ihr verbarg. Welcher Art sein Geheimnis war, wusste sie nicht, doch es hing in irgendeiner Weise mit seiner Angst, berührt zu werden, seinen unzähligen Narben und offenbar auch mit diesem furchtbaren Abend zusammen....
Als Remus fortfuhr, lauschte sie seiner Geschichte hingerissen, ohne zu wissen, wo sie hinführen würde.
„Mit einem Mal merkte ich, dass es nicht der Nachbarshund war, der da jaulte... Ich sah ihn erst, als ich kaum mehr einen Meter von ihm entfernt stand. Natürlich rannte ich los, doch es war zu spät. Ich war zu langsam oder er...der Werwolf...zu schnell.“
Remus wartete mit gesenktem Haupt auf ein Wort, ein Räuspern, einen winziges Zeichen von Amy.... Es war viel leichter gewesen, als er je geglaubt hatte.
„Du...“, begann Amy langsam. „bist ein Werwolf?“
„Ja.“
Amy nickte schwach, als sie begriff, doch Remus, der immer auf seine Füße starrte, konnte das nicht sehen.
„Seit du acht bist?“
„Jaa...genau.“
„Deine Narben...die sind alle noch davon?“
Remus sah nun endlich auf und schüttelte den Kopf. „Nein, das sind Neue. Ich beiße und kratze mich selbst...an Vollmond.“
Amy schwieg.
„Das ist schlimm, Remus“, sagte sie irgendwann. „Das tut mir sehr leid. Ich weiß im Moment nicht, was ich sagen soll.“
„Du musst nichts sagen...ich wollte nur, dass- dass du es weißt. Ich hätte es dir schon längst erzählen sollen.“
Amy rutschte vom Fenstersims und legte eine Hand unter sein Kinn. „Ja, das hättest du tun müssen. Warum..?“
„Liegt das nicht auf der Hand?“, fragte Remus schwach. „Ich...rede ehrlich gesagt nicht gerne darüber.“
„Aber deine Freunde, die wissen es, oder?“
„Ja, aber sie haben es selbst herausgefunden.“
Amy zeigte zum ersten Mal ein müdes Lächeln. „Da sind sie immerhin klüger als ich....Und letzte Woche, da war Vollmond, richtig?“
„Hmm“, machte Remus. „Ich stand kurz vor meiner Verwandlung.“
Amy wandte sich um und starrte hinaus in die Dunkelheit. „Das erklärt Einiges. Wenn du es mir eher gesagt hättest, Remus, dann wäre ich doch nie...dann hätte ich dich niemals...“
„Es ist alles mein Fehler. Ich verfluche mich auch, dass ich dir nie etwas erzählt habe...aber ich hatte Angst.“
„Wovor?“, fragte Amy und Remus starrte auf ihren Rücken, als suche er dort nach einer Antwort auf all diesen Irrsinn.
„Davor, dass du nicht mit einem Werwolf zusammensein möchtest.“
„Schwachsinn!“, Amy drehte sich so plötzlich um, dass Remus zusammenzuckte. „Mir ist es doch egal, was du bist!“
„Mir aber nicht“, sagte Remus mit einem gequälten Grinsen.
Amy wurde rot und senkte ihren Blick. „Also nein...“, murmelte sie verlegen. „Natürlich ist es mir nicht egal, weil es schlimm ist für dich, aber deshalb höre ich doch nicht auf, dich zu li...dich gern zu haben...“
„Darüber wollte ich übrigens auch mit dir reden“, Remus lächelte schief und steckte seine Hand in die Umhangtasche, während Amy verständnislos die Augenbrauen hochzog.
„Worüber?“
„Ich habe mich auch unabhängig von...von diesem Zwischenfall letzte Woche sehr töricht benommen.“ Remus zog einen faustgroßen, eiförmigen Gegenstand aus der Tasche und zückte seinen Zauberstab. „Ich hab dir etwas nicht gesagt, was mir schon ziemlich lange auf dem Herzen liegt. Und ganz egal, wie du dich entscheidest, ob du nun mit mir...“
„Remus...“
„Jedenfalls“, unterbrach er sie „möchte ich, dass du etwas weißt. Es fällt mir immer noch ziemlich schwer, es auszusprechen, eigentlich idiotisch, aber...deshalb....Incendio“, murmelte er und entfachte eine Zündschnur an dem Ding in seiner Rechten. „Geh mal ein Stückchen zur Seite, Amy“
Amy duckte sich hastig und starrte Remus ängstlich an. „Du jagst nicht das Schloss in die Luft oder so...?“
„Hoffentlich nicht“, erwiderte Remus lässig und warf den Gegenstand, ganz so, wie er es bei Sirius beobachtet hatte, hoch in die Luft.
„Wow, der kam gut!“, sagte er anerkennend und wartete gespannt.
Amy starrte dem sausenden Feuerwerkskörper hinterher und runzelte die Stirn. „Remus, was...?“
Ein mächtiger Knall, gefolgt von wildem Funkenregen ließ Amy verstummen. Doch statt ihr schnatterten und schuhuten nun Dutzende wütender Uhus, fiepender Waldkäuzchen und hysterischer Eulen, die man allesamt unsanft aus dem wohlverdienten Dösezustand gerissen hatte. Glücklicherweise war ein Großteil dieser nachtaktiven Tierchen unterwegs, denn andernfalls wäre Remus nicht so gut davongekommen. Sunny stürzte sich gleich aus dem Fenster und verschwand in der rabenschwarzen Nacht, jedoch nicht ohne Remus zuvor mit ihren bernsteinfarbenen Augen zu taxieren, ganz so, als wolle sie ihm sagen: Hast du sie noch alle!!!??!!
Ein kleines Käuzchen flatterte nervös auf und ab und ließ schließlich etwas Weißes aus der Luft auf Remus´ Umhang fallen, ein stattlicher Uhu versenkte seine scharfen Krallen in seinem Rücken und eine große Schleiereule nahm auf dem Kopf Platz, um wenig liebevoll an Remus´ Ohr herumzuknabbern.
Amy kicherte verhalten, aber schadenfroh und hätte in diesem Aufstand beinah übersehen, was sich über ihren Köpfen in der Luft, von wo aus es Eulenfedern regnete, abspielte.
Tausende goldener und dunkelroter Sterne stoben aus dem Zentrum der Explosion, fügten sich zu Linien zusammen, die wiederum Wörter bildeten. Amy schnappte nach Luft, als ein blutrot schimmernder Schriftzug an der hölzernen Decke erschien, der so hell leuchtete, dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Gleich einem neuen, außergewöhnlich geformten Gestirn prangten die Worte in der Luft und ließen Amy vor Aufregung zittern.
„Ich liebe dich!“
„Remus...“, flüsterte sie ungläubig. „Remus...Wäre ...wäre es nicht doch leichter gewesen, es einfach zu sagen?“
„Ja, vermutlich“, murmelte Remus kleinlaut und lief hellrosa an. „Wie gesagt, ich war ein Idiot.“
„Stimmt“, Amy lächelte. „Ein Vollidiot.“
Doch dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und streichelte zärtlich über sein angeknabbertes Ohr. Die Eule hatte mittlerweile zutiefst empört das Weite gesucht. Unter einem Schauer aus Eulenfedern und aufgewirbeltem Stroh, dass unangenehm nach Vogelmist roch, senkte sie ihre Lippen sanft auf seine und küsste ihn.
Während Remus Eingeweide Salsa tanzen, dachte er darüber nach, dass er wohl endlich das einzig Richtige, das einzig Vernünftige getan hatte. Obwohl – und in diesem Falle konnte man es tatsächlich wörtlich nehmen – sich doch alles, was er anpackte, in Mist verwandelte.
„Ich liebe dich, Amy“, flüsterte Remus.
Und es war gar nicht schwer.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 14. Juli 2007 18:37 
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VIII. Ein tragischer Verlust - Teil 1

So überraschend wie Remus´ Geständnis war auch der Sommer über das Land gekommen und hatte die Ländereien rund um das Schloss in ein wunderschönes Meer aus saftigem Grün, gesprenkelt mit kleinen, bunten Tupfern wilder Blumen verwandelt. Niemand war darüber unglücklich, außer vielleicht jenen armen Tölpeln, die bei diesem herrlichen Wetter in der Bibliothek herumhocken und für ihre letzte Prüfung in Hogwarts lernen mussten. Es sah ganz danach aus, als wollte sich dieser idyllische Landstrich, kurz bevor die vier Jungs ihn für immer verlassen sollten, noch einmal von seiner allerschönsten Seite zeigen und so hatte sich selbst Remus dazu überreden lassen, das Buch mit einer Decke zu tauschen, um ein bisschen in der Sonne herumzuliegen.
„Mach mal´ n freundliches Gesicht, Moony!“, forderte Sirius, der mit James´ nagelneuer Kamera bewaffnet auf dem Rasen herumhüpfte und, gleich einem aufgeregten Touristen, ein Bild nach dem anderen schoss.
„Ich bin nicht so fotogen“, murmelte Remus verlegen und versuchte dann, weil er ahnte, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde, ein angestrengtes Grinsen in die Kamera, eingequetscht zwischen James und Peter, die ebenfalls ein möglichst fototaugliches Gesicht aufgesetzt hatten.
„Eins ... zwei ... drei ...“, zählte Sirius. Dann tippte er die Kamera mit seinem Zauberstab an, so dass sie frei in der Luft schweben blieb, und warf sich seinerseits ins Bild. Als er unsanft auf Remus Beinen landete, schrie der laut auf, in eben jenem Moment, da es laut klickte und nur wenig später mit einem mechanischen Surren das Polaroid ausgespuckt wurde. James sprang auf, zog es heraus und reichte es, während er sich vor Lachen krümmte, an Sirius weiter. „Sieh dir mal Moonys Visage an...“
Remus und Peter rückten eilig heran, um es ebenfalls zu begutachten. Man sah in ständiger Wiederholung Sirius´ durchaus galanten Sprung auf Remus Beine, dessen stummen Schrei, das Gesicht vor Schmerz verzerrt, und James und Peter, wie sie mit weit aufgerissenen Augen zu Remus hinüberstarrten. Kurzum, dass Foto war im Grunde vollkommen misslungen und sicher nicht tauglich für ein Album, in dem man nach Jahren noch einmal blättern wollte, um in Erinnerung an die gute, alte Zeit zu schwelgen; und doch, es hatte etwas, einen ganz besonderen Charme...
„Oh Mann, schmeiß das bloß weg!“, sagte Remus grinsend. „Das ist ja echt übel.“
„Keineswegs, Freund Pelzkleid!“, Sirius lachte höhnisch. „Dein dummes Gesicht für die Ewigkeit. Das zeig ich Amy, der wird das sicher gefallen.“
„Bloß nicht!“, Remus war aufgesprungen und eilte nun Sirius hinterher, der mit dem Foto in der Hand über den Rasen preschte. Es gab niemanden, der eine Chance hatte, Sirius Black einzuholen. Und Remus schon einmal gar nicht.
„Zeig´ s nicht Amy!“, bettelte er vollkommen außer Atem, als Sirius schließlich in einer Baumkrone verschwunden war, einfach so draufgehüpft, nicht weniger behände als ein junges Eichhörnchen.
„So was traust du mir im Erst zu?“, fragte Sirius empört, während er kopfüber von einem Ast herunterbaumelte. „Also ehrlich, Moony!“
„Kein Kommentar“, erwiderte Remus geschlagen und ließ sich keuchend am Stamm der alten Eiche nieder. Er schloss die Augen und seufzte leise; es war einfach zu traurig. Ihm blieben nur noch sieben Wochen hier im Schloss. Und dann? Was würde dann sein? Remus wusste es nicht und dieses Nichtwissen machte ihn regelrecht krank. Er gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die mit fiebriger Aufregung einer ungewissen Zukunft entgegensahen. So wie Sirius zum Beispiel, der natürlich auch traurig war, das Schloss zu verlassen, aber den der Gedanke an einem tobenden Zauberkrieg in ganz England regelrecht in Ekstase versetzte...
Remus wollte nicht nach Hause zu seinen Eltern zurückkehren, auf gar keinen Fall! Die verkorksten Ansichten seines Vaters machten ihn wahnsinnig, doch schlimmer noch waren seine ewigen Vorträge:
„Du musst dich allmählich um einen Arbeitsplatz bemühen, Junge. Einem Werwolf, dem wird nichts nachgeworfen! Du musst besonders ehrgeizig sein und dich mehr anstrengen als andere. Schreib dir das hinter die Ohren! Von mir bekommst du nicht eine schlappe Galleone, wenn du in der Gosse liegst. Das Leben ist hart, es ist Zeit, dass du das lernst.“
„Danke, Dad“, hatte Remus geantwortet. „Das weiß ich, seit ich acht bin.“
Nein, nach Southworth würde er gewiss nicht zurückkehren, aber alleine oder gar mit Amy eine Wohnung anmieten, das war auch nicht möglich...Welches normale Haus war schon für einen wie ihn geeignet? Geld hatte er auch keins und eine Arbeit würde er vermutlich niemals finden, wenn es wahr sein sollte, was im Propheten geschrieben wurde. Ein neues Gesetz stand zur Diskussion: Jeder Werwolf über siebzehn Jahren musste sich beim Zaubereiministerium registrieren lassen und bekam eine Marke in den Ausweis; eine Vorsichtsmaßnahme, die Remus sogar nachvollziehen konnte, da sich die Werwolfangriffe in letzter Zeit tatsächlich häuften. Doch wie sollte er bei einer solchen Regelung jemals Fuß in der Zauberwelt fassen? Allmorgendlich, wenn er den Propheten am Frühstückstisch aufschlug, wurde Remus vor Angst ganz flau im Magen: Hatte man den Erlass schon durchgebracht? Würde er schon bald von jedem auf der Straße als Werwolf erkannt werden? Denn darauf musste es hinauslaufen. Die Zauberwelt Englands war – das wusste er aus siebzehnjähriger Erfahrung – wenn es um Klatsch und Tratsch ging nichts weiter als ein kleines Dorf! Und damit war für Remus alles aus und vorbei...Ja, dann würde er auch nicht mehr länger mit Amy zusammen sein können. Sie sollte niemals seinetwegen leiden müssen und das würde sie, wenn alle Welt wusste, was er war ...
Amy ... Remus seufzte erneut, als er an sie dachte. Natürlich war er mehr als überglücklich gewesen, als sie so tolerant und liebevoll auf seine Enthüllung reagiert hatte. Doch gelegentlich hatte er das beunruhigende Gefühl, dass sie es tat, weil sie den Ernst der Lage nicht so recht begreifen wollte.
„Würdest du mich auch töten?“, hatte sie ihn in jener Nacht noch gefragt, in der er ihr alles gestanden hatte, angefangen mit der Heulenden Hütte bis hin zur Karte des Rumtreibers. Und Remus hatte auf diese Frage zunächst nicht mehr zu erwidern gewusst, als ungläubig zu schnauben und sich die Haare zu raufen. Wie konnte sie nur so naiv sein? Ein gewisses Maß an Leichtsinnigkeit fand er ja ganz angenehm, falls nicht, hätte er Sirius schon längst den Hals herumgedreht, aber Amy...die war einfach selten unbesorgt... Beunruhigend unbekümmert.
„Ich erkenne dich nicht, Amy“, hatte er ihr zu erklären versucht. „Ein Werwolf empfindet keine menschlichen Gefühle, keine Freude und keine Trauer, nur Wut und einen unermüdlichen Hunger, sein Rudel zu vergrößern, indem er erbarmungslos zubeißt.“
„Liebe ist ein sehr starkes Gefühl. Möglicherweise erreicht es sogar einen Werwolf.“
„Nein, Amy. Einen Werwolf erreicht nichts...“

Als James und Peter sich links und rechts von ihm ins Gras warfen, wurde Remus aus seinen trüben Gedanken zu einer ungewissen Zukunft gerissen, die, wie es schien, nur Schlechtes für ihn in petto hatte.
„Wisst ihr noch-“, begann James und lächelte selig, während er lässig auf einem Grashalm herumkaute. „als Tatze Jerry Pennywater von den Hufflepuffs den Haarwuchsfluch aufgehalst hat? Jerry sah aus wie ein Berg aus Fell und ist ständig gegen die Wand gelaufen, weil seine Augenbrauen so lang waren wie die Gardinen im Schlafsaal.“
Peter wieherte los und auch Remus musste schmunzeln. „Wer sollte das jemals vergessen?“, fragte er. „Am allerwenigsten wohl der arme Jerry selbst.“
„Eine meiner leichtesten Übungen!“, kam es von oben aus der Baumkrone. „Nicht der Rede wert. Viel besser fand ich, als wir den Slytherinhüter mit seinem Hintern auf dem Rasen festgeklebt haben, nachdem er abgestürzt war.“
„Was heißt hier „Wir“!?“, empörte sich Remus. „Ich war daran weitgehend unbeteiligt!“
„Weitgehend unbeteiligt!“, prustete Sirius. „Wenn ich mich recht erinnere, war es deine Idee!“
„Jaaa...“, gestand Remus und zuckte mit den Schultern. „Aber doch bloß so ein Gedanke. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du ihn gleich in die Tat umsetzt.“
„Tja, ich bin eben die Exekutive zu deinen fiesen Ideen.“
„Er hatte es verdient“, sagte James gleichmütig. „Und gefehlt hätte der Trottel im Übrigen nicht mal seinem eigenen Team, so viele Quaffel wie er reingelassen hat. Aber die Hooch musste ihn ja unbedingt wieder vom Rasen loszaubern....“, er verdrehte die Augen, ganz so, als sei es in irgendeiner Weise ungewöhnlich, dass die Schiedsrichterin einem verhinderten Hüter wieder auf die Beine half.
„Und wisst ihr euch noch, als Krone den Rock-hoch-Zauber erfunden hat?“, gackerte Sirius, der mit einem leichten Sprung aus der Baumkrone sanft auf dem Rasen gelandet war und sich nun neben seinen drei Freunden niederließ. „Ein leichter Windstoß und halb Hogwarts hat blank gelegt!“
„Oh ja!“, James grinste so erinnerungsselig, dass es schien, als sei er gar nicht mehr unter ihnen. „An diesem Morgen trug Lily einen grünen Slip aus Spitze....“, er seufzte. „Sie würde mich erschlagen, wenn sie wüsste, dass es nicht der Wind war, der sie damals der ganzen Schule ihre Unterwäsche hat zeigen lassen.“
„Dann hüte dich, es jemals zu erwähnen.“, riet ihm Sirius. „Allerdings hat Lily es weitaus gelassener genommen als die McGonagall mit ihrem schottengemusterten Miederhöschen.“
„Da tat sie mir schon leid. Als Lehrerin ... immerhin ist sie eine Respektperson. Das hätten wir nicht tun dürfen.“
„Ach, Moony, tu doch nicht immer so unschuldig!“, sagte James und verdrehte die Augen. „Ich werde nie vergessen, wie du Slughorn im Zaubertrankunterricht sein purpurfarbenes Jackett angezündet hast.“
„Ich sag euch jetzt zum allerletzten Mal: Das war ein dummes Versehen! Ich wollte bloß den Kessel anheizen und da steht er auf einmal vor meinem Tisch herum.“
„Kessel anheizen!“, wiederholte Sirius prustend. „Ja ja, Moony, das kannst du deiner Oma erzählen!“
„Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, dass ich mit Absicht einen Lehrer anzünden würde?“, sagte Remus beleidigt. „Das würde ich niemals tun!“
„Nein“, kam es von James, Sirius und Peter wie aus einem Munde.
„Das würdest du in der Tat nicht, aber glücklicherweise passieren dir regelmäßig so kleine Missgeschicke, die einen immer wieder aufheitern. Wie lange musstest du dafür noch mal nachsitzen?“, fragte James grinsend.
„Drei Wochen.“, murmelte Remus und lächelte verlegen. „Ich musste drei Wochen lang beim alten Sluggy im Büro rumhocken und lächerliche Arbeiten erledigen...Seine Krawatten nach Farben sortieren, ihm ein Fußbad einlassen, ihm aus der Hexenwoche vorlesen...Ehrlich Leute, das war die mit Abstand schlimmste Zeit meines Lebens.“
„Hach Jungs...“, seufzte James. „Bald ist das alles vorbei.“ Und es folgte ein dreistimmiges, trauriges. „Hmmmm....“
„Kopf hoch, Männer!“, sagte Sirius nach einer Weile des traurigen Seufzens. Jeder von ihnen schien in diesem Augenblick mit seinen Gedanken bei einer anderen Erinnerung an eine wunderschöne, turbulente Schulzeit zu verweilen. Remus dachte an ihre erste gemeinsame Vollmondnacht in der Heulenden Hütte, er dachte daran, wie ihn die drei morgens, wenn es mal wieder ein wenig schlimmer gewesen war, im Krankenflügel abgeholt hatten; an ihre Minen, die ihn berührten, weil sie so mitfühlend und freundschaftlich waren. Seine Gedanken verweilten einen kurzen, schmerzhaften Moment in Dumbledores Büro.
„Ich habe Snape in die Heulende Hütte, gelockt, Moony... Es tut mir leid.“
Warum Tatze? Warum hast du das nur getan?
Remus war heute wie damals nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten und jede Idee, die er dazu hatte, erschien ihm so unsinnig und nicht wert, weiter ausgeführt zu werden. Doch eines Tages, wenn die Zeit sich über diese Erinnerung gelegt hatte, wie eine Decke, die etwas verbirgt, was noch da ist, aber unsichtbar, würde Remus ihn noch einmal danach fragen...Eines Tages, wenn es nicht mehr so wehtat, darüber nachzudenken.
„Uns bleiben noch sieben wundervolle Wochen und wir wären keine Rumtreiber, wenn wir die nicht sinnvoll nutzen würden.“, dozierte Sirius. „Wie wär´ s? Drehen wir heute Nacht eine kleine Extrarunde über die Ländereien? Bis Vollmond sind´ s noch beinah drei Wochen. Das halt ich nicht aus!“
„Klaro! Ich bin dabei!“, James nickte eifrig. „Das ist ja wohl Ehrensache. Aber...“, er zwinkerte. „Die große Runde!“
Remus seufzte und runzelte die Stirn. „Ich wollte morgen eigentlich früh aufstehen und noch ein bisschen lernen vor dem Unter-“, begann er zögernd, doch alles Weitere ging in lautem Kriegsgeheule unter, als James, Sirius und Peter sich in vollkommener Einigkeit auf ihn stürzten, um ihm ein für alle mal klar zu machen, was mit einem Rumtreiber passierte, der sich drücken wollte.
„Hat man je einen so rechtschaffenen Werwolf gesehen?“, fragte Sirius lachend und hielt Remus im Schwitzkasten, der sich keuchend zu befreien versuchte.
„Es ist...“, japste er angestrengt. „doch vollkommener Leichtsinn...so kurz vor den Prüfungen....Wenn wir erwischt werden!“
„Halt´ s Maul, Moony.“, sagte Sirius und ließ ihn frei.
„Okay...okay...“, murmelte Remus lächelnd und sortierte seine Klamotten. „Ich bin dabei. Aber du kommst an die Leine, Tatze!“
„Dein Wort wird dieses Mal nicht genügen, fürchte ich“, sagte Sirius und kniete sich ihm gegenüber ins Gras. „Kommt her, Jungs!“
Remus stöhnte. „Du willst doch nicht wegen so etwas das Rumtreiber-Ehrenwort schwören, oder Tatze? Wir sind siebzehn, und nicht mehr vierzehn!“
„Ach, der feine Herr Lupin ist zu erwachsen für unser feierliches Rumtreiber-Ehrenwort“, höhnte Sirius. „Nein, nein, Moony, was damals gut war, ist es heute erst recht. Mach deinen Arm frei!“
Remus seufzte und rollte sich den Umhangärmel hoch, während James und Peter links und rechts von ihm dasselbe taten.
James streckte seine rechte Hand aus und wandte die Handfläche nach oben. Remus lächelte kurz, dann legte er seine auf James´ Hand, ebenfalls mit dem Handrücken nach unten. Und schließlich war Peter an der Reihe und verfuhr in gleicher Weise.
„Wenn uns einer zusieht...“, bemerkte Remus und warf einen kurzen Blick über seine Schulter. „Der denkt doch, wie feiern hier irgendeine schwarze Messe.“
„Ruhe jetzt, Lupin!“, herrschte ihn Sirius an. „Du störst den Energiefluss.“ Er zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf die Hände seiner Freunde, während seine eigene, rechte Hand mit einigem Abstand über den ihren schwebte.
„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin!“, verkündete Sirius mit ernster Mine und schwang seinen Zauberstab. Während er seine Hand nun auf die seiner Freunde legte, ergoss sich aus der Spitze seines Stabes ein goldenes Band, wie aus feinster Seide gewebt, und umschlang die Hände die vier Freunde.
„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin!“, wiederholte James und in diesem Moment machte das goldene Band selbstständig einen Knoten.
Bei Remus Worten entstand die Schleife und Peters dienten dazu, sie festzuziehen.
„Für immer und ewig“, sagte Sirius und neigte den Kopf in Remus´ Richtung. Sie schauten sich für einen kurzen Moment an. Grau und Braun, für einen winzigen Augenblick in stillem Einvernehmen. Dann wanderte Remus´ Blick zu James, ein flüchtiges Zwinkern und ein knappes, verlegenes Lächeln ob dieser seltsamen Prozedur, auf die nur Sirius gelegentlich bestand. Peter war der einzige mit hellen Augen von ihnen und er blinzelte mit wässrigem Ausdruck, als sein und Remus´ Blick sich trafen.
Sirius nickte, so als sei er nun zufrieden und löste mit einem schwungvollen Schlenker das goldene Band.
„Die Todesser und das ganze Gesocks“, begann er mit steinernem Blick und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm der alten Buche. „verfahren übrigens in ähnlicher Weise.“ Er grinste kurz und freudlos. „Genau genommen waren sie mein Vorbild für diesen Schwur.“
„Was?“, japste James ungläubig. „Das ist ein Todesser-Ritual?“
„Jep“, Sirius nickte. „Der feine Unterschied ist nur, dass dieser Schwur bei ihnen tödliche Folgen hat. Und das....“, sagte er und sah dabei von einem zum anderen. „wollen wir ja nicht.“
„Woher...“, Remus verstummte jäh und starrte auf einen Fleck Rasen in der Ferne.
„Dreimal darfst du raten, Moony“, erwiderte Sirius düster und Remus nickte. Manchmal vergaß er vor lauter Selbstmitleid, wer von ihnen es eigentlich am Schwersten gehabt haben musste...

Remus war beinah ein wenig nervös, als er, Peter und Sirius unter dem Tarnumhang vor dem Portraitloch darauf warteten, dass Sirius von außen das Passwort sprach und ihnen damit das Tor zum Vergnügen öffnete. Einfach nur, weil er sich so sehr freute, denn dies war eines der letzten Male, da sie gemeinsam über die Länderein streifen würden.
„Eigentlich wird das Ding langsam lächerlich“, murmelte James leise und wackelte an seinem Umhang. „Es bedeckt uns ja ohnehin nicht mal bis zu den Knien.“
„Stimmt“, gestand Remus und schaute hinab auf die drei körperlosen Schienbeine. „Im Grunde könnten wir ihn auch ganz hier lassen.“
„Es ist Tradi-“, begann James, doch Sirius Erscheinen ließ ihn verstummen. Der wirkte nämlich äußerst vergnügt und bedeutete ihnen stumm, dass die Luft rein sei.
Die drei quetschten sich so gut es eben ging gemeinsam durch das Portraitloch und krabbelten im Entengang um die nächstbeste Ecke. Gerade hörten sie noch, wie Sirius der Fetten Dame zurief: „Sorry, hab was in der Bibliothek liegen lassen!“ und einen Wimpernschlag später war er bei ihnen.
„Nehmt den Fummel ab!“, raunte er seinen Freunden zu. „Es ist besser, wenn wir ohne ihn erwischt werden, sonst wird er nachher einkassiert.“
„Es wäre besser, wenn wir gar nicht erwischt würden.“, bemerkte Remus leise und zog den Umhang von ihren Schulten. „Konsultier mal bitte die Karte, Krone.“
„Schon dabei....Den Korridor im dritten Stock sollten wir auslassen. Da hängt einer von den Trollen rum. Filch tigert in Richtung Astronomieturm...Was in Merlins Namen will er da? Na ja, mir soll´ s egal sein. Lasst uns den Geheimgang bei der einäugigen Hexe nehmen und ´ne Runde durch´ s Dorf schlendern.“
„Geniale Idee!“, hauchte Sirius anerkennend. „Einen letzten Feuerwhiskey im Eberkopf schlürfen und-“
„Der Honigtopf hat geschlossen“, warf Remus ein. „Nicht, dass ich mich nicht auch in einem geschlossenen Süßigkeitenladen vergnügen könnte, aber die ganze Nacht...Es scheint, wir müssen wohl durch meine Hütte.“
„Aber immer gern doch“, sagte Sirius grinsend. „Nur werden die Eingänge überwacht.“
„Daran hatte ich nicht gedacht“, gestand Remus. „Was tun wir jetzt?“
„Spiegel im vierten Stock?“, schlug James vor. „Der Gang ist zwar etwas wacklig, aber wenn wir vorsichtig sind....“
„Okay“, Remus zuckte mit den Schultern. „Sehen wir nachher aus wie in Mehl gewendet, aber was soll´ s?“
Über einigen Umwegen, die dazu dienten, den trollbevölkerten dritten Stock zu umgehen, erreichten die vier Jungs schließlich den Korridor auf der vierten Etage des Schlosses, in dem ein reich verzierter, goldener Spiegel an der Wand hing.
„Schieb dich weg, du hässliches Ding!“, befahl Sirius und der Spiegel rückte augenblicklich zur Seite.
„Wer diese Losungsworte erfunden hat“, keuchte Remus, als er hinter Sirius in den schmalen Tunnel kletterte, den der Spiegel freigegeben hatte. „war aber auch nicht ganz sauber da oben.“
„Von wegen!“, kam es von hinten. „Derjenige tickte genau wie wir.“
„Sag ich ja.“, murmelte Remus grinsend. „Nicht ganz sauber...“
Und während er so dahinkrabbelte und -stolperte, kam ihm der Gedanke, der goldene Spiegel würde möglicherweise auf jede Anrede reagieren und diese Idee ging unweigerlich mit der Befürchtung einher, dass an dem Tunnel irgendetwas faul war. Im Grunde würde auf diese Weise ja jeder Schüler aus dem Schloss herausfinden, aber na ja, was sollte er sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen? Sie steckten ohnehin mitten drin in diesem elenden Geheimgang. Einmal erst waren sie durch ihn ins Dorf geklettert, in ihrem dritten Schuljahr, vollkommen verängstigt, weil er so eng, kalt und staubig war und so steil bergab ging. Im Scheckentempo und ohne es zu wagen, Licht zu machen.... Heute sah das anders aus.
„Lumos!“, hauchte Sirius, als Remus die Biegung zu erkennen glaubte, die sich in einem Ausgang ein wenig oberhalb des Dorfes verlor. „Wird ja langsam schweinemäßig duster hier.“
Doch kaum hatte Sirius diese Worte gesprochen, hörten sie lautes Gepolter viele Meter über ihnen. Der Tunnel wackelte und ruckelte, als sei ein wildgewordener Vulkan unter ihm hochgegangen und die steinernen Wände zitterten als seien sie nur aus Papier. Remus stieß sich schmerzhaft den Kop an der Tunneldecke und sah, gemischt mit einer Menge Sternchen vor Augen, gerade noch, wie Peter das Gleichgewicht verlor und bäuchlings zu Boden stürzte. Sirius ließ den Zauberstab fallen und der Lichtkegel fiel an die Decke, aus der sich einige Gesteinsbrocken lösten.
„Laaaaaauuuuuft!“, brüllte James und packte Remus am Kragen, dem war, als müsse er sich gleich übergeben. Sirius grapschte nach seinem Zauberstab und preschte voran. Remus griff an James vorbei und half auch Peter auf, und als vollkommen panisches Bündel eilten sie eher stolpernd als laufend in Richtung Ausgang. Hinter ihnen prasselten Steine hinunter, so groß und gewaltig wie Kürbisse und eine Menge Staub und Schmutz nahm ihnen die Sicht. Endlich, nach etlichen Biegungen – offenbar hatte Remus sich getäuscht – spürten sie die kalte Nachtluft auf ihren Gesichtern und einen Wimpernschlag später sprangen die Vier aus zwei Metern Höhe in die Freiheit.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 20. August 2007 20:36 
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und Teil 2

Die vier Jungs landeten ungünstig. Nicht etwa, weil der Grund so steinhart gewesen wäre, nein, es war nur leider so, dass sie meinten, sich alle den gleichen Quadratmeter Rasen als Landeplatz auszusuchen müssen. Sirius, der nun ganz unten in diesem undefinierbaren Knäuel aus graubestäubten Körperteilen lag, musste furchtbare Schmerzen leiden, doch es wäre ihm im Traum nicht eingefallen, sich etwas anmerken zu lassen.
„Zurück nehmen wir aber ´nen anderen Weg“, meinte er lässig und klopfte sich geschäftsmäßig eine ordentliche Ladung Staub aus der Jacke, während sein Blick hinauf zu der Felsspalte wanderte, die sie gerade eben ausgespuckt hatte. Ein möglicher Zuschauer hätte vermutlich ernsthaft an seinem Verstand gezweifelt, hätte er gesehen, dass Berge mit einem Mal anfingen, Teenager anstelle von Felsbrocken abzuwerfen. Doch glücklicherweise hatte niemand ihren Sturz beobachtet, und selbst wenn, um sie herum war es mittlerweile rabenschwarze Nacht.
„Wir haben einen Geheimgang von Hogwarts zum Einsturz gebracht!“, wimmerte Peter. „Das gibt Ärger, gewaltigen Ärger!“
„Nur, wenn du vor Angst dein Revier markiert hast, Wurmschwanz!“, sagte Sirius ungnädig. „Und im Übrigen, brauchen wir ihn noch? Immerhin gibt es sieben!“
„Ich hoffe nur, wir haben nicht wirklich was beschädigt“, bemerkte Remus. „Aber es sieht nicht danach aus“, fügte er mit einem Blick nach oben hinzu.
„Wie in Merlins Namen kannst du das was erkennen?“, fragte James entgeistert. „Ich seh´ ja meine Hand vor Augen nicht!“
„Besser so“, Remus lächelte. „Wir sehen nämlich allesamt ziemlich übel aus. Haben uns auf dem Weg hierher der schmutzigen Bevölkerung im Eberkopf bestens angepasst.“
„Dann geh mal voran, Moony, und weise uns den Weg!“, forderte James. „Oh, Mann, manchmal wär´ ich ja auch gern ein Wolf... Was du nicht alles sehn kannst im Dunkeln rund um Vollmond...“
„Jaa...und riechen...“, Remus grinste gequält. „Glaub mir, Krone, die Welt stinkt wie die Pest!“ und er hüpfte an James vorbei den Hügelkamm hinunter.
„Macht lieber Licht! Der Weg ist echt steil!“, rief er über seine Schulter und die drei Hinterbliebenen zückten augenblicklich ihre Zauberstäbe, um Remus zu folgen.

Im Eberkopf herrschte unter der Woche kein sonderlich lebhafter Betrieb. Und wie Remus geweissagt hatte, nahm von ihrer schmutzigen Erscheinung niemand großartig Notiz. Es schien vielmehr so, als hätte ihnen der mürrische Wirt heute mal besonders freundlich zugegrunzt, aber das war sicher Ansichtssache und „freundlich“ ohnehin kein treffendes Adjektiv, um diesen ungepflegten Kerl zu beschreiben.
Als Sirius vier Feuerwhiskey bestellte, quittierte er das mit einem übellaunigen Kopfnicken und die Jungs warteten am Tresen auf ihre Getränke, denn im Eberkopf wurde man nicht bedient. Tatsächlich hatten sie noch nie die Beine von diesem Kerl gesehen, aber Remus glaubte, dass er dieses Versäumnis durchaus verkraften konnte...
„Ja dann!“, Sirius hob sein Glas, als sich die Vier in einer dunklen Nische am schmutzigen Fenster niedergelassen hatte, dessen Scheiben blind vor Staub waren. „Auf unsere jüngste Missetat!“
„Die uns zwar beinah das Leben gek-„
„Moony!“
Remus grinste verlegen und beschwor eine Kerze herauf, die er einfach auf den Tisch klebte. Auch das war im Eberkopf durchaus legitim.
„Auf unsere jüngste Missetat!“, sagte er folgsam und die Vier ließen die Gläser klirren, so dass eine alte Sabberhexe am Nachbartisch verschreckt zusammenfuhr und mit leisen Schimpftiraden über die heutige Jugend begann.
„Hässliche, alte Jungfer!“, knurrte James, doch Sirius und Remus machten „Schhht!“, denn auf die Gesellschaft einer wütenden, spuckenden Sabberhexe, die meinte, hinüber kommen zu müssen, um ihnen die Leviten zu lesen, hatte nun wirklich niemand Lust.
„Poker?“, fragte Sirius und förderte ein Kartenspiel zutage, das so rein war, dass man meinen konnte, es sei auf einem weniger staubigen Weg hinunter ins Dorf gekommen. Peters Augen leuchteten begeistert auf, was für Remus schon Grund genug war, zu protestieren. Im Übrigen war er selbst auch kein sonderlich begnadeter Zocker und hatte keine Lust, an einem Abend sein gesamtes Taschengeld an Sirius zu verlieren, dass er seit Monaten sparte, um sich etwas besonders Wertvolles davon zu kaufen. Etwas besonders wertvolles in seinen Augen natürlich; nämlich eine Enzyklopädie über magische Tierwesen in der antiquierten Erstauflage! Eine nahezu vollständige Zusammenfassung, in wunderbar weinrotem Leder eingebunden...
Merlin sei Dank schien auch James nicht sonderlich erpicht auf Poker zu sein, so dass Remus seine Enzyklopädie gar nicht erwähnen musste, was bestimmt mit minutenlangem Gelächter kommentiert worden wäre.
„Was wollt ihr eigentlich nach Hogwarts machen?“, fragte James unvermittelt und kippte bereits den zweiten Feuerwhisky. „Ich könnte ja in die Firma meines Vaters einsteigen, aber Büroarbeit liegt mir nicht so und erben tu ich sie ja ohnehin irgendwann mal. Allerdings wird er schwer enttäuscht sein, wenn ich sie nicht übernehme...Aber es ist mein Leben, meint ihr nicht?“
„Klaro“, gab Sirius zurück. „Tu, was du für richtig hältst. Dein Dad ist locker drauf, er wird das sicher verstehen. Ich für meinen Teil werd erst mal ein bisschen jobben und dann – Urlaub! Drei Wochen Karibik oder so, Sonne, Strand, Meer, pralle Brüste!“
„Sirius!“, mahnte Remus streng.
„Ist doch wahr! Hast du mal diese Hahulas mit ihren blanken Dingern gesehen?“
„Nee, wie sollte ich?“, murmelte Remus verschämt.
„Siehst du, ich auch nicht!“ Sirius erhob sich, um die dritte Runde zu organisieren. „Aber ich will nicht sterben, ohne sie gesehen zu haben.“ Und mit diesen Worten verließ er den Tisch und schlenderte in Richtung Theke davon.
„Wird er auch irgendwann mal erwachsen?“, fragte Remus lächelnd und sah ihm hinterher.
„Ich glaube nicht“, James schmunzelte ebenfalls. „Und wenn doch, dann würde mir etwas fehlen. Was ist mit dir, Moony?“, fragte er. „Oder möchtest du Sirius auf seinen Blanke-Dinger-Urlaub begleiten?“
„Ich wäre ihm nur im Wege“, gab Remus zurück und versuchte ein Lächeln. Den ersten Teil von James´ Frage ignorierte er einfach und hoffte, dass seine Freunde alsbald das Thema wechseln würden. Über seine berufliche Zukunft nachzudenken, war schon schmerzlich genug, doch davon zu sprechen, das konnte er nicht ertragen.
Als Sirius mit einem Tablett voll gefüllter Whiskeygläser zurück kehrte, erzählte Peter gerade, dass er, ganz im Gegensatz zu James, einem Bürojob sehr zugetan sei.
„Ich werde mal meinen Dad fragen, ob er noch jemanden in seiner Firma braucht“, versprach James und nach einigen Schwärmereien über das unabhängige Leben nach Hogwarts, an denen sich Remus mit tiefem Schweigen beteiligte, wechselten die drei Jungs, dem Merlin sei Dank, endlich das Thema.

Als die vier Freunde von dem missmutigen Wirt des Eberkopfes schließlich hinausgeworfen wurde, graute bereits der Morgen.
„Oh, scheiße, jetzt kommt der Mann mit dem Hammer...“, lallte Sirius, als sie die Kneipe verließen.
„Wer kommt?“, fragte James verständnislos.
„Na, der Mann mit dem Hammer!“
Für Remus bedurfte es keiner weiteren Erklärungen, denn in eben diesem Moment hatte er den Mann mit dem Hammer höchstpersönlich kennen gelernt: Er wird mit jedem Whiskey ein kleines Stückchen größer, bis er schließlich zu einem Kerl von zwei Metern herangewachsen ist und wenn man nun so töricht ist, aus einem stickigen, verrauchten Raum an die frische Luft zu treten, zückt er seinen Hammer und zieht ihn dir über den Schädel.
„Ich glaub, mir ist schlecht....“, murmelte Remus und taumelte ein bisschen.
„Dann tu, was ein Mann tun muss, und folge uns unauffällig“, sagte Sirius albern.
Doch Remus riss sich zusammen. Er war zu anständig, sich in aller Öffentlichkeit zu übergehen, und wenn es in einem verschlafenen Zaubererdörfchen morgens früh um fünf war.
Und so torkelten die Vier mehr schlecht als recht hinauf in Richtung Schloss, wobei sie allerhand Albernheiten anstellten, die ihnen in diesem Moment furchtbar komisch vorkamen. Dazu gehörte, dass Sirius meinte, sich in einem Briefkasten entleeren zu müssen und sie gemeinsam einige Blumenkübel die Besitzer wechseln ließen oder hier und dort klingelten, um dann laut prustend das Weite zu suchen.
Remus glaubte, sich seit Jahren nicht mehr so unbekümmert und leicht gefühlt zu haben, obwohl er natürlich wusste, dass sie sich unglaublich kindisch benahmen und er sich morgen fürchterlich schämen würde. Doch er genoss es, weil er nicht wusste, ob sich dieser Abend jemals für sie wiederholen würde.
Als Sirius irgendwann begann, ein Lied anzustimmen, konnte er nicht umhin, selig vor sich hin zu grinsen und die Welt einfach schön zu finden. Nicht etwa, weil Sirius ein so begnadeter Sänger gewesen wäre, keineswegs, aber es stimmte ihn melancholisch und glücklich zugleich, wehmütig und euphorisch. Eine seltsame Mischung verschiedener Gefühle, die so wohl tat, dass sie beinah schmerzte und so weh tat, dass es beinah wieder schön war. Ja, eine äußerst eigenartige Komposition aus Empfindungen, wie sie nur ein sentimentaler Betrunkener empfinden kann, der sich an etwas erinnert, für dass er dankbar ist, es erlebt haben zu dürfen und anderseits trauert, weil es endet.

[i]„It´s not time to make a change
just relax, take it easy
you´re still young, that´s your fault
there´s so much you have to lern…â€


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. August 2007 20:17 
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IX. You can dance

„Dieser verfluchte Squib, dieser Mistkerl von einem Hausmeister!“, heulte Sirius und boxte gegen die Wand.
„Er hat uns tatsächlich die Karte abgezogen! Ich fass es einfach nicht. Ich kann´ s nicht glauben!“
Remus ging es ganz ähnlich. Wie viele Stunden hatte er damit zugebracht, in der Bibliothek nach dem passenden Zauber zu suchen? Wochenlang waren die vier Jungs damit beschäftigt gewesen, in Feinarbeit jeden verfluchten Korridor, ja, jedes erdenkliche Klo in ganz Hogwarts einzuzeichnen, und nun hatte sie dieser verkorkste Squib, der nie im Leben herausfinden würde, wie man ihr Meisterwerk gebrauchte, einfach einkassiert! Es war zum Heulen und Zähnefletschen, zum Ausflippen und gegen Stühle treten, und genau das tat Sirius gerade.
„Ich möchte die ganze Schule in die Luft jagen!“, verkündete er wütend. „Hauptsache, dieser Scheißkerl geht auch mit drauf!“
„Wir sollten sie uns zurückholen“, sagte James nun diplomatisch und packte Sirius an den Schultern, um zu verhindern, dass der sich sein Schienbein an einem besonders störrischen Pult zertrümmerte. „Es ist unser rechtmäßiges Eigentum. Da würde uns jeder Richter der Welt zustimmen.“
„Ich geh doch nicht wegen einer Karte vor Gericht“, knurrte Remus. „Außerdem ist die Sache so klar nun auch wieder nicht. Wir durften uns nicht außerhalb des Gemeinschaftsraums aufhalten und hatten ein Hilfsmittel dabei. Ich denke, es war wohl Filchs gutes Recht, sie einzukassieren, als vorbeugende Maßnahme sozusagen. Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht auch...“ entsetzt darüber bin, hatte Remus sagen wollen, doch Sirius schnitt ihm ungehalten das Wort ab. Mit einem Schlag waren sie alle wieder erschreckend nüchtern.
„Jetzt reicht´ s aber, Moony! Du kannst doch nicht auch noch Verständnis für diesen lumpigen Quälgeist haben! Ehrlich Mann, du hast wohl auch Mitleid mit dem Mehlwurm in deinen Frühstücksflocken.“
„Wenn es ein rechtschaffender Mehlwurm ist“, erwiderte Remus ähnlich zynisch, wie Sirius ihm begegnet war. „Eigentlich solltest du wissen, dass ich auch nicht gerade glücklich darüber bin. Du tust gerade so, als sei es nur deine Karte gewesen.“
„Das hab ich mit keinem Wort gesagt!“, fauchte Sirius. „Aber offenbar geht es hier jedem andern am Arsch vorbei, dass Filch uns gerade das Wertvollste abgezogen hat, was wir besitzen!“
„Pfft“, machte Remus kopfschüttelnd. „Tatze, du übertreibst. Sie ist weg. Ja, dumm gelaufen. Soll ich jetzt wochenlang schwarz tragen?“
„Wie kannst du nur so cool bleiben?"
„Habt ihr´ s jetzt?“, fragte James gereizt. „Schlimm genug, dass die Karte weg ist. Da müsst ihr euch nicht auch noch zanken wie zwei zickige Mädchen.“
„Zickige Mädchen?!“
„Beruhig dich, Tatze. War nur so´ n Spruch.... Was sagst du eigentlich dazu, Wurmschwanz....? Peter?“
Remus stutzte. Peter stand in einer Ecke vor dem Fenster und starrte in einen großen, mannshohen Spiegel mit schmucker Goldverzierung. In der Hand hielt er ein weißes Bettlaken, das offenbar zum Schutz darüber gelegen hatte.
„Bewunderst du dein Spiegelbild?“, fragte James abschätzig und rümpfte die Nase. „Hallo, Wurmschwanz? So schön bist du auch wieder nicht...“
Als Peter weder antwortete, noch die Augen von dem Spiegel wandte, tauschten die drei Jungs überraschte Blicke.
„Seine eigene Hässlichkeit wird ihn überwältigt haben“, mutmaßte Sirius achselzuckend und grinste vor sich hin.
Remus zog die Augenbrauen hoch und warf ihm einen rügenden Blick zu. „Musst du immer so fies zu ihm sein?“, fragte er leise.
„Bist heute in rebellischer Laune, was?“, Sirius rollte mit den Augen, während er sich Peter neugierig näherte. „Moony, die wandelnde Moralpredigt!“
Remus seufzte und ließ sich auf dem staubigen Fußboden nieder. Wenn Sirius mies drauf war, ließ man ihm am besten in Ruhe, sofern man nicht Lust hatte, auf´ s Übelste beleidigt zu werden. Und der Verlust ihrer heißgeliebten Karte würde wohl für eine Woche miese Laune sorgen.
„Was ist los, Wurmschwanz?“, Sirius packte Peter an der Schulter und schüttelte ihn leicht. „Was gibt´ s da zu sehen außer deiner Visage, hä?“
Als Peter sich umwandte, glaubte Remus, ihn kaum wiederzuerkennen. Sein sonst so gutmütiges Gesicht, stets dazu bereit, über einen Witz seiner Freunde zu lachen, war nun angespannt und starr, ja, beinah kantig und ungewöhnlich blass.
„Das ist ein Spiegel, Peter“, sagte Sirius in väterlich-besorgtem Tonfall. „Darin kann man sich sehen. Selbst Affen sollen in der Lage sein, das zu begreifen.“
„Ich weiß, was ein Spiegel ist!“, fauchte Peter und Remus erschrak über seinen schneidenden Tonfall. Doch mehr noch bestürzte ihn der Blick, mit dem Peter Sirius nun bedachte. Hätte er es nicht besser gewusst, Remus würde beinah meinen, so etwas wie Hass darin zu erkennen, aber das war lächerlich. Seine verschärfte Sinneswahrnehmung rund um Vollmond spielte ihm mal wieder einen Streich.
„Nun...“ Sirius grinste gelassen. Offenbar hatte er keinerlei Ungewöhnlichkeit an seinem Freund bemerkt. „Es beruhigt mich, dass du wenigstens nicht dümmer bist als ein Affe.“
„Dieser Spiegel zeigt dir die Zukunft!“, verkündete Peter feierlich und seine Augen huschten von Sirius zu James. „Gnadenlos!“
„Und?“, fragte James. „Schaffen wir unsere Prüfungen?“
„Doch nicht so unwichtiges Zeug!“, erklärte Peter ungeduldig. „Ich habe gesehen, was mit uns passieren wird. In ein paar Jahren.“
„Und was ist das so?“, wollte Sirius wissen. „Wird einer von uns Zaubereiminister?“
Peter sah ihn eine Weile an. Schließlich sagte er: „Nein, wohl kaum.“
„Ich möchte auch mal da rein gucken.“ Sirius stellte sich an Peters Seite und starrte in den Spiegel.
„Ich seh´ nur mich selber“, stellte er nach einer Weile des Herumstehens fest. „Das bedeutet wohl, in zehn Jahren seh´ ich noch genau so gut aus wie heute“, er grinste und drängelte Peter zur Seite, der seinerseits wiederum Sirius vom Spiegel fortzuschieben versuchte.
„Was soll das, Wurmschwanz! Könnte ich jetzt wohl auch mal?!“
Peter wurde rot und wich Sirius´ verständnislosem Blick aus, der es nicht gewohnt war, dass sich ihm jemand widersetzte; und Peter schon einmal gar nicht...
„Du...du solltest lieber nicht...da rein...“, stammelte der nun. „Vie...vielleicht zeigt er ja auch gar nicht die Zukunft....lass uns von hier verschwinden.“
„Was ist los mit dir, Wurmschwanz? Meinst du, ich glaub an diesen Mist? Lass mich reingucken, ich hab keine Angst. Meine Zukunft liegt in meinen Händen. Woher soll so ein blöder Spiegel wissen, was passieren wird?“
„Dann brauchst du ja auch nicht reingucken“, murmelte Peter kleinlaut. „Wenn du eh nicht dran glaubst.“
„Na und? Ich bin aber neugierig!" Und mit einem entschlossenen Schubser manövrierte Sirius Peter zur Seite und stellte sich vor dem großen Spiegel in Position. Ein Weile schaute er hinein, ohne eine Miene zu verziehen, doch dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er trat einen Schritt näher heran und seine Lächeln verwandelte sich in ein seliges Grinsen, dass Remus staunen ließ.
„Was siehst du?“, fragte er neugierig.
Sirius schien aus einer Art Trance zu erwachen; nur mit Mühe wandte er sich von seinem Spiegelbild ab und das selige Lächeln verschwand aus seinem hübschen Gesicht.
„Irgendwie glaube ich nicht, dass er uns die Zukunft zeigt.“
„Warum? Was hast du denn gesehen?“, wollte nun auch James wissen und näherte sich dem Spiegel. „Was Gutes?“
„Das ist meine Angelegenheit“, knurrte Sirius und ließ sich auf dem Boden nieder, doch Remus bemerkte, wie er James einen längeren Blick zuwarf, als der sich nun selbst vor dem Spiegel aufstellte.
James Gesicht blieb ausdruckslos, während er hineinschaute, doch als er sich mit einiger Mühe vom Spiegel losriss, schien er ein wenig durcheinander und Remus glaubte ihm seine kühne Behauptung, nichts gesehen zu haben, keineswegs. Doch weder James noch Sirius sahen annähernd so verstört und ängstlich aus wie Peter, der nun auf dem Boden hockte und an den Fingernägeln herumkaute.
„Du bist, Moony!“, sagte Sirius und drängte Remus in Richtung Spiegel.
„Ich möchte eigentlich nicht da hineinsehen“, murmelte dieser und bedachte das goldene Möbel mit einem skeptischen Blick. „Dass ich als arbeitsloser Werwolf enden werde, weiß ich auch so.“
„Ach, Moony“, sagte James sanft. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Nimm dir doch diesen ganzen Mist aus dem Propheten nicht so zu Herzen. Komm, riskier ´nen Blick!“
Remus zögerte, doch dann stellte er sich vor dem Spiegel in Position und schaute hinein. Erst sah er nur sich selbst, sein vertrautes Spiegelbild, aber doch klarer und deutlicher als je zuvor. So als habe er sich sein Leben lang in einem Spiegel aus Milchglas betrachtet. Lange, dünne Beine in einer ausgewaschenen Jeans mit abgeschürften Knien. Schmale Schultern in einem zu großen Pullover, der Sirius gehörte und sich wohl gestern Abend auf seinem Klamottenberg verirrt haben musste. Er war ziemlich schmutzig und noch immer mit einer feinen Staubschicht überzogen. Ein blasses Gesicht mit beinah durchsichtiger Haut, von hellbraunem Haar umrahmt, dass ihm wie so oft lästig in die Stirn fiel und von Amy gern zerwuschelt wurde, weil es, wie sie nicht müde wurde zu behaupten, so schön weich sei. Blasse Lippen, die jetzt angespannt wirkten, eine schmale Nase und braune Augen. Nichts besonderes. Ein ganz normaler Junge von Nebenan eben, überlegte Remus, der nur dadurch auffiel, dass seine Haut vermutlich in der Dunkelheit leuchten würde ... .
Remus blinzelte, als seine Gesichtszüge weicher wurden, kindlicher, hübscher und gesünder. Er schrumpfte und sah sich mit einem Mal seinem achtjährigen Selbst gegenüber, wie er es von Fotos kannte, die seine Mutter gern und häufig herauskramte, um in Erinnerungen zu schwelgen. Hinter ihm zeichneten sich die Wipfel hoher Nadelbäume im Mondlicht ab, ansonsten war alles dunkel. Nie wieder hatte Remus diese Lichtung betreten und doch erkannte er sie augenblicklich. Mit angehaltenem Atem sah er den Wolf in seinem Nacken, wagte nicht, sich umzudrehen und wartete gespannt. Dieser Spiegel, so verstand er nun, zeigte nicht die Zukunft, doch was zeigte er dann?
Remus blieb ungewöhnlich gelassen, als er sah, wie das riesige Ungeheuer, zum letzten, alles entscheidenden Sprung ausholte, um aus ihm einen seiner Art zu machen. Vielleicht weil er wusste, was geschehen würde, vielleicht, weil er nun selbst ein Wolf war und ihn der Anblick dieses Monsters nicht mehr ängstigte.
„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“, flehte er in seinen Gedanken. „Verschon mich! Bitte, verschon mich. Ich will kein Wolf werden, bitte!“
Erst ein Heulen aus weiter Ferne ließ ihn, ebenso wie sein achtjähriges Ebenbild zusammenfahren. Voller Verwunderung bemerkte er, dass der Wolf von dem kleinen Jungen abließ und wie von Sinnen in den Wald hineinpreschte, um dem Ruf seines Rudels zu folgen. Der Remus im Spiegel und der vor dem Spiegel sanken auf die Knie, voller Erleichterung und Dankbarkeit und beide brachen nun in Tränen aus.
„Danke!“, murmelte Remus leise. „Ich bin kein Wolf geworden. Ich bin ich.“

„Moony?“, Jemand hatte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter gelegt. „Du weinst ja.“
„Blödsinn!“, knurrte Remus und ärgerte sich über sich selbst und mehr noch über James, der nun hinter ihm aufgetaucht war und das Bild in dem Spiegel blasser werden ließ, weniger scharf, wie eine uralte Fotografie oder eine Szene aus einem Traum, an die man sich im Laufe des Tages immer schwerer zurück erinnern kann. Er wollte ihn noch ein bisschen anschauen, nur noch für ein Weilchen, den Jungen, der kein Wolf war; sich selbst, wenn das Schicksal ein klein wenig netter zu ihm gewesen wäre. Auf Knien rutschte er näher an den goldenen Spiegel heran, doch das Bild verblasste, bis es schließlich ganz verschwand. Er legte eine Hand an das Glas, so als hoffte er, hindurchschlüpfen zu können, aber es blieb kalt und fest.
„Moony!“, sagte James streng. „Jetzt hör auf, diesen Spiegel anzubeten!“
Remus wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und schämte sich in Grund und Boden, als er endlich aufstand.
„Rotz meinen Pulli nicht voll!“, mahnte Sirius, doch dann ließen sie ihn in Ruhe. Bei Remus war es nicht schwer, zu erraten, was er wohl gesehen haben mochte.

***

Remus hatte den Spiegel nicht vergessen können. In den nächsten Wochen spukte er ständig in seinem Kopf herum und er stellte sich immer wieder ein und dieselbe Frage: Wie wäre mein Leben abgelaufen, wenn mich der Wolf nie gebissen hätte?
Längst hatte er begriffen, was dieser Spiegel den Menschen, die es wagten, in ihn hineinzusehen, zu zeigen vermochte: Nicht mehr und nicht weniger als ihren tiefsten Herzenswunsch.
Einige Tage hielt er der Versuchung stand, doch dann suchte er das Zimmer im vierten Stock erneut auf. Und wieder und wieder. In jeder freien Minute. Um einfach davor zu sitzen und sich selbst dabei zu beobachten, wie er das Leben lebte, das ihm nicht vergönnt gewesen war und in Selbstmitleid zu versinken; eine Sache, die er beherrschte wie kein anderer.

„Guten Tag, Remus.“
„Professor Dumbledore!“ Remus sprang auf und lief augenblicklich rot an. „Ich weiß, ich hab hier nichts verloren ... . Entschuldigen Sie.“
Dumbledore winkte lächelnd ab und legte den Kopf schief.
„Hübscher Spiegel, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Remus schlicht. Er hatte ihn tatsächlich lieb gewonnen. Es war so, wie sich mit einem Freund über die gute, alte Zeit zu unterhalten und vor ihm zu sitzen und selig zu seufzen war zu einem seiner liebsten Zeitvertreibe geworden.
„Bestimmt hast du herausgefunden, was er uns zeigt?“, fragte Dumbledore und lehnte sich gegen die Fensterbank, um von dort aus Remus neugierig ins Visier zu nehmen. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort. „Weißt du, Remus, das Wunderbare, aber auch das Tückische an diesem Spiegel ist, dass er uns soviel über uns selbst erzählt. Dass, was wir uns wünschen, gibt in hohem Maße Aufschluss über unser Wesen. Manche Menschen sehen sich selbst, erfolgreich, mächtig und wohlhabend, andere sehen ihre Liebsten glücklich vereint. Wenige Glückliche sehen rein gar nichts und wieder andere schauen in den Spiegel und sehen sich jemandem gegenüber, der anders ist, als man selbst, vermeintlich besser ... glücklicher ... . Aber kann man das wissen?“
„Ja“, sagte Remus prompt. Und fühlte sich nicht zum ersten Mal, als würde Dumbledore ihn einfach so durchleuchten. „In meinem Falle...“, begann er zögerlich, da er eh zu wissen glaubte, dass Dumbledore ahnte, was er sah. „In meinem Falle ... da wäre der andere da im Spiegel auf jeden Fall besser.“
„Wir sollten uns nicht wünschen, jemand anderes zu sein.“
„Ich will ja nur ich sein!“, fuhr Remus dazwischen. „Ohne den beknackten Scheiß-Wolf!“
Dumbledore schmunzelte.
„Verzeihen sie, Sir“, murmelte Remus beschämt, doch Dumbledore winkte nonchalant ab.
„Wärest du dann du, wenn man dich nicht gebissen hätte, Remus? Wärst du dann ein so guter Freund, so zurückhaltend und bescheiden? Würdest du die Empfindungen anderer Menschen so präzise wahrnehmen können, wenn deine Sinne vor Vollmond nicht geschärft wären? Würdest du so verbissen und gewissenhaft arbeiten und so ehrgeizig für deine Prüfungen lernen, wenn dir eine gute Arbeit nach der Schule schon so gut wie gewiss wäre, wie vielen deiner Klassenkameraden? Nicht immer ist der leichtere Weg auch der bessere, Remus.“
„Wollen sie damit andeuten, dass ich froh sein sollte, ein Werwolf zu sein, Sir?“, fragte Remus mit einer Spur Angriffslust in der Stimme.
„Vielleicht“, antwortete Dumbledore ruhig. „Manchmal erschließt sich der Sinn von etwas erst sehr spät, gelegentlich erst dann, wenn wir sterben. Möglicherweise wirst du irgendwann froh darüber sein, vielleicht auch nicht. Ich hab dir schon einmal gesagt, dass uns kein Leiden und keine Krankheit zu einem Monster macht. Wenn du trotz deines Problems ein Mensch bleibst, Remus, dann kannst du darauf sehr stolz sein.“
„Jeder hat die Wahl, Sir. Ich, wie jeder andere, sich richtig zu verhalten, oder etwa nicht?“, murmelte Remus achselzuckend. „Wieso sollte mich das stolzer machen als irgendwen anders.“
„Für dich wird die Verführung immer größer sein, Remus“, Dumbledore seufzte leise. „Gerade jetzt. Für dich wird es noch so manchen Moment geben, in dem du dich entscheiden musst, so als gingest du von einer Weggabelung zur nächsten ...“
Remus dachte eine Weile über diese Worte nach und als er begriff, wie viel Wahrheit in ihnen steckte, wandte er sich an Dumbledore.
„Sir?“
„Ja, Remus?“
„Glauben Sie, dass ich immer den richtigen Weg wählen werde, Professor? Mein Leben lang?“
„Niemand kann das“, antwortete Dumbledore und sah ihn lange an. „Immer den richtigen Weg wählen. Aber ich glaube, dass du immer den Weg gehen wirst, der ein gutes Herz beweist, Remus. Natürlich wirst du kämpfen müssen ... . So wie wir alle im Grunde ...“
Remus schwieg einen Moment; schließlich platzte es aus ihm heraus: „Sie kämpfen gegen ihn, oder, Sir?“, fragte er unvermittelt. „Gegen Voldemort. Ist doch so, oder?“
„Ich - ich tue das, was in meiner Macht steht“, erwiderte Dumbledore nachdenklich. „Wir können alle nur tun, was in unserer Macht steht.“
Remus lächelte. „Dann kann die Zauberwelt ja zuversichtlich sein.“
„Danke, Remus“, sagte Dumbledore schmunzelnd. „Zuversichtlich sollten wir immer sein. Ich kann dir nichts mehr verbieten, denn du bist erwachsen und schon bald nicht mehr mein Schüler, aber erlaube mir einen Rat: Meide diesen Spiegel, Remus. Er gibt uns weder Wissen noch Wahrheit. Und es wäre doch schade, die letzten Wochen in Hogwarts damit zu verbringen, vor einem Spiegel zu hocken und sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn ... Niemand kann die Zeit zurückdrehen ... . Jedenfalls nicht, ohne ernstlichen Schaden zu nehmen.“
Remus nickte unmerklich. „Ich weiß, Professor“, sagte er traurig. „Aber es war nett, sich vorzustellen, dass es möglich wäre.“
„Träumen darf man immer“, erwiderte Dumbledore seufzend. „In unseren Träumen betreten wir eine Welt, die ganz und gar uns gehört. Nirgends sonst ist das möglich.“

Noch viele Jahre später, als er längst ein erwachsener Mann geworden war, erinnerte Remus sich gelegentlich an dieses Gespräch mit Professor Dumbledore zurück. Und wenn er daran dachte, wurde es warm in seinem Herzen, so als trüge er einen Talisman auf seiner Brust, der ihm wohldosiert immer ein wenig Kraft einflößte, wenn er sie gerade am Nötigsten brauchte.

***

Die vier erwartete am kommenden Morgen, den sie allesamt reichlich verschlafen antraten, eine gehörige Standpauke.
Allerdings fiel sie weitaus harmloser aus, als die Jungs es von ihrer Hauslehrerin gewohnt waren. Zu ihrer aller Überraschung machte sie nämlich erst einmal Filch zur Schnecke und schien ihr Pulver dabei schon weitgehend verschossen zu haben.
„Sie wagen es, mich zu stören, weil diese vier furchtbaren Lausebengel mal wieder nachts durch Schloss gewandert sind, Filch?“, fauchte sie und trat einen Schritt auf den verwirrten Hausmeister zu. „Ist das so? Wegen einer solchen Lappalie stören Sie mich bei der Arbeit?“
„Aber Professor ...“, stammelte Filch verstört, doch Mc Gonagall brachte ihn allein mit einem Blick zum Schweigen.
„Ich habe die Abschlussexamina für sieben Jahrgänge vorzubereiten, darunter ein ZAG - und ein UTZ - Jahrgang, ich habe meine üblichen Pflichten als Hauslehrerin und stellvertretende Direktorin zu erfüllen! Und als wäre all dies nicht genug, planen wir dieses Jahr seit langem noch einmal einen feierlichen Abschussball für die Schulabgänger, wie sie sehr wohl wissen. Ich muss Getränke ordern, Speisen bestellen und Lümmeln wie diesen vieren dort, das tanzen beibringen!“
James, Sirius, Remus und Peter tauschten leicht verwirrte Blicke und Sirius formte lautlos mit den Lippen das Wort „Tanzen?!“
„Jawohl, tanzen, Black!“ Die Frau, der einfach nichts entgehen wollte, wandte sich mit kreisrunden Stressflecken im Gesicht wieder an Filch. „Diese vier missratenen Kreaturen, die in sieben Jahren Schulzeit so wenig Anstand erlangt haben, dass ich ernsthaft an meiner Qualifikation als Pädagogin zweifle, sind in all dieser Zeit etliche Male beim nächtlichern Herumstreunen erwischt worden. Und jedes Mal habe ich mir Ihre Klagen angehört, Filch, und die Bengel angemessen dafür bestraft. Und nun, es fällt mir schwer, es zuzugeben, bin ich am Ende. Aus zwei Gründen schlage ich drei Kreuze, wenn diese Lümmel endlich die Schule verlassen: Meine eigenen Nerven werden geschont und Sie, Filch, stehen nicht mehr laufend bei mir im Büro herum. Verschwinden Sie jetzt, ich brauche meine Ruhe!“ Und mit diesen Worten knallte sie Filch die Tür vor der Nase zu.
„So, und nun zu Ihnen!“
Die vier machten unwillkürlich einen Satz nach hinten, beinah so, als trainierten sie eine etwas seltsam anmutende Tanzkoregraphie.
„Ich schäme mich, Ihre Hauslehrerin zu sein! Haben Sie denn in den vergangenen Jahren rein gar nichts dazu gelernt? Was fällt Ihnen ein, sich derart daneben zu benehmen? Filch hat behauptet, Sie laut singend über die Ländereien torkeln gesehen zu haben! Erst wollte ich es nicht glauben, aber jetzt rieche ich selbst, dass Sie gestern offenbar ins Dorf geschlichen sind, um sich hemmungslos zu betrinken!“
Remus schoss augenblicklich das Blut in den Kopf.
„Ganz recht, Lupin, ich hoffe, dass wenigstens Sie sich angemessen schämen. Und Potter, Sie sind Schulsprecher. Verstehen Sie das als Vorbildfunktion?“
„Nein, Professor“, murmelte James.
„Von nun an bis zum Beginn ihrer Abschlussexamina erwarte ich sie allabendlich in meinem Büro. Die Aufgaben verteile ich nach Bedarf und seien Sie sicher, dass es genügend für Sie zu tun geben wird.“
„Professor!“, funkte Sirius dazwischen.
Mc Gonagall sah aus, als würde sie ihm jeden Moment den Hals umdrehen, wenn er auch nur einen klitzekleinen Einwand hatte.
„Ich wollte doch nur fragen ... wir bekommen ´nen Abschlussball?“
„Nein, Black, Sie bekommen keinen Abschlussball, weder Sie, noch Potter, noch Lupin und auch nicht Pettigrew! Ihre Klassenkameraden hingegen, ja die werden mit einer feierlichen Zeremonie verabschiedet.“
„Aber Professor!“, James tat einen Schritt auf Mc Gonagalls Pult zu. „Das können Sie uns doch nicht antun!“
„So, Potter? Das kann ich Ihnen nicht antun? Wissen Sie eigentlich, was Sie mir in den letzten Jahren angetan haben? Sie – Sie haben ...“
„Ihnen den letzten Nerv geraubt?“, half James freundlich nach. „Wissen Sie, Professor. Wir vier sind Freunde seit unserem ersten Tag in Hogwarts.“
Mc Gonagall schnaubte entnervt. Das war nun wirklich keine Neuigkeit!
„Professor, es ist folgendermaßen.“ Remus stellte entgeistert fest, dass James´ Stimme ein klein wenig weinerlich klang. „Sirius, Remus, Peter und ich, wir haben die Schulzeit in Hogwarts gemeinsam bestritten, uns stets beigestanden, in guten wie in schlechten Tagen. Wir hatten eine Menge Spaß zusammen und haben auch eine Menge gelitten.“
Mc Gonagall schnaubte ungläubig und Sirius schniefte leise. Remus warf ihm einen verstörten Blick zu, den er mit einem knappen Grinsen beantwortete.
„Ja, gelitten!“, wiederholte James theatralisch. „Und nun hat diese Schulzeit ein Ende für uns. Die große, weite Welt außerhalb des Schlosses erwartet uns und der Krieg, der da draußen tobt, wird uns wahrscheinlich für immer voneinander trennen.“
Nun stimmte auch Remus in das leidende Seufzen seiner Freunde ein; nur Peter sah weiterhin vollkommen verwirrt aus, doch er war es gewöhnt, Sirius und James einfach mal machen zu lassen.
„Aber nicht doch!“, sagte Mc Gonagall weitaus freundlicher, als man es von ihr gewohnt war. „Warum sollten Sie nach Ihrer Schulzeit denn nicht mehr befreundet sein?“
„Sehen Sie, Professor, Sirius plant erst einmal ins Ausland zu gehen, und Remus, nun, der wird wahrscheinlich nehmen müssen, was kommt, wo auch immer ihn das Schicksal hinführt. Sie können sich ja denken, dass es nicht leicht für ihn wird ...“
Remus fiel es äußerst schwer, nicht aus der Rolle zu fallen und James an den Kragen zu gehen, doch er setzte ein möglichst betrübtes Gesicht auf und musterte verschämt seine Schnürsenkel.
„Und da dachten wir uns ... wir ... wir waren derart verzweifelt, weil wir womöglich für immer voneinander getrennt würden, dass wir noch ein letztes Mal ... . Professor, wir schwören, dass wir Ihnen in den verbleibenden Wochen hier in Hogwarts keinen Ärger mehr machen werden. Seien Sie nachsichtig ob unseres jugendlichen Leichtsinns.“
Remus kaute angestrengt auf seiner Unterlippe herum, um nicht laut loszuprusten. „Ob unseres jugendlichen Leichtsinns“ Das war einfach zu blöd!
„Nun hören Sie endlich mit diesem Katzengejammer auf, Potter!“, fauchte Mc Gonagall. „Das ist ja nicht zum Aushalten! Sie können auf den Ball gehen, aber nur unter einer Bedingung!“
„Und die wäre?“, fragte Sirius begierig.
„Sie vier tanzen mit ihren Partnerinnen den Eröffnungstanz! Und nun verlassen Sie in Merlins Namen mein Büro. Wir sehen uns heute Abend um acht, wo ich Ihnen die Anweisung für Ihre Strafarbeiten gebe!“

James und Sirius glaubten offenbar, einen großartigen Sieg errungen zu haben. Remus und Peter hingegen waren über die Tatsache, vor der ganzen Schule den Eröffnungstanz tanzen zu müssen, nicht gerade glücklich, im Falle von Peter sogar am Boden zerstört.

Oh, und Amy erst! Wütend war gar kein Ausdruck ...

„Sag mal, Lupin, tickst du eigentlich noch ganz sauber! Nur, weil ihr euch mal wieder nicht benehmen konntet, muss ich mich jetzt vor der ganzen Schule zum Affen machen, he? Ich KANN nicht tanzen, ich WILL nicht tanzen und ich tanze nicht. Damit basta! Such dir doch ne andere Dumme, die mit dir über´s Parkett hüpft, aber nicht mit mir!“
„Ach, und das würde dir gefallen? Wenn ich mit einer anderen den Eröffnungstanz tanzen würde?“, fragte Remus frech, hatte allerdings schützend die Arme über den Kopf gelegt, weil Amy ihm zuvor gnadenlos mit einem Kissen verprügelt hatte.
„Pffft, mir doch egal!“, schnappte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Lily, du machst da doch wohl nicht etwa mit?!“, fuhr sie ihre Freundin an und erweckte dabei den Eindruck, als würde sie bei einer anderen Antwort als Nein, vor Wut überkochen.
„Na ja, wir können die Jungs doch schlecht hängen lassen, nicht wahr, Amy?“, begann Lily sanft. „Natürlich haben Sie mal wieder großen Mist gebaut“, sie warf James einen wütenden Blick zu. „Aber ganz so verachte ich ihn da“, sie wies mit einer abschätzigen Geste auf ihren Freund, der ebenfalls leicht verstört aussah, „noch nicht, als das ich ihn an seinem letzten Abend hier auflaufen lassen möchte. Natürlich hätten sie es allesamt verdient, aber nein, Amy, das können wir ihnen nicht antun.“
„Hallo? Wir sind auch noch da! Also redet gefälligst nicht so über uns, als seien wir Luft!“, beklagte sich James. „Brecht ihr zwei euch einen Zacken aus der Krone, wenn ihr mit euren Freunden beim Abschlussball ein wenig tanzt?“
„Ein wenig?“, schnaubte Amy. „Ein wenig? Potter, ich glaube, es hackt gleich! Du weißt schon, dass die Dummen, die den Eröffnungstanz geben, das vor jedem verfluchten Stück tun müssen und doof dabei grinsen. Jeder Idiot sieht dir dabei zu und tuschelt über dich. Nö, ich mach da nicht mit, nicht mit mir!“
„Nicht mal für mich?“, fragte Remus leise und wagte einen Blick in Richtung seiner tobenden Freundin, die in den letzten fünf Minuten so herumgeschrieen hatte, dass der Gemeinschaftsraum nun vollkommen ausgestorben dalag.
Amy wirbelte herum und Remus, der zuvor ein wenig benommen vor sich hingegrinst hatte, machte eilig ein ernstes Gesicht und setzte seinen Hundeblick auf. „Süße, ich bin sicher, du tanzt wunderbar!“
Das war gelogen.
Remus glaubte nicht, dass Amy auch nur ein Hauch Talent zum tanzen besaß. Das konnte er an der Art sehen, wie sie sich bewegte. Nicht ungeschickt oder gar bauerntrampelmäßig, aber eben auch nicht sonderlich grazil. Eher knabenhaft, als sei sie mehr der Ballsport- als der Gymnastiktyp.
„Nein, tue ich nicht!“, fauchte sie und verließ mit großen Schritten den Gemeinschaftsraum, so dass die wehenden Falten in ihrem Umhang wütende Grimassen zu schneiden schienen.
„Sie tanzt mit dir, Remus“, sagte Lily lächelnd und sah ihrer Freundin hinterher. „Sie tut es nicht besonders gerne, aber sie würde dich nie hängen lassen.“
„Ich weiß." Remus seufzte. „Aber mir tut es leid, sie so zu quälen.“
„Tja, das hättet ihr euch wohl früher überlegen müssen.“Lily zuckte mit den Schultern, während Sirius auf seinem Ohr rumklopfte, als sei er plötzlich taub geworden.
„Deine Freundin ist eine verdammte Hysterikerin, Moony. Und jetzt sag mir nicht, du findest das hinreißend.“
„Sie beruhigt sich gleich wieder“, gab Remus zurück und erhob sich. „Ich werde mal nach ihr sehen.“ Und mit diesen Worten verließ er den Gemeinschaftsraum.

„Ich hatte erwartet, dass Moony so ein Drama veranstalten würde“, murmelte Sirius nachdenklich und sah Remus hinterher. „Aber er ist ja einigermaßen cool geblieben, obwohl er bestimmt nicht tanzen kann. Seltsam.“
„Vielleicht kann er ja tanzen“, warf Lily ein und lächelte.
„Im Leben nicht!“, James und Sirius prusteten los. „Moony kann nicht tanzen!“

Amy ließ Remus nicht hängen. Nur den Kopf und die Schultern am Abend ihrer ersten Tanzstunde in Hogwarts, an der sämtliche Siebtklässler teilnehmen mussten. Eröffnungstanztänzer hin oder her.
„Ich hasse dich!“, flüsterte sie Remus ins Ohr, als sie neben ihm auf den langen Bänken in der großen Halle Platz genommen hatte, die für ihre Übungsstunden bis auf einige Sitzreihen am Rande leer geräumt worden war. „Ich hoffe, das ist dir klar!
Kann ich es irgendwie wieder gut machen?“, fragte Remus und nahm versöhnlich ihre Hand in seine.
„Nein“
„Ach, Süße ...“
„Und außerdem bin ich beleidigt! Das sind auch unsere letzten Wochen hier zusammen im Schloss und du hast nichts besseres zu tun, als die Abende mit Strafarbeiten bei der Mc Gonagall zu verbringen, weil du dich mal wieder nicht zusammenreißen konntest. Na ganz toll, Remus. Vielleicht hätte ich auch gern noch ein bisschen Zeit mit dir verbracht!“
„Ja ... Das tut mir leid“, flüsterte Remus zurück. „Aber wir haben ja die Nachmittage für uns.“
„Da lernst du immer!“
„Du auch.“
„Weil du es mir befohlen hast.“
„Weil du sonst durchfällst.“
„So blöd bin ich auch wieder nicht!“
„Das habe ich nie gesagt! Aber für seine Abschlussprüfungen muss jeder ein bisschen lernen. Wenn du magst, machen wir morgen Nachmittag vor meiner Strafarbeit etwas gemeinsam. Nur du und ich, ein kleiner Spaziergang, das wäre doch schön, nicht? Ich zeig dir ein wenig vom Schloss.“
„Ich bin hier selbst sieben Jahre zur Schule gegangen.“
„Aber eine Rumtreiberin bist du nicht.“
„Zum Glück bin ich keine! Zum Glück ist mein Kopf nicht nur mit Holzwolle gefüllt!“
„Bitte erheben Sie sich und suchen sich eine Partnerin!“, rief Mc Gonagall über die Köpfe der Schüler hinweg.
„Darf ich bitten?“, fragte Remus lächelnd und reichte Amy einen Arm.
Amy schmollte offensichtlich. „Pah, tanz doch mit Mary-Ann Lloyd!“
„Wenn du dafür mit Olsen tanzt, liebend gern“, gab Remus zurück. „Und nun vergiss für die nächste halbe Stunde, dass du mir gern die Ohren auf den Hintern hexen würdest und sei ein folgsames Mädchen.“
„Red nicht mit mir, als sei ich geistig unterbelichtet!“, zischte Amy, als Remus sie auf die Tanzfläche führte.
„Das Problem ist, wenn du beleidigt bist, kann ich mit dir reden, wie ich will“, gab Remus zurück und legte einen Arm um die Taille seiner unwilligen Freundin. „Du regst dich über alles auf, was ich sage.“
„Dann halt doch einfach die Klappe“, flüsterte Amy zurück und stellte sich in Position.
Remus seufzte leise und zog Amy ein Stückchen näher zu sich heran. „Du riechst gut, Süße“, raunte er ihr ins Ohr und schnupperte für einen Augenblick an ihrem Haar. „Hmmm!“
Amy ignorierte ihn.
„Und nun schauen Sie bitte auf mich und Mr Paddymond!“, forderte Mc Gonagall.
Mr Paddymond war ein eigens engagierter Tanzlehrer aus London, der eine sehr enge, apricotfarbene Leggins trug und sich trotz seines einigermaßen fortgeschrittenes Alters, sicher hatte er die 40 längst überschritten, äußerst grazil bewegte.
„Hee, Moony!“, zischte Sirius, der neben ihm und Amy mit einer sehr hübschen, blonden Ravenclaw stand, um die er besitzergreifend einen Arm gelegt hatte. „Ist der schwul?“
Remus zuckte mit den Schultern und ehe er etwas erwidern konnte, hatte Mr Paddymond das Wort ergriffen, was Sirius´ Frage augenblicklich beantwortete. Er war so schwul, wie Remus ein Werwolf, Dumbledore der größte Zauberer aller Zeiten und Snape fetthaarig, der sich übrigens in der hinterletzten Ecke mit einer missmutigen Slytherin versteckt hatte. Niemand konnte sagen, wer von beiden unglücklicher aussah und dem Merlin sei Dank hatte Lily ein Auge auf James, so dass dieser der Versuchung widerstehen musste, in ihre Richtung zu tanzen, um den beiden das Leben noch ein wenig schwerer zu machen.
Der warme Endvierziger legte nun eine Platte auf das Grammophon, verneigte sich vor Professor Mc Gonagall in einer traditionellen Verbeugung und bat sie zum Tanze.
„Bitte, meine Herren, seien Sie doch so gnädig und erweisen Sie ihrer Herzensdame in ähnlich graziöser Weise die Ehre!“, forderte er, woraufhin nicht wenige in verhaltenes Gelächter ausbrachen.
„Also gut ...“, murmelte Remus, der ein paar unsichere Blicke über seine Schulter schickte. Niemand seiner Klassenkameraden achtete auf ihn und Amy; alle waren mit sich selbst beschäftigt. Er verneigte sich so, wie er es bei Mr Paddymond gesehen und schaute Amy fragend an.
„Das war nicht sehr graziös“, tadelte sie lächelnd. „Aber ich lasse es mal so durchgehen.“

Bald mussten sie schon einige Schritte einüben und Remus fand, dass er sich ganz tapfer schlug, während Amy, nun, er hatte es befürchtet, keinerlei Talent für die Tanzerei besaß. Er selbst hatte als Kind gelegentlich mit seiner Mutter tanzen müssen. Serena war als junges Mädchen leidenschaftlich gern tanzen gegangen, aber sein Vater ... nun, der hielt rein gar nichts von diesem „schwulen Rumgehopse“ und nicht ein einziges Mal in ihrer Ehe hatte er Serena den Gefallen getan, sie zum Tanz auszuführen, so dass Remus hin und wieder für seinen Vater einspringen musste, wenn Serena es allzu sehr in den Fingern, oder besser gesagt, in den Zehen juckte. Als kleiner Junge war er dann auf ihre Füße gestiegen und so hatte er eine Menge gelernt, was auch von James, Sirius und Peter mit erstaunten, ja, beinah ehrfürchtigen Blicken quittiert wurde.
Auch Amy war mehr als verwundert. „Du kannst ja tanzen, Remus!“, flüsterte sie und machte große Augen. „Da werde ich ja noch blöder neben dir aussehen.“
„Mach dir keine Gedanken. Du lernst das auch noch“, behauptete er lächelnd, glaubte jedoch selbst nicht so recht daran, nachdem Amy ihm nun bereits zum siebten Mal auf den Fuß getreten war.
„Autsch!“
„Tut mir leid, Remus, tut mir wirklich leid!“
„Kein Problem ...“, murmelte Remus und seufzte in sich hinein. „Für deinen ersten Tag machst du das wunderbar!“
„Ach du heiliger Merlin, Sie beide dahinten, ja, hören Sie denn die Musik überhaupt nicht!“
Remus brauchte eine endlos lange Weile, um zu begreifen, dass Mr Puddymond ausgerechnet ihn und Amy im Visier hatte.
„Na, na, junge Dame!“, rief er empört und rauschte in seinem seltsam tänzelnden Gang auf die beiden Unglückseligen zu. „Tanzen ist Leidenschaft, Tanzen ist Extase! Körperbeherrschung in Reinform, wie ein sexueller Akt nur ohne Geschlechtsverkehr! Ich habe selten jemanden gesehen, der sich so steif bewegt wie Sie, junges Fräulein!“
Remus hatte großes Mitleid mit Amy und fühlte sich unendlich schlecht, als der Tanzlehrer die beiden voneinander trennte. „Tanzen ist gelegentlich auch Schauspielerei. Nur weil sie beide einander nicht mögen, muss das nicht bedeuten, dass sie nicht innig miteinander tanzen können.“
„Wir sind ein Paar!“, sagte Amy empört. „Und mögen einander sehr wohl, ja!“
„Ohhh!“, machte Mr Paddymond. “Nun, für mich sah es so aus, als herrschte zwischen Ihnen beiden eine leicht angespannte Stimmung. Sie können ihrem Freund doch unmöglich mit Absicht so oft auf die Füße getreten sein!“
Amy wurde scharlachrot und Remus konnte ihr das sehr gut nachfühlen. „Sie ist mir gar nicht auf die Füße getreten“, sagte er energisch. „Das ... das sah nur so aus!“
Der Tanzlehrer lächelte verständnisvoll und klatschte dann in die Hände. „Nun gut, kommen Sie her. Na, keine falsche Scheu, kommen Sie her!“
Amy warf Remus einen hilfesuchenden Blick zu und machte dann einen zaghaften Schritt auf Mr Puddymond zu.
„Nein, doch nicht Sie!“, rief dieser nun empört und wedelte mit beiden Händen wie ein aufgeschreckter Kolibri. „Ich meine, den jungen Mann an ihrer Seite. Borgen Sie mir den für ein Weilchen aus?“
„Nein!“, sagte Amy prompt und wurde vor Schreck ganz bleich. Sie kannte Remus lange genug, um zu wissen, dass er nicht von einem schwulen Tanzlehrer mit Glanzleggins vor der gesamten Jahrgangsstufe übers Parkett gewirbelt werden wollte.
„Ach, nun seien Sie doch nicht so!“, kicherte Mr Puddyfood. „Ich bringe Ihnen Ihren Süßen vollkommen unbeschadet zurück.“ Und mit diesen Worten hakte er sich bei Remus unter und schleifte ihn in die Mitte der Tanzfläche. Remus litt Todesqualen und seine Mitschüler, allen voran James und Sirius, grölten vor Lachen. Amy boxte Sirius ordentlich in die Rippen, der daraufhin augenblicklich verstummte.
„So, und nun die Hand an meine Taille, Junge!“, forderte der Tanzlehrer vergnügt.
Remus schüttelte stumm den Kopf.
„Ach, jetzt zieren Sie sich doch nicht so, junger Mann!“
Remus wich empört einen Schritt zurück und in eben diesem Augenblick rief Mc Gonagall: „Die Stunde ist beendet!“

Sie hatte Remus das Leben gerettet, denn ihre Tanzstunde wäre erst in zehn Minuten vorbei gewesen und Remus konnte kaum in Worte fassen, wie dankbar er ihr war. Nein, das hätte er nicht überlebt. Da wäre er ja lieber in Sirius violetter Leibwäsche durchs Schloss gelaufen, natürlich nicht, wenn dieser seltsame Tanzlehrer anwesend war, nein, dann nun wirklich nicht.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 5. September 2007 18:12 
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Eigentlich ist das nachfolgende Kapitel NICH jugendfrei, liebe Remus. Aber ich hoffe mal auf die nötige sittliche Reife deinerseits, um es zu verkraften . :mrgreen:
Ich handle verantwortungslos ... dafür werd ich in der Hölle schmoren ... :oops::twisted::oops:


X. Im Besenschrank

Remus hatte sein Versprechen gehalten, mit Amy am kommenden Nachmittag ein wenig durchs Schloss zu spazieren und ihr möglichst viel von dem zu zeigen, was einer Nicht-Rumtreiberin wohl ansonsten auf ewig verwehrt geblieben wäre.
„Sag mal, Remus“, begann sie irgendwann, „wohin gehen wir eigentlich genau? Ich kenne diesen Korridor hier, und den davor kannte ich auch und den davo-„
„Und kennst du diesen hier auch?“, fragte Remus und lächelte sein hinterhältigstes Rumtreiberlächeln. „Oder bist du noch nie auf die Idee gekommen, hinter dieses Portrait zu schauen, weil du, wie die meisten hier, einfach blind durch´s Schloss läufst?“
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes ließ Remus ein gewaltiges Portrait zur Seite schwingen, dass eine dicke, schlummernde Hexe zeigte, von der weitläufig angenommen wurde, dass es sich dabei um Helga Hufflepuff handelte.
„Wow!“, Amy staunte, als sich ein sonnendurchfluteter Korridor vor ihnen auftat, der mit kunstvollen Stuckwänden verziert war. „Hier war ich ja noch nie in meinem ganzen Leben!“
„Nun“, Remus grinste über ihre Begeisterung. „Ich denke, diese Gegend des Schlosses kennen nur die Wenigsten.“ Er machte vor einer dunklen Flügeltür halt, die mit üppigen Schnitzereien geradezu überhäuft worden war. „Das hier ist übrigens das Musizierzimmer. Falls du Lust hast, mal ´nen Blick reinzuwerfen?“
„In Hogwarts gibt´ s ein Musizierzimmer?“
Remus zuckte mit den Schultern. „Offenbar. Moment - lass mich kurz überlegen ...“ er zog in gespielter Nachdenklichkeit die Stirn kraus, bis seine Miene sich schließlich freudig erhellte. „Wusst ich´s doch! Irgendwo in meinem Gedächtnis war da was ... Fenoglio!“
Mit diesem Wort sprang die hohe Holztür auf und Amy spähte neugierig herein. „Wahnsinn! Woher kennst du das Passwort? Wie kommt man auf so was?“
„Nun“, Remus schmunzelte und schritt hinter Amy in den großzügigen, holzgetäfelten Raum. „Es gibt genau zwei Möglichkeiten. Die erste heißt James, die zweite Sirius.“
„Verstehe“, sagte Amy grinsend und sah sich staunend um. Die Fensterfront war riesig und einzig ein paar weiße Schals schützten ihre Augen vor dem hellen Licht der Abendsonne, die sich auf dem blankgewienerten Parkettboden beinah spiegelte. Die Decke war hoch und ebenfalls stuckverziert. Amy reckte ihren Hals, um all die vielen kleinen Engelchen und Ornamente und den gewaltigen Kristallkronleuchter anschauen zu können. Inmitten des Saals stand ein einziger, gigantischer schwarzer Flügel mit einem löwenfüßigen Hocker davor.
„Total krass!“, bemerkte Amy anerkennend.
„Ja, find´ ich auch. Bestens geschützt vor Schülern, die an die Wände kritzeln und Tintenfässer explodieren lassen.“
„Glaubst du, die Lehrer kennen diesen Saal überhaupt?“, fragte Amy, während sie sich auf dem Klavierhocker niederließ.
„Dumbledore bestimmt“, mutmaßte Remus und setzte sich neben sie. „Spielst du Klavier?“
„Was ich?“, Amy lachte. „Ich bin so was von unmusikalisch, dass mein Dad mal die Führung zur Aufsicht magischer Geschöpfe um Hilfe gerufen hat, als ich unter Dusche gesungen habe. Er dachte, es sei eine verirrte Todesfee oder so was.“
Remus grinste. „Hätte ich mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen können.“
„Dann frag doch nicht so blöd ...! Warte, mal ...“, Amys Blick klärte sich und sie lächelte gefährlich. „Aber du spielst Klavier!“
„Wa- ich? Nein, nein, überhaupt nicht, ganz und gar nicht.“
„Remus?“, sagte Amy drohend. „Du lügst so schlecht, dass es peinlich ist.“
„Meine Mum ... die kann es, ja, aber ich? Nein ... keineswegs ...“
„Du hast es von ihr gelernt.“
„Nein ... also nicht wirklich, ein paar Lieder vielleicht, jedenfalls nichts Großartiges.“
„Ich will´s hören.“
„Nein! Auf keinen Fall. Ich spiele nicht, wenn jemand zuhört ... unter gar keinen Umständen.“
„Auch nicht für mich?“, fragte Amy und kletterte auf seinen Schoß.
„Nein, Amy. Nicht einmal für dich. Das ist mir peinlich.“
„Aber ich hab dir doch gerade verklickert, dass ich total unmusikalisch bin. Du könntest jeden zweiten Ton verhauen und ich würd´ s nichts hören.“
„Ja, schon ... .Aber trotzdem! Ich will nicht.“
„Du weißt, dass ich dich so lange nerve, bis du nachgibst.“
Remus lächelte. „Ja, ich weiß. Du gibst nie Ruhe ...“
„Also spiel!“
„Und du lachst mich auch nicht aus?“
„Remus, du nervst!“
„Wirklich nicht?“
„Schatz ... nun ist genug!“, Amy setzte sich wieder neben ihn und nickte ihm aufmunternd zu. „Was ist? Muss ich etwa weggucken?“
„Ja ... das wäre mir lieb.“
Amy stöhnte und schaute in Richtung Fenster. „Los jetzt, Lupin, oder ich kleb dir deine Finger mit ´nem Dauerklebefluch auf die Tasten!“
Remus seufzte und räusperte sich. „Okay ... hmmm, das Lieblingslied meiner Mum.“
Amy wartete ein Weile, doch nichts geschah. „ Jetzt spiehiel!“
Sie wollte ihm gerade auffordernd in die Rippen boxen, als Remus zu spielen begann und Amy den Atem anhielt. Ja, sie war möglicherweise komplett unmusikalisch, doch dieses Lied verursachte selbst bei ihr eine leichte Gänsehaut und sie schauderte, während sie die Augen schloss und versuchte, jeden einzelnen Ton in sich aufzunehmen. Als Remus aufhörte, hätte sie am liebsten geheult.
„Das war das traurigste Lied, was ich je gehört habe.“
„Gloomy Sunday.“
„Und es ist das Lieblingslied deiner Mum. Warum?“
„Keine Ahnung?“ Remus zuckte mit den Schultern. „Eigentlich spielt sie immer so traurige Sachen.“
„Warum?“
„Nun ... ich denke, weil sie traurig ist.“
„Warum?“
Remus seufzte. Ein Kind zu haben, konnte kaum schlimmer sein. „Weil mein Vater sie nicht gerade nett behandelt, weil er sie nicht so liebt, wie sie es verdient, weil sie zu einer seltsamen Randexistenz verdammt ist, als Muggel in einer Welt, mit der sie nichts anfangen kann. Und ... meinetwegen.“
„Sie sollte deinetwegen nicht traurig sein“, sagte Amy schlicht.
„Ich wäre auch nicht gerade froh, wenn mein Kind ...“
„Ja, aber sie sollte glücklich darüber sein, einen so wundervollen, warmherzigen und großartigen Sohn wie dich zu haben. Das ist mehr, als eine Mutter sich wünschen kann.“
Remus lief hellrosa an, während er auf die Tasten starrte. „Sie ... sie ist ja auch stolz auf mich ... . Aber es ist doch ziemlich deprimierend, wenn der einzige Lichtblick in deinem Leben dein Sohn ist ...“
„Warum liebt dein Dad sie nicht?“, fragte Amy sanft.
„Keine Ahnung ... . Ich denke, er kann nicht richtig lieben. Er ist dazu gar nicht in der Lage, will die Menschen nur besitzen, ihnen Vorschriften machen ...“
„Das glaub´ ich nicht. Dich liebt er sicher.“
„Weiß nicht ... Ist mir auch egal“, brummte Remus grimmig. „Bestimmt liebt er auch meine Mum auf irgendeine Art, aber längst nicht so sehr, wie sie ihn liebt. Er ist die Liebe ihres Lebens. Sie sagt noch heute, er oder kein anderer ... . Ziemlich irre.“
„Wieso irre?“, fragte Amy. „Wenn er halt die Liebe ihres Lebens ist.“
„Aber er behandelt sie schlecht!“, sagte Remus ärgerlich. „Das kann dann ja wohl nicht die Liebe ihres Lebens sein!“
„Manche Frauen möchten so was ...“, begann Amy. „Sie-“
„Ach, das ist doch komplett bescheuert! Niemand kann so was wollen ... ! Sich von einem Mann derart abhängig machen ...“
„Doch! So was gibt´s!“, beharrte Amy. „Viele Frauen wollen starke Männer, die einem sagen, wo´s lang geht.“
„Wenn es ein Zeichen von Stärke sein soll, seine Frau zu unterdrücken, dann will ich nicht stark sein“, sagte Remus bestimmt. „Ich jedenfalls möchte nie so werden wie mein Vater.“
„Das wirst du auch niemals“, versprach Amy und lächelte. „Da könnte ich drauf schwören.“ Sie streichelte ihm zärtlich über die Wange. „Kannst du noch ein Lied spielen, bitte?“
„Nein.“
„Bist du jetzt traurig?“
„Nein, nein.“ Remus schüttelte lächelnd den Kopf. „Überhaupt nicht. Aber ich finde, das Klavier kann das auch ganz gut ohne mich.“ Er zog seinen Zauberstab und tippte leicht auf den Korpus des Flügels, der daraufhin ganz alleine und wie von Zauberhand zu spielen begann.
„Bald ist schon unser Abschlussball, Amy“, begann er.
„Ich weiß.“, sagte Amy langsam.
„Wir müssen da den Eröffnungstanz geben.“
„Das hab ich nicht vergessen, Remus ... Worauf willst du hinaus?“
„Nun“, Remus grinste sein mörderisches Rumtreibergrinsen und erhob sich. „Darf ich bitten?“
„Wa- nein, Remus! Ich möchte eigentlich nicht ...“
„Das hatte ich befürchtet.“ Remus nahm Amy bei der Hand und zog sie hoch. „Und deswegen sind wir hier.“
Amy starrte ihn ungläubig an. Remus hatte dieses unglaubliche Talent, jede Überraschung wie einen verrückten Zufall aussehen zu lassen. Dieser Ausflug ins Musizierzimmer war Teil eines wahnsinnigen Planes, einer irrwitzigen Idee: Sie sollte tanzen lernen!
„Ich ...ich hab jetzt wirklich keine Lust dazu, Remus. Die Tanzstunden mit diesem Puddymond genügen mir vollkommen und-“
„Ach, jetzt komm schon, Amy! Gib mir deine rechte Hand und die andere legst du auf meine Schulter. Ja, genau so. Das machst du toll, Amy.“
„Aber ich mach doch gar nichts ...“
„Siehst du! Selbst beim Nichtstun bist du wunderbar! Und jetzt sieh mich an ....! Hey, lenk mich nicht ab ...“, murmelte Remus zwischen zwei wilden Küssen. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“
„Du bist wirklich streng.“
„Das muss ich als Lehrer auch sein. Sieh mich an! Auf drei gehst du mit deinem rechten Fuß einen Schritt zurück, wie wir es gelernt haben. Okay?“
„Oh ...also gut...“, murmelte Amy und starrte auf ihre Füße.
„Sieh mich an!“
„Ja ...ja, schon gut ... Sag mal, Remus, was ist das eigentlich für ein Lied?“
„Ein Walzer. Bereit? Also - 1 - 2 ... Ja, Amy, das war die zwei. Jetzt das gleiche noch mal mit dem rechten Fuß und auf drei, okay?“
„Wieso auf drei? Warum nicht auf zwei oder auf fünf oder auf zwö-“
„Achtung! 1- 2- 3 ... Nach hinten, Amy! Autsch ... das war mein Fuß!“
„Tut mir leid ...“, Amy ließ traurig den Kopf hängen. „Ich kann so was einfach nicht ...“
„Red keinen Unsinn, Süße!“, Remus gab ihr einen Kuss und stellte sich dann wieder in Position. „Wir versuchen´ s einfach noch mal: 1 - 2 - 3 ... Amy .... bitte mit rechts!“
„Warum nicht mit links?“
„Auf drei mit dem rechten Fuß nach hinten. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?“
„Ich hab das schon kapiert, aber mit der Umsetzung hab ich Probleme ...“
Remus lachte schallend. „Okay, ein neuer Versuch. Konzentrier dich! Sieh mich an!“ Er räusperte sich und nickte Amy zu: „1 - 2 – 3 ... Siehst du, das klappt doch wunderbar! Und jetzt mit links zur Seite, ja, genau, Amy, das wird schon... Ohh ... jetzt sind wir raus ...“
„Das hat doch überhaupt keinen Sinn!“, rief Amy wütend. „Ich - kann - nicht - tanzen – und - finde – tanzen - dämlich!“
Remus legte seine Stirn an ihre und sah ihr fest in die Augen. „Ich lasse dich nicht gehen, ehe du es nicht wenigstens versucht hast. Hör auf die Musik! Kannst du sie hören?“
„Ja klar ...“
„Und jetzt schließ die Augen!“
„Remus, das ist doch ... total durchgeknallt! Ich komm so mir albern vor!“
„Du benimmst dich wie eine Dreijährige! Ich dachte, du seiest risikofreudig, spontan, offen für Neues und so weiter ...“
„Bin ich ja auch!“, sagte Amy trotzig.
„Gut, dann stell dich auf meine Füße!“
„Was?“
„Jetzt mach schon. Stell dich auf meine Füße!“ Er zog Amy sanft zu sich heran und sie stieg zaghaft auf seine Füße. „Genau. Und nun pass auf.“
Remus wollte gerade einen Schritt nach vorne tun, als Amy das Gleichgewicht verlor und hinten über stürzte; allerdings nicht ohne zuvor ihre Hände in seinem Umhangkragen festzukrallen und ihn damit ebenfalls zu Boden zu reißen.
„Tut mir leid!“, murmelte sie kleinlaut. „Das wollte ich nicht!“
„Ich bin ja gut gelandet.“, sagte Remus lachend. „Aber wie sieht´s mit dir aus? Hast du dir weh getan?“
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht ... . Du drückst mir all meine Nerven ab.“
„Oh...“, Remus wollte sich eilig erheben, doch Amy schlang rasch ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zurück. „Bescheuerte Aktion.“
„Kannst du laut sagen ... Hast du dir ehrlich nix getan?“
Amy schüttelte den Kopf und küsste ihn, während Remus sich auf den Rücken drehte, so dass sie nun auf ihm lag. „So ist es besser, oder?“
„Ja“, keuchte Amy. Dann brachen sie beide in schallendes Gelächter aus.
„Total irre...“, japste Amy unter Tränen. „Wenn uns einer gesehen hätte ...“
„Hmm ...“, machte Remus und wurde mit einem Mal unruhig. Seine Gedanken kreisten gerade um etwas weitaus Peinlicheres. Dies war keine günstige Position ... für einen Mann ...unter einer Frau ..., deren bloßer Anblick ihn schier wahnsinnig machen konnte ... Und Amy musste es allmählich auch bemerken ... .
„Könntest du bitte...von mir runter?“
„Werd ich dir zu schwer?“
„N- nein, das ist es nicht.“
„Was ist es dann?“
„Amy...“
„Aber Remus.“, flüstere Amy leise und benetzte seinen Hals mit Küssen. „Was ist denn daran schlimm?“
„Alles! Wir ...wir liegen hier auf dem Boden und ... und ... Hör bitte auf damit!“
„Ich denk ja gar nicht dran!“, flüsterte Amy und schob ihren Arm zwischen sie, um sich an seinem Gürtel zu schaffen zu machen.
„Amy ... bitte ... nicht hier .. .nicht jetzt!“
„Warum? Ich finde, das ist genau der richtige Zeitpunkt.“
Remus unternahm einen halbherzigen Versuch, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, doch Amy hielt ihn resolut zurück, während ihre Hand in seiner Hose verschwand.
„Amy!“
„Schhhht!“, Amy stockte und presste ihre Hand auf seinen Mund. „Da kommt jemand!“
„Scheiße!“, fluchte Remus laut.
Amy sprang auf und half ihm hoch, dann zerrte sie ihn zu einer Tür neben dem großen Flügelportal und schubste ihn hinein. Mit wild pochendem Herzen glitt Remus an der Wand der dunklen Kammer hinunter und hielt den Atem an.
„Was glaubst du, wer das ist?“, raunte Amy von irgendwo neben ihm.
„Keine Ahnung ...“, Remus lauschte angestrengt, doch das Geklimper des Flügels übertönte alles.
Plötzlich hörten sie langsame Schritte und die Musik verstummte.
„Filch ist es jedenfalls nicht ...“, flüsterte Remus. „Der würde den Flügel nicht abstellen können.“
Er hörte Amy neben sich rascheln und stellte mit Entsetzen fest, dass sie sich an der Tür zu schaffen machte.
„Was in Merlins Namen treibst du da!“ Remus packte sie hinten am Umhang und zerrte sie fort. „Deine Neugierde bringt dich eines Tages noch um Kopf und Kragen!“
„Pschht!“, machte Amy ungeduldig. „Hörst du, er geht wieder. Und ich weiß nicht mal, wer´ s war...“, fügte sie bedauernd hinzu.
„Wen interessiert das?“ Remus stöhnte leise. „Hauptsache, er ist wieder weg. Komm, lass uns abhauen!“
„Na du bist mir ja ein toller Rumtreiber!“, fauchte Amy. „Wer auch immer es war, er wird sicher vor der Tür Wache schieben.“
„Und was tun wir jetzt?“
„Na, warten! Was machst du da?“
„Licht.“
Remus hockte auf dem Boden und hielt eine Hand voller Flammen, wie es schien. „Oh, hübsch hier“, sagte er grinsend und sah sich um. Offenbar hatte es die beiden in eine Art Abstellkammer verschlagen. Sie saßen in einem Chaos aus zertrümmerten Musikinstrumenten, Notenständern, Pergamentrollen, staubiger Bücher und einer Menge Schmutz. Remus ließ die magischen Flammen von seiner Hand auf die Dielenbretter gleiten, wo sie munter weiter prasselten und die Kammer in ein schauriges Licht tauchten.
„Nicht wirklich gemütlich“, stellt Amy fest und lächelte gequält. Dann schwiegen sie, ein endlos langes, beschämtes Schweigen. Remus hatte das Gefühl, irgendetwas zu der Sache sagen zu müssen, mit der sie gerade beschäftigt gewesen waren, bevor sie gestört wurden. Doch er wusste nicht, wie man über so etwas sprach und er hatte keine Ahnung, was Amy darüber dachte. Offenbar wollte sie es, aber konnte er sich da wirklich sicher sein? Und was war eigentlich mit ihm selber? Natürlich wollte er! Doch er hatte auch Angst, Angst sich zu blamieren, etwas falsch zu machen, sich dumm anzustellen ... . In diesem Moment ärgerte es ihn, dass er Sirius nicht aufmerksamer gelauscht hatte, wenn er davon erzählte... Möglicherweise war das ein oder andere Brauchbare dabei gewesen. Amy rückte ein wenig näher zu ihm hinüber und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Remus nahm sie in den Arm und streichelte ihren Rücken, während er angestrengt darüber nachdachte, was ein Mann in seiner Situation wohl üblicherweise tat. Er hatte die verrücktesten Geschichten darüber gelesen. Von Männern, die ihre Frauen einfach packten, zu Boden warfen und die ganze Nacht lang liebten, davon, dass es die größte Erfüllung sei, ein unbeschreiblich tolles Gefühl der Zusammengehörigkeit hervorrief, dass es sich anfühlte, wie fliegen, nur besser (das hoffte er inständig, denn Fliegen war nicht gerade sein Ding). Doch nie hatte jemand etwas Brauchbares darüber geschrieben, wie man diese Sache eigentlich anfing!
„Remus?“
Er schrak zusammen.
„Oh, hast du geträumt?“
„Ein bisschen ...“
„Wie lange sind wir jetzt zusammen?“
Remus lächelte. „Ein Jahr, einen Monat, drei Wochen und einen Tag!“, sagte er prompt.
„Kann sein. Und findest du nicht, dass das schon recht lange ist?“
„Nun, das liegt im Auge des Betrachters. Ein Jahr ist im Leben eines Zauberers keine sonderlich lange Zeit. Und verglichen mit dem Alter unserer Erde sogar ein Witz, ein Wimpernschlag, ein gar nichts-“
„Du weißt ganz genau, worauf ich hinaus will“, sagte Amy ein wenig verärgert. „Nicht wahr, Remus?“
„Ja, ich weiß es ... . Du denkst also, es ist an der Zeit?“
„Ja!“
„Und du bist dir da auch vollkommen sicher? Ich meine, das du es auch wirklich willst und nicht nur, weil du denkst, dass es nach einem Jahr allmählich mal passieren sollte?“
„Ich finde einfach, dass es dazu gehört. Und-“, sie warf ihm einen kurzen Blick zu, „ich will´s übrigens auch.“
„Oh ... hmmm, ja ... . Also, das können wir ja so machen ... demnächst mal ...“, wenn es sich ergibt, hatte er noch hinzu fügen wollen.
„Demnächst?“, Amy setzte sich auf und funkelte ihn an. „Demnächst? Wann genau ist demnächst? Remus, ich will es jetzt!“
„Jetzt? Hier? Im Besenschrank? Ich hatte mir das schon ein wenig netter vorgestellt ... romantischer ... weniger staubig.“ Er hustete ein bisschen wehleidig wegen des Staubes, den Amys rasche Bewegung aufgewirbelt hatte.
„Es gab etliche romantischer Gelegenheiten und du hast nicht eine einzige genutzt! Das bist du nun selbst Schuld!“, sie raffte ihren Umhang und setzte sich einfach auf seinen Schoß. Dann nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und küsste Remus so leidenschaftlich, dass sein Kopf gegen die Holzwand knallte. Ihre rechte Hand glitt an seiner Wange herunter und mit beängstigender Entschlossenheit begann sie, die Knöpfe seines Hemdes aufzuknöpfen, während Remus bemerkte, dass er nicht weiter zurückkonnte, ohne mit seinem Rücken ein Loch in die Wand zu graben ... .
„Ich hab also keine Wahl?“, flüsterte er grinsend.
„Na ja, um mich loszuwerden, müsstest du schon Gewalt anwenden.“
„Du willst es wirklich und aus ganzem Herzen?“
„Ja, Remus!“, sagte Amy eindringlich.
„Okay, dann ...“ Er legte Amy sanft auf den Rücken und zog seinen Umhang aus, den er ihr vorsichtig unter den Kopf schob. Und während sie ihm das Hemd über die Schultern streifte, knöpfte er ihre Bluse auf. Eine Weile saßen sie sich gegenüber und Remus bemühte sich, sie nicht anzusehen, während sie seine Brust aus den Augenwinkeln musterte.
„Es ist schrecklich, nicht wahr?“, fragte er irgendwann.
„Es ist traurig“, sagte Amy. „Nicht schrecklich.“
„Du willst es immer noch?“
„Du glaubst, dass mich diese paar Narben abschrecken könnten?“
Remus zuckte mit den Schultern, während er erstaunt beobachtete, wie Amy sich wild entschlossen erhob, ihre Strumpfhose und ihren Rock auszog und sich dann zu Remus umwandte.
„Siehst du das!“, fauchte sie und streckte ihm ihren Hintern entgegen. „Na, kannst du das sehen, Remus?“
Remus war starr vor Schreck. Auf ihrem rechten Oberschenkel, vom Gesäß bis zur Kniekehle, war die Haut teils rot und vernarbt, teils blass und beinah durchsichtig, so dass es gegen ihre dunkle Haut nur so leuchtete.
„Wie du siehst, bin ich auch nicht makellos“, sagte Amy seufzend und setzte sich wieder hin.
„Was ist das?“, fragte Remus heiser. „Sind das Verbrennungen, Amy?“
„Ja“
„Wie ist das passiert?“
„So etwas passiert, wenn ein kleines Mädchen am Kamin spielt, während ihr Vater seine neueste Errungenschaft vögelt“, sagte Amy bitter. „Über einen Tigertanga gestolpert und mit dem Hintern im Feuer gelandet.“
„Ü ... über einen Tigertanga?“
„Es kann auch Leopardenmuster gewesen sein. Ich denke, das spielt keine Rolle.“
„Das muss sehr wehgetan haben“, murmelte Remus beklommen.
„Keine Ahnung. Ich war in Panik, weil meine Haare Feuer gefangen haben. Dann kam Tony, und hat mich mit einem Eimer Wasser gelöscht. Und mein Vater hatte gerade den besten Orgasmus seines Lebens. Und jetzt möchte ich nicht, dass du dir länger wegen solchen Oberflächlichkeiten den Kopf zerbricht, hörst du Remus? Wenn ich irgendetwas an deinen Narben schlimm finde, dann die Tatsache, dass du sie dir selbst zufügst. Ich möchte, dass du endlich kapierst, dass ich dich liebe, ganz egal, was du bist. Hast du das kapiert, Remus?“
Das war das Schönste, was man ihm je gesagt hatte und Remus war so benommen von der Wucht ihrer Worte, dass er endlich und allmählich zu begreifen begann.
„Verzeih mir, Amy.“
„Längst geschehen ... Ähm, wo waren wir dran? Ach ja!“, sie legte Hand an seinen Gürtel, den Remus selbstverständlich wieder sicher verschlossen hatte, während der damit fortfuhr, sie ihrer Bluse zu entledigen.


Als Amy sich auf die Seite rollte und an die düstere Decke starrte, fragte sie sich ernsthaft, wieso die Menschen einen derartigen Aufstand um diese Sache machten, wieso sie Bücher darüber schrieben, Filme drehten, Gedichte verfassten, sich scheiden ließen oder von Brücken stürzten. Alles nur wegen dieser lächerlichen zwei Minuten? Okay, sicher, es war ganz nett gewesen, Remus so nah an sich zu spüren, seine weiche, warme Haut auf ihrer, seine Erregung zu fühlen, aber trotzdem, nein sie war schon ein bisschen enttäuscht. Ein wenig rauf und runter und dann war es schon vorbei?

„Das war wunderbar!“, hörte sie Remus neben sich flüstern und Amy öffnete neugierig ein Auge.
Er lag dort, in vollkommener Entspannung, mit einem so seligen Lächeln auf den Lippen, dass Amy sich ungläubig aufsetzte. Nie zuvor hatte sie ihn, der sich wegen allem sorgte und immerzu nachdenklich vor sich hingrübelte, so durch und durch zufrieden gesehen, dass sie seine Aura von Glückseligkeit beinah am eigenen Körper spüren konnte. Die Augen hinter seinen langen, dichten Wimpern verborgen und den Schimmer des magischen Feuers im Gesicht, diesem unergründlichen Lächeln auf den Lippen, glaubte Amy, einen vollkommen anderen Remus neben sich liegen zu haben. Keine Sorgenfalte auf seiner sonst häufig so kritisch gerunzelten Stirn und keinerlei Schamgefühl, weil er splitterfasernackt in einem Besenschrank lag. Und in diesem Moment begriff Amy, dass sie ihm niemals von ihren eigenen Gefühlen erzählen durfte.
„Jaaa, es war toll!“, flüsterte sie und kuschelte sich an ihn.
Remus wandte sich um, so dass sie sich gegenüber lagen und zog sie fest in seine Arme. „Hat es sehr wehgetan?“, fragte er besorgt.
„Nein, nur ein bisschen.“ Amy lächelte. „Kaum der Rede wert.“
Remus glaubte, Amy nun noch ein wenig mehr zu lieben, wenn das denn überhaupt noch möglich war. Bis obenhin voll mit all dem Glück, zog er sie in seine Arme und küsste sie.
„Ich liebe dich, Amy“, flüsterte er. „Mehr als mein Leben. Ist dir das eigentlich klar?“


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Ungelesener BeitragVerfasst: 15. September 2007 19:27 
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XI. Wenn zwei sich streiten ...

Während der Himmel weiterhin veilchenblau und wolkenlos blieb, schien Remus Lupin, der besonnene, nachdenkliche und stets in einen dicken Wälzer vertiefte Vertrauensschüler durch das Schloss zu schweben, so als trügen ihn die sanftesten aller Schäfchenwolken dahin.
Jedem, der es in den nächsten Tage wagte, seinen glückseligen Weg zu kreuzen, schenkte er ein so strahlendes Lächeln, wie man es selten von ihm gesehen hatte. James, Sirius und Peter, denen er seinen jüngsten Schritt in Richtung ganzer Kerl gewissenhaft verschwiegen hatte – ein wahrer Mann schweigt und genießt bekanntlich – nahmen das alsbald zum Anlass, sich den Kopf über seine ungewöhnlich gute Laune zu zerbrechen. Dass er sich an Slughorns Vorräten für Felix Felicis großzügig bedient habe, blieb dabei eine der harmlosesten Spekulationen. Remus, der seine Freunde während ihrer ZAG-Prüfungen vor zwei Jahren mit seiner Nervosität allesamt in den Wahnsinn getrieben hatte, war nun, obgleich sie mitten in der Examensvorbereitung steckten, seltsam gelassen und unbekümmert. Tatsächlich hatte es sogar den Anschein, als schaue er häufiger Löcher in die Luft als interessiert in ein Lehrbuch, obwohl er das natürlich auch tat, ansonsten hätten sich seine Freunde wohl ernsthafte Sorgen gemacht.
„Manchmal hab ich den Eindruck, er ist gar nicht mehr so richtig unter uns“, flüsterte James und nickte zu Remus hinüber, der einen verträumten Blick aus dem Fenster warf, während in seiner Rechten eine Feder schlaff über dem Pergament hing und dort fröhlich vor sich hintropfte. Dabei hasste Remus nichts mehr als Tintenkleckse, mit Ausnahme von Eselsohren in Lieblingsbüchern vielleicht.
„Hier drin steht“, James wies auf 101 Schritte auf dem Weg zum Vollbluzauberer, „dass manche Zauberer die Kunst des Aus-sich-hinaus-gehens beherrschen. Vielleicht übt er sich darin?“
Sirius schien abzuwägen, während Remus leise vor sich hinseufzte. „Bei seinem Talent für´s Apparieren durchaus möglich. Allerdings-“, er grinste. „Ich hoffe, er hat nicht die Stelle über das Wieder-in-sich-hinein-gehen überlesen. Es gab schon Leute, die sind aus sich rausgegangen, und als ihre Seele zurück zum Körper wollte, haben sie sich nicht mehr gefunden und beide Teile – Leib und Seele – sind gestorben.“
„Und ihr denkt, das hat er tatsächlich versucht?“, fragte Peter zweifelnd, aber dennoch mit unüberhörbarer Besorgnis in der Stimme. James schenkte ihm einen geringschätzigen Blick, während Remus sich langsam vom Fenster abwandte und gut gelaunt in die Runde grinste.
„Nein, das hat er nicht“, sagte er vergnügt und entdeckte dann mit Entsetzen, was seine Feder auf dem Pergament angerichtet hatte. Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabes reinigte er seinen Notizen von der Sauerei und wandte sich dann wieder seinen Freunden zu. „So langsam ist es genug, meint ihr nicht?“
„Wovon redest du, Moony?“, fragte Sirius mit Unschuldsmine.
Remus lachte. „Von euren ewigen Spekulationen. Um es ein für alle mal klarzustellen: Ich habe weder versucht, meinen Körper zu verlassen – obwohl dieser Gedanke tatsächlich reizvoll wäre -, noch bin ich einer seltsamen Sekte beigetreten, die sich „Die Grinser“ nennt; sehr originell, übrigens, Krone. Ich habe kein Felix gestohlen, bin nicht dem Alkohol verfallen und rauche kein Gras - also ehrlich, Tatze! Ich schnüffle keinen Kleber und bin auch nicht mit dem Imperius belegt worden. Und ich versichere euch hiermit hoch und heilig, dass ich niemals versucht habe, mein Gehirn in eine – was war es noch gleich ? – eine Kumquat zu verwandeln.“
„Aber was ist es dann?“, fragte Peter mit ehrlichem Interesse.
Remus lächelte. „Ich bin nur gut gelaunt. Ist das so dramatisch?“
„Nun“ Sirius grinste. „Vielleicht ist es einfach ein bisschen gewöhnungsbedürftig-“ Remus verpasste ihm unter dem Tisch einen Tritt gegen´s Schienbein.
„Wir wollen doch nur gern wissen, warum ...“, sagte James hilflos.
„Klar wollt ihr das.“ Remus tauchte gelassen seine Feder in das Tintenfass und beugte sich über 101 Schritte auf dem Weg zum Vollblutzauber. „Habt ihr schon Kapitel 17 durch? Ungesagte Zauber für Fortgeschrittene?“
Seine drei Freunde tauschten enttäuschte Blicke, während Remus sich unaufhörlich grinsend an seinen Unterlagen zu schaffen machte.
Aus dem Kerl war einfach nichts herauszuholen! Aber was hätte Remus auch sagen sollen? Er wusste ja selber gar nicht genau, warum er eigentlich so gut drauf war, seit ihrem ersten Mal im Besenschrank. Das einzige, was er wusste, war, dass er Amy nun noch ein bisschen mehr liebte als zuvor. Und das hieß, er war bis oben voll mit lauter Liebe, die irgendwie aus ihm heraus wollte und offenbar in Form eines versonnen Grinsen an die Öffentlichkeit gelangte.
Unglücklicherweise hatte Remus auf diese Weise wohl auch ein- oder zweimal versehentlich den Menschen angelächelt, der für ihn die größtmöglichste aller Gefahren darstellen sollte. Mr Samuel Puddymond, Tanzlehrer aus Leidenschaft und großer Liebhaber bonbonfarbener Kleidung, weiter Roben, exzentrischen Auftritte und – Remus Lupin.
„Mr Lupin!“
Remus beschleunigte seinen Schritt, obwohl es zwecklos war. Der tänzelnde Gang von Puddymond war äußerst schneidig und behände, und wenn Remus nicht über kuru oder lang einen Spurt im Korridor einlegte, würde er ihn wohl oder übel einholen, trotz seiner hohen Hacken.
„Mr – Mr Lupin!“
Remus´ Manieren ließen es nicht zu, dass er seinen Verfolger einfach ignorierte, und so wandte er sich widerwillig um und lächelte verschwommen. „Guten Tag, Sir.“
„Mr Lupin!“ Puddymond, ganz in ein Irgendwas aus Pipita und Leopardenmuster gekleidet, warf sich Remus theatralisch um den Hals, so als seien sie zwei uralte Freunde, die sich nach jahrzehntelanger Abwesenheit des einen urplötzlich wiedertrafen. Remus kämpfte sich entsetzt frei und tat rasch einen Schritt zurück, was Puddymond jedoch keineswegs zu entmutigen schien.
„Mein Goldjunge! Wie schön, dass wir uns endlich noch mal über den Weg laufen. Ich habe Sie nun bereits mehrfach auf ein Tässchen Tee in mein Büro eingeladen, aber Sie hatten ja nie Zeit für mich, Sie ungezogener, kleiner Schlingel“, sagte er neckisch.
„Ich – Ich äh ...“ Remus lief scharlachrot an. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich, ein besserer Lügner zu sein. „Ich muss so viel lernen, wissen Sie, Sir ...“
Puddymond tätschelte ihm verständnisvoll die Schulter und Remus tat erneut einige erschrockene Schritte rückwärts. „Nicht weiter tragisch, mein Süßer. Das holen wir ba-“
Weiter kam er nicht, denn nun wurde er von ungehaltenem Gelächter unterbrochen. James, Sirius und Peter waren hinter einer Rüstung aufgetaucht und grölten vor Lachen.
„Ähhh ... da sind meine Freunde“, sagte Remus rasch. „Bis demnächst, Sir!“ Und er beeilte sich, so schnell als möglich von Puddymond loszukommen, um zu den Jungs zu eilen. Es war allemal besser, ausgelacht als angebaggert zu werden. Von einem Mann! Einem Mann, der gern verschiedene Tiermuster in violett und rose trug und ihn „Goldjunge“ und „Süßer“ nannte!

Allzu lange glücklich und unbekümmert zu sein und sich wegen nichts zu sorgen, das lag nicht in Remus´ Natur. Sie hatten gerade die letzte Prüfung hinter sich, da wurde er allmählich wieder nachdenklicher und verschlossener, was ausnahmsweise nicht an der durchaus quälenden Tatsache lag, dass sie allesamt auf die Ergebnisse warteten, die darüber entscheiden sollten, ob sie nun als unheimlich toller oder doch bloß nur als normaler Durchschnittszauberer in die große, weite Welt entlassen würden. Viele Dinge, über die man sich keine Gedanken machen kann, während man lernt und liest und über die Prüfungen nachdenkt, kehren wie aus heiterem Himmel wieder, wenn man alles hinter sich gelassen hat. Und wer glaubt, von dem Moment an, in dem man die Feder zur Seite legt, nachdem man den letzten Punkt unter die letzte Arbeit gesetzt hat, sei man der glücklichste Mensch auf dieser Erde, der täuscht. Diese Erfahrung musste auch Remus machen, nachdem er begriffen hatte, dass er nun nie wieder für irgendetwas würde lernen müssen. Wie das Wasser bei einer Sturmflut kehrten nun all die quälenden Gedanken wieder, die in den letzten Wochen so sicher unter Formeln, Flüchen und Definitionen verborgen gewesen waren. Und eine Sache beschäftigte ihn ganz besonders. Ja, sogar so sehr, dass er begann, Amy deswegen aus dem Wege zu gehen.

Der Gemeinschaftsraum lag verlassen da, als Remus in seinem Stammsessel vor dem erloschenen Feuer hockte, der schon bald jemand anderem gehören würde, und sich rat- und ruhlos fragte, was er tun sollte, als das Portraitloch plötzlich aufschwang und Sirius hineinhuschte. Obgleich das späte und einsame Erscheinen seines Freundes Remus überraschte (Wo kam er her?), hatte er augenblicklich eine Eingebung. Es war lächerlich! Wieso um alles in der Welt war er denn nicht eher darauf gekommen? Da hörte er sich nun seit mehr als drei Jahren, als Sirius im zarten Alter von vierzehn anfing, seine ersten Erfahrungen mit Mädchen zu sammeln, ständig das Gequatsche über seine Liebhaberqualitäten mit an und war nicht einmal auf die Idee gekommen, seinen besten Freund, den selbsternannten Experten, um Rat zu fragen.
„Tatze!“
Sirius wirbelte herum, zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf Remus. Als er seiner gewahr wurde, ließ er den weit vorgestreckten Arm langsam sinken.
Remus runzelte überrascht die Stirn.
„Geht´ s dir gut, Tatze?“, fragte er besorgt.
„Ich frage mich gerade, ob es DIR gut geht, Moony. Tickst du nicht mehr ganz sauber oder warum erschreckst du mich so zu Tode?!“
„Ähm...Tatze“, Remus war nun wirklich mehr als verwundert. Ein Sirius Black erschreckte sich nicht zu Tode und schon einmal gar nicht, wenn er im Gemeinschaftsraum mit seinem Rumtreibernamen angesprochen wurde, den nun wirklich nur sie vier gebrauchten. Oder war es gerade das gewesen? Dass ihn einer seiner Freunde überrascht hatte...?
„Seit wann bist du so schreckhaft?“
„Ich war in Gedanken...“, murmelte Sirius und Remus zog erneut ungläubig die Stirn in Falten. War da etwa ein Hauch von Rosa auf Sirius´ Gesicht getreten?
Offenbar hatte Sirius seine Mimik verstanden, denn nun grinste er (Merlin sei Dank sein altes Rumtreibergrinsen) und ließ sich neben Remus auf den Sessel fallen. „Ja, Moony, auch ein Sirius Black denkt gelegentlich mal nach....Aber du wolltest irgendwas, stimmt´ s?“
„Ja...ja, stimmt“, murmelte Remus, der über Sirius´ seltsames Benehmen beinahe sein Anliegen vergessen hätte, aber auch nur beinah...
„Ich wollte dich was fragen.“
„Schieß los!“, forderte Sirius und weil er Remus kannte, wie kaum ein anderer, entfachte er ein Feuer im Kamin. Dem guten Moony lag irgendwas auf der Seele und es konnte Stunden dauern, bis es von dort aus den Weg über seine Lippen fand, auf denen er jetzt angespannt herumkaute.
„Hast du was ausgefressen?“, half Sirius nach. „Ein Buch in der Bibliothek ins falsche Regal geschoben? Oder ist dir gerade eingefallen, dass du Frage Elf in der Aritmantikprüfung ungenau beantwortet hast?“
„Haha“, lachte Remus tonlos. „Sehr witzig, Tatze wirklich. Ach, weißt du, vergiss es einfach. Ich kann mich ja ohnehin nicht drauf verlassen, dass du dich nachher kringelig lachst.“
„Kannst du nicht?“, fragte Sirius und er klang ein klein wenig verletzt. „Nun, für deine ewigen Sorgen, ob du dich in dieser oder jener Situation nun richtig verhalten hast, habe ich wirklich kein Verständnis, aber bei einem ernsthaften Problem hab ich wohl noch nie gelacht, oder?“
Es war keine Frage gewesen, die einer wirklichen Antwort bedurfte, und so nickte Remus nur knapp.
„Es geht um...“, begann er zögerlich und machte eine hilflose Geste mit der Hand.
„Um?“, forschte Sirius verständnislos nach.
„Um...na ja...“, Remus ruderte mit seinen Händen und sah Sirius eindringlich an.
„Ich verstehe dich nicht, Moony, du musst schon ein klein wenig deutlicher werden. Ich bin kein Leglimentiker und mit den Armen Rudern und gemurmelte Um´ s kann ich auch nicht auslegen.“
„Na ja..“, Remus wurde so rot, dass er Sirius leichtes Erröten beim Erschrecken über seinen Freund locker in den Schatten stellte. „Du weißt schon...um Dings!“
„Ahhh! Dings, natürlich, warum sagst du das nicht gleich, Moony? Also, hmm, ich helfe dir jetzt mal mit ein paar gezielten Fragen auf die Sprünge: Geht es in irgend einer Weise um dein pelziges, kleines Problem?“
„Indirekt“
„Und hat Amy auch etwas damit zu tun?“
„Indirekt“
„Jetzt fang bitte nicht schon wieder damit an, dass du ob einer ungewissen Zukunft, die uns im Übrigen allen bevorsteht, mit ihr Schluss machen willst!“ Sirius rollte mit den Augen. „Deine Edelmütigkeit in allen Ehren, aber manchmal gehst du einem echt damit auf den Geist.“
„Darum geht´ s gerade gar nicht“, murmelte Remus beleidigt. „Also eher indir-" Er verstummte, als er Sirius mahnenden Blick auf sich spürte und begriff, dass er nun wohl endlich mit der Sprache rausrücken musste. „Es geht um .... nun ja ... um Sex!“
Nun war es raus.
„Ihr habt´s endlich gepackt?“, fragte Sirius begeistert.
„Jep“
„Aber das ist doch großartig, Moony!“ Sirius sprang von seinem Sessel auf und umarmte Remus stürmisch. „Willkommen im Kreis der Männer! Zugegeben, reichlich spät, aber besser spät als nie.“
Remus schob Sirius von sich weg, der sich wieder auf seinen Sessel fallen ließ. „Hör auf mit den Albernheiten!“, schalt er seinen Freund.
„Warum, ist doch schön, dass ihr endlich gepoppt habt!“
„Schhhht!“, machte Remus, was in Anbetracht des ausgestorbenen Gemeinschaftsraumes vollkommen überflüssig war. „Schrei doch nicht so rum!“ Er fragte sich, wie ihm der blödsinnige Gedanke gekommen war, ausgerechtet mit Sirius darüber zu reden.
„Jetzt wird mir so einiges klar“, bemerkte Sirius vergnügt und pfiff durch die Zähne. Doch dann besann er sich und wurde wieder ernst. „Warum so unglücklich, mein Freund?“
Remus seufzte und wurde abwechselnd scharlachrot und leichenblass. Beim Barte des Merlin, wie sollte er das bloß erklären!
„Ich verspreche dir, dass ich nicht lache und keine blöden Kommentare mache“, schwor Sirius und lehnte sich zurück. „Du kannst mir vertrauen.“
„Also gut ...“, murmelte Remus leise und starrte in die Flammen. „Wenn wir miteinander schlafen, dann ist das ... sehr schön ... Sie ist so weich und ihr Haar duftet so gut, ich habe noch nie zuvor bemerkt, wie gut es riecht. Erst fühlt es sich toll an, aber dann...“ Er verstummte.
„Was dann?“, hakte Sirius nach und es schien, dass er jedes Detail in sich einsaugen wollte, wie ein Staubsauger den Schmutz.
„Dann“, fuhr Remus fort, die Sensationsgier seines Freundes nicht bemerkend. „Dann wird mit einem Mal alles anders ... “ Er suchte nach dem richtigen Worten, leider ohne großen Erfolg. „Dann ist es auf einmal so, als würde einen eine Welle heißer Lava überfluten, dann Schwärze, das Gefühl zu explodieren. Ich bin zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, vollkommen leer da oben ... Wie ein unstillbarer Hunger, beinah so, wie es sich anfühlt, bevor ich mich verwandle, ja, im Grunde eigentlich haargenau so, Tatze, natürlich nicht so schmerzhaft und auch viel schöner, aber genau so ... so ... vollkommen willenlos! Das macht mir Angst! Da ist irgendwas in mir hochgekommen, etwas Unmenschliches. Ich bin dann nicht mehr ich selbst, ich ... ich glaube, in diesem Moment bin ich er ... der Wolf, Sirius ...“
Es dauerte einen winzigen Moment des Schweigens, bis Sirius in bellendes Gelächter ausbrach.
Remus fuhr zerstreut zusammen. „Was soll das?“, fauchte er. „Du hast gesagt, du lachst nicht!“
„Moony!“, japste Sirius und legte eine Hand auf Remus Arm, der sie abschüttelte wie eine lästige Fliege, beschämt und gekränkt zugleich. „Moony, du verrückter, alter Wolf! Da kommt nichts Unmenschliches in dir hoch“, giggelte Sirius und wischte sich eine Lachträne aus dem Auge.
„Nicht?“, fragte Remus unsicher.
„Nein!“, antwortete Sirius bestimmt. „Das war nicht der Wolf in dir, das warst du! Du, wenn du dich mal nicht ständig kontrollierst und zusammenreißt, und das ist auch gut so. Moony, du warst schlicht und ergreifend spitz wie Nachbars Lumpi, geil wie ein Beser-"
Remus schnitt ihm grimmig das Wort ab. „Ich war nicht....“ Er schämte sich beinah, dieses Wort in den Mund zu nehmen. „Geil!“
„Oh doch!“, beharrte Sirius. „Nicht nur ein Werwolf wird beim Sex zum Tier.“ Er zwinkerte. „Freu dich, mit deinen menschlichen und vollkommen natürlichen Trieben ist alles in bester Ordnung. Schlimmstenfalls wirst du ein bisschen wilder sein als andere, aber ich wüsste nicht, wieso das von Nachteil sein sollte.“ Er grinste beschwörend. „Sag mal, Moony, was sagt Amy eigentlich dazu?“
„Sie hat sich bisher noch nicht beschwert ...“, murmelte Remus vage. „Aber offen gestanden habe ich es in der letzten Zeit auch vermieden, ihr allzu nahe zu kommen. Wir haben noch nicht so oft, weißt du? Weil es mich einfach so beunruhigt hat, als ich versucht habe, mir darüber klar zu werden, was da mit mir passiert ... Ich habe schreckliche Angst, mich zu vergessen, und ihr weh zu tun, dass es mich überwältigt und der Wolf siegt, weil ich mich in diesen Augenblicken nicht kontrollieren kann.“ Er verstummte traurig. „Es ist ein schrecklicher Fluch!“ Seine Stimme war voller Bitterkeit, als er fortfuhr. „Manchmal würde ich nur zu gerne aus mir Herausgehen und nie wieder in meinen Körper zurückkehren. Lieber als freie Seele sterben, als gefangen in diesem Körper.“
„Moony“, sagte Sirius sanft und legte erneut seine Hand auf Remus Arm. Diesmal ließ er ihn gewähren. „Es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass du jemandem außerhalb der Vollmondnächte wehtun könntest. Und Amy schon einmal gar nicht.“
„Aber du weißt doch, dass ich auch um Vollmond herum gereizter bin und die Verwandlung schon langsam beginnt“, fuhr Remus auf. „Und überhaupt – Ich bin immer der Wolf, immer, verdammt! Warum begreifst du das nicht? Und dann --- erst recht.“
„Und warum begreifst DU nicht, dass deine Gefühle vollkommen normal sind?“, fragte Sirius zurück. „Warum akzeptierst du das nicht einfach? Amy beschwert sich nicht, also ist sie wohl zufrieden. Und wenn du Zweifel hast, dann würde ich mich um Vollmond herum einfach ein wenig zurückhalten --- Falls du das kannst, du Wolf“, fügte er grinsend hinzu.
„Das ist nicht witzig!“, sagte Remus, doch auch er musste mit einem Male schmunzeln. „Es ist wahnsinnig toll, wenn wir miteinander schlafen“, murmelte er selig.
„Dann hör gefälligst auf, dich verrückt zu machen, Moony. Ich sehe tagtäglich, wie du mit ihr umgehst und da ist nichts Grobes oder Tierisches dran. Es wäre die pure Wonne, wenn es nicht so verflucht nervig wäre ...“
„Du glaubst also, mit mir ist alles in Ordnung?“, hakte Remus unsicher nach.
„Nein!“ Sirius schüttelte resolut den Kopf. „Nein, mit dir ist durchaus gar nichts in Ordnung. Du hast definitiv einen an der Klatsche, aber in dieser Hinsicht bist du doch, nach allem, was ich so aus deinem Gestammel schließen konnte, halbwegs normal.“
„Wenn du es sagst ...“ Remus schien vorläufig ein wenig beruhigt. „Aber nun mal eine andere Frage, Tatze – Wo bist du eben gewesen?“
„Spazieren“, brummte Sirius.
„Spazieren?“
„Ja, spazieren.“
„Und wo, wenn ich fragen darf?“
„Durch´s Schloss.“
„Durch´s Schloss?“
„Bist du mein Echo verdammt?“ Sirius erhob sich zornig und begann, mit ausladendem Schritt im Gemeinschaftsraum auf- und abzugehen. Mit einem Mal war er vollkommen aufgelöst und als er sich wieder in seinen Sessel fallen ließ, schien er regelrecht niedergeschmettert. Remus hatte ihn ein einziges Mal so gesehen, nämlich nach dieser schrecklichen Nacht in der Heulenden Hütte, als er Snape in die Falle gelockt hatte.
„Ich nehme Abschied“, knurrte er und sah Remus mit großen, grauen Augen traurig an. „Von der einzigen Heimat, die ich je hatte und jemals haben werde.“

Remus hatte es irgendwie geahnt. James und Sirius würden diese Schule nicht verlassen, ehe sie es Snape nicht noch einmal ordentlich gezeigt hatten. Und offenbar waren sie der Meinung, dass nun, da er so allein und verlassen, mit einem dicken Buch unter dem knorrigen Arm durch den Korridor schlurfte, der rechte Zeitpunkt dafür gekommen sei.
„Hee, Schiefely!“, brüllte James. „Hast du dich schon nach ´nem Job umgesehen? Falls nein, ich hab Kontakte zu ´ner Fettfabrik in Bristol, die geben die sicher Einiges für ein paar Strähnen deines seidigen Haares.“
„Deine Witze werden von Jahr zu Jahr erbärmlicher, Potter“, fauchte Snape, während er herumwirbelte und wachsam seinen Zauberstab zückte. Remus hatte noch nie jemanden so geschickt eine Waffe ziehen sehen, und ihm wurde nicht zum ersten und letzten Mal in seinem Leben bewusst, dass er mit Snape einen ungewöhnlich begabten Zauberer vor sich hatte.
„Findest du das Wort erbärmlich aus deinem dreckigen Mund nicht ein wenig unangemessen?“ James tat einen Schritt auf Snape zu und zog nun seinerseits den Zauberstab.
„Lehren wir unseren Schniefly doch mal das Tanzen! Was sagst du dazu, Tatze? Ich finde, ihm mangelt es noch ein wenig am Feingefühl. Die arme Romana Blackstone tut mir regelrecht leid. Die Ärmste muss ja von oben bis unten vollgeschleimt sein, wenn du mit ihr fertig bist.“
James war nicht unvorbereitet auf die Rache, die auf diese Worte folgte. Während Snape seinen Zauberstab schwang wie eine Peitsche, schleuderte er ihm einen Tarantellegra entgegen, in eben jenem Moment, da die gegenüberliegende Toilettentür aufschwang und Amy hinausspazierte. Sie entdeckte Remus, winkte freudig und wollte über den Korridor zu ihm hinüber laufen, als beide Flüche ihre Körpermitte durchbohrten. Remus sah den Schreck in ihrem Gesicht, wie das Lächeln verschwand und zu Eis gefror, ihre Gestalt einige Sekunden lang in der Luft schwebend und sanft zitternd, so als sei sie elektrisch aufgeladen. Ja, sogar das lange, schwarze Haar stand ihr zu Berge. Dann fiel sie mit einem schrecklichen Krachen auf den steinernen Boden und blieb dort reglos liegen, in einer seltsam anmutenden Körperhaltung, während sich der weiße Marmor um sie herum blutrot färbte.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2008 08:55 
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Wuaaaah, Tröti, wie kannst du nur an so einer Stelle einfach aufhören??? *Fingernägel kau*

Schreibst du hier noch weiter, oder muß ich mir nun selbst ausmalen, was mit Amy passiert ist? [img]images/smiles/fuercht.gif[/img]

*chrm*, ähm, ja, wie du siehst bin ich durch mit dem erstern Teil, und mit dem Anfang des zweiten Teils. [img]images/smiles/045.gif[/img]
Deine Schreibe ist einzigartig, im einen Moment krabbelt man fast in den Monitor vor Spannung, und im nächsten Moment möchte man vor Lachen vom Stuhl fallen (Der schwule Tanzlehrer - herrlich.... [img]images/smiles/043.gif[/img] )
Aber sag mal, was hat Sirius eigentlich im Spiegel gesehen? Das scheint ihn ja ziemlich mitgenommen zu haben, wenn ich raten müßte, würde ich sagen eine intakte Familie.... [img]images/smiles/085.gif[/img]

Hmmm, ich könnte jetzt noch auf etliche Stellen Bezug nehmen und was dazu sagen, aber ich fürchte dann wird mein Review länger als deine FF. :lol:
Ich hoffe nur, du schreibst wirklich weiter und hast sie nicht längst zu den Akten gelegt. :wink:
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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2008 10:34 
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Hallo ihr zwei!

@Lestrange: Wie KONNTE ich dein Review übersehen! :oops: Das ist ja schon ewig und drei Tage alt!! Jedenfalls - vielen Dank dafür!

@Gine: Wie konnte ich ahnen, dass du SO schnell liest! :shock: Sonst hätte ich längst aktualisiert, nachdem du mir sagtest, dass du an der FF dran bist. Sie ist schon seit Ewigkeiten fertig, also werd ich mich gleich auf die Suche nach dem, nächsten Kapitel begeben.
Dir übrigens auch 1000 Dank für dein Review!!



XII. Die Gießkanne

Remus brüllte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gebrüllt hatte, mit Ausnahme des einen Tages im Monat, an dem er allerdings eher heulte als zu brüllen. Auf Knien rutschte er über den Stein zu Amy hinüber und nahm ihren Kopf auf. Augenblicklich waren auch Sirius und Peter neben ihm. James stand einfach nur da und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, vollkommen durcheinander und verstört über das, was sein Fluch in Kombination mit dem von Snape angerichtet hatte.
Sirius griff nach Amys Handgelenkt und überprüfte ihren Puls.
„Sie lebt, Moony, beruhig dich!“, knurrte er heiser und schob Remus beiseite, der wie von Sinnen an ihrer Brust vor sich hinschluchzte und Sirius gar nicht zu hören schien.
„Ich bring sie in den Krankenflügel.“ Sirius schob seine starken Arme vorsichtig unter Amys leblosen Körper und hob sie beinah mühelos empor. Dann eilte er mit raschen Schritten davon und ließ einen schaurigen Fleck rotgezeichneten Marmors zurück.

Aus tiefer Sorge um Amy wurde blanke, weiße Wut ... Wut auf Severus Snape! Aus den Augenwinkeln beobachtete Remus, wie er sich aus dem Staub machen wollte, sich einfach verpissen, ohne dem Mädchen, dass er gerade mit einem offenbar schwarzmagischen Fluch die Brust aufgeschlitzt hatte, auch nur einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Ihm war es vollkommen gleich, dass eine Unschuldige blutend auf dem Boden lag. Amy hatte Snape nie etwas getan und gerade das machte Remus so rasend. Mit einem letzten Blick vergewisserte er sich, dass Sirius sich um Amy kümmerte, dann setzte er Snape nach. Nur wenige Biegungen später holte Remus ihn ein. Offenbar hatte Snape sein Tempo verlangsamt, nachdem er außer Reichweite der Katastrophe war und sich in Sicherheit wog.
„Snape!“, brüllte Remus und packte ihn von hinten am Umhang. Nach einem kurzen Handgemenge bekam er seinen mageren Hals zu fassen und drängte ihn gegen die steinerne Wand des Korridors.
„Dir ist das alles total egal, was Schniefelus?“, fauchte er und drückte Snape die Kehle zu. Nie zuvor hatte Remus diesen Spitznamen für Snape gebraucht, den Sirius einst ins Leben gerufen hatte, doch nun fand er, es war an der Zeit, diesen schmierigen Kerl haargenau so zu nennen.
„Dass deine kleine Freundin meint, mir in die Quere zu kommen, wenn ich mich verteidigen muss?“, keuchte Snape und Remus lockerte seinen Griff ein wenig, aber nicht allzu sehr; nur gerade so viel, dass Snape einigermaßen frei atmen konnte. Wenn er ihn erwürgte, war schließlich auch nichts gewonnen. „Ja, Werwolf, das ist mir tatsächlich ziemlich gleichgültig. Bedank dich bei Potter.“
„James hat dir nur einen harmlosen Steppzauber auf den Hals gejagt! Aber du hast sie gleich aufgeschlitzt, du Idiot!“
„Sie war eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Was geht mich das an?“
„Ich kann dir sagen, was dich das angeht“, knurrte Remus und zückte seinen Zauberstab, um ihn Snape in den Hals zu bohren, der allerdings nur heiser auflachte.
„Du machst dich lächerlich, Lupin. Meinst du, deine nicht einmal durchschnittlichen Zauberkünste würden mir Angst einjagen?“
„Es spielt keine Rolle, ob sie durchschnittlich sind, solange ich dir nur ordentlich damit weh tun kann!“, flüsterte Remus. „So wie DU Amy wehgetan hast.“
„Ja dann leg mal los, Werwolf“, höhnte Snape „Ich bin sehr gespannt, ob du auch außerhalb der Vollmondnächte zu irgendetwas imstande bist.“
Remus schnappte wütend nach Luft und drang mit seinem Zauberstab noch ein wenig tiefer auf Snape ein. Doch weiter geschah nichts.
„Was soll das werden?“, fragte Snape nach einer Weile des gegenseitigen Taxierens. „Ein ungesagter Zauber? Kläglich, Lupin. Erbärmlich. Wie schwach und verloren du doch bist ohne deine tollen Freunde, die alles für dich richten. Ich bin dir wehrlos ausgeliefert und du schaffst es nicht einmal, mich zu verfluchen.“ Seine schwarzen Augen ruhten eine Weile auf Remus´ Gesicht, dem vor Anstrengung ein Hauch Schweiß auf die Stirn getreten war.
„Ich weiß gar nicht, wen von euch ich mehr hassen soll. Den unsagbar arroganten Potter, den brutalen und skrupellosen Black, den nichtskönnenden und lächerlichen Pettigrew oder dich Lupin, den feinen, feigen Drückeberger, der so unspektakulär und langweilig ist, dass man beim Hinsehen schon einschlafen möchte“, fuhr Snape fort, und seine Stimme war so voller Hass, dass Remus sich allmählich fragte, wer hier eigentlich wen bedrohte.
„Such es dir aus“, sagte er mit überraschender Gelassenheit und der plötzlichen Erkenntnis, dass er trotz der wild brodelnden Wut in seinem Innern nicht imstande war, Snape zu verfluchen. Er steckte seinen Zauberstab zurück in den Umhang und ließ sein Gegenüber frei. „Aber sei dir sicher, dass ich dich mehr hasse, als du dir vorstellen kannst. Und so langweilig ich auch sein mag, Snape. Ich hab mich wenigstens unter Kontrolle!“

Während er Snape noch den Rücken kehrte, fragte Remus sich mit einem Mal, was genau er da eigentlich tat.
„Ich sollte bei Amy sein, ich Idiot!“, schalt er sich in Gedanken und rannte dann den Korridor entlang, stürmte die Treppe hoch und kam schlitternd vor dem Portal zum Krankenflügel zum Stehen. Er wollte gerade die Tür aufreißen, als ihn jemand am Arm packte.
„Du kannst da nicht rein, Remus“, sagte Lily sanft. „Wir sollen warten. Alle sind bei ihr; Dumbledore, Mc Gonagall, Slughorn und Madam Pomfrey.
“Was? Die sind alle da?â€


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Ungelesener BeitragVerfasst: 24. Juli 2008 12:33 
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Puuuh, Amy hat's also überlebt - ich hatte schon befürchtet, du würdest sie sterben lassen. :?

Irgendwie kommt beim Lesen aber ein ganz schöner Groll gegen Snape hoch, dem es anscheinend wirklich egal war, wen er da mit seinem Sectumsempra (ich denke der wars doch) trifft. Okay, es wäre zwar kaum weniger schlimm gewesen, wenn er James oder Sirius erwischt hätte, aber da hätte man ihm noch zugute halten können, daß er ja durch die beiden auch einiges auszustehen hatte. Daß es ihm aber, auf gut Deutsch gesagt, vollkommen am Arsch vorbeigeht, die völlig unschuldige Amy getroffen zu haben, ist schon harter Tobak..... :evil:

Mir liefen übrigens fast ein paar Tränen, als ich die Szenen mit Remus und Amy im Krankenflügel las, und das passiert mir höchst selten. :wink:

So, und nun doch mal ein paar Zitate:

Zitat:
Remus schnappte nach Luft „Selbst wenn ich sie hätte“, fauchte er fassungslos. „Sie wollen ihr doch nicht etwa Werwolfblut in die Adern pumpen?!“
„Nein, Remus, dich meinte ich auch eigentlich nicht ... “, murmelte Madam Pomfrey verlegen. Miss Evans, wenn ich sie dann eben testen könnte?“

Ups... :lol: Da hat Madam Pomfrey wohl einen Moment nicht überlegt - und anscheinend ist ihr nicht mal in den Sinn gekommen, daß Lily eventuell von nichts wissen könnte. [img]images/smiles/wallbash.gif[/img]:lol:
Übrigens, seit wann und von wem weiß Lily denn Bescheid? Typisches Beziehungs-Bescheidwissen zwischen besten Freundinnen (Amy), oder hat James sich mal verplappert? :mrgreen:

Zitat:
„Mr Black hatte ihre Blutgruppe, Merlin sei Dank.“
Über Remus´ Gesicht huschte ein winziges, unfreiwilliges Lächeln und auch Lily musste schmunzeln. „Jetzt bekommt sie das reinste Zauberblut, was man sich wünschen kann“, sagte sie mit einem Hauch von Ironie in der Stimme.

Auweia, Lily, laß das bloß nicht Sirius hören! [img]images/smiles/081.gif[/img]
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Ungelesener BeitragVerfasst: 27. Juli 2008 02:16 
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Dank dir für dein Review, Ginchen! [img]images/smiles/008.gif[/img]

Ginevra Malfoy hat geschrieben:
Puuuh, Amy hat's also überlebt - ich hatte schon befürchtet, du würdest sie sterben lassen. :?


Das hätte ich Remus nicht antun können ... :wink:

Zitat:
Irgendwie kommt beim Lesen aber ein ganz schöner Groll gegen Snape hoch, dem es anscheinend wirklich egal war, wen er da mit seinem Sectumsempra (ich denke der wars doch) trifft. Okay, es wäre zwar kaum weniger schlimm gewesen, wenn er James oder Sirius erwischt hätte, aber da hätte man ihm noch zugute halten können, daß er ja durch die beiden auch einiges auszustehen hatte. Daß es ihm aber, auf gut Deutsch gesagt, vollkommen am Arsch vorbeigeht, die völlig unschuldige Amy getroffen zu haben, ist schon harter Tobak..... :evil:


Nach Band 7 tut´s mir eigentlich schon Leid, dass der arme Snape hier so schlecht wegkommt, aber ich hatte ihm ursprünglich noch einen gößeren Part zugedacht, und da sollte er nicht so schlecht wegkommen. Die Kurzgeschichte von mir, in der Snape Remus nach einer Vollmondnacht wieder auf die Beine hilft, sollte eigentlich ein Kapitel des 3. Teils werden, den ich dann aber nie geschrieben habe.

Zitat:
Mir liefen übrigens fast ein paar Tränen, als ich die Szenen mit Remus und Amy im Krankenflügel las, und das passiert mir höchst selten. :wink:


[img]images/smiles/056.gif[/img]:wink:

Zitat:
Ups... :lol: Da hat Madam Pomfrey wohl einen Moment nicht überlegt - und anscheinend ist ihr nicht mal in den Sinn gekommen, daß Lily eventuell von nichts wissen könnte. [img]images/smiles/wallbash.gif[/img]:lol:
Übrigens, seit wann und von wem weiß Lily denn Bescheid? Typisches Beziehungs-Bescheidwissen zwischen besten Freundinnen (Amy), oder hat James sich mal verplappert? :mrgreen:


Du bist mal wieder die Erste, der das auffällt. Ich hab ja nirgens geschrieben, dass Lily es weiß, aber ich denke, sie KÖNNTE es wissen. Ich schätze sie als tolerant und verschwiegen ein. Entweder, sie hat´s selbst rausgefunden oder James hat es ihr erzählt oder Amy. Irgendetwas davon ist passiert. :wink:


So - und nun folgt Kapitel 13


XIII. Hormone in Hogwarts


Die weibliche Schlossbevölkerung jenseits des dreizehnten Lebensjahres stand Kopf. Ihnen blieben nur noch elf winzige Tage, die allerletzte Chance überhaupt. Elf Tage Zeit, um sich sämtliche Mädchen Hogwarts´ zum Todfeind zu machen. Elf Tage Zeit, um sich von ihrer allerbesten Seite zu zeigen und elf Tage Zeit für Sirius Black, um sich die Schönste unter ihnen herauszusuchen. Doch Sirius machte keinerlei Anstalten, sich in irgendeiner Weise zu beeilen. Lautkreischende Heuler am Frühstückstisch, die schrill ihre Liebe kundtaten und Horden kichernder Mädchen in den Korridoren, die den vier Rumtreibern bis zur Klotür folgten, ließen einen Sirius Black nicht nervös werden. Selbst James, Remus und Peter wurden als beste Freunde der Schulschönheit laufend belagert und verfolgt. Nicht etwa, weil eines der Mädchen mit ihnen hätte ausgehen wollen. Nein, dass James Potter, der Star des Quidditchteams, nun nicht mehr zu haben war, hatte einige Mädchen schwer getroffen, doch das Schulsprecherpaar wurde von den meisten angebetet. Und wer nach Remus´ und Amys legendärem Kuss im Verwandlungsunterricht noch nicht geschnallt hatte, dass auch hier nichts zu holen war, hatte es spätestens begreifen müssen, seit er und Amy durch Hogwarts promenierten, als gelte es bei einem Dreibeinwettbewerb den ersten Platz zu holen. Nun, und Peter, für den hatte überhaupt noch niemand eine Spur Interesse gezeigt. Remus fühlte sehr mit ihm, denn früher oder später würde er ein Mädchen fragen müssen. Schließlich konnte er bei dem Eröffnungstanz, den ja ausgerechnet sie vier hinlegen mussten, kein Solo geben! Da Amy allerdings immer noch ein bisschen schwach auf den Beinen war – sie hatte sich nach weniger als zwei Wochen eigenmächtig aus dem Krankenflügel entlassen –, ging es Remus im Grunde auch nicht viel besser. Zwar hatte sie ihm geschworen, mit ihm zu tanzen, auch wenn sie es auf Krücken tun musste, doch Remus war ein wenig beunruhigt. Schließlich hatten sie nicht einmal mehr üben können und sich auf Amys Naturtalent zu verlassen, schien ein wenig leichtsinnig. Ansonsten war Amy wieder einigermaßen genesen; ein paar schwache Narben zeichneten sich noch auf ihrem Brustkorb ab, allerdings würden die, so zumindest Madam Pomfrey, mit der Zeit immer blasser werden.
„Und wenn nicht“, hatte Amy gut gelaunt gemeint, „haben wir uns ja wenigsten ein bisschen aneinander angeglichen.“
Sirius Black schien beinah so interessant wie der Abschlussball selbst. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass James eines Nachmittags vollkommen die Nerven verlor, als ein und das selbe Mädchen zum dritten Mal an jenem Tage hinter einem Wandteppich hervorgehüpft kam, um James nach den Vorlieben seines besten Freundes auszuquetschen.
„Hau bloß ab!“, brüllte er ungehalten. „Du passt sowieso nicht in sein Beuteschema.“
Obwohl er damit recht hatte, bemühte sich Remus, die Mädchen ein klein wenig taktvoller abzuwimmeln. Sirius hatte eine Schwäche für Blondinen mit – Remus mochte es selbst nur ungern wiederholen – möglichst dicken Dingern. Und die Brünette aus der vierten Klasse hinter dem Wandteppich würde aus diesem Grunde bestimmt keine Schnitte bei ihm haben....
Große Hoffnung machte sich auch Jessica Scrimgeour, der Sirius seit ihrem gemeinsamen Projekt mit oberflächlicher Höflichkeit begegnete.
„Wieso fragst du nicht einfach Peter?“, schlug Remus ihr vor, als sie ihn zum wiederholten Male gebeten hatte, bei Sirius doch ein gutes Wort für sie einzulegen. „Sirius .. .er ... er hat schon eine ...“
Um ein Haar wäre Jessica auf Remus losgegangen, wenn Amy sie nicht in diesem Moment gefragt hätte, was für ein Kleid sie am Abschlussball tragen werde.
Ihr ging der Trubel um Sirius Black und die Horden von Mädchen, die ständig um sie und Remus herumlungerten, auch gehörig auf die Nerven.
„Meine Fresse“, schimpfte sie, als Jessica das Weite gesucht hatte. „Wenn Sirius sich nicht bald entscheidet, geh ich mit ihm.“
Remus zog die Augenbrauen hoch. Nicht, dass er ernsthaft eifersüchtig gewesen wäre, aber seit in ihren Adern dasselbe Blut floss, hatte er gelegentlich den Eindruck, dass die Seelenverwandtschaft der beiden noch ein wenig inniger geworden war. Amy war sogar dazu übergegangen, Sirius ihren „großartigen Lebensretter“ zu nennen.
„Und mit wem soll ich dann gehen?“, fragte er möglichst unbekümmert.
„Puddymond?“, schlug Amy munter vor. „Ach, nein, war ja nur Spaß. Aber ich halt das nicht mehr lange aus. Was die nur alle an dem finden?!“
Remus zuckte mit den Schultern und musste mit einem Mal grinsen. „Dir und Tatze würde ich ja gerne mal beim Tanzen zugucken... . Mann, das gäbe die reinste Katastro....Oh Amy, das - das war nicht so gemeint!“, sagte er rasch, als Amy ein wütendes Gesicht zog. „Das kriegen wir schon hin.“
„Sieh dich ja vor, Remus Lupin“, mahnte Amy. „Ich trample dir mit meinen Pfennigabsätzen auf den Füßen herum, dass du nur noch nach Hause humpeln kannst. Noch so ein blöder Spruch und du kannst mit Peter tanzen!“
„Wenn es dir wieder besser geht, üben wir noch ein bisschen“, bestimmte Remus gelassen. „Bis auf die Linksdrehung ist ja alles ganz okay gelaufen. Aber die sitzt wirklich noch nicht richtig.“
Amy rollte mit den Augen. Remus war ein erbarmungsloser Lehrer und ein Perfektionist sondergleichen. Nur einen Tanz würde er noch bekommen nach ihrem Abschlussball, nur noch einen. Und zwar bei ihrer Hochzeit ...

Sirius Black genoss den Trubel um seine Person in vollen Zügen. Er zwinkerte hier, lächelte dort und machte jedem der Mädchen Hoffnung, seine Auserwählte zu werden. Und eines Nachmittags am See, es war brütend heiß und das halbe Schloss fläzte sich auf dem Rasen oder planschte im Wasser, schoss er endgültig den Vogel ab. Remus saß zusammen mit James, Peter, Amy und Lily im Schatten der großen Buche und las ein Buch, als ihn lautes Gekreische aufblicken ließ. Sirius, in nichts als einer knallengen, schwarzen Badehose, braungebrannt, wie er es immer schon gewesen war, stolzierte über den Rasen und zeigte Hogwarts seinen Astralkörper: Ein Sixpack wie aus einem Bademodenkatalog und Arme, um damit Bäume auszureißen.
„Jetzt übertreibt er aber“, murmelte James und sprach damit aus, was Remus gerade dachte. Doch was ihn weitaus mehr entsetzte, war, dass Amy und Lily nun ihr angeregtes Gespräch über Beinenthaarung unterbrochen hatten, um mit offenen Mündern seinem Knackarsch hinterher zu starrten.
Remus gab James einen Stoß in die Rippen und nickte zu den beiden Mädchen hinüber, der Lily sofort eine kleine Szene machte.
„Gibt´ s da etwa was zu sehen, was ich nicht habe?!“, schnauzte er seine Freundin an.
„Ja, in der Tat“, sagte Lily lässig. „Sirius trägt ´ne Badehose und du nicht.“
Zu Remus´ Erleichterung hatte auch Amy endlich das Gegaffe aufgegeben und machte sich nun daran, ihr Kleid auszuziehen, unter dem sie einen Badeanzug statt eines Bikinis trug, um ihre Narben zu verbergen; mit ein bisschen Bein, so dass man auch die am Oberschenkel kaum sehen konnte. Trotzdem musste Remus sie für ihren Mut bewundern. Er wäre niemals in Hogwarts vor all den anderen baden gegangen.
„Ich glaub´, ich geh´ auch schwimmen“, sagte Amy gut gelaunt. „Kommst du mit, Lily?“
„Ja, klar.“
„Ich auch!“, verkündete James. „Ich hab nämlich auch ´ne Badehose drunter!“
„Was du nicht sagst!“ Lily lächelte nachsichtig und gab James einen versöhnlichen Kuss. „Dann kommt!“
„Was ist mit dir?“, fragte James an Remus gewandt, der leise stöhnte. James wusste haargenau, dass er niemals vor der halben Schule in Badehose rumlaufen würde. „Ich lese“, murmelte er und wandte sich wieder seinem Buch zu. „Viel Spaß.“
„Remus?“, das war Amy.
„Danke nein, ich le - se“, knurrte er missgelaunt.
„Ich wollte dich nur bitten, ob du ein Auge auf unsere Sachen haben könntest.“
„Oh...“, murmelte Remus zerstreut und zog Amys Klamotten zu sich herüber. „Na klar. Aber pass ein bisschen auf, dass du dich nicht verletzt und-“
Amy kniete sich neben ihn und unterbrach seinen Vortrag mit einem Kuss auf die Nasenspitze. „Ich wollte dich nicht fragen, ob du mitkommst, Remus. Hast du denn was dagegen, wenn ich...?“
„Ach wieso? Ich weiß ja, wie wild du auf´ s Schwimmen bist. Aber sei bitte vorsichtig!“
„Na, klar ... Dann bis nachher“, sagte Amy freudig, gab ihm einen flüchtigen Kuss und eilte dann mit wehendem Haar und noch ein klein wenig humpelnd James und Lily hinterher, die im flachen Wasser nun schon heftig miteinander herumknutschten. Remus entging nicht, dass ihr einige der Jungs auf dem Rasen interessierte Blicke hinterher warfen, und seine Laune sank weiter gegen Null. Es war schon eine große Scheiße, dass er nicht einmal mit seiner eigenen Freundin schwimmen gehen konnte ...
Peter war unterdes neben ihm eingedöst und so lehnte Remus sich zurück an den Baumstamm und steckte seine Nase wieder in „Freddie Windsors Geschichte eines Halbbluts“.
Doch ein lautes Gekreische, das verdächtig nach Amy klang, ließ ihn das Buch erneut zur Seite legen. Amy saß auf Sirius´ Schultern, während Lily auf James Schultern saß und die beiden Mädchen versuchten gerade, sich gegenseitig ins Wasser zu schmeißen.
„Und das nennt sie vorsichtig!“, knurrte Remus empört. Ein wenig schämte er sich für die Gefühle, die in diesem Augenblick in seiner Brust aufloderten, doch am liebsten hätte er Sirius eine geknallt und Amy in Grund und Boden gebrüllt, wegen ihrer Unvernunft und wegen noch so einiger anderer Dinge ...
„Ich sagte, schwimmen sei okay“, murmelte er grimmig. „Von Begatten in aller Öffentlichkeit war nie die Rede.“
„Hmmm?“, machte Peter und öffnete ein Auge. „Wer begattet sich?“
„Ach, schlaf weiter“, grummelte Remus, ohne den Blick von Amy zu wenden, die ihm nun fröhlich zuwinkte. Remus erwiderte ihr Winken nicht und versteckte sich hinter seinem Buch, um in Ruhe über sein Elend nachgrübeln zu können. Doch Amy hatte offenbar bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte, denn wenige Augenblicke später erschien sie nass und tropfend an seiner Seite.
„Alles in Ordnung, Schatz?“
„Hmmm.“
„Was liest du´ n da?“
„N´ Buch.“
„Das Wasser ist total klasse! Ich frage mich, warum ich eigentlich nicht viel häufiger schwimmen gegangen bin und nun ... na ja, in einer Woche ist alles vorbei, das macht einen schon ziemlich traurig, findest du nicht?“
„Ich finde, dass du tropfst.“
„Ich kann mir echt nicht vorstellen, nie wieder hierher zurück zukehren. Aber andererseits beginnt ja auch ein neuer Lebensabschnitt und wer weiß, was so alles auf uns zukommt. Ich meine-“
„Amy, dies ist ein sehr teures Buch“, knurrte Remus übellaunig und tupfte sorgsam die Wassertropfen von den Seiten. „Es ist handgeschrieben und Wasser lässt die Tinte verschmieren. Außerdem musste ich jede Seite eigenhändig mit dem Brieföffner aufschlitzen.“
„Oh ja, natürlich.“ Amy griff nach einem Handtuch und wickelte es sich um den Kopf zu einem Turban. „Sorry, tut mir leid.“
„Kein Problem.“ Remus seufzte. Ein Teil von ihm wünschte sich, dass Amy bei ihm blieb, doch der andere Teil wollte einfach nur, dass sie verschwand und ihn in Ruhe ließ.
Amy machte Anstalten, ihm einen Kuss zu geben, aber Remus nahm das Buch wieder auf und lehnte sich zurück.
„Muss ja sehr spannend sein“, murmelte Amy.
„Hmm.“
„Soll ich dich alleine lassen?“
„Hmm.“
„Oh Danke!“, Amy war aufgesprungen, hatte sich das Handtuch aus den Haaren gerissen und funkelte ihn nun wütend an. „Wenn du wieder normal bist, kannst du mir ja mal verraten, was ich dir getan habe!“ Sie wandte sich um und wollte gerade davon eilen, als Remus fauchte: „Ich weiß gar nicht, was die alle an ihm finden?! Anscheinend hast du ja doch ne Menge Verständnis dafür!“
Amy wirbelte herum und starrte ihn einen Augenblick lang fragend an.
„Ahhh, daher weht der Wind“, sagte sie plötzlich, als es ihr dämmerte. „Dir passt es nicht, dass ich mit Sirius ein bisschen rumgetobt habe. Dann sag das doch gleich!“
„Ist mir völlig egal, was ihr treibt“, knurrte Remus heiser. „Und wo auch“, hatte er noch hinzufügen wollen, ließ es jedoch bleiben.
Ein Lächeln huschte über Amy Gesicht, als sie sich wieder neben ihn kniete. „Du bist eifersüchtig“, sagte sie triumphierend. „Auf deinen besten Freund. Ist das zu glauben?“
„Ich bin nicht eifersüchtig!“, protestierte Remus. „Aber du hast gesagt, du seiest vorsichtig. Amy, deine Wunden sind kaum verheilt und da tobst du hier rum, als sei nie etwas gewesen!“
„Eifersüchtig!“, wiederholte Amy feixend. „Das seh´ ich dir an der Nasenspitze an, mein Lieber.“
„Ich bin nicht eifersüchtig“, sagte Remus bestimmt. „Aber ... du hast ihm schon ganz schön hinterhergestarrt. Er gefällt dir!“
„Nein!“ Amy schüttelte lächelnd den Kopf und schmiegte sich an Remus. „Ich war nur fassungslos über seinen Auftritt.“
Remus zog ungläubig die Augenbrauen hoch. „Das kannst du deiner kleinen Schwester erzählen.“
„Okay ...“, lenkte Amy ein. „Er ist schon ... ziemlich gut gebaut ...“
„Aha“, sagte Remus knapp. „Da kommen wir der Wahrheit doch schon näher.“
„Er hat wunderbar definierte Oberarme und sein Hintern... Wow!“, schwärmte Amy, ohne zu bemerken, dass neben ihr jemand saß, der beinah explodierte.
„Und dieses Sixpack ... .“ Sie warf Remus einen scheuen Blick zu. „Nichts gegen deins natürlich ... versteht sich ja von selbst, aber ... hmmm ...“
„Amy?“
„Ja?“
„Halt jetzt die Klappe!“, schnauzte Remus und verbarg sich wieder hinter seinem Buch.
„Ach, Remus!“ Amy nahm ihm das Buch aus der Hand und legte es zu Seite. „Stell dir mal vor, Alanis Goldfine wäre im Bikini hier entlang promeniert. Hättest du dann nicht einen kurzen Blick gewagt?“
„Hingesehen hätte ich vielleicht“, gestand Remus. Alanis war die Schulschönheit, eine Sechstklässlerin, deren grandiose Kurven man selbst durch den Umhang erkennen konnte. Total dämlich natürlich, wie Remus wusste, seit sie eine kurze Affäre mit Sirius gehabt hatte, aber doch ... einen Blick wert.
„Alanis Goldfine? Im Bikini?“ Peter war hellhörig geworden und setzte sich nun auf. „Wo?“
„Ach, schlaf weiter“, sagten Remus und Amy gleichzeitig und Peter legte sich wieder hin.
„Aber ich würde dir nicht von ihrem Körper vorschwärmen! Und dein Blick dabei erst! Richtig angsteinflößend. Muss ich befürchten, dass du Sirius bei der nächsten Gelegenheit überfällst und flachlegst?“
„Jetzt wirst du albern“, sagte Amy streng. „Und außerdem finde ich es blöd, dass wir uns in der letzten Woche hier wegen so einer Kleinigkeit streiten müssen.“
„Ja ja, schon gut ... ich vergebe dir...“, grummelte Remus. „Eigentlich kann ich dich ja sogar verstehen, denn ich kann dir so etwas halt nicht bieten.“
Amy wollte gerade protestieren, als Remus ihr lachend ins Wort fiel. „Übrigens, die Kleinigkeit kämpft gerade mit etwas, das aussieht wie ein Arm des Riesekraken.“.
Amy schaute rasch auf und stimmte ebenfalls mit ein. „Sirius“, sagte sie kopfschüttelnd. „Hauptsache, eine Riesen-Show abziehen.“

Eine Weile sahen sie Sirius schweigend dabei zu, wie er im Wasser herumtobte, dann schmiegte Amy sich an Remus und warf ihm einen scheuen Seitenblick zu.
„Ich hab dich gekränkt, stimmt´ s?“, fragte sie zaghaft.
„Nicht weiter tragisch“, behauptete Remus und gab ihr lächelnd einen Kuss. „Hast du Lust, auf ´nen Spaziergang.“
„Immer doch.“ Amy streifte sich ihr Kleid über und stopfte dem schlafenden Peter die Sachen von James und Lily in die Arme. „Wo soll´ s langgehen?“
„Überraschung.“ Remus zwinkerte „In einer Woche werde ich es wohl kaum schaffen, dir die gesamten Ländereien zu zeigen, aber das Wichtigste solltest du schon gesehen haben, bevor...“
Er nahm Amy bei der Hand und zog sie in Richtung Gewächshäuser davon. „Ist ein kleiner Fußmarsch. Aber es lohnt sich“, versprach er.
„Solang mich am Ende kein Klavier erwartet“, sagte Amy lächelnd. „Oh Mann, Remus, was ihr alles gesehen haben müsst! Ich beneide euch richtig. Schade, dass ich nicht dabei sein kann ...“
Sie schien einen Moment nachzugrübeln, bis sich ihr Gesicht schließlich vor glühendem Eifer erhellte. „Wenn ich auch ein Animgus wäre, Remus, dann-“
„Würde ich dich trotzdem nicht mitnehmen“, fuhr Remus eilig dazwischen. „Es wäre immer noch viel zu gefährlich.“
„Aber Schatz, denk doch mal nach. Das wäre die Lösung! Wenn wir zusammenwohnen, dann könnte ich mich verwandeln und wir wären auch an Vollmond zusammen! Wäre das nicht toll?“
„Hmm“, brummte Remus. „Lass uns jetzt nicht darüber nachdenken, was nach der Schule sein wird, sondern den Moment genießen. Unsere letzte Woche hier in Hogwarts.“
Amy stutzte. „Aber wir müssen doch mal darüber nachdenken...“
Remus verschloss ihr mit einem langen Kuss den Mund und sie gab sich seiner Liebkosung hin.
„Es macht dir wohl Angst, über die Zukunft nachzudenken“, sagte Amy, als Remus sie aus seinem wilden Kuss entließ.
„In einer Zeit wie dieser wäre es töricht, keine Angst zu haben. Es ist Krieg. Und ich ... Amy“, er zögerte einen Moment. „Ich gedenke, gegen ihn zu kämpfen.“
„Ich auch!“ Amy nickte bestimmt. „Ich will auch gegen Voldemort kämpfen.
Remus schwieg, doch er schwor sich, Amy mit allen Mitteln davon abzuhalten, dass sie sich in irgendeine Gefahr begab. Er wollte kein Macho sein, doch er fand nicht, dass Amy beim Kampf gegen Voldemort und seine Gefolgsleute irgendetwas verloren hatte. Sie war da noch nicht reif für, total unvorsichtig und obendrein ein Mädchen ... . Sein Mädchen, um es genau zu sagen und wenn ihr etwas zustoßen sollte, dann würde er sich von der Brücke stürzen; am besten von dieser hier, die war schön hoch.
„Wow!“, staunte Amy. „Die hab ich noch nie gesehen.“
„Tja, wie solltest du auch? Das Betreten dieses Teils der Länderein ist verboten. Frag mich nicht, warum. Ich vermute, dass hier einmal jemand seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt hat.“
Die filigrane Holzbrücke wippte sanft, als Amy und Remus sie betraten. Sie führte über eine mächtige Kluft, so steil, dass einem vom Hinuntersehen schwindelig werden konnte. Sirius hatte unlängst einen Stein in den Abgrund geworfen und viele Sekunden waren bis zu seinem Aufprall verstrichen. Von den steilen Felswänden sprudelten wilde Gebirgsbäche hinab, die zu brausenden Wasserfällen wurden und irgendwo in der Tiefe in einem Fluss mündeten, der nun laut unter ihnen rauschte und mit seiner gewaltigen Kraft kleine Bäume entwurzeln konnte. Die steile Felswand war moosbedeckt und alles in allem hatte man den Eindruck, über einer gigantischen, dunkelgrünen Schüssel zu schweben, deren Rand sich in endlosen Wiesen und Wäldern verlor. Stand man am einen Ende der Brücke, so glaubte man beinah, ihr anderes nicht sehen zu können, doch Remus vermutete, dass es sich dabei um eine optische Täuschung handeln musste, hervorgerufen, durch ihre ungewöhnliche Form und die immer wiederkehrenden Schnitzereien entlang des Geländers. Als Ergebnis mühseliger Handwerksarbeit zeigten sie Szenerien aus vielen tausend Jahren Zaubereigeschichte und Remus hatte nicht wenige Stunden damit zugebracht, sie einfach nur zu bewundern und immer wieder Neues an ihnen zu entdecken.
„Cool“, murmelte Amy und fuhr mit ihrer Hand über das dunkle Holz. „Total abgefahren!“
„Ich dachte mir, dass sie dir gefällt. Sie ist sehr schön, aber ich sehe nicht allzu gern hinunter ...“
Amy lächelte und fuhr ihm sanft über die Wange. „Weiß ich doch.“
„Tja, und trotzdem ist sie faszinierend. Sieh mal, Schatz – hier ist eine Szene aus dem Krieg der Gnome gegen die Kobolde im 14. Jahrhundert.“
„Die haben Krieg gegeneinander geführt?“, fragte Amy verblüfft. „Wer hat gewonnen?“
Remus verdrehte die Augen, während er sich vorsichtig mit dem Rücken an das Geländer lehnte.
„Keine Partei, Amy. Die Zauberer haben dem Kampf damals ein Ende gesetzt. Das ist Stoff der 3. Klasse.“
„Und du denkst, das merk ich mir?“, fragte Amy und näherte sich Remus, so dass er seine Arme um sie legen konnte.
„Nein, das hatte ich nicht wirklich erwartet“, gestand er lächelnd.
„Es ist traurig, für immer von hier weg zu müssen, findest du nicht?“
Remus schwieg eine Weile. Wie schwer es ihm fiel, dass Schloss mitsamt seiner wunderschönen Ländereien endgültig zu verlassen, bald nicht mehr mit den Jungs in einem Schlafsaal wohnen zu können, Amy nicht mehr jeden Tag zu sehen, das konnte er überhaupt nicht in Worte fassen. Alles war aussichtslos und grau; er würde zu seinen Eltern zurückkehren, weil es dort einen geeigneten Verschlag für ihn gab und darauf hoffen, dass er eine Arbeit fand. Jeden Tag sah er im Propheten nach, ob der Erlass, dass Werwölfe und andere dunkle Kreaturen eine Marke im Ausweis tragen mussten, bereits Gesetz geworden war. Lange würde es nicht mehr dauern, bedachte man, wie sehr sich die Werwolfangriffe in letzter Zeit häuften.
„Jaaa“, sagte er tonlos. „Das ist wirklich-“, niederschmetternd, hatte er hinzufügen wollen, ahnte jedoch, dass Amy ihn dann für einen Dramatiker halten würde. Deshalb seufzte er nur leise und zog sie in eine warme Umarmung.
„Aber die Hauptsache ist“, begann Amy fröhlich, ohne Remus´ Kummer zu bemerken, „dass wir zusammenbleiben können nach der Schule, meinst du nicht? Also als erstes sollten wir uns ja mal nach einer gemeinsamen Wohnung umsehen, Werwolf-tauglich, versteht sich. Und dann suchen wir uns beide einen netten Job, der uns gefällt und – ach ja, kämpfen gegen Voldemort, ist doch klar“, fügte sie beiläufig hinzu. „Das wird toll, wenn wir zusammenwohnen, Schatz. Ich meine, am Anfang wird es sicher nichts Großes sein, aber ich bin mir sicher, mein Dad steuert ein paar Möbel bei und außerdem-“
„Amy!“ Remus schluckte. „Wir – wir werden keine Werwolf-taugliche Wohnung finden. Das ist nicht so leicht, wie du es dir vorstellst. Sie muss einsam sein, vollkommen abgelegen, fern von jeglicher Zivilisation.“ Remus bemerkte, dass Amy ihn unterbrechen wollte, und so fuhr er rasch fort. „Ein Verschlag müsste her, kein magisch geschützter, sondern einer, dessen Wände stark genug sind, rohe Gewalt auszuhalten. Mein Vater hat sich damals mehr als drei Wochen nach einem geeigneten Platz für mich umgesehen und auch nur mit Glück und dem nötigen Kleingeld ein Haus gefunden, das diesen Anforderungen entspricht. Am besten wäre es deshalb, wenn ... wenn ich vorerst zu meinen Eltern zurückkehren würde. Glaub nicht, dass mich das glücklich macht, Amy, aber-“
„Aber so etwas muss doch zu finden sein, Remus. Du stellst dich absichtlich quer! Wieso kannst du nicht an Vollmond hierher apparieren und die Heulende Hütte benutzen, wieso-“
„So etwas kann schief gehen. Mir geht es am Tage vor Vollmond oft so schlecht, dass ich zum Apparieren nicht in der Lage bin. Gelegentlich bin ich anschließend so stark verletzt, dass ich nicht allein zurück könnte und abgesehen davon hat Dumbledore mir dieses Privileg sieben Jahre lang gewährt. Ich war sieben Jahre lang eine Gefahr für Schüler, Lehrer und Dorfbewohner. Damit muss Schluss sein! Ich werde Dumbledores Großmut nicht noch ein weiteres Mal in Anspruch nehmen“, sagte er bestimmt.
„Aber-“
„Amy ...“ Remus wollte Amy sanft über die Wange streichen, doch sie wich zurück und schüttelte ungläubig den Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie ein weiteres Mal versuchte, Remus umzustimmen. „Warum kannst du dann nicht zu deinen Eltern? Meinetwegen zwei Tage vor Vollmond. Und ich komme nach und hol´ dich ab, wenn´s dir schlecht geht.“
„Das ist lieb von dir, Engel. Aber du weißt, dass es unter diesen – meinen – Umständen schwer sein wird, eine Arbeit zu finden, die ich länger als einen Monat behalte. Wer stellt jemanden ein, der Monat für Monat, ausgerechnet an Vollmond, mal drei, vielleicht vier Tage ausfällt? Die Arbeitslosigkeit ist hoch, seit Voldemort sein Unwesen treibt. Nicht wenige sind untergetaucht, viele Geschäfte geschlossen. Meine Chancen sind wirklich schlecht, Amy. Es wäre schön, wenn du anfingest, das zu begreifen.“
„Ich begreife es ja, Remus, ich begreife es!“ Nun liefen ihr die Tränen in rascher Folge über die Wangen. „Aber das kann uns doch nicht trennen, das sind doch alles Nebensächlichkeiten! Ich kann die Miete bezahlen und-“
Remus Ausdruck war mit einem Mal steinern geworden. „Auf gar keinen Fall!“, herrschte er sie an. Hatte er nicht lange genug in Abhängigkeit anderer Menschen leben müssen? Seit einem Jahr nannte er sich volljährig; wie lange sollte er denn noch auf die Hilfe anderer angewiesen sein, auf ihre Gnade, ihren Großmut? Sein Leben lang? Wie ein Pflegefall, der anderen zur Last fiel, ein Parasit, den man aus Mitleid duldete? Und das letzte, was er auf dieser Welt wollte, war von Amy durchgefüttert zu werden; das war schlimmer noch, als wieder bei seinen Eltern um Obhut zu bitten. Allein bei dem Gedanken fühlte er sich so, als habe man ihm das allerletzte bisschen Würde genommen, als müsse er splitterfasernackt durchs Schloss laufen, während alle ihn anstarrten. Und wenn er ganz ehrlich zu sich war, wollte er auch nicht, dass Amy ihn jemals nach einer Vollmondnacht sehen musste; in einer Lache aus seinem eigenen Blut, nackt und elend und, wenn ihn das Gift einmal wieder übermannt hatte, in einer Lache aus Erbrochenem ... Nein, Amy sollte ein unbekümmertes Leben führen, wie es einem Menschen, der so viel Fröhlichkeit in sich hatte, einfach zustand. Wenn Remus sich vorstellte, dass er es eines Tages sein sollte, der ihr Lachen sterben ließ, dann wollte er einfach nur fortlaufen.
„Du – du könntest es mir ja irgendwann zurückzahlen“, begann Amy zaghaft, so als habe sie seine Gedanken gelesen.
Remus schnaubte und stieß sich vom Geländer ab, um die Brücke entlang zu gehen, während Amy ihm rasch nachsetzte.
„Jetzt warte doch – wohin gehst du? Es – es war nicht so gemeint! Ich wollte nicht-“ Ja, was hatte sie nicht gewollt? Warum war er so verletzt? Amy wusste es nicht.
„Ich will für mich alleine sorgen!“, fauchte Remus und wirbelte herum. „Hast du mich verstanden? Ich hab keine fremde Hilfe nötig, nur weil ich zum Abschaum der Bevölkerung gehöre. Ich brauche niemanden, der meine Miete zahlt, noch jemanden, der mich aufpäppelt, wenn ich mich mal wieder zerfleischt hab!“
„Na – natürlich“, murmelte Amy, die Remus noch nie so außer sich erlebt hatte. In seinen braunen Augen glaube sie nun, Flammen züngeln zu sehen, gelb und feuerrot. „Natürlich kommst du alleine klar, das weiß ich doch.“
Da wusste sie mehr als er selbst.
„A – aber es ist doch nicht schlimm, die Hilfe seiner Freundin anzunehmen, oder? Ich meine, wir sind ein Paar, wenn ich eines Tages Hilfe brauche, dann wirst du doch auch da sein ... Ich – ich ... es tut mir leid, Remus. Ich wollte dich nicht verletzen.“
Remus starrte eine Weile hinab in die Tiefe, ganz ohne zu erschaudern, bevor er seinen Blick senkte und sich Amy zaghaft näherte, die er aus sicherer Entfernung gerade so sehr angeschrieen hatte, dass er sich in Grund und Boden schämte.
„Es gibt nicht, was dir leid tun müsste. Mir tut es leid ... Vielleicht siehst du daran, dass ich manchmal nicht der bin, der ich gerne wäre, weil in mir noch ein anderer wohnt. Du musst das begreifen, Amy ... Du bist mit einem Werwolf zusammen.“
„Ja, aber doch mit einem zahmen Werwolf“, sagte Amy und lächelte schief.
Remus schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der wilden Landschaft zu. „Ich werde allmählich müde, dir zu erklären, dass ein Werwolf unbezähmbar ist.“
„Aber ich hab gelesen“, begann Amy und ging nun ihrerseits auf Remus zu, „dass Liebe den Wolf im Menschen bezwingt und-“
„Wer behauptet so etwas?!“, knurrte Remus und wirbelte herum, um Amy anzusehen. „Wer erzählt dir so einen Schwachsinn?“
„Ich – ich hab den Autor vergessen, Remus, aber das spielt ja auch gar keine Rolle. Dort steht jedenfalls, dass Werwölfe die Anwesenheit geliebter Menschen spüren und dann nicht angreifen. Das ist eine uralte Legende ...“
„Da hast du´s!“, fauchte Remus. „Es ist eine Legende und ich kenne sie. Ich kenne diesen Unsinn sehr gut, ja. Du tätest gut daran, dieses Schund ins nächste Feuer zu werfen, weil es dir nämlich Hoffnungen macht, wo keine sind. Werwölfe spüren die Anwesenheit geliebter Menschen nicht, weil sie von Liebe keine Ahnung haben. Dass du dich über Werwölfe informierst, rührt mich, aber mit Fachliteratur bist du besser beraten als mit Artikeln aus dem "Klitterer". Ja, ich weiß sehr wohl, dass dieser Mist im "Klitterer" veröffentlich wurde. Hätte ich geahnt, dass du darauf anspringst, hätte ich diesem Unsinnsblatt umgehend einen Leserbrief geschrieben, der sich gewaschen hat!“
„Ich fand das recht nachvollziehbar und logisch erkl-“
Remus warf Amy einen Blick zu, der sie zum Schweigen brachte. „Eines Tages können wir zusammenziehen, Amy. Wenn du bereit bist, zu verstehen, dass ich ein gefährliches Monster bin und dich töten könnte. Wenn du das begreifst, dann können wir darüber nachdenken. Im Moment muss ich befürchten, dass du nicht mir, sondern dem "Klitterer" Glauben schenkst und meine Anweisungen zum Schutz deines Lebens in den Wind schlagen würdest.“

Keiner der beiden hatte Augen für den Himmel gehabt, der sich nun beängstigend rasch verdunkelte und bereits erste Anzeichen eines gewaltigen Sommergewitters gen Erden schickte. Schwere Tropfen landeten auf Amys nackten Schultern, doch erst als der Regen tosend auf sie niederprasselte, wurden sie seiner gewahr.
Remus nahm Amy bei der Hand, und sie liefend schlitternd und rutschend über das uralte Holz, während die Brücke im Wind und unter ihren raschen Schritten bebte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, schlug Remus, als sie das Ende der hölzernen Brücke erreicht hatten, nicht den Weg Richtung Schloss, sondern einen anderen, ihm ebenfalls wohl vertrauten Pfad ein.
„Wohin willst du?“, rief Amy durch den Tumult des brodelnden Sturmes.
„Na, möglichst schnell ins Trockene“, erwiderte Remus und zog Amy an Hagrids Hütte vorbei und einen Hügel hinauf, wo er so rasch zum Stehen kam, dass Amy um ein Haar über ihn gestolpert wäre.
„Immobilus!“, rief er donnernd und schwang seinen Zauberstab, so dass der gewaltige Baum auf dem Hügelkopf mit einem Schlag in seinem wilden Herumgepeitsche innehielt.
„Gehen wir in die Heulende Hütte?“, fragte Amy und machte ein besorgtes Gesicht.
„Jawohl!“ Remus lächelte. „Und jetzt sieh mich nicht so an. Dass es dort nicht spukt, solltest du eigentlich wissen. Nach dir, bitte“, sagte er höflich und wies auf das Erdloch. „Und geh beiseite, wenn du unten angekommen bist, sonst fall ich womöglich auf dich.“
Amy seufzte leise und schlüpfte durch die Öffnung, landete auf feuchtem Erdboden und wartete auf Remus, der wenige Wimpernschläge später neben ihr erschien.
„Klar weiß ich, dass es hier nicht spukt, aber wenn es einem jahrelang eingeredet wurde, glaubt man halt doch noch ein bisschen dran“, erklärte sie schmunzelnd. „Komisch, sich vorzustellen, dass du es bist, der diesen Lärm macht.“
„Dann stell es dir einfach nicht vor“, bemerkte Remus nüchtern vor und nahm sie wieder bei der Hand. „Und nun komm! Es ist nicht allzu gemütlich dort, aber immerhin besser als in diesem feuchten Gang hier.“
Als sie endlich die staubige Kammer erreicht hatten, in der Remus sich allmonatlich verwandelte, sah Amy sich erst einmal neugierig um.
„Und, was sagst du?“, fragte Remus mit einem Hauch von Angriffslust in der Stimme. „Stellt so etwas ein gezähmter Werwolf an, deiner Meinung nach?“ Und er wies auf den zerborstenen Tisch, die hinab gerissenen Vorhänge und eine zertrümmerte Kommode. „Nicht!“, rief er und packte Amy eilig am Arm, als sie sich auf einem wackligen Stuhl niederlassen wollte. „Der – der ist kaputt.“
„Verstehe.“ Amy lächelte. „Und das Bett?“
„Das ist heil.“
Die beiden ließen sich auf dem Bett nieder und schwiegen, bis Remus irgendwann Amys Hand nahm und sie zwang, ihm in die Augen zu sehen.
„Wie würde es dir gefallen, wenn ich das mit deiner Wohnungseinrichtung anstellen würde, hmm?“
Amy zögerte, bevor sie eine Antwort gab. Dann blickte sie auf ihre durchweichten Turnschuhe und seufzte. „Es sind nur Möbel, Remus, nichts weiter, nur ein paar Sachen, die man ersetzen kann, jederzeit.“
„Ja, aber es könnten auch Menschen sein, Amy. Verstehst du das?“
„Ich verstehe“, sagte Amy langsam und näherte sich Remus für einen versöhnlichen Kuss, während sie gemeinsam auf das staubige Himmelbett sanken. „Ich versuche, es zu begreifen“, murmelte sie. „Aber es fällt so mir schwer...“
Und sie versöhnten sich ohne Worte, weil es manchmal einfach klüger ist, nichts weiter zu sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 27. Juli 2008 11:39 
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Wieder mal ein sehr schönes Kapitel, Tröti - die Szenen am See hätte ich ja zu gern miterlebt... *mir vorstell, wie die Mädels alle Sirius hinterhersabbern* [img]images/smiles/043.gif[/img]

Meine absolute Lieblingsstelle in diesem Kapitel:
Zitat:
Remus gab James einen Stoß in die Rippen und nickte zu den beiden Mädchen hinüber, der Lily sofort eine kleine Szene machte.
„Gibt´ s da etwa was zu sehen, was ich nicht habe?!“, schnauzte er seine Freundin an.
„Ja, in der Tat“, sagte Lily lässig. „Sirius trägt ´ne Badehose und du nicht.“

[img]images/smiles/laughing4.gif[/img] Herrlich, da hätte ich zu gern James' Gesicht gesehen. :mrgreen:

Der eifersüchtige Remus war ja auch mal niedlich, obwohl das mal wieder deutlich zeigt, wie unsensibel Amy manchmal sein kann. Ihr Freund kann nicht mitbaden, und sie hat nichts besseres zu tun, als mit dem heißesten Typen der Schule rumzutoben? Na toll... [img]images/smiles/wallbash.gif[/img]:lol:

Ich hab das glaub ich noch nicht geschrieben, aber Amy ist mir durchweg sympathisch - sie erinnert mich irgendwie an die Lois aus Smallville. :mrgreen:

Allerdings sollte sie langsam mal anfangen zu kapieren, daß sie mit einem Werwolf zusammen ist, oder? Das muß den armen Remus ja auf Dauer wahnsinnig machen, daß sie das Problem anscheinend nicht richtig ernst nimmt... :?

Zitat:
„Nicht!“, rief er und packte Amy eilig am Arm, als sie sich auf einem wackligen Stuhl niederlassen wollte. „Der – der ist kaputt.“
„Verstehe.“ Amy lächelte. „Und das Bett?“
„Das ist heil.“

Aaaaahja, von allen Möbeln in der Hütte hat er also ausgerechnet das Bett heil gelassen.... [img]images/smiles/twinkle.gif[/img][img]images/smiles/eusa_whistle.gif[/img]

Zitat:
Die beiden ließen sich auf dem Bett nieder und schwiegen, bis Remus irgendwann Amys Hand nahm und sie zwang, ihm in die Augen zu sehen.
„Wie würde es dir gefallen, wenn ich das mit deiner Wohnungseinrichtung anstellen würde, hmm?“
Amy zögerte, bevor sie eine Antwort gab. Dann blickte sie auf ihre durchweichten Turnschuhe und seufzte. „Es sind nur Möbel, Remus, nichts weiter, nur ein paar Sachen, die man ersetzen kann, jederzeit.“
„Ja, aber es könnten auch Menschen sein, Amy. Verstehst du das?“

Wird sie es eigentlich noch irgendwann begreifen? [img]images/smiles/wallbash.gif[/img]

Vielleicht hat Remus die falsche Frage gestellt, als er ihr die Möbel zeigte - "Würde es dir gefallen, wenn ich das mit dir machen würde?" hätte eventuell mehr Wirkung bei ihr gezeigt, aber Remus ist eben auch hier mal wieder viel zu sanftmütig.

Ich hoffe nur, daß Amy sich nicht noch in Lebensgefahr bringt, nur weil es ihr nicht in den Kopf will, was bei Vollmond aus Remus wird.... [img]images/smiles/fuercht.gif[/img]
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Ungelesener BeitragVerfasst: 27. Juli 2008 23:27 
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Vielen Dank für dein Review, Gine! [img]images/smiles/knuddel.gif[/img] Und freut mich, dass dir dieses Kapitel gefallen hat! :)
Und noch mehr freu ich mich, dass du Amy magst. Hab mein ganzes Herz in diese Erfindung gesteckt, denn sie sollte ja eine würdige Kandidatin für Remus sein! :mrgreen: Smallville gucke ich leider nicht, deshalb kann ich nichts zu der Ähnlichkeit sagen.
Dass sie ein bisschen naiv ist, hast du ja auch schon festgestellt, und auch das sollte ursprünglich Konsequenzen habe, aber wie gesagt, hab ich den 3. Teil ja nie geschrieben ...


So - nun folgt Kapitel 14 und damit das vorletzte Kapitel der gesamten FF - dann hast du´s geschafft! :wink:


XIV. Die feierliche Verabschiedung des Jahrgangs 1978

Ein Elefant vergisst niemals, so ein altes Sprichwort. Sein ganzes langes Leben lang vergisst er nichts von dem, was er erlebt hat. Ebenso wenig wie ein Werwolf. Und Remus würde niemals vergessen, wie Amy ihn angesehen hatte, als sie sagte „Ich begreife es.“. Nämlich wie jemand, der zustimmt, obwohl er am liebsten ablehnen würde, wie jemand, der behauptet, es ginge ihm gut, während er Kummer hat. In Wahrheit wusste Remus sehr wohl, und er hatte es seit jeher befürchtet, dass Amy ihn unterschätze. Der Versuch, ihr mit einem Besuch in der Heulenden Hütte all seine Grausamkeit vor Augen zu führen, schien verschwendete Liebesmüh. Mit aller Kraft klammerte Amy sich an den einen, von dem sie glaubte, dass er sie nicht für ein unbeschwertes Leben in Griechenland verlassen würde, wie ihre Mutter es getan hatte; an den einen, von dem sie hoffte, dass er sie nicht über einen heißen Feger im Tigertanga vergaß. Und sie tat es mit fest geschlossenen Augen; wie ein kleines Mädchen, das glaubt, man müsse nur wegsehen, um etwas Unliebsames verschwinden zu lassen. Als Remus zu der Einsicht kam, dass er sich unter all den vermeintlich selbstbewussten Mädchen die eine herausgesucht hatte, deren Herz so verwundbar war, wie das seine, wurde er sehr traurig. Und er begriff, dass zu lieben bisweilen ein Spiel mit dem Feuer sein konnte.

*~*

All diese Probleme rund um die Tücken der Liebe waren einem Sirius Black fremd. Mit bewundernswerter Konsequenz hatte er sich sämtliche Anwärterinnen bis zur letzten Minute warm gehalten und behauptete auch am Tag des Abschlussballs noch, sich für keine entschieden zu haben.

„Was soll das eigentlich, Tatze?“, fragte James nun bereits zum wiederholten Male. „Wenigstens UNS könntest du doch verraten, mit wem du gehst. Dass du es nicht an die große Glocke hängen willst, versteh ich ja. Deine Auserwählte würde den Tag vermutlich nicht überleben, wenn sich Horden eifersüchtiger Mädchen auf sie stürzten. Aber UNS“, betonte er gekränkt und empört zugleich, „UNS, deinen allerbesten Freunden könntest du´ s doch wenigstens verraten!“
„Ich hab doch gesagt, ich tanze mit Wurmschwanz“, sagte Sirius lässig und warf sich auf sein Bett. „Nicht wahr, Peter, wir werden ein wunderbares Paar abgeben. Was für ein Kleid gedenkst du zu tragen, mein Freund?“
„Hör auf damit!“, fauchte Peter und wühlte sich traurig in seinen Kissenhaufen. Er hatte sich einfach nicht getraut, ein Mädchen zu fragen, allerdings auch James und Sirius verboten, das für ihn zu erledigen.
„Ich geh nicht auf diesen beknackten Ball“, grummelte er in die Daunen. „Eher sterbe ich!“
„Jetzt lass es aber wirklich mal gut sein, Tatze. Der Witz ist alt!“ Remus, mit halb eingeschäumtem Gesicht, war nun aus dem angrenzenden Waschraum in den Schlafsaal getreten und wies drohend mit einem Nassrasierer auf Sirius. „Und du, sei nicht albern, Peter. Natürlich gehst du zum Ball! In der Eingangshalle werden nachher sicher Horden von Mädchen herumstehen, die noch auf eine Eintrittskarte zum großen Fest warten. Dann fragst du einfach ganz beiläufig eine.“
Peter schnaubte unglücklich „Neee, das wird´ ich nicht tun.“
„Ein „Nein“ akzeptiere ich nicht!“, sagte Remus streng und wandte sich wieder dem Badezimmer zu. „Und ihr! Was ist mit euch?“, fauchte er in die Runde. „Wann macht ihr euch endlich fertig?“
„Was geht denn mit dir ab, Moony?“, fragte James milde entrüstet über die angespannte Laune seines Freundes. „Es ist viertel vor sechs. Kein Mensch braucht über eine Stunde, um sich für einen Ball fertig zu machen.“
„Moony schon“, warf Sirius feixend ein. „Der hat einen strengen Zeitplan. Viertel vor Rasur, sechs Uhr duschen, viertel nach sechs abtrocknen ... „
„Ich möchte bloß Stress umgehen“, erklärte Remus diplomatisch. „Am Ende tummeln wir uns alle gleichzeitig vor dem Waschbecken herum. Das kann ich nicht ertragen. Ihr macht mich außerdem total nervös, indem ihr hier rumhängt und nichts tut“, plapperte er weiter. „Es war doch eine schlechte Idee, sich gemeinsam fertig zu machen. Ich weiß echt nicht, wieso du meintest, es sei witzig, Tatze!“
„Also ich finde es sehr amüsant, wie du hier herumwuselst wie ein aufgescheuchtes Huhn und alle fünf Minuten besorgt über dein Jackett streichst“, bemerkte Sirius grinsend. „Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!“
Remus ließ beschämt die rasiererfreie Hand sinken, mit der er gerade seinen Anzug hatte glatt streichen wollte, und grinste verlegen.
„Ich ... ähm ... rasier mich dann mal zu Ende“, murmelte er in den halbvorhandenen Bart und verschwand dann wieder im Bad.
„Das ist eine sehr kluge Idee, Moony. Ich dachte schon, du wolltest so gehen“, rief Sirius ihm hinterher. „Ehrlich Leute, der macht ja den Weibern Konkurrenz“, fügte er einen Tick leiser hinzu. „Ich wette, die wuseln auch schon ganz aufgeregt herum und lackieren sich gegenseitig die Fingernägel.“
"Das hab ich gehö - hört!"
"Werwölfe ..."

„Ich möchte tot sein“, jammerte Amy und stellte sich vor den großen Wandspiegel im Mädchenschlafsaal. „Ehrlich Lily, ich will, das man mich begräbt, bevor ich mich vor der ganzen Schule zum Affen mache ... Wir konnten doch überhaupt nicht mehr üben. Heiliger Hippogreif, ich werde herumhopsen wie ein Känguru und Remus die Füße platt trampeln. Alle werden mich in Erinnerung behalten als die, die sich so grazil bewegt wie eine Dampfwalze!“
„Ach was, Amy“ Lily lächelte ihrer Freundin aufmunternd zu. „Du hast große Fortschritte gemacht und seit Remus beherzter die Führung übernimmt, gebt ihr ein wirklich gutes Tanzpaar ab. Außerdem“, sie seufzte, „hast du wenigstens ein schönes Kleid. Im Gegensatz zu mir, die ich aussehe wie ein übergroßes Knallbonbon!“
Amy lachte und ließ sich erschöpft auf ihrem Koffer nieder, nachdem sie eine halbe Stunde lang Tanzschritte im Mädchenschlafsaal geübt hatte. „Knallbonbon? Also wirklich, dein Kleid ist der Wahnsinn! Es wird wunderschön aussehen zu deinen grünen Augen. Und ich steck dir nachher noch das Haar hoch und binde dir goldene Bänder rein, dann wird James bestimmt in Ohnmacht fallen.“
„Ja, vor Schreck vielleicht“, murmelte Lily unglücklich und musterte misstrauisch ihr dunkelgrünes, bodenlanges Seidenkleid mit aufgebauschter Schärpe. „Können wir nicht tauschen?“
„Wenn du meinst, dass rot zu deinem Haar passt, gerne“, bemerkte Amy lächelnd. „Ich hab´ ohnehin vor, mich hier im Schlafsaal zu verbarrikadieren und nicht zu diesem furchtbaren Ball zu gehen.“
„Da wäre Remus aber sicher geknickt“, wandte Lily ein. „Und er würde wüten und toben wie ein wild gewordener Hippogreif.“

Als Remus aus der Dusche stieg, fragte er sich gerade, was er tun sollte, wenn Amy ihn versetzte. Immerhin hatte sie es mehr als einmal angedroht, falls ihr Tanzstil sich nicht verbessern sollte. Deshalb waren er und Lily rasch dazu übergegangen, ihr immer wieder zu versichern, dass sie große Fortschritte machte. Insgesamt war es ja auch ein bisschen weniger schlimm geworden, noch ziemlich weit von passabel entfernt, sicher, aber wenn er sie etwas dominanter herumschubste als üblich, würde es schon funktionieren. Jedenfalls, wenn Amy ihn versetzte, würde er kreuzunglücklich sein und sie anschließend ordentlich zur Schecke machen, das stand fest.

Sirius pfiff albern durch die Zähne, als Remus mit einem Badehandtuch um die Hüften in den Schlafsaal trat, was der wiederum mit einem entnervten Augenrollen quittierte. Doch immerhin stellte er erleichtert fest, dass nun auch James seine sieben Sachen zusammengesucht hatte, um im Badezimmer zu verschwinden, während Sirius noch immer in Zeitschriften blätterte und auf dem Bett herumfläzte. Peter gab vor, eingeschlafen zu sein, was ihm allerdings niemand abnahm. Vielleicht hoffte er insgeheim, dass seine Freunde ihn übersehen würden, wenn sie hinunter zum Ball gingen; so tief hatte er sich in seinem Bett vergraben.
Ganz entgegen der Tradition hatten sich die Rumtreiber für Anzüge anstelle von Festumhängen entschieden.
„Immerhin leben wir in den Siebzigern!“, hatte Sirius verkündet, und so waren sie darin übereingekommen, die ollen Festumhänge durch modernere Anzüge zu tauschen. Es war schließlich ebenso Tradition, dass die Rumtreiber gegen irgendwelche Regeln und Konventionen verstießen.
Als Remus schließlich in seinem Anzug um die Himmelbettverkleidung trat, sah Sirius flüchtig auf und wandte sich dann wieder seiner Lektüre zu. Plötzlich, und mit einer für ihn ungewöhnlichen Bedächtigkeit, hob er erneut den Kopf und starrte seinen Freund an, als sähe er ihn heute zum ersten Mal.
„Ist es jetzt an der Zeit, zu pfeifen?“, fragte er lächelnd.
Remus zuckte gelassen mit den Schultern und stellte sich vor den Spiegel. Er sah wirklich ganz manierlich aus. Jedenfalls besser, als er es in dem alten Matrosenanzug von Onkel Ludus je getan hatte. Der schicke, dunkle und leider unverschämt teure Anzug ließ seine Schultern breiter erscheinen, während das Dunkelrot des Hemdes seinen Wangen ein wenig Farbe zu verleihen schien. Keine müden Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab – seit dem letzten Vollmond waren mehr zwei Wochen vergangen – , und die vielen Sonnentage draußen auf den Ländereien hatten sein Haar heller und sogar seine Haut ein wenig dunkler werden lassen. Alles in allem musste Remus zugeben, sich selbst kaum wieder zu erkennen.
„Wer ist dieser Kerl da?“, fragte James grinsend, als er aus dem Badezimmer trat. „Der Schnösel in dem Anzug, wie kommt der in unseren Schlafraum?“
„Er sieht total anders aus, findet ihr nicht auch?“ Sirius schien noch immer vollkommen geplättet.
„Ja, so erwachsen“, bestätigte James. „Amy wird ganz aus dem Häuschen sein.“
„Gleich sehen wir alle so aus“, murmelte Remus ein wenig verlegen. „Außer Tatze vielleicht. Du wolltest dir ja keinen Anzug kaufen.“
„Rausgeschmissenes Geld!“ Sirius winkte lässig ab.

Eine Viertelstunde vor Festballbeginn, herrschte im Mädchenschlafsaal heilloses Durcheinander. Vier Mädchen versuchten angestrengt, einen Platz vor dem Spiegel zu ergattern und schreckten auch nicht davor zurück, sich gegenseitig auf sehr undamenhafte Weise aus dem Weg zu schubsen. Es roch nach Nagellack und Haarspray, süßem Parfum und Angstschweiß. Vertauschte Dessous flogen umher, Haare wurden energisch gebürstet und auftoupiert, Lidstriche gezogen und Wimpern gepinselt. Alles in allem glaubte man, sich fünf Minuten vor der Premiere in einer Theatergarderobe zu befinden; eine Stimmung zwischen großem Lampenfieber und ungezügelter Vorfreude.

Am Fuß der Treppe zu den Schlafräumen der Mädchen standen James und Remus und traten nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Was machen die eigentlich so lange, Moony? Ich finde, langsam könnten sie doch echt mal auftauchen.“
„Jaaa, finde ich auch“, murmelte Remus und warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist zehn vor sieben ... . Wie seh´ ich aus, Krone?“
„So ähnlich, wie vor fünf Minuten. Nur ein wenig blasser.“
„Blasser? Wie blass?“
„Ziemlich blass. Entspann dich, Moony! Du siehst aus, wie ein wahrer Gentleman.“
„Ein bisschen spießig“, bemerkte Sirius, der sich nun mit Peter zu den beiden Wartenden gesellte.
„Zu spießig?“, fragte Remus bestürzt. „Aber ihr habt doch gesagt, ich soll die Krawatte ...“
„Jetzt lass dich doch nicht verrückt machen!“, sagte James streng. „Du siehst in Ordnung aus.“
„In Ordnung? Nur in Ordnung?“

„Soll´ n wir es nun wagen?“, fragte Lily und warf einen letzten Blick in den Spiegel.
„Was sagt die Uhr?“ Amy fuhr sich nervös durch´ s Haar, das sie auf Lilys Rat hin offen gelassen hatte, weil Remus es so am liebsten mochte.
„Fünf vor ...“
„Dann müssen wir wohl allmählich. Uhhh, ich bin so aufgeregt!“
„Und ich erst!“, bestätigte Lily. „Also los ... . Lass uns runter gehen. James und Remus warten sicher schon.“
„Was ja auch der Sinn der Sache war“, erinnerte Amy grinsend.
„Stimmt.“ Lily lachte und zwinkerte ihrer Freundin beschwörend zu. „Also, wie vereinbart: Wenn sie noch nicht da sein sollten, kehren wir um und geh´ n schnell wieder hoch, ja?“
„Okay. Also-“ Amy legte ihre Hand auf den Türgriff und atmete noch einmal tief durch. „Los geht´ s!“

Remus und James starrten die Treppe hinauf, als die beiden Mädchen im bedächtigen Schritt nebeneinander hinunter stiegen.
„Wahnsinn!“, hauchte James begeistert. Lilys grünes, bodenlanges Kleid aus glänzendem, fließenden Stoff in der Farbe ihrer Augen, betonte ihrer wunderschöne Figur. Das lange, rote Lockenhaar hatte sie kunstvoll hochgesteckt, und sie lächelte nervös angesichts der vier Jungs, die sie am Fuße der Treppe erwarteten.
„Wahnsinn ist gar kein Ausdruck“, bemerkte Remus, doch sein Blick galt nicht Lily, sondern Amy, die in ihren hochhackigen Schuhen ein wenig staksig daherkam und sich am Treppengeländer festklammerte. Ansonsten sah sie allerdings traumhaft aus, fand Remus. Sie trug ein knielanges, enges Kleid in dunkelrot, das im Nacken gebunden war und ihre schöne, braune Haut, das schwarze lange Haar und ihre eisblauen Augen wunderbar zur Geltung brachte.
Mit einem nervösen Grinsen auf den Gesichtern machten die beiden Mädchen vor den vier Wartenden Halt.
„Du siehst toll aus“, sagte Remus ehrfürchtig. „Wie eine Lady! Und du auch, Lily“, fügte er rasch hinzu..
„He!“, rügte James. „Bagger meine Frau nicht an!“
Remus lachte. „Sie sieht aber doch wirklich großartig aus!“
„Ich finde, ihr seid allesamt ein wenig overdressed“, kam es von Sirius, der ein weit aufgeknöpftes Hemd über einen blauen Jeans trug und seine Krawatte nur locker umgebunden hatte. Dennoch warfen ihm all jene Mädchen, denen er in den letzten Wochen vor dem Ball einen Korb gegeben hatte, begeisterte Blicke zu, was Remus nur allzu gut verstehen konnte, denn Sirius strahlte selbst noch in einem Kartoffelsack.
„Deine Frau ist aber auch nicht von schlechten Eltern“, bemerkte James und musterte Amy von den hochhackigen Schuhen bis zum Scheitel. „In einem Kleid siehst du beinah harmlos aus, Foxsmile. Aber wir wissen ja alle, dass der Schein trügt.“
„Dito, Potter“, erwiderte Amy und schmiegte sich an Remus. „Wenn du einen Anzug trägst, könnte man fast auf die Idee kommen, dass du ein klein wenig Anstand besitzt.“
James grinste gelassen. „Wenn DU ein wenig Anstand besitzen würdest, meine liebe Amy, würdest du deinem Schatz mal sagen, wie toll er aussieht. Ich verwette meine linke Pobacke darauf, dass er länger im Badezimmer gebraucht hat, als ihr beide zusammen.“
„Das kann ich bestätigen“, warf Sirius ein.
„Ach, haltet doch die Klappe, ihr zwei!“, murmelte Remus lächelnd.
„Wie auch immer, du siehst wirklich klasse aus, Schatz!“, sagte Amy und fuhr Remus mit einer zärtlichen Geste über die Wange.
„Mir wird´ s hier zu schleimig“, stöhnte Sirius. „Lasst uns endlich gehen, bitte! Ich hab ´nen Mordskohldampf. Von meinem Brand ganz zu Schweigen. Darf ich bitten, Mr Pettigrew?“ Grinsend bot er Peter seinen Arm an, der ein Gesicht zog, als ginge es zu seiner eigenen Beerdigung. Aus Solidarität zu Peter, so Sirius, habe er auf eine weibliche Begleitung verzichtet. Seine drei Freunde hingegen waren allerdings der Ansicht, dass ihm einfach keines der vielen willigen Mädchen gut genug gewesen war.
Peter weigerte sich, mit Sirius Händchen haltend in die große Halle zu schreiten und ließ sich auch nicht dazu erweichen, mit ihm den Eröffnungstanz zu geben.
„Du gibst mir also einen Korb, Freund Wurmschwanz!“, sagte Sirius mit gespielter Empörung, während sie hintereinander den strahlenden Eingangsbereich des Schlosses betraten. „Ich bin zutiefst beleidigt! Wir wären ein wundervolles Tanzpaar gewesen.“
James und die Mädchen lachten schallend, während Remus die Augen verdrehte. Wenn sich innerhalb der nächsten halben Stunde kein williges, weibliches Wesen für Peter fand, würde er ganz schön alt aussehen.
„Hättest du nur was gesagt, Sirius“, bemerkte Amy mit gespieltem Bedauern. „Ich hatte da noch ein schickes, rosafarbenes Kleid für dich.“
„Oh, ich glaube, ich geh mich noch mal umzieh´n“, verkündete Sirius mit strahlenden Augen. „Hat es Rüschen?“
„Jede Menge!“, versicherte Amy. „Du würdest süß darin aussehen.“

„Seht euch das an!“, rief Lily, als sie die große Halle betraten. „Ist es nicht wundervoll?“
Und das war es. Eine Weile standen alle sechs schweigend da und staunten. Die vier Haustische waren verschwunden. Stattdessen hatte man an der Nordseite ein gewaltiges, kunstvoll dekoriertes Buffet aufgebaut, auf dem sich fremde und bekannte Speisen aus aller Herren Länder türmten. Dort, wo üblicherweise der leicht erhöhte Lehrertisch stand, befand sich nun eine große Bühne, auf der sich einige Musiker gruppierten, die sich offenbar einstimmten. Gegenüber des Buffets entdeckten sie eine Bar im Karibischen Stil mit einigen Hockern davor, und in der Mitte der großen Halle war genügend Freiraum für ausgiebige Tänze geschaffen worden.
Über ihren Köpfen schwebten tausende von Kerzen, die zu späterer Stunde mit den unzähligen Sternen am reich bestirnten Himmel um die Wette glitzern würden. Neben einigen bunten Strahlern auf der Bühne boten sie die einzige Lichtquelle, was den ansonsten von Wandfackeln erhellten Raum in ein schummriges, gemütliches Licht tauchte. Alles in allem schien es, als wolle sich Hogwarts an ihrem letzten Abend von seiner allerschönsten Seite zeigen. Die Dekoration aus prächtigen Blumengirlanden, Kristallskulpturen und lebenden, leuchtenden Feen war einfach nur atemberaubend. Die meisten Dritt- bis Siebtklässler hatten sich bereits in der großen Halle versammelt und tummelten sich nun grüppchenweise am Rande der Tanzfläche, am Buffet oder an der Bar. Jüngere Schüler durften an dieser Festivität nicht teilhaben und glücklich und zufrieden waren überhaupt nur jene, die einen Tanzpartner aus der Siebten hatten, was als ganz großes Los galt.

„Ich bin total unschlüssig“, maulte Sirius „Soll ich mich zuerst auf´ s Buffet stürzen oder vollaufen lassen?“
„Erst mal einen Drink, würde ich sagen“, schlug Amy vor und sah dabei aus, als wolle sie sich rasch noch ein wenig Mut antrinken.
„Wir hätten unsere Getränke selbst mitbringen sollen“, bemerkte James, als sie sich der Bar näherten. „Wer zum vermaledeiten Grindelwald hat bloß FILCH zum Cocktailmixen eingeteilt?!“
Die anderen Fünf reckten entsetzt und neugierig die Köpfe. Und tatsächlich, hinter der Bar stand Filch und bot in seinem abgetragenen Hawaiihemd und einer Blumengirlande um den Hals einen ziemlich lächerlichen Anblick.
„Bei dem bestell ich nichts“, protestierte Remus prompt. „Der mischt uns doch Gift in die Gläser!“
„No risk, no fun“, sagte Sirius gut gelaunt. „Sechs Mai Tai bitte, Argus.“
Filch grummelte irgendetwas und mixte halbherzig und in einem ziemlich bedenklichen Tempo die Cocktails daher.
„Schirmchen gibt´ s nicht!“, schnauzte er, als er endlich die Gläser auf die Theke knallte.
„Na, dem Merlin sei Dank!“, seufzte James auf und nahm seinen Drink entgegen. „Ich hatte nicht vor, erst übermorgen mit dem Saufen zu beginnen.“
„Heute ist wirklich ein Grund zu feiern“, murmelte Filch, während er missgelaunt Limetten zurechtschnitt. „Potter und Black verlassen endlich die Schule. Was für ein glücklicher Tag!“
„Nicht nur für dich, Argus“, erwiderte Sirius gelassen. Offenbar schien es ihm nun an der Zeit, ihren alten Hausmeister nach all den Jahren endlich zu duzen. „Ab Morgen müssen wir deine faltige Fratze nie wieder sehen.“
„Du!“, Filch streckte einen knochigen Zeigefinger nach Sirius aus und drohte ihm damit.
„Was ist?“, grinste Sirius. „Wollen sie uns eine Strafarbeit verpassen oder einen Fluch aufhalsen?“ Er lachte schallend. „Viel Spaß noch. Ich hab gehört, Cocktails zu mixen ohne Magie soll auf Dauer ziemlich übel sein.“
„Hör auf, Tatze“, mahnte Remus. „Wenn du ihn weiter so provozierst, spuckt er uns gleich in die Gläser. Den Gedanken find´ ich ziemlich unappetitlich ... .Ahh, guten Abend, Professor Mc Gonagall!“
Die Fünf fuhren rasch herum. Vor ihnen stand ihre Hauslehrerin in einem schottengemusterten Festumhang und einem Glas stillem Wasser in der Hand.
„Guten Abend, die Herrschaften“, sagte sie reserviert. „Wie ich sehe, amüsieren Sie sich bereits prächtig. Ich möchte Sie jedoch noch einmal daran erinnern, dass Sie den Eröffnungstanz möglichst nüchtern antreten sollten.“
„Ehrensache, Professor“, gab Sirius zurück. „Sie wissen doch, dass Sie uns vertrauen können. Wir werden uns heute Abend von unserer besten Seite zeigen, nicht wahr, James.“
„Wie immer halt, Professor“, bestätigte James und trank seinen Cocktail auf Ex..
Professor Mc Gonagall zog ungläubig die Augenbrauen hoch, lächelte jedoch mit einer für sie ungewöhnlichen Nachgiebigkeit.
„Haben sie ein Auge auf Mr Potter, Miss Evans.“, sagte sie an Lily gewandt. „Und jetzt trinken sie rasch aus, alle miteinander. In fünf Minuten hält Professor Dumbledore eine kleine Rede und dann sollten Sie sich allmählich paarweise aufstellen.“
Sie warf Sirius einen kurzen Blick zu. „Und ich dulde nicht, dass Sie und Mr Pettigrew zusammen tanzen. Das ist doch lächerlich! Suchen Sie sich eine Partnerin.“
Mit einem knappen Kopfnicken und wehendem Schottenrock wandte sie sich ab und schritt auf die Bühne zu.
Peter machte ein ungläubig-entsetztes Gesicht. „Ich tanze nicht!“, murmelte er stur. „Ich- ich weiß doch überhaupt nicht, mit wem und ...“ Offenbar hatte er bis zur allerletzten Minute gehofft, seinen Eröffnungstanz umgehen zu können und wusste nun, da ihn die Realität eingeholt hatte, weder ein noch aus.
„Das haben wir gleich“, sagte Sirius gutgelaunt.
„Hey, Kathrin! Hey!“
Eine hübsche Sechstklässlerin aus Hufflepuff wandte sich überrascht um und schaute Sirius fragend an.
„Willst du gleich mit mir tanzen?“
Kathrin strahle begeistert und vollkommen verblüfft. „Na klar!“
„Gut, das funktioniert jedoch nur unter einer Bedingung.“
Und die wäre?“, fragte das Mädchen aufgeregt. Sie erweckte den Eindruck, als würde sie für die Aussicht auf einen Tanz mit Sirius Black ihre eigene Großmutter verkaufen.
„Besorg´ irgendeine Freundin von dir, die mit Peter hier tanzt und nicht irgendwie gehbehindert ist, oder so“, befahl Sirius. „Wenn´ s möglich ist, innerhalb der nächsten fünf Minuten. Sag ihr einfach, zu späterer Stunde feg´ ich meinetwegen auch mit ihr über´ s Parkett.“
Kathrin starrte Peter einen Moment lang ungläubig an, dann wandte sie sich um und flitzte durch die große Halle, offenbar auf der Suche nach einer Freundin, die gewillt war, ein derart großes Opfer für sie zu bringen.
„So!“ Sirius rieb sich die Hände. „Das wäre geregelt. Sollen wir uns noch eben einen hinter die Binde kippen, bevor es losgeht? Filch, mix´ noch schnell irgendwas daher, aber zack zack!“
„Und warum sollte ich das tun“, grummelte Filch lahm und spülte im Schneckentempo einige Gläser.
„Ach, vergiss es einfach!“ Sirius zückte seinen Zauberstab, richtete ihn auf eine Flasche Whiskey und rief „Accio!“
Und ehe Filch überhaupt begriff, was davor sich ging, hatte Sirius ihre sechs Gläser bis zum Rande gefüllt und seines feierlich erhoben.
„Trinken wir auf unser Leben nach Hogwarts!“
„Trinken wir darauf, dass all unsere Wünsche in Erfüllung gehen“, sagte Lily.
„Und darauf, dass wir ewig Freunde bleiben“, ergänzte Amy.
„Und auf den Weltfrieden“, fügte James hinzu.
„Trinken wir doch einfach auf Sirius, der uns die Getränke organisiert hat“, schlug Remus lächelnd vor.
„Ach“, sagte Sirius. „Trinken wir einfach. Prost!“
Sechs Gläser klirrten laut aneinander und leerten sich anschließend so rasch, wie man sie gefüllt hatte, als es mit einem Mal sehr still in der großen Halle wurde.

„Guten Abend alle miteinander!“
Professor Dumbledore hatte die Bühne betreten und lächelte nun gut gelaunt in die Runde.
„Wir haben uns heute Abend hier zusammen gefunden, um dem Jahrgang 1978 Lebewohl zu sagen und ihnen alles erdenklich Gute für ihren weiteren Lebensweg zu wünschen. Damit wäre, so denke ich, das Wesentliche bereits gesagt. Ich bitte alle Anwesenden, sich großzügig an unserem Buffet zu bedienen, Mr Filchs Bar zu besuchen – herzlichen Dank, übrigens – , die Tanzfläche zu bevölkern und möglichst viel Spaß zu haben. Wie mir Professor Mc Gonagall mitteilt, waren die Herren Black, Potter, Lupin und Pettigrew freundlicherweise dazu bereit, den Eröffnungstanz zu geben. Also tretet bitte gemeinsam mit euren Partnerinnen vor!“, forderte Dumbeldore lächelnd und kehrte den Rückweg von der Bühne an.
„Das war aber eine kurze Rede“, stellte Amy resigniert fest. Glücklicherweise tauchte gerade noch rechtzeitig eine atemlose Kathrin neben ihnen auf, die eine Freundin mit sich zog wie ein schlecht erzogenes Hündchen.
„Das ist ... Emily“, keuchte sie schnaubend und schubste das Mädchen in Peters Richtung. „Meine Cousine zweiten Grades.“
„Wie interessant“, bemerkte Sirius grinsend und hakte sich bei Kathrin unter. „Kann Emily tanzen?“
„Nein“
Remus seufzte. Dieser Eröffnungstanz würde mit Abstand das Peinlichste werden, was man in Hogwarts je zu Gesicht bekommen hatte, überlegte er und bot Amy einen Arm.
Als er sich gerade fragte, ob es noch schlimmer kommen konnte, entdeckte er Puddymond unter jenen, die um die Tanzfläche versammelt standen, auf der sie sich gerade formatierten.
„Zeig was du kannst, Süßer!“ , flötete er gut gelaunt und winkte Remus fröhlich zu.
„Ist das was Ernstes mit euch beiden?“, flüsterte Amy ihm grinsend ins Ohr, bevor sie sich einander gegenüber aufstellen.
„Ja, tut mir leid“, raunte Remus zurück. „Ich wollte es dir längst sagen – mit uns ist es aus. Ich geh jetzt mit Puddymond.“
Amy wollte gerade loskichern, doch die einsetzende Musik ließ das Lachen auf ihrem Gesicht zu Eis gefrieren. Remus lächelte ihr aufmunternd zu und machte die traditionelle Verbeugung. Dann zog er Amy in seinen Arm und zählte leise den Einsatz.
„Jetzt!“, flüsterte er eindringlich.
Puh! Das war schon einmal geschafft.
Da Remus die Erfahrung gemacht hatte, dass Amy am besten tanzte, wenn sie nicht daran dachte, was sie tat, beschloss er, sie in ein Gespräch zu verwickeln.
„Wo hast du eigentlich dieses tolle Kleid her?“, wollte er wissen.
„Dad“, murmelte Amy angestrengt und zählte leise weiter.
„Er hat das für dich ausgesucht?“
„Jep ... zwei ... drei ... Still jetzt, Remus!“
„Das hat er aber gut gemacht. Woher wusste er deine Größe?“
„Er ...“ Amy sah von ihren Füßen auf und lächelte. „Er ist mit einem Foto und einem alten Kleid von mir in ein Muggelgeschäft gegangen. Ist das nicht süß? Und im Übrigen-“ Sie grinste. „Ich durchschaue deine Taktik. Aber es klappt auch so ganz gut, findest du nicht?“
„Hervorragend“, lobte Remus. „Auch wenn das gerade mein Fuß war.“
„Tut mir leid.“
„Kein Grund zur Sorge“, versicherte Remus. „Wenn es dich nicht durcheinander bringt, wirf mal einen dezenten Blick nach rechts. Peter und Emily...“
„Oo“, machte Amy und vergaß über diesen schrecklichen Anblick beinah die Tanzerei. Nicht nur, dass Emily um einen Kopf größer war als Peter; sie konnte tatsächlich nicht tanzen. Dennoch schien sie es aus irgendeinem unerfindlichen Grund zu genießen, von allen angestarrt zu werden und schubste Peter auf der Tanzfläche umher wie ein unartiges Kind. Zu Remus´ milder Verwunderung machte es allerdings den Anschein, als würde Peter sich gar nicht einmal so übel dabei fühlen. Im Gegenteil, während die beiden tanzten, wenn man das denn so nennen mochte, unterhielten sie sich prächtig. Remus schmunzelte; damit hatte wohl niemand gerechnet ...
Schließlich klang die Musik sanft aus und während Amy Remus losließ wie eine heiße Kartoffel, bevölkerten weitere Paare die Tanzfläche.
„Was denn, Süße?“, fragte Remus lachend. „Keine Lust auf einen weiteren Tanz?“
„Pffft!“, machte Amy. „Es reicht mir, dass wir nach dieser albernen Zeugnisverleihung schon wieder ranmüssen. Ich hab Hunger und Durst, mir tun die Füße weh und ich bin vollkommen erschöpft!“
„Na, dann trag deine Frau mal zum Buffet“, schlug Sirius vor und gesellte sich mit Kathrin zu Remus und Amy. „Habt ihr Peter und Emily bemerkt? Zum totlachen, die zwei, findet ihr nicht?“
„Sie haben sich wunderbar verstanden“, bemerkte Remus nüchtern. „Und darum geht es doch. Die Tanzerei ist Nebensache. Morgen sind wie eh alle hier weg.“
„Sprach der Mann, dem nie etwas peinlich ist“, sagte James feixend, während Remus sich bemühte, die Ironie in seiner Stimme zu ignorieren. „Ahh, da kommt ja unsere Dancing Queen!“
„Sprich nicht so über meine Cousine!“, fauchte Kathrin.
„Zweiten Grades, Cousine zweiten Grades“, korrigierte Sirius grinsend.
„Ich rede nicht von deiner Cousine, sondern von Peter“, erklärte James und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Na, alles klar, Wurmschwanz?“
Peter murmelte irgendetwas von großem Hunger und so beeilten sie sich rasch, dass Buffet aufzusuchen, bevor man ihnen die besten Köstlichkeiten vor der Nase wegschnappte.

Nachdem James den klugen Vorschlag gemacht hatte, den Inhalt der Flasche Whiskey einfach mit einem Wiederauffüllzauber zu erneuern, wurde die Stimmung recht bald ziemlich ausgelassen. Remus bemerkte allerdings, dass ausgerechnet James sich dezent zurückhielt und mehr als einmal beobachtete er, wie dieser die Innentaschen seines Jacketts überprüfte, so als befürchte er, etwas Wertvolles könne ihm verloren gehen.
Remus selbst war bereits bei der Zeugnisverleihung schon derart beschwipst, dass er auf die Glückwünsche von Dumbledore mit „gleichfalls“ antwortete, was allseits mit schallendem Gelächter kommentiert wurde. Vermutlich entging ihm deshalb, dass Amy ihm in Sachen Whiskeykonsum ziemlich große Konkurrenz machte und schämte sich auch nur ein wenig, als sie sich unter´s Lehrerkollegium mischte, um dort jeden, der ihren Weg kreuzte, in ein reges Gespräch zu verwickeln.
Zu späterer Stunde war es Zeit für die Rede des Schulsprecherpaares, was die Eröffnungstänzer, falls sie sich zerstreut hatten, wieder zueinander führte.
James und Lily betraten gemeinsam die Bühne und nachdem Dumbledore die feiernde Menge zur Ruhe gerufen hatte, erhob James die Stimme.
„Guten Abend zusammen! Ich hoffe, ihr amüsiert euch alle prächtig-“
„Na, aber klar doch, Alter!“
„Pssst!“, machte Remus und gab Sirius einen Stoß in die Rippen. „Bring ihn nicht durcheinander.“
„Lily hat mich gebeten, heute Abend das Wort an euch zu richten“, fuhr James selbstbewusst fort. „Offenbar denkt sie, ich würde einen besseren Redner abgeben, warum auch immer.“
Er lächelte seine Freundin warm an und zog dabei ein Stück Pergament aus seiner Hosentasche. „Bitte verzeiht mir, aber ich hatte keine Zeit mehr, diesen Unsinn auswendig zu lernen.“
Remus schmunzelte, während er James für seinen unerschöpflichen Charme bewunderte. Er hätte auch auf der Bühne stehen und chinesisch reden können und dennoch würde ihm jeder wie gebannt lauschen.
James räusperte sich und entfaltete das Pergament. „Morgen früh werden wir im Hogwartsexpress schwitzen-“
„Sitzen“, flüsterte Lily. „Da steht nichts von schwitzen.“
„Was hast du denn auch für eine Sauklaue ...? Nun ja, morgen werden wir jedenfalls im Hogwartsexpress sitzen und dabei möglicherweise schwitzen und uns fragen, wo die sieben Jahre geblieben sind, in denen wir hier in Hogwarts gemeinsam lebten und lernten. Neben uns lieb gewordenen Freunden und Mitschülern, klugen Lehrern, die unsere leeren Köpfe mit Wissen füllten und der wunderschönen Landschaft rund um dieses bezaubernde Schloss, werden wir insbesondere unser zu Hause verlassen ....“
Er hielt inne und faltete das Pergament zusammen. „Entschuldige, meine Süße, aber diesen geschwollenen Kram kann ich unmöglich vorlesen.“
Die Zuhörer, einschließlich Lily, brachen in schallendes Gelächter aus.
„Es war nur ein Vorschlag, falls du nicht weiß, was du sagen sollst“, erklärte Lily lächelnd, als wieder Ruhe eingekehrt war.
„Nun ... wo war ich stehen geblieben? Ach ja, richtig, bei dem Verlassen unserer Freunde. Wir alle werden vermutlich traurig sein, morgen wenigstens für eine Weile von jenen Abschied zu nehmen, die uns die letzten sieben Jahre lang begleitet haben. Viele von uns haben hier gute und wahre Freunde gefunden, bei denen wir uns nachträglich für eine wunderschöne Zeit bedanken möchten. Doch nur ich habe das Privileg, es vor euch allen tun zu dürfen und diese Gelegenheit möchte keinesfalls versäumen. Ich habe hier in Hogwarts mehr gefunden als einen Freund. Nämlich einen Bruder.“ James machte eine bedeutungsschwere Pause und suchte Sirius´ Blick in der Menge, bevor er fortfuhr.
„Sirius, in den letzten sieben Jahren haben wir gemeinsam eine Menge Unsinn angestellt und die Lehrer zur Weißglut getrieben. Viele werden drei Kreuze schlagen, wenn wir dieser Schule endlich den Rücken kehren, das weiß ich sehr wohl.“ James zwinkerte hinab zu dem Grüppchen versammelter Lehrer zu seinen Füßen, die allesamt gequält, aber nachsichtig nickten. „Und obwohl mir Vieles von dem, was wir angestellt haben, im Nachhinein leid tut, möchte ich nicht eine Sekunde mit dir missen.“ Bei diesem Worten sah er Sirius eine lange Weile in die Augen und auch Remus warf ihm einen scheuen Seitenblick zu. Obwohl seine Haltung nichts als Gelassenheit widerspiegelte, bemerkte Remus doch, wie gerührt sein Freund war, als er lautlos die Worte „Ich auch nicht“ sprach.
„Remus“, fuhr James fort und Remus lief schon einmal vorsichtshalber scharlachrot an. „Der du dich gerade in Grund und Boden schämst, weil ich das Wort an dich richte. Aber hattest du etwas anderes erwartet?“
„Nein“, gestand Remus leise und lächelte.
„Ohne dich würde ich ganz gewiss nicht hier stehen. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin, dass du immer versucht hast, uns auf den Pfad der Vernunft zurückzuführen.“
„Gerne“, murmelte Remus verlegen.
„Auch, wenn es nicht immer funktioniert hat.“, James grinste und fuhr dann fort. „Und natürlich möchte ich mich an dieser Stelle auch bei unserem guten und treuen Freund Peter bedanken, denn erst du machst unsere Runde komplett ... . Es tut mir leid, aber ich muss euch noch eine Weile länger mit meinem persönlichen Gefasel auf die Nerven gehen. Lily-“
Er wandte sich an seine Freundin und Remus bemerkte, wie einige Umherstehende interessiert die Hälse reckten, andere hingegen – die Slytherins allen voran – entnervt stöhnten oder pfiffen. Jetzt wurde es offenbar romantisch!
James fingerte an der Innentasche seines Jacketts herum und förderte etwas zutage, was man nicht erkennen konnte, weil es anscheinend so klein war, dass seine Hand es vollständig umschloss.
„Bei all dem Glück, was mir hier an dieser Schule widerfahren ist, warst du das allergrößte.“
Remus, der zwischen Amy und Sirius stand, wurde mit einem Mal von beiden Seiten am Arm gepackt und geschüttelt.
„Oh nein ... er wird doch nicht ...“, murmelte Sirius.
„Jetzt fragt er sie ...“, kam es von Amy.
„Oh Mann, Potter, halt die Klappe!“, riefen einige Slytherins.
James, die Zwischenrufe jener, die sich von diesem öffentlichen Liebesgeständnis gestört fühlten, einfach ignorierend, fuhr unbeirrt fort: „Und weil ich auf nichts stolzer bin, als dich an meiner Seite zu wissen, meine geliebte Lily“, verkündete er und sank auf die Knie „frage ich dich hier vor allen Anwesenden, ob du mich heiraten willst.“
In der großen Halle hätte man in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören können. Das Schulsprecherpaar gab sich vor den Augen aller das Ja-Wort! Oder vielleicht auch nicht? Jedenfalls hatte es so etwas noch nie gegeben!
Nach einigen Sekunden des Schweigens begann die Menge zu raunen und zu wispern. Anspornende Zurufe sowie lautes Stöhnen der Abneigung und anzügliche Pfiffe schwollen allmählich an, bis Lily sich schließlich laut vernehmlich räusperte und alle Anwesenden augenblicklich verstummten.
„Es wäre jetzt ziemlich peinlich, wenn ich nein sagen würde, oder?“, fragte Lily grinsend und glühte dabei wie die untergehende Sonne.
James machte große Augen.
„War nur ein Spaß!“ Lily lachte. „Meine Antwort ist „Ja“, natürlich! Ja, ich will dich heiraten, ist doch klar! Ja, ja, ich will, auf jeden Fall!“
Der Griff links und rechts an Remus´ Armen lockerte sich, als Amy laut aufschluchzte und Sirius ... nun, Remus mochte es selbst kaum glauben, aber auch er wischte sich tatsächlich eine Träne aus dem Auge.
„Hört – hört sofort auf damit“, schniefte er. „Sonst muss ich auch ...“
Remus bemerkte, wie sich aus seinem Augenwinkel eine Träne der Rührung löste, als James erneut das Wort ergriff.
„Und es ist ein Zeichen dafür, wie gute Freunde ich habe, dass sie jetzt vor Rührung weinen.“
Als alle Anwesenden herumwirbelten, um ihn, Sirius und Amy nun anzustarren, war das Remus vollkommen gleich. Denn dieser Augenblick würde zu einem der kostbarsten in seinem Leben werden.


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Ungelesener BeitragVerfasst: 25. Mai 2009 21:38 
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Und endlich das letzte Kapitel, nachdem ich es wiedergefunden habe ... :wink: Dann wird sie verschoben. Die Reviews verschieb ich noch.

XV.Abschied von Hogwarts

Remus hatte sein Bett am Fenster immer sehr gemocht. Im Sommer konnte er hier ein wenig länger lesen als im hintersten Winkel des Zimmers, und Abends sah man von dort aus die ersten Sterne am Himmel, sobald es dunkel wurde.
Am Morgen des 1. Juli hingegen ärgerte er sich zum ersten Mal seit sieben Jahren über die Position seines Bettes. Die Sonne schien hell durch die hohen Turmfenster und gnadenlos in sein müdes Gesicht, weil er am Abend zuvor nicht mehr in der Lage gewesen war, die Vorhänge zuzuziehen.
Sanft und unschuldig war sie über die seichten Hügel der Ländereien gekrochen und stand nun hoch und orange am Himmel, wie eine gigantische, brennende Apfelsine. Das Zwitschern der Vögel war so laut und hell, dass Remus sich ein Kissen auf die Ohren halten musste, um diese fröhlichen Laute ein wenig zu dämpfen. Oh, wenn er doch nur ein Luftgewehr besäße! Die Nacht konnte unmöglich schon vorüber sein ...
Mit einer fahrigen Geste griff er nach seiner Uhr auf dem Nachtisch und riss dabei einen Stapel Bücher hinunter, der mit einem ordentlichen Poltern auf den Dielenbrettern landete. Peter schnarchte einmal laut auf, sonst blieb alles still.
„Merlin“, jammerte Remus leise. „Lass diesen Tag einfach vorübergehen!“
Doch Merlin schien sich nicht mit so banalen Sachen wie einem wohlverdienten Kater befassen zu wollen, wie Remus gleich feststellen sollte, als er den wagemutigen Versuch unternahm, sich aufzusetzen. Ihm war noch nie aufgefallen, dass ihr Zimmerboden so schief war und dazu noch sanft hin- und herschaukelte. Verrückt! Aber in Hogwarts war schließlich alles möglich.
Der Gestank in diesem Zimmer, eine ekelhafte Mischung aus Alkohol, kaltem Rauch und alten Socken, trug nicht gerade dazu bei, dass sich Remus in irgendeiner Weise besser fühlte – ganz im Gegenteil. Dazu dieser fürchterliche Anblick aus durcheinander gewürfelten Klamotten! Ein Chaos, dass zustande kam, wenn vier Betrunkene alles, was sie am Leib trugen, einfach irgendwo fallen ließen, um sich anschließend selbst niederzuwerfen. Eine umgeschmissene Feuerwhiskeyflasche, die einer der vier Jungs als Betthupferl mit hinauf genommen hatte, lag inmitten dieses Klamottenhaufen, und ihr Inhalt durchtränkte teure Anzugärmel und Krawatten. Außerdem hatte jemand eine Zigarre auf einem Teller mit Essensresten ausgedrückt, den sie gestern Nacht noch bei den Hauselfen in der Schulküche geschnorrt hatten.
Remus schloss die Augen und mühte sich angestrengt, den Brechreiz zu unterdrücken, der ihn bei all diesem Elend hoffungslos übermannt hatte.
Einige Augenblicke lang befürchtete er, es nicht einmal mehr bis zur Toilette zu schaffen, als er sich allmählich wieder ein wenig erholte. Das Bedürfnis nach frischer Luft siegte schließlich gegen den Wunsch, einfach liegen zu bleiben, um zu sterben, und so erhob Remus sich mühsam und torkelte ans Fenster. Mit letzter Kraft zog er sich auf die Fensterbank und warf einen Blick nach draußen auf die Ländereien.
Oh, was war es doch für ein herrlicher Tag! Jedenfalls für all jene glücklichen Menschen, die keine unerträglichen Kopfschmerzen leiden mussten, denen es nicht speiübel war und die nicht gleich in einen überfüllten Schulzug steigen mussten, um ihre geliebte Heimat ein für alle Mal zu verlassen. Gedankenverloren zupfte Remus sich einen Grashalm aus dem Haar, was eine Erinnerung in seinem Kopf hervorrief, die ihn schief grinsen ließ.
Ein süß duftender und äußerst hoch gewachsener Hortensienbusch, in dessen Zweigen blaue Feen getanzt hatten, ein Duft nach Vanillekipferln und Tannengrün, nach Zimt und Früchtetee als Amy ihn sanft zu Boden zog. Das unangenehme Gefühl von Steinen und Grashügeln in seinem Rücken, ein klein wenig Angst, dabei erwischt zu werden, die sich aber bald in Rauch auflöste, als Amy sich ihr Kleid über den Kopf zog, um sich vorsichtig auf ihm niederzulassen ...
Remus seufzte und sonnte sich für einen Augenblick in dieser glücklichen Erinnerung, bevor er sich wieder dem Elend zuwandte, dass sich nun zu seinen Füßen befand. Sein Blick ruhte eine Weile auf Peter, der offenbar ebenfalls nicht mehr dazu in der Lage gewesen war, die Vorhänge rund um sein Himmelbett zuzuziehen. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen hatte er sich in seine Kissen gewühlt und schmatzte nur leise im Schlaf. Oh, wie hatte sie ihr alter und treuer Freund Wurmschwanz gestern Nacht allesamt überrascht! Es war kaum die Hälfte der Party vorüber gewesen, als man ihn gemeinsam mit Emily in der Eingangshalle vorgefunden hatte. Als eines von zahlreichen knutschenden Pärchen hatten sie sich auf dem Treppenaufgang gewälzt und die Welt um sich herum vergessen. Remus musste rasch reagieren, um Sirius, der dieses Schauspiel mit wildem Gejohle kommentieren wollte, zum Schweigen zu bringen. Auch Peter, oder wenn Remus es sich recht überlegte, gerade Peter, verdiente es wohl einmal, ungestört herumzuknutschen, wenigstens in der Annahme, dass ihn niemand seiner Freunde beobachtete ...
Nun, er und Amy hingegen, sie waren rasch von diesem Pärchen-bevölkerten Ort geflohen. Remus hatte ihr noch so viel sagen wollen an ihrem letzten Abend in Hogwarts; zum Beispiel, dass sie ihm jede Minute in diesem Schloss so kostbar gemacht hatte, dass es sich nicht in Galleonen aufwiegen ließ. Und noch eine Menge anderer Dinge, die er kaum noch einmal durchdenken konnte, ohne dabei zartrosa anzulaufen. Und doch war er froh, sie gesagt zu haben, Freund Alkohol sei Dank. Jetzt, einige wenige Stunden Schlaf später, war dieser Freund allerdings eher ein Feind mit vielen Gesichtern. Gerade gewann das Gesicht eines fiesen, kleinen Gnoms mit Hämmerchen die Oberhand, der sein Gehirn als Bergwerk missbrauchte, und munter gegen seine Schläfen klopfte.
James hatte es als Einziger der vier geschafft, die Vorhänge rings um sein Himmelbett zuzuziehen. Remus stellte sich vor, wie er hinter dem roten Samt lag und glücklich in sein Kissen grinste. Immerhin hatte Lilys euphorisches Ja-Wort seinen sehnlichsten Wunsch in Erfüllung gehen lassen, der schon im zarten Alter von 11 Jahren in seiner Brust aufgelodert war.
Und Sirius, nun, der schien gerade dabei aufzuwachen, wie Remus vermutete. Und seine Vermutungen bezüglich Tatzes Schlafverhalten erwiesen sich in der Regel als richtig, denn immerhin kannte er seinen Freund nun seit sieben Jahren. Doch nur für den Fall, dass er sich irrte, half er lieber ein wenig nach.
„Guten Morgen“, sagte Remus fröhlich und öffnete das Fenster einen Spalt breit, um ein wenig frische Luft und Vogelgezwitscher hinein zu lassen.
„Halt die Klappe und mach das Fenster zu, du geisteskranker Wolf!“
„Schlecht geschlafen, Freund Tatze?“, fragte Remus freundlich und gab vor, als sei die Überdosis Feuerwhiskey des vergangenen Abends spurlos an ihm vorüber gegangen. Und so zu tun, als habe man keinen Kater und seinen besten Freund dabei zu beobachten, wie der damit kämpfte, nicht sein Bett voll zu kotzen, munterte Remus tatsächlich ein klein wenig auf.
„Guck mal, Tatze, was für ein herrliches Wetter draußen ist“, sagte er möglichst gut gelaunt und riss die Gardinen vor den hohen Turmfenstern beiseite.
Sirius hatte sich mittlerweile halbwegs erhoben und starrte Remus an, als wolle er ihn augenblicklich ermorden.
„Du legst es also tatsächlich drauf an, ja?“, fauchte er und tat einen torkelnden Schritt auf Remus zu.
„Hmm?“, machte dieser, setzte seinen Hundeblick auf und legte den Kopf schief.
„Du willst also wirklich Krieg, Moony?“, fragte Sirius und grinste. „Nun, den sollst du haben!“
Und so rasch, wie sich nur ein Sirius Black bewegen konnte, selbst wenn er noch 3,5 Promille hatte, schnappte er nach der halbvollen Feuerwhiskeyflasche im Klamottenberg und stürmte auf Remus zu. Der ahnte augenblicklich, dass Gefahr im Vollzug war, und verbarg sich rasch hinter den Vorhängen, die Sirius bei dem Versuch, ihn wieder zu enthüllen, leider von der Decke riss. Und unter einem Gewühl von Stoff und lautem Gebrüll versuchten die beiden Jungs nun angestrengt, dem jeweils anderen den Whiskey über den Kopf zu schütten, was sich als ziemlich schwierig herausstellen sollte, da sich jeder nur durch den Geruch des Alkohols wieder in seinen gestrigen Zustand zurückversetzt fühlte.
„Wag es ja nicht!“, keuchte Remus und versuchte angestrengt den Hals der Flasche, die Sirius sicher in Händen hielt, in dessen Richtung zu neigen. „Seit einer Stunde bemühe ich mich darum, nicht alles voll zu reiern. Bisher war ich recht erfolgreich. Also – mach – meinen – Plan – nicht – zunichte!“
Sirius lachte schallend und gab der Flasche einen lässigen Schubs, so dass sich ein ordentlicher Schwall des hochprozentigen Alkohols über Remus´ T-Shirt ergoss.
„Prost, Freund Hase!“
„Duuu!“, knurrte Remus, und während die beiden Jungs auf dem Boden ihres Schlafsaals herumbalgten, wachten auch James und Peter auf. Ohne zu wissen, was der Anlass dieser Prügelei gewesen war, stürzten sie sich ebenfalls ins Gerangel, und es war nur eine Frage von Minuten, bis auch alle übrigen Gryffindors auf den Beinen waren.

Nach den Sommerferien würde nun endlich Ruhe im Schloss einkehren. Niemand brauchte sich mehr auf dem Weg zum Mittagessen in einer Ritterrüstung zu verstecken, weil Potter und Black Feuerwerkskörper in den Korridoren losließen. Gryffindor hatte womöglich irgendwann noch einmal die Chance, den Hauspokal zu gewinnen, wenn die Rumtreiber endlich nicht mehr waren, denen man in der Regel mehr Punkte abziehen musste, als ein ganzes Haus in einem Jahr gewinnen konnte. Man brauchte sich nicht mehr davor ängstigen, noch vor dem Frühstück verhext zu werden, und als Mädchen konnte man nun getrost wieder Röcke tragen. Die Zeiten, in denen man befürchten musste, der ganzen Schule seine Unterwäsche zu zeigen, waren nun endgültig vorbei.
„Ich hasse die Rumtreiber!“, sagte eine kleine Erstklässlerin verschlafen und brach in Tränen aus.
„Wein doch nicht“, tröstete sie ihre Freundin und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Nächstes Jahr sind sie ja endlich weg.“

„Man wird uns hier fürchterlich vermissen, meint ihr nicht auch?“, fragte Sirius, während er versuchte, mit seinem Bein in den Ärmel einer Jacke zu steigen.
„Ja, natürlich!“ Remus grinste. „All jenen, denen du in den letzten sieben Jahren die Haare angezündet hast, werden sich ganz schrecklich nach dir sehnen.“
„Und erst die, die mehrere Stunden an ihren Stuhl gekettet waren dank deines Super-Dauerklebefluchs“, ergänzte James.
„Ich fürchte, dass sich auch der arme Bertram Aubrey, dessen Kopf ihr auf die doppelte Größe habt anschwellen lassen, die Augen nach euch ausweinen wird.“
„Ach, zum Heulen mit diesen blöden Hosen!“, fluchte Sirius und schleudert seine Jacke, die er für ein Beinkleid gehalten hatte, in die Ecke, um sich auf sein Bett zu werfen.
„Ehrlich gesagt, glaube ich, dass uns niemand vermissen wird.“
„Ach, sag an“, feixte Remus und kämmte sich die Haare. „Vielleicht dieser seltsame Wirt im Eberkopf. Der hat ja immer ganz gut an uns verdient.“
„Aber ich“, knurrte Sirius und versuchte es nun mit seinem Zauberhut anstelle einer Socke. „Aber ich werde das alles ganz schrecklich vermissen.“
„Ich doch auch“, sagte James sanft und setzte sich neben Sirius auf sein Bett. „Ich doch auch, Tatze.“
„Und ich erst“, murmelte Remus, ließ den Kamm sinken und warf sich seinerseits aufs Bett. „Jetzt wird alles anders, nicht wahr?“
„Ja, Moony!“ James nickte ernst. „Jetzt wird alles anders, und nichts bleibt so, wie es einmal war.“
„Aber unsere Freundschaft ...“ Sirius hatte einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen, als er das sagte. Viel mehr so, als stelle er wirklich eine Frage, als dass er die Antwort mit Gewissheit kannte.
„Daran wird sich natürlich nichts ändern, du Dummerchen“, sagte James zärtlich und warf Sirius ein Lächeln zu. „Was denkst du denn?“
„Dass es manchmal anders kommt, als man es sich mit achtzehn wünscht.“
„Was meinst du damit?“, fragte Remus rasch und schluckte. Wieso in Merlins Namen hatte er jetzt nur einen so dicken Kloß im Hals, der ihn daran hinderte, einen klaren Gedanken zu fassen, so dass es ihm heiß und kalt den Rücken hinunterlief?
„Was willst du damit sagen, Tatze?“
„Nichts“, grummelte Sirius. „Ich hab nur so vor mich hingeredet.“
Eine Weile schwiegen die vier und warfen sich betretene Blick zu, bis James schließlich geschäftsmäßig in die Hände klatschte und sich aufraffte. „Genug Trübsal geblasen, Jungs! Die Welt geht ja nicht unter, nur weil man die Schule verlässt. Wir sind doch total bescheuert! Jeder andere wäre glücklich darüber ... nie wieder lernen ...“
„Wir haben nie gelernt“, erinnerte ihn Sirius.
„Moony schon“, korrigierte James grinsend.
„Jaa, aber der hatte doch Spaß daran ...“
„Nie wieder acht Stunden herumsitzen und zuhören“, fuhr James unbeirrt fort.
„Wir haben nie zugehört.“
„Nie wieder nachsitzen-“
„Da kamen mir immer die besten Ideen für den nächsten Streich.“
„Nie wieder diese hässlichen Vorhänge anschauen müssen“, ergänzte James hoffnungsvoll. „Die sind doch wirklich grauenhaft“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
„Ich hab sie aber lieb gewonnen“, protestierte Sirius. „Das Muster hat etwas Beruhigendes und die Farbe ist auch irgendwie ... charmant.“
„Du tust gerade so, als sei Hogwarts der Himmel auf Erden“, fuhr James auf. „Wer weiß denn schon, was uns erwartet? Vielleicht werden die nächsten sieben Jahre viel besser als die letzten. Und nun kommt“, forderte er ungeduldig. „Das Frühstück ist wirklich einmalig hier. Das lass ich mir nicht entgehen.“

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als die sechs Freunde zum letzten Mal in ihrem Leben durch die Schlosspforte traten, um gemeinsam den Weg hinunter zum See anzutreten. Heute würden sie wie damals, als Elfjährige, in den kleinen Booten über das Wasser gleiten, weil alles so enden soll, wie es einmal begonnen hat. Und weil es Tradition war. Die vier Hauslehrer begleiteten ihre ehemaligen Schüler auf ihrem letzten Weg in Hogwarts. Remus konnte sich vorstellen, dass es auch für sie nach sieben Jahren oft nicht leicht war, von dem ein oder andern Abschied zu nehmen.
Während sie so nebeneinander hertrabten, bemerkte Remus, dass Sirius immer mehr zurückblieb. Er verlangsamte seinen Schritt, bis Amy fragte: „Was ist los? Hast du was vergessen?“
„Nein, ich hoffe nicht, aber-“ Er nickte zu Sirius hinüber und Amy verstand. „Ich lauf dann schon mal vor“, sagte sie lächelnd und eilte James, Lily und Peter hinterher.
Remus blieb stehen und wartete, bis Sirius ihn erreicht hatte.
„Ist schon gut, Moony“, murmelte er und grinste schwach. „Geh zu deiner Freundin und genieße diesen Moment mit ihr.“
„Amy steht ehrlich gesagt nicht allzu sehr auf Abschied nehmen und diesen ganzen Kram. Sie ist eigentlich ganz froh, Hogwarts zu verlassen ... freut sich auf ihren Dad, ihre kleine Schwester ...“
„Die Glückliche“, knurrte Sirius, während er an Remus vorbei über den Rasen trottete. Remus setzte ihm nach und legte den Arm um die Schulter seines Freundes. Vielleicht, weil Sirius eine so zärtliche Geste von Remus nicht gewohnt war, ließ er ihn gewähren.
„Sieh nicht zurück“, sagte Remus sanft, als er bemerkte, dass Sirius immer wieder einen Blick in Richtung Schloss schickte. „Es ist nicht klug, in der Vergangenheit zu leben. Vor uns liegt die Zukunft.“
„Falsch“, knurrte Sirius. „Vor uns liegt der See.“
„Ja, aber dahinter! Dahinter liegt die Zukunft!“
„Dahinter liegt der Bahnhof ...“
Remus lachte und zog seinen Arm zurück. „So kenn ich dich gar nicht, Tatze. Normalerweise freust du dich doch immer auf das Neue.“
„Ich freu mich ja auch“, fuhr Sirius auf. „Natürlich freu ich mich auf die Freiheit, die Unabhängigkeit-“
„Deinen Hawaii-Urlaub“
„Auf den sowieso. Aber ... James und Lily werden nun heiraten.“
„Stimmt.“
„Und Kinder kriegen.“
„Na klar, einen ganzen Haufen, hoffe ich“, sagte Remus lachend. „Zehn bis zwölf, wäre klug, bei dem Talent, das die zwei weitergeben könnten.“
„Und aufs Land hinaus ziehen.“
„Wäre möglich“
„Und du und Amy – bei euch wird es sicher auch nicht mehr lange dauern. Ich dachte eigentlich, dass du ihr einen Antrag machst, bevor James und Lily ... na ja.“
„Ich denke, das dauert noch ein bisschen“, murmelte Remus vage. „Vorerst brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen, dass ich eine Bande von Kindern zeuge und aufs Land hinaus ziehe, falls es das ist, was ich dich beunruhigt.“
„Ich hoffe doch sehr, es gibt einen vernünftigen Grund dafür“, bemerkte Sirius trocken und warf sich seine Jacke über die Schulter.
„Wofür?“
„Dass du einer Frau, die gerade im Pferdchen-Seit-Galopp über den Rasen hüpft wie eine Fünfjährige, keinen Antrag machst. So eine findest du nicht noch einmal.“
„Ich weiß!“ Remus grinste selig. „Hast du was dagegen, wenn ich-“
„Nein, lauf schon“, erwiderte Sirius lächelnd. „Ich komm klar, Moony. Du wirst mich ewig hassen, wenn du diesen Augenblick nicht mit ihr gemeinsam verbringst.“

„Was war los?“, wollte Amy wissen, als Remus sie eingeholt und bei der Hand genommen hatte.
„Nur ein paar Männerprobleme ... Komm!“ Er zog Amy mit sich fort an das Ufer des Sees, und die beiden entfernten sich einige Meter von den übrigen Siebtklässlern, die auf die Ankunft der Boote warteten.
„Wir werden vermutlich nie wieder hier zusammen sein, Amy“, sagte Remus. „Es sei denn, du möchtest Lehrerin werden-“
„Nie im Leben!“, erwiderte Amy prompt; dann stutzte sie. „Warte mal, Remus ... Möchtest DU etwa mal Professor werden?“
„Selbst wenn ich es wollte ... nun ja, aber das spielt jetzt wirklich keine Rolle. Schau mal!“ Er nahm Amy bei den Schultern und drehte sie so, dass sie direkt aufs Schloss schauen musste.
Wie ein gigantisches Schiff lag es in den grünen Hügeln, majestätisch und stolz, uralt und unerschütterlich. Der graue Stein schimmerte silbrig in der hellen Vormittagssonne, und die Kristallfenster der großen Halle reflektierten das helle Licht und warfen es als kleine, bunte Regenbogen zurück in die Welt. Dutzende winziger Türmchen, Erker und Zinnen zeichneten sich gestochen scharf vor dem strahlendblauen Sommerhimmel ab.
„Es ist wie in einem Märchen“, murmelte Amy. Und als sich eine kleine, blaue Fee, eine verirrte Dekoration des vergangenen Abends, auf ihrer nackten Schulter niederließ, sagte Remus: „Es IST ein Märchen. Und jetzt schließ die Augen.“
„Du immer mit deinen Albernheiten!“ Amy grinste, schloss jedoch folgsam die Augen. „Und was jetzt? Krieg ich jetzt ne Kette?“
Remus lachte schallend. „Nein, du verwöhntes Gör. Du sollst dich konzentrieren und versuchen, das Schloss zu sehen!“
„Das ist mit Abstand der größte Unsinn, den ich je gehört habe. Erst sagst du mir, ich soll die Augen schließen, und dann soll ich auf einmal das Schloss sehen!“
„Vor deinem inneren Auge“, erklärte Remus ungeduldig. „Damit du es immer so wunderschön in Erinnerung behältst, wie es heute ist.“
„Du kannst mich mal!“ Amy stöhnte und hüpfte an Remus vorbei in Richtung der übrigen Siebtklässler.
„Hee!“, rief Remus ihr verdutzt hinterher. „Hast du denn gar keinen Sinn für so etwas? Ich wollte doch ... einen letzten, romantischen Kuss ... vor dem Schloss ...“
Amy machte Halt, wandte sich um und ging dann wieder ein Stückchen auf Remus zu, der ihr empört gefolgt war.
„Ich weiß schon, was du wollest“, sagte sie lächelnd und legte ihre Arme um seinen Hals. „Mittlerweile kenn ich dich sehr gut, Remus“, flüsterte sie in sein Ohr und küsste ihn sanft auf die Lippen. „Aber ich habe das Schloss schon fest in meinem Gedächtnis gespeichert, für die Ewigkeit. Und zwar so, wie ich es jeden Tag gesehen habe; im beschissenen, schottischen Regen. Und tausende romantischer Küsse werde ich ebenfalls für immer in Erinnerung behalten ... Trotzdem ...“ Sie küsste Remus sanft. „Diesen letzten nehme ich gern auch noch mit“, sagte sie grinsend. „Und diesen auch.“ Sie küsste ihn leidenschaftlicher.
„Hey ...“, murmelte Remus. „Uns können doch alle zusehen ...“
Amy ließ lächelnd von ihm ab und seufzte. „Es gibt sechs Milliarden Menschen auf dieser Welt, ein paar mehr oder weniger, ich weiß es nicht genau.“
Remus machte ein verständnisloses Gesicht. „Ja .... und?“
„Meinetwegen könnte uns jeder einzelne davon zusehen, wenn ich dich küsse, Remus. Das kümmert mich nicht.“
Remus war so gerührt, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Und so schwieg er und fuhr Amy zärtlich über die Wange.
„Komm“, murmelte er irgendwann. „Die Boote sind da.“
Und so folgten die beiden Hand in Hand den übrigen ehemaligen Siebtklässlern, um sich ein Boot zu suchen und über den See zu fahren. Zum allerletzten Mal, so glaubte Remus in diesem Moment, aber da wusste er auch noch nicht, dass alles irgendwie anders kommen würde, als er es meinte.

ENDE


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